Seit 1991 sind die Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus und der Ausbau der beiden landeseigenen KZ-Gedenkstätten in Osthofen bei Worms und Hinzert bei Trier Schwerpunkte der Regierungspolitik in Rheinland-Pfalz.
In der Landtagsdrucksache Nr. 12/2519 vom 26. Januar 1993 ist ein Schreiben des damaligen Chefs der Staatskanzlei Dr. Karl-Heinz Klär an den Präsidenten des Landtags zur Unterrichtung des Landesparlamentes über die »Gesamtkonzeption Gedenk, Dokumentations- und Begegnungsstätten für die Opfer des Nazi-Regimes« dokumentiert. In diesem Schreiben hieß es: »Für die beiden im Landesbesitz befindlichen Gedenkstätten in Osthofen und Hinzert wird eine schrittweise Fortentwicklung in einem Baukastensystem vorgeschlagen, die in aufeinander folgenden Realisierungsphasen auch den finanziellen Erfordernissen Rechnung trägt.«
Elf Jahre später, aus der Perspektive des ersten Quartals im Jahr 2004 kann festgestellt werden, dass zwischenzeitlich die Landeszentrale für politische Bildung einige Bausteine eingebaut und sich den in der Gedenkstättenkonzeption von 1992 gesetzten Zielen genähert hat. An beiden Gedenkstätten werden Voraussetzungen geschaffen, um eine kontinuierliche Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur und eine auf breitem politischen Konsens geführte historisch-politische Bildungsarbeit leisten zu können. Die »Baustellen« in Osthofen und Hinzert nehmen immer deutlichere Konturen eines in der Fertigstellung befindlichen Hauses an.
Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte KZ Osthofen, die den Zustand der Gebäude und des Geländes vor zehn Jahren kannten, bekennen heute häufig rückblickend große Genugtuung darüber, wie das Land Rheinland-Pfalz trotz schwieriger Finanzlage den Ausbau der Gebäude zum NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz realisiert hat. Mit umfangreichen Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten in den letzten Jahren wurden Tagungs- und Seminarräume, ein Lesesaal und ein Magazinraum mit Archivkompaktanlage für den Dokumentationsbereich, Büro- und Besprechungsräume sowie sanitäre Einrichtungen fertig gestellt.
Am 24. Mai 2004 die Landeszentrale für politische Bildung eine neue, erweiterte Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen eröffnet. Damit sind hier alle Baumaßnahmen abgeschlossen. Die neue Dauerausstellung wurde mit dem Grafikbüro Wieland Schmid vom Atelier für Gestaltung in Mannheim erarbeitet, welches bereits die erste, vorläufige Ausstellung in der Gedenkstätte 1996 gestaltet hatte und auch für die Ausstellung zur Vernichtung der Sinti und Roma in der Gedenkstätte Auschwitz verantwortlich ist.
Die Fortschritte in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ-Hinzert
Große Fortschritte macht derzeit auch das Projekt des Baus eines Dokumentations- und Begegnungshauses an der Gedenkstätte ehemaliges SS-Sonderlager/KZ Hinzert. Besonders die ehemaligen Deportierten, aber auch viele Menschen in Rheinland-Pfalz, welche der Gedenkarbeit verbunden sind, begrüßen diese Entwicklung. Der Conseil National de la Résistance in Luxemburg, die Amicale des Anciens de Hinzert, das Französische Generalkonsulat in Frankfurt am Main, die Fédération Nationale des Déportés Internés Résistants et Patriotes in Paris, die ehemaligen französischen Nacht- und Nebel- Deportierten, der Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte ehemaliges KZ Hinzert e.V. und die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten- und Erinnerungsinitiativen haben die Landeszentrale in ihrem Bemühen um die Errichtung eines Gedenkstättengebäudes unterstützt.
In diesem künftigen Gebäude, das eine kleine, ständige Ausstellung zu dem ehemaligen, international bedeutsamen Konzentrationslager beherbergen wird, kann nach der Fertigstellung rund um das Kalenderjahr Aufklärungsarbeit über die Verbrechen des Nationalsozialismus und deren historische und ideologische Hintergründe angeboten werden. Am 8. März 2002 hatten die im Landtag von Rheinland-Pfalz vertretenen Fraktionen gemeinsam zur Gedenkstättenarbeit erneut festgestellt, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und ihren Verbrechen in Rheinland-Pfalz fester Bestandteil politischer Bildung ist. Die Erinnerungs- und Gedenkarbeit an den Stätten nationalsozialistischer Terrorherrschaft ist auch weiterhin eine wichtige Aufgabenstellung politischer Bildung. Deshalb kamen die Landtagsfraktionen überein, an der Gedenkstätte in Hinzert Bedingungen schaffen zu lassen, die es möglich machen, allen Besucherinnen und Besuchern die notwendigen Informationen und eine Betreuung vor Ort zu geben. Mit der Realisierung eines Dokumentations- und Begegnungshauses an der Gedenkstätte ehemaliges SS-Sonderlager/KZ Hinzert soll ein Symbol der Völkerverständigung gesetzt werden. Am historischen Ort soll neben dem Friedhof, auf dem 217 KZ-Tote begraben sind und auf dem der mehr als 300 bekannten Opfer des Lagers gedacht wird, ein Haus der Dokumentation, des geschichtlichen Lernens und der Begegnung geschaffen werden.
Gemäß dieser gemeinsamen Entschließung war das Ministerium der Finanzen beauftragt worden, in Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung als Nutzerin der Gedenkstätte einen Architektenwettbewerb auszuschreiben, an dem sich Architekturbüros aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland, aus Lothringen, Luxemburg und Belgien (Wallonie und die deutschsprachige Gemeinschaft) beteiligen konnten.
Der Wettbewerb wurde vom Land Rheinland-Pfalz, vertreten durch das Ministerium der Finanzen ausgelobt. Aus den beteiligten Ländern wurden insgesamt zehn Teilnahmeberechtigte ausgewählt und an der Teilnahme am Wettbewerb direkt aufgefordert. Weitere zwanzig Teilnehmer wurden aus den eingegangenen Bewerbungen mittels Losverfahren bestimmt.
Die Wettbewerbsveröffentlichung erfolgte Mitte April 2003, die endgültig teilnahmeberechtigten Büros wurden Mitte Mai 2003 ermittelt. Die dreißig teilnehmenden Büros erhielten die vom Ministerium der Finanzen gemeinsam mit der Landeszentrale zusammengestellte Broschüre »Realisierungswettbewerb Gedenkstätte ehemaliges SS-Sonderlager/KZ Hinzert: Errichtung eines Dokumentations- und Begegnungshauses« mit den allgemeinen Wettbewerbsbedingungen und der Darstellung der Wettbewerbsaufgabe. Bis zum 24. Juni 2003 hatten die beteiligten Büros die Möglichkeit, schriftliche Rückfragen zur Wettbewerbsaufgabe an die Niederlassung des Landesbetriebs Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB) in Trier zu richten. Die Beantwortung dieser Fragen erfolgte in einem Kolloquium am 3. Juli 2003 in den Thermen am Forum in Trier. Im Anschluss an das Kolloquium wurde mit den Architekten ein Ortstermin an der Gedenkstätte in Hinzert durchgeführt, bei dem sich die Wettbewerbsteilnehmer einen Eindruck vom historischen Ort machen konnten. An diesem Kolloquium und Ortstermin nahmen auch Mitglieder des Preisgerichtes teil, das später über den Wettbewerb zu entscheiden hatte.
Abgabetermin für die Planunterlagen und Modelle der teilnehmenden Büros war der 12. August 2003. Die Wettbewerbsbeiträge wurden beim Landesbetrieb LBB in Trier abgegeben. Am 3. und 4. September 2003 tagte dann in der Tagungsstätte Trier der Deutschen Richterakademie das international besetzte Preisgericht unter Leitung von Prof. Dipl.-Ing. Helmut Striffler aus Mannheim.
Das Preisgericht hatte insgesamt 28 Arbeiten zu sichten und zu beurteilen. Nach der Anfertigung von schriftlichen Beurteilungen und mehreren Diskussionsrunden legte das Preisgericht die Platzierungen der ersten acht Arbeiten fest und beschloss einstimmig, dem Wettbewerbsbeitrag der Arbeitsgemeinschaft Wandel-Hoefer-Lorch+ Hirsch aus Saarbrücken in Verbindung mit den Landschaftsplanern Bielefeld-Gillich-Heckel aus Trier den ersten Preis des Wettbewerbes zuzuerkennen. Den zweiten Preis vergab das Preisgericht an die luxemburgische Arbeitsgemeinschaft Witry & Witry S.A./Büro Lubbers aus Echternach. Im Protokoll der Preisgerichtssitzung heißt es: »Das Preisgericht empfiehlt dem Auslober einstimmig, die Verfasser der mit dem ersten Preis ausgezeichneten Arbeit mit der weiteren Planung zu beauftragen.« Die anwesenden Zeitzeugen Dr. Claude Meyroune (Paris) und Pierre Pixius (Brüssel) brachten ihre Genugtuung über die vom Preisgericht getroffene Entscheidung zum Ausdruck. Beide sprachen die Hoffnung aus, dass eine Realisierung des Dokumentations- und Begegnungshauses in Hinzert nun bald ohne Verzögerungen begonnen werden könne. Die noch lebenden ehemaligen Deportierten des Konzentrationslagers, die noch so gerne die Errichtung und die Einweihung des Hauses an der Gedenkstätte miterleben möchten, haben auf Grund ihres Alters »zum Abwarten nicht mehr viel Zeit«.
Das künftige Gebäude wird ca. 180 qm Ausstellungsfläche besitzen. Ein Seminarraum mit 80 qm und ein Bibliotheks- und Besprechungsraum mit einem Arbeitsplatz für eine ganztägig dort tätige Arbeitskraft der Landeszentrale sind ebenfalls in der Planung enthalten. Dazu kommen sanitäre Einrichtungen, ein Garderobenbereich und Abstellräume. Insgesamt wird das Gebäude eine Hauptnutzfläche von 341 qm aufweisen. In der Bewertung der Jury wurde der Entwurf der Architekten Wandel-Hoefer-Lorch+Hirsch u. a. durch folgende Eigenschaften charakterisiert: »Das Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht versucht, den Mangel an historischem Material durch Rekonstruktion oder Simulation auszugleichen, sondern ein eigenständiges Thema aus der Spannung zwischen der verbrecherischen Vergangenheit und heutigen Idylle entwickelt. Die Gebäudehülle wird als Verwerfung in der Landschaft gedeutet. In dieser harmonischen Landschaft wirkt die rostige Gebäudeoberfläche anregend und irritierend zugleich. Das Erscheinungsbild des Gebäudes macht klar, dass hier ein eigener Typus als außergewöhnliche Hülle steht, welche einen Lern- und Gedenkort beherbergen soll. Fassaden- und Dachflächen verschmelzen zu einem Ganzen. Dadurch wird die Erscheinungskraft des Bauwerks noch vergrößert. Das Einbeziehen der Landschaft, sowie der historischen Bezugspunkte, geschieht in einer intelligenten und reduzierten Manier, durch Abknickungen und Ausschwenkungen der Bauwerksoberfläche«.
Anfang Oktober 2003 lud das Finanzministerium die Gewinner des Wettbewerbes, den Vorsitzenden des Preisgerichtes Prof. Striffler und die Landeszentrale für politische Bildung zu einem ersten Gespräch ein, um die Planungen und Vorbereitungen für eine Realisierung des Projektes voranzutreiben. Der ausgelobte Entwurf traf im November 2003 auf einstimmige Zustimmung im wissenschaftlichen Fachbeirat der Landeszentrale für politische Bildung und er wurde auch im Kuratorium der Landeszentrale positiv aufgenommen. Die Gesamtkosten der Baumaßnahme inklusive einer integrierten Dauerausstellung werden vom rheinland-pfälzischen Finanzministerium zurzeit mit 3,18 Millionen veranschlagt. Für die Finanzierung des Vorhabens stellte die Landeszentrale im November 2003 einen Antrag auf Förderung bei der Bundesregierung. Auf Landesebene wurden bis zum Jahresende positive Gespräche zwischen den Landtagsfraktionen geführt, die sich darauf einigten, Landesmittel in Höhe von 50% der Kosten bereitzustellen. Anfang März 2004 erhielt die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz die Bestätigung der Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, dass sich auch der Bund mit bis zu 50 Prozent an den Gesamtkosten beteiligen wird. Das Architektenteam und das Finanzministerium bereiten nun in Abstimmung mit den künftigen Nutzern des Hauses, der Landeszentrale für politische Bildung und dem Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte ehemaliges KZ Hinzert e. V., dessen Vorsitzender Dieter Burgard (MdL) unermüdlich für die Begegnungsstätte geworben hat, die Baumaßnahme vor. Nach derzeitigem Stand soll im September 2004 mit den Bauarbeiten begonnen werden und das Gebäude inklusive der Ausstellung im September 2005 fertiggestellt werden. Die von der Landeszentrale für politische Bildung im Jahr 1992 ausgearbeitete „Gedenkstättenkonzeption Rheinland-Pfalz“, die den Ausbau der Gedenkstätten in Osthofen und Hinzert zur Realisierung einer kontinuierlichen Gedenk- und historischen Bildungsarbeit entworfen hatte, wäre mit der Eröffnung des Dokumentations- und Begegnungshauses dann baulicherseits verwirklicht.
Uwe Bader ist Leiter des Referates Gedenkarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz in der Gedenkstätte Osthofen.