Der Verein Aktives Museum hat im Auftrag des Senats und des Abgeordnetenhauses von Berlin eine Ausstellung über die Lebensgeschichten der zwischen 1933 und 1945 verfolgten und ermordeten Berliner Stadtverordneten und Magistratsmitglieder erarbeitet, die im Herbst 2005 bereits für einige Wochen im Berliner Rathaus zu sehen war. 32 ausgewählte Biografien dokumentieren mit persönlichen Zeugnissen, Bildern und Dokumenten die Lebenswege von Parlamentariern und Kommunalpolitikern, die aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden, ins Exil gingen oder Haft und Tod erleiden mussten. Neben so berühmten Persönlichkeiten wie Dompropst Bernhard Lichtenberg oder dem späteren Bürgermeister Ernst Reuter finden sich auch weniger bekannte lokalpolitisch engagierte Betriebsräte, Reformpädagogen und Ärztinnen. Die Ausstellung zeigt über diese Biografien hinaus auch einen Abriss der Geschichte des Berliner Stadtparlaments, das am 20. März 1919 erstmals im Berliner Rathaus zusammentrat – das erste Parlament, das in Berlin nicht mehr nach dem Drei-Klassen-Wahlrecht und erstmals auch von Frauen gewählt worden war. Exemplarische Debatten veranschaulichen das politische Klima der Weimarer Republik und beleuchten Beschlüsse, die bis heute Bestand haben, wie etwa die Gründung der Berliner Verkehrsbetriebe BVG im Jahre 1929. Die letzte Sitzung der Berliner Stadtverordnetenversammlung fand am 27. Juni 1933 statt.
Der Verein Aktives Museum, der sich seit 1983 besonders der Berliner Geschichte der Verfolgung, des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und der Emigration widmet, knüpft mit dem biografischen Ansatz dieser Ausstellung an die 1995 und 2000 gezeigten Ausstellungen »1945: Jetzt wohin« und »Haymatloz – Exil in der Türkei 1933–1945« an. Eine Arbeitsgruppe des Vereins hat zwei Jahre lang dort weiter gemacht, wo das Projekt »Ermordete und verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder der Weimarer Republik«, das auf Initiative der Fraktion der »Alternativen Liste« im Berliner Abgeordnetenhaus 1985 zustande kam, vor 17 Jahren aufgehört hatte. Seinerzeit hatten Historiker und Politologen am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin etwa 300 Biografien von verfolgten Berliner Stadtverordneten recherchiert. Die Ergebnisse konnten 1989 jedoch nur als Drucksache des Abgeordnetenhauses veröffentlicht werden.
Das gestalterische Konzept der Ausstellung wurde von Bettina Kubanek zusammen mit Petra Müller (museumsfreunde) erarbeitet und realisiert.
Anlässlich der erneuten Präsentation der Ausstellung im Berliner Abgeordnetenhaus an der Niederkirchnerstraße erscheint ein biografisches Handbuch, das über die Ausstellungsdauer hinaus als Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten Berliner Stadtverordneten und Magistratsmitglieder der Weimarer Zeit Bestand haben soll. Die 420 Kurzbiografien, die den Hauptteil des Buches ausmachen, beginnen mit standardisierten Informationen zu den Lebensdaten samt Geburts- und Sterbeort, soweit bekannt. Es folgen Angaben zu den Jahren der Zugehörigkeit zur Berliner Stadtverordnetenversammlung resp. zum Magistrat, zur Parteizugehörigkeit und ggf. die Angabe des Berliner Wahlkreises, für den die Person in die Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde. Dem Fließtext, in dem dann die wesentlichen bekannten Informationen zur Sozialisation, den politischen und parlamentarischen Ämtern und zur Verfolgungsgeschichte der Person und ihrer Familie gegeben werden, ist, wenn möglich, ein Redebeitrag im Stadtparlament oder ein anderes charakteristisches Zitat des oder über den porträtierten Menschen vorangestellt. Einleitend zu dem umfangreichen biografischen Teil enthält das Buch Aufsätze über die Geschichte der Berliner Stadtverordnetenversammlung, über die geografische und soziale Herkunft der Stadtverordneten im »Roten Berlin« und über deren Verfolgung und Emigration
Information
»Vor die Tür gesetzt« – Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933–1945
Festsaal des Abgeordnetenhauses von Berlin
Niederkirchnerstr. 5, 10115 Berlin
U- und S-Bahn Potsdamer Platz
8. Juni – 8. Juli 2006, Montags – Samstags 9 – 18 Uhr
Ausstellungswebsite: www.vordietuergesetzt.de
Kaspar Nürnberg ist freiberuflich im Ausstellungs- und Museumsbereich tätig und hat das biografische Handbuch lektoriert.