Wohin der sorg- und kritiklose Umgang mit Fotografien als historischen Quellen führen kann und wie dringend erforderlich quellenkritische Vorsicht bei der Verwendung fotografischer Bildquellen ist, hat erst jüngst der Konflikt um die sogenannte »Wehrmachtsausstellung« gezeigt. Er hat in positiver wie negativer Weise das Interesse einer breiten Öffentlichkeit sehr intensiv auf Fotos als historische Quellen und als Mittel der Darstellung gelenkt.
Durch die Kontroverse um die Bilder der Ausstellung sind Öffentlichkeit und zeitgeschichtliche Forschung hinsichtlich des Umgangs mit der fotografischen Überlieferung des Nationalsozialismus einerseits in ganz erheblichem Maße sensibilisiert worden, andererseits wurden aber auch, seit jeher bestehende, Reserven gegenüber dem Foto als Quelle zumindest vordergründig bestätigt. Bevor Fotos als historische Bilddokumente Verwendung finden können, muß die Geschichte ihrer Entstehung, Überlieferung und publizistischen Verwendung untersucht werden. Zu fragen ist nach dem Verhältnis von Abbildung und Wirklichkeit, nach Bildtraditionen, nach Motivation und Auftrag des Fotografen oder des Auftraggebers. Selbst das gesicherte Wissen um Ort, Zeit und Entstehungskontext des Fotos macht es für den Historiker noch nicht zur »sicheren« Quelle.
Seit Eröffnung der Ausstellung und Dokumentation »Topographie des Terrors« auf dem sogenannten »Prinz-Albrecht-Gelände« in Berlin, dem historischen Ort der Zentralen von SS – Führung, Geheimer Staatspolizei, Sicherheitsdienst (SD) und Reichssicherheitshauptamt (RSHA), im Jahre 1987 haben in den Ausstellungsprojekten und Publikationen der späteren Stiftung »Topographie des Terrors«, neben schriftlichen Quellen, auch Fotos eine tragende Rolle eingenommen. Von Beginn an hat der intensive Umgang mit der fotografischen Überlieferung zur Geschichte des NS – Regimes und seiner Verbrechen einen Schwerpunkt der Arbeit dieser Einrichtung gebildet. Die Stiftung bemüht sich um die wissenschaftliche Recherche und Erschließung des in staatlichen und privaten Archiven und Sammlungen, aber auch privat aufgehobenen einschlägigen Bildmaterials.
1998 hat die Bildabteilung der Stiftung begonnen, Fotos zur Geschichte des NS-Terrors auf der lokalen Ebene zu recherchieren. Das Projekt ist vor allem der in Jahren der Recherche in großen Bildarchiven- und Agenturen gereiften Erfahrung entsprungen, daß sich neues, noch nicht häufig publiziertes Bildmaterial nur noch selten in diesen Einrichtungen finden läßt, sondern mit größerer Aussicht auf Erfolg dort gehoben werden kann, wo bisher noch nie systematisch und übergreifend gesucht wurde, nämlich in den im Bundesgebiet vorhandenen lokalen, kleinen Archiven. Ziel der Recherche war die Erfassung und vorläufige Zusammenführung von zerstreut überliefertem Fotomaterial ausschließlich zu Gewalthandlungen von Partei, Staat und Gesellschaft während der NS-Zeit.
In die Recherche einbezogen wurden fast 1500 Stadt- und Gemeindearchive, Museen und Privatsammlungen, aber auch verschiedene staatliche Archive. Immerhin 238 Archive und Sammlungen waren am Ende bereit und in der Lage, insgesamt 1650 Aufnahmen zur Verfügung zu stellen, die im Sinne der Arbeitsfrage des Projekts spezifisch waren, also direkt oder indirekt den Terror »vor Ort« belegten.
In dem für die Stiftung von deren wissenschaftlichen Leiter Reinhard Rürup herausgegebenen Bild- und Textband »Vor aller Augen. Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz« haben die Autoren, Klaus Hesse und Philipp Springer, nun eine Auswahl der Ergebnisse des Projekts vorgestellt. Neben 335 Abbildungen und einer Einführung von Reinhard Rürup enthält der im Essener Klartext-Verlag erschienene Band einen einführenden Beitrag von Philipp Springer zur Fotogeschichte des nationalsozialistischen Deutschland und einen den Band beschließenden Essay von Klaus Hesse, der unter dem Titel »Die Bilder lesen« exemplarisch versucht, fotografische Quellen zur Deportation der deutschen Juden im Detail zu analysieren.
Zwar lassen sich nur Teile des Bildmaterials als außerordentlich wertvolle Einzelfunde bezeichnen, weil viele Fotos nicht völlig unbekannt sind. Dies gilt aber meist nur im lokalen Rahmen und nicht darüber hinaus. Viele Aufnahmen sind bisher jedoch nur wenig publiziert, einige Fotosequenzen- und Serien noch nie vollständig veröffentlicht oder öffentlich benutzt worden. Einen vergleichbaren Versuch der zusammenfassenden Erschließung und Bewertung von Bildquellen unter konkreten, eingeschränkten Arbeitsfragestellungen hat es bisher in dieser Form nicht gegeben. Das in den ersten vier Kapiteln präsentierte Fotomaterial enthält zahlreiche wertvolle Einzelinformationen, vor allem zum Gleichschaltungsterror der Nationalsozialisten während der ersten Monate nach der sogenannten »Machtergreifung« 1933, zum sogenannten Aprilboykott u.a. gegen jüdische Geschäfte vom 1. April 1933, zur alltäglichen antijüdischen, öffentlichen Diskriminierungspraxis bis Kriegsbeginn, zu den Novemberpogromen 1938 und zu den erschreckend spektakulär wirkenden, bisher von der Forschung weitgehend unaufgearbeiteten, öffentlichen Demütigungsritualen gegen deutsche Frauen wegen intimer Beziehungen zu ausländischen Kriegsgefangenen oder zu Zwangsarbeitern in den Jahren 1940 - 1942. Die beiden Schlußkapitel stellen fotografische Dokumente zur Deportation der deutschen Juden im sogenannten »Altreich« seit dem Oktober 1940 in den Mittelpunkt. Während zahlreiche Aufnahmen der ersten Kapitel von privaten Amateurfotografen stammen, sind diese Fotos meist von Angehörigen der Sicherheitspolizei und der Ordnungspolizei angefertigt worden, aber auch im Auftrag kommunaler, lokaler Behörden entstanden.
Viele der Fotos belegen mit großer Evidenz, daß der nationalsozialistische Terror nicht nur hinter dem Stacheldraht der Lagerzäune, hinter Zuchthaus- und Gefängnismauern, in den Verhörzimmern der Geheimen Staatspolizei oder weit weg, in den besetzten Gebieten jenseits der Reichsgrenzen ausgeübt wurde. Die organisierte Gewalt des NS-Regimes gegen politische Gegner und Andersdenkende, gegen Minderheiten und Abweichende brach immer wieder in den Alltag vieler Deutscher ein. Sie suchte sich nur zu häufig nicht nur auf den Straßen und Plätzen deutscher Großstädte, sondern auch in den Mittel- und Kleinstädten und auf dem Lande, »in der Provinz«, ihre Schauplätze. Für Momente konnten sich nationalsozialistische Verfolgungsmaßnahmen vor der eigenen Haustür abspielen, auch dies belegen einzelne Bilder. Der NS-Terror fand zumindest zeit- und teilweise in einer breiteren Öffentlichkeit statt, als die Rechtfertigungslegenden der Nachkriegszeit zugestehen wollten. Er trat damit immer wieder auch in das persönliche, alltägliche Blickfeld des Einzelnen. Zuschauer gab es nur zu viele – ob fanatisch, beflissen, freiwillig oder zufällig beteiligt – das dokumentieren zahlreiche Einzelaufnahmen, Sequenzen und Serien ganz ohne Zweifel. Vor allem die Fotos des lokalen Geschehens, so Reinhard Rürup in seinem Vorwort, » öffnen (...) aufs neue den Blick, ermöglichen ein genaues Hinsehen auf das Geschehene. Hinzu kommt, daß die Fotos vom Terror vor Ort, im Alltag der Städte und Dörfer, für den Betrachter von einer erschreckenden Unmittelbarkeit sind, weil es um Geschichte und Geschichten geht, die sich in seinem eigenen Lebens- und Erfahrungsbereich abspielten.«
Nicht nur am Beispiel der im Buch veröffentlichten Fotos der Deportationen bleibt quellenkritisch anzumerken, daß es sich um Situationsbilder handelt, die zwar bestimmte Momentausschnitte von Realität unter spezifischen, vom Auftraggeber und Fotografen entscheidend beeinflußten Bedingungen fotografisch in Realzeit festgehalten haben, andere Aspekte dagegen ausblenden, so daß sie keine der Komplexität des historischen Geschehens auch nur annähernd angemessene Dokumentation darstellen. Die Fotos halten aber z.B. zahlreiche, typische Einzelelemente und Grundmuster der technischen Durchführung der Deportationen durch die Geheime Staatspolizei und die Ordnungspolizei im Bild fest. Das meist ausweglose Schicksal der Opfer ebenso wie die erschreckende Gesamtdimension des Opfererlebens können die Fotos nur im Ansatz wiedergeben. Häufig aufgenommen von den Kameras der Täter und Tatbeteiligten, können diese Bilder, bei unkritischer Betrachtung, mit den Worten des niederländischen Fotografen Anton Corbijn, auch zu »wahrhaftigen Lügen« werden, denn sie tragen häufig sowohl authentische als auch manipulative, beschönigende und verzeichnende Züge.
Klaus Hesse und Philipp Springer, Vor aller Augen.
Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz, Essen 2002, Klartext-Verlag; Preis: 19,90 Euro.