Von der Sachsenburg nach Sachsenhausen

Bilder aus dem Fotoalbum eines KZ-Kommandanten
04/2007Gedenkstättenrundbrief 136, S. 17-21
Horst Seferens

In der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen ist derzeit die Sonderausstellung »Von der Sachsenburg nach Sachsenhausen. Bilder aus dem Fotoalbum eines KZ-Kommandanten« zu sehen, mit der an die Gründung des KZ Sachsenhausen vor 70 Jahren erinnert wird. Noch bis Ende Oktober 2007 präsentiert die Ausstellung erstmals rund 200 Aufnahmen aus dem dienstlichen Fotoalbum des ersten Kommandanten von Sachsenhausen, Karl Otto Koch, das die Gedenkstätte in den Archiven des russischen Geheimdienstes fand. Aus dem Blickwinkel der SS-Täter wird darin nicht nur die Errichtungsphase des KZ Sachsenhausen dokumentiert, sondern auch der Aufbau des KZ-Systems in Deutschland von 1933 bis Juli 1937. Das Album mit insgesamt rund 500 Aufnahmen aus der Zeit zwischen Frühjahr 1933 und Sommer 1937 dokumentiert den Aufstieg Kochs vom SS-Führer zum Fachmann für die Reorganisation und den Neuaufbau von Konzentrationslagern. Das Album wurde vermutlich als Geschenk zu Kochs 40. Geburtstag 1937 angelegt und endet mit seiner Versetzung nach Buchenwald.

Die Ausstellung präsentiert die Bilder im vereinheitlichten Format 18 x 24 cm. Fast alle Bilder sind mit einem ausführlichen wissenschaftlichen Kommentar versehen. Die Bildsequenzen werden durch sorgfältig ausgewählte Zitate von Häftlingen unterbrochen, die die Sichtweise der SS bewusst kommentieren und kontrastieren. Eine groß dimensionierte Typografie verleiht den Zitaten Exponatcharakter. An einer PC-Station können die Besucher sich durch die digitalisierten Seiten des Originalalbums blättern, das aufgrund des Konflikts um »Beutekunst« zwischen Deutschland und Russland nicht gezeigt werden kann. An zwei Hörstationen erzählen ehemalige Häftlinge aus der Zeit von 1936/37 über ihre Erfahrungen während des Aufbaus von Sachsenhausen.

Die Aufnahmen zeigen Koch als Kommandanten der Konzentrationslager Hohnstein, Sachsenburg, Columbia und Esterwegen, die er nach den im KZ Dachau von seinem Förderer, dem »Inspekteur der Konzentrationslager«, Theodor Eicke, entwickelten Prinzipien der totalen Beherrschung der Häftlinge reorganisierte. Den Schwerpunkt des Albums und der Ausstellung bildet der Aufbau des als Modell- und Schulungslager geplanten KZ Sachsenhausen ab Sommer 1936. Damit begann eine völlig neue Phase der Konzentrationslager, die nach der Ausschaltung der innenpolitischen Opposition zu Instrumenten der rassischen und sozialen Verfolgung, der Bevölkerungspolitik und der Kriegsvorbereitung wurden. In nur einem Jahr roden die Häftlinge – die Belegungsstärke steigt zwischen September 1936 und Juli 1937 von 900 auf rund 3000 Häftlinge an – etwa 80 Hektar Wald und errichten mehr als 100 Gebäude. Neben dem Häftlingslager entstehen die Kommandantur, das SS-Truppenlager, ein Industriehof sowie mehrere Wohnsiedlungen für die Familien der SS-Führer.

Deutlich zeigen die Aufnahmen, dass sich die Aufgabe, ein prototypisches Konzentrationslager zu entwerfen, für den KZ-Architekten Kuiper nicht in der Errichtung reiner Zweckbauten erschöpft; er verleiht dem Modelllager eine an die Idyllik der Gartenarchitektur angelehnte ästhetische Signatur, die zu seinem Zweck in einem frappanten Gegensatz steht: Wachtürme in Fachwerk, Baracken unter Fichten, eingefasst von Knüppelzäunen, Blumenrabatten, ein von Schilf umstandener Teich mit Schwänen, ein kleiner Zoo mit dem »Lageraffen Susi« sowie Rasenbänke und Blumenbeete vor dem elektrisch geladenen Zaun mit dem Schild »Neutrale Zone – Bei Betreten wird ohne Anruf scharf geschossen«. Während alle anderen Bilder nicht veröffentlicht wurden, erschien das Bild »Blick auf den Turm D« (Originalunterschrift) im »Statistischen Jahrbuch der Schutzstaffel der NSDAP 1937«. Durch die mit Blumen verharmloste und geschönte Todeszone sollte das Muster-KZ Sachsenhausen auf alle Besucher einen gepflegten Eindruck machen, z.B. auf schwedische Journalisten, die auf dem Appellplatz den Ausführungen des Kommandanten mit gespitztem Bleistift lauschen. 

Das Schlusskapitel der Ausstellung thematisiert das in zahlreichen Aufnahmen überlieferte Selbstbild der SS, die bis in den pedantisch aufgeräumten Spind hinein als von Disziplin, Sauberkeit und Ordnung geprägte Elitetruppe erscheint. Wir sehen die Totenkopfstandarten bei Aufmärschen und Appellen, mustergültig strammstehende Posten vor dem KZ Columbia, junge Burschen bei Ausflügen ins Elbsandsteingebirge und bei einer Autopanne auf der Landstraße. Der Unfalltod eines SS-Mannes wird als monströses Heldenbegräbnis inszeniert und fotografisch dokumentiert. Die SS-Führer lassen sich in Chefpose hinter großen Schreibtischen ablichten oder an einer schattigen Kaffeetafel im Garten des KZ Columbia.

Die Bilder sind nicht nur von einem außerordentlich hohen wissenschaftlichen .Erkenntniswert im Hinblick auf die Formierung des KZ-Systems und die Aufbauphase des KZ Sachsenhausen, von der bisher überhaupt keine Bilder existierten. Das gilt übrigens auch für einige der anderen frühen Lager. Was die Bilder des Dienstalbums von Koch von allen bisher bekannten Bildquellen – auch dem bekannten privaten Fotoalbum Kochs aus Buchenwald – unterscheidet, ist der unmittelbare, durch keine Inszenierung verfremdete Blick auf das Selbstbild der Konzentrationslager-SS. Die Bilder zeigen, wie Menschen von der SS im Konzentrationslager zu Untermenschen degradiert werden. Dies wird etwa deutlich an einer Bildfolge, die Häftlinge zunächst in Zivilkleidung bei der Ankunft zeigt und dann nach dem Ende der Aufnahmeprozedur – verängstigt, mit geschorenen Köpfen und in zerlumpter Kleidung, die entweder zu groß oder zu klein ist. .Dem gegenüber steht das zynische, lustvoll ausgelebte Herrenmenschentum der SS, für dessen Selbstbestätigung das zuvor geschaffene Gegenbild des »Untermenschen« das notwendige Korrelat bildet. Besonders deutlich wird diese Herrenmenschen-Attitüde an einem Bild, das Koch und andere SS-Männer zeigt, die lächelnd auf einen Häftling herabblicken, der zu ihren Füßen liegt. Diese Perspektive wird durch die erwähnten Häftlingszitate gebrochen.

Ein Bild zeigt Häftlinge vor dem Turm A, die einen Baustamm auf ihren Schultern tragen. Im Hintergrund ist ein SS-Mann zu sehen. »Häftlinge beim Bäumetransport« lautet die Originalunterschrift. Das Schleppen der Baumwurzeln (Stubben) gehörte zu den schwierigsten und gefährlichsten Arbeiten der Aufbauphase. Die SS ergötzte sich daran, die Häftlinge dabei noch zu schikanieren. Das Bild wird in der Ausstellung mit einer Aussage des ehemaligen Häftlings Bruno Strey kontrastiert: »Es wurden Wälder abgeholzt. Das Zusammenschleppen der Baumstämme, fünf bis sechs Meter lang, musste im Laufschritt geschehen. Kam der Häftling am SS-Posten vorbei, wurde er zum schnelleren Laufen angetrieben und dann plötzlich sprang der Posten in die hinter ihm am Boden schleifende Baumkrone. Der unerwartete plötzliche Ruck riss ihm mit dem Teil des Baumstammes, den der Häftling trug, zu Boden und schlug ihm dabei gegen den Kopf, so dass er meistens bewusstlos zusammenbrach. Nicht selten wurde der betroffene Häftling solange geschlagen, bis er aus der Betäubung wieder erwachte.«

Ein anderes Bild zeigt Turm A von der Kommandantur aus gesehen. Im Laufe des Jahres 1937 waren die ursprünglichen Torhäuser durch zwei massive Steinbauten ersetzt worden. Am linken Torgebäude sind die Installationen des elektrisch geladenen Stacheldrahtzaunes zu sehen. Eine Mauer um das Schutzhaftlager gab es zu dieser Zeit noch nicht, so dass es frei einsehbar war. »Eingang zum Häftlingslager« lautet die originale Bildunterschrift. In seinen bereits 1938 niedergeschriebenen Erinnerungen schildert der ehemalige Häftling Alfred E. Laurence eine Szene, die sich im Schatten des Turms A abgespielt hat: »Vorn am Tor vernimmt der Lagerkommandant eine Anzahl Häftlinge. [...] Man hört Schreien und Wimmern. Schläge. Einmal ganz lautes Aufschreien: ›Gnade, Herr Kommandant! Gnade! Gnade!‹ und dann wieder harte schallende Schläge und Schreien und Wimmern, das plötzlich abbricht.«

Dreh- und Angelpunkt des Albums – und in reduzierter Form auch der Ausstellung – ist KZ-Kommandant Karl Otto Koch, der auf den Bildern in Herrscherpose, eine Furcht einflößende Dogge an seiner Seite, über sein Reich, seine Getreuen und das Sklavenheer der Häftlinge waltet. 1897 als Sohn eines Beamten geboren, nahm Koch am Ersten Weltkrieg als Soldat teil. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft gelang es ihm nicht mehr in seinen erlernten Beruf als Kaufmann und Buchhalter zurück zu kehren. Schon 1931 trat er in die SS ein, wo seine scheinbar unaufhaltsame Karriere begann, deren erste Hälfte das Fotoalbum dokumentiert. Als Kommandant des KZ Majdanek wurde er 1942 seines Dienstes enthoben und im April 1945 auf Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler wegen Mordes sowie wegen zahlreicher Unterschlagungen und Korruptionsvergehen erschossen. Diesen Karl Otto Koch, dessen Dienstalltag als KZ-Kommandant von Verbrechen, Brutalität, persönlicher Bereicherung, Kumpanei und Alkoholexzessen gekennzeichnet war, zeigen die Bilder in seinem Fotoalbum freilich nicht.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem medienkritischen Aufsatz über die Entstehung der Fotos, einer Biografie Kochs, Texten über die Formierung der Konzentrationslager-SS sowie über die in den Bildern dokumentierten frühen Lager sowie einem umfangreichen Aufsatz über die Aufbauphase des KZ Sachsenhausen.

Günter Morsch (Hrsg.): Von der Sachsenburg nach Sachsenhausen. .Bilder aus dem Fotoalbum eines KZ-Kommandanten
(Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 18)
Mit Beiträgen von Carina Baganz, Wassilij Stepanowitsch Christoforov, Kurt Buck, Insa Eschebach, Habbo Knoch, Günter Morsch, Johannes Tuchel, Christl Wickert und Ute Wrocklage
ca. 400 Seiten, ca. 200 Abbildungen, ca. 24 Euro
Metropol Verlag Berlin 2007
ISBN 978-3-938690-36-9

Dr. Horst Seferens ist Referent für Presseund Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.