Während des II. Weltkriegs existierten in der Provinz Brandenburg drei zentrale Kriegsgefangenenlager.1 Für eines von ihnen wählte die Wehrmacht Mitte September 1939 das ländlich abgeschiedene Fürstenberg (Oder) als Standort. Am Rande der siebentausend Einwohner zählenden Kleinstadt wurden bis Sommer 1940 vierzig Gefangenenbaracken errichtet. In seiner räumlichen Gliederung entsprach das Lager in fast idealtypischer Weise den vom Oberkommando der Wehrmacht formulierten Richtlinien.2 In dieser Hinsicht beurteilten deutsche Stellen, und ähnlich das Internationale Rote Kreuz, das Stalag III B als »musterhafte« Anlage. Der insgesamt für zehntausend Personen ausgelegte Komplex war zur Aufnahme von Mannschaftssoldaten und Unteroffizieren bestimmt, jedoch sind in nennenswerter Zahl auch Offiziere der Roten Armee dort interniert worden. Der Gesamtkomplex wurde durch Zäune in mehrere Teillager untergliedert, um die Gefangenen nach Nationalitäten zu trennen. Überwiegend stammten die Soldaten aus Polen, Frankreich, Jugoslawien, aus der Sowjetunion, den USA und aus Italien; Briten sind nicht nach Fürstenberg gebracht worden. Für fast alle Lagerinsassen bedeutete das Stalag lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg in den Arbeitseinsatz. Zum Lager gehörten zeit seines Bestehens rund eintausend Arbeitskommandos. Mehr als dreißigtausend Gefangene waren in den Arbeitskommandos im Süden und Südosten Brandenburgs beschäftigt. Außer in der Land- und Forstwirtschaft waren sie vor allem in den Braunkohlegruben der Niederlausitz eingesetzt.
Bis zu zweitausend Kriegsgefangene wurden in Fürstenberg selbst beschäftigt, um den Standort zu einem regionalen Zentrum der Rüstungswirtschaft auszubauen. Nachdem zunächst der IG Farben-Konzern geplant hatte, ein Buna-Werk in Fürstenberg zu errichten, nahm die Degussa AG hier 1940 ein »chemisches Zentralwerk« in Angriff. Der Aufschluss von Braunkohlefeldern zog ab 1943 den Bau eines Großkraftwerks nach sich, das weite Teile Brandenburgs und des Warthegaus mit Elektrizität versorgen sollte.3 In der letzten Kriegsphase wählte schließlich Rheinmetall-Borsig den Ort als Ausweichquartier für eine Rüstungsfabrik. In diesem Betrieb mussten neben italienischen Militärinternierten vor allem weibliche KZ-Häftlinge arbeiten. Sie gehörten zu einem Außenlager des KZ Sachsenhausen, das im Herbst 1944 auf dem Gelände einer aufgelassenen Glashütte eingerichtet wurde.4 Zuvor waren zwei Außenkommandos des Ghetto Lodz in Fürstenberg stationiert gewesen. Die insgesamt fast 500 polnischen Juden mussten für die Degussa beziehungsweise den Provinzalbetrieb Märkisches Elektrizitätswerk (MEW) Schwerstarbeit leisten.5
Die Kriegsgefangenen stießen im Stalag III B – wie generell im deutschen Gewahrsam – auf eine rassistisch differenzierte Behandlung. Im wesentlichen war es ein dualistisches System: den westlichen Nationalitäten gegenüber beachtete man die Geltung internationaler Vereinbarungen, während die sowjetischen Lagerinsassen völlig entrechtet war. Zwischen diesen Extremen gab es freilich eine Fülle von Abstufungen. So wurden die französischen Juden von ihren Kameraden getrennt und in härteren Arbeitskommandos eingesetzt. Den italienischen Soldaten wurde der völkerrechtliche Schutz als Kriegsgefangene durch den Militärinterniertenstatus auch formell entzogen. Entsprechend unterschiedlich gestalteten sich der Lageralltag der einzelnen Gruppen. Selbst für die überwiegend korrekt behandelten Amerikaner und Franzosen bildete er eine Kette von Beschwernissen und psychischen Belastungen. Ihr Überleben war jedoch nur in Ausnahmefällen ernstlich gefährdet. Sie konnten die mangelhafte Lagerverpflegung durch den Empfang von Rot-Kreuz-Paketen oder bei freiem Ausgang in den Dörfern der Umgebung aufbessern. Seelischen Ausgleich erhielten sie in der Pflege einer spezifischen Lagerkultur. Sie verfügten über Bibliotheken, konnten Sportwettkämpfe, Theater- und Musikveranstaltungen durchführen und sich künstlerisch oder religiös betätigen.6 Die Franzosen gaben eine Lagerzeitung unter dem Titel »Espoir« heraus. Der Zigarettenbesitz machte die Amerikaner reich und ihre Bewacher bestechlich. So war es den US-Soldaten möglich, bei den Deutschen Radios oder Fotoapparate, ja selbst Waffen im Tausch zu erwerben.7
Einen Steinwurf entfernt waren die Verhältnisse dagegen mörderisch. Im sowjetischen Lagerteil sorgten Wachleute mit Gewehrkolben und Peitschen für ›Disziplin‹, Ernährung und medizinische Hilfe blieben rudimentär. Bei Einsätzen außerhalb des Lagers griffen die Gefangenen nach allem, was irgendwie essbar schien. »Beim Eintreffen der sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag III B setzte sofort eine hohe Sterblichkeit ein«, bilanzierte ein deutscher Offizier im März 1942. In den ersten sechs Monaten ihres Aufenthalts waren etwa eintausend Russen umgekommen. Bis Kriegsausgang starben hier mehr als viertausend Angehörige der Roten Armee, wie aus Meldungen der Lagerkommandantur an den Magistrat hervorgeht. Unbekannt ist noch die Zahl der in den Arbeitskommandos und Lazaretten Verstorbenen. Darüber hinaus wurden ideologisch »untragbare« Gefangene, vor allem Juden, von einem Einsatzkommando der Gestapo Frankfurt (Oder) »ausgesondert« und in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Groß-Rosen ermordet.8
Einer Gruppe sowjetischer Ärzte gelang es, vom Krankenrevier des Lagers aus Hilfsaktionen und politische Untergrundaktivitäten zu organisieren. Der deutsche Sanitäter Alfred Jung vermittelte ihnen dabei Kontakte zu Mitgefangenen anderer Nationalitäten und zur illegalen KPD-Führung in Berlin.9 Er half bei der Durchführung kollektiver Lebensmittelspenden von US-Soldaten an ihre sowjetischen Lagernachbarn.10 Die Aktivitäten Alfred Jungs wurden Anfang Juli 1944 von der Gestapo aufgedeckt. Jung wurde durch den Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im Dezember 1944 hingerichtet. Sein jugoslawischer Kontaktmann, Radomir Hrnjak, erhängte sich nach dem Verhör in seiner Arrestzelle, das Schicksal weiterer als Komplizen verdächtigter Gefangener ist noch unbekannt.
Das rasche Vorrücken der russischen Truppen veranlasste die Wehrmacht Ende Januar 1945 zur Evakuierung des Stammlagers. Einige amerikanische Gefangene berichteten von einem mehrtägigen Fußmarsch zum Stalag III A in Luckenwalde und der Erschießung jener, die aus Erschöpfung nicht Schritt hielten.11 Nach der Besetzung Fürstenbergs im April 1945 nutzte die Rote Armee das Lager als Sammelstelle für deutsche Kriegsgefangene. Auf der Suche nach Beweisen für den Mord an Rotarmisten ließ die Besatzungsmacht im Vorfeld der Nürnberger Prozesse Exhumierungen vornehmen. Die Baracken wurden 1947 weitgehend abgebrochen, um Materialien für den Wiederaufbau zu gewinnen.
1950 wurde in der Region ein völlig neues Kapitel aufgeschlagen. Die Gegend um Fürstenberg wurde zum Standort des zentralen Eisenhüttenwerks der DDR bestimmt. Die Hochöfen entstanden in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen Lagergelände. Betriebsanlagen waren auch dort geplant, wo sich die beiden Massengräber der sowjetischen Gefangenen befanden. Die Gebeine wurden aus den bereits gärtnerisch gestalteten Friedhöfen geborgen und zu einem aufwendig gestalteten Ehrenmal inmitten der Arbeiterwohnstadt überführt; die Neubestattung erfolgte in unterirdischen Grabkammern. Im Vorfeld des Monuments wurde ein weiträumiger Aufmarschplatz angelegt. Bis 1989 war dies der wichtigste Ort für politische Manifestationen und Gedenkveranstaltungen in der Stadt. Bedeutende Ereignisse, so die Umbenennung von Stalinstadt in Eisenhüttenstadt, wurden auf dem Platz begangen. Das Gedenken, das hier mit zeremoniellem Aufwand praktiziert wurde, ging jedoch über das tatsächliche Schicksal der Opfer hinweg. Die Widmungsinschrift spiegelt vor, es gehe hier um Gefallene aus Kampfhandlungen und nicht um Tote aus einem Stalag.12 Den Hintergrund für diese Vernebelung bildete Stalins Befehl 270, der die Kriegsgefangenen in ihrer Heimat als Deserteure ächtete. Zugleich wollte man das heroische Bild, das von den Rotarmisten vermittelt wurde, nicht durch die Erinnerung an ihr Elend in deutscher Gefangenschaft beeinträchtigen. Ein mächtiger Obelisk beherrscht daher den Platz, die Grabstellen selbst sind nicht eigens gekennzeichnet. Insgesamt war der »Platz der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft« weniger ein Ort der Trauer, denn der Sieges- und Bündnisdemonstrationen.13
Lange Zeit bildete das Stalag – jenseits der Feiern am Ehrenmal – praktisch kein Thema in der Öffentlichkeit. Die Alteingesessenen, die über individuelle Erinnerungen verfügten oder als Akteure involviert waren, sprachen allenfalls hinter vorgehaltener Hand über diese Zeit. Es dominierten auch bald die »Zugereisten«, welche die rasch wachsenden Neubaukomplexe bevölkerten. Der historische Lagerstandort wurde für die Industrie reserviert, zum Teil überbaut und verschwand hinter Zäunen. Zu den allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Ursachen der Verdrängung gesellte sich ein spezifisches Motiv. Eisenhüttenstadt sollte den Pioniergeist der sozialistischen Aufbaugeneration exemplarisch für die gesamte DDR verkörpern. Was man als historischen ›Ballast‹ empfand, wurde freimütig über Bord geworfen. Nach dem propagandistisch verlautbarten Gründungsmythos entstand das Stahlwerk auf geschichtslosem Terrain – »wo einst nur Sand und Kiefern waren«.14 Als Fürstenberg (Oder) 1961 Teil von Eisenhüttenstadt wurde, verschwand auch der alte Ortsname von der Landkarte.15 Für den Uneingeweihten war die Ortschaft damit aus der Wahrnehmung getilgt.
Ende der sechziger Jahre begann ein leitender Ingenieur des Eisenhüttenkombinats, Dr. Helmut Kinne, aus persönlicher Initiative mit Nachforschungen. Von offizieller Seite wurde dies weitgehend geduldet.16 Die Ergebnisse konnte er 1975 in einer Regionalzeitung veröffentlichen, jedoch in Form eines antifaschistischen Heldenepos.17 Inzwischen wandten sich einige der lokalen Schulen und Jugendorganisationen der Thematik zu. Den roten Faden in der Auseinandersetzung bildete stets der organisierte Widerstand im Lager, der durch den Kommunisten Alfred Jung verkörpert schien. Jung avancierte nun zu einer antifaschistischen Identifikationsfigur.18 1975 benannte sich eine Schule nach ihm und widmete seiner Person ein »Traditionskabinett« mit Informationsmaterial und Wandzeitungen. Die öffentliche Erinnerung an das Stalag konzentrierte sich also auf die positiven Beispiele des Widerstands. Darüber hinaus zeichnete man von den Verhältnissen im Lager ein Bild, das einem Konzentrationslager ähnelte. Für Zwischentöne blieb nahezu kein Raum. Gleichwohl hatte sich eine gewisse Kontinuität in der Beschäftigung mit der lokalen NS-Vergangenheit entwickelt. Nach der Wende nahmen diese Aktivitäten rasch ab. Mit der Umbenennung, später der Schließung der Alfred-Jung-Schule, verschwand ein wichtiger Träger dieser Arbeit. Auch jenseits der Schulen blieb es ruhig. Die recht stattliche Schar der Lokalhistoriker war an dieser Periode kaum interessiert. Ein neuer Impuls kam erst von außen. In einem Städtevergleich zwischen Wolfsburg und Eisenhüttenstadt konfrontierte das Deutsche Historische Museum 1997 erstmals ein überregionales Publikum mit der »Vorgeschichte« Eisenhüttenstadts im II. Weltkrieg.19
Nun griffen weitere Veröffentlichungen dieses Thema in knappen Beiträgen auf, meist am Rande von Darstellungen, die von der »ersten sozialistischen Stadt Deutschlands« handelten, und ein Jugendclub näherte sich in einer kleinen Ausstellung dem Stalag III B.20 Insgesamt aber blieben das Interesse der Forschung und ebenso das individuelle Gedächtnis der Stadtbewohner auf das singuläre Projekt Eisenhüttenstadts als urbaner »Modellversuch« des sozialistischen Aufbaus gerichtet. Kritiker sehen die Stadt nicht ganz zu Unrecht »›gefangen‹ in der eigenen Geschichte« und »unfähig, sich außerhalb des eigenen Mythos zu positionieren.«21 Der Blick zurück überschreitet daher meist nur flüchtig die Epochenschwelle 1950, die Stunde Null Eisenhüttenstädter Zeitrechnung.
Die NS-Periode und das Stalag fanden in stadtgeschichtlicher Hinsicht also kaum Beachtung. Ebensowenig drang das einstige Lagergelände, auf dem sich zahlreiche Relikte erhalten hatten, in das öffentliche Bewußtsein. Längst verbarg ein veritabler Mischwald das seit 1947 brach liegende Teilgelände unter sich. Immerhin erfolgte die Eintragung dieses seit Abriss der Lagerbaracken unberührten Areals als Bodendenkmal. Ungeachtet dessen geriet der Bereich Mitte der neunziger Jahre ins Visier der Stadtentwickler. Im Jahr 2000 leitete die Kommune großflächige Abrissmaßnahmen ein, um das Areal als Industriegebiet zu erschließen. Niemand stieß sich daran, dass dabei historische Spuren (undokumentiert) vernichtet wurden, vermeintliche Kosten- und Termingesichtspunkte schienen allemal wichtiger.22 Auf Initiative der Technischen Universität Berlin, Fachgebiete Bau- und Stadtbaugeschichte sowie Historische Bauforschung, kam es in der zweiten Abrissphase dann doch noch zu einer – sparsam durchgeführten – abrissbegleitenden Dokumentation der baulichen Reste.23
Das vier Hektar umfassende Abbruchgelände beherbergte die massiven Fundamente und Bodenplatten von acht Wohnbaracken, einer Latrine und einer der beiden Lagerküchen. Auch Teile des Wege- und Zaunsystems sowie Luftschutzgräben, Müllstellen und Fundamentkörper von Wachtürmen waren hier noch vorzufinden. Daneben traten zahlreiche Grabungsfunde zu Tage. Die Häufung von Gegenständen amerikanischer Provenienz ließ bald erkennen, dass der untersuchte Lagerbereich zuletzt mit US-Soldaten belegt war. Aber auch Objekte französischen, russischen oder italienischen Ursprungs konnten geborgen werden. Im einzelnen handelte es sich um Teile der militärischen Ausrüstung, Essgeschirr und Lebensmittelverpackungen, Artikel der Körperpflege und Medizin sowie Gegenstände der Freizeitbeschäftigung; das Gebrauchsgerät war durch die Gefangenen zum Teil selbstgebaut oder umgearbeitet worden und mit eingeritzten Namenszügen versehen worden. Das Spektrum an Fundstücken beleuchtet somit verschiedenste Aspekte des Lageralltags, vor allem der amerikanischen Gefangenen. Als Einzelfunde bemerkenswert sind unter anderem eine überdimensionale Bratpfanne aus der Lagerküche, ein Basketballkorb und ein Fotoapparat, der von einer schützenden Hülle umgeben an einer Barackenecke vergraben war. Ferner fanden sich Ausstattungsstücke der Lagerkirche, etwa ein Messkelch und Teile eines aus farbigen Glasscherben gefertigten Wandmosaiks.
Im weiteren eröffneten die Grabungsergebnisse Möglichkeiten, die oftmals fragmentarischen und widersprüchlichen Informationen aus schriftlicher, mündlicher und visueller Überlieferung zu verifizieren, zu ergänzen und räumlich zuzuordnen. Das Fundmaterial ist darüber hinaus von musealem Wert. Seine »greifbare« Präsenz spricht die sinnliche Wahrnehmung an, weckt Neugier für die weiteren Zusammenhänge und sagt auch etwas über den reibungsvollen Prozess des »Aufdeckens« dieser Vergangenheit aus (viele Fundobjekte tragen Beschädigungsspuren durch die Abrissmaßarbeiten, während derer die Grabungen durchgeführt werden mussten). Da sich im Zuge der archäologischen Untersuchung neue und in mancher Hinsicht erstmals fundierte Einblicke in die Lagergeschichte ergaben, entstand der Gedanke, eine Ausstellung im Städtischen Museum Eisenhüttenstadt zu präsentieren. Im Kulturamt der Stadt fand diese Idee Fürsprecher, so dass man sich um die Teilnahme an der landesweiten Veranstaltungskampagne »Europa ist hier!« des Vereins Kulturland Brandenburg bemühte. Mit Hilfe der dabei eingeworbenen Projektmittel konnte eine Sonderausstellung zum Stalag III B realisiert und im November 2003 eröffnet werden.
Die Schau stellt die Geschichte des Lagers mit acht Themenschwerpunkten auf etwa 150 Quadratmetern Ausstellungsfläche dar. Einleitend wird das »bürokratische« System der Kriegsgefangenenlager, insbesondere die Registrierung, Erfassung und der Einsatz in den Arbeitskommandos erläutert.24 Der zweite Raum ist der baulichen Struktur des Stalag III B gewidmet, nachfolgend wird die Bedeutung der völkerrechtlichen Abkommen und internationalen Hilfsdienste thematisiert. Im vierten Raum geht es um die Lebensverhältnisse der Gefangenen und ihre Differenzierung nach Nationalitäten. Erstaunlich unmittelbare Einblicke in den Lageralltag gewährt hier eine Serie von Fotos, die der amerikanische Gefangene Angelo Spinelli aufnehmen konnte.25 Sodann werden das Massensterben der Rotarmisten, die Ansätze organisierten Widerstands im Lager sowie die Reaktionen der Einwohner Fürstenbergs auf die Präsenz der Kriegsgefangenen thematisiert. Die geräumigste Abteilung ist dem Thema Archäologie vorbehalten, wo etwa eintausend (überwiegend kleinteilige) Fundstücke zu sehen sind. Die Gestaltung der gesamten Raumfolge nimmt assoziativ Bezug auf das Motiv der Lagerstraße, der optisch beherrschenden »Magistrale« des Barackenkomplexes. Auf einer zweiten Ebene wird die Thematik der Rüstungswirtschaft und Zwangsarbeit in Fürstenberg (Oder) angerissen, bevor die Schau in einem imaginärem »Stadtrundgang«, will heißen, mit aktuellen Panoramaaufnahmen von den Stätten der Kriegsgefangenschaft ausklingt.
Ausgehend von der Verfügbarkeit des archäologischen Fundmaterials fiel die Entscheidung zu Gunsten einer musealen Präsentation, die das Geschehen anhand von Sachzeugnissen, Originaldokumenten und historischen Fotos veranschaulicht. Viele Besucher sind überrascht, nicht eine jener textlastigen Tafelausstellungen anzutreffen, wie sie gemeinhin mit »schwierigen« Themen assoziiert werden. Freilich setzte die beschränkte Textmenge der Themenwahl und Informationsfülle Grenzen. Zur vertiefenden Beschäftigung wurden deshalb Lesemappen mit Tagebuchauszügen und Dokumenten bereitgestellt. Ein Defizit der Ausstellung bildet gewiss die ungleichgewichtige Präsenz der einzelnen Nationalitäten. Während zu den westalliierten Gefangenen recht umfangreiches Material zusammenkam, blieb das Schicksal der sowjetischen Lagerinsassen insgesamt unterrepräsentiert. Die an das Ausstellungsprojekt gekoppelten Forschungen boten jedoch keine Handhabe zu wirklich umfassenden Recherchen.
Der unerwartet starke Besucherzuspruch bestätigt, dass in der Region das Interesse an der Thematik wächst, nicht zuletzt in den Schulen. Das Städtische Museum Eisenhüttenstadt wird nach dem Ende der Sonderausstellung einen Raum permanent dem Stalag III B widmen und Dokumente zugänglich machen können. Ein bescheidener Schritt, aber ein lange überfälliger.
1 Das größte Lager befand sich in Luckenwalde, südlich von Berlin. Uwe Mai, Kriegsgefangene in Brandenburg. Stalag III A in Luckenwalde 1939-1945, Berlin 1999.
2 Zu den baulichen Richtlinien: Reinhard Otto, Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42, München 1998 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für
Zeitgeschichte, Bd. 77), S. 28 f.
3 Die Ruine des nie ans Netz gegangenen Großkraftwerks bildet heute das markanteste Zeugnis für
die Periode der Rüstungsindustrie und Zwangsarbeit in Fürstenberg (Oder). Die einhundert Meter hohen Schornsteine setzen in der Flussniederung eine weithin sichtbare Landmarke. Reste der – wie
das Kraftwerksgebäude – von sowjetischen Kriegsgefangenen und jüdischen Zwangsarbeitern geschaffenen Infrastruktur (Bahndämme, Kiesgruben und Erschließungswege) sind zu unauffälligen Bestandteilen der Kulturlandschaft geworden.
Axel Drieschner, Barbara Schulz, Das »Kraftwerk Vogelsang« und der Industriestandort Fürstenberg (Oder) 1940–1945 (unveröffentlichte Abschlußarbeit im Aufbaustudium Denkmalpflege an der Technischen Universität Berlin, 2001); dieselben, Denkmal oder Altlast ? Eine Kraftwerksruine in Eisenhüttenstadt erzählt von Rüstungswirtschaft, Zwangsarbeit und Krieg, in: www.kunsttexte.de
4 Untergebracht waren die Frauen im Gebäude der ehemaligen Feinschleiferei der aufgelösten
Fürstenberger Glashüttenwerke. Noch Ende 1944 leitete man die bauliche Erweiterung des Lagers ein. Zwei RAD-Baracken sollten aufgestellt und das ausgebrannte Hüttengebäude zum Appellplatz umgebaut werden (Städtisches Museum Eisenhüttenstadt, Unterlagen »Wilke & Streckebach«).
5 Für das »Judenlager« der Degussa liegt im Stadtarchiv Eisenhüttenstadt ein Namensverzeichnis mit 196 Einträgen vor (Sta Ehs 1425, Bl. 41–44). Das Lager existierte zwischen März und Oktober 1942. Zwanzig Namen wurden auf der Liste mit dem Vermerk »gestorben« versehen, fünfzig Männer wurden »krank entlassen«, was die Rückführung in das Ghetto bedeutet haben wird. Eine weitere Person wurde aus nicht genannten Gründen »aus dem Lager entfernt«. Für die verbliebenden 125 Personen gibt die Liste an: »am 12. 10. 42 nach Reichsautobahn-Judenlager Finkenheerd abgegeben«. Für die beim Kraftwerksbau in Fürstenberg eingesetzten Juden ist eine Namensliste vom Juni 1943 erhalten (Sta Ehs, V 562, Bl. 23–27). Gemäß dieser Aufstellung handelte es sich um 286 jüdische Männer, zumeist im Alter zwischen 20 und 35 Jahren.
6 Thomas Paterson, Artist in Stalag III-B, in: American Illustrated, Bd. 18, Heft 4 (Juni 1983), S. 48–53.
7 Der amerikanische Gefangene Angelo Spinelli konnte den Alltag in seinem Lagerteil mit einer
Bessa-Voigtländer dokumentieren. Ein umfangreiches Konvolut qualitätsvoller Aufnahmen übergab er dem zentralen amerikanischen Kriegsgefangenenmuseum (National Park Service (USA), Andersonville National Historic Site).
8 Den bürokratischen Ablauf der »Aussonderungen« rekonstruiert Otto (S. 72–75) exemplarisch anhand eines zu Fürstenberg überlieferten Schriftwechsels.
9 Kurzbiographie und Literaturangaben zu Alfred Jung in: Ursel Hochmuth, Illegale KPD und Bewegung »Freies Deutschland« in Berlin und Brandenburg 1942–1945. Biographien und Zeugnisse aus der Widerstandsorganisation um Saefkow, Jacob und Bästlein, Berlin 1998, S. 168.
10 Einer der Beteiligten, der russische Arzt Dr. Nikita Asejew, berichtete Ende der achtziger Jahre
dem CBS-Fernsehreporter Charles Kuralt von dieser Begebenheit. Sein Bericht kursierte in einigen
US-Medien. Charles Kuralt, A Life on the Road, New York 1990.
11 den vorliegenden Erinnerungsberichten bildet der Evakuierungsmarsch nach Luckenwalde, neben dem Ereignis der Gefangennahme, meist das zentrale Erlebnis aus der Kriegsgefangenschaft.
12 Zum offiziellen Geschichtsbild der sozialistischen Gründungsstadt: Jörn Schütrumpf, »Wo einst nur Sand und Kiefern waren…«. Vergangenheitsbewältigung im Eisenhüttenkombinat Ost, in: Rosmarie Beier (Hrsg.), Aufbau West – Aufbau Ost. Die Planstädte Wolfsburg und Eisenhüttenstadt in der Nachkriegszeit, Berlin 1997, S. 140–147.
13 Heute heißt die Stätte »Platz des Gedenkens«. Noch immer fehlt dort jeder Hinweis auf die Adressaten des Gedenkens.
14 siehe Fußnote 12., S. 147.
15 Nun kam es vor, dass Stalag III B-Veteranen aus Frankreich oder den USA auf der Suche zu den Stätten ihrer Gefangenenzeit fälschlicherweise nach Fürstenberg (Havel) reisten.
16 Auf deutliche Ablehnung stießen seine Auslandskontakte zu ehemaligen französischen Gefangenen, unerwünscht waren auch Recherchen über die Beziehung der damaligen Einwohner zu den Gefangenen.
17 Die zwölfteilige Veröffentlichung blieb bis heute der umfangreichste Text zum Stalag III B. Helmut Kinne, »Der rote Obelisk«, in: Neuer Tag, 1975, 12 Ausgaben (Stadtarchiv Eisenhüttenstadt).
18 Außer in Eisenhüttenstadt waren in den Ostberliner Bezirken Friedrichshain und Lichtenberg Einrichtungen nach Jung benannt, was in Bezug stand zu seiner Berliner Heimat und Wirkungsstätte.
19 Aufbau West – Aufbau Ost (vgl. Anm. 12).
20 Arbeitsgruppe Stadtgeschichte (Hrsg.), Eisenhüttenstadt. »Erste Sozialistische Stadt Deutschlands«, Berlin/Brandenburg 1999; Einblicke. 50 Jahre EKO Stahl, Eisenhüttenstadt 2000; Stalag III B.
Ein Kriegsgefangenenlager in Fürstenberg (Oder), 2001 (Ausstellungsbroschüre der Verein InterKultur VielFarben).
Die Bezeichnung »erste sozialistische Stadt Deutschlands« erhielt die Wohnstadt nach der zweiten Parteikonferenz der SED im Jahr 1952.
21 Tino Kotte, Rita Finkbeiner, »Heimatmuseum« in der Zukunft? Versuch einer Konzeption für das Städtische Museum Eisenhüttenstadt, S. 63, in: Heimatkalender Eisenhüttenstadt und Umgebung,
19. Jahrgang 2001, S. 60–68. Die dort vorgestellte Museumskonzeption der Autoren blendet allerdings ebenfalls die Zeit vor 1950 aus.
22 Die Abrissarbeiten wurden im Herbst 2001 beendet. Auf dem Gelände sprießt seitdem frisches Grün, der Investor ist offenbar abgesprungen.
23 Die Dokumentation wurde durch den Landkreis Oder-Spree gefördert. Zu den Ergebnissen der Untersuchung: Axel Drieschner, Christof Krauskopf, Barbara Schulz, in: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2001, o.O. 2002, 173 f.; Axel Drieschner, Barbara Schulz, in: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2002, o.O. 2003, 168-171.
24 Zentrales Erfassungsinstrument in den Lagern bildeten die für alle Gefangenen ausgestellten
Personalkarten. In der Ausstellung kann man durch Karteikästen mit Reproduktionen solcher
Personalkarten blättern. Diese enthalten unter anderem Angaben zu den Lagern und Arbeitskommandos, welche die Gefangenen durchliefen, bis hin zu Sterbevermerken oder Angaben zu Überstellungen in Konzentrationslager. Zu jeder Personalkarte gehört auch ein Porträtfoto, das dem Betrachter die menschliche Dimension dieser statistischen Daten ins Gedächtnis ruft.
Das Material stellte die Deutsche Dienststelle (WASt) zur Verfügung sowie die Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Deutsch-russisches Forschungsprojekt »Sowjetische Kriegsgefangene im Deutschen Reich 1941 bis 1945«. Im Rahmen des durch die Länder Niedersachsen, NRW und Sachsen
getragenen Projekts werden die Personalkarten sowjetischer Gefangener aus dem Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk ausgewertet.
25 siehe dazu Anm. 7.