In dem kleinen mecklenburgischen Dorf zwischen Neustrelitz und Feldberg, wo meine Familie seit einigen Jahren ein Ferienhaus bewohnt, steht schräg gegenüber dem Kirchhof ein aus Granitquadern gemauerter Obelisk – sehr schwer, sehr kahl, sehr grau, eingerahmt von einer rechtwinklig gestutzten Buchsbaumhecke, davor zwei Blumenschalen, deren Bepflanzung von Zeit zu Zeit erneuert wird. Der Boden ringsherum ist immer geharkt. Der Obelisk wurde nach dem 1.Weltkrieg aufgestellt, vermutlich war an seiner Vorderseite einmal eine Tafel befestigt mit einem Eisernen Kreuz und den Namen der gefallenen Grünower Männern. Die Tafel gibt es nicht mehr. Sie wurde Anfang der neunziger Jahre durch eine neue Tafel ersetzt: »Den Opfern der Kriege und aller Gewalt« lautet die neue Inschrift. Der Tafeltext wurde im Gemeinderat beschlossen. Ursprünglich hatte man wohl vorgehabt, lediglich die im 2.Weltkrieg umgekommenen Einwohner des Dorfes, die zu DDRZeiten ungenannt geblieben waren, in das Gedenken einzubeziehen. Aber dann machte jemand den Vorschlag, auch die Opfer des Stalinismus zu bedenken, schließlich habe man jetzt neue Verhältnisse, die das erlauben würden. Andere sollten daraufhin gemeint haben, dann müsste auch der Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden, das sei sonst nicht korrekt. So ist es mir jedenfalls überliefert worden, vielleicht war die Reihenfolge der Vorschläge auch umgekehrt. Schließlich kam dieser allgemeine Text heraus, mit dem alle zufrieden scheinen.
Vor allem natürlich die älteren Bürger verbinden mit diesem Spruch noch eigene Erlebnisse und Erfahrungen. Im Dorf leben nur noch sehr wenige Männer, die im Zweiten Weltkrieg Soldaten wurden und dann in Gefangenschaft gerieten. Wesentlich mehr Einwohner waren damals Kinder und verloren ihre Väter im Krieg. Viele Dorfbewohner, die übrigens bis heute als »Zugezogene« betrachtet werden, kamen 1944/45 aus Ostpreußen, aus dem Sudetenland und Schlesien, von wo sie flohen oder vertrieben wurden. Sie alle haben Erinnerungen an das Jahr 1945, an »Zusammenbruch« oder »Befreiung«, an die Willkür der sowjetischen Militärs, die den Ortsbauernführer und den Bürgermeister ins Internierungslager brachten, die die Frauen vergewaltigten und zwei der fünf Großbauern verhafteten. Viele der Bewohner erinnern sich auch an das Jahr 1953: an die Vertreibung der restlichen drei Großbauern, die nicht in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft eintreten wollten und deshalb ihre Höfe aufgaben und in den Westen flohen.
Die Trennlinie zwischen den Flüchtlingen und Vertriebenen auf der einen Seite und den Alteingesessenen auf der anderen Seite ist auch in der Gegenwart noch spürbar. Während die einen sich eher mit der neuen Macht einließen, weil sie sich wieder eine neue Existenz schaffen mussten, stellten sich die anderen gegen jegliche Veränderungen und verloren letztlich ihre Besitztümer und ihre Stellung in der Dorfgesellschaft. Ob es auch NS-Opfer unter den Einwohnern gab, ist nicht überliefert.
In der Nähe des Forsthauses steht seit einigen Jahren eine schlichte kleine Holzstele am Wegesrand. Sie wurde nicht von der Gemeinde aufgestellt, sondern entstand im Rahmen eines Kunstprojekts des Müritz Nationalparks. Sie erinnert an Menschen, so heißt es in der eingeritzten Inschrift, die von 1943–1945 an diesem Ort »In Unfreiheit und Zwang leben mussten«. Das ist nicht gerade ein informativer Text. Der Förster immerhin weiß noch, dass an dieser Stelle eine Baracke gestanden hat für Zwangsarbeiter, die in der Forstwirtschaft gearbeitet hätten.
»Den Opfern der Kriege und aller Gewalt« – die Bürger des Dorfes haben das Gefühl, dass sie damit alle und alles berücksichtigt haben, dass sie alles richtig gemacht haben. Sie haben ihr altes Denkmal »modernisiert« mit einem Spruch, wie es ihn tausendfach seit den fünfziger Jahren in der alten Bundesrepublik gibt. »Den Opfern von Krieg und Gewalt« oder »Gewaltherrschaft« das war die stereotype Formel, die im Westen in der »bleiernen Zeit« alles einebnete, die den ermordeten KZ-Häftling neben den im Kampf gefallenen Soldaten stellte und die NS-Verbrechen, den Massenmord an den europäischen Juden verleugnete.
Zu Beginn der neunziger Jahre tauchten diese Sprüche überall auch in den kleinen Städten und Gemeinden der fünf neuen Länder auf. Meist wurden sie an Gedenksteinen befestigt, die schon vorher existierten. Nach der D-Mark war dies wohl eine der bruchlosesten und unkompliziertesten Übernahmen von West nach Ost. Entweder wurden die Tafeln an den Kriegerdenkmälern angebracht, die ja überall standen, die es aus dem ersten Weltkrieg oder schon aus dem Krieg 1870/71 gab – oder ein antifaschistisches Gedenkzeichen aus der DDR-Zeit bekam diese neue Bedeutung verliehen. Aber »alle Gewalt« oder »Gewaltherrschaft« das bedeutete im Osten ja nicht nur die Nivellierung von Krieg und NS-Verbrechen sondern auch die Einbeziehung der Opfer des Stalinismus, was die Sache viel komplizierter und noch problematischer macht
Die Autorin Regina Scheer, die vor einigen Jahren Gedenksteine und Denkmäler im Land Brandenburg beschrieb, fand heraus, dass viele dieser neu beschrifteten Stelen, Mauern oder Obelisken schon vorher mehrmals eine Umwidmung erfahren hatten, dass diese verallgemeinernde, vereinnahmende Unschärfe der Texte auch schon vorher bestanden hatte – nur jeweils anders formuliert.[1]
In Zehdenick, Landkreis Oberhavel, entdeckte Scheer an der heutigen Castrop-Rauxel-Allee/Parkstraße einen mächtigen Findling. Seit 1927 steht er dort, die damalige Inschrift ist unbekannt. 1938 wurde der Platz zum Horst-Wessel-Platz erklärt und für Aufmärsche genutzt. Vermutlich wurde in diesem Zusammenhang auch der Stein umgewidmet. Am 1. Mai 1946 bekam der Platz den Namen »Ernst-Thälmann-Platz«. Der Findling erhielt eine Inschriftentafel in Form eines Winkels. Darauf stand: »Für die Opfer des Faschismus/Ernst Thälmann/Vorkämpfer gegen den Faschismus/18.8.1944«. 1992 erfolgte eine erneute Umwidmung des Steins. Der Platz heißt – wie man sich denken kann – jetzt nicht mehr Ernst-Thälmann-Platz. Auf der neuen Tafel steht: »Nie wieder Gewaltherrschaft/Opfern gewidmet/Oktober 1992«
In Calau, Landkreis Oberspreewald-Lausitz, steht eine neun Meter lange Mauer aus Klinkerstein mit einer etwas erhöhten halbrunden Plattform davor. Die Gedenkanlage wurde 1928 errichtet und war ursprünglich dem SPD-Politiker und Reichspräsidenten Friedrich Ebert gewidmet. Die Nationalsozialisten entfernten die Plakette mit der Inschrift unter dem expressionistisch anmutenden von Klinkern gerahmten Gesims. Ob die Mauer in der NS-Zeit eine andere Widmung erhielt, ist nicht bekannt. 1948 ließ die Stadt eine neue Tafel mit der Inschrift: »Gedenkstätte der Opfer des Faschismus/1933–1945« anbringen, auf der anderen Seite der Mauer, die zum sowjetischen Soldatenfriedhof weist, stand: »Die Toten mahnen uns«. Im Jahr 1992 wurde die Tafelinschrift erneut verändert, es wurden nur drei Worte hinzugefügt, der Text lautet nun: »Gedenkstätte der Opfer des Faschismus 1933–1945 und des Stalinismus«.
»Unscharfe Konturen – scharfe Konkurrenzen« habe ich als Titel über diesen Vortrag geschrieben, das soll heißen: je allgemeiner die Texte, je pauschaler das Erinnerungsangebot, desto größer die Möglichkeit, dass die unterschiedlichen Vergangenheiten, die hier in einen Topf getan werden, miteinander in Streit treten. Die verschwommene Erinnerung ist schon ein Erbe aus der DDR-Zeit. Die pauschale Zusammenfassung, das Verschwinden der einzelnen Schicksale, der realen Geschehnisse hinter unverbindlichen Losungen, die vor allem eine politische Botschaft transportieren sollten, das alles gab es auch vor 1990 an vielen Orten. Der DDR-Antifaschismus, der einen radikalen Bruch mit der NS-Vergangenheit und eine konsequente Aufarbeitung für sich in Anspruch nahm, war tatsächlich an Aufklärung wenig interessiert. Es ging eher um die symbolische Repräsentation des kommunistischen Widerstandes als Legitimation der Herrschaft der SED als um eine genaue Erforschung der komplexen und widersprüchlichen Vergangenheit. An wen genau die vielen antifaschistischen Gedenktafeln und -steine in den Gemeinden und Städten erinnerten, war vielleicht in den ersten Jahren nach dem Kriegsende noch im kommunikativen lokalen Gedächtnis präsent. In den Inschriften auf den jeweiligen Gedenksteinen wurde das Wissen jedoch nicht bewahrt. Dort wurden sie alle zu »Antifaschisten« oder »Widerstandskämpfern«, die für eine bessere Welt – den Sozialismus gestorben waren und deren Vermächtnis in der DDR erfüllt wurde.
Ich will heute einmal nicht auf die großen Gedenkstätten an den Orten der NSVerbrechen schauen, sondern auf die Erinnerung, die im Alltag der Leute stattfindet. Auf die kleinen Gedenkzeichen und Tafeln, die ein Stück ihrer eigenen Geschichte widerspiegeln, auf die sie Einfluss nehmen konnten und können. In den kleinen Städten und Gemeinden gibt es meist das Kriegerdenkmal und den antifaschistischen Gedenkstein, der ursprünglich auf ein nahegelegenes KZ-Außenlager, ein Zwangsarbeitslager, auf in den letzten Kriegstagen ermordete Häftlinge oder auf erschossene Deserteure hinweist, ohne dass das in den Texten vorkam. Deshalb ist dieser Anlass aus der Erinnerung fast völlig verschwunden. Außerdem gibt es in vielen Dörfern, in fast jeder ostdeutschen Stadt ein Ehrenmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten. Sie wurden meist an einem zentralen Punkt begraben, an der nicht selten vorher ein anderes Denkmal – etwa für Kaiser Wilhelm, Friedrich II oder Bismarck – stand, das weggeräumt oder dessen Sockel weiter genutzt wurde. Die sowjetischen Ehrenmäler sehen heute manchmal traurig aus. Obwohl es Verträge gibt, in denen sich die Gemeinden zur Erhaltung und Pflege verpflichtet haben, wurden von den Obelisken manchmal die Sterne abgebrochen und durch Kreuze ersetzt, in anderen Fällen wurden die Gedenkzeichen von der Ortsmitte an den Rand versetzt oder es gab jahrelange Diskussionen, wie zum Beispiel in Treuenbrietzen, sie ganz zu beseitigen. Die gefallenen sowjetischen Soldaten das sind die »fremden« Toten, die ebenso wie die umgekommenen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen nie wirklich in die kollektive Erinnerung integriert wurden. Die Begräbnisplätze der gefallenen Wehrmachtssoldaten dagegen waren bis 1990 halb versteckt oder schwer zugänglich, offizielle Zeremonien fanden dort nicht statt
Seit der deutschen Vereinigung 1990 löste sich die bisher so fest gefügte Erinnerungskultur der DDR sehr schnell auf. Der staatsoffizielle Antifaschismus war am Ende. Seine Botschaft, die unmittelbar an die Existenz der DDR und die SED-Herrschaft geknüpft war, hatte sich verbraucht. Aber auch schon in den achtziger Jahren hatte sie ihre Adressaten immer weniger erreicht. Die Generationen, die Krieg und zerstörte Städte nicht mehr unmittelbar erlebt hatten, fühlten sich an die Losung: »Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus« immer weniger gebunden. Anstelle des starren eindimensionalen Erinnerungsbildes war es nun möglich, ein differenzierteres Bild des NS zu gewinnen, frei von den machtpolitischen Instrumentalisierungen aus der Zeit des Kalten Krieges. Statt dem einzigen Narrativ vom Widerstandskampf und seinem Vermächtnis wurde es nun möglich, sich der Vielzahl der unterschiedlichen Opfergruppen, den tatsächlichen historischen Geschehnissen zu nähern. Aber das hieß für die ehemaligen DDR-Bürger auch, die bisherige Identifikation mit den antifaschistischen Kämpfern und mit den sowjetischen Befreiern aufzugeben. Das hieß, die eigene Geschichte, die eigenen Leiden, die eigenen Toten, aber auch die eigene Verantwortung für die Verbrechen ernst zu nehmen.
Gleichzeitig stand auch die bisher (im Osten) verbindliche Sicht auf die Geschichte der SBZ/DDR zur Disposition. Tabus existierten nicht mehr. Von der Willkür der sowjetischen Besatzer, von Unrecht, Verfolgung, Unterdrückung während der DDR-Zeit durfte, ja sollte nun gesprochen werden. Die Opfer erwarteten, forderten, dass sie nach so vielen Jahrzehnten des Schweigens endlich auch einen Platz in der öffentlichen Erinnerung bekamen. Bei soviel Auflösung und Umsturz bisheriger Gewissheiten waren hoch aufschießende Emotionen, Verunsicherungen und Konflikte vorprogrammiert. Es verwundert nicht, dass die verschiedenen Vergangenheiten miteinander in Konkurrenz gerieten, dass die alte Totalitarismus-Theorie aus der Zeit des Kalten Krieges wieder ins Gespräch kam und dass sich Leute zu Wort meldeten, die die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, weil sie mehr als 40 Jahre lang so eng mit den machtpolitischen Interessen der SED verflochten war, gleich zusammen mit der SED-Herrschaft entsorgen wollten.
Die »wilde« der Zeit der Konflikte und Denkmalsstürze im Osten ist längst vorbei. Die Erinnerungskultur, die wir heute vorfinden, enthält einerseits noch viele Spuren des DDR-Antifaschismus, Prägungen, die nachwirken, andererseits ist sie das Ergebnis eines raschen Paradigmenwechsels, einer »nachgeholten« Entwicklung, die in der alten Bundesrepublik in mehr als zwei Jahrzehnten gewachsen ist. Aber dieser bundesdeutsche Erinnerungskonsens, mit einem verbindlichen Wissenscode und einem bestimmten Diskussionsstand, der mit der Vereinigung auf die neuen Bundesländer ausgedehnt wurde, trifft auf eine andere Gesellschaft als die alte BRD der siebziger und achtziger Jahre. Das ist eine Gesellschaft, in der die öffentliche Auseinandersetzung, die Bürgerbeteiligung an solchen Prozessen wenig geübt ist. Diese Gesellschaft stand nicht nur vor der Aufgabe, ein neues Verhältnis zur NS-Vergangenheit zu gewinnen. Gleichzeitig hat sie die Aufgabe, sich mit der Geschichte der SBZ/DDR auseinander zu setzen, mit der Geschichte der zweiten deutschen Diktatur, die jahrelang tabuisiert war und deren Opfer und Verfolgte nun keine sehr große Geduld an den Tag legen. Sie wollen endlich auch einen Platz im öffentlichen Gedächtnis haben. Die Vorstellungen davon, wie dieser Platz aussehen sollte, waren maßgeblich von der Erinnerungskultur an die NS-Vergangenheit geprägt.
Die gegenwärtige Erinnerungskultur in den neuen Bundesländern ist also eine sehr unübersichtliche Landschaft, in der viele Kräfte auf vielen Ebenen wirken.
Ich möchte dabei vor allem zwei Punkte hervorheben: Die mangelnde Erfahrung mit Meinungsstreit, mit demokratischer Auseinandersetzung über die verschiedenen Gedächtnisse und Formen des Gedenkens und die häufige Verkoppelung von NS-Vergangenheit und SBZ/DDR-Geschichte
Zu Beginn der neunziger Jahre war ich als Bürgerdeputierte in einem Ausschuss im Ostberliner Stadtbezirk Lichtenberg, der sich mit Straßenumbenennungen beschäftigte. Es gab zu dieser Zeit viele Anträge von Bürgern, die Straßennamen aus der DDR-Zeit loszuwerden. Den Antragstellern war es dabei ziemlich egal, ob es sich dabei um den Führer des vietnamesischen Befreiungskampfes Ho Chi Minh oder um den tschechoslowakischen Erzstalinisten Clement Gottwald handelte. Ein Bürger, der in der Ho-Chi-Minh-Straße wohnte, schrieb sogar in einem Brief, dass er eine rasche Änderung des Namens deshalb wünschte, damit er nicht noch nach zehn oder zwanzig Jahren an seiner Adresse als ehemaliger DDR-Bürger zu erkennen sei. Ich weiß nicht, wie dieser Mann heute darüber denkt. Vielleicht hat er gemerkt, dass man seine Identität nicht so einfach los wird. Vielleicht fühlt er sich heute als »Bürger zweiter Klasse« in seinem alltäglichen Leben gedemütigt. Im Stadtbezirk Prenzlauer Berg gab es zur gleichen Zeit einen Konflikt um die Straßennamen eines ganzen Viertels. Dieses Viertel war während der Weimarer Republik vom Architekten Bruno Taut im Auftrag der GEHAG, einer gewerkschaftlichen Wohnungsbaugesellschaft, errichtet worden. Das Viertel hieß »Carl-Legien-Stadt«. Seine Straßen waren nach sozialdemokratischen Gewerkschaftsfunktionären benannt. Während der NS-Zeit wurde daraus das »Flandrische Viertel«, die Straßen erhielten Namen von Kriegsschauplätzen aus dem Ersten Weltkrieg. Die DDR benannte die Straßen 1952 schließlich nach ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfern. Nach der Wende forderte die neu gegründete Sozialdemokratische Partei im Stadtbezirk eine Rückbenennung. Die Veteranen der Gewerkschaftsbewegung sollten wieder auf den Straßenschildern erscheinen. Dagegen regte sich Widerstand. Der Vorschlag einer unabhängigen Expertengruppe, den damaligen Zustand zu belassen und alle früheren Straßennamen von den 20er Jahren bis zur Gegenwart auf Ergänzungsschildern zu vermerken, wurde abgelehnt. Eine solche Konzeption hätte die Namen von Straßen als Jahresringe der Stadt begriffen, sie hätte die Zeitbedingtheit der verschiedenen Benennungen offenbart und nicht einfach wieder einen neuen »Deckel«, eine neue verbindliche Version auf die Erinnerungen gelegt. Dass die Straßennamen aus der DDR-Zeit letztlich doch beibehalten wurden, war einzig der Tatsache geschuldet, dass das Berliner Straßengesetz von 1985 eine Umbenennung von Straßen nicht zulässt, die an Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime erinnern
In den ersten Jahren nach der Wende wurden häufig Gedenktafeln aus der DDR-Zeit beschädigt oder abgerissen. So verschwand mehrmals die Tafel unter der S-Bahnbrücke am Berliner Bahnhof Friedrichstraße, die an die beiden jungen Soldaten erinnerte, die in den letzten Kriegstagen an dieser Stelle von SS-Leuten erhängt worden waren. Wurde die Tafel als Symbol der DDR-Zeit angesehen und deshalb zerstört? War es einfach Vandalismus, ein Zeichen für die sich damals auflösende Ordnung? Der Berliner Verein Aktives Museum machte es sich damals zu seiner Aufgabe, das Geschehen aufmerksam zu verfolgen und solche Tafeln immer wieder zu erneuern.[2]
Im Fürstenberger Ortsteil Ravensbrück wurde Anfang der neunziger Jahre eine Gedenktafel von einem Haus in der Dorfstraße entfernt. Die Aufschrift erinnerte daran, dass Rosa Thälmann, die Ehefrau des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, sich Ende April 1945 in diesem Haus verstecken konnte und so dem Todesmarsch der Häftlinge entging. Heute wird die Tafel im Depot der Gedenkstätte Ravensbrück aufbewahrt. Als ich 1999 mit einigen Anwohnern Interviews führte, erfuhr ich, dass die Tafel seit ihrer Anbringung – das war vermutlich Mitte der sechziger Jahre – Ärger und Unmut verursacht hatte. Sie enthielt nämlich nur die halbe Wahrheit. Es fehlte der Name des Hausbesitzers, der Rosa Thälmann und weitere Häftlingsfrauen (die Angaben schwanken zwischen zwölf und zwanzig) bis zur Ankunft der Roten Armee beherbergte. Der Bauunternehmer Hermann Ahlgrimm war 1953 wegen »staatsfeindlicher Hetze« von der Staatssicherheit verhaftet und enteignet worden. Deshalb durfte er in diesem Zusammenhang nicht erwähnt werden. Die Tafel wurde also mit großer Wahrscheinlich nicht deshalb abgebaut, weil die Erinnerung an das KZ und den Todesmarsch »entsorgt« werden sollte oder weil die Personen und Ereignisse, denen der Text gewidmet war, gleichgültig waren. Eher im Gegenteil. Bis heute jedoch gibt es keine neue Tafel, auf der Hermann Ahlgrimm und die Namen der anderen geretteten Häftlinge genannt werden.
Regina Scheer berichtet in ihrem Buch von einem ähnlichen Fall aus dem brandenburgischen Haselberg. Auf dem Dorfanger wurde 1965 neben dem Kriegerdenkmal ein Denkmal für die Opfer des Faschismus aufgestellt. Es handelte sich um einen einfachen Sandsteinblock auf einem Sockel mit der Inschrift: »Als Mahnmal und Erinnerung, dem Widerstandskämpfer Fritz Dornbusch und all den vielen Opfern des Faschismus gewidmet«. Fritz Dornbusch aus Wriezen, Bauarbeiter und KPD-Mitglied wurde im Juli 1944 in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Nach drei Monaten wurde er entlassen. Es hieß, er sei am 18. April 1945 in der Brennerei von Haselberg von einem SS-Mann erschossen worden, weil er versucht hätte, die sinnlose Zerstörung von Wriezen zu verhindern und die Stadt kampflos zu übergeben. Nach der Wende meldeten sich Zeitzeugen, die übereinstimmend berichteten, was ohnehin viele im Ort wussten: Fritz Dornbusch war nicht durch die SS sondern durch Soldaten der Roten Armee zu Tode gekommen, die in die Fenster eines Kellers geschossen hatten, wo Dornbusch zusammen mit anderen Ortsbewohnern auf das Kriegsende gewartet hatte. In der DDR hatte man den tragischen Tod des KZ-Häftlings und Widerstandskämpfers umgelogen, auch ein falsches Todesdatum angegeben. Die Gemeindevertretung ließ den Stein schließlich abbauen, Regina Scheer ist der Meinung, dass die Einwohner aufgrund dieser offenkundigen Lüge nie einen Bezug dazu entwickelt hätten. Aber ein neues Erinnerungszeichen, das die richtige Geschichte von Fritz Dornbusch erzählt hätte, wurde nicht aufgestellt
In Fürstenberg und in Haselberg waren die Aussagen auf den Gedenkzeichen zu DDRZeiten verkürzt oder verfälscht worden, weil ein antifaschistischer Widerstandskämpfer nicht durch eine sowjetische Kugel – und sei sie auch nur verirrt – ums Leben kommen durfte und weil ein verhafteter Staatsfeind kein antifaschistischer Widerstandskämpfer sein durfte. Beide Beispiele zeigen nicht nur, wie schwierig es ist, auch 16 Jahre nach der Vereinigung, die Geschichten in ihrer Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit zu erzählen und neue Formen der Erinnerung dafür zu finden. Sie zeigen aber auch, wie eng die Erinnerung an den Nationalsozialismus mit der SBZ/DDR-Geschichte verkoppelt ist. Damit müssen nicht nur die Mitarbeiter der großen KZ-Gedenkstätten in Buchenwald und Sachsenhausen umgehen, die in den vergangenen Jahren vor der Aufgabe standen, auch die lange Zeit tabuisierte Geschichte des sowjetischen Speziallagers am gleichen Ort in ihre Arbeit einzubeziehen, ohne dass beide Vergangenheiten miteinander vermischt wurden und ohne die Empfindlichkeiten der Überlebenden zu verletzen. Auch die Gedenkstätten in den Haftanstalten Dresden, Bautzen, Torgau u.a. stehen vor der Aufgabe, eine angemessene Form des Umgangs mit der Repression in der unmittelbaren Nachkriegszeit und in der DDR-Zeit finden. Dass es dabei immer wieder zu Konflikten kommt, ist kaum verwunderlich.
Eine andere Art von Verquickung von NS- und DDR-Vergangenheit spielte bei einem Skandal eine Rolle, der vor einigen Jahren die Bürgerschaft von Jena erschütterte. Als der Publizist Ernst Klee 1998 öffentlich machte, dass der in der DDR hochgeehrte Kinderarzt Jussuf Ibrahim während der NS-Zeit in den Mord an kranken Kindern verstrickt war, weigerte sich die Stadtverwaltung lange Zeit, dem »Retter der Kinder«, wie Ibrahim genannt wurde, die Ehrenbürgerwürde endlich abzuerkennen. Die Enthüllungen Klees stießen in Jena vor allem auf Abwehr. Eine Auseinandersetzung kam nur mühsam in Gang. Viele Bürger sahen darin vor allem einen »westlichen« Versuch (Ernst Klee lebt in Frankfurt/Main), die Verdienste der DDR-Medizin in Misskredit zu bringen. Bei genaueren Recherchen stellte sich übrigens heraus, dass die DDR-Staatssicherheit sehr gut über Ibrahims und seiner MitarbeiterInnen Täterschaft informiert war. Die Akten wurden jedoch unter Verschluss gehalten, um das Image der international renommierten Mediziner zu schützen. Der Ibrahim-Skandal offenbart noch eine dritte Prägung des DDR-Antifaschismus, die bis heute fortwirkt. Es handelt sich um eine Art »Beziehungslosigkeit« zur NS-Vergangenheit. Die DDR betrachtete sich ja bekanntlich nicht als Nachfolgestaat des Dritten Reiches sondern als einen antifaschistischen Staat mit einer antifaschistischen Bevölkerung. Die Verantwortlichkeit für die Verbrechen war in der Zeit des Kalten Krieges in den bundesdeutschen Nachbarstaat ausgelagert worden. Ein bequemes Erklärungsmodell, das von vielen Bürgern angenommen worden war, auch wenn sie der SED-Herrschaft ansonsten eher distanziert gegenüber standen.
In diesem Winter übrigens wurde das Denkmal für die Zwangsarbeiter in dem mecklenburgischen Dorf zwischen Neustrelitz und Feldberg umgestürzt. Vielleicht war es schon nicht mehr sehr stabil, nachdem der hölzerne Sockel von Ameisen angefressen war. Vielleicht haben es die Waldarbeiter versehentlich umstoßen, als sie mit ihren Fahrzeugen totes Holz aus dem Wald zogen. Aber statt das Zeichen wieder aufzurichten, warfen sie einige große Äste darüber und kümmerten sich nicht weiter darum. Der Bürgermeister hat versprochen, die Verwaltung des Müritz Nationalpark zu informieren. Mehr könne er nicht tun, sagte er, denn die Gemeinde habe ja eigentlich mit dem Denkmal nichts zu tun. Als ich vorsichtig einwandte, dass die Gemeinde doch aber mit den Zwangsarbeitern etwas zu tun gehabt hätte, mischte sich seine Frau ein. Die Leute seien »sehr human« behandelt worden, sagte sie bestimmt. Und die Baracke dort am Rand des Weges, die eben ihr Quartier gewesen sei.
Dr. Annette Leo hat seit der Wende an zahlreichen Projekten zur Erinnerungskultur in Deutschland, u.a. am Forschungsinstitut für Arbeiterbildung in Recklinghausen, für die Bundeszentrale für politische Bildung und die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten mitgearbeitet. Als Mitglied verschiedener Gedenkstätten-Gremien kennt sie die Arbeit aus kontinuierlicher Anschauung.
[1] Regina Scheer, Der Umgang mit den Denkmälern. Eine Recherche in Brandenburg, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2003.
[2] Vgl. Martin Schönfeld, Gedenktafeln in Ostberlin. Orte der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, Berlin 1991.