»… und was machen wir jetzt mit dem Lager?«

Möglichkeiten der Arbeit und des Engagements an Gedenkstätten - Tagung zum 20-jährigen Bestehen des Vereins Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel, Bremervörde, 13.-15. Januar 2012
04/2012Gedenkstättenrundbrief 165, S. 44-45
Andrea Genest

Es ist zwanzig Jahre her, dass sich der Verein »Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel e.V.« mit dem Ziel gegründet hat, die Geschichte des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Stalag X B Sandbostel zu erforschen und sich um eine Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Lagers zu bemühen. Die Forderungen nach einem angemessen Ort des Gedenkens und der Information gehen dabei bereits bis in die 1970er Jahre zurück und sind seither immer wieder Anlass für öffentlich ausgetragene Konflikte, auch über die regionale Presse hinaus.

Vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzungen ist es als Erfolg zu werten, dass das zwanzigjährige Bestehen des Gedenkstättenvereins um den Historiker Dr. Klaus Volland im Januar 2012 in Bremervörde unter großer Anteilnahme mit einem Festakt und einer Tagung begangen wurde. Anlass, einige Personen öffentlich zu ehren, die die Arbeit insbesondere in der Anfangszeit sehr gestärkt haben: Petra Fischer stellte dem Verein seit 1993 eine Wohnung in Bremervörde zur Verfügung, die als erste Gedenkstätte genutzt wurde – die Baracken des ehemaligen Lagers dienten zu diesem Zeitpunkt noch als Magazin für einen Militariahändler, das ehemalige Lagergelände selbst war als Gewerbegebiet ausgewiesen. Heike Treu, Politikerin der Grünen, gehörte zu den Gründerinnen des Vereins und Ludwig Althaus unterstützte als SPD-Kreistagsabgeordneter mit politischen Initiativen die Bemühungen um die Gründung einer Gedenkstätte. Und nicht zuletzt war es an der Zeit, Klaus Volland für sein unermüdliches Engagement in den letzten dreißig Jahren einen großen Dank auszusprechen. 2005 führten all diese Ansätze zur Gründung der Stiftung Lager Sandbostel, die den Rahmen für die sich derzeit im Entstehen befindende Gedenkstätte Lager Sandbostel bildet. Der Verein ist weiterhin neben anderen Institutionen Mitglied der Stiftung und begleitet auch die Arbeit an der neuen Ausstellung. Eine wichtige Grundlage ist noch immer die Monographie zur Geschichte des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Sandbostel, die Klaus Volland und Werner Borgsen bereits 1991 vorgelegt haben.[1]

Eine besondere Ehrung erfuhr Ruth Gröne, die sich seit Jahren vehement für eine Gedenkstätte einsetzt. Ihr liegt insbesondere an einer angemessene Ehrung der im KZ-Auffanglager Gestorbenen. Ihr Vater ist einer von ihnen gewesen. Sie besucht Sandbostel regelmäßig und verbindet dies mit einer Möglichkeit, Jugendlichen aus der Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Den Festvortrag hielt Andreas Ehresmann, Projektleiter der Gedenkstätte und des Ausstellungsprojekts in Sandbostel. Er stellte den Umgang mit den elf im Besitz der Stiftung Lager Sandbostel befindlichen Originalbaracken in den Mittelpunkt seiner Ausführungen, um an ihnen einige Grundsätze in der Arbeit der Gedenkstätte zu verdeutlichen. Diskursivität sei ein wesentliches Merkmal. Diese verbiete auch eine immer wieder geforderte Rekonstruktion der Originalbaracken, was nur einen vermeintlich einfacheren Zugang zur Geschichte bieten würde. »Mit Rekonstruktionen entspräche man nur den mitgebrachten Bildern im Kopf der Besucher und nähme der historischen Substanz ihre Glaubwürdigkeit«, so Andreas Ehresmann.[2]

Dr. Habbo Knoch, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, hob in seinem Grußwort die an diesem Ort besonders eindrückliche Überlagerung historischer Schichten hervor, die zu den Besonderheit der Gedenkstätte in Sandbostel gehöre. Das ehemalige Lager wurde in der Nachkriegszeit nacheinander als Lager für internierte SS-Männer von den britischen Besatzungsbehörden, als Strafgefängnis und in den 1950er Jahren als Notaufnahmelager für jugendliche männliche Flüchtlinge aus der DDR geführt. In den 1960er Jahren diente es als Depot für die Bundeswehr und seit den 1970er Jahren war das Gelände als Gewerbegebiet ausgewiesen. Nachdrücklich hob Habbo Knoch die gelungene Verbindung von bürgerschaftlichem und kommunalem Engagement in der Arbeit der Gedenkstätte hervor. Und so ließ es sich auch der Landrat Hermann Luttmann nicht nehmen, den engagierten Demokraten zu gratulieren.

Dem Festakt folgte eine Tagung, die sich mit der Zukunft der Gedenkstätte beschäftigte. Während eine ähnliche Konferenz vor fünf Jahren noch Anlass war, über eine Institutionalisierung der Gedenkstätte zu diskutieren, stand in diesem Jahr die weitere Ausgestaltung der Arbeit im Vordergrund. Insbesondere die Frage, wie das von Habbo Knoch hervorgehobene ehrenamtliche Engagement in einer sich professionalisierenden Gedenkstätte auch weiterhin seinen Platz finden kann, prägte die Diskussionen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung Lager Sandbostel stellten einige Überlegungen zum Thema vor, die im weiteren Verlauf intensiv diskutiert wurden. Carola Pliska berichtete aus der Entwicklung eines pädagogischen Konzepts an der Gedenkstätte, das die Möglichkeiten vor Ort nutze, aber auch den Bedürfnissen vor allem der Schulen Rechnung trage. Dr. Jens Binner brach eine Lanze für eine historisch-kritische Heimatgeschichtsforschung, die zugleich eine nicht zu vernachlässigende Ressource der Gedenkstättenarbeit darstelle. Sie sei es, die häufig einen direkten Zugang zu den Quellen der Umgebung finde. Dörthe Engels diskutierte in einem Werkstattbericht die Reichweiten der Quellen, die den Ausstellungsmachern zur Verfügung stehen. Anhand der Rotkreuzberichte zeigte sie Erkenntnismöglichkeiten und Grenzen auf und sprach sich für eine kritische Lesart aus, die auch immer wieder auf Lücken im historischen Wissen verweise. Dr. Andrea Genest fragte nach den Funktionen von Erinnern und Gedenken an einem Ort, der durch so unterschiedliche Nutzungen geprägt ist. Wem wird gedacht – und was wird erinnert? Neben der Frage des Umgangs mit der Vergangenheit durch die Jahrzehnte hindurch, die in der neuen Ausstellung größeren Raum einnehmen werde, rücke auch die deutsche Nachkriegsgeschichte stärker ins Bewusstsein.

Diese Tagung hat gezeigt, dass die Gründung einer institutionalisierten Gedenkstätte die Diskussionen um die Geschichte Sandbostels und ihre Bedeutung nicht bremsen muss. Im Gegenteil: Fragen nach den Schwerpunktsetzungen, der Einbeziehung der Umgebung oder auch der Bedeutung der Nachkriegsnutzungen werden engagiert aufgegriffen. Dieses Potential an kritischer Begleitung und zivilgesellschaftlichem Engagement auch im Zuge einer Professionalisierung der Gedenkstättenarbeit einzubeziehen, scheint eine lohnende, aber auch dringende Aufgabe für die nächste Zukunft zu sein.
 

Dr. Andrea Genest arbeitet seit 2011 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Gedenkstätte Lager Sandbostel. Sie bereitete dort die Ausstellung zur Nachgeschichte des ehemaligen Lagers vor.
 

[1] Vgl. Werner Borgsen, Klaus Volland: Stalag X B Sandbostel. Zur Geschichte eines Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers in Norddeutschland 1939–1945. Bremen 2010 (4. Auflage).

[2] Vgl. dazu Andreas Ehresmann: Die Neugestaltung der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel, Gedenkstättenrundbrief 143 (2008), S. 14–24.