Unbequeme Kunst am authentischen Ort

Ausstellung »Roger Loewig – Grenzerfahrungen« in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
10/2001Gedenkstättenrundbrief 103, S. 31-33
Christiane String

Danke für die Bilder von Loewig an diesem Ort.

Zitat von Lilo Fuchs im Besucherbuch der Ausstellung

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zeigt im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit die schwermütigen Bilder des Malers und Dichters Roger Loewig (1930–1997). Die farbigen Arbeiten stehen auf Staffeleien. Der Zyklus »Bilder aus deutscher Geschichte und Gegenwart« von 1962 ist nach Jahren wieder vollständig zu sehen.

Zwei Welten treffen hier aufeinander: Die Atmosphäre einer musealen Kunstausstellung mit ihren Prinzipien von Bildauswahl und Hängung und die Aura des authentischen Ortes, in diesem Fall die schäbige Eleganz von Repräsentationsräumen des MfS. Heute werden in diesem Raum Einführungsvorträge für die Besucher gehalten bevor der Rundgang durch die Gedenkstätte beginnt. An der Stirnseite des Raumes hängen die Übersichtspläne der zentralen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Berlin Hohenschönhausen und des militärischen Sperrgebiets, in dessen Kern das Gefängnis liegt. Die Pläne sind eingerahmt durch Roger Loewigs Zyklus »Die Zelle« von 1966.

Roger Loewig zeichnete diesen Zyklus nach seiner Haftentlassung. Verhaftet wurde er im Sommer 1963 wegen einer Ausstellung in den Privaträumen eines Berliner Pfarrhauses. Dort zeigte er vor etwa dreißig Eingeladenen seine Bilder zur Berliner Mauer und hielt einen Diavortrag. Einer der Teilnehmer wurde auf dem Heimweg nach Westberlin an der Grenze festgehalten und das Ministerium für Staatssicherheit erfuhr von der Veranstaltung.

»Der Beschuldigte Loewig lehnte die Kulturpolitik der DDR bewusst ab. Er wandte sich gegen den Sozialistischen Realismus und forderte, dekadenten Kunstrichtungen in der DDR verstärkte Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Auch hatte er sich vor dem 13.8.1961 sehr stark nach Westberlin orientiert, und nach Beginn der Sicherungsmaßnahmen fertigte er mehrere Bilder an, in denen er seine feindliche Einstellung gegen die Grenzsicherungsmaßnahmen zum Ausdruck brachte. Auf diesen Bildern stellte er die Bürger der DDR als verzweifelte, gequälte Menschen dar, die durch die Sicherung der Staatsgrenze ihrer Freiheit beraubt wären…«

Aus der Anklageschrift wegen »staatsgefährdender Hetze im schweren Falle« gegen Roger Loewig, 1963. Etwa ein Jahr lang lebte Roger Loewig im Untersuchungsgefängnis Berlin-Pankow isoliert. Die Vernehmer drohten ihm eine Haftzeit von 20 Jahren an. Loewigs Wohnung in Berlin-Köpenick wurde durchsucht; Bilder und Manuskripte wurden beschlagnahmt und ein Teil ist seither verschollen. Von dem Zyklus »Bilder aus meinem Leben« sind von ehemals 65 Zeichnungen nur noch 42 Blätter erhalten.

Im Juli 1964 wird Roger Loewig aus Mitteln des Bundesministeriums für innerdeutsche Angelegenheiten »freigekauft«. Nach der Haftentlassung in die DDR zog sich Loewig nach Belzig in das Haus eines Freundes zurück. In diesem Provisorium lebt und arbeitet er und es entsteht von 1965 bis 1972 ein Großteil seines Gesamtwerkes. Im öffentlichen Leben der DDR bleibt Roger Loewig ein Außenseiter. Stigmatisiert durch die politische Haft gerät er mehr und mehr in politische Isolation und tritt im Mai 1971 aus dem Verband bildender Künstler der DDR aus. 1972 verläßt Roger Loewig die DDR und zieht ins Märkische Viertel in Westberlin. Aber auch im Westen bleibt er heimatlos. Er lebt, nach seinen Worten, im »Niemandsland«, in einer zerschnittenen Welt; er ist »ein Landsucher auf der Suche nach Menschenland«.

Roger Loewigs Themen sind die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die deutsche Teilung, seine eigene Entwurzelung und die im Gefängnis erfahrene Bedrohung verschmolzen mit den Landschaftsformen des Fläming seines Arbeitsortes Belzig.

Diese Bilder mit zerrissenen, geplagten oder wenigstens schwermütigen Lebewesen hängen nun im ehemaligen zentralen Stasigefängnis vor unterschiedlichen meist gelbgetönten Tapeten aus DDR-Produktion. Im Keller darunter sind die leeren Zellen des berüchtigten »U-Bootes«, dem Gefängnis der sowjetischen Besatzungsmacht aus der Nachkriegszeit, und im Stockwerk über der Ausstellung geht es in die ehemaligen Vernehmerräume.

Der Raum tritt nicht hinter Loewigs Arbeiten zurück, sondern er reichert sie mit der Atmosphäre an, die zur Entstehungszeit der Bilder nicht nur in öffentlichen Räumen des Staates DDR gegenwärtig war. Der authentische Ort wirkt auf die Roger Loewigs Motive zurück. In der Symbiose von künstlerischem Werk und Haftort gelingt es zu zeigen, was nicht in den Tapeten oder dem DDR-Geruch im Linoleum versteckt ist: die zarte zerbrechliche menschliche Fähigkeit zum Widerstand.

Die Ausstellung »Roger Loewig – Grenzerfahrungen« ist voraussichtlich

bis 8. November 2001 in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zu sehen.

Eine Verlängerung wird geprüft. Sie wurde in Kooperation mit der

Roger Loewig-Gesellschaft realisiert. www.roger-loewig.de/Pages/kontakt.html