Wer sich durch die unzähligen Lokalstudien arbeitet, die sich mit »Verfolgung und Widerstand« sowie der Judenverfolgung während der NS-Herrschaft beschäftigen und derer es besonders seit dem 50-Jahres-Zyklus der 1980er-Jahre viele gibt, dem wird – oftmals schon auf den Titelseiten – der Begriff des »Schicksals« auffallend häufig begegnen. Viel zu lesen ist dann über das »Schicksal der jüdischen Mitbürger«, das »Schicksal der Verfolgung« oder »einzelne Lebensschicksale in dunkler Zeit«. In lokalen und regionalen Erinnerungsschriften, Schüler- und Projektarbeiten zur NS-Zeit, Büchern von Stadtarchivaren oder Heimatforschern, stadtgeschichtlichen Dokumentationen über Formen des Widerstands oder in den von Kulturämtern oder Geschichtsvereinen herausgegeben Broschüren über die Novemberpogrome wird er ebenso unreflektiert benutzt wie zuweilen auch in der jüngeren wissenschaftlichen Fachliteratur.
Auch der Journalismus hantiert mit dem vermeintlich Schicksalhaften ungebrochen munter, völlig unabhängig, welche Tragweite ein erinnerungskulturelles Ereignis haben mag: Als der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki am Holocaust-Gedenktag 2012 im Deutschen Bundestag sprach und vor allem seine ganz persönlichen Erfahrungen im Warschauer Ghetto schilderte, machte es sich die »Welt« einfach und titelte ebenso simpel wie lapidar: »Reich-Ranicki erinnert an das Schicksal der Juden«. Und als in Kall in der Nordeifel sich rund einen Monat zuvor ein »Aktivkreis Stolpersteine« gegründet hatte, bilanzierte die »Kölnische Rundschau« etwas voreilig: »Schicksale der Juden erforscht« – obwohl doch erst über die Gründung und die geplanten Vorhaben des Aktivkreises berichtet werden sollte.[1] Ein drittes journalistisches Beispiel liefert der »Spiegel«: Die Geschichte eines weiblichen Auschwitz-Häftlings, der von Josef Mengele gefoltert wurde und diesem in der Rückschau verzeihen konnte, wurde reißerisch übertitelt mit »Holocaust-Schicksal: Vergebung für einen Teufel«.[2]
Bereits recht früh setzte sich der Schicksalsbegriff in den geschichtspolitischen und erinnerungskulturellen Schriften vehement durch. Die Stadt Hagen im östlichen Ruhrgebiet beispielsweise gab bereits 1961 ein »Gedenkbuch zum tragischen Schicksal unserer jüdischen Mitbürger« heraus, das den nicht weniger pathetischen Untertitel »Erinnerung und Achtung, Anklage, Mahnung und Verpflichtung« trug.[3] Die Stadt Heilbronn zog zwei Jahre später nach: Hans Frankes »Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn« von 1963 gilt bis heute als Standardwerk.[4] 1969 folgte dann eine »Schicksals«-Dokumentation über die Juden Baden-Württembergs[5], die zum Teil auf die ein Jahr zuvor publizierte Studie von Gerhard Taddey zurückgriff.[6] Auch für die dann folgenden Jahre – der Trend der Lokalgeschichte, sich auch dem »dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte« zu widmen, hatte gerade erst begonnen – könnte man dutzende Publikationen auflisten, die (scheinbar) mehr das Schicksal als die Geschichte in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen.[7]
Ob Gedenkbücher[8] oder Ausstellungskataloge[9], allerorten schien auch in den 1980er-Jahren der »Schicksals«-Begriff nahezu unvermeidlich. Und auch vor der untergehenden DDR machte der Popularitätsschub des Wortes nicht halt; bei unserem Beispiel kam zumindest noch ein im sozialistischen Sinne formulierter Verweis auf die Täter mit hinzu: Es ging um das »Schicksal« der Wittenberger »Rassejuden« und die »Nazifaschisten«.[10] Die Titel der Lokalstudien der 1980er- und 1990er-Jahre bestechen durch eine fast kongruent bestehende Klammerung an immer wieder ähnliche Vokabeln, Phrasen oder rhetorische Muster: Völlig gleich, ob es um das »Schicksal der Erlanger Judengemeinde in der NS-Zeit« oder um »Geschichte und Schicksal der Juden zu Beckum« ging, auf bestimmte Wortkombinationen wollten die Lokalhistoriker aus den Geschichtswerkstätten und pensionierte Gymnasiallehrer nicht verzichten.[11] Auch an »Einzelschicksalen«, also einzelnen Familien oder Personen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt worden waren, machten die Autoren ihre historische Einordnung exemplarisch fest.[12]
Besonders schicksalhaft wurde es allerdings in den 1990er-Jahren, nachdem man seit 1988, also mit den zum 50. Jahrestag der Pogromnacht erschienenen Publikationen, von einer regelrechten Massenproduktion lokaler Studien sprechen kann. Die Geschichte der Juden in der Region Rheinhessen[13], in Coburg[14] oder Hannover[15] wurden ebenso erarbeitet wie das »Schicksal« der Juden in Ravensburg[16], Karlsruhe[17] oder Esslingen[18] – und überall finden wir tatsächlich schablonenhaft identische Buchtitel. Beliebt waren oftmals auch die wenig geschmacksicheren Aufzählungen der an den Juden verübten Gräuel: »verfolgt, verbrannt, erschlagen, vergast: Das Schicksal der Juden in XY«.[19] Der vom Schicksal geleitete Blick beschränkte sich nicht nur auf die jüdischen Opfer des NS-Regimes, sondern auch auf Homosexuelle[20] oder die Opfer der Patientenmorde.[21]
Der Trend zum Schicksalhaften setzte sich in jüngster Zeit fort[22], und nicht einmal das Centrum Judaicum in Berlin[23], die Bundesrechtsanwaltskammer[24] oder der israelische Historiker Moshe Zimmermann[25] meinten, sie könnten in den Titeln ihrer neuesten Publikationen ohne das S-Wort auskommen. Die Germania Judaica, die Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums, verwahrt laut eigenen Angaben mindestens 370 Monografien, die in ihren Titeln und Überschriften mit dem Schicksal hantieren (2012).[26] Und auch 2013 ergeben Google-Suchen im Internet entsprechende Trefferquoten: Die Suche nach »Holocaust-Schicksal« ergibt 2870 Ergebnisse, die Kombination »Juden + Schicksal« schon mehr als 1 510 000 und »Judenverfolgung + Schicksal« stattliche 2 080 000 Treffer. Die Verknüpfung von Prädestination und Realgeschichte scheint also unübersehbar. Angesichts jener erdrückenden Fülle lohnt es sich also, diesem Begriff einmal nachzuspüren und schließlich die Frage aufzuwerfen, ob er in seiner tieferen Bedeutung und Tragweite tatsächlich ein geeigneter Begriff ist, um das zu beschreiben, was es zu beschreiben gilt.
Das Wort »Schicksal« entstammt wohl dem Altniederländischen schicksel. Laut Duden ist das Schicksal etwas »von einer höheren Macht über jemanden Verhängtes, ohne sichtliches menschliches Zutun sich Ereignendes, was jemandes Leben entscheidend bestimmt« sowie eine »höhere Macht, die in einer nicht zu beeinflussenden Weise das Leben bestimmt und lenkt.« Als Synonyme werden weitere Begriffe angegeben, wie etwa die Bestimmung, die Fügung oder die höhere Gewalt, das Los, die Schicksalsfügung oder die Vorsehung.[27] Die Römer sprachen von fatum und personalisierten den Begriff in Gestalt der Schicksalsgöttin Fortuna oder der Parzen, die Griechen nannten das Schicksal moira und glaubten dementsprechend an die Moiren oder die Göttin Tyche. In der nordischen Mythologie begegnen uns die Nornen, bei den Sumerern und Assyrern die Gottheit Namtaru, die arabischen Kulturen sprechen von Kismet oder Qisma. Die christliche Theologie verweist eher auf den göttlichen Willen, der das Leben der Menschen vorherbestimmt (Prädestination). Auch die 15. Auflage des »Großen Brockhaus« von 1933 verbindet den Begriff eindeutig mit höheren Mächten: Das Wort sei die »Bezeichnung für alles das, was dem Menschen widerfährt, insofern es ohne sein Zutun geschieht und von Bedeutung für seinen Lebenslauf ist; dann für eine unbekannte Macht, die gleichsam die Erfahrungen des Menschen lenkt […]. Diese Macht wird oft als so unüberwindlich vorgestellt, dass die Freiheit des Einzelnen völlig geleugnet wird.«[28]
Wir haben uns nach der Passgenauigkeit des Begriffes zu fragen, wenn es darum geht, Lebenswege und Biografien von Menschen zu beschreiben, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik geworden sind. Hierbei ist nicht zu vergessen, dass die Nationalsozialisten selber gerne das Zepter der Verantwortung aus der Hand gaben und von »Vorsehung«, »Prophezeiung« oder eben »Schicksal« parlierten. Als Hitler dem Reichstag (und der Weltöffentlichkeit) verkündete, ein neuer Krieg bedeute die »Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa«, dann tat er dies als selbst ernannter »Prophet«.[29] Sich hierauf beziehend schrieb Joseph Goebbels am 16. November 1941 die Ankündigung, dass »wir den Vollzug dieser Prophezeiung [erleben], und es erfüllt sich damit am Judentum ein Schicksal, das zwar hart, aber mehr als verdient ist.«[30] Menschen aber, die systematisch ausgegrenzt oder drangsaliert wurden, die zur Zwangsarbeit gezwungen, sterilisiert oder aus »rassischen« oder politischen Gründen in Zuchthäuser oder Konzentrationslager verbracht wurden, wurden dies aufgrund von Entscheidungen anderer Menschen, die solche Verbrechen ganz bewusst geplant und ausgeführt haben. In Auschwitz-Birkenau ermordet zu werden, hat rein gar nichts mit »Schicksal« zu tun; hier ist der Begriff ebenso unpassend wie andere Schlagworte, so etwa die oft herangezogenen »Schafe«, die angeblich willen- und widerstandslos »zur Schlachtbank« geführt wurden, oder die »christlichen Märtyrer«, die im Dachauer Pfarrerblock ermordet wurden. Pathos, Fatalismus und theologisch-verschwurbelte Ideen eines Opfergangs sind wenig hilfreich – weder in der historischen Analyse noch in der didaktischen Vermittlungspraxis. In Treblinka oder Maly Trostinez kam auch niemand einfach »ums Leben«, wie es oftmals auf Gedenktafeln der Nachkriegszeit hieß.
Solche Formulierungen sind nicht nur unglücklich und sprachlich sperrig, sondern sie vernebeln auch ganz aktiv konkrete Verantwortungsbereiche von Tätern, Bürokraten und Schreibtischtätern, Profiteuren und Mitwissern, Entscheidungsträgern in allen Ebenen – vom Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt über den Gau- und Zellenleiter bis hin zum einfachen »Volksgenossen« auf der Straße. Allesamt verstellen sie den Blick auf die unbequeme Tatsache, dass es für alle Handlungen, von der Entscheidung zum antijüdischen Boykott 1933 bis hin zu Himmlers »Auschwitz-Erlass« vom Dezember 1942, vom beherzten Zugreifen bei der »Arisierung« des Konkurrenten bis zur Denunziation eines Nachbarn, Handlungsträger und Ausführende gegeben hat, konkret benennbare Personen also, die diese Entscheidungen fällten oder umsetzten. Auch entpersonalisierte Chiffren wie »der Gesetzgeber«, »die Regierung« oder »die Nazis« verbergen die Verantwortung einzelner Akteure; sie lassen den Nationalsozialismus wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe erscheinen, der man sich passiv zu ergeben hat und der man nur fatalistisch-achselzuckend begegnen kann: Widerstand? Von vornherein zwecklos. Offenbar bestimmt alleine das Schicksal, wo es lang geht.
Beschönigend und anonymisierend, Schuld abwehrend und diffundierend tragen solcherlei Begriffe bis heute dazu bei, in Publikationen, auf Gedenktafeln oder -stelen die tatsächlichen Zusammenhänge menschlichen Handelns in einer Diktatur unnötig zu verzerren. Menschen wurden ermordet; sie brachten kein (freiwilliges) »Opfer« dar, sondern sie hätten viel lieber weiter gelebt, anstatt zu sterben. Sie wollten nicht »in ihrer Heimat bleiben«, sondern hatten viel eher keine Möglichkeit mehr zur Ausreise, sei es aus monetären, bürokratischen oder familiären Gründen. Sie wurden nicht aufgrund eines höheren Wesens, einer metaphysisch-anonymen Macht oder eines göttlichen Willens getötet, und weder JHWH noch der Heilige Geist, weder Fortuna noch Tyche und auch nicht der Genosse Zufall haben hiermit irgendetwas zu tun. Die berühmten »äußeren Umstände« sind stets menschengemacht. Wer das »Schicksal der Juden«, die ab Herbst 1941 aus Deutschland deportiert wurden, mit der babylonischen Gefangenschaft der Israeliten in biblischer Zeit gleichsetzt[31], schiebt die Verantwortung beiseite – und deutet zugleich im Subtext die Möglichkeit einer »gerechten Strafe« an.
Das bedeutet nicht, dass es tatsächliche Zufallsmomente nicht gegeben hätte, an denen tatsächlich ein schicksalhafter Anstrich haftet: Menschen, die sich zufällig nach Jahren am Bahnhof wieder treffen, weil ein Zug Verspätung hatte; Menschen, die gerade drüben beim Nachbarn sitzen, während die Gestapo bei ihnen klingelt und nach ihnen fahndet; Menschen, die auf einem Todesmarsch im Schnee ein Stück Brot finden und dadurch überleben; Menschen, die einen Bombenangriff durchstehen, weil sie in letzter Sekunde dem herabstürzenden Balken ausweichen, sie alle haben Momente erlebt, die scheinbar »von oben gelenkt« oder »vom Schicksal bestimmt« waren. Die allermeisten anderen Situationen, die Teil individueller Erinnerungen an den Nationalsozialismus sind und die den tatsächlichen Alltag in der Diktatur dominiert haben, wurden jedoch von Menschen selbst gesteuert, herbeigeführt oder geplant. Entscheidungen zu treffen, Handlungsspielräume auszuloten, zum Retter oder zum Massenmörder zu werden, bleibt dem Individuum (und den von den jeweils anderen Individuen erdachten Grenzen und Zwängen) vorbehalten. Zwischen den schwarz-weißen Extrempositionen Retter und Massenmörder, zwischen Held und Schlächter eröffnet sich der breite Horizont der Zwischentöne, der im Alltag von jedem Einzelnen Entscheidungen abverlangte: Will ich Verrat üben und das Feindsenderhören des Arbeitskollegen anschwärzen? Oder lasse ich es einfach bleiben? Bringe ich den Zwangsarbeitern Essen? Oder gehe ich am Lagerzaun schweigend vorüber? Mit Schicksal haben solche Fragen nichts zu tun.
Dass man den Opfern – oft genug den deutschen Juden – Passivität, Naivität und Blindheit für die Gefahren vorwirft und sie mitunter der Geschichte des unvermeidbaren Schicksals überlässt, ist hoch problematisch. Den Holocaust nicht als das zu verstehen, was er tatsächlich war – ein arbeitsteilig geplantes und effizient durchgeführtes Massenverbrechen -, sondern ihn in höhere Sphären und angebliche Sinnzusammenhänge hineinzuinterpretieren, ist nichts anderes als haltloser Unfug. Die Historikerin und Pädagogin Annegret Ehmann schreibt hierzu: »Das Bild von den Juden als Gott dargebrachtem Opfer ist so gefährlich falsch wie die Vorstellung, der industrielle Massenmord sei als schicksalhafte Katastrophe über sie gekommen […].« Die »Endlösung der Judenfrage« sei oftmals als eine solche »schicksalhaft hereinbrechende Katastrophe gedeutet und damit aus den spezifisch nationalgeschichtlichen Zusammenhängen herausgelöst« worden.[32] Mehr noch: In zahlreichen Internetforen und auf dubiosen Esoterik-Homepages versuchen nicht wenige Reinkarnationsanhänger, in kruden Thesen den Holocaust als Folge eines »negativen Karmas« zu interpretieren, ihn als göttliche Strafe darzustellen, die »die Juden« verdient hätten, um Lehren aus einem schlechten Vorleben in grauer Vergangenheit zu ziehen, also gewissermaßen Buße zu tun. Wer so etwas verbreitet, verzapft nicht nur hausgemachten Blödsinn, sondern rutscht in gefährliche antisemitische Gegenwelten ab, die der obskuren Buddhismus-Begeisterung des Himmler ’schen Ahnenerbes in nichts nachsteht. Sinnsucher, die Auschwitz mittels Tarotkarten oder Pendelschwingungen erklären, sollten ihre obszönen Geschmacksverirrungen besser für sich behalten. Und auch die »Holocaust-Theologie«, deren Interpretationsansätze immer wieder aus dem Dunstkreis von evangelikalen Christen oder ultraorthodoxen Rabbinern hervor blinzeln, hat bisweilen die angebliche Abkehr der Juden von Gott und religiösen Traditionen als wirkliche Ursache für den Holocaust dargestellt – den Holocaust selbst also als eine verdiente Strafe Gottes. Christliche Fundamentalisten, judenfeindliche Hardliner oder verschrobene Sektierer dürften in den Chor solcher haltlosen Theorien freudestrahlend mit einstimmen.
Geht es also tatsächlich um das »Schicksal« von Verfolgten? Oder nicht doch eher um die realen Mechanismen, wie sie sich zwischen einzelnen Menschen während der nationalsozialistischen Diktatur ausprägten? Eine Antwort muss eindeutig ausfallen: Wer in Bezug auf die NS-Verbrechen von »Schicksal« und anderen anonymen Mächten spricht und schreibt, hat sich vom Prinzip des freien Willens längst verabschiedet. Er erkennt den Menschen als Träger der Geschichte und gleichsam als ihr Gestalter und Akteur nicht mehr an. Keine andere Frage wie die nach Verantwortung, nach persönlicher Schuld oder Unschuld hat die emanzipatorischen Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert – von Karl Jaspers bis zur Frankfurter Schule – so stark bewegt. Sie alle deuteten in ihren Überlegungen auf den selbstständigen homo faber hin – oder wie ihn Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk »Vita activa« (1958) nennt: animal laborans, der Mensch als ein an seinem eigenen Dasein werkelndes Arbeitstier.[33] Es war ein Emigrant und Zeitgenosse des Holocaust, der unsere Überlegungen ganz unprätentiös auf den Punkt brachte. Der Soziologe Norbert Elias schrieb einmal: Nichts sei »gefährlicher, als die Neigung, einer solchen Realität durch Verdeckung oder Verdrängung aus dem Weg zu gehen […]. Die Beschmutzung des guten Namens der Deutschen durch die Unmenschlichkeit des Dritten Reiches beruht nicht auf einem Fluch der Götter.«[34]
Dr. Bastian Fleermann, Historiker, leitet seit 2011 die Mahn- u. Gedenkstätte Düsseldorf.
[1] Reich-Ranicki erinnert an das Schicksal der Juden, in: Die Welt vom 27. 1. 12; Bernd Kehren: Schicksale der Juden erforscht, in: Kölnische Rundschau 14. 12. 2011.
[2] Der Spiegel, 8. 12. 2005 (online).
[3] Gedenkbuch zum tragischen Schicksal unserer jüdischen Mitbürger. Erinnerung und Achtung, Anklage, Mahnung und Verpflichtung, hrsg. von der Stadt Hagen, Hagen 1961.
[4] Hans Franke: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Vom Mittelalter bis zu der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050–1945), Heilbronn 1963.
[5] Paul Sauer: Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs, Stuttgart 1969.
[6] Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Stuttgart 1968.
[7] Hans-Walter Herrmann: Das Schicksal der Juden im Saarland 1920 bis 1945, Koblenz 1974.
[8] Arno Weckbecker: Gedenkbuch an die ehemaligen Heidelberger Bürger jüdischer Herkunft. Dokumentation ihrer Namen und Schicksale 1933–1945, Heidelberg 1983; Hermann Schröter: Geschichte und Schicksal der Essener Juden. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Essen, Essen 1980; Namen und Schicksale der Juden Kassels 1933–1945. Ein Gedenkbuch, bearb. von Beate Kleinert und Wolfgang Prinz, hrsg. vom Magistrat der Stadt Kassel/Stadtarchiv, Kassel 1986.
[9] Jüdisches Schicksal in Köln 1918–1945, Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln und des NS-Dokumentationszentrums, Köln 1988.
[10] Schicksale der von den Nazifaschisten als »Rassejuden« verfolgten Wittenberger, Wittenberg 1989.
[11] Ilse Sponsel: Das Schicksal der Erlanger Judengemeinde in der NS-Zeit, Erlangen 1982; Hugo Krick: Geschichte und Schicksal der Juden zu Beckum, unter Mitarbeit von Diethard Aschoff, Warendorf 1983.
[12] Rolf Böhme/Heiko Haumann: Das Schicksal der Freiburger Juden am Beispiele des Kaufmanns Max Mayer und die Ereignisse des 9./10. November 1938, Freiburg 1989.
[13] Dieter Hoffmann: »… wir sind doch Deutsche.« Zu Geschichte und Schicksal der Landjuden in Rheinhessen, Alzey 1992.
[14] Hubert Fromm: Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, hg. vom Evangelischen Bildungswerk Coburg, Coburg 1990.
[15] Peter Schulze: Namen und Schicksale der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Hannover, Hannover 1995
[16] Manfred Hauser: Antisemitismus und Schicksal der Juden in Ravensburg, in: Ravensburg im Dritten Reich. Beiträge zur Geschichte der Stadt, hrsg. von Peter Eitel, Ravensburg 1997, S. 304-341.
[17] Josef Werner: Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, 2. Aufl., Karlsruhe 1990.
[18] Karl Heinz Kraedtke/Reinhard Strüber: Das Schicksal jüdischer Bürger in Esslingen während des Nationalsozialismus, in: Von Weimar bis Bonn 1919–1949, Esslingen 1991.
[19] Wolfgang Marschner: Verfolgt, verschleppt, verbrannt. Vom Schicksal der Juden in Dresden 1933–1945, Dresden 1994; Ausgegrenzt, ausgeliefert, ausgelöscht, überlebt? Jüdische Schicksale in Jüchen zwischen Spenrath und Damm, hg. von Heinz Spelthahn/Thomas Wolf, Horb am Neckar 1998; Ilse Macek (Hg.): Ausgegrenzt, entrechtet, deportiert: Schwabing und Schwabinger Schicksale 1933–1945, München 2008; Verfolgt, vertrieben, geächtet. Jüdisches Schicksal in München 1933 bis 1945, in: Verdunkeltes München. Geschichtswettbewerb 1985/86: Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, München 1987, S. 13–66.
[20] Rainer Hoffschildt: Die Verfolgung der Homosexuellen in der NS-Zeit. Zahlen und Schicksale aus Norddeutschland, Berlin 1999.
[21] Raimond Reiter: Das Schicksal von Irmgard Bartels. Opfer der NS-Psychiatrie in der Region Hannover, Hannover 2011.
[22] Dietmar Scholz: Zum Leben und Schicksal der Juden in Castrop 1699–1942, Dortmund 2010; Hedi Strauss/Johanna Voss: Mein immergrünes Dorf: Vom Schicksal der Juden aus Stammheim in der Wetterau, Frankfurt am Main 2004.
[23] Hartmut Jäckel/Hermann Simon (Hg.): Berliner Juden 1941 – Namen und Schicksale, Berlin 2007.
[24] Anwalt ohne Recht. Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Deutschland nach 1933, hg. von der Bundesrechtsanwaltskammer, bearb. von Simone Ladwig-Winters, Berlin 2007.
[25] Moshe Zimmermann: Deutsche gegen Deutsche: Das Schicksal der Juden 1938–1945, Berlin 2008.
[26] Schriftliche Auskunft an den Verf. vom 14. 12 .2012.
[27] So die Online-Ausgabe des Duden (abgerufen am 12. 2. 2013).
[28] 16. Band, S. 584.
[29] In einer Rede vor dem Reichstag am 30. Januar 1939 anlässlich des sechsten Jahrestages der nationalsozialistischen »Machtergreifung« hatte er wörtlich gesagt: »Und eines möchte ich an diesem vielleicht nicht nur für uns Deutsche denkwürdigen Tag nun aussprechen. Ich bin in meinem Leben sehr oft Prophet gewesen und wurde meistens ausgelacht … Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.« Zit. nach Johannes Hohlfeld (Hg.): Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart. Ein Quellenwerk für die politische und staatsbürgerliche Erziehung, Bd. V: Bd. 4.5. Die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945, Berlin 1953, S. 8.
[30] Zit. nach Nicholas Stargardt: Kinder in Hitlers Krieg, München 2008, S. 197.
[31] Steffen Werner: Die zweite Babylonische Gefangenschaft. Zum Schicksal der Juden im Osten seit 1941, Pfullingen 1990.
[32] Annegret Ehmann/Hanns-Fred Rathenow: Nationalsozialismus und Holocaust in der historisch-politischen Bildung, in: Lernen aus der Geschichte e.V. www.lernen-aus-der-geschichte.de (2000).
[33] Hannah Arendt: Vita activa oder vom tätigen Leben, München/Zürich 2002 (Originaltitel: The human condition, 1958).
[34] Norbert Elias: Humana conditio. Beobachtungen zur Entwicklung der Menschheit am 40. Jahrestages eines Kriegsendes, Frankfurt am Main 1985, S. 54f.