Maly Trostinec liegt gut 10 km südöstlich vom Zentrum der Stadt Minsk, in einer erst seit einiger Zeit unter dem Namen Schabany nach Minsk eingemeindeten Wirtschaftszone. In einem in dieser Gegend errichteten Lager und in dem nahegelegenen Wald von Blagowshtchina[1] wurden zwischen 1941 und 1943 mehrere zehntausend Menschen auf unterschiedliche Weise ermordet. Die Zahl der Überlebenden dürfte bei etwa 20 gelegen haben.
Maly Trostinec als eine Gedenkstätte zu bezeichnen wäre angesichts dessen aktuellen Zustands mehr als übertrieben. Bestenfalls von ›Gedenkort‹ könnte die rede sein. Dies ist angesichts der Geschichte des Ortes allerdings nicht leicht nachzuvollziehen.[2]
Nachdem die deutsche Wehrmacht Minsk in Besitz genommen hatte, errichtete sie am 19. Juli 1941 im Nordwesten der Stadt ein Ghetto. In dieses wurden alle noch verbliebenen 85 000 Minsker Juden hineingezwängt. Im November desselben Jahres traf der erste Transport mit Juden aus dem Deutschen Reichsgebiet in Minsk ein: er bestand aus 990 Juden aus Hamburg.
Ähnlich wie in anderen Lagern wurden die Deportierten auf dem Güterbahnhof in Minsk von SS-Männern empfangen. Um Panik zu vermeiden, wurde den Ankommenden mitgeteilt, sie würden auf Wohnungen in und um Minsk verteilt werden, müssten ihre Koffer zurück lassen, welche, so wurde versprochen, zu ihrer Entlastung mit Lastwagen transportiert werden würden. Auch ihre Ausweise, jegliches Geld und andere Wertsachen mussten die Ankommenden abgeben. Damit die Menschen keinerlei Verdacht schöpften und um weiterhin den reibungslosen Ablauf der Aktion zu gewährleisten, wurden für die eingezogenen Besitztümer Quittungen erteilt. Diese Vorkehrungen hatten ihre Wirkung; viele glaubten bis zum letzten Moment an eine Umsiedlung und waren sich in keiner Weise über ihr wahres Schicksal bewusst.
Von den ankommenden Transporten wurden kräftige Personen, darunter bevorzugt Handwerker, selektiert und – sofern sie nicht zum Arbeitseinsatz ins Ghetto Minsk verfrachtet wurden – nach Maly Trostinec geschickt. Diejenigen, die als nicht voll arbeitsfähig eingestuft worden waren, mussten auf Lastwagen steigen, die sie zur Erschießung in den Wald von Blagowshtchina brachten. Bei den Opfern handelte es sich hauptsächlich um Frauen, Kinder, Alte und Kranke.
Blagowshtchina und Maly Trostinec liegen 10 bis 12 km südöstlich von Minsk. Blagowshtchina liegt auf der linken Seite der Straße in Richtung Mogilew; gegenüber befindet sich das Dorf Maly Trostinec. Westlich des Dorfes lag die »Kolchose Karl Marx«. Diese hatte die Aufgabe, die Lebensmittelversorgung der deutschen Einheiten im Gebiet Minsk zu sichern. Das Gut, das etwa 200 Hektar groß war, betrieb Ackerbau und Viehzucht. Verschiedene Betriebe waren außerdem auf dem Gelände zu finden. Um diese zu betreiben, setzte man Juden und sowjetische Kriegsgefangene ein. Anfangs mussten die Menschen in einer großen Scheune hausen; auch ehemalige Erdkeller der örtlichen Bauern dienten als Übernachtungsmöglichkeiten. Später mussten die Häftlinge Baracken für sich und ihre Bewacher bauen. Auf diese Weise entstand Anfang Mai 1942 das Lager Maly Trostinec auf dem Gutsgelände. Die feuchten Baracken beinhalteten dreistöckige Schlafkojen aus dicken, rohen Holzbalken. Die Häftlinge mussten auf Stroh schlafen und hatten weder Bettzeug noch Matratzen.
Das Lager wurde gut gesichert. Es war mit einem dreifachen Stacheldrahtzaun umgeben, wobei der mittlere Zaun elektrisch geladen war. Am Tor gab es ein Wachlokal; weiterhin hatte man an allen Ecken hölzerne Wachttürme errichtet, die rund um die Uhr besetzt waren. Ein im Lager fest installierter Galgen diente dem Zweck der Einschüchterung.
In den verschiedenen Betrieben mussten die Gefangenen die Habseligkeiten der Ermordeten sortieren, reinigen, ausbessern und verarbeiten. In einem Asphaltwerk wurde Belag für die Straße Minsk-Mogilew produziert. Diese führte am Lager vorbei bis zu den Baracken und musste von den Zwangsarbeitern beidseitig mit Pappeln bepflanzt werden. Sie wurde nach dem Kommandeur der Minsker Polizei und des Sicherheitsdienstes »Eduard-Strauch-Allee« genannt. Ein Teil dieser Strasse mit den inzwischen in die Jahre gekommenen Pappeln soll auch heute noch existieren.
Die Menschen kamen auf Lastwagen und mit Deportationszügen in Minsk an. Es waren mitunter mehr Menschen als die Schützen an einem Tag liquidieren konnten. Die Anzahl der zumindest vorübergehend ins Lager Eingewiesenen stieg derart, dass das ursprüngliche Lager bald nicht mehr ausreichte. Um dem Platzmangel abzuhelfen wurde ein zweites Lager errichtet. Auch dieses wies alle gängigen Sicherheitsvorkehrungen auf und war mit Stacheldraht umgeben. Das zweite Lager war von dem ersten isoliert. Schließlich wollte man nicht, dass die Zwangsarbeiter des Gutes mit den Menschen zusammentrafen, die einige Tage auf ihre Erschießung warten mussten.
Ab Mai 1942 fanden fast alle Exekutionen im Wald von Blagowshtchina statt. Zwischen Mai und Oktober 1942 trafen über 15 000 Juden – nicht nur aus dem Deutschen Reich (einschließlich des angeschlossenen Österreichs), sondern auch vor allem aus Polen und Frankreich – auf dem Güterbahnhof von Minsk ein. Die Sicherheitsdienststelle musste sich von der Wehrmacht und der Reichsbahn zusätzliche Lastwagen beschaffen, um den Transport der vielen Menschen gewährleisten zu können. Nachdem im Sommer der provisorische Bahnhof im Lager Maly Trostinec angelegt worden war, fuhren die Züge direkt auf das Gut. Der erste Transport, der in unmittelbarer Nähe des Gutes eintraf, war insgesamt gesehen der sechzehnte. Er kam am 10. August 1942 aus Theresienstadt an.
Am Bahnhof im Lager spielte sich die gleiche Prozedur wie zuvor in Minsk ab: nachdem die Arbeitsfähigen und die Handwerker ausgesondert worden waren, erfolgten die Wegnahme des Eigentums und anschließend der Abtransport der Übriggebliebenen. Bevor diese Menschen auf dem jenseits der Straße gelegenen Gelände getötet wurden, mussten sie sich entkleiden und ihre letzten Wertgegenstände abgeben. Danach gingen sie in Unterwäsche zu den 60 m langen und drei Meter tiefen Gruben. An diesen warteten bis zu 100 Männer des Sicherheitsdienstes und der Minsker Polizei, die die Menschen mit Genickschüssen umbrachten. Ein aus russischen Zwangsarbeitern bestehendes Sonderkommando hatte vorher die Gruben ausheben müssen (im Winter – wenn der Boden gefroren war – mussten die Gruben mit Dynamit herausgesprengt werden). Die mit Leichen gefüllten Gruben wurden durch das Sonderkommando mit Erde abgedeckt. Anschließend wurden die Massengräber mit Planierraupen oder Traktoren eingeebnet.
Zusätzlich zu den Erschießungskommandos setzte die SS vier Gaswagen im Minsker Gebiet ein. Diese Tötungsart sollte die Mordaktion beschleunigen und die psychische Belastung für die Schützen verringern. Bis zu 60 Menschen wurden in einen Gaswagen gepfercht, die Abgase wurden schon während der Fahrt oder vor den Gruben von Blagowshtchina ins Wageninnere geleitet. Der Todeskampf der Opfer dauerte bis zu einer viertel Stunde.
Einige wenige Juden bildeten ein weiteres Sonderkommando. Dieses musste unter strengster Bewachung die ineinander verkrallten Leichen aus den Gaswagen heraus ziehen und nach Wertsachen untersuchen. Doch selbst diese schreckliche Arbeit rettete den Angehörigen des Sonderkommandos nicht das Leben; sie wurden in regelmäßigen Abständen ebenfalls vergast.
Als die Wehrmacht Ende September 1943 Smolensk aufgeben musste, erkannte das Reichssicherheitshauptamt, dass die deutschen Truppen wohl auch den Minsker Raum nicht auf Dauer würden halten können. Den Sowjets sollte aber verborgen bleiben, dass die ehemalige Kolchose zu einem Ort des Massenmordes umfunktioniert worden war. Die Beweise mussten beseitigt werden. Diese Aufgabe wurde dem speziell hierfür gebildeten »Sonderkommando 1005« übertragen. Die inzwischen zum Teil verwesten Leichen mussten aus den größeren Massengräbern herausgeholt und verbrannt werden. Die Gruben wurden anschließend wieder zugeschüttet. Diese Aktion wurde als »Enterdung« bezeichnet. Sie galt als »Geheime Reichssache«. Deshalb wurden die eingesetzten Kriegsgefangenen meist am Ende eines Arbeitstages umgebracht und ihre Leichen verbrannt.
Im Wald von Blagowshtchina wurden 34 Massengräber geöffnet, manche enthielten bis zu 5 000 Leichen. Die Asche der verbrannten Leichen wurde nochmals nach Wertsachen und nach Goldzähnen untersucht und anschließend als Dünger auf den Feldern verwendet. Als Ende Juni 1944 die Rote Armee kurz vor Minsk stand, bereiteten die Deutschen eilig ihre Flucht vor. Die Gefangenen in den Lagern und Gefängnissen schöpften Hoffnung. Doch die Rote Armee war nicht schnell genug. Am 28. Juni 1944 befahl der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Minsk die Exekution aller noch lebenden 6 500 Gefangenen der Gefängnisse in der Wolodarski Straße und in der Schirokaja Straße. Sie sollten in der Scheune von Maly Trostinec erschossen und danach samt Gebäude verbrannt werden.
Die Erschießungen fanden zwischen dem 28. und dem 30. Juni 1944 statt. Die ersten Opfer mussten sich, bevor sie erschossen wurden, auf eine Lage Feuerholz hinlegen. Ihre Leichen wurden anschließend mit einer Lage Feuerholz bedeckt; dann musste die nächste Gruppe auf den so stetig anwachsenden Scheiterhaufen klettern und wurde ebenfalls erschossen. Dies wurde so fortgeführt bis die letzte Schicht von Toten das Dach der Scheune erreicht hatte; 6.500 Leichen waren dort gestapelt. Dann wurde das Gebäude in Brand gesteckt. Am 30. Juni 1944 verbrannten die Deutschen alle noch vorhandenen Einrichtungen des Lagers. Als am 4. Juli 1944 sowjetische Truppen Maly Trostinec erreichten, waren die brennenden Scheiterhaufen noch sichtbar.
Unmittelbar nach der Befreiung untersuchte eine Außerordentliche Staatliche Kommission das Vernichtungslager Maly Trostinec. Unter anderem protokollierten die Kommissionsmitglieder die Maße der 34 Gruben im Wald von Blagowshtchina. Gesicherte Angaben über die Gesamtzahl der Opfer gibt es jedoch nicht. Laut abschließendem Bericht der Kommission, die die Gesamtzahl der Getöteten zunächst auf über eine halbe Million schätzte, betrug sie 206.500 Menschen. Die erst in jüngster Zeit erfolgte Auswertung von Archivmaterialien lässt allerdings vermuten, dass die Opferzahl noch höher lag.[3]
Unabhängig von der an fast keinem Ort nationalsozialistischer Verbrechen leicht zu beantwortenden Frage nach der exakten Gesamtopferzahl muss im Falle von Maly Trostinec festgehalten werden, dass nur an ganz wenigen Orten mehr Menschen als im Umfeld dieser ehemaligen Kolchose bei Minsk ermordet wurden. Keine dieser Stätten befindet sich auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR. Manche Forscher nennen deshalb Maly Trostinec in einem Atemzug mit Auschwitz, Majdanek und Treblinka. Es verwundert um so mehr – insbesondere angesichts der höchst unterschiedlichen Opferzahlen –, dass es im Umfeld des ehemaligen Vernichtungslagers bis heute so wenig, an der Stelle des niedergebrannten Dorfes Chatyn allerdings so viel zu sehen gibt.
Nähert man sich dem ehemaligen Lagergelände von Minsk her, so ist lediglich in dessen Nähe ein schlichter Gedenkstein zu entdecken. Eine irgendwie geartete Kennzeichnung des historischen Ortes oder auch der Gräberfelder im Wald von Blagowshtchina fehlt völlig. Sie stehen allerdings durch ihre staatliche Anerkennung als Denkmale wenigsten unter einem gewissen Schutz vor Eingriffen und Veränderungen. Der Gedenkstein wurde bereits in der ersten Hälfte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts errichtet und seither hat man sich anscheinend darauf beschränkt, seine Umfriedung sowie die zu ihm gehörende Blumenrabatte in Stand zu halten. Im Vergleich zu diesem Gedenkort wirkt selbst das ca. zwei Kilometer entfernt gelegene Säulenarrangement[4], das an den Sieg über die deutschen Faschisten sowie an die dabei in der Umgebung des Lagers gefallenen Rotarmisten erinnert, pompös – und dies, obwohl dieser Ort inzwischen hauptsächlich als Kuhweide genutzt zu werden scheint.
Nicht unterschlagen werden soll allerdings, dass es in dem im Zentrum von Minsk angesiedelten »Museum des Großen vaterländischen Krieges« zumindest eine Maly Trostinec gewidmete Abteilung gibt, deren Mittelpunkt ein das Geschehen am historischen Ort darstellendes Diorama bildet. Ferner befindet sich an der Stelle des ehemaligen Minsker Ghettos eine den Zug der Bewohner in den Tod darstellende Skulptur. Bedenkt man, dass ihre Ermordung meistens in Maly Trostinec und in der Umgebung stattfand, kann die Skulptur in Verbindung mit diesem Vernichtungslager gebracht werden.
Dass sich an der hier geschilderten Situation der ans Vergessen grenzenden Vernachlässigung dieser Stätte des Massenmordes in nächster Zeit etwas ändern soll, war zumindest im April 2006 vor Ort nicht ersichtlich. Pläne hierfür liegen allerdings vor. So wurde Anfang 2001 auf Initiative der Minsker Stadtverwaltung ein Planungskomitee gegründet, das die Errichtung einer Gedenkstätte in Maly Trostinec vorbereiten soll. Im darauffolgenden Jahr beschloss die nationale Regierung das Dekret Nr. 654, welches die Umsetzung solcher Pläne grundsätzlich befürwortete.[5]
Ob dies allerdings, so wünschenswert es auch sein mag, in absehbarer Zeit gelingen wird, steht wohl eher in den Sternen. Jedenfalls stellte die in dieser Sache engagierte Natallia Yatskevich in einem Artikel über Maly Trostinec abschließend fest, dass »die Realisierung eines so großen Projekts von internationaler Bedeutung für Belarus allein schwierig sein [wird]« und insofern »Spenden von Einzelpersonen oder Organisationen, aus Weißrussland und der ganzen Welt, (… ) daher willkommen [sind]. Auch die finanzielle Beteiligung anderer Staaten – insbesondere derjenigen, deren Bürger in Trostinec begraben liegen – ist erwünscht.«[6]
Im Jahre 2005 fand ein Architekturwettbewerb unter dem Titel »Leonardo 2005« statt.[7] Das Konzept der Gewinner – die drei Architekten A. Zajcev, G. Nasedkin und D. Sokolov und der Bildhauer A. Prochorov – sieht die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Maly Trostinec an dem Ort vor, wo die Häftlinge auf dem Weg zu der Stätte ihrer Ermordung entlang marschieren mussten. Ein zentrales Monument ist nicht geplant. Vielmehr wollen die Künstler – vergleichbar eventuell mit einer traditionellen Kreuzwegkonzeption – den Ort als solchen so gestalten, dass der Besucher sich quasi auf die Spuren der Opfer vom eigentlichen Lager zur Vernichtungsstätte setzt und verschiedene Stationen passiert, die die Phasen des ›letzten Weges‹ symbolisieren.
Als erste Station ist eine ›Eintrittsgruppe‹ vorgesehen, bei der – übrigens im Gegensatz zu Chatyn – das Kreuz nicht fehlt. Auf dem ersten Teil des Weges sollen nach den Vorstellungen der Gewinner des Wettbewerbs die Besucher auf einem Säulenweg zunächst eingestimmt werden. Dieser Weg führt weiter zu der Stelle, wo der Abschied von der materiellen Welt und ihren Werten stattfand, wobei dies damals nicht allen dorthin gebrachten Menschen bewusst war.
Der Übergang in die jenseitige Welt symbolisiert eine Brücke, die quasi das »Wasser des Styx«[8] kreuzt. Die Brücke ruht auf Pfeilern, die Kreuze darstellen. Man folgt dem Weg entlang des »fallenden Wassers« hinab zum Museums- und Informationsgebäude, das sich auf der Höhe des einstigen, historischen Bodenniveaus befindet, steigt mithin quasi hinab, um die historischen Tatsachen in Augenschein zu nehmen.
Die nächste Station, die an eine Orgelformation erinnert, soll sowohl für die Tragödie – quasi in Form von emporsteigenden Seelen der einzelnen Opfer – als auch für die aus eigener Kraft gelungenen Befreiung des Kollektivs, das einer lichten Zukunft entgegengeht, stehen. Die ›Orgelpfeifen‹ werden so installiert, dass der Wind auf ihnen ein ›Requiem‹ erzeugt, dessen Töne dem Rauschen von Schilf entsprechen sollen.
Danach folgt der Besucher einer Kolonnade, die zu einem geschlossenen Raum führt, gewissermaßen einem Raum der Besinnung, der als Gegengewicht zu dem auf der ›anderen Seite‹ liegenden offenen Raum mit ›Brückenfunktion‹ fungieren soll und in Kontrast zu ihm steht.
Dem an der einen Wand des Raumes entlang fließenden Wasser folgt eine Pappelallee. Der Besucher passiert eine auf dem jenseitigen Ufer des Wasserlaufs befindliche Mauer, auf welcher die Namen von Opfern der deutschen Okkupation verewigt sind und die unter der Bezeichnung »Wand der Buße, der Trauer und der Einsicht« firmiert.
Der Gedenkkomplex soll nach der vorliegenden Planung um einige reine Zweckbauten ergänzt werden. Auffällig und unter Umständen befremdlich – insbesondere eingedenk der jüngsten Kontroversen um religiös ›besetzte‹ Symbole, nicht zuletzt auf dem Gelände von Auschwitz-Birkenau – ist die so übermäßig starke Präsenz christlicher Kreuze: auffällig insofern, als auf dem Gedenkstättengelände in Chatyn darauf praktisch völlig verzichtet wurde; befremdlich, weil die Mehrzahl der Ermordeten nicht einer Religion angehörten, bei der das Kreuz eine zentrale Rolle spielen würde.
Die Realisierung einer Gedenkstätte – ob nun in der hier vorgestellten oder in einer anderen, noch zu definierenden Form – wird auch von der »Internationalen Gesellschaftlichen Vereinigung Gedenkstätte Maly Trostinec« betrieben. Deren Vertreterin Olga Pavlova stellte im Frühjahr 2006 allerdings fest, bislang existiere noch kein konkreter Finanzierungsplan. Man befinde sich allerdings nicht nur mit dem Kultus- sondern auch mit dem Finanzminister in Kontakt und hoffe auf eine positive Entscheidung in dieser Sache. Ein konkreter Zeitplan hierfür sei allerdings noch nicht zu nennen.
In Anbetracht der jahrzehntelangen Vernachlässigung der Bemühungen um die Schaffung einer würdigen und dem Ausmaß der an diesem Orte begangenen Verbrechen angemessenen Gedenkstätte ist es zu wünschen, dass die von Olga Pavlova geäußerte Hoffnung bald in Erfüllung geht. Vielleicht wäre es möglich, die bislang in der Bundesrepublik nicht selten anzutreffende Ignoranz in Bezug auf die östlich des Bug gelegenen Gedenkstätten abzubauen, auch diejenige Orte, die bislang zu den Vergessenen gezählt haben, in verstärktem Maße ins Blickfeld zu rücken und sie mit einem Besuch zu ehren. Dies gilt nicht nur, aber auch für Chatyn und Maly Trostinec.
Prof. Dr. Dr. Jochen Fuchs ist Jurist und Politologe und lehrt als Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Janine Lüdke studiert am Fachbereich Sozialund Gesundheitswesen der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Maria Schastnaya ist Absolventin der Fakultät für Geschichte der Staatlichen Universität Weißrusslands in Minsk.
[1] Mitunter auch Blagowschtschina bzw. Blagowtschina.
[2] Um die Dokumentation der Geschichte des Ortes haben sich vor allem Paul Kohl sowie das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund verdient gemacht. Vgl. insofern zum Folgenden in erster Linie Paul Kohl, Das Vernichtungslager Trostinez – Augenzeugenberichte und Dokumente, Dortmund 2003; ders., »Ich wundere mich, dass ich noch lebe« – Sowjetische Augenzeugenberichte, Gütersloh 1990; ders., Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941–1944: sowjetische Überlebende berichten, Frankfurt/M. 1995, sowie: Orte der Vernichtung in Belarus – die Geschichte des Vernichtungslagers Trostinez und des Ghettos Minsk, Dokumentation einer Tagung des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks Dortmund und der Evangelischen Akademie Iserlohn im Mai 2002, hrsg. v. Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk, Dortmund 2003.
[3] Vgl. Paul Kohl, Trostinez – das Vernichtungslager bei Minsk. In: »Existiert das Ghetto noch?« – Weißrussland: Jüdisches Überleben gegen nationalsozialistische Herrschaft, hrsg. v. Projektgruppe Belarus im Jugendclub Courage Köln e.V., Berlin/Hamburg/Göttingen 2003, S. 234, (249).
[4] Dieses Denkmal ähnelt in seinem Erscheinungsbild in etwa dem Gedenkensemble, welches einst in Fürstenberg zur Erinnerung an die bei der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück umgekommenen Sowjetsoldaten errichtet wurde, wobei es insgesamt allerdings etwas kleiner ausgefallen ist.
[5] Natallia Yatskevich, Zur Gründung einer Gedenkstätte in Trostinez. In: »Existiert das Ghetto noch?«, a. a. o.,S. 246.
[6] Hierzu zählen die BRD, Österreich, die Tschechische Republik und Russland sowie einige GUS-Staaten.
[7] Vgl. hierzu www.ais.by/content/view/719/125/ (Zugriff: 09.11.2006) sowie den Aufsatz der Architekten A. Zajcev, G. Nasedkin und D. Sokolov erschienen am 28.12.2005 unter dem Titel »Gedenkstätte »Trostinec«« im Heft Nr. 172 (bzw. Nr. 6/2005) der zweimonatlich herausgegebenen Zeitschrift »Architektur und Bauen«, welche das führende Organ auf ihrem Fachgebiet in Weißrussland darstellt, auf den S. 93-95 (_. ______, _. ________, _. _______: ____________ ________ »_________« in: ___________ _ _____________ Nr. 6/2005 (= Nr. 172)).
[8] Der Fluss Styx bildet in der klassischen hellenistischen Mythologie die Grenze zwischen der Welt der Menschen und dem »Hades« genannten Totenreich. Dem Fährmann Charon oblag die Aufgabe, die Seelen der Verstorbenen auf die andere Flussseite zu setzen.