Stätten des Gedenkens in Belarus

Chatyn und Maly Trostinec – Teil 1: Chatyn
08/2007Gedenkstättenrundbrief 138, S. 3-10
Jochen Fuchs, Janine Lüdke und Maria Schastnaya

Belarus war bis vor kurzem zwar nicht gerade in aller Munde, hatte aber dennoch anlässlich der dortigen Präsidentschaftswahl im März 2006 zumindest den Sprung auf die meisten Titelseiten der relevanten bundesdeutschen Tageszeitungen geschafft. Die Gedenkstätten des Landes fristen dagegen nicht nur in der internationalen Publizistik eher ein Schattendasein und die Erwähnung der Namen Chatyn bzw. Maly Trostinec[1], welche man im Übrigen – anders als etwa Majdanek oder Sobibor – selbst im 24-bändigen »Brockhaus« (20. Aufl. v. 1996) vergeblich sucht, führt bei den meisten Gesprächspartner zu Stirnrunzeln oder direkten Nachfragen.

Deshalb erscheint vorab eine kurze Klärung angebracht: Bei Chatyn handelte es sich um ein etwa 60 km nördlich von Minsk gelegenes Dorf im zum Minskaja Gebiet gehörenden Bezirk Logojsk, welches am 22. März 1943 von den Nationalsozialisten, konkret dem SS-Sonderbataillon Dirlewanger und dem Schutzmannschafts-Bataillon 118, dem Erdboden gleich gemacht wurde.[2] 152 Dorfbewohner wurden dabei ermordet, lediglich ein Mann und drei Kinder entkamen dem Massaker. Maly Trostinec liegt gut 10 km südöstlich vom Stadtzentrum Minsks in einer erst seit einiger Zeit unter dem Namen Schabany eingemeindeten Wirtschaftszone. In einem in dieser Gegend errichteten Lager und in dem nahegelegenen Wald von Blagowshtchina[3] ermordete man auf unterschiedliche Weise zwischen 1941 und 1943 etliche zehntausend Menschen. Die Zahl der Überlebenden dürfte bei etwa 20 gelegen haben.

Die Gedenkstätte Chatyn

Vor über einem Jahrzehnt erschien bereits in dieser Zeitschrift die Schilderung eines Besuchs von Chatyn.[4] Der Verfasser derselben und Mitarbeiter der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte »Haus der Wannsee-Konferenz«, Stefan Stadler ließ damals in seinem ›Schlusswort‹ zumindest die Möglichkeit anklingen, dass es zu einer Schließung der dortigen Anlage mangels ausreichendem (Besucher-)Interesse kommen könnte. Dies obwohl in der Zeit zwischen der Eröffnung derselben im Jahre 1969 und dem Besuch Stadlers nach den von ihm eruierten Angaben über 32 Millionen Besucherrinnen und Besucher aus dem In- und Ausland – darunter im übrigen auch nicht nur Staatschefs von zum Zeitpunkt ihres Besuches mit der UdSSR befreundeter Länder wie etwa Fidel Castro, sondern auch führende Repräsentanten lediglich im Rahmen der Anti-Hitler-Koalition ›einst‹ mit der SU verbündeter Staaten wie etwa Richard Nixon – gezählt worden waren.

Stadlers Befürchtungen haben sich allerdings nicht bewahrheitet. Chatyn stellt heute die zentrale Gedenkstätte Weißrusslands an dessen Opfer im ›Großen Vaterländischen Krieg‹ dar und sie präsentiert sich ihren Besuchern keineswegs als ein verwaister Ort. Gleichwohl sind ausländische Besuchergruppen inzwischen aber eher rar geworden[5] – die Zeiten, in welchen im Rahmen von Freundschaftsreisen allein aus der DDR durchschnittlich 400 Menschen den Ort täglich aufsuchten[6], sind wohl endgültig vorbei.

Der geschichtliche Hintergrund des Ortes Chatyn

Nachdem am 22. Juni 1941 in Ausführung des Barbarossaplans die Sowjetunion überfallen wurde, gelang es der Wehrmacht bis Ende August 1941 das gesamte Territorium der weißrussischen Sowjetrepublik zu besetzen. Hinter den deutschen Linien setzten erste Partisanenaktionen zwar schon Mitte 1941 ein, doch blieben sie bis zum November 1942 eher vereinzelt. Ab Ende 1942 reihten sich mehr und mehr Menschen in die Reihen der Partisanenabteilungen ein, so dass bis zum Ende des darauf folgenden Jahres mehr als die Hälfte der Sowjetrepublik de facto weitgehend von der Partisanenbewegung kontrolliert wurde. Auf den wachsenden Erfolg der Partisaneneinheiten, insbesondere ab Anfang 1943, reagierte man von deutscher Seite mit einer Verschärfung des Terrors und vermehrten »Kollektivbestrafungen« gegenüber der Bevölkerung, insbesondere der kleinen Ansiedlungen im Rahmen der als »Bandenbekämpfung« bezeichneten Aktivitäten.

Vor diesem Hintergrund ist das Massaker von Chatyn zu sehen: Chatyn wurde zerstört und seine Bewohnerinnen und Bewohner ermordet, nachdem zwei Züge des Schutzmannschafts-Bataillons 118 auf belorussische Partisanen gestoßen waren und sich hatten zurückziehen müssen, wobei der Truppführer des Bataillons fiel. Die Polizeieinheit 118 bestand zu 80 Prozent aus mit den deutschen Faschisten kollaborierenden Ukrainern.[7] Sie war ursprünglich auf der Basis eines Befehls des Reichsführers-SS Heinrich Himmler vom November 1941 aufgestellt worden und hatte vor ihrer Verlegung nach Weißrussland zum Zwecke der so genannten ›Bandenbekämpfung‹ in Kiew hauptsächlich Wachaufgaben wahrgenommen.

Als am 22. März 1943 die Polizeieinheit vor den Partisanen zurückweichen musste, suchte sie sich Sündenböcke, an welchen sie sich rächen konnte. So verhafteten die ›Schutzmannen‹ auf ihrem Rückzug etliche Waldarbeiter unter dem Verdacht der ›Feindbegünstigung‹ und erschossen einige von ihnen unmittelbar danach ›auf der Flucht‹.[8]

Zur Unterstützung der beiden Züge des Schutzmannschafts-Bataillons 118 wurde schließlich das SS-Sonderbataillon Dirlewanger[9] mobilisiert. Dieses Bataillon war aus dem im KZ Oranienburg aufgestellten ›Sonderkommando Dirlewanger‹ hervorgegangen, welchem hauptsächlich als Wilderer verurteilte und andere straffällig gewordene Mitglieder der Totenkopfverbände der SS, später auch eben solche der Waffen-SS und der Wehrmacht angehört hatten. In die nach Oskar Dirlewanger[10] benannten und von diesem geführten Truppe, die 1944 noch bei der Niederschlagung des Warschauer und des Slowakischen Aufstands zum Einsatz kommen sollte, gliederte man im weiteren Verlauf des Krieges nicht nur im KZ ›zur Bewährung‹ angeworbene Männer, sondern auch ukrainische und russische ›Hilfswillige‹ ein. Bei ihren Einsätzen vor allem in der ›Bandenbekämpfung‹ erwies sie sich selbst für SS-Verhältnisse als besonders grausam.

Zusammen machten sich diese beiden Einheiten an die Verfolgung der Partisanen, die sich inzwischen in Richtung Chatyn zurückgezogen hatten. Dort kam es dann zu Kampfhandlungen, bei welchen mehrere Partisanen den Tod fanden – unter ihnen eine Jüdin, die später im Gefechtsbericht als so genanntes ›Flintenweib‹ tituliert wurde. Nachdem es den Kämpfern gelungen war, sich aus der Einkreisung der Nationalsozialisten zu lösen, hielten die Besatzer sich an den Einwohnerinnen und Einwohnern des Dorfes schadlos. Was bei ihnen Begehrlichkeiten jeder Art weckte, wurde entweder auf Fuhrwerke verfrachtet oder aber vergewaltigt. Den Abschluss ihres Einsatzes bildete dann das Massaker. Die ergriffenen Dorfbewohner sperrte man in eine Scheune, welche anschließend in Brand gesetzt wurde. Unter den insgesamt 152 so ermordeten Dörfler waren 76 Kinder.[11]

Das Massaker von Chatyn stellte keinen Einzelfall dar und derartige Aktionen wurden keineswegs nur in einzelnen Phasen des Krieges und auch nicht nur von irgendwelchen ›Sondereinheiten‹, wie etwa dem ›Kommando Dirlewanger‹, durchgeführt. So notierte etwa der Obergefreite der Wehrmacht Johannes Gerder unter dem Datum des 25. 8. 1941 in sein Tagebuch:

»Wir werfen Granaten in die Wohnhäuser. Die Häuser brennen sehr schnell. Das Feuer geht auf andere Häuser. Ein schöner Anblick! Die Menschen weinen und wir lachen über ihre Tränen. Wir haben auf solche Weise schon etwa zehn Dörfer niedergebrannt.«

Wenige Tage später gibt er zu Protokoll:
»Der 29. August. In einem Dorf haben wir Dutzende uns begegnete (sic!) Menschen gepackt und haben sie zum Friedhof geführt. Wir ließen sie für sich ein geräumiges und tiefes Grab ausgraben. Für die Slaven (sic!) gibt es keine Schonung und es kann sie nicht geben. Der verdammte Humanismus ist uns fremd.«[12]

Dieser Obergefreite und seine Kumpane verhielten sich damit getreu den Anweisungen des von der Wehrmacht herausgegebenen »Merkblatt des deutschen Soldaten«, in welchem es hieß:
»Du hast kein Herz, keine Nerven, denn im Krieg braucht man sie nicht. Vernichte in dir Mitleid und Mitgefühl, töte jeden Russen, jeden Sowjetischen, halte nicht ein, wenn vor dir ein Greis oder eine Frau, ein Mädchen oder ein Junge sind, töte, so rettest du dich vom Tod, sorgst für die Zukunft deiner Familie und wirst für immer berühmt.«[13]

Chatyn heute und seine Funktion als zentrale Gedenkstätte Weißrusslands

Anders als in den Fällen der Gedenkstätten in Lidice oder Oradour-sur-Glane im Westen Europas steht diese Gedenkstätte nicht (nur) für ›sich selbst‹, sondern soll gleichzeitig an die weiteren 185 Dörfer, die während der deutschen Okkupation das gleiche Schicksal wie Chatyn erlitten hatten, erinnern. Ferner dient sie auch dem Gedenken an die über 2,2 Millionen belorussischen Toten der Jahre 1941 bis 1944, die die deutschen Faschisten und die ihnen dienenden Kollaborateure auf dem Gewissen haben.

Dies – und natürlich auch der Umstand, dass praktisch nichts übrig geblieben ist, was hätte konserviert werden können – erklärt, dass es sich bei der Gedenkstätte Chatyn heute um eine in erheblichem Umfang gestaltete Anlage handelt, deren Architekten darum bemüht waren, ein breites Spektrum an Symbolen und an Symbolhaftigkeit auf den Besucher wirken zu lassen.

Die Gedenkstätte in ihrer heutigen Erscheinungsform ist erst Mitte 1969 unter Beteiligung von Überlebenden des Massakers und Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges feierlich eingeweiht worden. Nicht nur Weißrussen, sondern auch Delegationen aus anderen Sowjetrepubliken nahmen an diesem Ereignis teil. Ursprünglich hatte sich an ihrer Stelle lediglich ein relativ bescheidener, von einem roten Stern gekrönter Obelisk befunden, dessen näherer Umkreis durch einen einfachen Holzlattenzaun von den Nachbargrundstücken abgegrenzt worden war. Nachdem im Jahre 1966 das ZK der weißrussischen KP den Beschluss gefasst hatte, nicht nur zum Gedenken an die von den deutschen Faschisten zerstörten Dörfer, sondern auch zur Erinnerung an die für den Sieg über den Faschismus gebrachten Opfer des belorussischen Volkes eine Gedenkanlage zu bauen, wurde im darauf folgenden Jahr ein entsprechender Wettbewerb ausgeschrieben. Diesen gewann ein aus drei Architekten[14] und einem Bildhauer[15] bestehendes Kollektiv, deren Entwurf die Grundlage für die heutige Gestaltung des Geländes bildet.

Beginnt man den Rundgang[16] über das Gelände der gut 30 ha großen Gedenkstätte, so fällt als erstes eine mehrere Meter hohe Bronzeskulptur ins Auge, die den einzigen erwachsenen Überlebenden[17] des Massakers, den Schmied Kaminski,[18] darstellt, der in ungebeugter Haltung die Leiche eines Kindes – seines Sohnes – in den Armen hält (S. 3).

An der Stelle, an welcher einst die Scheune des Kolchos gestanden hatte, die zusammen mit den in ihr eingeschlossenen Dorfbewohnern niedergebrannt worden war, findet sich dann eine monumentale Konstruktion, die einer solchen nachempfunden ist (Bild S. 5). Ihr gegenüber liegt der Ort des eigentlichen Massengrabes, auf welchem folgender Appell ›an die Nachgeborenen‹ zu lesen ist:

»Liebe Menschen, seid dessen eingedenk,
dass wir das Leben, unsere Heimat und euch lieben,
geliebt haben.
Wir sind lebendig im Feuer verbrannt.
Unsere Bitte an alle:
Mag sich unsere Trauer und unser Leid in euren Mut
und eure Kraft verwandeln,
damit ihr Frieden und Ruhe in der Welt
für ewig erhalten könnt,
damit von nun an nirgendwo und
niemals mehr im Feuerwirbel das Leben stirbt!«[19]

Am ursprünglichen Standort der 26 Häuser des Dorfes erinnern stilisierte Grundmauern sowie als Campanilen konstruierte Kamine, von welchen von Zeit zu Zeit Glocken ertönen, an dieselben. Diesen ›Häusern‹ sind ferner jeweils symbolisch geöffnete ›Türen‹ zugeordnet, die von der Gastfreundschaft ihrer ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner zeugen sollen.

Auch die vier ehemaligen Brunnen des Dorfes hat man in stilisierter Form ›rekonstruiert‹. Auf einer Gedenktafel sind an jedem der Häuserfragmente die Namen der ermordeten Bewohner vermerkt, wobei bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren auch das Alter derselben angegeben wird.

Auf dem Gelände finden sich ebenso aus Beton gefertigte, symbolische Urnen mit Erde aus Siedlungen, die wie Chatyn einst zerstört und nie wieder aufgebaut worden sind, was als »Friedhof der Dörfer« bezeichnet wird (Bild S. 6). Jede dieser 186 Urnen ist mit dem Namen des jeweiligen Dorfes versehen sowie einer Information darüber, wo es sich ursprünglich befunden hatte.

Nicht vergessen werden in diesem Teil des Gedenkensembles auch diejenigen Gemeinden, in die nach ihrer Zerstörung im Anschluss an die Befreiung das Leben wieder zurückkehren konnte. Die Namen von 433 weißrussischen Dörfern, die zwar von den Besatzern dem Erdboden gleich gemacht worden sind , nach der Befreiung aber wieder aufgebaut wurden, finden sich in alphabetischer Reihenfolge an den Ästen der so genannten Bäume des Lebens», was symbolisch zum Ausdruck bringen soll, dass den ›Hitleristen‹, wie sie in Belorussland genannt werden, mit ihrer Politik der verbrannten Erde letztendlich kein Erfolg beschieden war.

An anderer Stelle wird den zahlreichen größeren und kleineren Lagern und Ghettos gedacht, die sich in der Zeit der nationalsozialistischen Okkupation auf dem Boden der einstigen Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik befunden haben (Bild S. 8). An insgesamt 260 von ihnen erinnern in den Nischen einer langen Betonmauer eingelassene Gedenkplatten, auf welchen nicht nur der jeweilige Name, sondern auch die Opferzahl des Lagers bzw. des Ghettos zu lesen ist.

Am Ende des Rundwegs durch die Gedenkstätte Chatyn stößt man auf ein Geviert, in dessen Mitte eine ›Ewige Flamme‹ brennt (Bild S. 8). Nur an drei der vier Ecken dieses Gevierts wachsen Birken[20], was verdeutlichen soll, dass ca. ein Viertel der belorussischen Bevölkerung beim Überfall durch Hitler-Deutschland und während der Jahre der nazistischen Okkupation den Tod gefunden hat.

Auch wenn Führungen[21] durch die Gedenkstätte von Dienstag bis Sonntag nur zwischen 9 und 17 Uhr durchgeführt werden, so ist sie doch an allen Tagen rund um die Uhr zugänglich. Daher befinden sich auf dem Gelände eine Vielzahl von Beleuchtungselementen, denen die Aufgabe zukommt, selbst in der Nacht ein eindrückliches Besuchserlebnis zu gewährleisten bzw. auch nach Einbruch der Dunkelheit die Durchführung von Gedenkzeremonien zu ermöglichen.

Solche Zeremonien gehören weiterhin, insbesondere an bestimmten Gedenktagen wie etwa dem 1. Juli, dem Tag der Befreiung Weißrusslands, zu Chatyn – auch wenn der Andrang im Vergleich zu dem Zeitraum 1969 bis 1993, für welchen Stefan Stadler 32 Millionen Besucher angab, merklich zurückgegangen sein dürfte, was sich daraus ergibt, dass die aktuelle Besucherstatistik für den Gesamtzeitraum der Existenz der Gedenkstätte etwa 35 Millionen aus ca. 100 Ländern ausweist.[22]

Die unzweifelhaft aber gleichwohl auch heute noch zu konstatierende Wichtigkeit dieser Stätte für Weißrussland dokumentierte sich beispielsweise in der Art der Vorbereitung auf den 60. Jahrestag der Befreiung und die Einbeziehung von Chatyn in die nationalen Feierlichkeiten. Da insbesondere die zahlreichen Betonelemente, die in der Gedenkstätte vorzufinden sind, seit der Einweihung derselben im Jahre 1969 sichtbar unter Wind und Wetter gelitten hatten, wurden im April 2004 im Rahmen eines »republikanischen Subbotniks[23]« Maßnahmen zur Erhaltung und Verbesserung in Angriff genommen, wobei der Präsident des Landes Aleksandr Lukaschenko sogar persönlich beim Betonieren mit Hand anlegte. Am Vorabend des 60. Jahrestages der Befreiung des Landes nahm er dann zusammen mit den Präsidenten Russlands und der Ukraine in Chatyn an den dortigen Feierlichkeiten teil.

Ein kleines Besucherzentrum in Parkplatznähe, dessen Eröffnung im Juli 2004 ebenfalls den oben erwähnten Subbotniks zu danken ist, informiert seither in drei Sälen – ein vierter dient der Präsentation der Werke von Wassilij Scharangowitsch, die unter dem Titel »Zum Andenken an die verbrannten Dörfer« stehen – den interessierten Besucher (Bild S. 9). An dieser Stelle wird zum einen die Gelegenheit geboten, sich über die Geschichte des Landes vor allem während des 2. Weltkrieges – respektive: des Großen Vaterländischen Krieges –, allgemein zu informieren. Zum anderen stehen im zweiten Saal der Ort Chatyn – Maly Trostinec und Osaritschi[24] werden allerdings ebenfalls erwähnt – und die dortigen Geschehnisse im Vordergrund. Der Bau sowie die Entwicklung der Mahn- und Gedenkstätte Chatyn ist Thema im dritten Raum des Zentrums. Im Besucherzentrum stehen ferner diverse Broschüren, Bücher, Videos und DVDs zum Verkauf.

Die Bedeutung der Gedenkstätte Chatyn auch für die Menschen jenseits der Grenzen Weißrusslands gut zum Ausdruck bringen die Worte des ehemaligen indischen Premierministers Rajiv Ghandi, die dieser anlässlich seines Besuchs im Jahre 1985 niederschrieb:

»Die Erinnerung daran, was der Krieg den Menschen antun kann, ist aufwühlend. Möge niemand von uns vergessen, wie Menschen alle ihre Energie darauf gerichtet haben, einander zu vernichten. Möge das eine Mahnung für diejenigen sein, die einer Abrüstung im Wege stehen, da heutzutage die Konsequenzen [eines Krieges] noch viel schlimmer sein können. Die Gedenkstätte ruft bei jedem, der sie besucht, außerordentlich starke Gefühle hervor. Minsk und Belarus haben gelitten, damit die Ideale des Humanismus überleben konnten. Möge die Welt sich daran erinnern und für eine bessere Zukunft der Menschheit kämpfen.«

Der zweite Teil des Textes mit einer Beschreibung der Gedenkstätte Maly Trostenec folgt im nächsten GedenkstättenRundbrief.

Prof. Dr. Dr. Jochen Fuchs ist Jurist und Politologe und lehrt als Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Janine Lüdke studiert am Fachbereich Sozialund Gesundheitswesen der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Maria Schastnaya ist Absolventin der Fakultät für Geschichte der Staatlichen Universität Weißrusslands in Minsk.
 

[1] Mitunter auch Maly (oder auch Klein) Trostinez bzw. (Malyj) Trostenets.

[2] Vgl. zum Ablauf des Massakers sowie zum Hintergrund Bernd Boll, Chatyn 1943. In: Orte des Grauens – Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, hrsg. v. Gerd R. Ueberschär, Darmstadt 2003, S. 19 ff. sowie Hartmut Lenhard, »Lebensraum im Osten« – Deutsche in Belorussland 1941-44, Düsseldorf 1991, S. 232 f., 267, 311 f.

[3] Mitunter auch Blagowschtschina bzw. Blagowtschina.

[4] Stefan Stadler, Besuch in der Gedenkstätte Chatyn, Belorussland. In: GedenkstättenRundbrief/Nr. 54, S. 16 ff.

[5] Aber auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme, vgl. z.B. Gerhard Vöhringer, Chatyn und Kurapaty – Zum Leben gehört der Mut zur Erinnerung: Erfahrungen während der ASF-Studienreise. In: Zeichen Nr. 4 (Dezember) 2005, S. 16 sowie Veikko Kunisch, Spuren des Holocaust – Reisebericht einer Exkursion. In: Treffpunkt Campus Nr. 30 (Dezember) 2005, S. 20 f.

[6] Stefan Stadler, Besuch in der Gedenkstätte Chatyn, Belorussland. In: GedenkstättenRundbrief/Nr. 54, S. 16-18.

[7] Der Anteil der Ukrainer lag sogar über vier Fünftel. Vgl. zu diesem Komplex Robert Bohn, Kollaboration und deutsche Mobilisierungsbemühungen im RK Ostland. In: Collaboration and Resistance During the Holocaust – Belarus, Estonia, Latvia, Lithuania, hrsg. v. David Gaunt/Paul A. Levine/Laura Palosuo, Bern u. a. 2004, S. 33 ff.

[8] Diejenigen, die anschließend der Gendarmerie übergeben worden waren, mussten bereits am folgenden Tag freigelassen werden, da sich der zu ihrer Festnahme führende Verdacht nicht bestätigt hatte.

[9] Vgl. Enzyklopädie des Holocaust – Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Bd.1, hrsg. v. Israel Gutman et al., München/Zürich o. J., S. 345.

[10] Dirlewanger fiel, nachdem er sich gegen Kriegsende in seine Heimat abgesetzt hatte, befreiten Zwangsarbeitern aus Polen in die Hände und verstarb kurz nach seiner Festsetzung – vermutlich an den Folgen der von jenen empfangenen Behandlung, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Dirlewanger (Zugriff: 9. 11. 2006).

[11] Nach anderen Angaben 149 Einwohner bzw. 75 Kinder, vgl. Bilder von Chatyn, hrsg. v. Internationales Bildungs- und Begegnungswerk/Ev. Verein für Begegnung, Versöhnung und Zusammenarbeit e.V., (maschinenschriftl. Manuskript), o. O. o. J. <um 1990>, S. 3. Einer der Berichte des Bataillons 118 (v. 12. April 1943) an den SS- und Polizei-Gebietsführer spricht von »34 Banditen« sowie von »zahlreiche<n> Einwohnern«, die getötet worden waren, und schließt mit den Worten: »Ein Teil davon kam in den Flammen um.«

[12] Zitiert nach: http://www.khatyn.by/de/genocide/expeditions (Zugriff: 9. 11. 2006).

[13] Zitiert nach: http://www.khatyn.by/de/genocide (Zugriff: 9. 11. 2006).

[14] W. Sankowitsch, Ju. Gradow und L. Lewin.

[15] S. Selichanow.

[16] Wer diesen Rundgang virtuell nachvollziehen möchte, der sei auf www.khatyn.by/de/about/excursion verwiesen.

[17] Drei Kinder, Wolodja Jaskewitsch und dessen Schwester Sonia sowie Julia Klimowitsch hatten sich verstecken können, zwei weitere Mädchen, die schwerverletzt noch aus der Scheune entkommen waren, wurden dann von Bewohnern eines Nachbardorfes gefunden, welches aber wenig später ebenfalls niedergebrannt werden sollte, wobei diese beiden dann den Tod fanden. Zwei Buben, Viktor Shelobkowitsch und Anton Baranowskij, sieben bzw. zwölf Jahre alt, hatten mehr Glück gehabt. Sie, die sich ursprünglich ebenfalls in der Scheune befunden hatten, waren zwar ebenfalls verletzt worden, doch entgingen die Dörfer, in denen sie dann Aufnahme gefunden hatten, der Vernichtung.

[18] Eine Schilderung der Ereignisse durch Josif Jossifinowitsch Kaminski findet sich unter http://www.ibb-d.de/geschichtswerkstatt.html?geschichtswerkstatt/werkstatt-zeugen.html .(Zugriff: 09.11.2006).

[19] Übersetzung lt. http://www.khatyn.by/de/about/excursion/step3/ (Zugriff: 9.11. 2006).

[20] Die Birke gilt als ein Symbol für das Leben.

[21] Die zuständige Abteilung ist unter der Telefonnummer 00375/17/7455060 bzw. .über khatyn@tut.by erreichbar.

[22] Da der Zugang zur Gedenkstätte kostenlos ist und man sich auch nicht in irgendeiner Form registrieren lassen muss, ist allerdings davon auszugehen, dass diese Zahlen auf Schätzungen beruhen oder aber nur diejenigen erfassen, die an einer der offiziellen Führungen teilnehmen.

[23] Auch: Subotnik oder Subbottnik, abgeleitet vom Begriff Samstag. Unter Subbotnik versteht man einen freiwilligen Arbeitseinsatz an Sonnabenden, wobei die Leistungen nicht individuell entlohnt werden, sondern diese dem Kollektiv zugute kommen. Historisch geht der Subbotnik auf eine Initiative der beim Bau der Eisenbahnstrecke von Moskau nach Kasan im Jahre 1919 beschäftigten Kommunisten zurück, deren Initiative von Wladimir Lenin in einem Artikel lobend hervorgehoben worden war. Vgl. »Die große Initiative« in: LW 29, S. 397 ff.

[24] In der Nähe von Osaritschi im Kreis Kalinkowitschi legten die auf dem Rückzug befindlichen Deutschen im März 1944 auf Befehl der Generäle Harze, Gossbach und Richter vor den eigenen Verteidigungslinien Lager mit arbeitsunfähigen Menschen an. Von den dort eingepferchten ca. 50 000 Menschen konnten am 18. 3. 1944 von der 1. Belorussischen Front nur noch knapp 33 500 lebend befreit werden.