Thomas Lutz
Im Folgenden möchte ich mit Unterstützung meiner Kollegin und den Kollegen auf dem Podium den Fokus auf die internationale Perspektive bei der Beschäftigung mit der Geschichte der NS-Verbrechen lenken, der für die Gedenkstätten zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dies lässt sich auf zwei Ebenen feststellen: Die eine Ebene betrifft den Austausch über die Geschichte und Gegenwartsbedeutung der NS-Verbrechen. Dazu gibt es zahlreiche bi- und internationale Projekte: Mein Kollege Klaus Hesse bereitet z.B. aktuell eine große Ausstellung mit dem NIOD[1], dem holländischen Kriegs- und Holocaustforschungsinstitut, über die deutsche Besatzung vor. Es gibt aber nur eine internationale Organisation, die sich kontinuierlich um einen Austausch von Experten und Vertretern der Politik, zumeist Diplomaten, bemüht: die »International Holocaust Remembrance Alliance« (IHRA)[2]. Seit der Stockholmer Konferenz 2000 ist die Bundesrepublik Mitglied dieser Organisation, der heute 33 Mitgliedsländer angehören. An einem Beispiel möchte ich die Bedeutung dieser Allianz aufzeigen: Seit vielen Jahren gibt es Kritik an der Gedenkstätte Jasenovac in Kroatien. Jasenovac war der größte Lagerkomplex, den die faschistische Ustascha-Regierung im formal Unabhängigen Staat Kroatien betrieb. Vor allem das Schicksal der serbischen Opfer und der ermordeten Roma wird dort nicht adäquat dargestellt. Vor Kurzem habe ich gemeinsam mit einem französischen Kollegen vom Museum Mémorial de la Shoah und einer holländischen Kollegin vom Anne-Frank-Haus im Auftrag der IHRA in Kroatien Gespräche geführt, um deutlich zu machen, dass die anhaltenden Auseinandersetzungen um die Gedenkstätte nur beendet werden können, wenn alle Opfergruppen entsprechend Berücksichtigung und Anerkennung finden. In Gesprächen mit den neuen Ministerinnen für Kultur und für Bildung zeigte sich, dass ihnen die Konfliktlinien durchaus bewusst sind. Zugleich wurde offensichtlich, dass es in Politik und Gesellschaft – auch vor dem Hintergrund der Kriege im auseinanderbrechenden Jugoslawien der 1990er-Jahre – starke nationalistische Strömungen gibt, die nicht an ihren Geschichtsmythen rütteln lassen wollen und auf die Rücksicht genommen werden muss. Ich bin überzeugt, dass es nur durch einen internationalen Dialog, der auf der einen Seite sensibel mit der Situation vor Ort umgeht und auf der anderen Seite dafür streitet, dass die Geschichtsmythen nicht weiter kolportiert oder gar durch andere ersetzt werden, zu einem offenen Dialog kommen kann. Im Moment scheint in Kroatien ein Fenster ein wenig geöffnet zu sein. Man sollte die Chance nicht ungenutzt lassen. Positive Entwicklungen im internationalen Dialog sind durchaus auch in dieser Region möglich: Vor sechs Jahren war noch nicht denkbar, was zumindest mit einem von der UNESCO initiierten Projekt zur Erarbeitung einer gemeinsamen post-Jugoslawischen Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg für die nationalen Ausstellungen in der Gedenkstätte Auschwitz, an dem ich als Berater mitgewirkt habe, gelungen ist:
Unter historischen Experten aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens besteht heute Einvernehmen über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, was die Opfergruppen, die Zahl der Getöteten sowie die dafür Verantwortlichen anbelangt. Leider sind Politik und Öffentlichkeit noch nicht so weit, die sachliche Geschichtsdarstellung allgemein anzuerkennen. Dieses Beispiel zeigt, dass man in Europa nur zu einem gemeinsamen Verständnis über die Historie des Zweiten Weltkriegs gelangen kann, wenn man zunächst die unterschiedliche Wirkungsgeschichte in den einzelnen Ländern und Regionen begreift. Danach macht es Sinn, im internationalen Diskurs das eigene Geschichtsbild zu hinterfragen. Wenn wir uns zurückerinnern, haben auch in Deutschland die beständigen Forderungen aus dem Ausland, insbesondere der Überlebenden-Organisationen, sehr viel zur Entwicklung der Gedenkstättenlandschaft beigetragen. Zumindest wird offensichtlich, dass ein von oben oktroyiertes eindimensionales Verständnis der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, wie es vom Europäischen Parlament mit dem Haus der Geschichte in Brüssel implementiert wurde, der falsche Weg ist. Hiermit werden Geschichtsmythen weiter kolportiert und letztendlich rechtspopulistischen und nationalistischen Interpretationsweisen Tür und Tor geöffnet. Im folgenden Gespräch werden wir uns mit der zweiten von mir angesprochenen Ebene befassen: der Internationalisierung der Erinnerung an Verbrechensregime und dem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die sich mit anderen Regimen befassen, die Staatsverbrechen begangen haben. Bereits 2003 wurde für diesen Zweck eine internationale Organisation gegründet: das »International Committee of Memorial Museums in Remembrance of Victims of Public Crimes« (IC MEMO). Dabei wirkten viele Kollegen mit, die in NS-Opfer-Gedenkstätten international tätig sind. Eine wichtige Rolle in der Gründungsphase kam dem damaligen Leiter des Kreismuseums Wewelsburg, Wulff Brebeck, zu. Die Neugründung erhielt von Beginn an viel Unterstützung von der Dachorganisation, dem International Council of Museums (ICOM). Mit dem IC Memo soll gewährleistet werden, dass die nachhaltige Professionalisierung der Gedenkstätten als Museen mit besonderen Aufgaben in einem fachlichen Diskurs stattfindet. Seit dem Bestehen des Komitees ist deutlich geworden, dass damit keine Minimierung der NS-Verbrechen, aber auch nicht anderer Gewaltregime einherging. Allen Beteiligten ist klar, dass die Geschichte so verschieden ist, dass es sich verbietet, »Hitlisten« aufzustellen, wer mehr gelitten hat. Da staatliche Gewaltsysteme häufig internationale Auswirkungen hatten, macht es Sinn, sich auch bei der Aufklärung über die Verbrechen international zu vernetzen. Zudem bestehen in der alltäglichen professionellen Arbeit der Gedenkstätten sehr viele Ähnlichkeiten. Fragen wie etwa der Erhalt von Stätten und Gebäuden, die Würdigung unterschiedlicher Opfergruppen, deren Anerkennung und Entschädigung in den Nachfolgegesellschaften oder die Bestrafung der Täter weisen viele Ähnlichkeiten auf. Unter den Podiumsgästen darf ich zunächst Professor Carol Gluck vorstellen, die an der Columbia University in New York forscht und lehrt. Carol Gluck ist Gründerin und Leiterin des an der Columbia University angesiedelten Programms »The Committee on Global Thought«. In dieser Funktion hat sie zahlreiche Seminare, Veranstaltungen und andere Formen des Austauschs organisiert, die sich mit Erinnerungspolitik in globalen Zusammenhängen beschäftigen. Carol Gluck ist Professorin für moderne japanische Geschichte und hat dazu umfänglich publiziert. Zudem hat sie sich bemüht, die japanische Regierung von der Notwendigkeit einer Veränderung in der Geschichtspolitik zum Zweiten Weltkrieg zu überzeugen. Der Zweite Weltkrieg dauerte in Asien länger als in Europa – eine Tatsache, die aus dem europäischen Bewusstsein weitgehend verdrängt wird. Soweit mir bekannt, thematisiert lediglich das neue Museum des Zweiten Weltkriegs im polnischen Danzig diesen Aspekt. Deshalb meine erste Frage: Wie erinnern sich die Japaner an den Zweiten Weltkrieg?
Carol Gluck
Zunächst möchte ich Dr. Lutz auch im Namen der internationalen Gemeinschaft danken, weil die »Topographie des Terrors« und das Gedenkstättenreferat für alle, die auf dem Feld der Erinnerungspolitik in einem globalen Kontext arbeiten, von großer Bedeutung sind. Dr. Lutz brachte seine Erfahrung zum Beispiel im Rahmen des politisch schwierigen Projekts einer nationalen Gedenkstätte zur Erinnerung an die Anschläge am 11. September 2001 in New York ein. Dafür herzlichen Dank!
Zu Japan: Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg prägen zwei Narrative. Zum einen wird eine Opfergeschichte erzählt, nach der das japanische Volk Opfer seiner politischen Führer wurde, die es in einen katastrophalen Krieg verstrickten. Zum anderen wird der Krieg reduziert auf die Zeit zwischen dem Angriff auf Pearl Harbor 1941 und dem Abwurf der Atombomben 1945, also auf jenen Krieg, den die Amerikaner gegen Japan führten. Das ist aber nicht der Zweite Weltkrieg, der mit dem japanischen Überfall auf China 1937, ja eigentlich schon mit einem früheren Angriff 1931 begann. Diese zeitliche Reduzierung hatte zur Folge, dass der Japanisch-Chinesische Krieg, der die Ursache für den Angriff auf Pearl Harbor war, aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwand. Aber infolge der amerikanischen Besatzung konnten sich die Japaner jahrzehntelang als Opfer ihrer Führungskräfte fühlen und sich in einer neuen Weltordnung einrichten, die auf dem Pazifischen Krieg 1941–1945 basierte. Das funktionierte bis zum Ende des Kalten Krieges. Erst mit dem Aufstieg Asiens in den 1980er- und vor allem in den 1990er-Jahren forderten die Völker und Regierungen Chinas, Südkoreas und anderer Staaten, dass sich Japan endlich seiner Geschichte und seinem aggressiven Verhalten in Asien während des Krieges stellen sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an.
Thomas Lutz
Im Zentrum der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Europa steht die Shoah. Was sind in diesem Zusammenhang die wichtigsten Themen in Japan?
Carol Gluck
Ich stelle fest, dass in Deutschland häufig über nationalsozialistische Verbrechen gesprochen wird. In Asien sind weniger die japanischen Verbrechen Thema, sondern mehr die japanischen Gräueltaten: als Erstes der Angriffskrieg, der im Falle von Korea auf eine brutale Kolonialherrschaft folgte. Hinzu kommen das Massaker von Nanjing, die ehemaligen »Trostfrauen« oder Sexsklaven der japanischen Armee sowie die biologische und chemische Kriegführung. Neuerdings spielt die Zwangsarbeit eine Rolle – ein Thema, mit dem Sie auch vertraut sind – und weitere Taten in China, Korea und andernorts. Für ganz Asien stehen also der Angriffskrieg und die Gräueltaten im Zentrum.
Thomas Lutz
Sie sprechen von einem Angriffskrieg. Was bedeutet das für die Erinnerung an diesen Krieg in Asien und insbesondere für Japan und seine Nachbarn? In Deutschland haben wir uns um eine Aussöhnung mit den Ländern bemüht, die unter dem NS-Regime und der Wehrmacht gelitten haben. Wie verhält sich das in Asien? Und auf welche Weise kann der Prozess einer Annäherung zwischen Völkern und Nationen auf einen guten Weg gebracht werden?
Carol Gluck
Zunächst ist es sehr wichtig, den Unterschied in der politischen Chronologie zwischen der westdeutschen respektive dann der gesamtdeutschen Erinnerung an den Krieg und jener in Asien zu begreifen. Bislang verläuft die Erinnerung in Japan entlang der genannten Narrative, die erst allmählich ins Wanken geraten. Ich nenne das »frozen stories«, die nun nach dem Ende des Kalten Krieges langsam auftauen. Erst nach dem Kalten Krieg konnte – oder musste – Japan seinen Blick auf den asiatischen Krieg richten. Wenn Sie überlegen, wie zielgerichtet Westdeutschland seine europäische Integration bereits während des Kalten Krieges in den 1940er- und 1950er-Jahren verfolgte (NATO und Aussöhnung aus geopolitischen Gründen), wird hier ein fundamentaler geopolitischer Unterschied deutlich. Meiner Meinung nach ist es naheliegender, die Entwicklung in Ostasien und Osteuropa zu vergleichen. Sie haben Südosteuropa bereits erwähnt. Zurzeit ist die Erinnerungspolitik an den Zweiten Weltkrieg in den Ländern Osteuropas – vom Baltikum im Norden bis zum Balkan im Süden – genauso im Fluss wie in Ostasien. Der Grund dafür ist einfach: In Osteuropa gab die Sowjetunion die Erinnerungspolitik vor, in Japan die USA. Man könnte sagen, dass die Nachkriegszeit in Osteuropa und in Ostasien erst nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Kriegs begann. Aber auch in Westeuropa war der Versöhnungsprozess langwierig und dauert immer noch an. In Asien ist im Moment viel von Versöhnung die Rede, was in der Tat eine neue Entwicklung ist – jedenfalls was die Verwendung dieses Begriffs anbelangt –, aber das wird auch Zeit brauchen. Wie in Westeuropa wird diese Entwicklung zu einem großen Teil von der Politik bestimmt werden, sowohl von der Innenpolitik in den Ländern als auch von der Außenpolitik in der gesamten Region.
Thomas Lutz
Wir befinden uns hier in einem Dokumentationszentrum und haben viel über Gedenkstätten gesprochen. Auch in Japan gibt es Museen, die den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben. Das bekannteste ist das Hiroshima Peace Memorial Museum. Welche Bedeutung haben diese Museen für das Geschichtsverständnis und für die zukünftigen Generationen?
Carol Gluck
Als jemand, der sogar während seines Urlaubs Kriegsmuseen besucht, kann ich Ihnen versichern, dass es weder in Japan noch in China, Taiwan, Südkorea, Singapur, Indonesien, auf den Philippinen oder andernorts ein Museum wie die »Topographie des Terrors« gibt. Keines dieser Museen stellt den Gesamtzusammenhang so dar, dass es die Besucher zum Nachdenken anregt. Jedes Land hat sehr national, viele sogar nationalistisch ausgerichtete Museen. Dies ist ein weiteres Charakteristikum, wie in Asien heutzutage des Krieges gedacht wird. Fast alle der vielen Hundert Museen Japans, die den Zweiten Weltkrieg ausstellen, führen das Wort »Frieden« in ihrem Titel und transportieren die Botschaft des »Nie wieder!« Das wichtigste und mit jährlich 1,5 Millionen Besuchern aus dem In- und Ausland größte japanische Museum ist das Hiroshima Peace Memorial Museum. Auch dieses Museum spiegelt die frühen Narrative wider. Natürlich werden die Schrecken des Atomkriegs gezeigt, aber das Opfernarrativ (sowohl von Überlebenden des Atombombenangriffs als auch Japan als Ganzes) und das Narrativ des Pazifischen Krieges spielen eine wesentliche Rolle. Der historische Kontext wird – im Unterschied zur »Topographie des Terrors« – nicht ausreichend dargestellt. Und jene Museen, die sich um diese Zusammenhänge bemühen, haben nur wenige Besucher. Allerdings finden auch die Museen, die den Krieg glorifizieren, kaum Anhänger, weil sie meist museumsdidaktisch nicht gut gemacht und für die jüngeren Generationen nicht von Interesse sind. Meiner Meinung nach ist es noch ein langer Weg, bevor die Museen in Asien die historischen Zusammenhänge vergleichbar mit der »Topographie des Terrors« ausstellen werden. Ich bedauere, dass ich nichts anderes berichten kann.
Thomas Lutz
Als weiteren Podiumsteilnehmer darf ich Ihnen Alexander Hasgall vorstellen. Er leitet den Council for Doctoral Education der European University Assocation in Genf und ist Mitbegründer des »Arbeitskreises für Vergangenheitspolitik« in der Schweiz. Heute haben wir ihn jedoch auf das Podium gebeten, weil er sich etwa so lange, wie das Gedenkstättenreferat der »Topographie des Terrors« existiert, mit der Einhaltung der Menschenrechte in verschiedenen Ländern Südamerikas befasst. So hat er promoviert zum Thema »Regime der Anerkennung. Kämpfe um Wahrheit und Recht in der Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur«. Im Unterschied zu Südostasien geht es hier vorrangig um einen nationalen Konflikt, um einen Bürgerkrieg, eine Diktatur. Häufig ist von der argentinischen Militärdiktatur die Rede, eine Bezeichnung, die die Opferseite für unzureichend hält. Warum?
Alexander Hasgall
Ich glaube, die schwierigen Fragen der Anerkennung, die auch in der »Topographie des Terrors« gestellt werden, spielten auch in Argentinien eine große Rolle. Ich freue mich deshalb, dieses Thema hier zu diskutieren. Der Fall Argentinien ist insofern interessant, weil der Putsch am 24. März 1976 nicht von einer ausländischen Macht ausging, sondern ein Staatsstreich war. Er wurde international vielfach verstanden als Durchsetzung einer Ordnung im Chaos Argentiniens, das durch massive innere Konflikte geprägt war. Der Putsch hatte durchaus auch in der argentinischen Gesellschaft Unterstützung. Ungefähr ein Jahr nach dem Staatsstreich ging es neben der Zerstörung insbesondere der linksperonistischen Opposition auch um eine Veränderung des Wirtschaftssystems, was – wie der bekannte und später ermordete Journalist Rodolfo Walsh in einem offenen Brief an die Militärmachthaber anlässlich des einjährigen »Jubiläums« des Staatsstreichs konstatierte, zu einer Reallohneinbuße von etwa 40 Prozent führte. Neben der militärischen Komponente waren also durchaus zivile Interessen von der Diktatur berührt. Das wurde lange Zeit kaum thematisiert, weil die Junta, die nach der Niederlage im Falkland-Krieg zudem vor Gericht gestellt wurde, den Diskurs dominierte. Aber in den letzten zehn bis 15 Jahren wurde die andere Frage, inwiefern auch zivile Interessen eine Rolle spielten, immer häufiger aufgebracht, sodass der Begriff Militärdiktatur jetzt ersetzt wird durch den Begriff einer zivilen militärischen Diktatur. Daraus resultierend stellt sich auch die Frage nach Schuld und Verantwortung wieder neu, wobei dies die Verantwortung des Militärs nicht mindert.
Thomas Lutz
Wie ist es nach einer »zivilen Militärdiktatur« überhaupt möglich, diese Frage nach Schuld und Verantwortung zu stellen, und wie kann es gelingen, den Opfern Gehör zu verschaffen?
Alexander Hasgall
Die Frage der Transitional Justice wurde durch den Fall Südafrika mit der Aufarbeitung der Apartheid und der Rolle der Wahrheitskommission geprägt. Bekanntlich spielte dabei die Idee einer Wahrheit, und vor allem auch das christliche Element, demzufolge die Wahrheit ausgesprochen werden musste (Wahrheit macht frei, Johannesevangelium), in Südafrika eine entscheidende Rolle. Vielleicht hatte man auch die Hoffnung, das Trauma der Opfer überwinden zu können, indem man ihnen eine Stimme gab. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass diese Prozesse sehr komplex sind und die Hoffnung, durch das Aufdecken der Wahrheit die Trauma zu bewältigen, selten funktioniert hat, weil daraus neue Fragen resultieren. Es reicht eben nicht nur zu reden, sondern dann kommen auch materielle Unterstützungen, etwa Reparationen, ins Spiel. Gerade in Argentinien entstand daraus eine große Debatte, die auch zur Spaltung der »Madres de Plaza de Mayo«, einer der wichtigen argentinischen Menschenrechtsorganisationen, führte. Eine Gruppierung war bereit, Reparationszahlungen zu akzeptieren, auch weil ihr Reden zu »billig« und eine materielle Entschädigung erforderlich schien, während andere argumentierten, dass man sich dadurch kaufen ließe. Hierin zeigt sich, dass zum Ziel, den Opfern eine Stimme, eine Subjektivität zu geben, sowohl konkrete Unterstützung als auch symbolische Handlungen notwendig sind, wobei hier auch sich widersprechende Auffassungen eine Rolle spielen können. Letztlich sind dies langwierige, eigentlich nicht endende Prozesse, es gibt keine »instant«-Aufarbeitung; gleichzeitig haben Gesellschaften aber ein Interesse, sich weiter zu entwickeln und das Vergangene hinter sich zu lassen. In Lateinamerika gibt es ganz unterschiedliche Dynamiken. Guatemala hatte eine sehr gute Wahrheitskommission, der es aber nicht gelungen ist, ihre Ergebnisse pädagogisch nutzbar zu machen. Nun liegt ein guter, mehrbändiger Bericht vor, der die Hauptverantwortung des Militärs klarstellt. Dieser wird von der Gesellschaft aber wenig rezipiert und verhindert nicht, dass Militärs mit dunkler Vergangenheit politisch Karriere machen und gewählt werden. Zugleich gibt es Länder wie Argentinien und Chile, die auch durch eine Zusammenarbeit untereinander und mit ausländischen Institutionen wie der »Topographie des Terrors« eine Gedenkkultur entwickeln und eigene Impulse setzen.
Thomas Lutz
Welche Rolle spielen die Gedenkstätten in Argentinien in diesem Prozess?
Alexander Hasgall
Es gibt sehr unterschiedliche Gedenkstätten. Dies liegt nicht nur an der geografischen Größe des Landes, sondern auch an der Unterschiedlichkeit und teilweise inneren Konflikten zwischen verschiedenen Angehörigen- und politischen Organisationen. Es gibt nicht DAS Gedenken, sondern vielmehr sehr unterschiedliche Herangehensweisen, immer bezogen auf die aktuelle politische Situation, die sich durch einen Regierungswechsel schlagartig verändern kann. Es ist auch die Frage, welche Rolle die Öffentlichkeit und der Staat für das Gedenken spielen. Dies kann sich sehr stark wandeln, wenn sich die politischen Grundlagen ändern. Im Moment hat Argentinien eine konservative Regierung, die eigene Narrative in den Vordergrund rücken möchte und dabei die eigentlich überwunden geglaubte »Theorie der beiden Dämonen« wiederbeleben möchte. Diese besagt, dass Argentinien vor dem Staatsstreich im Würgegriff links- und rechtsextremistischer Kräfte stand und damit der Putsch letztlich eine Reaktion auf diese Situation darstellte.
Thomas Lutz
Als weiteren Podiumsteilnehmer möchte ich Uwe Bergmeier vorstellen. Er war als Freiwilliger der »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.« in Israel und hat nach dem Politikstudium neben anderem im Haus der Wannsee-Konferenz als Referent in der Bildungsarbeit zur NS-Verbrechensgeschichte gearbeitet. Zugleich hat er sich mit aktuellen Konflikten in Afrika auseinandergesetzt. Vor knapp 20 Jahren war er im Rahmen seines Studiums im Sudan. Seit dem Jahr 2000 war er im Nordosten Ugandas tätig, wo er sich bemüht hat, Jugendliche aus der Gewaltspirale des Bürgerkriegs herauszuholen. Seit 2009 ist er Leiter des Civil Peace Service der »Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) e.V.« in Kenia. Damit sind wir beim jüngsten Konflikt, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen. In Kenia kam es 2007/2008 nach den Präsidentschaftswahlen, deren Ergebnis nicht von allen Seiten anerkannt wurde, zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Die deutsche »Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit« befand daraufhin, dass man einfach nicht zum Alltag in der internationalen Kooperation zurückkehren könne, sondern sich zunächst bemühen müsse, der zerrissenen Gesellschaft einen neuen Zusammenhalt zu ermöglichen. Welche Rolle spielt bei der Bearbeitung in einem so aktuellen Konflikt die Beschäftigung mit der Geschichte des Konflikts? Kann diese überhaupt bearbeitet werden?
Uwe Bergmeier
Ich nehme nicht als Repräsentant einer Gedenkstätte oder einer akademischen Institution an diesem Gespräch teil, sondern als jemand, der fachlich zivile Konfliktbearbeitung in Ländern in Afrika macht, wo es ein Erinnerungsverständnis, wie wir es praktizieren – mit Gedenkstätten und institutionalisiertem Gedenken –, so nicht gibt. Mein Beispiel ist Kenia, das Land, in dem ich im Moment arbeite. Ich beschäftige mich mit den Verbrechen im Anschluss an die Präsidentschaftswahlen 2007/2008 und dem Umgang damit. Es handelt sich dabei nicht um einen Völkermord, sondern um eine interne, politische, interethnische Menschenrechts-Verbrechenslage. Ich arbeite seit Jahren mit einem Instrument der deutschen Außenpolitik, dem zivilen Friedensdienst. Seit 18 Jahren bemühen sich Fachleute – es ist kein Studentenaustausch oder Volontariat – international, in Konfliktregionen Möglichkeiten von Konfliktlösung und Regelung bis hin zu Versöhnung nach Verbrechen mit lokalen Gesellschaftsgruppen zu fördern. Ob und wie das gelingt, ist ein kontinuierlicher Streitpunkt in unserer Arbeit. Geht das überhaupt? Wir als Deutsche gehen in eine Region, ich in meinem Fall nach Kenia oder früher nach Norduganda, und versuchen dort, mit Täter- und Opfergruppen ins Gespräch zu kommen und Dialoge zu initiieren, Dialogräume überhaupt erst zu schaffen. Letztere sind zentral, weil es in keinem dieser Länder eine organisierte Gedenkstätte oder institutionalisierte Erinnerung zu diesen Themen gibt. Daran knüpft sich die Frage an, ob wir Gedenkstätten brauchen oder ob wir in diesen Ländern in der Erinnerungsarbeit nicht auch über andere Formen des Erinnerns nachdenken müssen und diese zu praktizieren helfen. Ich könnte dazu viele Beispiele liefern. Nehmen wir Norduganda: Manchmal gelingt Erinnerungsarbeit, indem wir zwischen Opfern von Überfällen der Lords Resistance Army[3], etwa von ihnen entführte Kinder und zu Kindersoldaten gemachte Mörder, als spätere Rückkehrer mit ihren früheren Dorfgemeinschaften und Familien ein Gespräch organisieren. Wir gehen auf eine ganz elementare Ebene von Erinnerung, Schuld und mögliche Vergebung, um darüber überhaupt ins Gespräch über ein Verbrechen kommen. In Kenia ist das beispielsweise in vielen Fällen bis heute nicht möglich. Es wird – und das ist typisch für afrikanische Konflikte – meist von der nächsten Verbrechenssituation bereits überlagert. Das heißt, auch das Beispiel der sogenannten Nachwahl-Verbrechen 2007/2008 ist eigentlich bis heute nicht aufgearbeitet. Wir könnten ein internationales Instrument erwähnen, den Internationalen Strafgerichtshof, der versucht hat, dieses Thema juristisch, aber nicht gesellschaftlich aufzuarbeiten. Das endete 2015 in einem Desaster, weil es nicht gelang, als internationaler Akteur unter Berufung auf »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« in diesem lokalen Konflikt politisch Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Dies hat die Gesellschaft in Kenia weiter gespalten, politisch ist der Versuch der internationalen Aufarbeitung im Land als inakzeptable, arrogante Einmischung wahrgenommen worden. Danach war Kenia wieder auf die lokalen Auseinandersetzungsformen zur eigenen Menschenrechtsgeschichte zurückgeworfen, die von außen mitgefördert oder auch nur mit den eigenen gesellschaftlichen Akteuren (wie Zivilgesellschaft, religiöse Institutionen) weiterhin mühsam vorangebracht wird.
Thomas Lutz
Einige Jahre nach seiner Gründung befand das United States Holocaust Memorial Museum nach durchaus kontroversen Diskussionen, dass sich aus der Forderung des »Nie wieder!« nach der Shoah zwingend die Notwendigkeit ergebe, sich auch mit aktuellen Konflikten zu beschäftigen. Vorgesehen war, 2007 auf den Völkermord im Südsudan aufmerksam zu machen. In dieser Region werden Sie in Zukunft als Projektleiter einer Hilfsorganisation arbeiten und Projekte aufbauen und begleiten. Dabei stellt sich mir die Frage, ob dieser Auftrag des »Nie wieder!« nach dem Holocaust tatsächlich mit einem aktuellen Konflikt zielführend in Verbindung gebracht werden kann. Oder brauchen wir dafür andere Mittel?
Uwe Bergmeier
Aus meiner Sicht gibt es diesen Zusammenhang so nicht. Wir haben in afrikanischen Kontexten von Gewalterfahrung eine völlig andere Kultur des Gedenkens, die nicht unbedingt institutionalisiert und schon gar nicht staatlich gewollt ist, weil sie häufig regimekritisch gegen die bestehende Regierung ist. Jede Einmischung des Staates verkompliziert die Aufarbeitung – wenn es denn überhaupt eine gibt – und lädt sie politisch auf. Insofern ist der Ansatz des »Nie wieder« vielleicht lobenswert als Vision, aber meinem Wissen nach nirgendwo in politische Institutionen und gesellschaftliche Prozesse in Krisenstaaten – wie z.B. Südsudan – übergegangen. Wir müssen stattdessen darüber reden, welche Möglichkeiten der Bearbeitung von Überlagerungen an Krisen und Traumata überhaupt in einem solchen Land infrage kommen. Wir haben dort etwa 2,2 Millionen Flüchtlinge außer- und innerhalb des Landes, die Armut ist extrem hoch und die politischen Institutionen sind extrem korrupt, sodass nicht einmal klar ist, welche Ursachen überhaupt anzugehen sind und warum die Menschen flüchten: vor dem bewaffneten Bürgerkrieg, verkompliziert durch verschiedene Milizen, oder vor der Armut – oder beides? Die Flüchtenden, aber auch ihre zurückgebliebenen Familien haben existenzielle Probleme, mit dieser Situation zurecht zu kommen. Fragen des Gedenkens, der Aufarbeitung von früheren Verbrechen, nach Schuldigen oder wer dafür Verantwortung zu übernehmen bereit ist, sind sehr weit weg von diesen Menschen in ihrem Kampf ums Überleben.
Thomas Lutz
Die folgende Frage richtet sich an alle drei Podiumsteilnehmer: Auf welche Weise beeinflusst die deutsche Erinnerung an die NS-Verbrechen das Erinnern und Gedenken in den Ländern, mit denen Sie vertraut sind?
Alexander Hasgall
Die Erfahrungen mit der Aufklärung über die NS-Verbrechen spielen eine große Rolle bei der Art des Sprechens über die Verbrechen. Begriffe wie zum Beispiel Genozid als Bezeichnung für die Geschehnisse in Argentinien 1976-1983 sind bei vielen Opfergruppen und in der Linken sehr verbreitet. Auch der Begriff »Konzentrationslager« für die klandestinen Folter- und Ermordungsstätten der Militärs wird häufig gebraucht. Auf der diskursiven Ebene spielt der Nationalsozialismus also eine sehr große Rolle, was wiederum zur Debatte über Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit führt und dadurch begrifflich eine schwierige Lage hervorgerufen hat. Zur Gedenkpolitik: In Berlin stehen am Wittenbergplatz die »Wegweiser« zu den einzelnen Konzentrationslagern, in Buenos Aires gibt es das gleiche Symbol. Es werden also Erinnerungsformen aus dem deutschen Kontext 1:1 übernommen, auch mit dem Ziel, dass das Verbrechen angemessen anerkannt wird. Zugleich gab es schon seit den Zeiten der Diktatur eigenständige Formen der Erinnerungen, beispielsweise wenn es um die bildliche Darstellung von Verschwundenen geht. Diese strahlen wiederum international aus. Man kann die Frage also nicht mit einem schlichten Ja oder Nein beantworten, aber es findet sicher ein Austausch und auch eine Auseinandersetzung auf der Meta-Ebene statt, inwiefern die deutsche Auseinandersetzung mit den Verbrechen in Argentinien übernommen werden kann oder nicht.
Carol Gluck
Selbstverständlich hat sich die Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg 73 Jahre nach dessen Ende gewandelt. Das steht in erheblichem Maße mit der westdeutschen Erinnerungskultur in Zusammenhang. Mittlerweile gibt es etwas, was ich eine »globale Erinnerungskultur« nenne, mit verschiedenen Aspekten, die fast alle in der einen oder anderen Weise mit der Erinnerung an den Holocaust zu tun haben, wie sie Deutschland geprägt hat. Die Japaner müssen sich nun mit einer Erinnerungskultur auseinandersetzen, die in den 1950er-Jahren noch nicht bestand. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das mit dem Verständnis von Verantwortung zusammenhängt, weil es in den 1950er-Jahren in gewisser Weise einfacher war, über Verantwortung zu sprechen. Diese trugen die Führungskräfte, also Hitler oder in Japan die Militärs. Das hat sich im Laufe der Zeit verändert hin zur Diskussion von Schuld von Organisationen und schließlich von ganz normalen Männern und der Mitschuld der Gesellschaft bei der Entwicklung und Akzeptanz von Diktatur und Nationalsozialismus. Der Wandel von der Vorstellung, was Verantwortung bedeutet, ist nun Teil einer globalen Erinnerungskultur, die das Ergebnis des Gedenkens an den Holocaust in Europa ist. Dafür gibt es viele weitere Beispiele, etwa die Geste, dass sich ein Staatsoberhaupt bei den Opfern entschuldigt; das war in den 1950er-Jahren noch nicht üblich. Und in fast allen Bereichen – juristisch, gesellschaftlich und politisch – hatte der Umgang Deutschlands mit der Erinnerung an den Krieg einen entscheidenden Einfluss. Diese Entwicklung wird sich auch nicht wieder umkehren. Mit anderen Worten: Es handelt sich um weltweite Erwartungen, Normen und Praktiken der Politik einer globalen Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg. Sie haben aber durchaus auch Auswirkungen auf einige andere Beispiele, über die wir gesprochen haben.
Uwe Bergmeier
Erinnerungskulturen zu verstehen ist schon ein entscheidender Schritt. Ich glaube nicht, dass sich Erinnerungskulturen aus Europa oder Asien zielführend in andere Kulturen transferieren lassen. Das heißt, wir müssen viel mehr Zeit darauf verwenden, uns damit zu beschäftigen, wie Gesellschaften mit internen Gewalterfahrungen umgehen. Welche Formen der Aufarbeitung bis hin zur Versöhnung gibt es, die für uns, die wir von außen kommen, hilfreich und zu fördern sind? Aber auch bei der Methodik, wie wir Erinnerung lebendiger und im Sinne von Versöhnungsarbeit effektiver machen können, sind wir bislang nicht sehr kreativ. Wir brauchen den Austausch zwischen den Gedenkstätten, den pädagogischen und wissenschaftlichen Bereichen, mit anderen Gedenkkulturen in der Welt heute viel stärker. Das ist in Zeiten von multikulturellen Gesellschaften mit unterschiedlich erfahrenen Traumata für alle Seiten förderlich, so meine Botschaft für heute Abend. Und wir kommen automatisch durch diese Auseinandersetzung auf neue methodische Formen, die in anderen Kulturen Reaktionen auslösen, die wir vorher nicht erwartet haben. Darüber hinaus – und da sind wir klassisch in der Methode, die heute auch mehrfach genannt wurde – wenn wir Erinnerung und Aufarbeitung wollen, dann braucht es staatliche und nichtstaatliche Akteure. Dieses Zusammenspiel ist zentral, was für Europa und gleichermaßen für Afrika gilt, so schwierig es manchmal auch ist, diese beiden Akteure zusammenzubringen. Wir brauchen aber auch die Förderung von Akteuren, die sich um die »Wahrheit« bemühen. Das Aufdecken und die Diskussion um Hintergründe in komplizierten Konflikten ist ein ganz entscheidender Schritt. Ich bin über die Jahre sehr bescheiden geworden, wenn es um Aufarbeitung und Versöhnungsprozesse geht. »Wahrheit« herauszufinden und eine Übereinstimmung der Akteure darüber zu erzielen, ist ein großer Schritt. Letzter Punkt: Haben wir als Europäer, die wir das in Asien oder Afrika fördern, dazu eine Berechtigung? Klares Votum von meiner Seite: Ja, denn der Austausch über die Kompetenzen, die wir in diesem Bereich haben, ist für alle Seiten fruchtbar. Das möchte ich auch als Ermutigung für viele, die sich aufmachen, um in anderen Kulturen zu gewalttätigen Konflikten zu arbeiten, immer mit auf den Weg geben.
Thomas Lutz
Die Frage, die uns alle, die wir uns mit diesem Thema beschäftigen, bewegt, ist die Frage nach den zukünftigen Herausforderungen.
Carol Gluck
Ich nenne das: die Vergangenheit für die Zukunft nutzbar zu machen. Es gibt zwei drängende Herausforderungen. Die erste ist das Ableben der Zeitzeugen. Nach allem, was wir über das Gedächtnis an die beiden Weltkriege wissen, beeinflusst die Erinnerung an den Krieg die dritte Generation erheblich. In Japan bilden Kinder, die den Krieg nicht aus eigener Erfahrung kennen, nun die Mehrheit. Genau wie junge Leute in anderen Ländern wissen sie nicht viel über den Krieg. Aber es geht dabei nicht um das fehlende Faktenwissen, sondern darum, dass jüngere Generationen aus den Fakten, die sie lernen, den Objekten, die sie sehen, und den Narrativen, die sie hören, keinerlei politischen oder zivilgesellschaftlichen Handlungsauftrag ableiten, um Kriege oder Gräueltaten in der Gegenwart zu verhindern. Wenn man Schulklassen in Auschwitz, Hiroshima oder in einem Museum begleitet, wird deutlich, dass die meisten Schüler aufmerksam dabei sind – und Umfragen zeigen auch, dass sie sich an die Objekte (die Schuhberge in Auschwitz) und Bilder (die geschmolzene Uhr, die in Hiroshima um 8.15 Uhr stehen blieb) erinnern –, aber die Botschaft des »Nie wieder!« bleibt abstrakt, entrückt, losgelöst von ihrem alltäglichen Leben. Damit kehren wir zur Frage nach der Verantwortung zurück. Bei der Anerkennung vergangener Staatsverbrechen kann es nicht das alleinige Ziel sein, die Vergangenheit wachzuhalten. Mindestens in demokratischen Staaten müssen wir darauf zielen, ein Gefühl für individuelle, zivilgesellschaftliche und politische Verantwortung zu wecken, das in der Gegenwart aktiviert und handlungsleitend wird. Die zweite Herausforderung hat natürlich mit der derzeitigen Politik zu tun. Vor dem Hintergrund eines erstarkenden Nationalismus und Rechtspopulismus sind Regierungen damit zugange, ihre Nationalgeschichte umzuschreiben. Denken Sie zum Beispiel an Indien, China, Russland, Ungarn und die Türkei. Und für viele von ihnen, insbesondere in Ostasien und Osteuropa, steht der Zweite Weltkrieg im Zentrum der nationalen und nationalistischen Erinnerung. Das ist etwa in Polen, der Ukraine, den baltischen Staaten, China oder Japan der Fall. In diesen Ländern kann man wohl kaum sagen, dass die jetzige Vergangenheitsbewältigung eine liberale Gesellschaft hervorgebracht hat. Kurz gesagt ist die Geschichte der Erinnerung an den Krieg nicht unbedingt progressiv; die Lehren aus der Vergangenheit können nicht nur scheitern, sondern auch ihren Charakter so stark verändern, dass man sie kaum mehr erkennt. Wie können dann Museen ihre Arbeit, ihre Ausstellungsstücke, ihre Narrative angesichts der generationellen und politischen Herausforderungen anpassen? Das ist die Frage. Als Botschaft ist das »Nie wieder!« einfach nicht genug. Meiner Meinung nach ist es unsere Aufgabe, die Schrecken der Vergangenheit in Verbindung mit einer besseren Zukunft zu bringen, und zwar auf eine Weise, die das Publikum heute und morgen anspricht.
Alexander Hasgall
Die Voraussetzungen haben sich im Vergleich zu den 1990er- und 2000er-Jahren verändert, als sich eine globale Erinnerungskultur abzeichnete, die sich zu einem dominanten Narrativ entwickelte und an der nahezu jeder teilhaben wollte. Möglicherweise hat diese Entwicklung Asien noch weniger erreicht. Aber Argentinien hat – wie schon erwähnt – mittlerweile eine konservative Regierung, durch die Positionen, über die man vermeintlich Übereinstimmung erzielt hatte, wieder infrage gestellt werden. Oder in Deutschland, wo wir zeitweise die »Willkommenskultur« haben, sich andererseits aber die AfD starker Zustimmung erfreut und den öffentlichen Diskurs auch auf dem Feld der Erinnerungskultur verändern möchte. Vielleicht ist die Erinnerungskultur eben doch weniger verwurzelt, als wir das bislang angenommen hatten.
Carol Gluck
Die Definitionen von Erinnerungskulturen sind sehr unterschiedlich. Ich spreche nicht von jener, die Sie gerade genannt haben, sondern über politische Normen und Praktiken wie etwa Entschuldigungsgesten. Das ist nicht die Art von Erinnerungskultur, die in Deutschland gepflegt wird. Ich kenne nur sehr wenige Länder, in denen erwartet wird, dass jeder einen gewissen Blick auf eine bestimmte Vergangenheit hat. In Frankreich gibt es zum Beispiel auch eine Erinnerungskultur, aber niemand könnte dort – wie in Deutschland – behaupten, dass wir in den 1990er-Jahren glaubten, es »geschafft« zu haben. In einigen Ländern, mit denen wir uns beschäftigen, gibt es diese Art Erinnerungskultur nicht.
Alexander Hasgall
Wenn wir an so unterschiedliche Fälle denken wie die öffentliche Entschuldigung der australischen Regierung an die Aborigines, die Entwicklung einer spezifisch deutschen Erinnerungskultur, die Gacaca-Justiz in Ruanda oder die mittlerweile Dutzenden von Wahrheits-, Versöhnungs- und Historikerkommissionen weltweit, dann hatten wir einige Jahre lang den Eindruck, als ob sich eine »globale Moral« (Elezar Barkan) oder eine »globalisierte Erinnerung« (Daniel Levy/Natan Szneider) durchsetzen würde. Vieles war aber eher einem wissenschaftlichen Diskurs geschuldet und nahm politische Interessen zu wenig in den Blick.
Carol Gluck
Das sehe ich genauso: Die Vorstellung, dass man die Erinnerung an all die Schrecken der Vergangenheit global übereinstimmend erarbeiten kann, ist nicht mehr aktuell.
Thomas Lutz
Die Museen zum Gedenken an die NS-Opfer hatten in Deutschland nach der Wiedervereinigung die neue und wichtige Unterstützung der Regierung. Der Kampf um Anerkennung und den Beistand durch die Politik, der die 1980er-Jahre in Westdeutschland geprägt hatte, war vorbei. Die offizielle Erinnerungspolitik beschränkt sich jedoch im zunehmenden Maße auf Rituale, die die Jugend wenig ansprechen. Aktuell wissen wir zwar über den Nationalsozialismus infolge der exzellenten wissenschaftlichen Forschung in den letzten drei Jahrzehnten viel besser Bescheid. Wir können daher die historische Bildungsarbeit auf einem viel besseren Fundament aufbauen. Auf der anderen Seite werden die Gedenkstätten gemahnt, sich angesichts des Verschwindens des biographischen Geschichtsbezugs, vor allem der Überlebenden, doch anderen Themen zuzuwenden: Vor zehn Jahren war dies das Thema Menschenrechte. Heute wird Demokratiebildung eingefordert. Die Herausforderung, die ich aktuell für Deutschland sehe, ist, dass wir Wege finden müssen, wie wir unsere aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte gewonnenen Erkenntnisse dem interessierten Publikum vermitteln. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Geschichtsinteressierten zunehmend unterschiedlich sozialisiert sind. Sie verfügen über ein ganz unterschiedliches Wissen und haben ganz eigene Bezüge zu ihren Lebenswelten. Darauf muss die Bildungsarbeit viel differenzierter reagieren und benötigt hierfür die entsprechende finanzielle Förderung. In Deutschland spielten in den 1990er-Jahren die Zeitzeugen und Überlebenden- Organisationen eine große Rolle. Heute sind viele von ihnen gestorben. Trotz der zunehmenden zeitlichen Distanz haben wir interessante Befunde: Im Vergleich zu vor 25 Jahren liegen heute weitaus mehr Filmaufnahmen und Videos von Zeitzeugen vor. Wir wissen viel mehr über die verschiedenen Opfergruppen und einzelne Biographien und können die Materialien als Quellen viel besser einsetzen. Aber die Möglichkeit eines persönlichen Zusammentreffens wird natürlich immer geringer; vor allem die Lobby der internationalen Überlebenden-Organisationen, die für die Entwicklung in den 1990er-Jahren von herausragender Bedeutung waren, nimmt ab. Auf der anderen Seite haben Gedenkstätten mit Angehörigen aus der zweiten bis vierten Generation häufig sehr enge Kontakte, wie das vor einigen Jahren nicht der Fall war. Wenn wir über Argentinien oder Kenia sprechen, gibt es dort natürlich sehr viel mehr Zeitzeugen, weil das Geschehen – insbesondere in Kenia – noch nicht so lange zurückliegt.
Alexander Hasgall
Argentinien ist ein Sonderfall wegen der »Verschwundenen«, die getötet worden waren und fortan nicht mehr existierten. Interessant ist, dass es in Argentinien lange keine Opferorganisationen gab und sie dann riesige Probleme hatten, anerkannt zu werden, weil die Überlebenden der Lager oftmals als mögliche Verräter oder Kollaborateure angesehen wurden. Das verbessert sich auch nur langsam, und es hat lange gedauert, bis die Organisationen der Überlebenden der Lager von anderen Opfergruppen anerkannt wurden. Auch in Argentinien sind die Zeitzeugen schon hochbetagt, aber die Kinder der »Verschwundenen« beginnen nun, Fragen zu stellen. Sie sind jedoch keine direkten Zeugen der Verbrechen mehr, was zu Fragen nach ihrer Rolle in Opferorganisationen – und die Rolle von Opferangehörigen überhaupt – führt.
Thomas Lutz
Damit kommen wir zur Bedeutung, die die Geschichte für Menschen mit einem direkten biografischen Zusammenhang zum Geschehen hat. Wie verhält sich das in Japan und Kenia?
Uwe Bergmeier
In Kenia sind das zuvor beschriebene historische Geschehen von 2007/2008 und die persönlichen Verstrickungen noch so dominant, dass die Erinnerung daran sehr kompliziert ist. Anders als in Deutschland, wo die Herausforderungen mit dem historischen Abstand klar benannt werden können, ist das für Kenia weit weniger der Fall. Aber auch bei diesem Beispiel findet Auseinandersetzung in der Gesellschaft – wenn überhaupt – über Zeitzeugnisse der Opfer statt und ihren Mut, dies auch öffentlich zu tun.
Carol Gluck
Aber das sind unterschiedliche Themen. Meiner Meinung nach liegen Sie richtig, Alexander, dass alle diese Geschehnisse im Erinnerungsdiskurs vermengt wurden, und nun sehen wir allmählich, dass das nicht funktioniert. Der Fall Deutschland ist wegen des Holocaust besonders, er ist nicht einzigartig, aber doch besonders. In Japan und Ostasien geriet der Zweite Weltkrieg wieder auf die Agenda, weil er politisch aufgeladen wurde. Damit ist aber nicht die Erinnerung an die Taten der Großväter gemeint, es ist also kein biografischer Zugang wie in Deutschland. In Japan geschieht dies aus geopolitischen Gründen – und in Osteuropa verhält es sich genauso. Die Herausforderung ist, ob es uns gelingt, die jüngeren Generationen zu lehren, dass es in der Natur des Krieges liegt, dass er zwei Seiten hat, dein Land also auch schlimme Dinge zu verantworten hat. Bis jetzt verläuft das sehr einseitig, als ob der Krieg erst gestern stattgefunden hätte. In der Ukraine und in Litauen hat man wie in Ostasien den Eindruck, als ob es erst kürzlich gewesen wäre. Deshalb ist es aus politischen und geopolitischen Gründen notwendig, die jüngeren Leute Verantwortung für ihre eigenen Gesellschaften etc. zu vermitteln. Aber nicht aus biografischer Perspektive, sondern aus politischer. Wenn die jüngeren Generationen nur die eine Seite des Geschehenen sehen, bleibt das oft sehr nationalistisch. Und nationalistische Erinnerungen an die Vergangenheit transportieren die Konflikte in die Gegenwart. Das unterscheidet sie etwa von der politischen Gewalt in Kenia oder einem Bürgerkrieg. Folglich müssen wir die verschiedenen Herausforderungen an die Erinnerungskultur differenziert angehen. Ich würde sagen, dass in Osteuropa und Ostasien die Herausforderung die Überwindung der nationalistischen Erinnerung und Geschichtsschreibung ist, die von Regierungsseite – etwa in Russland, China, Indien und der Türkei – befördert wird. Aber das hat wenig mit einem biografischen oder familiären Hintergrund zu tun.
Alexander Hasgall
Dem stimme ich zu, aber ich frage mich, ob sich Deutschland nicht ebenfalls in diese Richtung entwickelt, insbesondere wenn man die sehr jungen Deutschen in den Blick nimmt, die nicht mehr über die biografischen Bindungen der zweiten oder dritten Generation verfügen. Auch die Diskussionen, ob Flüchtende als Integrationsmaßnahme Gedenkstätten besuchen sollen, Debatten um nationale Narrative und Identität, und wie Flüchtende darin integriert werden sollen, werden intensiver geführt werden. Natürlich ist das nicht das Gleiche, aber es scheint eine Annäherung der beiden Diskursebenen zu geben. Ein wesentlicher Teil der Erinnerungspolitik dient der Vorbeugung. Jeder Paradigmenwechsel soll der Vorbeugung von Verbrechen dienen. Vor allem bis zum Jahr 2011 und dem Scheitern des Arabischen Frühlings hatten wir das Gefühl, aus der Geschichte gelernt zu haben, mit der Transitional Justice ein Instrument geschaffen zu haben, Verbrechen juristisch aufzuarbeiten, und Erfahrung beim Aufbau von Gedenkstätten zu haben. Viele Menschen haben heute den Eindruck, dass das nicht funktioniert und sich aus Einsicht und Kenntnis der Geschichte zum Beispiel jemand wie der syrische Diktator Assad von nichts abhalten lässt.
Carol Gluck
»Nie wieder« funktioniert nicht! Nicht, weil es wieder und wieder passiert, sondern weil es nicht ankommt. Es ist für die jüngeren Generationen eine zu abstrakte Botschaft.
Thomas Lutz
Für Deutschland waren die Öffnung zu einer demokratischeren Gesellschaft nach 1968 und die Bewegung der Geschichtswerkstätten und Gedenkstätten sehr wichtig. In diesem Zusammenhang rückten neue Opfergruppen wie Sinti und Roma oder Homosexuelle ins öffentliche Bewusstsein. Zugleich wurde damit offenkundig, dass die Opfer des Nationalsozialismus auch in der Nachkriegszeit diskriminiert wurden. Somit hat die Aufklärung über Geschichte auch einen ganz konkreten Beitrag zur Anerkennung von gesellschaftlichen Randgruppen geführt. Weil die Beschäftigung mit Geschichte auch immer ein Abbild der Gesellschaft ist, bewirkte die Anerkennung weiterer Opfergruppen auch eine weitere Öffnung der Gesellschaft. Diese Entwicklung scheint im Moment rückläufig. Es stellt sich die Frage, welche Rolle die Gedenkstätten in diesem Prozess spielen können. Wie soll und kann das historische Wissen und auch die Achtung, die sich die Institutionen erarbeitet haben, genutzt werden, um sich politisch in aktuellen Entwicklungen zu positionieren? Aus meiner Perspektive ist das eine zentrale Fragestellung. Aber wie ist das in anderen Ländern?
Uwe Bergmeier
Natürlich ganz anders. Als ich vor weniger als zehn Jahren nach Kenia kam, hatte dort ein nationales Verbrechen stattgefunden, das noch nicht vollständig analysiert werden konnte, für das sich aber erst recht noch keine Erinnerungskultur entwickeln konnte. Die Situation unterscheidet sich also völlig von der deutschen mit ihrer institutionalisierten Erinnerung. Aber dennoch müssen wir darüber nachdenken, wo es Verbindungen zur Erinnerung an andere historische Ereignisse in der Welt gibt. Gemeinsam für alle gilt sicher der Zusammenhang von intensiver Erinnerungskultur und demokratischer, gelebter politischer Kultur im jeweiligen Land. Ob es überhaupt so etwas wie eine globale Erinnerung gibt oder geben kann, bleibt für mich eine offene Frage.
Carol Gluck
Die Frage ist: Was ist das Ziel? Thomas, Sie sagten, das Ziel sei eine liberale, offene, demokratische Gesellschaft. Das funktioniert aber nicht in allen Teilen der Welt, weil es für die Menschen kein vorrangiges Ziel auf dem Weg in eine bessere Zukunft ist. In Deutschland und anderen kleineren Teilen der Welt glaubt man, dass das Ziel eine liberale, offene, demokratische Gesellschaft ist, aber an vielen Orten nicht. Die Menschen wollen ein besseres Leben, sie wollen überleben, wollen keine Gewalt mehr erfahren und einen friedlichen Alltag mit ausreichender Versorgung haben. Die Dinge sollen sich zum Besseren wenden. Man kann nicht sagen, dass eine liberale, offene, demokratische Gesellschaft ein globaler Wert sei.
Alexander Hasgall
Als Historiker frage ich mich, ob es für die Arbeit mit der Geschichte immer eines besonderen Ziels bedarf, zumal man sich auch gelegentlich mit größeren zeitlichen Perioden beschäftigt. Wenn wir das Beispiel Guatemala nehmen: Die Ergebnisse der Wahrheitskommission sind noch nicht gesellschaftlich verankert, aber wir haben täglich um die 20 Kriminalitätsfälle mit tödlichem Ausgang, also etwa 6000 Tote jährlich. In 30 Jahren ergibt das 180 000 Tote, was der Zahl der während des Bürgerkriegs Ermordeten entspricht. Die ganze Gesellschaft ist von dieser Gewalt betroffen. In einer derartigen Situation kann man kaum fordern, dass die Ergebnisse der Wahrheitskommission prioritär zur Kenntnis genommen werden müssen, obwohl die Gewalt selbst eine Folge dieses Krieges darstellt. Es kann aber nicht nur darum gehen, dass wir immer einen aktuellen Anlass finden, um unsere Arbeit zu rechtfertigen. Möglicherweise ist sie für die Zukunft überaus wichtig und daher bleibt die aktive Bewahrung und pädagogische Bearbeitung des Wissens um Gewaltsysteme überaus wichtig.
Thomas Lutz
In Deutschland war zu Beginn das wichtigste Ziel der Arbeit in Gedenkstätten, das Andenken an die Opfer aufrechtzuerhalten, ihnen ihren Namen zurückzugeben. Für junge Leute heute ist das sicherlich nicht mehr der zentrale Punkt. Sie wollen eher wissen, wie das System funktioniert hat, fragen sich, wie Menschen anderen Menschen solche Verbrechen antun können und beschäftigen sich mit Interesse mit Kontinuitäten in die Nachkriegsgesellschaft. Wichtig auch für die Zukunft ist definitiv, dass alle Opfergruppen in der Erinnerungspolitik ihren Platz finden und andererseits auch die Verantwortlichen für die Verbrechen benannt werden, was für eine Gesellschaft sicherlich schmerzhaft ist.
Alexander Hasgall
Aber daraus können neue Schwierigkeiten entstehen, wenn ein zu enger Zusammenhang mit Identitätspolitik hergestellt wird und alle Gruppen darauf bestehen, dass sie in die Erinnerungspolitik mit einer bestimmten Identität einbezogen werden. Ich frage mich, ob das einer globalen Entwicklung mindestens in den USA und Europa entspricht, dass Geschichte und Erinnerung Teil einer exklusiven, bestimmten Identität werden.
Carol Gluck
Das halte ich für einen sehr wichtigen Punkt. Insbesondere seit den 1990er-Jahren hat sich aus der Erinnerungskultur eine Identitätspolitik entwickelt. Jede Gruppierung setzte die Erinnerung zur Herausbildung einer charakteristischen und auch politischen Identität ein. Das beobachte ich überall. Der Erinnerungsdiskurs hat diese Entwicklung befördert. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel Türken in Deutschland möglicherweise eine türkische Identität hervorbringen, die sich auf die türkische und nicht auf die deutsche Erinnerungskultur beruft. Das ist ein Problem, das in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert hat. Wir haben weltweit viele Flüchtlinge, die niemals Teil einer anderen Gesellschaft waren, folglich ist eine Identitätspolitik, die sich auf die Erinnerung beruft, ganz wesentlich. Oder in den USA zum Beispiel haben sich viele Roma jahrelang als Amerikaner betrachtet und nun wollen sich ihre Kinder als Roma identifizieren. Die Erinnerung hat folglich Auswirkungen auf die Identität, was die demokratische Entwicklung behindern kann, weil es möglicherweise einer politischen Gemeinsamkeit entgegensteht. Die Erinnerungspolitik ist dafür nicht ursächlich, spielt aber eine Rolle.
Thomas Lutz
Was bedeutet das für unsere Arbeit?
Carol Gluck
Meiner Meinung nach können Museen wie die »Topographie des Terrors« oder andere die Vergangenheit für eine zukünftige Ausrichtung einsetzen. Es kommt darauf an zu verdeutlichen, was man macht oder auch unterlässt, um zukünftiges Leid zu verhindern. Das ist meine Erinnerungsmission. Mir liegt an mündigen Bürgern, die sich für Gegenwart und Zukunft verantwortlich fühlen. Aber die Frage ist, wie wir das mit der Vergangenheit in Verbindung bringen.
Uwe Bergmeier
Erinnerungsarbeit sollte die Identitätsbildung in Staaten und Gesellschaften fördern. Identität ist für mich eine wichtige, positive Kategorie, wenn etwa junge Afrikaner die Identität einer unabhängigen Nation entwickeln, also »Nation-Building« auf der Basis von Werten voranbringen. In Kenia etwa ist die Diskussion um die »Mau Mau«-Kämpfer, die im kenianischen Unabhängigkeitskampf (1952–1964) gegen Großbritannien kämpften, erst nach 50 Jahren ein Thema von nationaler Bewertung und damit sehr wichtig für die politische Bildung bezüglich der Probleme des Landes in der Gegenwart.
Alexander Hasgall
Beides ist möglich. In Argentinien gründete sich vor der Militärdiktatur die Identität auf der Armee und dem Kampf gegen die spanischen Kolonialherren. 1983 wurde die Wahrheitskommission eingesetzt und dokumentierte die Menschenrechtsverbrechen. Und plötzlich sollte sich das Narrativ und die Identität Argentiniens darauf stützen. Bis zu einem gewissen Punkt hat dies auch funktioniert; die Armee spielt für die Identitätsbildung keinesfalls mehr die frühere Rolle. Erinnerung kann also die Grundlage für die Ausbildung einer neuen, gemeinsamen Identität liefern. Museen kommt bei der Entwicklung dieser auf historischen Erfahrungen basierenden Identität natürlich eine wichtige Rolle zu. Und dabei müssen sie sich mit jenen auseinandersetzen, die die Vergangenheit ignorieren oder leugnen, und jenen, die die Geschichte benutzen wollen, um ihre partikularistische Identität zu stärken.
Uwe Bergmeier
Auch aus dem »Mau Mau«-Beispiel aus den Jahren 1952 bis 1964 lassen sich Schlüsse für unsere Arbeit ziehen. Es gibt immer weniger Zeitzeugen und deshalb immer weniger direkte Begegnungen oder Konfrontationen, aber damit auch neue politische Debatten. Im Moment sind die Entschädigungen, die die noch lebenden »Mau Mau«-Kämpfer von den Briten fordern, ein großes Thema, weil die Zeit drängt, da die Zahlungen nur an die direkt betroffene Person erfolgen können. Es geht dabei zum einen um die Anerkennung der »Befreiungskämpfer« in der Gesellschaft. Die »Mau Mau«-Kämpfer galten über lange Zeit im unabhängigen Staat Kenia als Terroristen, als Rebellen. Selbst die Ethnie, der sie angehörten, war gespalten, wie sie den bewaffneten Kampf bewerten sollte. Vertreter anderer Ethnien, die z.T. aber bessere Beziehungen zu den Briten pflegten, stigmatisierten die Kämpfer deshalb als Kriminelle. Ein zweiter Punkt ist die Bedeutung für die nationale Identität der kenianischen Gesellschaft. Auch wenn heute der Stolz und die Akzeptanz der Kämpfer überwiegt, so gibt der Unabhängigkeitskrieg Aufschlüsse zu Konfliktursachen wie 2007/2008 und bis heute. Aktualisierung von Geschichte, nicht Instrumentalisierung ist das Stichwort.
Carol Gluck
Der Anspruch auf Entschädigungszahlungen gegenüber den Briten resultiert tatsächlich aus der globalen Erinnerungskultur, weil man früher keine Ansprüche an die ehemalige Kolonialmacht richten konnte. Dies ist ein Beispiel eines Prozesses, der überall auf der Welt stattfindet. Auch den zweiten Punkt – die »Befreiungskämpfer« – treffen wir weltweit an: Was für den einen Terroristen sind, sind für den anderen »Befreiungskämpfer«. Das sind postkoloniale Themen, die eine postkoloniale nationale Identität schaffen.
Uwe Bergmeier
In Deutschland beschäftigen uns in diesem Zusammenhang weiterhin Entschädigungsforderungen der Nachfahren von Hereros im heutigen Namibia, an denen die deutsche Kolonialmacht 1904–1908 neben der ethnischen Gruppe der Nama einen systematischen Völkermord beging. Die Klärung einer Entschädigung ist bei den verschiedensten Verbrechenssituationen ein Indikator für eine »gute« oder »schlechte« Aufarbeitung.
Thomas Lutz
Ich würde gerne noch einmal auf den Punkt zurückkommen, welche Rolle die Museen bei diesen Entwicklungen spielen?
Uwe Bergmeier
Die Museen zu Genoziden und Menschenrechtsverbrechen in Deutschland brauchen mehr denn je den Austausch mit anderen internationalen Erfahrungen und Bearbeitungsformen im Umgang mit Traumatisierungen, mit persönlichen und politischen Entschädigungen, Aussöhnungsprozessen und -ritualen, aber auch eine Beratung bei weiterhin nicht überwindbaren Spaltungen innerhalb von Gesellschaften.
Carol Gluck
Dem stimme ich zu, aber es gilt nicht nur für Deutschland. Der Blick jenseits des Nationalen ist sehr hilfreich, weil er sowohl der nationalistischen als auch der Identitätspolitik entgegenwirkt.
Thomas Lutz
Ich danke den drei Podiumsteilnehmenden herzlich für ihre Mitwirkung. Es ist im Gespräch deutlich geworden, dass man bei internationalen Vergleichen vor einem Dilemma steht: Um die jeweilige Situation einschätzen und miteinander vergleichen zu können, ist es notwendig, die jeweilige Geschichte und deren Auswirkungen bis heute genau zu kennen. Das konnten wir leider hier nicht leisten. Ich hoffe, dass dennoch deutlich geworden ist, dass es viele Anknüpfungspunkte gibt, die es sinnvollmachen, sich auch im weltweiten Maßstab mit der Aufarbeitung von Verbrechensregimes zu befassen. Ziel ist es dabei, eine im Vergleich zu Diktaturen und Menschheitsverbrechen neue Gesellschaft zu schaffen, in der vor allem die vormaligen Opfer eine Chance erhalten, ein gutes Leben zu führen. Aus der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit kann man sehr generell zwei Fragen herauskristallisieren, die für die vergleichende Bewertung von Aufarbeitungsprozessen zentral sind: Werden ALLE Gruppen der Opfer in dem Aufarbeitungsprozess – in der durchaus möglichen unterschiedlichen Art und Weise der Verfolgung – staatlich und gesellschaftlich anerkannt? Erhalten Sie eine konkrete und materielle Unterstützung, um ein besseres Leben führen zu können? Wird ihre Geschichte aufgearbeitet und in Bildungsprozessen – u.a. in Museen und Gedenkstätten – behandelt? Dies ist eine Form ihrer Würdigung. Zugleich ist er multiperspektivisch zu sehen in der Auseinandersetzung mit anderen Personengruppen, die in dieser Zeit agiert haben. Die zweite – für eine Gesellschaft viel schwieriger zu bearbeitende – Frage lautet, in wieweit die Täter zu Rechenschaft gezogen wurden. Wird über die Art und Weise der Verbrechen informiert und werden sie daran gehindert, sich weiter zu organisieren? Aus meiner bisherigen Beschäftigung mit Verbrechensregimes muss ich leider feststellen, dass immer die Opfer der Staatsverbrechen diejenigen waren, die in den Nachfolgegesellschaften große Probleme haben. Häufig hat es höchstens eine kleine Gruppe von ihnen geschafft, an der politischen und sozialen Macht zu partizipieren. Auch sind häufig nur eine kleine Schicht von Tätern verurteilt und ausgegrenzt worden, während die Strukturen der Protektion weiter funktionieren. Das ist keine pessimistische Sicht auf die Aufarbeitung der Geschichte, sondern eine realistische. Bedeutet sie doch auf der einen Seite, dass Gedenkstätten alleine die Aufarbeitung nicht leisten und keine besseren Menschen schaffen können – wie es häufig von der Öffentlichkeit gefordert oder erwartet wird. Vielmehr müssen diese Wandlungsprozesse in Zusammenarbeit von vielen Institutionen vollzogen werden, gerade auch im internationalen Bereich. Auf der anderen Seite bin ich aber auch fest davon überzeugt, dass Gedenkstätten unabdingbar sind. Sie können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, immer wieder an die Notwendigkeit sich mit den Opfern der Geschichte zu befassen und sie zu würdigen, zu erinnern. Gerade die »steinernen Zeugen«, die Gedenkstätten, bieten dafür sehr gute Voraussetzungen. Die Geschichte wird bekanntlich immer von der Aktualität her gedacht. Von daher ist die Auseinandersetzung mit den Opfern der NS-Geschichte auch immer eine Herausforderung, sich mit aktuellen Entwicklungen zu befassen: »das historische Bewusstsein für gegenwärtige innen- und außenpolitische Bedrohungen und Probleme zu schärfen«[4], wie es Günter Morsch bei dem Neujahrsempfang der Gedenkstätten in Berlin-Brandenburg formuliert hat. In jedem Fall kann eine internationale Zusammenarbeit von großem Wert sein. So können verschiedene Sichtweisen dargelegt und deren gesellschaftspolitischen Ursachen und aktuellen Bedeutungen erkannt werden. Im internationalen Diskurs ist es möglich, seine eigenen Sichtweisen kritisch zu hinterfragen. Gerade innerstaatliche oder binationale Konflikte, die immer aus vergangenen Verbrechen resultieren, können mit internationaler Hilfe am ehesten auf eine sachliche, verhandelbare Ebene gehoben werden. Allerdings nur, wenn die Bereitschaft dazu in dem jeweiligen Land vorhanden ist. Das Podiumsgespräch wurde redaktionell von Angelika Königseder überarbeitet.
Uwe Bergmeier arbeitet seit vielen Jahren zum Thema Erinnerungsarbeit in der zivilen Konfliktbearbeitung und Transformation in Ostafrika. Von 2009 bis 2018 war er Koordinator des zivilen Friedensdienstes der »Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) e.V.« in Kenia. Er arbeitet nun als Leiter des Verbindungsbüros von Misereor zu Südsudan weiterhin von Kenia aus.
Prof. Dr. Carol Gluck ist Professorin für japanische Geschichte an der Columbia University in New York City. Carol Gluck ist Mitgründerin und aktuelle Vorsitzende des dort angesiedelten Programms »The Committee on Global Thought«.
Dr. Alexander Hasgall arbeitet für den Council for Doctoral Education der European University Assocation in Genf und ist Mitbegründer des »Arbeitskreises für Vergangenheitspolitik« in der Schweiz. Er hat promoviert zum Thema »Regime der Anerkennung. Kämpfe um Wahrheit und Recht in der Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur«.
Dr. Angelika Königseder arbeitet als freie Historikerin, Lektorin und Kuratorin in Berlin.
[1] NIOD: Institute voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudies in Amsterdam.
[2] Bis 2013 lautete deren Bezeichnung »Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research«.
[3] Die Lords Resistance Army (LRA) ist seit über 30 Jahren als notorische Rebellengruppe in Norduganda (bis 2006) und in den umliegenden Staaten gegen die Regierung Museveni militärisch aktiv. Sie rekrutiert mit brutalsten Mitteln Kindersoldaten und verübt Überfälle auf die lokale Bevölkerung.
[4] Günter Morsch: Grußwort zum Neujahrsempfang des Arbeitskreises der Berlin-Brandenburgischen NS-Gedenkstätten am 2. Februar 2018 (Blog: guenter-morsch.de [2. 3. 2018])