»Es scheint, dass das Leben hier nicht menschlicher ist als in Auschwitz.
Es war nur ein Funken Hoffnung, den ich hatte, als ich die alten Wachmänner sah und das frische Gras roch. Diese Hoffnung ist nun vergangen. Ich sehe, dass wir es hier mit denselben Deutschen zu tun haben wie in Auschwitz.«
Stanislaw Sagan, Überlebender des KZ Bisingen
Bisingen liegt in Baden-Württemberg, ca. 30km südlich von Tübingen, am Fuß der Burg Hohenzollern. Dort befand sich von August 1944 bis April 1945 eines der über 1200 KZ-Außenkommandos, die bis Kriegsende im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten errichtet wurden.
Das Lager Bisingen (Außenkommando des KZ Natzweiler) war eines von insgesamt sieben Konzentrationslagern zwischen Tübingen und Rottweil, die das NS-Regime für das sogenannte Unternehmen »Wüste« bauen ließ. Die Häftlinge dieser Lager mussten den am Rand der Schwäbischen Alb vorkommenden Ölschiefer abbauen, aus dem Treibstoff für die Kriegsindustrie gewonnen werden sollte – eines der vielen wahnwitzigen und sinnlosen Projekte der letzten Kriegsphase.
Bis Kriegsende wurden vor allem aus den osteuropäischen Ländern 4150 Häftlinge, darunter 1550 Juden, in das KZ Bisingen deportiert. Der erste Transport kam am 24.8.1944 mit 1000 Polen aus Auschwitz an; weitere Transporte aus Danzig-Stutthof, Dachau, Vaihingen/Enz und Buchenwald folgten. Die durchschnittliche Belegung im Lager betrug 1500 bis 1600 Männer. In den acht Monaten, in denen das KZ Bisingen bestand, starben im Lager und an den Arbeitsstätten 1187 Häftlinge – ohne die unbekannte Zahl der Opfer, die auf den Todesmärschen umkamen.
Die Gemeinde Bisingen hat Anfang der 90er Jahre ein Gebäude im Ort für ein zukünftiges Heimatmuseum restauriert. Daran schlossen sich – teilweise vehemente – Diskussionen an, was für eine Art von Museum man denn haben wolle. Die Entscheidung gegen eine konventionelle Aufarbeitung der Heimatgeschichte (Landwirtschaft, Industriegeschichte, Alltag im Dorf etc.) fiel 1995 im Gemeinderat, der auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters beschloss, die Geschichte des KZ Bisingen zum – vorläufigen – Thema des neuen Museums zu machen.
Am 3.11.1996 wurde das Heimatmuseum Bisingen mit der Ausstellung »Schwierigkeiten des Erinnerns – Das Konzentrationslager in Bisingen und der Ölschieferabbau während des Zweiten Weltkrieges« eröffnet. Zum ersten Mal nach Kriegsende kamen an diesem Tag Überlebende auf Einladung der Gemeinde nach Bisingen.
Zwei Jahre später entschied der Gemeinderat, die Ausstellung »auf unbestimmte Zeit« zu verlängern und damit auch, eine Stätte des Gedenkens an das KZ Bisingen zu etablieren. Ein Geschichtslehrpfad verbindet seit Oktober 1998 die authentischen Orte: Bahnhof, ehemaliges Lagergelände, ehemaliges Ölschieferabbaugelände, KZ-Friedhof, ehemaliges Massengrab.
Die Ausstellung »Schwierigkeiten des Erinnerns«
Für die Ausstellung wurde zunächst in den einschlägigen Archiven recherchiert und parallel dazu nach geeigneten Exponaten gesucht – nicht einfach bei einem Thema über ein kleines KZ-Außenkommando, dessen Geschichte mühselig in vielen verschiedenen Archiven rekonstruiert werden muß und das ein »objektarmes« Ausstellungsthema darstellt. Über Aufrufe in den örtlichen Zeitungen, aber vor allem über persönliche Kontakte konnten Zeitzeugen/-innen gefunden werden, die einerseits bereit waren, über ihre Erinnerungen an das KZ Bisingen zu sprechen und die erfreulicherweise auch in mehreren Fällen noch Objekte hatten, die sie zur Verfügung stellten (vor allem Gegenstände, die von Häftlingen hergestellt und gegen Lebensmittel eingetauscht wurden).
Überlebende des KZ Bisingen, die zum überwiegenden Teil durch Internet-Recherchen gefunden wurden, stellten Fotos und Dokumente zur Verfügung.
Die »Schwierigkeiten des Erinnerns« zeigten sich weniger in öffentlichen Diskussionen gegen das geplante Heimatmuseum als in den in persönlichen Gesprächen geäußerten Meinungen, dass die Bevölkerung alles in ihrer Macht Stehende getan hätte, um die Situation der Häftlinge zu lindern. Dieser »Bisinger Mythos«, der schon kurz nach Kriegsende entstand, hielt sich jahrzehntelang hartnäckig. In der französischen Tageszeitung Le Figaro erschien 1947 ein Artikel, der der Bisinger Bevölkerung (»einzigartig in Deutschland«) bescheinigte, dass sie in systematischen und umfassenden Aktionen den Häftlingen geholfen und vehement bei der deutschen Obrigkeit gegen die Behandlung der KZ-Häftlinge protestiert hätte. Dieser Mythos wurde im 1959 erschienenen Heimatbuch der Gemeinde festgeschrieben und erst Mitte der 80er Jahre in Frage gestellt, als die damalige Arbeitsgemeinschaft der Bisinger Jungsozialisten sich mit der Geschichte des KZ Bisingens auseinandersetzte und erstmals eine öffentliche Diskussion in Gang brachte, für die sie sich auch als »Nestbeschmutzer« beschimpfen lassen musste. Rund zehn Jahre später fielen die Reaktionen angesichts des geplanten Heimatmuseums nicht mehr so heftig aus, vermutlich auch deshalb, weil sich das Gemeindeoberhaupt selbst hinter die Sache gestellt hatte und mittlerweile auch der Generationswechsel zum Tragen kam. Trotzdem gibt es – natürlich – auch heute noch negative Reaktionen, vor allem aus Angst, dass die Gemeinde jetzt in der Öffentlichkeit vor allem als »KZ-Ort« wahrgenommen wird.
Folgende Themen sind im Heimatmuseum auf zwei größere und drei kleinere Räume verteilt:
1. Wege und Begegnungen: Häftlinge, SS, Dorfbevölkerung
2. Das Unternehmen »Wüste«
3. Massengrab und KZ-Friedhof
4. Täter und Nachkriegsprozesse
5. Überlebende und Opfer des KZ Bisingen
1. Wege und Begegnungen
Das KZ Bisingen war – wie viele Außenkommandos der letzten Kriegsphase – nicht hermetisch vom Ort abgeriegelt. Ideologische Prämissen des NS-Regimes – wie die strikte Trennung der Konzentrationslager von der Zivilbevölkerung – wurden in der chaotischen Endkriegsphase zumindest teilweise nicht aufrechterhalten. Himmlers Aussage in einer Geheimrede 1944, kein KZ-Häftling (er meinte die ungarischen Juden, die für kriegswichtige Rüstungsprojekte nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert wurden) käme in das »Gesichtsfeld des deutschen Volkes«, steht im Gegensatz zu dem, was sich in Bisingen zwischen August 1944 und April 1945 abspielte.
Das KZ Bisingen hatte enge – nicht nur räumliche – Beziehungen zum Ort, beinahe könnte man sagen, das Lager war eng mit dem Alltag im Dorf und mit den alltäglichen Erfahrungen der Dorfbevölkerung in der letzten Kriegsphase verknüpft.
Das KZ lag nur ca. 200 m vom Ortsrand entfernt. Nach Aussagen des damaligen Bürgermeisters Hugo Maier wurde es deshalb so nahe am Ort gebaut, damit es bei Luftangriffen nicht so leicht identifiziert werden konnte.
Die Bevölkerung begegnete beinahe täglich den KZ-Häftlingen auf ihren unterschiedlichen Wegen durch das Dorf: den Häftlingen, die zum Ölschieferwerk Bisingen und in das benachbarte Engstlatt gingen; den Häftlingen, die mitten im Ort eine Wasserleitung ins Ölschieferwerk legten; den Häftlingen, die nach Luftangriffen die Trümmer beseitigen mussten; den in der Regel am Tage ankommenden Häftlingstransporten; den Häftlingen, die auch in einigen Betrieben zur Arbeit eingesetzt waren usw.
Dass es Hilfsaktionen der Bevölkerung, wie oben erwähnt, gab, ist belegt. Insoweit ist der »Bisinger Mythos« nicht ganz falsch. Es waren allerdings keine systematisch geplanten Aktionen, sondern vereinzelte spontane Taten aus humanitären Gründen, die nicht ganz ungefährlich waren. Bisinger Bürgerinnen und Bürger deponierten Lebensmittel am Straßenrand, wo die Häftlinge vorbeikamen; mehreren Berichten zufolge wurden einzelne dabei von SS-Wachmännern bedroht, vor allem aber wurden die Häftlinge, die sich nach den Lebensmitteln bückten, auf offener Straße zum Teil schwer misshandelt. Diese Hilfsaktionen dürften vor allem im Sommer und Herbst 1944 stattgefunden haben. Mit den zunehmenden Luftangriffen ab September 1944, durch die sich die Bevölkerung auf ihre eigenen Sorgen und Probleme konzentrierte, durch den äußerst nassen und kalten Winter und nicht zuletzt durch die Fleckfieberepidemie im Lager im Januar 1945, die die SS zur einer rigideren Abschottung des Konzentrationslagers veranlasste, kam die Hilfe der Bevölkerung zum Erliegen.
Es gab auch Kontakte zwischen Bevölkerung und der SS, die sich zum Essen in den Wirtshäusern traf, Beziehungen zu Bisingerinnen knüpfte und auch davon profitierte, dass mindestens ein Fabrikbesitzer in Zeiten des Arbeitskräftemangels auf ihm persönlich bekannte SS-Männer zuging und um Häftlinge für seinen Betrieb bat.
Darüber hinaus sind auch Verbindungen im Verwaltungsbereich belegt. Während die KZ-Häftlinge im Gegensatz zu den Zwangsarbeitern/-innen, die es auch in Bisingen gab, nicht in der Einwohnermeldekartei erfasst wurden, war die Gemeinde im Fall des KZ für die Verwaltung der Opfer zuständig. Im Abstand von mehreren Tagen – manchmal auch täglich – kam der Lagerleiter oder der Rapportführer aufs Rathaus, wo die Daten der toten Häftlinge im Standesamtsregister der Gemeinde eingetragen wurden. Auf einzelnen Formularen, v.a. auf den sogenannten »Unbedenklichkeitsbescheinigungen«, die die Toten zur Einäscherung freigaben, findet sich die Unterschrift des NS-Bürgermeisters Maier.
Nur in der ersten Anfangsphase wurden die Opfer des KZ Bisingen im Krematorium in Reutlingen verbrannt. Danach ließ die SS die toten Häftlinge in einem Massengrab verscharren. Dafür verpflichtete das Bürgermeisteramt Bisingen mehrere Pferdebesitzer, die die Leichen vom Lager zum Massengrab transportieren mussten.
Diese Schnittstellen zwischen Lager- und Dorfalltag – »Wege und Begegnungen« – sind Hauptthema des ersten Ausstellungsraumes. Dafür wurde mit den Gestaltern der Ausstellung Luzia Winckler und Markus Ege eine besondere Präsentationsform entwickelt: In mit Linoleum bespannten Kisten sind die Exponate, Fotos und Dokumente untergebracht. Die verschiedenen Farben des Linoleums sind den drei Gruppen Häftlingen (grau), SS (schwarz) und Dorfbevölkerung (beige) zugeordnet.
2. Das Unternehmen »Wüste«
Die Sicherung der Treibstofffrage war schon im 1936 aufgestellten Vierjahresplan im Hinblick auf einen geplanten Krieg als eines der wichtigsten Ziele formuliert worden. In den folgenden Jahren gab es zahlreiche Versuche, dieses Ziel umzusetzen, vor allem wurden verschiedene Verfahren zur Treibstoffherstellung geprüft und entwickelt und schließlich sogenannte Hydrierwerke gebaut (wie in Leuna), in denen Treibstoff synthetisch hergestellt wurde. Die Forderungen des Vierjahresplans konnten allerdings in den veranschlagten vier Jahren nicht umgesetzt werden.
Das südwürttembergische Ölschieferprojekt erfolgte in zwei Abschnitten. In einer ersten Phase wurden etwa ab Herbst 1943 in drei Fabrikanlagen drei verschiedene Verfahren der Schieferölgewinnung erprobt. Die am 20.10.1943 gegründete Deutsche Ölschieferforschungsgesellschaft (DÖLF), eine Gesellschaft des Reichsamtes für Wirtschaftsausbau mit Sitz in Schömberg, hatte vom Reichswirtschaftsministerium die Aufgabe erhalten, alle den Ölschiefer betreffenden Fragen wissenschaftlich und praktisch zu erforschen. Die DÖLF sollte in Schömberg eine Versuchsanlage betreiben, in der ein technisch anwendbares Verfahren zur Ölgewinnung aus Schiefer erprobt werden sollte (sogenanntes Meilerschwelverfahren). Dafür wurden schon seit Mitte Dezember 1943 KZ-Häftlinge eingesetzt, die die DÖLF bei der SS angefordert hatte. Die LIAS-Forschungsgesellschaft in Frommern und die Kohle-Öl-Union in Schörzingen arbeiteten an weiteren Möglichkeiten der Schieferölgewinnung.
Ein halbes Jahr nach diesen Versuchen verschärfte sich die Treibstoffkrise eklatant: Ab April/Mai 1944 bombardierten die Alliierten systematisch die deutschen Hydrierwerke. Infolgedessen sank die Produktion von Benzin drastisch, von Mai bis Juli 1944 von 156000 Tonnen auf 29000 Tonnen. Darüber hinaus führte der Kriegsverlauf im Osten dazu, dass die rumänischen und sowjetischen Ölfelder aufgegeben und die Ölschieferwerke in Estland evakuiert werden mussten.
Im Juli 1944 ordnete der Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion Albert Speer an, dass am Rand der Schwäbischen Alb zehn Ölschieferprojekte errichtet werden sollten, um aus Schiefer Öl zu gewinnen. Speer beauftragte seinen Mitarbeiter Geilenberg (»Generalkommissar für Sofortmaßnahmen«) mit der Durchführung dieses Vorhabens, das den geheimen Decknamen »Wüste« erhielt. Die Arbeit sollten KZ-Häftlinge verrichten, die in sieben Konzentrationslagern untergebracht wurden: Bisingen, Dautmergen, Dormettingen, Erzingen, Frommern, Schömberg, Schörzingen.
Am Unternehmen »Wüste«, dessen Planungen für die Region gigantische Ausmaße annahmen, und dessen Umsetzung mit enormem Aufwand betrieben wurde, waren viele Institutionen, Ministerien, Organisationen und Firmen beteiligt. Das führte zu einem stellenweise unübersichtlichen Organisationschaos und vielen Konkurrenzen, vor allem zwischen Speer und dem Reichsführer-SS, Himmler. Himmler hatte sich nach einem Bericht von Oswald Pohl, der mehrmals in das württembergische Ölschiefergebiet gefahren war, begeistert gezeigt und angeordnet, dass sich die SS unabhängig mache: »Wir müssen uns ein entsprechendes Gebiet kaufen oder uns geben lassen, in dem Ölschiefervorkommen sind. Ich bin eigentlich gar nicht dafür, den anderen Stellen Arbeitskräfte zu geben, denn auf diese Weise bekommen wir das Öl nicht für uns.«
Daraufhin wurde auf Anordnung Himmlers der SS-eigene Betrieb »Deutsche Schieferöl GmbH« mit Sitz in Erzingen gegründet, um die Interessen der SS, vor allem gegenüber Speer, zu wahren. Speer kam der SS insofern entgegen, indem er ihr die Übernahme der zehn Ölschieferwerke ab dem Zeitpunkt anbot, ab dem keine technischen Schwierigkeiten mehr die reibungslose Produktion behinderten, spätestens ab dem 15. Mai 1945. Dazu kam es aus bekannten Gründen nicht mehr.
Völlig unrealistische Terminplanungen, die immer wieder verschoben werden mussten, hatten dazu geführt, dass sich schließlich die Anstrengungen auf die Fertigstellung weniger Ölschieferwerke konzentrierten und das Werk »Wüste 2« in Bisingen oberste Priorität erhielt. Es ging als erstes am 23.2.1945 provisorisch in Betrieb, knapp zwei Monate vor der Evakuierung des Konzentrationslagers und der Einstellung aller Arbeiten. Wieviel Öl tatsächlich aus dem Ölschiefer gewonnen wurde, ist unbekannt, viel war es nicht.
Die Schwerstarbeit, zu der die KZ-Häftlinge auf den Baustellen gezwungen wurden sowie die katastrophalen Bedingungen in den Konzentrationslagern führte zu einer hohen Opferzahl. Zwischen 3500 und 4000 KZ-Häftlinge starben für das Unternehmen »Wüste«, mindestens 1187 davon in Bisingen.
In der Ausstellung können diese Inhalte nur ausschnittsweise vermittelt werden: vor allem über Fotos und Pläne, aber auch z.B. über ausgegrabene Eisenbahnschwellen aus dem früheren Ölschieferabbaugelände oder Auszüge aus einem Interview mit einem Überlebenden (zum Hören), der sehr anschaulich beschreibt, wie das Öl, das aus einem der großen Schwelrohre üppig fließen sollte, nur zäh tropfte.
Thematisch endet dieser Ausstellungsraum mit der Vernichtung der Unterlagen über die Opfer des KZ durch den Bisinger Bürgermeister Maier und mit der Evakuierung des KZ Bisingen Mitte April 1945, als die nicht mehr gehfähigen Häftlinge mit der Eisenbahn in das KZ Dachau transportiert und die restlichen Männer zu Fuß auf die sogenannten Todesmärsche geschickt wurden. Unterwegs gab es eine unbekannte Zahl von weiteren Opfern, die vor Erschöpfung starben oder von der SS erschossen wurden. Die Überlebenden wurden in Oberschwaben von den Franzosen oder in Oberbayern von den Amerikanern befreit.
3. Massengrab und KZ-Friedhof
Nach der Besetzung Bisingens durch die französische Armee ordnete die Militärregierung an, das Massengrab, in dem die Opfer des KZ Bisingens verscharrt worden waren, zu exhumieren. Im Winter 1946/47 mussten ehemalige Nazis die Leichen ausgraben, die als namenlose Tote auf einem nahegelegenen Friedhof bestattet waren. Dieser KZ-Friedhof wurde im April 1947 eingeweiht. Anhand von vielen Fotos kann man in diesem Raum die Exhumierungsarbeiten bis zur Anlegung des Friedhofes verfolgen.
Hier wird auch sichtbar, wie und mit welchen Symbolen an welche Opfergruppen erinnert wird. Ein überdimensionales Kreuz dominiert die Anlage auf dem KZ-Friedhof. Anfangs standen 1158 Holzkreuze stellvertretend für 1158 Tote. Als diese in den 60er Jahren zerfielen, wurden sie durch Doppelkreuze aus Stein ersetzt, die den Kreuzen auf einem Soldatenfriedhof ähneln. Auf zwei von der französischen Militärregierung angebrachten Tafeln findet sich nur eine allgemeine Widmung (in französischer und in lateinischer Sprache!). Ein Hinweis auf die Herkunft der Opfer, vor allem auf die zahlreichen Opfer jüdischen Glaubens, fehlte. In den 80er Jahren stellte der Landkreis Zollernalb vor dem Friedhof einen Gedenkstein mit näheren Informationen über das KZ Bisingen auf.
Bei der Eröffnung des Geschichtslehrpfades im Oktober 1998 enthüllten schließlich mehrere jüdische Überlebende zusammen mit dem Landesrabbiner von Württemberg ein Mahnmal für die jüdischen Opfer des KZ Bisingen.
4. Täter und Nachkriegsprozesse
In diesem Raum werden anhand von verschiedenen »Täter-Dossiers« die Karrieren einzelner SS-Angehöriger während des Nationalsozialismus sowie die Verfolgung der im KZ Bisingen begangenen Verbrechen dargestellt.
Die SS-Wachmannschaften des KZ Bisingen waren aus zwei unterschiedlichen Personengruppen zusammengesetzt: zum einen aus altgedienten SS-Männern, die zum Teil schon zehn Jahre lang als Wachmänner in Konzentrationslagern ihren Dienst versehen hatten, zum anderen aus Angehörigen der Luftwaffe oder des Landesschützenbataillons, die erst 1944 zur SS eingezogen worden waren.
Als Beispiel für einen der »erfahrenen« SS-Männer kann der Lebenslauf von Franz Johann Hofmann eingesehen werden, der sich durch seine Tätigkeit in verschiedenen Lagern bis zum Hauptsturmführer hochdiente. Seit September 1933 war er im KZ Dachau (zuletzt als stellvertretender Schutzhaftlagerführer) tätig und wurde am 1.12.1942 nach Auschwitz versetzt. Dort übernahm er als Lagerführer das »Zigeunerlager« in Auschwitz-Birkenau und wurde im November 1943 erster Schutzhaftlagerführer im Stammlager Auschwitz I. Im Frühsommer 1944 wurde er zum KZ Natzweiler versetzt und übernahm ab Oktober 1944 die Lager Bisingen und Dautmergen. Aufschlussreich sind die Beurteilungen seiner Vorgesetzten.
In Auschwitz: »Hofmann ist der alte SS-Mann, der nichts aus sich macht und doch mit lobenswertem Eifer die ihm gestellten Aufgaben erfüllt… Die auf Grund seiner einfachen Vorbildung bestehenden unwesentlichen Lücken gleicht er hervorstechend durch seine Tatkraft im praktischen Dienstbetrieb des Schutzhaftlagers aus.«
Oder in Natzweiler: »Hofmann ist mit der Führung eines Außenlagers beauftragt. In dieser seiner Eigenschaft hat er sich durch Pflichteifer, Gewissenhaftigkeit und Umsicht ausgezeichnet… Hofmann ist überzeugter und fanatischer Nationalsozialist… Seine jetzige Dienststellung füllt er sehr gut aus. Hofmann eignet sich für derartige Verwendungen besonders gut.«
1946/47 fanden in Rastatt vor dem französischen Militärgericht mehrere Kriegsverbrecherprozesse statt, in denen auch zehn ehemalige SS-Wachmänner des KZ Bisingen angeklagt waren. Vier wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt, nur ein Todesurteil wurde vollstreckt. Die zum Teil hohen Haftstrafen wurden später verringert und die Verurteilten aufgrund verschiedener Begnadigungen vorzeitig aus der Haft entlassen.
Der Lagerleiter von Bisingen, Johannes Pauli, war ein Deutsch-Schweizer, der 1944 von der Wehrmacht zur SS übernommen wurde. Bei Kriegsende setzte er sich in die Schweiz ab. Dort wurde ihm in den 50er Jahren in Basel der Prozess gemacht; er erhielt wegen Kriegsverbrechen, die er im KZ Bisingen begangen hatte, zwölf Jahre Zuchthaus.
Erst in den 60er Jahren ermittelten bundesdeutsche Gerichte in zahlreichen Verfahren gegen ehemalige Angehörige der SS-Wachmannschaften des KZ Bisingen. Nur gegen vier Hauptverantwortliche der sieben Konzentrationslager des Unternehmens »Wüste« konnte schließlich 1965 im »Hechinger Prozess« Anklage erhoben werden, einer davon war Franz Johann Hofmann, der bis 1959 untergetaucht war. Ursprünglich war gegen ihn wegen Verbrechen im KZ Bisingen ermittelt worden, diese Anklagepunkte ließ das Gericht teilweise schon in den Vorermittlungen fallen, den letzten Anklagepunkt dann während des Hechinger Prozesses. Während Hofmann im Dachauer Prozess und im Auschwitz-Prozess eine lebenslängliche Gefängnisstrafe erhielt, wurde er im Fall Bisingen freigesprochen. Da Totschlag mittlerweile verjährt war, mussten ihm Mord und damit niedrige Beweggründe nachgewiesen werden. Im Zweifelsfall berief sich dabei das Gericht auf den sogenannten Befehlsnotstand – wie in vielen anderen Kriegsverbrecherprozessen auch.
5. Überlebende und Opfer des KZ Bisingen
Der letzte Ausstellungsraum widmet sich ausschließlich den 4150 Männern, die in das KZ Bisingen deportiert wurden. Ziel ist einerseits, die Anonymität der »namenlosen Toten« zu durchbrechen, die vor allem durch die Vernichtung der Sterbebescheinigungen im Rathaus Bisingen entstanden war, aber auch die Rekonstruktion aller Namen der Häftlinge des KZ Bisingen. Mittlerweile konnten aufgrund von verschiedenen Transportlisten 2500 Namen rekonstruiert werden, die nach und nach in eine Datenbank eingegeben und in der Ausstellung ausgelegt werden. In dieser Datenbank sind nicht nur Namen, sondern auch – soweit bekannt – weitere Informationen enthalten (Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf, Häftlingsnummer, Lager, Religon, Nationalität, Todesdatum etc.)
Eine Kopie des »Nummernbuch 6« des KZ Natzweiler verzeichnet u.a. die Namen von 1500 Häftlingen, die Anfang Oktober 1944 aus dem KZ Stutthof bei Danzig nach Bisingen kamen. Das Original des Nummernbuches liegt im französischen Nationalarchiv in Paris und war als Leihgabe immerhin ein halbes Jahr im Heimatmuseum Bisingen zu sehen. Neben dieser »quantitativen« Erfassung können einzelne Lebensläufe von Überlebenden eingesehen werden, die aus Interviews, schriftlichen Berichten und auch einzelnen veröffentlichten und übersetzten Autobiographien zusammengestellt sind und durch Fotos ergänzt wurden.
Geschichtslehrpfad KZ Bisingen
Der Geschichtslehrpfad zum KZ Bisingen beginnt mitten im Ort, am Bahnhof, wo die Häftlinge ankamen. Eine Tafel informiert mit Fotos, erläuternden Texten und Beschreibungen von Überlebenden über die Transporte und den Weg ins KZ. Diesen Weg kann man heute nur noch ungefähr nachvollziehen, da das damals aus Feldern und Wiesen bestehende Gelände zwischen Bahnhof und Lager mittlerweile bebaut ist.
Das Grundstück, auf dem sich das KZ befand, ist hingegen weitgehend unbebaut geblieben. Die Wiese wird wenig genutzt, am ehesten von spielenden Kindern. Von hier hat man einen wunderschönen Blick auf die Burg Hohenzollern und sieht das heutige Bisingen mit Einfamilienhäusern und Gewerbeansiedlung.
Wie sollte man deutlich machen, dass sich hier ein Konzentrationslager befand, das über 1000 Menschen das Leben gekostet hatte? Vorschläge, wie z.B. eine KZ-Baracke nachzubauen, in der man sich über das Lager informieren könnte, wurden schnell wieder verworfen. Es konnte nicht darum gehen, Geschichte nachzustellen oder gar einen Teil des Lagers wiederaufzubauen.
Die Idee, die der »Gestaltung« dieses Ortes zugrunde lag, ist vergleichsweise einfach. Besucher/innen des Lehrpfades sollten nicht am Rand stehen bleiben, sondern sich auf das Gelände begeben. Deshalb bauten Teilnehmer/innen eines Internationalen Workcamps einen Holzsteg, der direkt auf den früheren Appellplatz führt, wo die Häftlinge stundenlang Appell stehen mussten und wo auch die Hinrichtungen stattfanden. Am Ende des Stegs steht eine kleine Tafel mit wenigen Zitaten, die einen Eindruck von der Einsamkeit und dem Ausgeliefert-Sein der Häftlinge im KZ Bisingen vermitteln sollen (wie das Zitat des Überlebenden Stanislaw Sagan am Anfang dieses Berichts).
Der Lehrpfad führt weiter ins ehemalige Ölschieferabbaugelände, heute Naherholungsgebiet mit Sport- und Tennisplätzen und einem Kinderspielplatz. Überall, wo heute Wald zu sehen ist, befanden sich 1944/45 Fabrikanlagen, Steinbrüche, Meilerfelder. Nach Kriegsende wurde das gesamte Gelände zugeschüttet und aufgeforstet. Zwei Gebäude des früheren Ölschieferwerkes »Wüste 2« wurden – ebenfalls im Rahmen des erwähnten Workcamps – wieder ausgegraben und gehören nun zum Geschichtslehrpfad. Die letzten Stationen des Lehrpfades sind der KZ-Friedhof und das ca. 500m entfernt liegende ehemalige Massengrab.
Gesprächskreis
Vor wenigen Monaten hat sich ein Gesprächskreis in Bisingen gebildet, in dem sich die Personen zusammengeschlossen haben, die sich schon länger oder auch erst seit kürzerem mit der Geschichte des KZ Bisingen beschäftigen: z.B. die ehemaligen Mitglieder der Juso-AG, die in den 80er Jahren die ersten Diskussionen über das KZ in Gang brachten; Mitglieder des Jugendgemeinderats, der auch die Aufsicht im Heimatmuseum übernimmt; eine Pfarrerin, die von dem Besuch der jüdischen Überlebenden so beeindruckt war, dass sie den Antisemitismus in der christlichen Religion auch in ihren Gottesdiensten thematisiert; der Bisinger Bürgermeister usw.
Der Gesprächskreis hat sich zur Aufgabe gestellt, vor allem die Kontakte zu den Überlebenden aufrechtzuerhalten, Veranstaltungen zu organisieren und mit anderen Gedenkstätten in der Region zusammenzuarbeiten.
Das Heimatmuseum Bisingen ist als Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten in Baden-Württemberg, einem Zusammenschluss von rund 40 arbeitenden Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen, in die Zusammenarbeit und den Diskurs von Gedenkstätten eingebunden.