Rüstungswirtschaft und Zwangsarbeit in Fürstenberg (Oder)

Sonderausstellung im Städtischen Museum Eisenhüttenstadt
08/2008Gedenkstättenrundbrief 144, S. 32-37
Axel Drieschner und Barbara Schulz

Inmitten einer dünn besiedelten Region, rund einhundert Kilometer südöstlich von Berlin, liegt das heute zu Eisenhüttenstadt gehörende Fürstenberg (Oder). Zwischen 1940 und 1945 wandelte sich die ökonomisch wenig bedeutende Kleinstadt wie im Zeitraffer zu einem expansiven Wirtschaftsstandort mit regionaler Zentrumsfunktion. Schon seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatten die Stadtoberen versucht, große Wirtschaftsbetriebe nach Fürstenberg zu ziehen. Dabei konnten sie auf die Lage an wichtigen Wasserstraßen und die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Industriegelände verweisen. Die ländliche Abgeschiedenheit und das begrenzte Reservoir an Arbeitskräften ließ die Gegend damals für Industrieansiedlungen jedoch nicht attraktiv erscheinen. Erst unter den gewandelten Rahmenbedingungen im »Dritten Reich« änderte sich dies. Nun rückte die Sicherheit, die der Standort vor westlichen Luftangriffen zu bieten schien, in den Vordergrund. Seit Ende 1936 war dort die Ansiedlung eines Buna-Werks des IG Farben-Konzerns vorgesehen. Nachdem das Vorhaben 1939 endgültig gescheitert war, wurden andere Planungen realisiert. Die Stadt entwickelte sich hierdurch bis Kriegsende zum Investitionsschwerpunkt großer Industriekonzerne. Dies ließ sie zugleich zu einem Schwerpunkt des Einsatzes von Zwangsarbeitern im mittleren Oderraum werden. Die Zahl der in Fürstenberg beschäftigten ausländischen Arbeiter lag hier Mitte 1944 bei etwa 3 000 Personen, was mehr als einem Drittel der deutschen Einwohnerschaft entsprach. Die überproportionale Anballung von Zwangsarbeitern bildete eine grundlegende Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt. Denn der bevölkerungsarme Landkreis hätte, nach den Worten des damaligen Bürgermeisters von Fürstenberg, »auch nach glücklicher Beendigung des Krieges« den Bedarf an Arbeitern »nicht zu decken« vermocht.

Es waren vor allem drei Konzerne, die das Geschehen in Fürstenberg (Oder) währen der Kriegsjahren bestimmten. Den Anfang machte die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt, die bald auch unter dem Kürzel DEGUSSA firmierte. Das Unternehmen begann im Frühjahr 1940 mit dem Bau eines »Chemischen Zentralwerks«, das die geographisch verstreuten Produktionslinien des Unternehmens an einem Standort bündeln sollte. Das Projekt bildete bis dahin das ehrgeizigste Bauvorhaben des Konzerns[1]. Die veranschlagten Investitionen kletterten bald auf über 40 Millionen Reichsmark, was mehr als der zuvor erreichten Gesamtkapitalausstattung des Unternehmens entsprach. Produziert werden sollten in Fürstenberg unter anderem Vorprodukte für die Sprengstoff- und Kunststoffproduktion. Bis Kriegsende blieb das Werk eine Baustelle, lediglich die Erzeugung von Formaldehyd wurde Ende 1943 aufgenommen. Zunächst hatten die Behörden das Bauprojekt der DEGUSSA nicht als »kriegsentscheidend« eingestuft und es kaum mit der Zuweisung von Arbeitskräften unterstützt. In der ersten Hälfte des Jahres 1942 deportierte man dann etwa 200 polnische Juden aus dem Ghetto Lodz nach Fürstenberg. Offenbar waren die Männer ursprünglich zum Bau der Reichsautobahn in die Gegend von Frankfurt (Oder) deportiert worden, bevor man sie anderen Bauvorhaben zugeteilt hatte. Ihre Gruppierung traf in den Lagern des östlichen Brandenburgs zumeist auf eine mörderische Behandlung. So sind bei dem südlich von Frankfurt (Oder) gelegenen Kraftwerk Finkenherd, wo 1942 ebenfalls Juden aus dem Ghetto Lodz zu Bauarbeiten eingesetzt wurden, binnen eines Jahres über einhundert Menschen umgekommen. Bei der DEGUSSA in Fürstenberg lassen sich aus der Gruppe der polnischen Juden zwanzig Todesfälle nachweisen, die sich innerhalb weniger Monate ereigneten. Dutzende der Arbeiter wurden außerdem mit dem Vermerk »krank entlassen« aus dem Lager abgeschoben. Ab Herbst 1942 waren hauptsächlich ost- und westeuropäische »Fremdarbeiter« sowie Kriegsgefangene für die DEGUSSA tätig. Ende 1944 befanden sich 450 Arbeiter auf der Baustelle, davon waren zwei Drittel Ausländer. Dokumente, die auszugsweise in der Ausstellung gezeigt werden, belegen Fälle von Misshandlungen durch deutsches Baupersonal und Unternehmer. Schon geringe »Vergehen« der ausländischen Zivilisten wurden durch Geld- oder Arreststrafen geahndet. Bis hin zur Überstellung in die »Arbeitserziehungslager« der Gestapo in Schwetig und Brätz.

Der zweite maßgebliche Großinvestor in Fürstenberg (Oder) war das Märkische Elektrizitätswerk (MEW). Mit über 1 000 Personen verfügte es ab 1943 über den größten Anteil der in Fürstenberg eingesetzten Zwangsarbeiter. Der damals vollständig in öffentlicher Hand befindliche Landesversorger begann hier 1940 mit dem Aufschluss von Braunkohlevorkommen. Um den Brennstoff direkt vor Ort zu verstromen, errichtete das MEW ab 1943 am Westufer der Oder ein Großkraftwerk. Die als »kriegswichtig« eingestufte Anlage sollte über das Fernleitungsnetz vor allem die Rüstungsindustrie im Nordosten Deutschlands und im »Warthegau« beliefern. Das Projekt gehörte zum sogenannten »Wärmekraft-Sofortprogramm« des Generalinspektors für Wasser und Energie, Albert Speer. Es sah den raschen Aufbau einer ganzen Serie leistungsfähiger und standardisierter »Einheitskraftwerke« im deutschen Machtbereich vor, so auch im oberschlesischen Jaworzno, wo Häftlinge aus Auschwitz die Bauarbeiten zu verrichten hatten. Wie bei der DEGUSSA mussten auf der Kraftwerksbaustelle in Fürstenberg polnische Juden aus dem Ghetto Lodz die ersten Arbeiten durchführen. Im Spätsommer 1943 wurden die rund 300 Männer abgezogen und nach Auschwitz transportiert, wie aus Unterlagen des Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen hervorgeht. Die »Arbeitsfähigen« verteilte die SS von Auschwitz aus auf andere Konzentrationslager, viele kamen dabei nach Buchenwald und weiter nach Mittelbau-Dora.

Anschließend kamen auf der Baustelle vor allem sowjetische Kriegsgefangene zum Einsatz. Bis zu 700 Rotarmisten waren im Barackenlager unweit der Baustelle untergebracht. Sie wurden von der Wehrmacht aus dem Kriegsgefangenen-Stammlager STALAG III B bereit gestellt, das sich seit Ende 1939 ebenfalls in Fürstenberg (Oder) befand und mit mehreren Tausend Männern belegt war. Das STALAG III B bildete eines von insgesamt drei zentralen Aufnahme- und Verteilungslager von Kriegsgefangenen in der Provinz Brandenburg.

Mit der Geschichte dieses Lagers hatte sich das Städtische Museum Eisenhüttenstadt bereits 2003/2004 im Rahmen einer Sonderausstellung beschäftigt[2]. Dieser historische Abschnitt wird von der gegenwärtigen Präsentation daher nicht breiter dargestellt, ist jedoch durch einen Raum der Dauerausstellung repräsentiert.

Neben der DEGUSSA und dem MEW bildete sich im letzten Kriegsjahr noch ein dritter Einsatzschwerpunkt von Zwangsarbeitern in Fürstenberg heraus. Der Rüstungskonzern Rheinmetall-Borsig, dessen Stammwerk in Berlin-Tegel durch Bombenangriffe zerstört war, verlagerte Mitte 1944 einen Teil seiner Produktion nach Fürstenberg. Unter dem Tarnnamen »Oder-Gerätebau« errichtete er Produktionsstätten am Rande des Dorfes Schönfließ sowie in den Gebäuden der sogenannten Neuen Glashütte. Im Herbst 1944 lief dort die Fertigung von Maschinengewehrteilen für Flugzeug-Bordwaffen an. Neben deutschen Frauen aus dem Raum Fürstenberg zählten zu den mehreren Hundert Beschäftigten vor allem italienische Militärinternierte und weibliche Häftlinge aus dem KZ Ravensbrück. Letztere waren in einem KZ-Außenlager untergebracht, das in der Neuen Glashütte eingerichtet wurde. Die Häftlingsunterkünfte grenzten unmittelbar an eine Hauptzufahrtsstraße nach Fürstenberg, die Schönfließer Chaussee (heute: Beeskower Straße). Noch immer ist über die Geschichte des KZ-Außenlagers, das zunächst dem KZ Ravensbrück, dann dem KZ Sachsenhausen zugeordnet war, wenig bekannt[3]. Neu aufgefundene Pläne und Kostenaufstellungen, die in der Ausstellung zu sehen sind, liefern aber Hinweise auf die bauliche Ausgestaltung des Lagers.

Noch mehr im Dunkeln liegt die Geschichte des Außenlagers für männliche KZ-Häftlinge, das sich auf dem Gelände der »Alten Glashütte« befand und im Zusammenhang mit einem Demontagebetrieb für Flugzeugschrott entstanden war. Nach Aussagen von Zeitzeugen sind die Häftlingsunterkünfte beider Teillager im Zusammenhang mit ihrer Ende Januar /Anfang Februar 1945 erfolgten Evakuierung in Brand gesteckt worden. In der Ausstellung werden historische Kriegsluftbilder präsentiert, welche die Zerstörung der Gebäude bestätigen.

Am 24. April 1945 besetzte die Rote Armee Fürstenberg. Unter ihrer Verwaltung erfolgte die Demontage der neuen Produktionsanlagen, die als Kriegsreparationen in die UdSSR gebracht wurden. Die Werksgebäude der DEGUSSA und von Rheinmetall-Borsig galten als Rüstungspotential und wurden gesprengt, nur vom Kraftwerk blieben das Betonskelett und zwei hohe Schlote zurück. In den sechziger Jahren entstand auf der Südhälfte des DEGUSSA-Areals ein großes Wohngebiet, der VI. Wohnkomplex Eisenhüttenstadts. Die Investitionen der DDR-Jahre – das Eisenhüttenkombinat und seine Wohnstadt – prägten ein grundlegend neues Erscheinungsbild Fürstenbergs und seines Umfeldes. Dies begünstigte die Verdrängung der Ereignisse der Kriegsjahre aus dem öffentlichen Diskurs. Um die Aufbauleistung der DDR zu betonen, blieb es lange Zeit unerwähnt, dass die Gegend schon vor 1945 stark industrialisiert war. Die sprichwörtlich gewordene Formulierung, wonach hier »einst nur Sand und Kiefern waren«, beherrscht noch heute weithin das geschichtliche Selbstverständnis der Stadtgesellschaft.

Ein Anliegen der Ausstellung ist es daher, durch den Verweis auf die »Vorgeschichte« des Industriestandorts im Zweiten Weltkrieg ein tabuisiertes Stück lokaler Geschichte zu vergegenwärtigen. Dabei kann die Ausstellung in Eisenhüttenstadt an das breite Interesse anknüpfen, welches die unmittelbar an der Oder gelegene Ruine des Großkraftwerks als weithin sichtbare Landmarke auf sich zieht. Neben diesem »authentischen Ort«, an dem eine Tafelausstellung gezeigt wird, umfasst die Schau eine Präsentation von Originalexponaten in den Räumen des Städtischen Museums Eisenhüttenstadt.

Vielleicht darf das Projekt auch als Beitrag zu einer intensiveren Aufarbeiten des Themas Rüstungsindustrie und Zwangsarbeit auf landesgeschichtlicher Ebene gelten. In Fürstenberg (Oder) überlappten sich Prozesse, welche für die Geschichte der Provinz Brandenburg während des Zweiten Weltkriegs insgesamt kennzeichnend waren. Im Zeichen der Rüstungspolitik erfuhr die Mark einen Strukturwandel, der nicht nur das Berliner Umland erfasste. Der damit einhergehende massive Einsatz von Zwangsarbeitern wurde bereits im Rahmen vieler lokaler Projekte beleuchtet, im Unterschied zu manch anderem Bundesland fehlt für Brandenburg jedoch noch immer eine öffentlichkeitswirksame und zusammenfassende Darstellung zur Thematik im Form einer Ausstellung oder Publikation. Es ist zu hoffen, dass auf der Basis der umfangreichen lokalen Vorarbeiten bald ein entsprechendes Angebot geschaffen wird.

Informationen zur Ausstellung
»Mittelpunkt kriegswichtiger Industrien«
Rüstungswirtschaft und Zwangsarbeit in Fürstenberg (Oder) 1940–45
Sonderausstellung bis 26. 10. 2008, veranstaltet vom Städtischen Museum Eisenhütten­stadt in Kooperation mit der Diakonie Niederlausitz im Rahmen von »Kulturland Branden­burg 2008«.
Die Ausstellung umfasst zwei Teile, eine museale Präsentation in den Räumen des Städti­schen Museums und eine Tafelausstellung auf dem Gelände des 1943–1945 erbauten Kraftwerks. Die Eintrittkarten berechtigen zum Besuch beider Ausstellungsteile.

Teil I
Städtisches Museum Eisenhüttenstadt
Löwenstraße 4, 15890 Eisenhüttenstadt (Ortsteil Fürstenberg).
Geöffnet: Di–Fr 10–17 Uhr, Sa und So 13–17 Uhr
Telefon (03364) 2146
info@museum-eisenhuettenstadt.de
www.museum-eisenhuettenstadt.de

Teil II
Gelände des »Alten Kraftwerks«, Zugang vom Oderdeich (Oder-Neiße-Radweg),
Leihfahrräder für den Transfer ab Museum nutzbar;
Anfahrt über Buchwaldstraße, dann abbiegen auf den Oderdeich;
mit PKW nur bis Abzweig Oderdeich (dort Parkplatz), dann ca. 500 m zu Fuß.
Geöffnet: Di–Fr 10–17 Uhr, Sa und So 13–17 Uhr; letzter Einlass 16 Uhr
Zugangsbeschränkungen: Betreten auf eigene Gefahr;
bei Gehbehinderungen ungeeignet; bei Sturm und starkem Regen geschlossen.
Am Samstag, dem 13. 9. 2008, findet anlässlich des Tags des Offenen Denkmals eine Sonderführung über das Kraftwerksgelände und zum ehemaligen Zwangsarbeiterlager am Kraftwerk statt. Treffpunkt 13 Uhr am Eingang zum Ausstellungsteil II.
 

Barbara Schulz und Axel Drieschner erarbeiten seit 2001 in der Berliner Bürogemeinschaft Zeitgeschichte und Denkmalpflege bauhistorische und archäologische Untersuchungen sowie Ausstellungen für Museen und Gedenkstätten.
 

[1] Zum Stellenwert des Zentralwerks im Unternehmenskontext vgl. Peter Hayes, Die Degussa im Dritten Reich. Von der Zusammenarbeit zur Mittäterschaft, München 2004

[2] Siehe hierzu: Barbara Schulz und Axel Drieschner: Verdeckt vom Mythos der »ersten sozialistischen Stadt Deutschlands«. Ausstellung zum Kriegsgefangenenlager Stalag III B in Fürstenberg (Oder), heute Eisenhüttenstadt; in: Gedenkstätten-Rundbrief, Nr. 117, Heft 2/2004.

[3] Am ausführlichsten hat hierzu bislang geschrieben: Thomas Irmer, Spuren nach Sachsenhausen. KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Fürstenberg/Oder, in: Eisenhüttenstadt. »Erste Sozialistische Stadt Deutschlands«, Berlin 1999, S. 37–46.