Rheinland-Pfalz: Die Zeit des Nationalsozialismus in unserem Land

Dauerausstellung des Landes in der Gedenkstätte "ehemaliges KZ Osthofen" bei Worms
12/1997Gedenkstättenrundbrief 80, S. 3-17
Berkessel, Hans

Am 19. November 1996 wurde in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Osthofen, dem künftigen NS-Dokumentationszentrum des Landes Rheinland- Pfalz, von Ministerpräsident Kurt Beck die erste landesweite Ausstellung zur Geschichte des Nationalsozialismus auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz eröffnet. Sie war von einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB) erarbeitet worden, der Angelika Arenz-Morch (LpB), Uwe Bader (LpB), Hans Berkessel (Historiker und Padagoge, Leiter der AG), Dr. Hedwig Brüchert (Historikerin/Universitidt Mainz), Dr. Diether Degreif (Hauptstaatsarchiv Darmstadt), Barbara Weiter-Matysiak (Kreisarchiv Trier-Saarburg) und - beratend - Hans-Georg Meyer (Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz) sowie Dr. Karl-Heinz Debus (Direktor des Landesarchivs Speyer) angehörten. Für die grafische und raumarchitektonische Umsetzung der Ausstellungskonzeption zeichneten Wieland Schmid und sein Mannheimer Atelier für Gestaltung verantwortlich.

Mehr als 300 Gäste, darunter Überlebende ehemalige Häftlinge aus den Konzentrationslagern Osthofen bei Worms und Hinzert bei Trier, zahlreiche Historiker, Pädagogen sowie Politiker des Landes nahmen an der von einem großen Medieninteresse begleitenden Eröffnungsveranstaltung teil.

Mit dieser Dauerausstellung werden zum ersten Mal in der Geschichte des LandesRheinland-Pfalz Grundzüge, Lebensverhältnisse und Ereignisse der Zeit des Nationalsozialismus über einzelne Regionen hinaus landesweit dokumentiert. Mit Hilfe allgemein informierender Texte und einer Fülle von Text-, Bild- und gegenständlichen Exponaten aus allen Regionen des Landes können die Besucherinnen und Besucher ausgehend von ihrem Wohn- und Heimatbereich über das Geschehen in den benachbarten Regionen Verbindungen zur NS-Politik und zum Alltagsgeschehen im ehemaligen Deutschen Reich und in den im Krieg besetzten Ländern herstellen. Es wird deutlich, dass überall - auch vor der eigenen Haustür - Menschen aufgrund der Zustimmung, Gleichgültigkeit oder Angst breiter Bevölkerungsschichten durch den Terror der Nationalsozialisten ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben und umgebracht wurden.

Grußwort des Ministerpräsidenten Kurt Beck

In seinem Grußwort anlässlich der Ausstellungseröffnung wies Ministerpräsident Beck auf die besondere Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der politischen Bildungsarbeit hin und betonte die Chancen, die insbesondere das Medium einer Ausstellung wie diese dafür biete. Er führte unter anderem aus: »[...] Das ist nicht irgendein geschichtliches Ereignis, das sind Herausforderungen, denen wir uns immer wieder neu stellen müssen, die wir als Teil unserer heutigen Verantwortung in unser Handeln und Streben einführen müssen.

Es ist notwendig, dass man diese Mahnung nicht nur aus der Kenntnis der Geschichte, nicht nur aus den Ereignissen, wie sie in Büchern geschildert werden, [...] kennt, sondern dass man damit unmittelbar konfrontiert wird. Diese Ausstellung bietet dies. Sie macht greifbar, was sichtbar ist. Sie ermöglicht die gefühlsmäßige Verarbeitung. Man wird mit ganz konkreten Schicksalen durch Bilder und Erfahrungsberichte konfrontiert. Es ist möglich, sich damit zu identifizieren. Das gehört gerade dazu, wenn wir jungen Menschen diese Gräuel und das, was daraus resultieren muss, deutlich machen wollen. [...]

Wir wissen auch, dass diese beiden Konzentrationslager, hier in Osthofen und in Hinzert, auch den zeitlichen Bogen dieser schrecklichen Jahre des Naziregimes umfassen. Hier in Osthofen hat es seinen Anfang genommen, und in Hinzert hat diese furchtbare Zeit einen schrecklichen Hohepunkt gefunden.

Wir sollten dies auch deshalb immer wieder deutlich machen, damit nicht der Eindruck bei jüngeren Menschen entsteht, damit nicht der Eindruck sich in Zukunft verfestigen kann, dass das, was an schrecklichen Stätten sich mit der Nazidiktatur verbindet, nur irgendwo in Polen oder im heutigen Tschechien oder in anderen Landern, weit weg von uns, örtlich zu lokalisieren ist. Nein, solches hat auch hier bei uns stattgefunden. Deshalb ist es wichtig, diese beiden Stätten auch als solche der Nachwelt zu erhalten, und begreifbar zu machen, was sich hier abgespielt hat. Ich hoffe in diesem Sinne, daf3 diese Gedenkstätten auf uns wirken mögen. Ich hoffe auch, dass sie auf viele Menschen in unserem Land Rheinland-Pfalz und darüber hinaus wirken mögen. Das wünsche ich insbesondere auch dieser Ausstellung, verbunden mit dem Dank für die Vorbereitung und Durchführung derselben.«

Zur Konzeption der Ausstellung

Zwei Alternativen - Baustein oder Gesamtdarstellung

Die Notwendigkeit, das Konzept einer umfassenden landesweiten Dokumentation der NS-Zeit in einem vorläufigen Ausstellungsraum umzusetzen, der nur noch etwa die Hälfte der ursprünglich geplanten Ausstellungsfläche bot, zwang die Arbeitsgruppe dazu, eine grundlegende Entscheidung zu treffen: Sollten wir uns in dieser ersten Umsetzungsphase auf einen Baustein — etwa die Darstellung der Geschichte der beiden Konzentrationslager in Osthofen und Hinzert, gegebenenfalls noch ergänzt um die Themen »Verfolgung« und »Widerstand« — beschränken?

Oder war es — gerade auch im Blick auf die erwarteten und erwünschten jugendlichen Besucher und die Bedeutung des Ortes als der zentralen Gedenkstätte des Landes Rheinland-Pfalz zur NS-Geschichte - nicht unverzichtbar, auch die politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen und die geistigen und ideologischen Grundlagen zu zeigen, die die Machtübernahme des 30. Januar 1933 ermöglichten, um den heute lebenden Generationen die Entstehung, die schnelle Etablierung und die breite Akzeptanz der nationalsozialistischen Diktatur besser begreiflich machen zu können. Bestand nicht gerade in der alltagsgeschichtlichen Herangehensweise eine Chance, auf die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von weitgehend angepasster Mehrheit und ausgegrenzter Minderheit der Bevölkerung und die entsprechenden selektiven Realitätswahrnehmungen hinzuweisen und damit eine Lebensrealität sichtbar zu machen, die von der Faszination des NS-Systems durch umfassende Propaganda, wirtschaftliche Erfolge, billige Freizeitangebote im Rahmen des KdF-Programms und die Inszenierung einer sozialen »Volksgemeinschaften, gleichermaßen aber durch die permanente Bedrohung mit einem für das System konstitutiven Gewaltpotential prägend war?

War es legitim, dass Verfolgungs- und Vernichtungssystem des nationalsozialistischen Deutschland ohne Einbeziehung der dieses System verschärfenden Kriegssituation darzustellen? Prägte nicht der entbehrungsreiche Kriegsalltag sowie selbst oder in der Familie erfahrenes Leid als Folge des von Deutschland ausgegangenen und nun nach Deutschland zurückkehrenden Bombenkriegs ganz entscheidend das Bewusstsein und die Erinnerung bzw. Verdrängung (fremden Leids und eigener Schuld) dieser Zeit durch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung?

Schließlich: Durfte man eine landesweite Ausstellung über die NS-Zeit beenden, ohne die unmittelbare Nachkriegszeit, den Alltag in den Trümmern, die gescheiterte Entnazifizierung und die versäumte Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus nicht wenigstens thematisch anzureißen und die Aktualität von Antisemitismus, Rassismus und rechtsextremem Gedankengut sichtbar zu machen?

Wir haben uns auf der Grundlage wissenschaftlicher, vor allem aber pädagogisch-didaktischer Erwägungen für die umfassende Dokumentation entschieden, die die Darstellung der Vorbedingungen, des Alltags und der Nachwirkungen der NS-Zeit einschließt. Diese Entscheidung hat zudem ganz praktisch den Vorteil, dass die Konzeption der Ausstellung und ihre gestalterische Umsetzung bis hin zu den notwendigen Einbauten innerhalb der Raumarchitektur beim Umzug in den größeren und eigentlichen Ausstellungsraum weitgehend unverändert übernommen und dann vor allem durch gegenständliche Exponate und die Installation neuer Medien ergänzt werden können.

Leben im »Dritten Reich«

»Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hin- eingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.« Anna Seghers

Mit diesem Resümee des anonymen Erzählers, lässt die aus Mainz stammende Schriftstellerin Anna Seghers ihren weltberühmten, zwischen 1937 und 1939 im französischen Exil geschriebenen und 1942 in deutscher Sprache in Mexiko erstveröffentlichten Roman von der Flucht der sieben Häftlinge aus dem Konzentrationslager »Westhofen« enden. Gemeint ist hier als historischer Ort der Handlung in offenbar bewusster und modellhafter Verfremdung das Konzentrationslager Osthofen.

Dieses Resümee bezeichnet recht gut das Spannungsverhältnis, in dem sich viele Menschen während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft befanden: zwischen der permanenten Bedrohung durch die Terrorinstrumente des NS-Staates und dem Festhalten an einer universalen Moral der Menschlichkeit. In der fiktiven Welt des Romans geraten zahlreiche Menschen durch die Begegnung mit dem Protagonisten, dem Flüchtling Georg Heisler, in Konfliktsituationen, in denen sie sich – aus unterschiedlichsten Motiven - eindeutig für oder gegen dessen Unterstützung und damit für oder gegen das nationalsozialistische System entscheiden und dabei bereit sein müssen, alle Folgen für sich selbst und ihre Familien auf sich zu nehmen.

In der Realität des »Dritten Reiches« aber war nur eine Minderheit bereit, diskriminierten und verfolgten Menschen aktiv zu helfen und sich damit gegen das NS-Regime zu entscheiden. In der überwiegenden Mehrheit lebten die Deutschen in der scheinbaren »Normalität« des vermeintlich »politikfreien« Alltags, also auch tatsächlich weitgehend integriert in die von den Nationalsozialisten propagierte »Volksgemeinschafts, die ihren »gläubigen« oder angepassten Mitgliedern vielfältige Auszeichnungen, materielle Vorteile und Aufstiegsmöglichkeiten bot. Diese nationalsozialistische »Volksgemeinschaft« setzte aber die Ausgrenzung und später die »Ausmerzung« von Minderheiten (politische Gegner, Juden, Sinti und Roma, Behinderte, Homosexuelle, sogenannte »Fremdrassige« etc.) voraus.

In der Alltagsrealität des sogenannten »Dritten Reiches« befanden sich viele Menschen in einer teilweise unübersichtlichen »Gemengelage« zwischen aktivem Mitmachen und passiver Anpassung, zwischen privater Verweigerung und kollektivem Widerstand.

Die Ausstellung, die in ihrem zentralen Teil der Geschichte der Leidensstätten und der Verfolgung gewidmet ist, bemüht sich daher um einen offenen, differenzierten Gebrauch des Begriffs »Widerstands, der »Schwarz-Weiß-Bilder« vermeidet und – in deutlicher Kontrastierung — um eine angemessene Darstellung des Alltags der Mehrheitsbevölkerung.

Inhaltliche Struktur

Die Ausstellung besteht aus insgesamt sieben Abteilungen, die jeweils noch in bis zu fünf Stationen gegliedert sind. Am Anfang jeder Abteilung stehen ein Leittext, der die Basisinformationen zur reichsweiten Entwicklung vermittelt sowie ein großformatiges Foto, das für den Themenschwerpunkt der Abteilung signifikant ist. Die Stationstexte versuchen die Darstellung der reichsweiten und der regionalen Entwicklung zu verknüpfen. Die Exponate selbst, also Fotos, Dokumente und gegenständliche Ausstellungsstücke, stellen die Verbindung zum lokalen Raum her, wobei - soweit dies die Quellenlage erlaubte - auf eine angemessene Berücksichtigung der einzelnen Teile und Regionen des Landes geachtet wurde.

Im Zentrum der Ausstellung steht die Geschichte der beiden zentralen Gedenkstätten des Landes, des ehemaligen Konzentrationslagers Osthofen bei Worms und des SS-Sonderlagers/KZ Hinzert in der Nähe von Trier, an denen beispielhaft Anfange und Ende der NS-Diktatur auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz dargestellt werden.

Dieser auch durch die räumliche Gestaltung als abgetrennter Bereich in der Mitte des Ausstellungsraums mit festen Einbauten gegenüber den beweglich zwischen den Seilen hängenden Tafeln, Objekten und Bildern im duBeren Bereich deutlich hervorgehobene Schwerpunkt wird durch allgemeine und regionale historische Informationen zum »System der Konzentrationslager« in Europa und Rheinland-Pfalz ergänzt (Abteilung V).

Dabei wird auf einer Europa-Karte die Ausbreitung des KZ-Systems während des Krieges gezeigt, wobei das unterlegte Streckennetz der Reichsbahn und das einmontierte Foto der Gleisanlage von Auschwitz verdeutlichen, dass lokale Verfolgungsmaßnahmen immer mit der Perspektive von Deportation und Vernichtung in einem der (ost-)europäischen Konzentrations- oder Vernichtungslager verbunden waren, wohin über Zwischen- und Sammelstationen Züge aus allen Städten des Reiches rollten. Die Rheinland-Pfalz-Karte zeigt zusätzlich das dichte Netz der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Außenlager, Zwangsarbeiterlager, »Euthanasie«- und anderen Leidensstätten auf dem Gebiet dieses Bundeslandes nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand und macht deutlich, dass Maßnahmen und Opfer des NS-Terrors nicht nur in den fernen Großstädten und Konzentrationslagern, sondern praktisch in jedem Ort, in jeder Region sichtbar waren.

In einer kleinen Inszenierung - ein »Guckkasten«, mit schwarzem Tuch bespannt, gibt den Blick auf ein schwach beleuchtetes Foto eines Verbrennungsofens frei — wird ein Ausblick auf die Dimension des Holocaust als millionenfaches »maschinell« betriebenes Morden im Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau ermöglicht, der die visuelle Verknüpfung von lokaler Verfolgung und globaler »Endlösung« außerhalb des regionalen Erfahrungsbereiches herstellen soll.

Im inneren Bereich wird auf den gegenüberliegenden Seiten jeweils korrespondierend über die Geschichte der beiden Lager, die dort eingesperrten Häftlinge und ihre Zugehörigkeit zu den verschiedenen politischen oder nationalen und anderen Gruppen, über den Lageralltag sowie über das Verhalten der Bevölkerung und, im Falle von Hinzert, über die brutale Ermordung größerer Gruppen von Häftlingen informiert. In besonders gestalteten Nischen werden mit Hilfe von Zeitzeugenaussagen, Dokumenten und Fotos exemplarische Biographien von Opfern/Häftlingen bzw. Titern/Lagerpersonal vorgestellt.

So wird z.B. für Osthofen die Biographie des aus einer alteingesessenen und angesehenen jüdischen Osthofener Familie stammenden Ludwig Ebert dargestellt, der als ehemaliger Direktor der Papierfabrik Osthofen AG, die 1933 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in deren Hallen das spätere KZ eingerichtet wurde, zugleich zu den ersten Häftlingen gehörte. Auch das Ausweichen von Osthofen nach Worms und Frankfurt und später die Emigration nach Holland konnten ihn nicht vor der Deportation und Ermordung in Auschwitz im März 1944 bewahren - ein typisches jüdisches Schicksal.

Eine andere Biographie stellt den wohl bekanntesten Osthofen-Häftling, den sozial-demokratischen Reichstagsabgeordneten und Widerstandskampfer des »Kreisauer Kreises«, Carlo Mierendorf, vor, der zusammen mit Kurt Schumacher im Kreis der sogenannten »militanten Sozialisten« zu den entschiedensten und, nicht zuletzt wegen seiner aktiven Rolle bei der Aufdeckung der NS-Putschpläne der sogenannten »Boxheimer Dokumente«, zu den meistgehassten Gegnern der Nationalsozialisten zählte, die ihn schon bei seiner Gestapo-Verhaftung in Darmstadt und dann im KZ Osthofen auf übelste Weise misshandelten.

In der Mitte des Lagerbereichs der Ausstellung, in Verbindung mit der Darstellung des KZ Hinzert, werden exemplarisch zwei Täterbiographien vorgestellt: die des Hinzerter Lagerkommandanten (vom 1. Mai 1942 bis Januar 1945) Paul Sporrenberg und seines Wachmanns Georg Schaaf, von den Häftlingen wegen seines besonders brutalen Verhaltens »Iwan der Schreckliche« genannt. (Die Diaprojektion einer Häftlingszeichnung auf den Boden der angedeuteten Häftlingsstube vermittelt einen authentischen Eindruck von den Quälereien, denen die Haftlinge durch die NS-Schergen ausgesetzt waren.) Die Informationen, die die Texttafeln zusammen mit einmontierten authentischen Zeitzeugenaussagen zu den bestialischen Quälereien und Morden über diese beiden Täter vermitteln, werden ergänzt um einige Gesichtsstudien, die die Frage nach der typischen Täterphysiognomie bzw. nach Spuren des sadistischen Verhaltens in den Gesichtszügen aufwerfen.

Innerhalb der Darstellung beider Bereiche ist es für den Betrachter möglich, sich selbst mittels eines dort installierten Glasspiegels unter die Opfer bzw. Täter versetzt zu sehen. Dies kann Assoziationen darüber freisetzen, wie man sich selbst in der einen oder anderen Rolle jeweils verhalten hätte.

In den Boden beider KZ-Bereiche sind begehbare Glasvitrinen eingebracht, die Erde aus deren Umgebung und einige Detailfundstücke der Lagergebäude und -einrichtungen enthalten, um so zugleich Authentizität der dargestellten KZ-Geschichte und des historischen Ortes der Ausstellung sowie Distanz zum modernen Ausstellungsraum zu verdeutlichen. (Abteilung Va und Vb).

Eine weitere Inszenierung erlaubt Einblicke durch das Fenster der nur angedeuteten Lagerbaracke in die bewusst nicht naturalistisch, sondern zurückhaltend verfremdet gestaltete Wohnstube einer ganz normalen Familie. Auch aus der »bürgerlichen Stube, hier stellvertretend für das Alltagsleben der Bevölkerung gewählt, sind umgekehrt Einblicke in die Lagerrealität möglich. Hierdurch soll auf die unterschiedlichen Realitäten für die weitgehend integrierte Mehrheit und die ausgegrenzten, verfolgten Minderheiten und deren jeweilige Wahrnehmung hingewiesen und die Haltung eines Großteils der deutschen Bevölkerung verdeutlicht werden, der zwar durchaus (vom größten Teil des NS-Terrors) wissen konnte, aber davon nichts wissen wollte. Auf ein Detail dieser Inszenierung, die neben einfachem Tisch und Stuhl, Volksempfänger und Hitler-Porträt auch eine Winterhilfswerk-Sammelbüchse zeigt, soll noch hingewiesen werden: Auf dem Tisch befindet sich eine rustikale Tischdecke, die, neben anderen Ornamenten, zahlreiche kleine Hakenkreuzornamente zeigt und bis kurz vor der Ausstellungseröffnung (wie selbstverständlich!) noch im Gebrauch der Familie des Leihgebers war.

Durch diese Inszenierung ist zugleich der Übergang zur Darstellung der von den Nationalsozialisten inszenierten »Volksgemeinschaft« und des Alltagslebens der Mehrheit der deutschen Bevölkerung (Abteilung III) geschaffen, die im Kontrast steht zu der Darstellung von Entrechtung, Verfolgung und Ermordung politischer Gegner oder gesellschaftlich diskriminierter Minderheiten und der Widerstandsaktivitäten politischer, militärischer und kirchlicher Gruppen und Einzelpersonen (Abteilung IV).

Dabei wird in den Autorentexten und durch die zahlreichen regionalhistorisch exemplarischen Dokumente der Versuch unternommen, die seit der Machtübernahme kontinuierlich steigende Zustimmung der Bevölkerung zum NS-Regime aufgrund dessen wirtschaftlicher und außenpolitischer Erfolge nachvollziehbar zu machen, ohne die damit verbundene, immer umfassendere politisch-ideologische Formierung der gesamten Gesellschaft, die etwa im großformatigen Foto der marschierenden Reichsarbeitsdienstkolonnen signifikant hervortritt, und die verschärfte Ausgrenzung der Minderheiten demgegenüber zu vernachlässigen.

In den einzelnen Stationen der dritten Abteilung werden die Themen »Arbeit und Freizeit«, »Propaganda und Selbstdarstellung des NS-Staates«, »Hitlerjugend und Erziehung«, »Schule im NS-Staat, »Frauenbild und Frauenleben im Nationalsozialismus« und schließlich »Die Kirchen im NS-Staat« dargestellt. Besonderer Raum wird dabei der Freizeitorganisation des NS-Staates mit zahlreichen Sportveranstaltungen auf lokaler und regionaler Ebene bis hin zu der auch im Ausland als Höhepunkt der gelungenen Selbstdarstellung des nationalsozialistischen Deutschland bewerteten Ausrichtung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin und den umfangreichen Angeboten an Vergnügungsfahrten und Auslandsreisen der KdF-Feierabendorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) gegeben, an denen bis 1939 mehr als 7 Millionen Deutsche teilnahmen, die Zahl der Tagesausflügler lag bei etwa 35 Millionen. Hiermit und mit den kontinuierlichen Veranstaltungsangeboten im Rahmen des nationalsozialistischen Feierjahres, das traditionelle Feste wie Erntedank zu Selbstinszenierungen ebenso nutzte wie Reichsparteitage und zahllose 6rtliche und regionale Veranstaltungen, und auch bei Sammelaktionen und Eintopfsonntagen lokale Prominenz, z.B. die Mainzer Ranzengarde geschickt einsetzte, gelang es dem NS-Regime die »Volksgenossen« bei Laune zu halten, »Volksgemeinschaftserlebnisse« sinnfüllig zu vermitteln und sie von den Alltagssorgen oder von der kritischen Hinterfragung der ideologischen Basis oder den in Teilbereichen allgemein erfahrenen Ausgrenzungen und Verfolgungen von Minderheiten abzulenken.

Hervorgehoben wird auch die besondere Bedeutung, die der nationalsozialistische Staat der Erziehung der Jugend in Schule und Hitlerjugend beimaß. Eindrucksvolle Bilder von HJ-Aufmärschen aus allen größeren Städten des Landes, die Instrumentalisierung der Ferienlager- und Pfadfinder-Romantik, die permanenten Fahnenappelle und Sammelaktionen von NSV und Winterhilfswerk in den Schulen und schließlich als exemplarisches Beispiel die feierliche Verleihung des Namens »Hermann-Goring-Schule« an ein Mainzer Realgymnasium auf Wunsch von Schüler,- Lehrer- und Elternschaft zeigen die ideologische Formierung, aber auch die zu einem erheblichen Teil von jugendlichem Idealismus getragene begeisterte Zustimmung zum NS-System anschaulich am lokalen Beispiel.

Besonders schwierig und brisant ist noch heute die Darstellung der Rolle der Kirchen im NS-Staat. Während die herrschende Tradition der Kirchengeschichtsschreibung noch immer die Resistenz im organisatorischen Bereich (im Sinne einer Besitzstandswahrung) und den mutigen Widerstand einzelner Geistlicher in religiösen Fragen oder am Beispiel der sogenannten »Euthanasie-Aktion« ins Zentrum rückt, versucht die Ausstellung hier ein differenzierteres Bild zu zeichnen. Sowohl geistig-ideologische Übereinstimmungen (z.B. in der Evangelischen Kirche in Fragen nationalistischer und antimarxistischer Positionen) als auch konkrete Formen der Kooperation (etwa am Beispiel des SA-Ordnungsdienstes bei der Heilig-Rock- Ausstellung der katholischen Kirche in Trier 1933) werden hier dargestellt und in Kontrast gesetzt zu der sich unmittelbar anschließenden Station »Resistenz und Widerstand innerhalb der Kirchen« der vierten Abteilung, in der die Rolle der »Bekennenden Kirche« und des »Pfarrer-Notbundes« ebenso angesprochen werden, wie die Verfolgungsmaßnahmen gegen (Jugend-)Organisationen der Katholischen Kirche und der Widerstand aus deren Reihen, der nicht immer von den Kirchenleitungen unterstützt wird.

Daneben bilden in der vierten Abteilung »Die Verfolgung und Ermordung der Juden«, »Der Völkermord an den Sinti und Roma«, »Die Vernichtung »minderwertigen« Lebens« (im als »Euthanasie« verbrämten Mordprogramm der sogen. T4-Aktion), die Darstellung des »politischen und militärischen Widerstands in Deutschland« die Stationsschwerpunkte. Im Gegensatz zu der lokal und regional relativ gut aufgearbeiteten Geschichte der Judenverfolgung werden mit der Darstellung des Völkermords an Sinti und Roma und vor allem mit der Geschichte der sogenannten »Euthanasie« und ihrer Opfer neue Kapitel in der NS-Geschichte des Landes aufgeschlagen. Liegen dank der Kooperation mit dem Landesverband und dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma zur Geschichte insbesondere der Pfälzer Sinti inzwischen zahlreiche Forschungsergebnisse und Dokumente vor, so steht die Erforschung der Rolle etwa der Heil- und Pflegeanstalten aber auch der anderen Krankenhäuser auf rheinland-pfälzischem Gebiet als Orte der Zwangssterilisierung und Zwischenstationen des T4-Mordprogramms erst am Anfang. Hier gewährt die Ausstellung erste Einblicke am Beispiel der Anstalten in Klingenmünster und Alzey und präsentiert ein bewegendes Einzelschicksal, das die ganze Brutalität des Verfahrens und die Ausweglosigkeit der Situation der einmal erfassten und stigmatisierten Opfer verdeutlicht.

Nicht viel besser sieht es im Unterschied zu anderen Bundesländern mit der Erforschung der Geschichte des Widerstandes und der an ihm beteiligten unterschiedlichen politischen Gruppierungen und Einzelpersonen aus. Die Ausstellung beschränkt sich hier auf einige exemplarische Beispiele, die aber nach dem Umzug in den größeren eigentlichen Ausstellungsraum ergänzt und durch zusätzliche Materialien deutlich erweitert werden sollen.

Insgesamt zielen inhaltliche Konzeption und ausstellungsarchitektonische Gestaltung der beiden Abteilungen darauf, wechselseitige Einblicke in diese unterschiedlichen Lebenssituationen und Realitätswahrnehmungen von Minderheit und Mehrheit zu vermitteln.

Eingeleitet wird dieser Komplex durch die Darstellung der außenpolitischen und ökonomischen Faktoren und der geistigen Traditionen, die zur Zerstörung der Weimarer Republik führten und die Entstehung der NS-Bewegung begünstigten (Abteilung 1). Dabei werden neben den ökonomischen Rahmenbedingungen wie Massenarbeitslosigkeit und Inflation die regional besonders wahrgenommenen Belastungen der französischen Besatzung sowie die Separatistenunruhen dargestellt, die den Nationalsozialisten in ihrer Agitation gegen den Versailler Friedensvertrag sehr gelegen kam. Aber auch Ansätze zur Verteidigung der von vielen Zeitgenossen ungeliebten Weimarer Republik werden am lokalen Beispiel etwa der Auseinandersetzungen zwischen Reichsbanner-Verbänden und SA-Trupps nicht unterschlagen, auch um dem Eindruck der Zwangsläufigkeit der Zerstörung der Weimarer Republik ohne Alternative entgegenzuwirken.

Im Überblick und an regionalen und lokalen Beispielen wird gezeigt, wie nach der sogenannten "Machtergreifung« durch Verbot oder Gleichschaltung aller nicht nationalsozialistischen Organisationen und durch eine Fülle neuer Maßnahmen, Gesetze und Verordnungen die Errichtung der NS-Diktatur organisiert und propagandistisch unterstützt wurde. Besonders »beeindruckende« Fotos sind hierbei die mit der Eröffnung des Reichstages verbundene Durchführung des sogenannten »Tages von Potsdam« in Worms, bei dem der Wormser Marktplatz vor begeisterten Teilnehmern überquoll, und die Feier des 1. Mai 1933 in Neustadt a.d. Haardt. Hier wird in einem Zwei-Phasen-Foto die unterschiedliche, bereits angepasste Reaktion derselben Bevölkerung beim Vorbeimarsch der Partei- und SA-Formationen einerseits – Hitlergruß und Heil-Rufe - und der städtischen Arbeiter- und Angestellten andererseits — neutrale Reaktion ohne NS-Symbolik - gezeigt (Abteilung II).

Anschließend an den Zeitraum 1934-1939 und z.T. parallel zur Darstellung der Geschichte der beiden rheinland-pfälzischen Konzentrationslager wird die Zeit des Zweiten Weltkrieges vor allem aus der Alltagsperspektive der heimischen Bevölkerung dargestellt. Hier stehen die mit der Evakuierung der Bevölkerung aus der »Roten Zone« oder die mit der immer schwierigeren Lebensmittelversorgung und den Folgen der Bombenangriffe verbundenen Probleme im Vordergrund. Es wird aber auch Wert daraufgelegt, angesichts der alliierten Bombardierungen deutscher Städte, an die vorausgegangenen deutschen Terrorangriffe auf europäische Städte wie London, Coventry, Rotterdam, Warschau, Leningrad, Kiew und viele andere mehr zu erinnern. Unter einem großformatigen Foto des zerstörten Warschau findet sich die Eintragung Bertolt Brechts in seiner »Kriegsfibel«:

»Das sind die Städte, wo wir unser Heil

Den Weltzerstörern einst entgegenröhrten

Und unsere Städte sind auch nur ein Teil

Von all den Städten, welche wir zerstörten«

Auch das Schicksal der insgesamt über 9 Millionen Menschen, die z.T. mit brutaler Gewalt besonders aus den besetzten Lindern Osteuropas zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden und die Kriegsverbrechen von Angehörigen der SS aber auch von Wehrmachtseinheiten als Folge des rassenideologisch begründeten Raub- und Vernichtungskrieges im Osten werden thematisiert (Abteilung VI).

Abschließend werden in einem kurzen Aufriss die Verdrängung dieser Vergangenheit nach Kriegsende (»Zweite Schuld«) sowie die Rolle der alliierten Besatzungsmächte und der deutschen Behörden bei der sogenannten »Entnazifizierung/ Reeducation« dargestellt. Schließlich wird auf aktuelle Erscheinungen wie Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verwiesen (Abteilung VII).

Grafische und raumarchitektonische Gestaltung

Die Entscheidung der Arbeitsgruppe für eine umfassende Dokumentation, die die Darstellung der Vorbedingungen und der Nachwirkungen der NS-Zeit einschließt sowie die gänzlich andere Ausstattung und Atmosphäre des vorläufigen Ausstellungsraums hatten weitreichende Auswirkungen auf die Ausstellungsarchitektur und -gestaltung. So war die grundsätzliche gestalterische Entscheidung, alle Einbauten und Ausstellungselemente, die Identifikation oder Anpassung an den Nationalsozialismus dokumentieren, in einen spitzen Winkel zur Raum-Architektur zu stellen, während Dokumente der Verweigerung und des Widerstands der Raum-Architektur folgen, einerseits von der Zielsetzung geprägt, den Widerspruch zwischen Nationalsozialismus und Menschenwürde zu betonen.

Andererseits bot sich hiermit eine willkommene Möglichkeit der Auflockerung und abwechslungsreicheren Gestaltung einer ansonsten durch den knappen Raum notwendig sehr dichten Ausstellung. Außerdem entstehen durch den spitzen Winkel offene Kleinräume, die den Besucherinnen und Besuchern die intensive und vertiefende Erschließung einzelner Themen oder die Beschäftigung mit Opfer- oder Täterbiographien erleichtern.

Weiter zwang das Provisorium des vorläufigen Ausstellungsraums zu einer Ausstellungsarchitektur, die, als selbsttragende und auf Betonsockel ruhende Stahlkonstruktion mit eingezogener Zwischendecke realisiert, einen deutlichen Kontrast zur angenehmen, neutralen Atmosphäre des später zu Archivierungszwecken genutzten Raumes darstellt.

Auch ein weiteres gestalterisches Element der Ausstellung, das Trägersystem, das aus senkrecht vom Boden bis zur Decke an kräftigen Haken verspannten Drahtseilen besteht und symbolisch auf die gewaltbetonte Wesensstruktur des Nationalsozialismus verweisen soll, hat den unschätzbaren Vorteil gegenüber massiven Ausstellungstafeln, selbst bei einer großen Fülle von Tafeln und Exponaten den Eindruck von Durchlässigkeit zu vermitteln und das Gefühl der Enge des Raums abzumildern.

Dennoch bietet die gewählte Ausstellungskonzeption und ihre Umsetzung auf engem Raum, eine Fülle von Informationen und fordert damit ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Lesebereitschaft, wenn man sich die Ausstellung in einem Durchgang erschließen will. Dies ist für den interessierten Einzelbesucher, der ausreichend Zeit mitbringt, sicherlich möglich. Für Gruppen, insbesondere jugendlicher Besucher, empfiehlt sich eine an exemplarisch herausgehobenen Exponaten orientierte fach- kundige und pädagogisch-didaktisch ausgerichtete Führung oder eine durch Frage- oder Arbeitsbögen geleitete Erschließung einzelner Ausstellungsabteilungen oder Schwerpunktthemen in kleinen Gruppen. Diese müsste durch zusätzliche kleinere Handreichungen etwa in Form von Dokumentkopien ggf. mit Arbeitshinweisen ergänzt werden.

Hierzu werden im nächsten Jahr endlich die Räumlichkeiten so hergerichtet, dass darin Arbeitsgruppen an ausgewählten Materialien arbeiten und Ausstellungseindrücke diskutieren können.

Insgesamt bietet die jetzt gewählte Ausstellungsarchitektur und -gestaltung den unbestreitbaren Vorteil, dass diese Ausstellung - nach Abschluss der Gebäudesanierung - vollständig in den größeren Ausstellungsraum umziehen kann, ohne dass an den Grundstrukturen Änderungen erfolgen müssen. Die auch für eine erweiterte Ausstellungsfläche ausreichenden Einleitungs- und Stationstexte der einzelnen Abteilungen können dann den Kern ein um gegenständliches Exponat, um kontrastierende Inszenierungen und um elektronische Medien ergänzten Präsentation bilden.

Der historische Ort der Ausstellung - das ehemalige KZ Osthofen

Das erste Konzentrationslager im damaligen Volksstaat Hessen war Anfang März 1933 von örtlichen Nationalsozialisten mit Billigung des hessischen Polizeipräsidiums in einer leerstehenden Papierfabrik der rheinhessischen Kleinstadt Osthofen errichtet worden, die von der NSDAP kurzerhand von ihrem jüdischen Besitzer, dem Osthofener Fabrikanten Ludwig Ebert, beschlagnahmt worden war. Die Papierfabrik befand sich direkt neben dem Bahnhof der viel befahrenen Bahnlinie von Mainz nach Worms, so dass nicht nur die örtliche Bevölkerung sondern auch alle Bahnreisenden anhand der weithin sichtbaren Aufschrift »Konzentrationslager Osthofen« und der gehissten Hakenkreuzfahne von der Existenz des Lagers Kenntnis bekamen. Im Unterschied zu den späteren Konzentrations- und Vernichtungslagern im Osten, deren Existenz und Funktion das NS-Regime zu verschleiern suchte, sollte hier die 6ffentliche Präsenz auch der Abschreckung und Einschüchterung der Bevölkerung dienen. Dazu trugen zahlreiche Presseartikel der regionalen Zeitungen bei, die in rascher Folge seit März 1933 erschienen.

Durch diese Presseartikel und durch Berichte von deutschen Emigranten aus dem Rhein-Main-Gebiet war auch der bereits im Frühjahr 1933 nach Paris emigrierten Mainzer Schriftstellerin, Jüdin und Kommunistin Anna Seghers, die Existenz des Konzentrationslagers Osthofen bekannt. Wohl aus denselben Gründen hat die Schriftstellerin bei der Gestaltung der Romanhandlung um die Flucht von sieben Häftlingen das Rhein-Main-Gebiet als Ort des Geschehens gewählt, dessen Topographie sie aus ihrer Jugendzeit genauso gut kannte wie Lebens- und Arbeitsverhältnisse und Mentalität seiner Bewohner. So gelang es ihr auch, den Fluchtweg der sieben Häftlinge so genau zu beschreiben, dass man ihn noch heute in den einzelnen Stationen zurückverfolgen kann. Wenn das Lager im Roman »Das siebte Kreuz« in gewollter Verfremdung »Westhofen« heißt, dann wohl, weil es der Autorin nicht um die historisch korrekte Beschreibung des Lagerlebens in Osthofen, sondern um die exemplarische Darstellung von Verfolgung und Widerstand, von Anpassung und Verweigerung, von politischer Aktion und menschlicher Hilfe ging. Das KZ des Romans gleicht also als Typ mehr den späteren Lagern wie Dachau und Buchenwald, in denen die physische Vernichtung von Menschen an der Tagesordnung war, während sich im frühen »Umerziehungslager« Osthofen die Behandlung der Häftlinge noch auf inhumane Demütigungen, Misshandlungen und schlechte Ernährung beschränkte. Die überregionale Bekanntheit des ehemaligen Konzentrationslagers in Osthofen (und damit auch die überregionale Bedeutung der heutigen Gedenkstätte) geht aber zum größten Teil auf dessen Behandlung im »Siebten Kreuz«, einem der besten und auch hinsichtlich seiner Verbreitung erfolgreichsten Exilromane über das »Dritte Reich« zurück. Die Tatsache, dass in dem realen KZ Osthofen solche wie im Roman geschilderten Verbrechen- mutmaßlich nur aufgrund seiner kurzen Existenzzeit - nicht stattgefunden haben, war und ist bis heute unter der örtlichen Bevölkerung Anlass für Irritationen und Ablehnung der Bezeichnung »Gedenkstätte ehemaliges KZ Osthofen«, was nicht zuletzt auch in der »neutralen« Ausschilderung »Zur Gedenkstätte« zum Ausdruck kommt, die dem Besucher den Weg zum ehemaligen KZ weist. Die fiktive künstlerische Darstellung des Alltagslebens unter dem Hakenkreuz, wie sie sich im Roman findet, ist aber, wie es der in den USA lehrende Literaturwissenschaftler Alexander Stephan treffend formuliert, in einem umfassenderen Sinn wirklichkeitsnah: »Nicht das, was im KZ Westhofen oder in der Bezirksleitung der Widerständler vor sich geht, steht für sie im Zentrum, sondern das leise, von vielen unbemerkte Eindringen der nationalsozialistischen Denk- und Verhaltensmuster in den Arbeitsplatz, das Dorf, die Familie und die Jugend bzw. jene ebenso still arbeitenden Gegenkräfte, die im gewöhnlichen Leben stecken - in der Natur, im Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl der Menschen, in deren existentiellen Befindlichkeiten, in Religion und Märchen.« (A. Stephan: Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Welt und Wirkung eines Romans. Berlin: Aufbau 1979, S. 64)

Im realen Konzentrationslager Osthofen waren insgesamt mindestens 3 000 Menschen inhaftiert. Die Haftdauer betrug in der Regel vier bis sechs Wochen, im Einzelfall bis zu einem Jahr. Nachdem die Häftlinge ohne richterliche Verfügung von Hilfspolizisten aus den Reihen der SA, der SS, des Stahlhelms aber auch der regulieren Polizei verhaftet worden waren, wurden sie zumeist auf Polizeiwachen, in Schuppen oder Gestapo-Kellern verhört, misshandelt und dann in größeren Transporten zu Fuß oder auf Lkw nach Osthofen gebracht. Auch wenn in Osthofen als einem frühen KZ keine Terrormaßnahmen stattfanden, die zum Tode eines Häftlings führten, so litten die Häftlinge - Kommunisten, Sozialdemokraten, Zentrums- und Kirchenangehörige, Juden, Sinti, Zeugen Jehovas und andere - sehr unter der primitiven Unterbringung in nasskalten Fabrikhallen, ohne Betten, Tische und Bänke, unter den katastrophalen hygienischen Verhältnissen und der schlechten Verpflegung.

Noch schlechter waren die Verhältnisse im Lager II, einem Lager für verschärften Arrest im Gebäude einer stillgelegten Mühle, in dem sie systematischem Terror mit Dunkelhaft, Misshandlungen, Demütigungen und völlig unzureichender Ernährung ausgesetzt waren.

Ziel dieser frühen und wegen der Umstände ihrer Errichtung so bezeichneten »wilden« Konzentrationslager, zu denen Osthofen gehörte, war vor allem die politische Ausschaltung, Sicherstellung und »Umerziehung« Oppositioneller aller Schattierungen, wobei kommunistisch, sozialdemokratisch und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter die größte Gruppe stellten. Das Konzentrationslager Osthofen wurde, wie die meisten Kleineren Lager, im Juli 1934 wieder aufgelöst. Die Mehrzahl der Häftlinge wurde zunächst entlassen, einige wurden in die größeren Konzentrationslager wie Dachau, Lichtenburg oder Oranienburg verlegt, für zahlreiche, insbesondere für die meisten jüdischen Häftlinge endete der Leidensweg in einem der Vernichtungslager des Ostens.

Gelände und Gebäude des ehemaligen Konzentrationslagers in Osthofen wurden - nach einer langen Zeit des Vergessens und Verdrängens - 1991 vom Land Rheinland-Pfalz erworben und als Gedenkstätte unter Denkmalschutz gestellt. Hier soll in der Verantwortung der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Rheinland-Pfalz ein zentrales Dokumentationszentrum zur NS-Zeit für ganz Rheinland-Pfalz entstehen, das von allen Bürgerinnen und Bürgern des Landes zu Forschungs- und Bildungszwecken genutzt werden kann.

Zusätzliche Informationen und Führungen

Zur Ausstellung ist ein 60 seitiges Begleitheft mit den einführenden Texten sowie zahlreichen Fotos und Dokumenten erschienen, das bei der Landeszentrale für politischeBildung Rheinland-Pfalz, Am Kronberger Hof 6, 55116 Mainz (Angelika Arenz-Morch, Tel. 06131-16 45 61; Uwe Bader, Tel. 061 31-1646 60) kostenlos angefordertwerden kann. Mit den Mitarbeitern der Landeszentrale oder direkt in der Gedenkstätteehemaliges KZ Osthofens, Ziegelhüttenweg 38, 67674 Osthofen (Heribert Fachinger,Tel. 062 42-4570; Fax 062 42-67 82) können auch Führungen durch die Gedenkstätteund durch die Ausstellung für Gruppen vereinbart werden. Dabei sind in begrenztemMaße auch Zeitzeugengespräche mit ehemaligen Häftlingen des KZ Osthofen möglich.

Zusätzlich sollen in Kürze von einem weiteren pädagogischen Mitarbeiter der Landeszentrale, Herrn Wolfgang Schultheis, Konzepte zur pädagogischen Nutzung der Gedenkstätte und Arbeitsmaterialien für jugendliche Besucher erstellt werden, die dann ebenfalls in der Landeszentrale und in der Gedenkstätte angefordert werden können.

Anfang 1998 wird, im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, herausgegeben von Hans Berkessel und Hans Georg Meyer, unter dem Titel »Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz« eine umfangreiche, mit Fotos und Dokumenten reich illustrierte dreibündige Publikation mit wissenschaftlichen Aufsätzen erscheinen, in dem neben den Basisbeiträgen zu den sieben Abteilungen der Ausstellung zahlreiche thematische und biographische Einzelaspekte der NS-Geschichte in Rheinland-Pfalz dargestellt werden.

Weiterhin ist unter der Verantwortung der Landeszentrale für politische Bildung ein Reader für Multiplikatoren in Vorbereitung, der zahlreiche Anregungen zur historischen und politischen Bildungsarbeit in rheinland-pfälzischen Gedenkstätten sowie Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit enthalten wird.