Rezension – Züge nach Ravensbrück. Transporte mit der Reichsbahn 1939–1945

04/2009Gedenkstättenrundbrief 148, S. 45-46
Maria von der Heydt

Abgelegen, abgezäunt und den Blicken der Allgemeinheit entzogen – so stellten gerade kleinere und größere Funktionsträger des Nationalsozialismus nach Kriegsende die Konzentrationslager als Rechtfertigung ihrer Behauptung dar, von solchen Lagern »nichts gewusst zu haben«. Doch auch wenn das Lagerinnere einer gewissen abschreckenden Geheimhaltung unterworfen war, so war es doch in gut sichtbarer Weise dem Lagersystem und vor allem der Außenwelt angeschlossen. Der Standort des Lagers Ravensbrück wurde wegen seiner Nähe zur Bahnstrecke Oranienburg-Neustrelitz ausgewählt; anfangs nutzten Personal, Zulieferer und Häftlingstransporteure den Fürstenberger Ortsbahnhof, ab 1942 wies die Reichsbahn einen eigenen Haltepunkt »Ravensbrück« für den Personen- und Güterverkehr aus. Mindestens 123 000 Häftlinge wurden zwischen 1939 und 1945 nach Ravensbrück eingewiesen, die meisten von ihnen wurden mit der Reichsbahn transportiert. Zum Gedenken an diese Transporte wurde in der Gedenkstätte Ravensbrück am 15. April 2005 eine durch Karolin Steinke wissenschaftlich erarbeitete und konzipierte Dauerausstellung eröffnet, als deren Begleitband 2009 das Buch »Züge nach Ravensbrück« erschien.

Am Anfang des Bandes steht der gedeckte Güterwaggon, dem symbolischen Gegenteil der behaupteten Verheimlichung: Solche Wagen fuhren allgegenwärtig auf allen Strecken der Reichsbahn, sie beförderten bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Stückgut im Güterverkehr der Bundesbahn und der DDR-Reichsbahn. Anhand von Dokumenten, Erinnerungen, Bildern und Skizzen zeichnet Karolin Steinke in der Beschreibung der Häftlingstransporte nach, wie Frauen aus dem ganzen besetzten Europa in das nördliche Brandenburg (seinerzeit Mecklenburg) verschleppt wurden. Ohne besonderes Aufheben um ihre Forschungsergebnisse zu machen, stellt Karolin Steinke ihre umfassenden Quellenkenntnisse als Grundlage mit Zahlen und Fakten zur Verfügung, auf der die Erinnerungen der Zeitzeugen ihre eigentliche Eindrücklichkeit entfalten. So kommen ehemalige Häftlinge nicht nur als Illustratoren des aktenkundigen Geschehens zu Wort; die zitierten Frauen werden vielmehr mit Bildern und Angaben zur Person vorgestellt. Jede von ihnen rückt, zugleich stellvertretend für die vielen Opfer unterschiedlicher Herkunft und Geschichte aus vielen Ländern, als Individuum aus der damaligen Objektrolle in den Mittelpunkt des Forschens und Erinnerns. Ihre kurzen Lebensgeschichten vermitteln die Spannweite der Verfolgung wegen individuellen oder gemeinschaftlichen Widerstandes, wegen jüdischer Herkunft oder als Ergebnis kollektiver Besatzungsgewalt. Durch ihre genaue Beschreibung der Umstände, unter welchen Menschen und Güter in das Lager und aus dem Lager verbracht wurden, beschreibt Karolin Steinke die verschiedenen Funktionen des Lagers in seiner Entwicklung und verdeutlicht zugleich die Einbindung des Lagers Ravensbrück mit seinen Außenlagern in die nationalsozialistische Herrschaftspolitik. Mit den ursprünglich zum »Verschub« von Strafhäftlingen in andere Haftanstalten dienenden Zellenwagen lieferte die deutsche Justizverwaltung (aus der später so oft zu hören war, mit dem Lagersystem nichts zu tun gehabt zu haben) bis 1943 hauptsächlich Insassen städtischer Polizeigefängnisse der Konzentrationslagerverwaltung aus. Größere Gruppen wurden aus Deutschland mit zusätzlichen, an die Reisezüge angehängten Waggons nach Fürstenberg (Havel) gebracht, die ab 1943 zunehmenden Transporte aus dem Ausland kamen in bestellten Reichsbahn-Personenzügen oder aber den genannten Güterwagen an. Bis zur Einrichtung des »Haltepunktes Ravensbrück«, einer Bedarfshaltestelle unmittelbar am Konzentrationslager, trieben Wachmannschaften und Aufseherinnen Häftlinge die etwa zwei Kilometer vom Bahnhof Fürstenberg (Havel) an den Einwohnern Fürstenbergs vorbei auf das Lagergelände. Schienenstränge verbanden das Konzentrationslager Ravensbrück mit den Gefängnissen und Durchgangslagern der Besatzungsbehörden in Ost- und Westeueropa ebenso wie mit den »kriegswichtigen« Produktionsstätten, an denen Betriebsleiter die ihnen zugeteilten Zwangsarbeiterinnen in Außenlagern bewachen ließen. Aus den östlichen Vernichtungslagern trugen Reichsbahn-Güterwaggons erst die letzte Habe der Ermordeten als Raubgut und später die Überlebenden des Massenmordes in sogenannten Räumungstransporten nach Ravensbrück; gegen Kriegsende wurden auch offene Güterwagen verwendet, in denen die Häftlinge schutzlos Wind und Kälte ausgesetzt waren. Über die Gleise gelangte aber in den letzten Kriegswochen auch ein Teil der durch humanitäre Verhandlungen Befreiten zunächst nach Dänemark und dann nach Schweden. So umreißt der Begleitband zur Ausstellung über Transporte zugleich die Lagergeschichte und gibt dabei – ohne sein Thema zu verlassen – Hinweise zur Vertiefung. Der Begleitband regt durch seine sorgfältige Zusammenstellung zum Besuch der Gedenkstätte an, so dass zu hoffen ist, dass er über die Ausstellungsbesucher hinaus den Weg zum Leser findet. Besonders ist die vollständige englische Übersetzung auch der Zitate zu begrüßen, anhand derer zusätzliche Bilder und Dokumente wiedergegeben werden.
 

Dr. Maria von der Heydt hat an der Humboldt-Universität promoviert, arbeitet als Rechtsanwältin und beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Schicksal der Nichtjuden jüdischer Herkunft unter der NS-Herrschaft, regionaler Schwerpunkt Berlin.