Rezension - Alexandra Klei: Gestalt der Erinnerung

Gedenkstätten an Orten ehemaliger Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück
04/2007Gedenkstättenrundbrief 136, S. 40-42
Juliane Brauer

Wer kennt sie nicht, die Findlinge an Ortseingängen mit dem roten Dreieck oder die verwitterten Hinweisschilder auf Gedenkstätten, ebenfalls mit einem roten Dreieck signiert, denen man auf Fahrten durch Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern scheinbar an jedem größeren Ort begegnet? Die Steine, Tafeln und Holzschilder, die auf Gedenkorte für die Opfer der nationalsozialistischen Konzentrationslager hinweisen beziehungsweise selbst Gedenkstätten darstellen, bilden einen gewohnten Teil der Stadtbilder und haben sich als Relikte staatlich organisierten Gedenkens in der DDR im Gedächtnis festgesetzt.

Diesen Eindruck nicht ungefragt aufnehmend widmet sich die Arbeit der Architektin Alexandra Klei im Besonderen diesen Orten, die man überwiegend nur vom flüchtigen Vorbeifahren kennt. Die Dokumentation von Gedenkstätten an Orten ehemaliger Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück mit Fotografien von Alexander Janetzko und Holger Kupfer, die eine Erweiterung der Diplomarbeit von Alexandra Klei darstellt, bietet einen gelungenen Einblick in den Umgang mit der Geschichte nationalsozialistischer Konzentrationslager in der DDR und in Nachwendezeiten. Mehr noch, Alexandra Klei kann verdeutlichen, wie diese Gedenkorte als Spiegel eines angeordneten Geschichtsbewusstseins funktionieren. Es ist der Verdienst der Studie, darauf hinzuweisen, welches Potenzial der detaillierte Blick auf diese zum großen Teil kaum bekannten, wenn nicht sogar fast vergessenen Gedenkstätten für die historische Erarbeitung der Geschichtspolitik in der DDR und der Nachwendezeit birgt.

Die hauptsächlich dokumentarisch angelegte Arbeit orientiert sich in seiner inhaltlichen Systematik an der von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Dokumentation Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus,[1] ist ansonsten jedoch kaum mit ihr vergleichbar. So stellt die Studie von Alexandra Klei einen originellen Weg in der Betrachtungsweise von Gedenkstätten dar. Sie widmet sich im wahrsten Sinne des Wortes der »Gestalt der Erinnerung« und ähnelt darin der ebenfalls vor kurzem erschienenen Dokumentation von Gedenkstätten und -orte für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin und Brandenburg von Stefanie Endlich.[2] Alexandra Klei setzt sich jedoch darüber hinaus das ehrgeizige Ziel, sowohl den Umgang mit der Geschichte ehemaliger Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück unter ästhetischen und räumlichen Aspekten darzustellen (S. 11), als auch zu analysieren. Mit diesem doppelten Anspruch geht sie über die Funktion bisheriger Dokumentationen hinaus.

Daraus ergibt sich die Grobgliederung der Arbeit in drei sehr unterschiedlich zu gewichtende Teile. Im methodischen und historischen ersten Teil werden in aller Kürze Daten zur Geschichte des Lagers Ravensbrück sowie Termini zur Darstellung, Wahrnehmung und Beschreibung von Gedenkorten eingeführt. Hierin werden zentrale Begriffe wie »das Gedächtnis der Orte«, »Denkmäler« und »Monumente« zwar ein wenig zu kurz, jedoch verständlich und präzise erläutert. Der methodische Teil verweist auf zwei Eigenheiten Alexandra Kleis in der Betrachtung der Gedenkorte, denen sie während jeder einzelnen nachfolgenden Beschreibung der Gedenkorte treu bleibt. Zum einen fehlen bereits im einleitenden Part »Geteilte Erinnerung. Zur Erinnerung an den Nationalsozialismus in Deutschland« explizite Fragen nach Initiatoren der Gedenkorte und ihren Motivationen. Genau diese Punkte werden auch in der Dokumentation der Gedenkstätten eher beiläufig behandelt. Zum anderen wird der Blick auf Funktionen von Erinnern und damit auch von Gedenkorten sehr früh zugespitzt. Alexandra Klei geht davon aus, dass »in Deutschland zwangsläufig an die Täter und ihre Taten auf der einen Seite und an die Opfer auf der anderen Seite gedacht werden muss.« (S. 21) In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Studie hauptsächlich Gedenkorten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR widmet, liegt diese Perspektive auf die »Gestalt der Erinnerung« nicht gerade auf der Hand. Denn die DDR verstand sich eben nicht als »ein Land der Täter und deren Nachkommen« (S. 47), das Alexandra Klei berechtigterweise im heutigen Deutschland sieht. Insofern verweist die wiederholend an die Gedenkorte herangetragene Frage danach, wie »die Täter und die räumliche sowie strukturelle Umgebung des ehemaligen Lagers dargestellt werden« (S. 49) auf ein kennzeichnendes Element des Umgangs mit der Geschichte der nationalsozialistischen Lager in DDR, kann jedoch kaum etwas zur Beschreibung der Gedenkorte beitragen.

Überzeugendes Kernstück der Arbeit ist der zweite und mit Abstand umfangreichste Teil, in dem die Gestaltung der Erinnerung an 23 verschiedene ehemalige Außenlager des KZ Ravensbrück überwiegend in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sorgfältig dokumentiert und mit Fotos illustriert wird. Jeder dieser Beschreibungen werden Kerndaten zur Geschichte des Außenlagers vorangestellt. Anschließend wird die Gedenkstätte mit ihren gestalterischen Merkmalen und textlichen Kommentierungen beschrieben und in ihrer historischen Entwicklung charakterisiert. Sehr gelungen ist der systematische und dezidierte Blick Alexandra Kleis, der durch ein explizietes Frageraster nach den Mitteln der Gestaltung, den Inhalten, Verbindungen und Bezügen zum öffentlichen Raum sowie den Umgang mit dem historischen Ort und seinen Relikten getragen wird. Die sorgsam ausgewählten Fotos stehen dabei komplementär zu den Texten. Sie verdeutlichen einerseits die Überformungen und Neunutzungen, die die Autorin darstellte und stehen andererseits für die atmosphärische Wirkung. Hervorzuheben ist, dass die Autorin sich bei jeder einzelnen Dokumentation der Gedenkorte um einen Einblick in deren Entstehung und Wirkung bemüht, eine Sisyphosarbeit, die zum Teil intensive Recherchen notwendig machte. Leider bleibt trotz aller Detailgenauigkeit oft ungesagt, wer die Akteure und Initiatoren waren sowie welche Ziele und Interessen sie motivierten, Informationen also, die sicherlich schwer zu recherchieren sind, eine historische Einordnung jedoch des Öfteren erleichtern würden.

Im dritten Teil, der auf knapp 20 Seiten die Dokumentation auswertet, gelingt es Alexandra Klei aufgrund eines systematischen Fazits ihrer Darstellungen die richtigen Fragen zu stellen und Denkanstöße zu vermitteln. Welche Strategien zum Beispiel in der Erinnerung an die Orte nationalsozialistischer Lager auszumachen sind? Wie sie als Spiegel von Geschichtspolitik funktionieren oder welche Funktionen diese Stätten heute noch einnehmen können? Was die – wenn auch zum Teil »überwucherte« – Präsenz der Gedenkstätten im kollektiven Bewusstsein bewirkten, denn nach wie vor sind sie ein Teil des Landschaftsbildes in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Mit dieser sorgfältigen Dokumentation, die bereits einen analytischen Blick auf Prinzipien im Umgang mit der Geschichte der Konzentrationslager in der DDR vorführt, wird die Bedeutung dieser Arbeit Alexandra Kleis für die noch ausstehende Erforschung von Geschichtsbewusstsein und -politik in der DDR offensichtlich. Die stereotype Sprache und Gestaltung der Gedenkorte spiegelt deutlich genug den politischen Umgang mit der Geschichte der Lager wider. Damit funktionieren diese Gedenkorte als historische Matrix für die Analyse von verordneten Erinnerungsmechanismen in der DDR sowie für die Etablierung eines kollektiven Geschichtsbewusstseins. Die Studie gibt auch Anlass, selbst über die Gestaltung und Aussagekraft neuerer Erinnerungsorte nachzudenken, zu überlegen, was diese über heutiges Geschichtsbewusstsein reflektieren und wie dementsprechend Gedenkorte an die Opfer des Nationalsozialismus zeitgemäß gestaltet werden sollten.

Juliane Brauer arbeitet als selbständige Historikerin unter anderem für die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Sie beschäftigt sich insbesondere mit der Alltagsgeschichte nationalsozialistischer Konzentrationslager sowie mit Projekten in der Gedenkstättenpädagogik.

[1] Endlich, Stefanie/Goldenbogen, Nora/Herlemann, Beatrix/Scheer, Regina, Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, 2 Bände, Berlin Verlag Edition Hentrich 1999.

[2] Endlich, Stefanie, Wege zur Erinnerung, Gedenkstätten und -orte für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin und Brandenburg, Metropol Verlag Berlin 2007.