Rezension

Von der Vertreibung zum Völkermord: Die "Judentransporte" aus dem Deutschen Reich 1941–1945
06/2007Gedenkstättenrundbrief 137, S. 42-43
Uwe Neumärker

Anfang März 2006 saßen Millionen deutscher Zuschauer vor dem Fernseher, um sich das »TV-Ereignis des Jahres« – so die Eigenwerbung des Senders – anzusehen: »Dresden«. Der Film versuchte zumindest als Hintergrund, die Atmosphäre des Untergangs der sächsischen Stadt am 13. Februar 1945 zu vermitteln. Ein Feuersturm legte die Elbmetropole in Schutt und Asche, zehntausende Zivilisten kamen grausam um, die Industrieanlagen hingegen blieben nahezu unversehrt.

Zwei Tage später, am 15. Februar 1945, verläßt ein Transport mit 56 Juden Dresden; sein Zielort ist das Ghetto Theresienstadt in Böhmen. Drei Wochen darauf, am 8. März 1945, kommen hier auch letztmalig Juden aus Königsberg an. Die Hauptstadt Ostpreußens ist von der Roten Armee bereits abgeschnitten, die Schienenwege gen Westen praktisch unterbrochen. Am 27. März geht auch der letzte Transport mit 42 Juden von Berlin nach Theresienstadt ab; die Reichshauptstadt wird fast täglich aus der Luft bombardiert, die Soldaten Stalins nähern sich unaufhaltsam.

Daten wie diese sagen mehr über den nationalsozialistischen Wahn aus, als es Filme oder Aufsätze vermögen. Die genannten drei waren mit die letzten von hunderten »Judentransporten« aus dem »Großdeutschen Reich«, die Gestapo und SS zwischen dem 15. Oktober 1941 und dem 15. April 1945 durchführten. Die meisten endeten nicht in den Gaskammern von Auschwitz, sondern in Lodz (damals Litzmannstadt), Minsk, Kaunas, Riga, Warschau, im polnischen Distrikt Lublin und eben in Theresienstadt. Überall im deutsch beherrschten Europa töteten SS-Einheiten und ihre Helfer Juden vor Ort oder organisierten mit immensem logistischen Aufwand ihre Verschleppung in Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Bis zu 165 000 der etwa sechs Millionen vernichteten Juden stammten aus dem Deutschen Reich, über die Hälfte der Opfer aus Polen (beides in den Grenzen von 1937). Es ist das Verdienst der neuen Studie von Alfred Gottwaldt (Technik-Museum Berlin) und Diana Schulle (Bundesarchiv Berlin), – so erstaunlich es klingt – erstmals sämtliche Deportationen aus dem »Großdeutschen Reich« (Altreich, Österreich, Böhmen-Mähren) in den Jahren 1941 bis 1945 auf dem neuesten Forschungsstand und so vollständig wie möglich zusammengestellt zu haben. Man sollte mit dem Begriff sorgsam umgehen, aber dieses Buch ist bereits mit seinem Erscheinen ein Standardwerk, zumal es all die vielen Regionalstudien der letzten Jahre einbezieht und in den Gesamtzusammenhang stellt.

Gottwaldt und Schulle beschränken sich in ihrer Darstellung weder auf den genannten Zeitraum noch auf bloße Zahlen und Auflistungen. Vielmehr beginnt die anschauliche Darstellung im Herbst 1938. Seit Beginn der »Machtergreifung« im Januar 1933 hatte das Regime seine antijüdische Politik der Ausgrenzung und Verfolgung von Jahr zu Jahr verschärft. Zunächst ging es vor allem darum, die deutschen Juden zur Auswanderung zu zwingen, dann zunehmend um ihre Vertreibung. Im Oktober 1938 schieben deutsche Behörden etwa 17 000 polnische Juden aus dem Reich nach Polen ab. Unter ihnen ist die Familie Grynszpan aus Hannover. Aus Verzweiflung verübt ihr Sohn Herschel ein Attentat auf einen deutschen Diplomaten in Paris. Dessen Tod wiederum dient der NS-Führung als Vorwand für ihre gelenkten judenfeindlichen Gewaltakte in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die im Oktober gemachten logistischen Erfahrungen sind der Polizei dienlich, als sie nach der »Pogromnacht« bis zu 30 000 Juden in Konzentrationslager verschleppt. Und bereits im Oktober 1938 arbeiten Polizei, Reichsbahn, Diplomatie und Finanzbehörden so eng und effizient zusammen, wie sie es wenige Jahre später europaweit tun werden. Im Oktober 1939, im Februar und Oktober 1940, im Februar und März 1941 folgen weitere, noch einzelne Transporte von Juden an die Ränder des Reiches. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen im September 1939 führen SS-Verbände erste Massaker an Juden und Nicht-Juden durch. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wird dieser Massenmord flächendeckend organisiert. Wenige Wochen später, am 31. Juli, beauftragt Reichsmarschall Göring den Leiter des SS-Reichssicherheitshauptamtes Heydrich auf Grundlage eines »Führerbefehls« vom 11. November 1938 mit den Planungen für eine »Endlösung der Judenfrage«. Diese Radikalisierung im europäischen Rahmen schlägt sich auch in Zwangsverordnungen gegen die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich nieder. Am 15. Oktober 1941 – 19 Tage vor dem ursprünglichen Termin jenes Treffens, das dann am 20. Januar 1942 als »Wannsee-Konferenz« in die Geschichte eingegangen ist, – beginnen die Massendeportationen von »großdeutschem« Boden in den Osten. Eine Woche später erlässt Reichsführer-SS Himmler ein generelles Auswanderungsverbot für Juden im Reichsgebiet. Wie ihre polnischen und sowjetischen Schicksalsgenossen sitzen nun auch sie endgültig in der Falle; »abgeholt« wird zur grausigen Chiffre.

Aufgegliedert nach den Zielorten, schildern Gottwaldt und Schulle für die einzelnen Jahre eindringlich, aber ohne Pathos, die Umstände, Richtlinien und Abläufe der Deportationen sowie die Vorgänge am Ende einer oft mehrtägigen qualvollen Fahrt. Nach weit über 400 Seiten – von denen nicht eine überflüssig ist – findet sich eine tabellarische Aufstellung aller rekonstruierten, das heißt für dieses Werk: rekonstruierbaren Transporte; eine Bilanz, die trotz aller Kenntnis der Geschehnisse sprachlos macht, in einem Buch, dessen Verbreitung sich nicht auf die Fachwelt beschränken sollte.

Alfred Gottwaldt, Diana Schulle
Die »Judendeportationen« aus dem Deutschen Reich 1941–1945.
Eine kommentierte Chronologie.
Marix Verlag, Wiesbaden 2005.

Uwe Neumärker ist Geschäftsführer der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.