Rezension

zu Juliane Brauer/Martin Lücke (Hg.) (2013): Emotionen, Geschichte und historisches Lernen. Geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven, Göttingen: V & R unipress (= Studien des Georg-Eckert-Instituts zur internationalen Bildungsmedienforschung 133).
06/2014Gedenkstättenrundbrief 174, S. 39-42
Fabian Steininger

»Wenn wir auf die Individuen mit tiefstem Mitleid ihres namenlosen Jammers blicken, so können wir nur mit Trauer über diese Vergänglichkeit überhaupt, und indem dieses Untergehen nicht nur ein Werk der Natur, sondern des Willens der Menschen ist, noch mehr mit moralischer Trauer, mit der Empörung des guten Geistes, wenn ein solcher in uns ist, über solches Schauspiel enden«[1].

Gefühle stellen für Prozesse des historischen Lernens eine Herausforderung dar. Zum einen sind sie geschichtsträchtig und geschichtsmächtig, sie sind handlungsrelevant wie auch kulturell und zeitlich bedingt, wodurch sie zum Gegenstand der Geschichtsschreibung werden[2]. Zum anderen ist auch die subjektive Begegnung mit der Geschichte immer von vielfältigen Stimmungen und Gefühlslagen begleitet. Dass dies keine neue Einsicht ist, wird im Hegelschen Eingangszitat deutlich. Allerdings fand sie lange Zeit kaum Platz in den Diskussionen der bundesrepublikanischen Geschichtsdidaktik.

Dies zu ändern und die Einsichten der neueren interdisziplinären Emotionsforschung in Theorie, Empirie und Pragmatik des historischen Lernens systematisch zu integrieren versucht der vorliegende, nach dem peer-review Verfahren begutachtete Band. Er geht auf eine Tagung im Sommer 2011 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zurück, deren Diskussionen er erweitert und vertieft[3]. Im Vorwort wird die Zielsetzung klar benannt: »Der vorliegende Band begibt sich auf die Suche nach den Funktionen von Emotionen und nach ihrem systematischen Ort in den vielschichtigen Prozessen, in denen sich Individuen vergangene Wirklichkeiten als Geschichte aneignen. Diese Frage ist nicht neu – und dennoch bisher weitgehend unbeantwortet geblieben« (11).

Die Konzeption des Bandes folgt diesem Anspruch überzeugend. Auf zwei einleitende Aufsätze zum zentralen Stellenwert von Emotionen in Prozessen der Erkenntnis, Erinnerung und historischer Sinnbildung folgen theoretische Grundüberlegungen (»Zum systematischen Ort von Emotionen«), welche von Einsichten der Emotionsforschung ausgehend die Emotionalität historischen Lernens untersuchen. Im dritten Abschnitt wird der Zusammenhang von Emotionen und zentralen geschichtsdidaktischen Konzepten wie Geschichtsbewusstsein, Imagination oder Narrativität untersucht (»Grundbegriffe der Geschichtskultur«). Der Band schließt mit der Diskussion von praktischen Anwendungen der theoretischen Diskussionen in schulischen wie außerschulischen Kontexten (»Begegnungen mit der Vergangenheit – Medien und Orte«).

Die verschiedenen Perspektiven werden dabei inhaltlich gelungen vernetzt. So ist die theoretische wie praktische Arbeit an der Überwindung des Kognition-Emotion-Dualismus ein wiederkehrendes Thema, wodurch die aktuell viel diskutierte Frage nach der Rolle von Gefühlen in Bildungs- und Lernprozessen in den Mittelpunkt rückt. Zudem werden durch die schon in der Konzeption anklingende Breite der Betrachtungsweise verschiedene Orte und Medien der Begegnung mit der Geschichte verbunden. Mehrere Beiträge befassen sich theoretisch mit der Rolle von Emotionen in Prozessen der Identitätsbildung. In anderen wird untersucht, welch produktive und methodische Zugänge es geben kann und wie Empathis und historische Imagination dabei hilfreich sind.

In ihrer Einleitung stellen Juliane Brauer und Martin Lücke die Konzeption des Bands sowie ihr kulturwissenschaftliches geprägtes Emotionskonzept vor. Sie verstehen Emotionen mit Sara Ahmed und Monique Scheer als intentional gerichtete Praktik des »wissenden Körpers«, welcher individuell wie auch sozial sowie ein Produkt biologischer und kultureller Faktoren sei (18). Jörn Rüsen führt anschließend diese theoretischen Überlegungen fort, indem er Gefühle an zentraler Stelle in seine Theorie historischer Sinnbildung integriert: Gefühle prägten die Wahrnehmung der Vergangenheit, welche anschließend durch Interpretation zu historischem Wissen werde. Dieses Wissen spreche nun in seiner Repräsentation wiederum die Gefühle der Menschen an (32f). Er expliziert dieses anspruchsvolle Modell anhand der Trauer über die Shoah.

Im zweiten Segment skizziert Wolfgang Hasberg zunächst unter Rückgriff auf die psychologische Forschung die Vielfalt der Emotionsbegriffe, um anschließend einen Überblick über die empirische Forschung zur Emotionalität historischen Lernens zu geben. Er kommt allerdings zum Schluss, dass diese nach wie vor ein »Desiderat« darstelle (61). Danach diskutiert Juliane Brauer in einem zentralen Artikel den Schlüsselbegriff der Empathie als »Form der emotionalen Perspektivübernahme« (76). Während gerade in der angloamerikanischen Debatte die Empathie oft als »Königsweg« der emotionalen und moralischen Erziehung von Kindern und Jugendlichen erscheint, und das Konzept auch in deutschen Debatten breit rezipiert wird, argumentiert sie stringent gegen zu enthusiastische Lesarten. Sie stellt fest, dass Empathie immer auch die Nichtübernahme einer bestimmten Perspektive bedeute, und schlägt vor, Empathie »eher als produktive Irritation« (89) im historischen Lernen gerade auch in außerschulischen Kontexten zu nutzen. Dabei müsse allerdings neben der Identifikation immer auch auf das Moment der Abgrenzung und Alteritätswahrnehmung geachtet werden. Anschließend erörtert Martin Lücke die Rolle von Emotionen in der Geschichtskultur. Nachdem er am Beispiel des polnischen Museums des Warschauer Aufstands eindrücklich die Sinnlichkeit historischer Erfahrung beschreibt, verwendet er die gefühlsgeschichtlichen Modelle der »emotionalen Gemeinschaften« sowie »emotionalen Regime« zur Analyse des Verhältnisses von Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur. Er weist so überzeugend den Beitrag von emotionsgeschichtlichen Ansätzen zur Analyse von tief politischen Geschichtsrepräsentationen in der Gesellschaft aus.

Carlos Kölbl beginnt den dritten Abschnitt mit einer Übersicht über psychologische Emotionsmodelle. Dabei stellt er die wichtige Rolle gerade »starker Gefühle« (122) wie Stolz oder Scham für die Identitätsbildung von Schülerinnen und Schülern heraus. Diese Anregungen führt Johannes Meyer-Hamme weiter, indem er auf die intersektionalen Charakter der Identitätsnarration sowie die motivationale Rolle von Emotionen in Bezug auf Prozesse historischen Lernens hinweist. Bärbel Völkel beschäftigt sich anschließend mit dem Zusammenhang von historischer Imagination und Gefühlen. Sie versteht Imaginationen als »auf Vergangenheit bezogene innere Vorstellungsbilder« (139) und beschreibt anschaulich ihre Wirkmächtigkeit in Bezug auf gegenwärtiges politisches Handeln. Sie plädiert für eine Thematisierung und Offenlegung dieser »Emotionen und Projektionen im Zusammenhang mit Geschichte« (158), um so stärker kontingenzfähige Denkstrukturen im Umgang mit der Geschichte aufzubauen. Alsdann zeigt Michele Barricelli unter Rückgriff auf Jörn Rüsen und Hayden White sowie sein eigenes Modell den engen Zusammenhang von narrativen Erzähltypen mit bestimmten Gefühlen auf. Er kommt zum Schluss, dass solch narrative Emotion »integraler Bestandteil narrativer Kompetenz ist« (177).

Im letzten, eher praktisch orientierten Teil des Bandes werden jeweils spezifische Medien und Orte der Begegnung der Vergangenheit auf ihren emotionalen Gehalt hin untersucht. Hier wird besonders die thematische Breite des Bands deutlich, etwa durch die Untersuchungen von Living-History-Angeboten (Berit Pleitner), Schulbüchern (Vadim Oswalt), Comics (Alfons Kenkmann) sowie transkulturellen Begegnungen (Bea Lundt). Innovativ diskutieren Alina Bothe und Rolf Sperling anhand von Interviews mit Überlebenden der Shoah im »Visual-History-Archive« die Verwendung audiovisueller Medien im virtuellen Raum mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, handlungsorientiert Emotionen auf Subjekt- und Objektebene des historischen Lernens zu thematisieren und reflektieren. Matthias Heyl untersucht im Anschluss eindrucksvoll KZ-Gedenkstätten mit Fokus auf die Gefahr der emotionalen Überwältigung. Er weist auf die mehrfache Subjektorientierung sowie die spezielle Erwartungshaltung vieler Besucher hin, in Gedenkstätten einen »sinnlichen und auch emotionalen Zugang zu den materiellen Spuren« (244) der Geschichte zu erlangen, der jedoch oft auch historisches Lernen verhindere. Als Ausweg empfiehlt er, »geschützte Räume für emotionale Wahrnehmungen und Äußerungen« zu ermöglichen (256).

Die versammelten Beiträge beleuchten beeindruckend die mannigfaltigen Verbindungen von Emotionen und historischem Lernen. Anregungen aus diversen Fachdisziplinen werden für die Betrachtung der vielfältigen subjektiven Begegnungen mit der Geschichte fruchtbar gemacht; hier ist besonders die thematische Breite des Bandes anerkennend hervorzuheben. Es werden zentrale Kategorien und Begriffe der Geschichtsdidaktik wie Geschichtskultur, historisches Lernen, Narrativität, Imagination oder Sinnbildung diskutiert, sowie die vielgestaltigen Medien und Orte der Aneignung von Geschichte thematisiert. Die Rolle der Gefühle in Subjektivierungs- wie Vergemeinschaftungsprozessen sowie die immer noch dominante Identifikation von nationalen Gemeinschaften mit emotionalen Gemeinschaften werden schwerpunktmäßig behandelt, was eine Verbindung zu transnationalen und globalgeschichtlichen Ansätzen ermöglicht.

Kritisch ist allerdings anzumerken, dass in den meisten Aufsätzen Emotionen vor allem in Hinblick auf die Elemente von Heuristik, Darstellung und Gegenwartsbezug der disziplinären Matrix verhandelt werden, die »eigentliche« empirische Arbeit jedoch ausgespart wird – die Ankündigung »Emotion und Kognition (…) als zusammengehörig« (18) zu begreifen, wird also nur bedingt eingelöst. Zudem hätte der Emotionsansatz noch weitergehend fruchtbar gemacht werden können. So hätte aus den Ansätzen der Emotionsgeschichte stärker für eine Abkehr von narrativen Quellen argumentiert werden können: Zum einen entstand die Emotionsgeschichte für viele Fachhistoriker aus einer Unzufriedenheit mit der poststruktualistischen Emphase auf Diskurse[4], zum anderen korrespondieren Gefühle eng mit visuellen kognitiven Stilen. Des Weiteren bleibt die Frage nach der ambivalenten Beziehung von emotionalem Zugang und moralischer Bewertung unklar. Zwar unternehmen einzelne Beiträge den Versuch, die fundamentale Frage nach einem Maßstab für die »Kultivierung der Gefühle« zu thematisieren, dies wird jedoch nicht systematisch ausgeführt. Hier wäre eine stärkere Anbindung an philosophische Diskussionen wünschenswert gewesen.

Doch sind dies Punkte, die angesprochene Themen eher in verschiedene Richtungen weiterführen könnten. Insgesamt stellt der Band einen fundamentalen Schritt hin zu einer Konzeptualisierung von Emotionen in Prozessen des historischen Lernens, in Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur dar. Er beleuchtet vielfältig und praxisnah die zentrale Rolle von Emotionen in der historischen Sinnbildung und öffnet das Feld für die weitere inter- wie innerdisziplinäre Diskussion. Die Konzeption ist einleuchtend und die verschiedenen Beiträge werden durch wiederkehrende thematische Schwerpunktsetzungen inhaltlich verbunden. Es ist ihm daher eine breite Rezeption zu wünschen.
 

Fabian Steininger ist Doktorand am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin.
 

[1] G. W. F. Hegel (1955): Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte, Hamburg: Meiner, S. 79f. Zitat nach Jörn Rüsen, Seite 29 des vorliegenden Buchs.

[2] Als Einführungen in das beständig wachsende Forschungsfeld der Emotionsgeschichte siehe Plamper, J. (2012): Geschichte und Gefühl: Grundlagen der Emotionsgeschichte. München: Siedler, sowie N. Eustace et al. (2012): AHR Conversation. The Historical Study of Emotions, in: American Historical Review 117, S. 1487–1531.

[3] Vgl. Meinen Tagungsbericht in: AHF-Information, 2011, Nr. 173. www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2011/173-11.pdf.

[4] Siehe die Beiträge in N. Eustace et al. (2012).