Renate Jegodtka: Berufsrisiko Sekundäre Traumatisierung?

Im Arbeitskontext den Folgen nationalsozialistischer Verfolgung begegnen
12/2013Gedenkstättenrundbrief 172, S. 59-62
Diana Gring

Trauma ist ansteckend. Auf diesen kurzen Nenner brachte es die amerikanische Psychotraumatologin Judith Hermans nach 20 Jahren Forschung mit traumatisierten Klienten.[1] Und wer könnte schon daran zweifeln, dass die langjährige berufsbedingte Konfrontation mit traumatischen Geschehnissen und traumatisierten Menschen ohne Auswirkungen auf die Helfer und Zeugen bliebe? Man denke beispielsweise nur an Rettungskräfte von Polizei und Feuerwehr, Notärzte, Mitarbeiter in Beratungsstellen für Missbrauchsopfer, Sozialarbeiter für Kriegsflüchtlinge, Notfallseelsorger bei schweren Unglücken oder Psychotherapeuten, die Gewaltopfer behandeln. Die Wirkungen und Folgen von indirektem traumatischem Stress auf Berufstätige in diesen Praxisfeldern werden seit einigen Jahren näher untersucht.[2] Die Sekundäre oder Stellvertretende Traumatisierung bezeichnet ein Phänomen, wonach Menschen, die traumatischen Erfahrungen von Anderen begegnen und sich mit dem Leid der Betroffenen auseinandersetzen, selbst Gefahr laufen, sich dadurch psychisch zu verändern.[3] Es wird davon ausgegangen, dass es zu einer Erschütterung der grundlegenden Annahmen über das Selbst, die Menschheit und die ganze Weltsicht kommen kann. Eine langjährige und intensive Konfrontation mit traumatischen Geschehnissen und traumatisierten Personen kann zu einer Reihe von psychischen und psychosomatischen Beschwerdebildern bis hin zur Posttraumatischen Belastungsstörung, Depression und zum Burnout führen.[4]

Durch die im Herbst 2013 erschienene Publikation von Renate Jegodtka geraten nun erstmals neue Arbeitsfelder und Professionen in den Blickpunkt, die ebenfalls von dieser spezifischen Belastungsform betroffen sein können. Die Untersuchung richtet ihren Fokus auf Menschen, die sich in ihrem beruflichen Alltag mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust sowie deren Folgen beschäftigen.[5] Renate Jegodtka, Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Supervisorin, hatte im Vorfeld ihrer Forschungsarbeit Klienten aus diesem Tätigkeitsfeld behandelt und somit praktische Erfahrungen mit diesem besonderen Belastungsprofil gesammelt.[6] Sie wollte ergründen, welche Auswirkungen die fortgesetzte Konfrontation mit den Folgen der NS-Gewaltherrschaft hat und zu welchen psychischen Prozessen die Sekundäre Traumaexposition im Schnittpunkt von Zeitgeschichte und Professionalität führen kann. Auch ging es ihr um die Frage, inwieweit existenzielle Grundüberzeugungen eine Veränderung durch die berufliche Tätigkeit erfahren. Dafür hat Renate Jegodtka Menschen befragt, die in verschiedener Weise professionell in den Themenbereich NS-Gewaltdiktatur und Holocaust eingebunden sind: Mitarbeiter von Gedenkstätten, Jugendbildungseinrichtungen, Beratungsstellen, Forschungseinrichtungen, psychotherapeutischen Praxen, Erzählcafés usw. Im Hinblick auf eine ressourcenorientierte Perspektive sollte auch analysiert werden, wie Mitarbeiter trotz der spezifischen belastenden Faktoren gesund bleiben und welche präventiven Strategien und Maßnahmen einzelne Mitarbeiter und Institutionen ergreifen können.

Die Publikation von Renate Jegodtka beginnt mit der Herstellung eines ausführlichen theoretischen Bezugsrahmens, in dem systemisch orientierte[7] Konzepte und Zugangswege zum Forschungsgegenstand erläutert werden. Die Autorin referiert danach den aktuellen Stand der Traumaforschung und widmet sich ausführlich den verschiedenen Aspekten von Verständnis und Wirkung der Sekundärtraumatisierung. Es wird festgestellt, dass die untersuchte Berufsgruppe in ihrem Arbeitsalltag einem man-ma-de-disaster begegnet, also einer von Menschen gegen Menschen absichtsvollen und sozio-politischen Traumatisierung, die eine Dynamik in Gang setzen kann, die aus beruflichen Kontexten traumadeterminierte Systeme werden lässt: »Die Konfrontation mit dem Konkreten der Gewaltherrschaft im Nationalsozialismus bezieht die Professionellen ein, sodass sie selbst Teil des traumatischen Prozesses werden.«[8] Trauma infolge von man-made-disaster »bedeutet die Erfahrung des Verlustes einer überlebensnotwendigen Illusion: der grundlegenden Überzeugung, ›sicher in sich‹ und ›sicher in der Welt zu sein‹«[9]. Der Raum, in dem sich Sekundärtraumatisierung entwickeln kann, ist die alltägliche berufsbedingte Begegnung mit der Erschütterung des Selbst- und Weltbildes.[10]

Im Hauptteil der Publikation beschreibt Renate Jegodtka ihren empirisch-qualitativen Forschungsansatz. Mit Hilfe von Leitfadeninterviews und einem figurbasierten Verfahren zur Familienaufstellung hat sie 13 Berufstätige aus dem Arbeitsfeld NS-Gewaltdiktatur und Holocaust befragt. Die Ergebnisse dieser Studie präsentiert die Autorin entsprechend ihrer systemischen Ausrichtung auf den verschiedenen Wirkungsebenen der Sekundären Traumaexposition: auf der gesellschaftlich-kulturellen Ebene, der berufsspezifischen Ebene, der familienbiographischen Ebene und der Personenebene. Durch die Aufschlüsselung in diese unterschiedlichen Systemebenen gelingt es, die vielfältigen Faktoren, die auf die betroffenen Mitarbeiter wirken und zu einer Sekundärtraumatisierung führen können, in gleichermaßen beeindruckend klarer wie komplexer Form darzustellen. »Sozio-politische Gewalt im Nationalsozialismus hat Spuren hinterlassen. Menschen, die im beruflichen Kontext diesen Spuren begegnen, sind mit einer Dynamik konfrontiert, die sich in und zwischen verschiedenen Systemebenen entfaltet.«[11]

Die Zuordnung von prägnanten Erzählpassagen aus den Interviews zu den unterschiedlichen Systemebenen ermöglicht es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie unterschiedlich und individuell die wahrgenommenen Belastungen den Einzelnen in und mit seiner Arbeit prägen. Dies kann von der persönlichen Begegnung mit Überlebenden und ihren Familienangehörigen, der Beschäftigung mit Schriftquellen, Fotos und Filmen, die das historische Geschehen abbilden, über familienbiographische Eigenbezüge bis hin zu mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung und problematischen Arbeitsbedingungen reichen. Für Menschen, die an historisch belasteten Orten wie ehemaligen Konzentrationslagern, Euthanasie- oder Hinrichtungsstätten arbeiten, »an Orten also, die Zentrum real ausgeübter Gewalt und Vernichtung waren, kann dieser Ort selbst Sekundäre Traumaexposition bedeuten«[12].

Zusammenfassend muss im Bezug auf die in dieser Studie untersuchte Gruppe festgestellt werden, »dass Inhalte und Bedingungen ihres Arbeitsschwerpunktes über die Zeit zunehmend Raum von ihnen, von ihrem Denken, Fühlen und Handeln, von ihrem Körper«[13] ergreifen, dass Grenzen der Belastbarkeit durch das hohe persönliche Engagement ignoriert werden und die Balance zwischen Nähe und Distanz zum Thema ausgesprochen schwer zu halten ist.[14] So zahlreich die jeweiligen als Belastung empfundenen Faktoren, so vielfältig auch die von der untersuchten Berufsgruppe beschriebenen gesundheitlichen und sozialen Folgen. »Die im beruflichen Kontext gehörten, gelesenen, gesehenen Folgen sozio-politischer Gewalt fanden Eingang in die inneren Landkarten der InterviewpartnerInnen und bewirkten dort bei einigen, dass sich Überzeugungen bezüglich menschlichen Miteinanders und des Seins in der Welt veränderten (…).«[15]

Die zentralen Aussagen ihrer Untersuchung verbindet die Autorin im nächsten Kapitel zu einem Konzept für eine traumasensible systemische Supervision. Leider sind Supervisionsangebote in den entsprechenden Institutionen in Deutschland nach wie vor die Ausnahme, genauso wie es bisher kaum geeignete Therapeuten gibt, die sich mit diesem speziellen Arbeitsfeld und seinen spezifischen Belastungsfaktoren auskennen. Renate Jegodtka betont die Notwendigkeit, Bedingungen zu reflektieren, die die Gefahr Sekundärer Traumatisierung reduzieren oder verhindern können und plädiert für eine traumasensible Organisationskultur. Aus entsprechenden Forschungen ist bekannt, dass weltweit Teams, die mit schwersttraumatisierten Opfern von Gewalt arbeiten, oft starken internen Spannungen und Konflikten ausgesetzt sind.[16] Während meist strukturelle Ursachen, die für viele Non-Profit-Unternehmen charakteristisch sind, dafür verantwortlich gemacht werden[17], weist die Studie von Renate Jegodtka eher darauf hin, dass »strukturelle Probleme, Entwicklung von Symptomen und Sekundäre Traumaexposition als zirkulärer Prozess«[18] funktionieren. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen oder präventiv gegen die Entwicklung einer solchen Dynamik anzugehen, wird im Abschlusskapitel eine Vielzahl an unterschiedlichen Maßnahmen und Methoden vorgestellt. Ziel soll sein, die Sekundäre Traumaexposition für den Einzelnen und das ganze Team handhabbar zu machen: durch Wissensvermittlung über traumatische Prozesse, Teambildung, Coaching, sinnvolles Ressourcenmanagement, Ermöglichung von Partizipation, Methodenübungen zur Distanzierung und Stabilisierung usw.[19] Wichtig ist es zudem, kollegiale und professionelle Unterstützungssysteme und Netzwerke zu etablieren und Räume zu schaffen, um über die Frage »Was macht die Arbeit mit mir?« zu reflektieren.[20]

Das Eingeständnis des prägenden Einflusses, den unsere Arbeit zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust auf uns und unser Leben – unsere inneren Land karten – haben kann, und das Wissen um Anzeichen einer Sekundärtraumatisierung sind weder ein Zeichen von mangelnder Professionalität noch falscher Berufswahl. Auch Schuldgefühle gegenüber den direkt vom Trauma Betroffenen, weil eigene Belastungsreaktionen konstatiert werden müssen, sind fehl am Platze und kontraproduktiv. Die israelische Psychotraumatologin Yael Danieli stellt fest, dass eine Sekundärtraumatisierung »ein Resultat ausgeprägter Empathiefähigkeit ist. Sie ist eine normale Reaktion auf unnormale Informationen – und sollte als solche nicht weiter einer professionellen Tabuisierung unterliegen«.[21]

Das Buch von Renate Jegodtka ist dank der Bereitstellung eines umfangreichen theoretischen Bezugsrahmens und der Erläuterung vieler Begriffe und Methoden aus der systemischen Psychotherapeutik für jeden Interessierten gut lesbar. Die Präsentation der Forschungsergebnisse auf den verschiedenen Systemebenen verdeutlicht Vielfalt, Komplexität und inneren Zusammenhang der möglichen Belastungsfaktoren. Für Leser aus der untersuchten Berufsgruppe wird die Lektüre der hervorragend ausgewählten Interviewausschnitte, die spezifische Arbeitsinhalte, -situationen und -probleme beschreiben, ein schmunzelndes oder schmerzliches Wiedererkennen hervorrufen. Doch folgt der Analyse und Erkenntnis dankenswerterweise die praktische Hilfestellung: Ausgerichtet an Prinzipien der Salutogenese und Ressourcenorientierung werden Maßnahmen und Methoden zur Prävention und Behandlung vermittelt. Ein Standardwerk für alle, die sich und ihre Arbeit im Kontext von Verfolgung, Vernichtung und sozio-politischer Traumatisierung besser verstehen wollen.

 

Diana Gring arbeitet als Historikerin und Kuratorin für AV-Medien und Zeitzeugen- Interviews in der Gedenkstätte Bergen-Belsen/Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.

 

[1] Vgl. Judith Hermans: Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Paderborn 2006, hier: S. 193.

[2] Siehe beispielsweise Christian Pross: Verletzte Helfer. Umgang mit dem Trauma: Risiken und Möglichkeiten sich zu schützen. Stuttgart 2009; Manfred Krampel: Einsatzkräfte im Stress. Auswirkungen von traumatischen Belastungen im Dienst. Kröning 2007; Dagmar Härle: Posttraumatische Belastungsstörung bei Helfern. München 2013. Eine Sonderstellung nehmen die psychotherapeutisch Tätigen ein, denn sowohl zu ihrer Ausbildung als auch zu ihrem professionellen Selbstverständnis gehören das Wissen und die kritische Reflexion über mögliche »Übertragungen« zwischen Klient und Therapeut.

[3] Vgl. Jürgen Lemke: Sekundäre Traumatisierung. Klärung von Begriffen und Konzepten der Mittraumatisierung. Kröning 2006, S. 14 ff; Jegodtka a.a.O., S. 75 ff.

[4] Vgl. Maria Pia Andreatta: Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses durch Traumata. Kröning 2006, hier: S. 104; Lemke a.a.O., S. 77, 102 ff.; Jegodtka a.a.O., S. 19 ff., 218 ff.; Ingeborg Joachim: Belastungen und Risiken durch die Konfrontation mit dem Trauma sexualisierter Kriegsgewalt in der Arbeit, in: medica mondiale e.V.; Karin Griese (Hg.): Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen. Handbuch zur Unterstützung in verschiedenen Arbeitsfeldern. Frankfurt am Main 2006, S. 184–204, hier: 194 ff.

[5] Bisher gab es nur einige wenige verstreute Artikel zu diesem Thema, die Berufsgruppen mit Bezug zum Nationalsozialismus und Holocaust gar nicht explizit benannten, sondern lediglich nicht ausschlossen, so beispielsweise Johan Lansen: Gefühle und Belastungen in der Arbeit mit Schoa-Opfern und anderen Extremtraumatisierten, in: Alexandra Rossberg; Johan Lansen (Hg.): Das Schweigen brechen. Berliner Lektionen zu Spätfolgen der Schoa. Frankfurt am Main; u.a. 2003, S. 269–288; ZWST (Hg.): Trauma und Intervention. Zum professionellen Umgang mit Überlebenden der Shoa und ihren Familienangehörigen, Konferenz vom 24.–27. 1. 2010. Frankfurt am Main 2010.

[6] Vgl. Jegodtka a.a.O., S. 9, siehe auch die Selbstreflexion über den Forschungsgegenstand, S. 101 ff. Renate Jegodtka engagiert sich zudem seit Jahren in dem Verein »Spuren der Zeit« (Beratungsverbund für Überlebende nationalsozialistischer Verfolgung, Zeitzeugen und ihre Angehörigen).

[7] Mit »systemisch« bezeichnet man eine Fachrichtung, die Zusammenhänge auf verschiedenen Systemebenen (Familie, Team, Gesellschaft etc.) sowie interpersonelle Beziehungen als Grundlage für Diagnose und Therapie betrachtet.

[8] Jegodtka a.a.O., S. 70 f., 159.

[9] Ebd., S. 92.

[10] Vgl. Jegodtka a.a.O., S. 93.

[11] Ebd., S. 94.

[12] Ebd., S. 154.

[13] Ebd., S. 219.

[14] Vgl. ebd., S. 221, 280.

[15] Vgl. ebd., S. 281.

[16] Vgl. Lanson a.a.O., S. 279.

[17] Siehe beispielsweise Christian Pross; Sonja Schweitzer: Strukturelle Ursachen von Helferbelastungen in Traumazentren, in: ZWST a.a.O., S. 58–72.

[18] Vgl. Jegodtka a.a.O., S. 160.

[19] Vgl. ebd., S. 287 ff.

[20] Vgl. ebd., S. 234, 289.

[21] Zitiert in: Ebd., S. 83.