Am 16. Juli 1941, drei Wochen nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, schrieb der Leiter der Umwandererzentralstelle in Posen, SS-Sturmbannführer Rolf-Heinz Höppner, an »Kamerad Eichmann«, im Reichsgau Wartheland bestehe im kommenden Winter die Gefahr, dass »die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können«. Es sei, so Höppner weiter, »ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen.«[1]
Das sogenannte Höppner-Telegramm gilt seit jeher als eines der Schlüsseldokumente für die Frage, wann die nationalsozialistische Führung sich dazu entschied, Juden systematisch, unterschiedslos und europaweit zu ermorden. Die Forschungsdebatten haben sich hierbei längst von streng intentionalistischen Ansätzen abgewandt, ist es im Falle Höppners doch ein wartheländischer SD-Angehöriger, der in dem oben zitierten Dokument Besprechungen und Überlegungen in der Reichsstatthalterei von Gauleiter Arthur Greiser zusammenfasste. Für die Frage nach der Entscheidungsfindung auf dem Weg zum Holocaust und nach der hierbei zu beobachtenden Interaktion zwischen der Peripherie, das heißt okkupierten Gebieten, und dem Machtzentrum in Berlin fokussiert die Forschung besonders die Wochen und Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Ermordeten die Einsatzgruppen hier anfänglich männliche Juden im wehrfähigen Alter, so weitete sich der Kreis der Opfer sehr rasch aus, so dass schon bald unterschiedslos Männer, Frauen, Kinder und Greise zu Zehntausenden getötet wurden. Für diese beispiellose Entkopplung der Gewalt stehen vor allem zwei Massaker, namentlich in Kamenec-Podolskij, wo Ende August 1941 über 23 000 Juden, und in Babij Jar (Kiev), wo am 29. und 30. September 1941 über 33 000 Juden von SS- und Polizeieinheiten erschossen wurden.
Allerdings hatten diese Massenverbrechen zuvor ungekannten Ausmaßes seit Beginn des Zweiten Weltkrieges einen mindestens eineinhalbjährigen strukturellen wie weltanschaulichen ›Vorlauf‹, ohne den dieser »Quantensprung« (Christopher Browning) kaum denkbar, geschweige denn zu erklären wäre. Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 geriet die mit etwa 1,7 Millionen Menschen größte jüdische Bevölkerungsgruppe in Europa in nur drei Wochen unter deutsche Herrschaft (von etwa zwei Millionen polnischen Juden im deutschen Interessengebiet konnten sich in den ersten Wochen ca. 300 000 in den sowjetisch besetzten Teil flüchten). Der Alltag der Juden unter der deutschen Besatzung war von Beginn an geprägt von Demütigung, Entrechtung, Misshandlung, Vertreibung und Zwangsarbeit. Waren die Diskriminierung und Verfolgung der Juden im Deutschen Reich seit 1933 ein mehrjähriger, sich sukzessive verschärfender Prozess gewesen, so kam es im besetzten Polen binnen weniger Tage und Wochen zu einer Gewaltwelle, die den schockierenden Eindruck des Novemberpogroms 1938 auf die Juden in Deutschland und international noch weit in den Schatten stellte.
Über diesen in der Gesamtgeschichte des Holocaust eminent wichtigen Zeitabschnitt liegt nun erstmals eine umfängliche deutschsprachige Dokumentation mit über 320 sorgfältig und wissenschaftlich edierten, bislang überwiegend unpublizierten Dokumenten auf immerhin 750 Seiten vor. Der Band dokumentiert die Diskriminierung und Kennzeichnung der polnischen Juden, ihre Ausraubung und ihren Zwangsarbeitseinsatz, die Einrichtung der Ghettos und die Deportation Hunderttausender Juden bis Sommer 1941, aber auch die Haltung der nichtjüdischen Bevölkerung, der Bystander, der polnischen Widerstandsbewegung und der Alliierten sowie der polnischen Exilregierung. Das Korpus der abgedruckten Quellen umfasst nationalsozialistische Akten, Korrespondenz und Verordnungen ebenso wie Aufzeichnungen jüdischer Opfer, aber auch Zeitungsartikel bis hin zu Schriften nichtjüdischer oder auch ausländischer Beobachter, deren Entstehungszeit vor dem 8. Mai 1945 liegt. Berücksichtigung finden so unterschiedliche Bereiche wie Politik, Wissenschaften, Künste, Schule, Ausbildung, Gesundheitswesen, Recht, Wirtschaft, Berufs und Alltagsleben.
Es ist dies der dritte Band der insgesamt sechzehnbändigen Edition »Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945«, die gemeinsam vom Institut für Zeitgeschichte, dem Bundesarchiv sowie der Universität Freiburg und der Freien Universität Berlin herausgegeben wird.[2] Die ersten beiden Bände, erschienen 2008 und 2009 behandeln die nationalsozialistische Judenverfolgung im Deutschen Reich bis Ende August 1939, so dass der nun von Klaus-Peter Friedrich und Andrea Löw bearbeitete, dritte Band zugleich der erste ist, der die europäische Dimension des nationalsozialistischen Judenmords dokumentiert.
Schon am 15. November 1939 beschreibt der Warschauer Lehrer Chaim Kaplan die Situation, wie sie sich ihm in Warschau bot: »Das polnische Judentum erlebt eine vollständige und umfassende Vernichtung. Zehntausende junger Juden sind ohne Lebensunterhalt. Täglich wird ein neuer judenfeindlicher Erlass herausgegeben. Jeden Morgen – eine neue Diskriminierung, obwohl die Juden noch mit dem Schrecken der vorherigen zu ringen haben.« (Dokument Nr. 37) Kaplan, dessen Tagebuch, vor allem aus der Zeit im Warschauer Ghetto, später weltberühmt wurde, beschreibt sehr treffend die rasche Abfolge unzähliger, die Juden diskriminierender Maßnahmen, auf die die Opfer sich kaum einstellen konnten. Kein deutscher Bürgermeister, kein Stadt oder Kreishauptmann, der sich nicht berufen gefühlt hätte, durch möglichst radikale Anordnungen die ›Judenfrage‹ mit lösen zu helfen. Dennoch: Was Kaplan bereits im Herbst 1939 als »umfassende Vernichtung« beschrieb, war nur der Auftakt zur wahren Vernichtung, der Kaplan im Warschauer Ghetto selbst zum Opfer fiel, als er im August 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert wurde.
Wurden und werden die Morde an Juden in den ersten Wochen nach dem Überfall auf Polen oftmals als irreguläre Exzesse beschrieben oder aber die Verbrechen einzig den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD zugeschrieben, so verabschiedeten die Deutschen sehr bald Verordnungen, die auch nach der Einsetzung der Zivilverwaltung Ende Oktober 1939 für nichtige Vergehen die Todesstrafe vorsahen, die wiederum in der Besatzungspraxis auch exekutiert wurde. Mord wurde zum regulären Teil der Besatzungspolitik. So ordnete der Reichsführer-SS Heinrich Himmler am 29. November 1939 an: »Juden und Polen, die aus einem Gebiet des Deutschen Reiches in das Generalgouvernement umgesiedelt wurden, sich aber entgegen dem Umsiedlungsbefehl auf dem Gebiet des Deutschen Reiches, wenn auch in einer anderen Provinz, aufhalten, sind sofort standrechtlich zu erschießen. Diese Weisung ist mündlich den Ältesten der Judengemeinden, soweit sie noch bestehen, bekanntzugeben.« (Dokument Nr. 60)
Reaktionen des Auslandes auf die deutsche Besatzungspolitik in Polen blieben nicht aus. Bereits am 4. Dezember 1939 protestierte das Exekutivkomitee des Jüdischen Weltkongresses gegen die massenhafte Deportation von Juden ins Generalgouvernement:
»Das Komitee hat außerdem die unglaublichen, von der Hitler-Regierung erlassenen Maßnahmen zur Kenntnis genommen, die darauf zielen, in der Region Lublin in Polen ein ›Juden-Reservat‹ zu schaffen. Das Reich beabsichtigt, dort alle Juden aus Polen, Österreich, der Tschechoslowakei und Deutschland gewaltsam zu konzentrieren. Die Realisierung dieses Vorhabens hat bereits begonnen: Tausende Juden aus dem Korridor, aus Gdingen, aus Posen, Kattowitz und aus anderen Städten Polens, der Tschechoslowakei und Österreichs wurden schon wie Vieh in dieses ›Reservat‹ deportiert; sie wurden aus ihren Wohnungen geholt und durften höchstens dreihundert Mark mitnehmen. Ihnen wird alles geraubt, vielen fehlt ein Dach über dem Kopf und das Notwendigste zum Leben. Es ist die zynischste Umsiedlung von Menschen, die der Hitlerismus bisher unternommen hat.« (Dokument Nr. 51)
Ähnlich Verheerendes wusste auch Jan Karski, der später weltberühmte Emissär der polnischen Exilregierung, durch den die Alliierten frühzeitig zahlreiche Details über den Holocaust erfuhren, über die Lage der Juden im besetzten Polen zu berichten. Im Februar 1940 schreibt er: »Die Lage der Juden in diesen Gebieten ist klar, nicht kompliziert und leicht zu verstehen. Sie stehen außerhalb des Gesetzes, außerhalb behördlicher Obhut – man ist offiziell bestrebt, sie durch Gewalt, Recht und Propaganda auszurotten oder fortzuschaffen. Die Juden werden aus diesen Gebieten vertrieben, ihr Besitz wird beschlagnahmt, sie werden wie ›Schuldige‹ ins Gefängnis geworfen – das Gebiet soll restlos vom jüdischen Element gesäubert werden. Die Juden werden hier ihrer Lebensgrundlage fast vollständig beraubt; wenn sie hier leben, dann tun sie dies beinahe verstohlen, in Angst, rechtlos [...] Sie dürfen grundsätzlich nicht in arischen Geschäften einkaufen, noch nicht einmal die notwendigsten Bedarfsartikel; sie dürfen grundsätzlich keine Gegenstände, Artikel und Waren herstellen, sondern höchstens reparieren u.Ä.; bereits am frühen Abend dürfen sie sich nicht mehr in der Stadt zeigen, sie dürfen nicht ohne Sondergenehmigung reisen, sie dürfen bestimmte Straßen sowie Kinos, Theater und Cafés überhaupt nicht aufsuchen, auch die meisten Betriebe und Geschäfte nicht betreten, Arier dürfen Juden nicht grüßen oder bei ihnen stehen bleiben.« (Dokument Nr. 90)
Auch wenn die nichtjüdischen Polen selbst einer äußerst brutalen Besatzungspolitik unterworfen waren, so war sich die Untergrundpresse doch weitgehend einig darin, dass die Juden ein noch schlimmeres Schicksal zu gewärtigen hatten. Die
Untergrundzeitung ›Biuletyn Informacyjny‹ beispielsweise äußert sich am 23. Mai 1941 pessimistisch über die Zukunft der jüdischen Bevölkerung: »Und wie soll die Lösung der jüdischen Frage in Polen generell aussehen? Wie wird es weitergehen? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Die Deutschen selbst sagen, dass die jüdische Frage im Generalgouvernement noch ihrer endgültigen Lösung harrt. Wir müssen feststellen, dass die jüdische Frage hier in eine Sackgasse geraten ist, aus der es keinen Ausweg gibt. Besser gesagt, gibt es nur einen: die allmähliche Ausrottung durch Elend, Hunger und ansteckende Krankheiten.« (Dokument Nr. 286)
Die polnische nichtjüdische Bevölkerung war jedoch nicht ungeteilter Meinung über das Schicksal der jüdischen Polen, und so sind auch antisemitische Artikel der Untergrundpresse in der Edition vertreten – ein heikles Thema, das durch die im Februar 2011 erscheinende Publikation von Jan Tomasz Gross über die Bereicherung von Polen an jüdischem Eigentum während der deutschen Okkupation einmal mehr kontrovers diskutiert werden wird.[3]
Im Sommer 1941 war die Lage für die überwiegend ghettoisierten polnischen Juden katastrophal. Sie sterben zu Zehntausenden an Seuchen und Unterernährung, noch mehr von ihnen waren – im Sinne der Nationalsozialisten – ›arbeitsunfähig‹: zwei grundlegende Aspekte, die sich in dem eingangs zitierten Höppner-Telegramm wiederfinden. Die Schülerin Wanda Lubelska schildert im Sommer 1941 einer Freundin ihr Leben im Warschauer Getto mit den Worten: »Tag um Tag vergeht, einer schlimmer und hoffnungsloser als der andere. Als der Krieg mit Russland ausbrach, glaubten wir, dass es sich von einem Tag auf den anderen ändern wird, dass sie uns vielleicht aus diesem schrecklichsten aller Gefängnisse herauslassen, wo auf der Straße der eine über den anderen herfällt, wenn dieser Brot isst, wo täglich 400 Leute auf den Friedhof gelangen, wo kleine Kinder den Geschmack von Milch nicht kennen.« (Dokument Nr. 306)
Bekanntlich wurde ein »schnellwirkendes Mittel« rasch gefunden; tatsächlich war es in den Gaswagen zur Ermordung von Geisteskranken seit der Jahreswende 1939/40 längst erprobt worden: Am 8. Dezember 1941 begann im ersten stationären Vernichtungslager in Kulmhof, ca. 70 Kilometer nordwestlich der Stadt Litzmannstadt, der Massenmord mit Motorenabgasen.
Im Zusammenhang mit der Debatte um eine Historisierung des Holocaust mehren sich die kritischen Stimmen, dass der unverstellte Blick auf die Quellen des Holocaust und des Nationalsozialismus angesichts der kaum wirklich mehr überschaubaren Literatur zu Erinnerungsdiskursen verloren zu gehen droht. Der Mitherausgeber Ulrich Herbert (Freiburg) bringt es wie folgt auf den Punkt: »Hinter den Diskussionen über den Judenmord im britischen Spielfilm oder die Formen des Gedenkens in den norddeutschen Kirchengemeinden ist die Praxis der Verfolgung und Entrechtung, sind die Einzelheiten des Massenmords mittlerweile fast verschwunden.«[4] Ein Rezensent der bereits erschienenen Bände schrieb zutreffend, dass das Editionsprojekt den Versuch unternehme, »dem ausufernden erinnerungspolitischen Metadiskurs« und der »Symbolisierung des Holocausts« die ungekürzte Quelle entgegenzustellen.[5] Die Edition versteht sich auch als einen bewussten Kontrapunkt zu der Massivität, mit der in den letzten Jahren zunehmend nur noch von Geschichts- und Erinnerungsdiskursen über den Holocaust die Rede ist, ohne dass die damit Befassten wirklich noch in der Lage wären, kompetent über den Holocaust Auskunft zu geben. Das ist auch ein Grund, weshalb neben der Kommentierung und einer ausführlichen, orientierenden Einführung auf eine Interpretation verzichtet wurde, um allen Lesern Gelegenheit zu geben, jenseits der eingefahrenen Spuren noch etwas Neues zu entdecken.
Eine Dokumentenedition kann für Experten selbstredend keinen Archivbesuch ersetzen. Aber das kann auch nicht der Anspruch einer solchen Edition sein, es sei denn, sie präsentiert abgeschlossene, überschaubare Bestände (wie beispielsweise die von Heinz Boberach herausgegebenen ›Meldungen aus dem Reich‹). Ebenso richtig ist auch, dass kein Dokument für sich genommen als repräsentativ gelten kann, das wäre geschichtstheoretisch kaum zu begründen. Aber es gibt einerseits Schlüsseldokumente und andererseits das Gesamtkorpus der Quellen in einem jeweiligen Band, das den Anspruch hat, die jeweilige Verfolgungsgeschichte, in diesem Falle Polens bis Sommer 1941, möglichst breit gefächert abzudecken. Die Bände halten also auch für die Fachhistoriker eine ganze Menge, d.h. auch mehr als nur zufällige Einzelfunde, bereit. Das ergibt sich einerseits aus der genannten Mischung, ferner aus dem Umstand, dass die
überwiegende Mehrheit der Dokumente zuvor noch nicht (oder nur stark gekürzt) publiziert worden ist, schließlich daraus, dass auch der Fachmann nur selten alle relevanten Sprachen abzudecken in der Lage ist. Wie viele Polenexperten lesen fließend Jiddisch bzw. haben einen konzisen Überblick über die entsprechenden Quellen? Gerade bei den Bänden, die beginnend mit dem ersten Polenband jetzt erscheinen werden, wird dies von erheblicher Bedeutung sein, der erste von zwei in Vorbereitung befindlichen Bänden zur Sowjetunion etwa versammelt Quellen aus über zehn Sprachen.
Hinzu kommt, dass die wissenschaftlichen Standards des Abdruckes auch eine Zitierfähigkeit erlauben, die Edition also durchaus die Rolle eines Nachschlagewerkes übernehmen kann: Wo sonst wären das Höppner-Telegramm oder der genannte Erschießungsbefehl von Herbst 1939 in einer verlässlichen Art wirklich zitierfähig? Und Hand aufs Herz: Wer ist gleichermaßen sattelfest für Polen, Norwegen, die militärische Besatzungszone Frankreichs und Albanien?
Neben der Fachhistorie eignet sich die Edition jedoch auch sehr gut für die pädagogische Arbeit, sei es in der Hochschuldidaktik, in Gedenkstätten oder auch in der Sekundarstufe II. In Gedenkstätten besser bekannt als in den Universitäten ist der Umstand, dass das Feld der historisch Interessierten größer ist als landläufig angenommen. Darüber hinaus ist genau dieses Publikum oftmals viel kompetenter, als die Hochschulgeschichte ein wenig eitel anzunehmen gewohnt ist. Hinzu kommt, dass die Vermittlung dieser Thematik ja gerade und zunehmend ein Problem nicht der Fachhistorik, sondern der Schulen und Gedenkstätten ist. Grund genug also, dieses Feld nicht zu unterschätzen, umgekehrt aber auch nicht prinzipiell anzunehmen, dass da jeder sofort ›überfordert‹ wäre. Anspruchsvoll ist das Thema ohnehin, das dürfte niemanden überraschen. Die Vermittlung komplexer Themen wie des Holocaust lebt aber auch wesentlich davon, diese Komplexität sinnvoll und aufgrund nachvollziehbarer Kriterien zu reduzieren.
Am 28. Juli 1940 berichteten jüdische Repräsentanten in einer Denkschrift an die US-Botschaft in Berlin über die furchtbare Lage der Juden in den eingegliederten west- polnischen Gebieten: »Nur wer selbst diese niedergeschlagenen und gebrandmarkten Menschen gesehen hat, wie sie mit angsterfüllten Augen und geduckt durch die Straßen ihrer Heimatstädte schleichen, kann wirklich das Unheil begreifen, das über diese verängstigten und geschundenen Menschen hereingebrochen ist. Aber noch ist kein Ende dieses Prozesses, der auf ihre Zerstörung zielt, abzusehen.« (Dokument Nr. 144)
Dem nun vorliegenden ersten Band (Erscheinungstermin: 10. Februar 2011) zu den besetzten polnischen Gebieten werden noch zwei weitere zu Polen folgen (Bd. 9: Das Generalgouvernement 1941–1945; Bd. 10: Die eingegliederten Gebiete Polens 1941–1945), im Laufe des Jahres 2011 wird zudem der erste Band zum Holocaust in der Sowjetunion und den sowjetisch besetzten Territorien bis zum Frühjahr 1942 erscheinen.
Dr. Ingo Loose, seit 2000 Osteuropa und Zeithistoriker am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, zuletzt Geschäftsführer des 48. Deutschen Historikertages 2010, seit November 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin.
Susanne Heim, Ulrich Herbert, Hans-Dieter Kreikamp, Horst Möller, Dieter Pohl und Hartmut Weber (Hrsg.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 4: Polen, September 1939 – Juli 1941. Bearbeitet von Klaus-Peter Friedrich, Mitarbeit: Andrea Löw. München: R. Oldenbourg Verlag, 2011, 751 Seiten.
[1] Vermerk des Leiters der Umwandererzentralstelle Posen, SS-Sturmbannführer Rolf-Heinz Höppner, für RSHA Amt IV B 4, Adolf Eichmann, vom 16. Juli 1941, abgedruckt in: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 4: Polen, September 1939 – Juli 1941. Bearbeitet von Klaus-Peter Friedrich, Mitarbeit: Andrea Löw. München 2011, S. 680f., Zitat S. 681 (Dokument Nr. 314). Zu Höppner vgl. Martin Pollack: Jäger und Gejagter. Das Überleben der SS-Nr. 107136, in: Christoph Ransmayr (Hg.), Im blinden Winkel. Nachrichten aus Mitteleuropa. Frankfurt a.M. 1989, S. 169–190.
[2] Zur Edition vgl. Dieter Pohl: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Ein neues Editionsprojekt, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 651–659 (www.edition-judenverfolgung.de/pohl_ein_neues_editionsprojekt.pdf, 12. Januar 2010).
[3] Jan Tomasz Gross: Złote żniwa [Goldene Ernte]. Kraków 2011.
[4] Ulrich Herbert: Wir sollten wissen, was passiert ist, in: die tageszeitung vom 25. Januar 2008 (www.edition-judenverfolgung.de/taz250108.htm, 12. Januar 2010).
[5] Stefan Reinecke: Frau Elly schreibt an die SS, in: die tageszeitung vom 26. Januar 2008 (www.edition-judenverfolgung.de/taz260108.htm, 12. Januar 2010).