Planet Buchenwald – Deep Space Weimar

Junge Menschen gestalten die Zukunft der Geschichte - Ein internationales Projekt der Gedenkstätte Buchenwald
12/1999Gedenkstättenrundbrief 92, S. 38-40
Pia Frohwein

Dieses Jahr 1999 war zweifellos das dominierende Gesprächsthema in der Weimarer Öffentlichkeit. In diesem Jahr trug Weimar den Titel Kulturstadt Europas. Kulturhistorische und -politische Veranstaltungen aller Art, Ausstellungen (von teilweise hohem öffentlichen Streitwert), Tagungen und vor allen Dingen viele BesucherInnen prägten die doch eher kleine und provinzielle Stadt für zumindest ein Jahr. Sie öffnete sich zusehends nach außen – für Anderes und Andere, für Ungewohntes und Neues. Gegen Ende des Kulturstadtjahres fragen sich viele, ob es ein Danach oder etwa ein Zurück geben wird…

»Hat denn die Gedenkstätte auch etwas Besonderes vor?« wurden wir oft gefragt. Ja, hatte sie! Die Gedenkstätte hat anläßlich des Kulturstadtjahres zwölf junge Erwachsene aus zehn verschiedenen Ländern eingeladen, um hier für ein Jahr zu leben und zu arbeiten.1 Mehr noch, die Gedenkstätte wurde ihnen gleichsam zur Verfügung gestellt als ihr Diskussionsforum und ihre Wirkungsstätte. Im Oktober letzten Jahres kamen die ersten, im März diesen Jahres die letzten Freiwilligen. »Am ersten Tag deutete jeder auf sein Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag achteten wir auch nicht mehr auf die Kontinente. Wir sahen nur noch die Erde als den einen, ganzen Planeten.« (Aus dem Weltall. Sultan Ben Salman Al Saud, Königreich Saudi Arabien). Diese Zeilen haben die Freiwilligen wenige Tage nach der Ankunft an ihre Pinwand geschrieben. Sie kamen aus Bulgarien, den Niederlanden, aus Großbritannien, Polen, Frankreich, Rumänien, Serbien, Rußland, Italien und Spanien – und damit aus sehr unterschiedlichen Welten. Sie selbst nannten sich bald »die Planets«. Offenbar ging es hier um Perspektivenwechsel und Wahrnehmung. Beides spielte eine zentrale Rolle im Projekt mit dem provokanten Titel »Planet Buchenwald – Deep Space Weimar«.

Buchenwald und Weimar. Während die Nazis als selbsternannte Herrenmenschen Weimar zur Gauhauptstadt erklärten, wurde nebenan im Konzentrationslager Buchenwald mit einer internationalen Zwangsgesellschaft von Häftlingen unterschiedlichster Herkunft und kultureller Identität eine Gegenwelt geschaffen. Mehr als 40 verschiedene Gruppierungen – entlang Nationalität und ethnischer Zugehörigkeit – lassen sich feststellen. Weimar erscheint aus dieser Perspektive als tiefe Provinz, als ein durch Verfolgung und Vertreibung begründeter homogener Ort. Heute weckt Weimar Assoziationen wie Goethe, Schiller und andere Begründer der deutschen Klassik, Liszt, das Bauhaus, die Weimarer Verfassung und Buchenwald. Auch Buchenwald wird mit verschiedenen Vorstellungen und Bildern verbunden. Diese hängen nicht nur mit seiner Geschichte zusammen, sondern vor allem auch von den BesucherInnen selbst ab, die den Ort aufsuchen: Sie bringen ihre Geschichte, eigene Erfahrungshintergründe mit und haben somit besondere Zugänge zu Buchenwald, nehmen ihn verschieden wahr und stellen eigene Fragen. So sind auch die Bedeutungen, die dem Ort entnommen werden, geprägt von den jeweiligen Lebenszusammenhängen und damit durchaus verschieden. Insofern kann und soll Buchenwald nicht als geschlossenes Geschichtsbild vermittelt werden. Vielmehr ist die Gedenkstätte heute ein Ort, der Zugänge schaffen, Fragen aufwerfen soll und somit irritieren kann. Zentrales Moment unserer pädagogischen Arbeit ist, Verbindungen zu ermöglichen zwischen den historischen Informationen und der – eben sehr verschieden – gelebten Gegenwart. Das kann die eigene Identität, das Woher und Wohin, moralische Maßstäbe und konkrete Handlungsmuster berühren.

Das Spannungsfeld Weimar-Buchenwald ist ein Modellfall dafür, was gerade durch die neuen Errungenschaften der Moderne inmitten des Zivilisationsprozesses im 20. Jahrhundert entstehen und durchgeführt werden konnte. Diesen Zivilisationsbruch mit Blick auf das 3. Jahrtausend hin zu verstehen, ist unabdingbar. Es gilt, einzelne Splitter einer solch vielschichtigen Vergangenheit sichtbar zu machen und sie in Beziehung zueinander und zu uns zu setzen. Von Buchenwald ausgehend kann Weimar (neu) entdeckt werden. Die »Planets« haben sich in diesem Spannungsfeld Weimar-Buchenwald bewegt und Verbindungswege gesucht, gleichsam Schneisen im Dickicht der Geschichte geschlagen. Sie haben die Geschichte und das Spannungsverhältnis Weimar-Buchenwald aus ihren verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und vermittelt. Insbesondere sollte der interkulturelle Austausch über die Bedeutung dieses Spannungsfeldes in Gegenwart und Zukunft befördert werden. Das umfasst eine ganze Bandbreite an impliziten Themen von alltäglichen Entscheidungssituationen im Nationalsozialismus bis zur Rolle der Kultur(-politik). In diesem Sinne fußte das Projekt auf den Konzepten des historischen und interkulturellen Lernens.

Das Projekt war dezentral angelegt und sollte den Freiwilligen ermöglichen, je nach Neigung und Interesse eigene Schwerpunkte und Tätigkeitsbereiche zu wählen. Im Mittelpunkt stand dabei die Betreuung von BesucherInnengruppen und hier insbesondere die Entwicklung von zielgruppenorientierten Programmen für Gruppen aus dem jeweiligen Herkunftsland. Die Freiwilligen haben zudem in verschiedenen Arbeitsbereichen der Gedenkstätte gearbeitet2, zu selbst gewählten Schwerpunktthemen der Geschichte Buchenwalds recherchiert und Kontakte zu verschiedenen Institutionen und Organisationen in Weimar sowie in ihrem Herkunftsland aufgebaut.3

Nicht nur der Arbeitsalltag, sondern auch das Privatleben der »Planets« spielte sich in diesem Jahr im wesentlichen hier oben in der Gedenkstätte ab. Die fehlende örtliche Distanz zum historischen Ort Buchenwald war nicht immer einfach zu tragen und aufzufangen. Nicht zuletzt deshalb sollte ihnen mit einem Begleitprogramm die Möglichkeit gegeben werden, das individuell Erlebte und Erfahrene, Gruppendynamik, Fragen zur Identität und interkulturellen Verständigung in verschiedenen Ausdrucksformen zu thematisieren und kreativ zu bearbeiten. Dazu gehörten Angebote wie Kunst-, Musik- und Tanztheaterworkshops sowie Methoden zur Konfliktbearbeitung unter professioneller Begleitung. Teile dieser Workshops wurden der Öffentlichkeit vorgestellt.4 Die Fäden liefen gewissermaßen in der Tanztheater-Aufführung »Umarmte Zeit – Ein Stück von Buchenwald« zusammen, die gleichzeitig die Abschlußveranstaltung des Projektes war. In dem selbstentwickelten Stück haben sich die Planets einzeln wie auch als Gruppe vorgestellt – mit ihren jeweiligen kulturellen Hintergründen, aber auch mit konkreten Alltagserfahrungen in der Gedenkstätte. Sie wählten Gesten, Liedfragmente oder Monologe in der eigenen Muttersprache und in deutsch. Die Aufführung fand am 18. September in Weimar statt und war ein großartiges Ereignis für alle Beteiligten – auch offensichtlich für die ZuschauerInnen. Für die Planets selbst bedeutete die positive Resonanz auf die öffentliche Präsentation eine wichtige Wertschätzung ihrer Arbeit – und der Tatsache, daß sie hier waren. Aus Sicht der ProjektbetreuerInnen darf geschlossen werden, daß der innovative Charakter des Experiments aufgegangen ist.

Das Projekt und natürlich die Planets selber waren eine große Bereicherung für die Gedenkstätte. Das schlägt sich nieder zum einen in den vielen mehrsprachigen Führungen, in Tagesprojekten und Seminaren, die durchgeführt wurden, sowie den eingebrachten vielfältigen Impulsen, Anregungen und intensivierten oder neu geknüpften Kontakten. Zum andern wurde vor allem innerhalb der pädagogischen Abteilung der Diskussions- und Erfahrungshorizont durch die konkrete Präsenz der Freiwilligen um die interkulturelle Dimension erweitert. Bemerkenswert waren die vielen genutzten Möglichkeiten, wie sich junge Erwachsene mit unterschiedlichsten Hintergründen als »professionelle Laien« diesen Ort und seine Geschichte aneignen und lebendig vermitteln können. Zu hoffen ist, daß damit auch Buchenwald dort oben auf dem Berg ein wenig in die Stadt und die Alltagswelt eingesickert ist. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge haben wir uns voneinander verabschiedet. Das Projekt »Planet Buchenwald – Deep Space Weimar« ist beendet. Die Kontakte bleiben. Dank der technischen Errungenschaft des e-mails können die Planets und wir auch weiterhin quer durch das Universum miteinander kommunizieren. Nach einer Gesamtevaluation des Projekts ist geplant, die internationale Arbeit mit Freiwilligen und durch Freiwillige fortzuführen.

1     Das Projekt wurde gefördert von dem Europäischen Freiwilligendienst, der Kulturstadt GmbH und der Stiftung West-Östliche Begegnungen. Zusätzlich wurde die Durchführung des Projekts ermöglicht durch einen hohen Eigenanteil der Gedenkstätte in Form von Unterkunft und Verpflegung für die Freiwilligen, Betreuung und Koordination durch Personal der Gedenkstätte und hohem Verwaltungsaufwand.

2     Besucherinformation, Buchhandlung, Archiv und Bibliothek

3     Völlig unterschätzt wurden Anteilnahme und Interesse von Öffentlichkeit und insbesondere der Presse. Sie nahm ständig zu, so daß die Termine schließlich koordiniert werden mußten.

4   so eine Klanginstallation »Klänge in einem Buchenwald« und eine Kunstinstallation »Was in Buchenwald begraben wurde«. Zu letzterem ist ein kleiner Katalog erschienen und über die Gedenkstätte erhältlich.