Orientierung durch Geschichte und Erinnerung?

Zukunftsaufgaben und Zielsetzungen der Gedenkstättenpädagogik
02/2002Gedenkstättenrundbrief 105, S. 27-28
Daniel Gaede

Die von der Stiftung Topographie des Terrors, der Bundeszentrale für politische Bildung, Europäischen Jugendbildungs- und -begegnungsstätte Weimar und Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora in Zusammenarbeit mit der AG Gedenkstättenpädagogik vom 23. bis 26 Mai in der Europäischen Jugendbildungs- und -begegnungsstätte Weimar veranstaltete Gedenkstättenpädagogische Tagung ist eine Herausforderung für gewohnte Denkmuster: Zu Beginn wird danach gefragt, in welchem Kontext ein Jahrzehnt weiter die Gedenkstätten stehen werden - erst dann wird es um den konkreten, gegenwartsbezogenen Erfahrungsaustausch gehen. Der unübliche Ausblick auf die Zukunft soll den breiteren Kontext in’s Bewusstsein bringen, der die künftigen Lebensbedingungen der (meist jugendlichen) GedenksättenbesucherInnen bestimmen wird. Während in der Wirtschaft ganz selbstverständlich mit viel Geld, Personal und differenzierten Methoden versucht wird, wünschenswerte Perspektiven und Prognosen zu entwickeln, Nebenfolgen abzuschätzen und darauf aufbauend Planungen zu konzipieren, ist dies im sozialen Bereich wenig üblich, obwohl ausgearbeitete Konzepte wie z.B. die »Zukunftswerkstätten« von Robert Jungk lange vorliegen.

Auch wenn dieser Ansatz zunächst nebulös erscheint, sind doch für die nächsten 10 Jahre eine Reihe von konkreten Entwicklungen absehbar, die die Bedingungen in den Gedenkstätten bestimmen: Etats für Gedenkstätten sind z.T. in Millionenhöhe für die nächsten Jahre projektiert, Inhalte und Methoden (ohne Technikeinsatz) im Bildungsbereich werden sich kaum wesentlich verändern, genau so wenig der Kreis der beteiligten Personen; die Jugendlichen, die 2012 in die Gedenkstätten kommen werden, sind bereits geboren, die Lehrer von heute meist dann noch im Amt (oder erleben wir gerade dann den großen Umbruch, da heute die Lehrer im Schnitt 47 Jahre alt sind?).

Massive Umbrüche im Kanon der Schulen zeichnen sich trotz PISA nicht ab, die beruflichen und sozialen Perspektiven der Jugendlichen werden kaum sicherer, eher durch die weitere Öffnung der Gesellschaften innerhalb der EU, Europas und der Welt sowie die ökonomischen, technischen und ökologischen Veränderungen bestimmt sein. Besonders im Bereich der Informations- und Kommunikationstechniken sind massive Veränderungen absehbar, die auch für die Gedenkstättenpädagogik beträchtliche Folgen haben werden.

Diese Dimensionen sind kaum Planungsgrundlage der Gedenkstättenpädagogik, obwohl wir »für die nächsten Generationen« mit unserer Arbeit wichtige Orientierungsmarken liefern wollen. So gesehen kommen wir nicht umhin, das vor uns liegende Terrain zu sondieren, schließlich sollen ja die Investitionen in den Gedenkstätten ebenfalls für Jahre gute Arbeitsgrundlagen gewährleisten.

Lässt man die Entwicklung der Gedenkstättenlandschaft in den vergangenen zehn Jahren Revue passieren, gibt es neben den Überraschungen eine Reihe von Faktoren, die voraussehbare Entwicklungen befördert haben: So ist die Neugestaltung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora bestimmt gewesen durch klare, langfristige Aufgabenstellungen einer Historikerkommission; die Orientierung an zeitlichen Zäsuren wie dem 50. Jahrestag der Befreiung 1995 oder dem Kulturstadtjahr 1999. Die Einrichtung der der Europäischen Jugendbildungs- und -begegnungsstätte Weimar (in der wir tagen werden) im Weimarer Kulturstadtjahr 1999 ist ebenfalls darauf zurückzuführen, dass bestimmte Personen und Stellen über Jahre hinweg Aufgabenstellung und Rahmenbedingungen konkretisiert haben. Ähnliches gilt für die Entstehungsgeschichte der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim und das Jugendgästehaus in Dachau - wobei auch deutlich ist, dass nicht alles so wird, wie man/frau es sich mal gewünscht hat. So gesehen, ist der Bezug auf die Zukunft nicht abwegig, sondern darauf gerichtet, in der Gesamtlandschaft zukünftiger Entwicklungen eigene Wegmarken so zu setzen, dass gangbare Verbindungen entstehen. Dabei wird auch deutlich werden, dass manches in die Zukunft verlegte Projekt woanders längst existiert und nur nicht in seiner Bedeutung für die Gedenkstättenpädagogik wahrgenommen wurde.

Methodisch ist das Treffen so angelegt, dass die TeilnehmerInnen in überschaubaren Gruppen arbeiten und dabei sowohl die Stadt Weimar als auch die Gedenkstätte Buchenwald intensiv kennenlernen - dieser Spannungsbogen ist ein Hauptthema der historisch-politischen Bildungsprogramme in der Gedenkstätte Buchenwald und der Europäischen Jugendbildungs- und -begegnungsstätte Weimar.

Wir freuen uns auf Euer Kommen!

Daniel Gaede für die AG Gedenkstättenpädagogik.

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