Opfer rechter Gewalt seit 1990

Ein Ausstellungsprojekt im Dokumentations– und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
07/2005Gedenkstättenrundbrief 125, S. 25-31
Andreas Pflock und Lars Reinking

Hintergrund

Am 14. September 2000 veröffentlichten »Der Tagesspiegel« und die »Frankfurter Rundschau« die erste Chronik von Opfern rechter Gewalt seit dem Jahr 1990. Nach ihrer letzten Aktualisierung im März 2003 verzeichnete sie insgesamt 99 Todesfälle und weitere 16 Verdachtsfälle. Beide Tageszeitungen haben den von ihnen recherchierten und zusammengestellten Übersichten folgende Kriterien zugrunde gelegt: Aufgenommen wurden Taten, die nachgewiesenermaßen aus rassistischen Motiven (dazu zählt auch der Hass auf »Andersartige«, »Fremde« oder »Minderwertige«) begangen wurden oder bei denen plausible Anhaltspunkte für einen rechtsextremen Hintergrund bestanden. Hinzu kommen weitere Fälle, in denen der oder die Täter nachweislich einem entsprechend eingestellten Milieu zuzurechnen waren und ein anderes Tatmotiv nicht erkennbar war. Keine der bestehenden Listen ist jedoch vollständig. Es gibt viele Zweifelsfälle, und die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte noch höher liegen.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der ersten Chronik im Jahr 2000 erkannte die Bundesregierung nur 24 der aufgenommenen Fälle an. Im Mai 2001 änderten die Innenminister von Bund und Ländern die Kriterien zur Erfassung rechter Straftaten: Die Definition von Extremismus, wonach es sich um Anschläge handelt, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet sind, wurde durch die Definition »politisch motivierte Kriminalität« ersetzt. Seitdem reicht beispielsweise »Verachtung für Obdachlose« als Motiv aus, um die Tat als politisch motiviert werten zu können. Von der Bundesregierung werden bis heute nur 39 Fälle als rechtsmotiviert bewertet. Zwar existiert nun ein neues »Definitionssystem politisch motivierte Kriminalität«, doch ob eine Straftat als politisch motiviert bewertet wird, entscheiden allein die zuständigen Landespolizeidienststellen.

Konzept

Auch wenn einzelne Angriffe immer wieder für kurze Zeit in den Schlagzeilen der Medien auftauchen, gelangt der Großteil nicht ins öffentliche Bewusstsein. Während die gesellschaftlichen Gründe für Rechtsextremismus intensiv diskutiert werden, erfährt man so gut wie nichts über die Opfer rechter Gewalt und ihre Angehörigen. Die Berliner Künstlerin und Kommunikationsdesignerin Rebecca Forner hat den Menschen, die von Rechtsextremen zu Opfern erst gemacht wurden, deshalb eine Ausstellung gewidmet. Erstmalig von Mai bis Juni 2002 am Bauzaun der Berliner Stiftung Topographie des Terrors gezeigt, ist nun eine veränderte, transportable Variante der Ausstellung verfügbar. Nach einer Präsentation in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal war sie vom 16. März bis 23. Mai 2004 im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg zu sehen.

Rebecca Forner porträtiert auf der Grundlage umfassender Recherchen in Pressearchiven insgesamt 131 Menschen, die seit 1990 rechter Gewalt zum Opfer fielen. Viele wurden getötet, weil für sie im Weltbild der Rechtsextremisten kein Platz ist; manche, weil sie die Courage hatten, Nazi-Parolen zu widersprechen. Einige Schicksale bewegten die Öffentlichkeit, viele wurden kaum zur Kenntnis genommen, vergessen sind die meisten. Die Ausstellung ruft diese Menschen in Erinnerung. Und sie konfrontiert die Besucher mit dem verdrängten Ausmaß rechtsextremer Gewalt in Deutschland.

Tafeln mit Kurzbiografien in Wort und Bild lassen den einzelnen Menschen hinter den Schlagzeilen hervortreten und dokumentieren die Umstände seiner Ermordung. Postkartenmotive aus zahlreichen deutschen Städten symbolisieren die schönen und touristischen Seiten des »Tatorts Deutschland«. Unterbrochen wird die Abfolge der Schicksale durch Spiegel mit den Aufschriften »Zuschauer?«, »Täter?« und »Opfer?«. Rebecca Forner hat damit die Idee der Erinnerung an die meistens nur als Randnotiz erscheinenden Opfer um die Frage der gesellschaftlichen Verantwortung erweitert. In einem Interview erklärte sie: »Es war mir von Anfang an wichtig, mit der Arbeit über das bloße Gedenken hinaus zu gehen. Diese Morde sollen nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Situation gesehen werden. Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft. Wir sind involviert, ob wir wollen oder nicht. Die Postkarten zeigen den Tatort Deutschland. Postkarten sind Selbstporträts, mit denen Gemeinden zeigen wollen, wie gut, wie schön es bei ihnen ist. Der Besucher schreibt sie aus dem Urlaub, um zu übermitteln, wie gut es ihm geht. Nicht wenige der Opfer sind nach Deutschland gekommen, weil sie hier einen Ort gesucht haben, an dem es ihnen besser gehen sollte, an dem sie Schutz finden würden. Ich habe die Postkarten beliebig ausgewählt, weil die Morde überall stattfinden, nicht nur im Osten, z. B. auch in Baden-Württemberg. Auch visuell stellen sie einen Bruch zum stillen Gedenken dar, weil sie als einziges farbiges Element in Kontrast zu den einfarbigen Tafeln stehen.«

Veranstaltungen

Bereits in der ersten Phase der Projektplanung wurde eine Ergänzung der Ausstellung durch ein Veranstaltungsprogramm aus Filmen und Vorträgen angedacht. Im Verlauf der dafür notwendigen Recherchen wurde in drastischer Weise deutlich, wie wenig Informationen über die Opfer rechter Gewalt öffentlich zugänglich sind. Während beispielsweise zahlreiche Filme und Bücher das Thema Rechtsextremismus aufgreifen, hinterfragen und diskutieren, fehlen öffentlich zugängliche Informationen zu den Opfern rechter Gewalt fast gänzlich. Dass die Perspektive der Opfer im Rahmen der begleitenden Filmreihe einen zentralen Stellenwert einnehmen konnte, war schließlich dem Hessischen Rundfunk zu verdanken. Esther Schapira, die seit 1995 als Redakteurin und Ressortleiterin der Abteilung Zeitgeschichte beim Fernsehen des HR tätig ist, stellte dem Dokumentationszentrum ihre dreiteilige Dokumentarfilmreihe »Tödliche Begegnung« zur Verfügung. Sie wurde im Jahr 2002 mit dem CIVIS-Medienpreis ausgezeichnet und widmet jeweils einen Beitrag dem Leben eines Opfers rechter Gewalt. Die Dokumentationen über Klaus-Peter Beer, Carlos Fernando und Norbert Plath lassen beispielhaft drei Menschen aus der Anonymität der knappen Agenturmeldungen hervortreten und zeigen eindrucksvoll die hinter der Opferstatistik stehenden menschliche Schicksale. Der Hessische Rundfunk ermöglicht zudem seit der Veranstaltungsreihe in Heidelberg die Nutzung der Filmdokumentationen zu vergünstigten Bedingungen für die weitere Begleitung der Ausstellung.

Die Vortragsveranstaltungen stellten verschiedene Aspekte der Ausstellung in den Mittelpunkt. Dominique John berichtete als Vertreter der »Opferperspektive e.V.« anhand exemplarischer Fallbeispiele über die Unterstützung und praktische Solidarität mit den Opfern rechtsextremer Gewalt im Land Brandenburg. Im Zentrum eines Filmabends mit Diskussion stand die »Feuerfalle von Rostock«. Kamil Taylan, Buchautor und Journalist beim Hessischen Rundfunk, zeigte seinen gleichlautenden Dokumentarfilm, der im Jahr 2002 mit dem CIVIS-Preis für Deutschland und Europa ausgezeichnet worden war, und erläuterte dessen Hintergründe. Aus Rostock war Nguyen do Thinh angereist. Er war zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter nach Deutschland gekommen und gehörte zu den 150 Vietnamesen, die in der »Feuerfalle von Rostock« stundenlang um ihr Leben kämpften, allein gelassen von der Polizei. Seine Schilderungen brachten dem Heidelberger Publikum die Ereignisse jener Nacht noch einmal in sehr persönlicher und eindringlicher Weise nahe. Er berichtete aber auch von der Arbeit des von ihm im Oktober 1992 ins Leben gerufenen vietnamesisch-deutschen Vereins »Diên Hông«. Nach einer Film- und Diskussionsveranstaltung mit der bereits erwähnten Journalistin Esther Schapira war die abschließende Begleitveranstaltung dem in Halberstadt von einem Skinhead getöteten Helmut Sackers gewidmet. Unter dem Titel »Braune Musik und tödliche ›Notwehr‹« schilderten die Lebensgefährtin des Getöteten, Heide Dannenberg, und die freie Journalistin Heike Kleffner die Hintergründe des Mordes. Sie berichteten auch über die anhaltenden Auseinandersetzungen mit Justiz und Behörden, die dem Ermordeten eine Anerkennung als Opfer rechter Gewalt und couragierter Bürger bisher verweigern.

Pädagogisches Angebot

Die Ausstellung wurde durch ein vom Wuppertaler Historiker Lars Reinking erarbeitetes pädagogisches Programm ergänzt, das er im zweiten Teil dieses Aufsatzes näher vorstellt. Es reichte von thematischen Einführungen bis hin zu Halbtagsworkshops und wurde im Großraum Heidelberg-Mannheim an zahlreichen Schulen beworben. Lars Reinking betreute an vier Tagen Workshops mit Kreativarbeiten und stellte den pädagogischen Mitarbeitern des Dokumentations- und Kulturzentrums Informationen und Arbeitsmaterialien zur Betreuung weiterer Workshops zur Verfügung. Insgesamt über 20 Schulklassen mit rund 500 Schülerinnen und Schülern nutzten das vertiefende Begleitangebot.

Im Rahmen der Ausstellung schrieb das Dokumentationszentrum zudem einen Plakatwettbewerb unter dem Motto »Miteinander gegen Rassismus – Miteinander gegen Rechts« aus. Eingereicht werden konnten Grafiken, Karikaturen, Comics, Skizzen, Zeichnungen und Collagen. Nach dem Eingang von rund 50 Beiträgen wählte eine unabhängige Jury – bestehend aus dem Mainzer Pädagogik-Professor Franz Hamburger, dem Mannheimer Grafiker Wieland Schmid und der Heidelberger Schülerin Ramune Armbrüster – drei Plakatentwürfe aus. Die Entscheidung fiel dabei auf die Arbeiten von Yasemin Küçük (Überwald-Gymnasium Wald-Michelbach), Johanna Molenda (Friedrich-Ebert-Gymnasium Sandhausen) und den Schülern der 8. Klassen des Wirtschaftsgymnasiums/Carl-Theodor-Schule in Schwetzingen.

Das Engagement der Jugendlichen wurde im Rahmen einer Feierstunde am 22. Juli gewürdigt und dabei der Öffentlichkeit erstmals Postkartensets mit den Motiven der ausgezeichneten Plakatentwürfe präsentiert, die seitdem im Dokumentationszentrum erhältlich sind. Die prämierten Plakate und eine Auswahl weiterer Wettbewerbsbeiträge waren bei diesem Anlass ebenfalls im Rahmen einer kleinen Sonderausstellung für die Öffentlichkeit zugänglich.

Perspektiven

Der Verein »Opferperspektive« und das Dokumentations- und Kulturzentrum planen für das Jahr 2005 die Herausgabe einer Begleitpublikation zur Ausstellung, die auch die in Heidelberg gesammelten Erfahrungen bei der pädagogischen Aufbereitung der Ausstellung aufnehmen soll. Die Ausstellung »Opfer rechter Gewalt« wurde zwischenzeitlich überarbeitet und kann bei der »Opferperspektive« entliehen werden. Umfassende Informationen zur Ausstellung und Kontaktmöglichen bietet die Internetseite: www.opfer-rechter-gewalt.de. Anregungen und Informationen zum Ausstellungsprojekt in Heidelberg sind unter www.sintiundroma.de im Bereich Pädagogik/Projekte abrufbar.

Stimmen zur Ausstellung

»Grobkörnige Porträts und blinde Flächen da, wo keine Fotos existieren, dazwischen Spiegel mit der Aufschrift: Zuschauer? Opfer? Täter? Und in Gedanken: Was bin ich?« (Der Tagesspiegel)

»Vielen Besuchern geht es bei der Betrachtung der Opfer aus den letzten zwölf Jahren so wie vielen, die die Dokumente aus dem Nationalsozialismus sehen. Man ist erstaunt und sagt: Diese Bilder habe ich noch nie gesehen, davon habe ich noch nie gehört.« (Andreas Nachama, Stiftung Topographie des Terrors)

»Ich fand die Ausstellung von Rebecca Forner sehr gut, weil sie zeigt, dass sehr viele Menschen umsonst sterben, ohne Grund. Man erfährt auch, dass die Neonazis einfach Menschen umbringen, ohne gefasst zu werden.« (Schüler der Humboldt-Realschule, Mannheim)

»Es hat sich gezeigt, dass symbolische Gesten politischer Repräsentanten und der Appell nach mehr Zivilcourage, so berechtigt dieser sein mag, nicht ausreichen, um die Gefährdung von Rechts einzudämmen. Umso wichtiger ist es, dass sich gerade junge Menschen gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagieren und versuchen, in ihrem Alltag ein Zeichen zu setzen. Ich hoffe, dass diese Ausstellung und das umfangreiche pädagogische Begleitprogramm einen Beitrag hierzu leisten können.« (Romani Rose, Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

Workshop zur Ausstellung

Für die Arbeit mit der Ausstellung war die Grundüberlegung maßgeblich, dass Schüler verschiedener Gesamt- und Realschulen sowie Gymnasien sich die Inhalte der Ausstellung mit Hilfe von Arbeitsaufträgen und vorbereiteten Materialien selbständig erarbeiten sollten, um sich so aktiv mit dem Thema auseinander zu setzen. Dabei war es das Ziel, den Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren die Opfer rechter Gewalt als Mitmenschen mit einer spezifischen Leidensgeschichte ins Bewusstsein zu rufen und für sie eine Öffentlichkeit im Form eines Denkmalentwurfs herzustellen, der von einzelnen Arbeitsgruppen für jeweils ein Opfer am Ende des Workshops angefertigt werden sollte. Damit verband sich die Überlegung, gegenüber den Tätern die Opfer stärker ins öffentliche Bewusstsein zu heben und so Empathiefähigkeit und Verantwortungsgefühl gegenüber Angehörigen von Minderheiten und Schwachen in unserer Gesellschaft zu stärken. Das Thema des vierstündigen Workshops wurde aus der jeweiligen gruppendynamischen Situation der Klasse heraus entwickelt. Bei einem Spiel wurden die Jugendlichen vor die Aufgabe gestellt, bei gleich bleibender Anzahl auf immer weniger Stühlen gemeinsam Platz zu finden. Es sollte erreicht werden, den anderen wahrzunehmen und so aufeinander zu achten, dass auch auf engem Raum für alle Platz bleibt. In einer anschließenden kurzen Reflexion wurde gemeinsam darüber nachgedacht, wo die Kooperation im Einzelnen funktioniert hat bzw. gescheitert ist, und wo die Gründe für Erfolg und Misserfolg gelegen haben könnten.

Ausgehend von den eigenen Erfahrungen gemeinschaftlicher Rücksichtnahme im Spiel war für die Schüler die Motivation gegeben, sich in der Ausstellung auf die Suche nach bestimmten Personen zu machen, denen Solidarität und der Schutz in einer Gemeinschaft versagt geblieben sind. Jede Schülergruppe erhielt den Namen eines Opfers, den sie in der Ausstellung finden sollte. Bei der entsprechenden Ausstellungstafel fanden die Gruppen vorbereitetes Quellenmaterial in Form von Zeitungsartikeln. Die Bearbeitung des Materials ermöglichte den Schülern, die genauen Tathergänge zu rekonstruieren und nachzuvollziehen, was den Opfern im Detail widerfahren war. Diese erarbeiteten Informationen wurden in einer anschließenden Präsentationsrunde aufbereitet. Das Vorstellen der Einzelschicksale bot dabei für die Schüler die Möglichkeit – jenseits abstrakter Diskussionen über »die Rechten« und deren Feindbilder – sich auf die Menschen zu konzentrieren, die ins Visier von Skinheads und Neonazis geraten. Im Zusammenhang mit der künstlerischen Inszenierung hatten die Schüler auch die Aufgabe erhalten, über die Bedeutung der Postkarten und Spiegel als Stilmittel nachzudenken. Mit etwas Hilfe rekonstruierten die Schüler sehr genau die Absicht der Künstlerin, die Zwiespältigkeit eines vermeintlich schönen Deutschlandbildes in der Öffentlichkeit und den Medien herauszuarbeiten. Die Erfahrung, sich selbst im Spiegel gesehen zu haben, führte zu den Fragen »Inwieweit bin ich selbst gefährdet?«, »Bin ich in gewisser Weise nicht auch Mittäter, wenn ich einen Übergriff nicht verhindere oder keine Hilfe hole?« und »Was kann ich überhaupt selbst ausrichten?«. Es war die künstlerische Inszenierung, die an dieser Stelle die entscheidende Frage nach den persönlichen Handlungsspielräumen aufwarf, und deren Brisanz sich im gemeinsamen Beschreiben und Analysieren der Ikonografie der Ausstellung offenbarte. Mit dem selbständigen Rundgang und der gezielten Wahrnehmung einzelner Fälle leisteten die Schüler selbst die wichtigste Vorarbeit zur Entschlüsselung der künstlerischen Sprache. Das anschließende Reflexionsgespräch diente dazu, diese Eindrücke zu sammeln, Verbindungen aufzuzeigen und Deutungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Der zweite Teil des Workshops war dem eigenen künstlerischen Arbeiten vorbehalten. Überraschend war immer wieder die Beobachtung, dass selbst große Schülergruppen, die nach über zwei Stunden Textarbeit und Diskussion erste Ermüdungserscheinungen und Unaufmerksamkeiten zeigten, bei der praktischen Arbeit sofort wieder »Feuer und Flamme« waren. Selbst Oberstufenschüler – von denen man annehmen könnte, dass ihnen »Werken und Basteln« eher fern liegen – machten sich mit Enthusiasmus und Einfallsreichtum an die Aufgabe, einen Denkmalentwurf aus Ton, Draht, Holz oder Gips für das Opfer rechter Gewalt zu entwerfen, das sie zuvor im Plenum vorgestellt hatten. Die Schüler waren durch die Aufgabenstellung dazu angehalten, die diskutierten Inhalte nochmals Revue passieren zu lassen und für sich selbst oder gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe eine Interpretation der Thematik in künstlerischer Form zu finden. Die bildnerischen Lösungen waren vielfältig und dokumentierten anschaulich, inwieweit die Opfer rechter Gewalt mit ihren Schicksalen präsent geworden sind. Gerade jüngere Schüler im Alter von 14-16 Jahren neigten dazu, den Angriff figurativ nachzustellen, um so das Ereignis als solches nachzuvollziehen. Erstaunlich war dabei das Bedürfnis der Jugendlichen, maßgebliche Aspekte wie die verwendeten Waffen bzw. den Gewaltakt als solchen detailliert nachzumodellieren. Was auf den ersten Blick vielleicht pietätlos anmutet, zeigt doch, dass gerade für jüngere Jugendliche gegenüber der eigentlichen Aufgabenlösung »Denkmal« das künstlerische Arbeiten vielmehr Anlass war, die gemachten Erfahrungen einzuordnen. Modellieren und Inszenieren hatten die Funktion, das Ereignis zu verarbeiten und zu verinnerlichen. Dass die Jugendlichen sich bei der Arbeit ernsthaft darum bemühten, ein Abbild der Situation anzufertigen und weniger eine reißerische Szene zu entwerfen, mag ein Hinweis dafür sein, dass sie sich durchaus darüber im Klaren waren, dass es sich hierbei um wirkliche Verbrechen handelte.

Demgegenüber kamen die älteren Schüler zwischen 16 und 18 Jahren zu abstrakteren bildnerischen Lösungen und nahmen ausdrückliche Interpretationen der Verbrechen vor. Es entstanden Arbeiten, die zum Teil einschlägige Symbole wie das Hakenkreuz oder einen Baseballschläger verwendeten, um diese dann zu dekonstruieren, indem sie sie zerstört oder in Ketten gelegt zeigten. Andere Entwürfe griffen Aspekte aus den Gesprächen des Vormittags wie z.B. die Frage der Solidarität oder der Toleranz auf. Die Schüler setzten dazu ihre Vorstellungen, Wünsche und Ängste bildnerisch um, indem sie z. B. Hände aus Gips modellierten, die aneinander vorbeigreifen. Sie versuchten die Unterschiedlichkeit der Menschen dadurch zu fassen, dass sie Schmetterlinge aus diversen Materialien wie Papier, Draht und Ton im Kreis um eine Taube anordneten, deren ausgestreckter Flügel verletzt ist und gestützt werden muss. Es sind gerade diese individuellen künstlerischen Äußerungen, die den Schülern die Gelegenheit gaben, ihre persönliche Sicht auf das Thema im Anschluss an den Ausstellungsbesuch zu formulieren. Gleichzeitig übernahmen die Schüler ein Stück gesellschaftlicher Verantwortung, denn ihre Arbeiten blieben in der Ausstellung. Die Schüler hatten deutliche Erinnerungszeichen gesetzt. Die eigentliche Ausstellung wurde so durch die Schülerarbeiten um eine Vielzahl bildnerischer Kommentare bereichert, die neuen Besuchern zusätzliche Angebote für Assoziationen machen konnten.

Fazit der pädagogischen Arbeit und Ausblick

Die Workshops haben gezeigt, dass kunstpädagogische Arbeitsweisen mit Jugendlichen im Rahmen von handlungsorientierten Konzepten sinnvoll eingesetzt werden können – gerade, wenn es darum geht, diese als Kommunikator einer persönlichen oder gemeinschaftlich verfassten Botschaft zu nutzen. Darüber hinaus haben kunstpädagogische Verfahren wie das der ikonografischen Analyse immer dann ihren Platz in der Vermittlungsarbeit, wenn man mit Besuchern, seien es Kinder oder Erwachsene, in historischen Ausstellungen oder künstlerischen Präsentationen über die Bedeutung, die Aussageabsicht und den Aussagewert von (historischen) Bildern ins Gespräch kommen will. Gerade in diesem Bereich altersgerechte Konzepte und Handreichungen zu entwickeln, mit denen Pädagogen in die Lage versetzt werden, gemeinsam mit einer Gruppe die visuellen Strategien einer Präsentation zu entschlüsseln, könnte ein lohnendes Arbeitsfeld auch zukünftiger Gedenkstättenpädagogik sein. Kunstpädagogische Arbeitsformen in die Gedenkstättenarbeit einzubeziehen heißt nicht, gängige und durchaus erfolgreiche pädagogische Konzepte wie Führungen, Spurensuche und Quellenarbeit aufzugeben. Vielmehr kann bildnerisches Arbeiten eine pädagogische Bereicherung sein, wenn es darum geht, eigenen Deutungen historischer Ereignisse eine ästhetische Form zu geben oder Arbeitsergebnisse in Form einer medialen Präsentation aufzubereiten, um so gesellschaftlich relevanten Themen eine öffentliche Präsenz zu geben.