Im Bereich des ehemaligen KZ-Außenlagers Klinkerwerk in Oranienburg erinnert seit Anfang Dezember 2011 eine neue Open-Air-Ausstellung an die Geschichte des als »Todeslager« gefürchteten Außenlagers des KZ Sachsenhausen. Entlang eines erhöhten Steges erzählt sie auf 16 Glastafeln mit Text- und Bildinformationen die Geschichte des ab 1938 von der SS errichteten »Großziegelwerks Oranienburg«, in dem tausende Häftlinge des KZ Sachsenhausen Zwangsarbeit leisten mussten. Ergänzt wird die Ausstellung, die sich unweit der Lehnitzschleuse auf dem Gelände des ehemaligen SS-Schießstandes befindet, von einem Modell, das die weitgehend zerstörten Anlagen des Klinkerwerks veranschaulicht. Hinzu kommen vier Informationsstelen, die an den jeweiligen Ereignisorten über die SS-Brotfabrik, das Häftlingslager, den Hafen und das Steinbearbeitungswerk informieren. Bereits im Frühjahr 2011 wurden eine Informationstafel am ehemaligen SS-Schießplatz sowie drei weitere Hinweistafeln in der Umgebung des Klinkerwerks und an der ehemaligen Tongrube in Zehlendorf aufgestellt.
Die von dem Berliner Architekten Martin Bennis und dem Stuttgarter Grafikbüro Weidner Händle Atelier entworfene Ausstellung wurde von der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen und der Stadt Oranienburg errichtet. Die Finanzierung erfolgte durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, eine zusätzliche Förderung leistete die Stadt Oranienburg. Der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch, erinnerte anlässlich der Ausstellungseröffnung an den 2010 verstorbenen langjährigen Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen Komitees, Pierre Gouffault. Selbst Häftling des Klinkerwerks, habe er durch seine bewegenden Reden in steter Beharrlichkeit die Realisierung des Geschichtsparks Klinkerwerk immer wieder angemahnt.
Seit dem Spätsommer 1938 mussten Häftlinge des KZ Sachsenhausen unweit des Hauptlagers das weltweit größte Ziegelwerk errichten, um die Baustoffe für die gigantischen Bauvorhaben der NS-Führung in der Reichshauptstadt Berlin zu liefern. Dazu trieb die SS täglich bis zu 2 000 Häftlinge unter den Augen der Oranienburger Bevölkerung über die Kanalbrücke ins Klinkerwerk. Auf dem Rückweg führten die Häftlinge einen mit den Todesopfern des Tages beladenen Karren mit sich. Als »Todeslager« war das Kommando unter den Häftlingen besonders gefürchtet, zumal die SS das Klinkerwerk als Tatort gezielter Mordaktionen nutzte. Mit der Einrichtung eines Barackenlagers bekam das Klinkerwerk 1941 den Status eines Außenlagers. Ab 1943 nutzte die SS das Gelände für die Rüstungsproduktion. In den Öfen des Klinkerwerks wurden Granatenrohlinge geglüht. Bis heute befinden sich im Boden des Geländes sowie im davor liegenden Kanal die sterblichen Überreste zahlreicher Opfer.
Unter den rund 100 Außenlagern des KZ Sachsenhausen nimmt das Klinkerwerk eine ganz besondere Stellung ein. Hier wurden Häftlinge bestimmter Gruppen wie vor allem Juden, Sinti und Roma, Polen und Homosexuelle durch die mörderischen Arbeitsbedingungen und durch gezielte Aktionen ermordet. Im Sommer 1942 fielen mehr als 100 Homosexuelle einer solchen Mordaktion der SS zum Opfer. Adam König kam unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Polen als in Deutschland lebender Jude polnischer Nationalität in das KZ Sachsenhausen und musste im extrem kalten Winter 1939/40 das Klinkerwerk mitaufbauen. Für ihn, der Auschwitz überlebte, blieb das Klinkerwerk mit den schlimmsten Erinnerungen an jahrelange KZ-Haft verbunden: »Ich habe in der Folgezeit bis zu meiner Befreiung im April 1945 in mehreren KZ in einer größeren Anzahl von Arbeitskommandos gearbeitet. Keines reichte annähernd an die Arbeitshetze und die grausamen Massen- und Einzeltötungen im Klinkerwerk heran«, sagte er bei einer Gedenkveranstaltung im April 2011. Adam König ist einer von sechs Häftlingen, deren Lebensgeschichten auf zwei Tafeln dargestellt werden und die von ihren Erinnerungen an die Torturen im Klinkerwerk berichten.
Zu ihnen gehört auch der polnische Überlebende Marian Sobkowiak, der an der Eröffnung teilnahm und eine Ansprache hielt. In der Ausstellung berichtet er als Zeitzeuge über den Bombenangriff auf die Anlagen des Klinkerwerks im April 1945, den die Häftlinge schutzlos über sich ergehen lassen mussten: »Als ich den Bombentrichter verließ, bot sich mir ein schreckliches Bild, das ich bis heute vor Augen habe. Der Boden war voller Leichen und um Hilfe rufender, verwundeter Häftlinge. Kurz vor dem Bombenangriff lernte ich eine Familie aus Warschau kennen, einen Vater und zwei seiner Söhne, die man nach dem Warschauer Aufstand nach Sachsenhausen brachte. Neben dem Bombentrichter lagen der Vater und einer seiner Söhne, beide waren tot. Daneben lag der zweite Sohn mit abgerissenem Bein. Er stöhnte und schrie vor Schmerzen. Den Schrei höre ich bis heute.« Die sterblichen Überreste der Opfer des Luftangriffs wurden teilweise vor Ort in Bombentrichtern verscharrt, wo sie bis heute ruhen.
Nachdem das historische Gelände des Klinkerwerks, das zugleich ein Friedhof ist, jahrzehntelang in Vergessenheit geraten war, wird schon seit mehr als zehn Jahren um die Errichtung eines Geschichtsparks gerungen. Nach dem Abtransport von Maschinen und Geräten in die Sowjetunion sprengte die Rote Armee 1948 die Ruinen des Klinkerwerks und ebnete die Flächen ein. Das 1951 an die Stadt Oranienburg übergebene Gelände diente von 1966 bis 1989 als Übungsgelände der Nationalen Volksarmee der DDR. Die Stadt Oranienburg errichtete 1977 ein Mahnmal an der heutigen Bundesstraße 273 in der Nähe der Brücke über den Oder-Havel-Kanal. Nachdem das Gelände nach der deutschen Vereinigung als wilde Müllkippe genutzt worden war, richtete der Landkreis Oberhavel 1991 hier ein Gewerbegebiet ein. Noch im selben Jahr begann die Firma Havelbeton am Hafen mit der Produktion von Frischbeton. Proteste von Überlebenden und Verbänden führten 1992 zu einem Stopp der Gewerbeansiedlung. 1996 wurde das gesamte Gelände unter Denkmalschutz gestellt. Ein Jahr später beschlossen alle Beteiligten einhellig die Errichtung des Geschichtsparks »KZ-Außenlager Klinkerwerk«. Workcamp-Teilnehmer legten Spuren frei und gestalteten einen provisorischen Gedenkort am ehemaligen Hafenbecken.
Die im Jahr 2000 im Auftrag der Stadt Oranienburg vorgelegten Planungen für die Errichtung des Geschichtsparks »KZ-Außenlager Klinkerwerk« sehen eine Öffnung des Geländes sowie eine zurückhaltende landschaftsplanerische Gestaltung vor, die die einstigen Anlagen des Klinkerwerkgeländes in ihren räumlichen Dimensionen und funktionalen Zusammenhängen wieder sichtbar macht. Hinzu kommen ein Wegesystem entlang der historischen Trassen, Informationsmodule an den einzelnen Ereignisorten, ein Aussichtshügel an der Stelle des ehemaligen Tonberges sowie ein Gedenkort. Obwohl von den Überlebenden immer wieder angemahnt, kam es bisher mit Hinweis auf die Munitionsbelastung des Geländes nicht zur Realisierung des Geschichtsparks.
Die Gedenkstätte Sachsenhausen erstellte 1999 eine Open-Air-Ausstellung zur Geschichte des Klinkerwerks, die zuerst im Innenhof des Oranienburger Schlosses und seit 2005 am original erhaltenen Hafen des Klinkerwerks gezeigt wurde. Alljährlich trafen sich Überlebende, Verbände und Interessierte, um anlässlich des Jahrestages der Befreiung am authentischen Ort der zahlreichen Opfer zu gedenken. Nachdem 2010 erste Informationstafeln des künftigen Geschichtsparks errichtet wurden, konnte nun endlich die Open-Air-Ausstellung »Steine für ›Germania‹ – Granaten für den ›Endsieg‹« im Bereich des ehemaligen SS-Schießplatzes eröffnet werden. Für die Neugestaltung des Gedenkplatzes am ehemaligen Hafenbecken hat die brandenburgische Landesregierung 2012 Fördermittel in Höhe von 200 000 Euro bereitgestellt.
Dr. Horst Seferens ist seit 1997 Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Er hat zu Gedenkstätten herausgegeben (mit U. Heimrod und G. Schlusche): Der Denkmalstreit – das Denkmal? Die Debatte um das »Denkmal für die ermordeten Juden Europas«. Eine Dokumentation, Berlin 1999; sowie: Die Spiegelwand (=Architekturführer Bd. 74), Berlin 2005.