Anfang April 1944 sandte Oswald Pohl, Chef des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes und damit Herr über die Konzentrationslager, Reichsführer-SS Heinrich Himmler eine Aufstellung aller Konzentrationslager im Reich und in den besetzten Gebieten. Danach unterstanden der Verwaltung des SS-WVHA 20 KZ-Hauptlager und 130 sogenannte Arbeitslager, wie die bei Rüstungsbetrieben eingerichteten KZ-Außenlager bei der SS genannt wurden. Handschriftlich fügte Pohl (oder Himmler?) seinem Schreiben noch stolz hinzu: »In Eickes Zeit waren es insgesamt 6 Lager! Jetzt: 185!«[1] Theodor Eicke hatten die Konzentrationslager bis Kriegsbeginn unterstanden.
Heinrich Himmler war über Pohls Meldung sichtlich erfreut und antwortete ihm in einem Schreiben vom 22. April 1944, »gerade an solchen Beispielen« könne »man sehen, wie unsere Dinge gewachsen sind, nicht zuletzt durch Ihr Verdienst«.[2] Wäre die KZ-Zentrale in Berlin besser informiert gewesen, hätte Pohl seinem Chef sogar eine noch höhere Lagerzahl melden können. Tatsächlich unterstanden dem SS-WVHA Ende März 1944 nämlich 19 KZ-Hauptlager mit knapp 350 Außenlagern, insgesamt also fast 370 Lager. Tatsächlich war das Jahr 1944 durch eine Explosion des KZ-Phänomens gekennzeichnet. Einige Zahlen mögen dies verdeutlichen:
Bei Kriegsbeginn, im September 1939, gab es in Deutschland und dem angeschlossenen Österreich 6 KZ-Hauptlager. Mit der Gründung neuer Lager in den besetzten Gebieten stieg die Zahl bis Ende 1941 auf 13 und bis Ende 1942 auf 18 Lager an.
Die eigentliche Expansion des Lagersystems begann jedoch erst 1943, und zwar durch die zunehmende Gründung von KZ-Außenlagern, deren Insassen Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie und bei Bauvorhaben leisten mussten. Ende 1943 existierten bereits fast 260, im Juli 1944 fast 600 und im Januar 1945 über 730 Lager[3] – und das, obwohl der deutsche Herrschaftsbereich in diesem Zeitraum erheblich geschrumpft war und zahlreiche Lager im Osten wie im Westen mit der Deportation ihrer Insassen in das Reichsgebiet schon wieder aufgelöst worden waren. Im Winter 1944/45 gab es kaum noch eine Stadt in Deutschland und Österreich, in der sich nicht ein KZ-Außenlager befand.
Mit den Außenlagern wuchs das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager bis zum Kriegsende immer mehr in die deutsche Gesellschaft hinein, und mit ihnen kam die im Osten radikalisierte Tat von der Peripherie zurück ins Zentrum der Tätergesellschaft.
Eine Schlüsselrolle kam in diesem Zusammenhang der Untertageverlagerung der Rüstungsindustrie zu, die im Herbst 1943 mit der Verlagerung der Raketenrüstung von Peenemünde in das unterirdische »Mittelwerk« bei Nordhausen begann.[4] Der zügige Ausbau eines unterirdischen Tanklagers zur Raketenfabrik, dem Tausende von KZ-Häftlingen aus dem dafür Ende August 1943 gegründeten Buchenwalder Außenlager »Dora« zum Opfer fielen, entwickelte sich seit dem Winter 1943/44 zum Referenzobjekt für den absurden und gigantomanischen Versuch, angesichts der alliierten Luftüberlegenheit die deutsche Rüstungsindustrie in bombensichere unterirdische Räume zu verlegen, von denen viele erst noch ausgeschachtet werden sollten.
Koordiniert durch das Rüstungsministerium, dessen Chef Speer das Mittelwerk im Dezember 1943 inspiziert hatte, begann man im Frühjahr 1944 überall im Reichsgebiet mit der Schaffung neuer Untertage- oder Bunkeranlagen, von denen viele im Rahmen des Jägerprogramms entstehen sollten und die unter größtem Zeitdruck vorangetrieben wurden (die meisten wurden allerdings nie fertiggestellt). Die Leitung der Bauarbeiten oblag in den meisten Fällen der SS oder der OT; als Arbeitskräfte wurden neben ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen vor allem KZ-Häftlinge eingesetzt, für die in der Nähe der Baustellen KZ-Außenlager eingerichtet wurden.
Ende 1944 arbeiteten über 240 000 KZ-Häftlinge, darunter zahlreiche ungarische Juden, unter mörderischen Bedingungen auf den unter- und oberirdischen Baustellen der SS und der OT. Etwa die gleiche Anzahl von Häftlingen musste zu diesem Zeitpunkt Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben leisten. Es gab seit 1943 mithin zwei Gruppen von KZ-Außenlagern:
• Lager, die bei bestehenden Industriebetrieben eingerichtet wurden;
• die Außenlager der Verlagerungsprojekte.
Während die Arbeitsbedingungen in den Lagern der ersten Gruppe (zu der im übrigen die meisten Frauen-Außenlager gehörten) meistens vergleichsweise erträglich waren, galten die Außenlager der Verlagerungsprojekte – wie alle Bau-KZ – als Todeskommandos. Der Grund dafür war das wichtigste Selektionskriterium der SS und der Unternehmen: die Ersetzbarkeit der KZ-Zwangsarbeiter. In Rüstungsbetrieben eingesetzte Häftlinge waren beruflich meist qualifiziert und/oder mussten über einen längeren Zeitraum eingearbeitet werden. Ihr Verlust hätte einen ökonomischen Schaden bedeutet, also achteten SS und Firmenleitungen darauf, dass die Arbeitskraft zumindest der als Facharbeiter bezeichneten Häftlinge annähernd erhalten blieb. Ganz anders war es bei den beruflich meist nicht qualifizierten Bauhäftlingen (so der Quellenbegriff): Sie galten der SS und den Betriebsleitungen als ersetzbar, also ließ man sie sich bis zum Tode abarbeiten, denn Nachschub schien in den Hauptlagern ja in großer Zahl bereit zu stehen. Dabei hatte die Praxis, wonach die Firmen der SS für jeden Häftling eine pauschale Tagesgebühr zahlen mussten, katastrophale Folgen für die Bauhäftlinge: Die Firmen setzen alles daran, die Arbeitszeiten möglichst auszudehnen. Wenn Häftlinge erschöpft ausfielen, mussten sie von der SS durch neue Häftlinge ersetzt werden: Die Firmen zahlten für Tagewerke – egal, wer sie leistete. Der Kräfteverlust der Häftlinge und die damit einhergehende ständige Weiterverlegung in schlechtere Arbeitskommandos und schließlich in die Sterbezonen der Lager beschleunigte sich durch diese Praxis weiter.[5]
Paradigmatisch zeigte sich diese Form mobiler Selektion im KZ Mittelbau-Dora. Überhaupt steht dieses KZ modellhaft für die versuchte Untertageverlagerung der Rüstungsindustrie im letzten Kriegsjahr und die dabei praktizierte extensive Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen, deren Tod bewusst einkalkuliert wurde.
Der historische Kontext der Geschichte Mittelbau-Doras war die sich abzeichnende deutsche Kriegsniederlage und der von Propagandaminister Goebbels propagierte Totale Krieg. Der drängende Arbeitskräftemangel in der deutschen Rüstungsindustrie führte dazu, dass dort seit 1942/43 zunehmend KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. KZ-Zwangsarbeit in dieser ökonomisierten Form wäre ohne den Kontext der drohenden Kriegsniederlage nicht denkbar gewesen. Das gilt auch für die Untertageverlagerung. 1943/44 hatten die Alliierten längst die Lufthoheit über Deutschland. Um die Rüstungswerke vor Luftangriffen zu schützen, versuchten die Rüstungsmanager um Minister Speer zum einen die Produktion von Jagdflugzeugen anzukurbeln und zum anderen die Werke unter die Erde verlagern zu lassen.
Im Ansatz mag das noch Ergebnis rationaler Planung gewesen sein. Allerdings gewann die Untertageverlagerung in der NS-Propaganda und in der Autosuggestion vieler Rüstungsmanager und Ingenieure schnell einen mystischen Wert. SS-Chef Heinrich Himmler phantasierte im Frühjahr 1944 vom neuen »Höhlenmenschen«[6], und Hitler sprach zur gleichen Zeit gar von der »großzügigen und endgültigen Verlagerung der gesamten deutschen Industriewerke unter die Erde«.[7]
Vorbild war dabei immer das Mittelwerk, das vor allem deshalb in der NS-Führung bewundert wurde, weil dort die sogenannten Vergeltungswaffen hergestellt wurden, vor allem die V2-Rakete, von der sich nicht nur die NS-Führungsriege, sondern viele Deutsche eine Wende im bereits verlorenen Krieg versprachen. Eines unterschied das Mittelwerk allerdings von den vielen Untertageverlagerungsprojekten des letzten Kriegsjahres: Weil die Stollenanlagen zu Beginn der Verlagerung bereits vorhanden waren (sie waren seit 1936 als unterirdisches Tanklager für die Wehrmacht ausgeschachtet worden), konnte hier tatsächlich noch produziert werden. Bei den meisten Verlagerungsvorhaben des Jahres 1944 mussten die Stollenanlagen dagegen noch ausgeschachtet werden. Eine quantitativ bedeutsame Rüstungsproduktion hat hier nie stattgefunden, allenfalls eine Einlagerung von Maschinen oder allenfalls die eher symbolische Montage einiger weniger Flugzeuge oder Waffen, wie es beim Reimahg-Werk bei Kahla der Fall war.
Wie absurd diese Planungen waren, mögen einige Zahlen veranschaulichen: Rund um das Mittelwerk plante der Jägerstab seit dem Frühjahr 1944 weitere Untertageanlagen, die KZ-Häftlinge ausschachten sollten. Für den Ausbau der Stollen im Mittelwerk, die eine Fertigungsfläche von etwas mehr als 110 000 qm boten, hatte man acht Jahre benötigt, von 1936 bis 1944. Die Stollenanlagen in der Nachbarschaft, die unter der Bezeichnung »Unternehmen Mittelbau« seit dem Frühjahr 1944 neu ausgeschachtet werden sollten, waren mit einer Fertigungsfläche von mehr als einer Million Quadratmeter geplant. Die Erweiterungsbauten sollten also zehn mal größer als das Mittelwerk werden; sie sollten aber nicht in acht, sondern in nicht einmal einem Jahr fertiggestellt werden.
Selbstverständlich wurden die Fristen für die Fertigstellung der geplanten Bauabschnitte nie eingehalten. Doch statt die Planungen pragmatisch nach unten zu revidieren, legten die Bauingenieure und Rüstungsplaner mit jeder nicht eingehaltenen Frist Planungen vor, die noch größenwahnsinniger waren. Die unterirdischen Rüstungswerke waren mithin eine Chimäre. Das einzige, was real produziert wurde, war der tausendfache Tod der bei den Bauarbeiten eingesetzten Zwangsarbeiter.
Wunderwaffenpropaganda und Untertageverlagerung – beides war Ausdruck der Realitätsflucht in einem untergehenden Regime. Kaum etwas verdeutlicht die mörderische Absurdität der NS-Rüstungsplanungen im letzten Kriegsjahr besser als die Geschichte Mittelbau-Doras.
In der Öffentlichkeit gilt Mittelbau-Dora dagegen bis heute vielfach als Produktionsstätte der V-Waffen. Technikbegeisterung und der offenbar bis heute wirkende Mythos der V-Waffen haben dazu beigetragen, dass nicht nur Laien und Marketingstrategen, sondern bisweilen auch Historiker Mittelbau-Dora als Raketen-KZ verkauft haben[8] – the rocket sells. Die Folge ist, dass ein Teil der Besucher nicht aus einem sozialhistorischen Interesse an der Geschichte des KZ und seiner Insassen in die Gedenkstätte Mittelbau-Dora kommt, sondern mit einer Motivation, die man als diffuse Mischung aus unpolitischer Technikbegeisterung, naiver Höhlenromantik und kindlichem Entdeckertrieb bezeichnen kann – vielleicht lässt sich ja doch noch der Nazi-Goldschatz oder das Bernsteinzimmer finden … Manchmal geht diese Motivation auch einher mit einer rechtslastigen Glorifizierung vermeintlicher technischer Großtaten deutscher Ingenieure. Die Rakete und der Stollen – schon Joseph Goebbels hatte sich daran begeistert. Im Juli 1944 schrieb er nach der Vorführung eines von Rüstungsminister Speer in Auftrag gegebenen Werbefilms über die A4-Rakete, mit der die NS-Führung und damit die Geldgeber überzeugt werden sollten, weiter in das Raketenprogramm zu investieren, in sein Tagebuch:
»A4 [die technische Bezeichnung der V2-Rakete] wird in der Hauptsache in Fabriken unter der Erde geschaffen. Wenn man diese Fabriken im Film sieht, hat man den Eindruck, es handle sich um Zwerge, die den Nibelungenschatz bearbeiten. Die Arbeit wird vorwiegend von KZ-Häftlingen gemacht. Dann sieht man, wie das Geschoss zur Abschussstelle gefahren wird. […] Man hat den Eindruck, der Geburt einer neuen Welt beizuwohnen. Ich kann mir vorstellen, dass A 4 zu einer völligen Revolutionierung unserer Waffentechnik führen und der Zukunftskrieg durch diese Erfindung ein neues Gesicht erhalten wird. Ich kann mir die Vorführung des Films nicht oft genug ansehen.«[9]
Wie ist mit solcherlei geprägten Erwartungen gedenkstättendidaktisch umzugehen? Grundlegend falsch wäre es, dem Besucher mit dem erhobenen Zeigefinger moralischer Entrüstung zu vermitteln, die Technik- und Höhlenbegeisterung sei schlecht; stattdessen habe er um die Opfer zu trauern. Abwehrreflexe wären die Folge, wie überhaupt Gedenkstättenarbeit nicht auf historisch entleerte Pietät reduziert werden darf. Im Gegenteil: Nur die historische Auseinandersetzung und die Kontextualisierung helfen hier weiter. Der Mythos der V-Waffen und der Untertageanlage kann nur durch die historische Evidenz selbst dekonstruiert werden. Hier setzt die pädagogische Arbeit in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora an, und zwar sowohl bei den Führungen durch die Stollenanlage als auch in der neu konzipierten und im Herbst 2006 eröffneten Dauerausstellung. Führt man dem Besucher vor Augen, dass das vermeintliche unterirdische Rüstungszentrum im Harz weitgehend eine tödliche Chimäre war, ein Phantasieprojekt der NS-Elite und ihrer Ingenieure, die vor der Realität des verlorenen Krieges in die Höhlen des Harzes flüchteten, so wird der Technikfaszination und der Höhlenromantik weitgehend der Boden entzogen.
Was bleibt, ist das Mittelwerk mit seiner V2-Montage. Aber auch hier lief nicht alles so reibungslos, wie es sich die Militärs, Ingenieure und Manager selbst einredeten. Realiter bietet die Geschichte der Mittelwerk GmbH ein eindrückliches Beispiel betriebswirtschaftlicher und technologischer Inkompetenz, die viel mit kriegsbedingter Improvisation zu tun hat. Kaum war Anfang 1944 die Raketenmontage angelaufen, als aus dem Rüstungsministerium der Befehl kam, die nördliche Hälfte der Stollenanlage des Mittelwerkes zugunsten des Junkers-Konzerns zu räumen. Sämtliche gerade erst eingebauten Maschinen mussten nun wieder abgebaut und in die südliche Hälfte der Stollenanlage hineingezwängt werden. Der Ausstoß an A4-Raketen erlitt zwangsläufig in den folgenden Monaten einen starken Einbruch.[10]
Aber auch in der Folge konnten die geplanten monatlichen Produktionszahlen nie erreicht werden. Das hing erstens ursächlich damit zusammen, dass die A4-Rakete eigentlich noch nicht serienreif war. Ständig wurden Konstruktionsänderungen in den laufenden Fertigungsprozess eingefügt. Zweitens gab es wegen der Bombardierung der Zulieferbetriebe und der Verkehrswege ständig Ausfälle in der Zulieferung von Bauteilen. Drittens litten nicht nur die Menschen, sondern auch die empfindlichen Maschinen an den schlechten klimatischen Bedingungen unter Tage. Und viertens scheiterte die Raketenproduktion im Mittelwerk an der Unvereinbarkeit von High-Tech und Zwangsarbeit. Im Gegensatz zur Zwangsarbeit im Baukommando, wo Häftlinge mit roher Gewalt zur Arbeit angetrieben wurden, waren der qualifizierten Zwangsarbeit enge systematische Grenzen gesetzt. Ein Häftling, der filigrane Schweißarbeiten an der Steuerung der A4-Rakete vornehmen musste, konnte nicht ohne weiteres mit körperlichen Zwang angetrieben werden. Letztlich musste er, um gute Arbeitsergebnisse zu zeigen, ein Interesse am Produkt haben. Das war aber nicht gegeben, arbeiteten die Häftlinge doch an einer Waffe, die gegen die eigenen Angehörigen in der Heimat gerichtet waren und die eigene KZ-Haft zu verlängern helfen sollten.
Der Leitung der Mittelwerk GmbH wurde dieses Problem bald bewusst. Leistungsanreize wie Prämienscheine für minderwertige Lebensmittel oder Bordellbesuche verfehlten jedoch die von der Firmenleitung erhoffte Wirkung bei den KZ-Zwangsarbeitern. Deshalb wurde das Zahlenverhältnis von Häftlingen und deutschen Zivilbeschäftigten schrittweise verändert. Kamen anfangs auf jeden Zivilbeschäftigten noch acht Häftlinge, so waren es am Ende nur noch zwei.[11] Trotzdem produzierte das Mittelwerk weiterhin fast ein Drittel Ausschuss.
Diese – hier in aller Kürze wiedergegebenen – historischen Informationen werden den Gedenkstättenbesuchern in den Führungen und in der Ausstellung vermittelt. Technische Details werden also keineswegs ausgeklammert. Sie werden aber nicht um ihrer selbst willen erzählt, sondern sozialgeschichtlich kontextualisiert. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Folgen technische Entwicklungen für die Menschen hatten, die mit ihr zu tun hatten – seien es KZ-Häftlinge, die gezwungen wurden, Waffen zu montieren, oder die Techniker und Ingenieure, die diese Waffen entwickelten und im Betrieb die Zwangsarbeit von Häftlingen veranlassten, koordinierten oder anleiteten. Das übergreifende Thema ist hier die ethische Verantwortung von Wissenschaftlern und Technikern.
Überhaupt – dies sei als Parenthese formuliert – spielt die Frage nach der Motivationsstruktur der Täter- und Mittäterschaft, die sowohl Techniker als auch Architekten, Bauingenieure, Manager und die Profiteure und Zuschauer im Umfeld der Lager umfasst, in der Gedenkstättenpraxis eine zentrale Rolle. Die deutsche Gesellschaft muss sich als Post-Täter-Gesellschaft sehr viel stärker mit den Tätern auseinandersetzen als ausländische Gedenkstätten und Museen wie Yad Vashem oder dem USHMM, bei denen die Opfer naturgemäß stärker im Mittelpunkt stehen.
Doch zurück zur Dekonstruktion des V-Waffen- und Höhlenmythos in der Gedenkstättenarbeit. Die Dekonstruktion des V-Waffen-Mythos ist Teil eines integralen gedenkstättenpädagogischen Konzeptes, das den Besuch der Dauerausstellung, die Führungen durch die Stollenanlage sowie das frühere Lagergelände und die Projektarbeit mit Gruppen umfasst, für die vorbereitete Materialsammlungen zum Thema Zwangsarbeit, Untertageverlagerung und Verantwortung von Wissenschaftlern und Technikern bereit stehen.
Kernthema der neuen Dauerausstellung ist die Rolle Mittelbau-Doras als Modellfall der KZ-Zwangsarbeit. Die Raketenmontage im Mittelwerk und der Ausbau neuer Stollenanlagen werden als Subthemen der Zwangsarbeit erzählt und damit dem erreichten Forschungsstand entsprechend historisch kontextualisiert. Zudem wird deutlich gemacht, dass Mittelbau-Dora weit eher ein Bau-KZ als ein Raketen-KZ war. Das zentrale Leitexponat der Ausstellung ist mithin nicht etwa eine Rakete, sondern ein aus dem Stollen geborgener originaler Grubenhunt, eine Art überdimensionale Lore, mit der Häftlinge beim Stollenvortrieb ausgebrochenes Gestein in mühevoller und kräftezehrender Arbeit aus dem Stollen brachten.
Dort, wo die Raketenmontage im Mittelwerk gezeigt wird, ist sie in ihren historischen Kontext gestellt. Es wird gezeigt, dass der funktionierende High-Tech-Betrieb tief unter der Erde im Grunde eine Wunschvorstellung der Ingenieure und Manager war. Als Beispiel sei die Ausstellungs-Präsentation der Mittelwerk-Fotos von Walter Frentz genannt, von denen manche aufgrund starker und vorwiegend unkritischer medialer Verbreitung einen hohen Bekanntheitsgrad aufweisen. Der historische Kontext der Fotos war der Kampf um Dringlichkeitsstufen und politische Prioritätensetzung innerhalb der NS-Rüstungswirtschaft. Im Frühjahr 1944 stand das Heeres-Raketenprogramm wegen ungelöster technischer Probleme und angesichts des Konkurrenzdrucks durch die Luftwaffe vor dem Aus. Rüstungsminister Speer, der das Raketenprogramm unterstützte, beauftragte deshalb den Fotografen und Kameramann Walter Frentz, einen Film über die Produktion der V2-Rakete herzustellen. Frentz hatte in den 1930er Jahren Filme mit Leni Riefenstahl gedreht und galt als »Leibfotograf« von Adolf Hitler. Mit dem V2-Film wollte Speer bei hohen NSDAP-Parteifunktionären Werbung für das Raketenprogramm machen, um auf diese Weise dessen Finanzierung sicherzustellen. Während der Dreharbeiten im Mittelwerk machte Frentz auch Fotografien. Eine Serie von Kleinbild-Farbdias blieb erhalten und wurde 1998 in seinem Nachlass gefunden. Es handelt sich um gestellte Aufnahmen aus der Perspektive der Täter. Zu sehen sind gut genährte Häftlinge, die Bauteile der V2-Rakete zusammensetzen oder filigrane Elektroarbeiten an der Steuerung vornehmen. Es soll der Eindruck einer funktionierenden High-Tech-Fabrik vermittelt werden; das Leiden der Häftlinge wird ausgeblendet.
Mit jeder öffentlichen Präsentation dieser Fotos geht die Gefahr einher, dass erstens die Realität des Konzentrationslagers verharmlost und zweitens der (Auto-)Suggestion der Raketeningenieure gefolgt wird, die ihren Auftraggebern eine funktionierende Untertagefabrik vortäuschten. Die Frentz-Aufnahmen werden in der Ausstellung daher sehr behutsam und in ihrem historischen Kontext gezeigt. Ihrer Entstehung und ihrem Format entsprechend werden die Dias seriell auf einem Bildschirm präsentiert; d.h., es gibt keine großen Printversionen der Fotos, sondern lediglich die virtuelle Diashow. Diese wird umrahmt von Zitaten überlebender Häftlinge und deutscher Ingenieure, die über die Zwangsarbeit und die Schwierigkeiten bei der V2-Produktion im Mittelwerk berichten. Mit dem französischen Physiker Charles Sadron ist einer der KZ-Überlebenden, die über die Zwangsarbeit berichten, auf den Frentz-Fotos selbst zu sehen.
Die Präsentationsform der Frentz-Fotos ist ein gutes Bespiel dafür, dass technische Details zur Raketenrüstung in der Ausstellung keineswegs ausgespart werden, dass sie aber immer sozialgeschichtlich dimensioniert sowie quellenkritisch in ihrem Entstehungszusammenhang gebracht werden. Das gilt auch für die zahlreichen Biographien von Häftlingen wie Tätern, die in der Ausstellung präsentiert werden. Neben den Raketeningenieuren um Wernher von Braun werden dabei auf der Täterseite auch Baufachleute wie Herbert Rimpl und Rüstungsmanager wie Albert Speer und Karl-Maria Hettlage porträtiert.
Technische Exponate aus der Raketenproduktion werden hingegen relativ zurückhaltend gezeigt. Gleich im ersten Ausstellungsraum wird der Besucher allerdings mit vielen Relikten aus dem Stollen konfrontiert – Schutt und Raketenschrott, der Dora als Schlachtfeld des Totalen Krieges visualisiert.
Die Gestaltung des Museumsneubaus in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora ist 2001 aus einem internationalen Ideen- und Realisierungswettbewerb hervorgegangen. Unter den zahlreichen Beiträgen befanden sich auch mehrere, die das Museum in unmittelbare Nähe zur Stollenanlage platzierten. Diese Vorschläge hatten in der Jury aus gutem Grund kaum eine Chance. Die Verweildauer in der Gedenkstätte beträgt durchschnittlich zwei Stunden. Würde das Museum sich vor dem Stolleneingang befinden, würden sich viele Besucher außer der Stollenanlage vielleicht gerade noch die Ausstellung ansehen. Das ehemalige Lagergelände, in dem sich noch zahlreiche bauliche Relikte befinden (das Krematorium etwa ist nahezu komplett erhalten, und auch vom »Bunker« und zahlreichen Funktions- und Unterkunftsbaracken gibt es noch bauliche Relikte), bliebe von den meisten Besuchern weitgehend unbeachtet. Für das Verständnis der Lagergeschichte sind diese Zeugnisse jedoch unverzichtbar. Nur beides zusammen: der Stollen und das Lagergelände, vermitteln dem Besucher eine Ahnung vom historischen Geschehen und regen zur Auseinandersetzung mit der Geschichte an.
Der Museumsneubau ist deshalb ganz bewusst nicht vor dem Stollen, sondern in der Nähe des Häftlingslagers errichtet worden. Er ist als architektonische Klammer zwischen dem Häftlingslager und dem Industriegelände mit den Stolleneingängen gedacht. Dem Besucher wird von hier aus ein Blick auf das gesamte Lagergelände und seine räumlich-funktionale Gliederung ermöglicht. Die Dauerausstellung und das als Dokument verstandene Lagergelände sind so – unter der Voraussetzung der historisch-didaktischen Erschließung des Geländes – eng mit einander verzahnt.
Führungen in die Stollenanlage beginnen mit einer räumlichen und historischen Orientierung an einem Freiluftmodell vor dem Museum. Sie beinhalten immer auch eine Führung zumindest durch einen Teil des ehemaligen Häftlingslagers. Aus bergrechtlichen, aber auch aus pädagogischen Gründen kann die Stollenanlage nur im Rahmen von Führungen durch Gedenkstättenpersonal erfolgen. (Das hat zur Folge, dass der Anteil an geführten Besuchern der Gedenkstätte bei weit über 50 Prozent liegt).
Nur ein kleiner Teil der Stollenanlage, die sich im Eigentum eines Bergbauunternehmens befindet, das bis vor kurzem obertätig Anhydrit abgebaut hat, ist für Besucher zugänglich. Besichtigt werden können diejenigen Bereiche der Stollenanlage, die für das Leben und Leiden der Häftlinge besondere Bedeutung gehabt haben: die ehemaligen »Schlafstollen«, also jene Kammern, die von Oktober 1943 bis Juni 1944 zur Unterbringung der Häftlinge genutzt wurden (später dienten sie als Werkhallen für die V1-Produktion) und die von September 1943 bis März 1944 zum Sterbeort von über 3000 Menschen wurden. Spätestens hier wird dem Besucher deutlich, dass er sich nicht in einem Raketenmuseum und schon gar nicht in einer Weihestätte deutscher Ingenieurskunst befindet, sondern an einem Ort des Gedenkens, der zugleich unterirdischer Friedhof ist und an dem das Leiden der KZ-Häftlinge im Mittelpunkt steht.
Der Stollen, der zugleich unterirdisches KZ war, unterscheidet Mittelbau-Dora übrigens von den meisten anderen Untertageverlagerungsprojekten des letzten Kriegsjahres. Bei fast allen anderen Untertageprojekten der NS-Zeit waren die dort eingesetzten Zwangsarbeiter außerhalb der Untertageanlagen in Barackenlagern untergebracht (Ausnahmen sind ein Schacht in Hambühren bei Celle, in dem Strafgefangene Zwangsarbeit leisten mussten, und ein stillgelegtes Kalibergwerk bei Weferlingen, in dem 1944 monatelang KZ-Häftlinge untergebracht wurden). Diese Feststellung ist nicht ganz irrelevant, gibt es doch an vielen Orten solcher Stollenbauprojekte heute Forderungen nach Öffnung der jeweiligen Stollenanlage für museale Zwecke (z.B. in Hersbruck, Langenstein-Zwieberge und auch in Kahla). Zwar sind die genannten Rüstungsprojekte ohne die Stollenanlagen nicht zu denken. Unverzichtbar ist aber, dass die Stollenanlagen im Kontext der gesamten Lagergeschichte und der heutigen Lagerrelikte didaktisch dimensioniert werden. Letztlich waren die Stollenanlagen in den meisten Fällen nur eine Arbeitsstätte von Zwangsarbeitern unter anderen, etwa beim Straßen- oder Gleisbau. Auf letzteren Baustellen sind Häftlinge ebenso elendig an den Folgen der Zwangsarbeit zugrunde gegangen wie beim Stollenvortrieb. Es fällt deshalb schwer, irgendeinen nachvollziehbaren Grund dafür zu finden, diese Stollenanlagen gegenüber anderen Arbeitsorten, etwa in den Rüstungsfabriken, oder gegenüber den eigentlichen Lagergeländen und Grabstätten didaktisch herausragend zu behandeln.
Der Aufsatz ist auch erschienen in dem Band »Sperrige Vergangenheit«, hrsg. von Justus H. Ulbricht
Dr. Jens-Christian Wagner ist Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora
[1] Schreiben Pohl an Himmler, 5.4.1944, BA Berlin, NS 19/1921, Bl. 1.
[2] Schreiben Himmler an Pohl, 22.4.1944, BA Berlin, NS 19/1921, Bl. 2.
[3] Die Zahlen beruhen auf einer kritischen Auswertung der – z.T. fehlerhaften und unvollständigen – Daten, die Gudrun Schwarz 1990 zusammengetragen hat; vgl. Gudrun Schwarz, Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt/New York 1990.
[4] Zum Mittelwerk und dem angeschlossenen KZ Mittelbau-Dora vgl. etwa André Sellier, Zwangsarbeit im Raketentunnel. Geschichte des Lagers Dora, Lüneburg 2000 sowie Jens-Christian Wagner, Produktion des Todes. Das KZ Mittelbau-Dora, Göttingen 2004.
[5] Vgl. dazu ausführlich Wagner, Produktion des Todes, S. 359 ff.
[6] Schreiben Heinrich Himmler an Oswald Pohl, 17.12.1943, BA Berlin, NS19/317, Bl. 3.
[7] Protokoll der »Führerbesprechung« am 5.3.1944, abgedr. in: Willi A. Boelcke (Hg.): Deutschlands Rüstung im Zweiten Weltkrieg: Hitlers Konferenzen mit Albert Speer 1942–1945, Frankfurt/Main 1969, S. 338.
[8] Vgl. etwa die mehrfach aufgelegte Studie von Manfred Bornemann, Geheimprojekt Mittelbau. Vom zentralen Öllager des Deutschen Reiches zur größten Raketenfabrik im Zweiten Weltkrieg, Bonn 1994 oder die in weiten Teilen apologetische Broschüre von Fred Dittmann und Jürgen Michels, Größter Geheimwaffenproduzent des Dritten Reiches, Kelbra 1992. Bezeichnend für Verkaufsstrategien in Deutschland ist der Umstand, dass die seriöse Dora-Studie des Historikers und ehemaligen Häftlings André Sellier (siehe oben, Anm. 4) im Gegensatz zur französischen Originalausgabe (die einfach nur »Histoire du Camp de Dora« heißt) den Titel »Zwangsarbeit im Raketentunnel« führt.
[9] Elke Fröhlich (Hg.), Die Tagebücher des Joseph Goebbels, Teil II, Diktate 1941–1945, Bd. 13, München u.a. 1995, S. 105 f. (Eintrag vom 13.7.1944).
[10] Vgl. auch im folgenden Wagner, Produktion des Todes, S. 201 ff.
[11] Vgl. ebd., S. 215 ff.