NS-Dokumentationszentrum München eröffnet

12/2015Gedenkstättenrundbrief 180, S. 3-14
Stefanie Endlich

Am 1. Mai 2015, zum siebzigsten Jahrestag der Befreiung Münchens durch die US-Armee, wurde das neue Haus eingeweiht, das nun umfassend und auf neue Weise die Geschichte des Nationalsozialismus in München präsentiert. Das NS-Dokumentationszentrum mit seiner vier Geschosse einnehmenden Dauerausstellung ist als »Lern- und Erinnerungsort« mit vielfältigen Angeboten konzipiert. Es hat eine lange Vorgeschichte, ein spezielles Arbeitsprofil, einen geschichtsträchtigen Standort und ein markantes architektonisches Erscheinungsbild. Entsprechend groß war die öffentliche Aufmerksamkeit in München wie auch im In- und Ausland. Der Pressespiegel der Eröffnungstage umfasst mehrere hundert Beiträge. Rund 60 000 Besucherinnen und Besucher kamen bereits im ersten Monat.

Errichtet wurde das Dokumentationszentrum auf dem Grundstück des Palais Barlow, einer klassizistischen Villa, die Paul Ludwig Troost 1930 zur Parteizentrale der NSDAP umgebaut hatte; Troost war bis zu seinem Tod 1934 Hitlers Lieblingsarchitekt und Berater. Hier befand sich Hitlers Arbeitszimmer, hier residierten die Oberste SA-Führung, die Reichsführung SS sowie mehrere NSDAP-Abteilungen – bald wurde das Palais als »Braunes Haus« bezeichnet.[1] 1944 wurde es durch Bomben weitgehend zerstört. 1947 riss man die Ruine ab und verfüllte die Keller mit Bauschutt. Die Wahl dieses historischen Standorts für das zukünftige Dokumentationszentrum war daher eine programmatische Entscheidung, von Bürgerinitiativen seit Beginn der 1990er-Jahre gefordert. Das weiße, würfelförmige Gebäude der Architekten Georg, Scheel, Wetzel definiert nicht nur das Areal des »Braunen Hauses« neu, sondern gibt auch dem benachbarten Königsplatz und den ehemaligen NS-Bauten am östlichen Platzrand eine visuell, vor allem aber thematisch neue Prägung. Das Dokumentationszentrum grenzt unmittelbar an den ehemaligen »Führerbau«. Dort wurde im September 1938 das »Münchner Abkommen« unterzeichnet, bei dem Hitler im Vorfeld des großen Krieges die Zustimmung Frankreichs und Großbritanniens und natürlich Italiens zur Eingliederung des Sudetenlandes ins Deutsche Reich einholte. Heute befindet sich im »Führerbau« die Hochschule für Musik und Theater.

München galt für die Nationalsozialisten als »Hauptstadt der Bewegung«. So wurde sie seit 1935 in mythischer Überhöhung auch offiziell bezeichnet. Das »rote« Berlin lehnte Hitler innerlich ab. Dennoch siedelte er das Planungszentrum in Berlin an, verlegte den machtpolitisch entscheidenden Teil des Parteiapparates in die Hauptstadt und bestimmte die Stadt zur künftigen »Welthauptstadt Germania«. An München jedoch hing sein Herz. Hier wurde 1919 die Partei gegründet, hier sollte sie ihren »ewigen Sitz« haben. In München befand sich der Bürgerbräukeller, der als Ausgangspunkt des Hitlerputsches, als Ort der Wiedergründung der nach dem Putsch verbotenen NSDAP 1925 und als Schauplatz martialischer Hitlerreden eine zentrale Rolle im Selbstverständnis der Nationalsozialisten spielte. In München inszenierten sie ihre großen Gedenktage, den Parteigründungstag und den »Marsch zur Feldherrnhalle«, der den Hitlerputsch von 1923 feierte. München wurde zur »Hauptstadt der Deutschen Kunst«, das von Troost erbaute »Haus der Deutschen Kunst« zum Leitbild für die Durchsetzung der antimodernen NS-Ideologie im Kunstbereich. Im Milieu dieser Stadt formierten sich entscheidende Elemente der NS-Doktrin. Hier erhielt Hitler besondere Förderung durch Unterstützer-Kreise aus Bürgerschaft, Wirtschaft und Verwaltung.

Mit der Umgestaltung des klassizistischen Königsplatzes zum monumentalen »Forum der Bewegung« schuf Paul Ludwig Troost das Vorbild für die Planungen von Speer in den Folgejahren für Berlin, Nürnberg und andere Städte. Der Umbau des begrünten Platzes ab 1934 zu einem steinernen Aufmarsch- und Kultplatz mit »Ehrentempeln«, auf die nun alle anderen Platz-Elemente axial ausgerichtet waren, und mit repräsentativen Parteineubauten am Ostrand war das erste große Bauprojekt des NS-Regimes. Troost ersetzte die Rasenfläche durch Granitplatten, machte aus der hindurchführenden Brienner Straße eine »nationale Via Triumphalis«, entwarf auf der gegenüberliegenden Seite der Propyläen, des von Leo von Klenze entworfenen tempelartigen Stadttors, zwei »Ehrentempel« zur Zelebrierung des Totenkultes und beidseitig dieser »Tempel« den »Führerbau« für Hitlers Repräsentation im Norden sowie den »Verwaltungsbau« der NSDAP im Süden. Auf dem Königsplatz, ausgestattet mit Infrastruktur für riesige Massenveranstaltungen, wurden kultische Gedenkfeiern für den Hitlerputsch und die dabei zu Tode gekommenen »Blutzeugen« zelebriert, deren Leichen in den »Ehrentempeln« in Bronze-Sarkophagen aufgebahrt waren. Im »Führerbau« befanden sich Hitlers Arbeitszimmer und das seines Stellvertreters Rudolf Hess. Der äußerlich identisch gestaltete »Verwaltungsbau« war bis Kriegsende die Zentrale der Parteiadministration, mit Akten der sieben Millionen Parteimitglieder[2]; er beherbergt heute kulturelle Einrichtungen. Das »Braune Haus«, zwischen beiden gelegen, war Nukleus einer nationalsozialistischen Aneignung des Stadtraums. In den beiden Monumentalbauten und in angrenzenden Gebäuden arbeiteten schließlich etwa 6000 Menschen in mehr als fünfzig miteinander vernetzten Einrichtungen für Organisationen und Verbände der NSDAP.

Die Alliierten ließen 1947 die »Ehrentempel« als wichtigste Kultstätte des Nationalsozialismus sprengen. Ihre Sockel wurden 1956 bepflanzt und in den 1990er-Jahren unter Naturschutz gestellt, nachdem in ihren Ritzen ein Biotop mit seltenen Pflanzen entstanden war. Erst 1996 wurde eine Tafel mit historischen Informationen aufgestellt. Der Königsplatz wurde in der Nachkriegszeit in das städtische Leben eingemeindet und als Parkplatz genutzt. 1988 entfernte man die Granitplatten und stellte – als eine Art Wiedergutmachung für die hier bejubelten Untaten der Nationalsozialisten – die Begrünung nach altem Vorbild wieder her, ganz ohne Hinweis auf seine Geschichte. Viele Menschen aus Bürgerschaft und Fachöffentlichkeit sahen hingegen in dieser Maßnahme einen weiteren Versuch, die NS-Vergangenheit auch an diesem symbolischen Ort zu verdrängen.[3]

Die langjährigen Forderungen von Initiativgruppen, Geschichtswerkstätten und Stadtteilvertretungen, ein NS-Dokumentationszentrum für München einzurichten, konzentrierten sich von Anfang an auf den Königsplatz und seine repräsentative und mythenbeladene Rolle. Der »Initiativkreis für ein NS-Dokumentationszentrum in München«, der eine breite Unterstützung von Vereinen, Organisationen und Einzelpersonen erfuhr, hat seit seiner Gründung im Jahr 2002 ebenfalls für den Standort des »Braunen Hauses« plädiert. Die Rolle des bürgerschaftlichen Engagements bei der Entstehung dieses Projektes kann gar nicht genug hervorgehoben werden. Ohne den »Initiativkreis«, der sich immer wieder zu Wort meldete, wäre das Vorhaben nie zustande gekommen. Lange Zeit trafen in München Versuche der offenen Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte auf besondere Widerstände von Politik und Verwaltungen. Daher die Forderungen, die historischen Orte und ihre Rolle im NS-Terrorsystem im öffentlichen Raum selbst kenntlich zu machen und darüber hinaus eine Dokumentationsstätte einzurichten, die die spezifische Rolle Münchens im Nationalsozialismus beleuchtet und allen Versuchen, die Mythen der Geschichte in die Gegenwart zu transportieren, mit sachlicher Aufklärung begegnet.[4]

Im Jahr 2001 traf der Münchner Stadtrat und 2002 der Bayerische Landtag auf Drängen der Initiativen die Grundsatzentscheidung, ein NS-Dokumentationszentrum im Umfeld des Königsplatzes zu errichten. Auch der Bund sollte mit ins Boot geholt werden. Mehrere Symposien und Gesprächsreihen in den Jahren 2002 bis 2004 drehten sich um das Profil der zukünftigen Einrichtungen und versuchten, Zielkonflikte offen auszutragen. Die Stadt entschied sich auf der Grundlage eines Gutachtens von Winfried Nerdinger, damals Professor für Architekturgeschichte an der TU München und Leiter des Architekturmuseums in der Pinakothek der Moderne, für eine »große Lösung«: Anstelle einer oder mehrerer Open-Air-Ausstellungen sollte das NS-Dokumentationszentrum ein eigenes Gebäude erhalten. Im Jahr 2006 stellte der Freistaat Bayern dafür das Grundstück des einstigen »Braunen Hauses« zur Verfügung. Die Betreuung des Projektes wurde dem Kulturreferat der Stadt München übertragen. Eingerichtet wurden ein Kuratorium, ein Politischer Beirat und ein Wissenschaftlicher Beirat.

Ein Jahr lang debattierte der Wissenschaftliche Beirat Grundsatzfragen zum Charakter des geplanten NS-Dokumentationszentrums. Seine konzeptionellen Empfehlungen[5] definierten die Richtung für dessen zukünftige Arbeit. Für die generelle Ausrichtung wurde beschlossen, dass es bei diesem Projekt nicht um eine allgemeine Darstellung der NS-Geschichte und um Diktaturen-Vergleich gehen sollte. Zentrales Thema und Ausgangspunkt von Ausstellung und Bildungsarbeit sei die spezielle Rolle Münchens als Gründungs- und Entstehungsort des Nationalsozialismus und als Stadt der -Selbstinszenierung des Regimes. Am Beispiel Münchens sollten Entstehungs- und Wirkungsmechanismen des NS-Staates veranschaulicht und das Ver-sagen der Institutionen verdeutlicht, aber auch die individuellen Handlungsspielräume beleuchtet werden. Der Ausschluss, die Diskriminierung und Ermordung politischer und gesellschaft-licher Gruppen sollten in engem Zusammenhang mit der Integration und Aufwertung jener dargestellt werden, die das System stützten. Angestrebt wurde ein »offener und lebendiger Ort der Information, des Lernens, der kritischen Auseinandersetzung und der Diskussion«, mit multiperspektivischen Präsentationsformen, innovativen Ausstellungstechniken, Wechselausstellungen, Veranstaltungsprogrammen, die zum wiederholten Besuch motivieren, dynamischen Bildungsprogrammen, Publikationen und Internetangeboten. »Warum München?« und »Was geht mich das heute an?« – diese beiden Fragen sollten als Leitmotiv für Ausstellung und Bildungsarbeit dienen.

Die Konzeption des Wissenschaftlichen Beirats wurde vom Kuratorium bestätigt und von Stadt und Land übernommen. Für den Neubau wurden 30 Millionen Euro veranschlagt, die Stadt, Land und Bund zu je einem Drittel tragen sollten. Nach längerem Zögern war auch der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien im Herbst 2007 bereit, die gesamtstaatliche Bedeutung des Hauses anzuerkennen und seinen Kostenanteil zu übernehmen. Er hatte dies zunächst abgelehnt, weil das NS-Dokumentationszentrum als sogenannter Täter-Ort nicht dem Gedenkstättenkonzept des Bundes entspreche, das in erster Linie Orte der Opfer fördere. Es sollte allerdings noch mehr als anderthalb Jahre dauern, bis Stadt, Land und Bund die gemeinsame Förderung auch schriftlich besiegelten.

So konnte 2008 ein Architekturwettbewerb ausgelobt werden, bei dem ein international offenes Bewerbungsverfahren in einen Realisierungswettbewerb mit 60 eingeladenen Teilnehmern mündete. Auf der Grundlage der Konzeption des Wissenschaftlichen Beirats war ein Raumbedarf von etwa 3000 Quadratmetern ermittelt worden. Das NS-Dokumentationszentrum sollte für Ausstellungen und Bildungsarbeit gleichermaßen geeignet sein. Wesentliche Aufgabe war es außerdem, den Bezug zur umgebenden historischen Topographie herzustellen, vor allem zum Königsplatz, zu den Sockeln der »Ehrentempel« und zu den ehemaligen Parteibauten. Die Architektur des Gebäudes sollte den Bruch mit der nationalsozialistischen Geschichte des Standortes und der benachbarten Bauten visuell kenntlich machen.

Die Jury entschied sich 2009 für den Entwurf der Berliner Architekten Bettina Georg, Tobias Scheel und Simon Wetzel. Der Neubau steht auf dem Grundriss des »Braunen Hauses«, mit kleinen Abweichungen in Flächenausdehnung und Positionierung. Er hat die Form eines Kubus aus weißem Sichtbeton mit sechs quadratischen Flächen von 22,5 Metern Kantenlänge in Höhe, Breite und Tiefe – weiß, denn der Beton ist mit Weißpigment und hellem Sand hergestellt. Auch das Innere des Gebäudes ist in Weißbeton gehalten. An seiner Westseite ist eine quadratische Terrasse vorgelagert, ebenfalls aus Weißbeton. Sie dient als erweiterter Eingangsbereich, öffnet sich zum Königsplatz und verbindet als öffentliche Freifläche das Gebäude mit der Umgebung. Nach Westen grenzt sie unmittelbar an den denkmalgeschützten Sockel des nördlichen »Ehrentempels«, nach Nordwesten an den ehemaligen »Führerbau«, die heutige Hochschule für Musik und Theater. In den Kubus sind großformatige, mehr als sechs Meter hohe Fassadenöffnungen eingeschnitten. Sie zeichnen die Lufträume nach, die im Inneren je zwei Geschosse miteinander verbinden, ziehen sich teils um die Gebäude-Ecken herum und lenken die Blicke der Besucher nach draußen. Strukturiert und rhythmisiert werden sie durch vertikale Lamellen in Form schmaler, hoher, ebenfalls weißer Betonscheiben. Das Eingangsfoyer im Erdgeschoss betritt man von der Terrasse durch eine zweigeschossige Fassadenöffnung. Die Besucher der Dauerausstellung werden per Aufzug direkt ins vierte Obergeschoss gebracht, wo der Rundgang beginnt. Im fünften Stock befinden sich Seminar- und Sitzungsräume und die Büroräume der Mitarbeiter. Im ersten Untergeschoss dient ein großer Raum als »Lernforum«, im zweiten ist ein Veranstaltungssaal untergebracht; beide Untergeschosse dehnen sich auch unter dem Vorplatz aus.

Als geometrischer weißer Würfel im Stadtraum steht das NS-Dokumentationszentrum eigenständig im Ensemble der wuchtigen, eher düsteren NS-Bauten. Im Kontrast zu ihnen, aber auch zur klassizistischen und neoklassizistischen Bebauung der Umgebung, ist er absichtsvoll und deutlich erkennbar wie ein Fremdkörper gestaltet. Der Baukörper wirkt abstrakt; seine großen Fenster sorgen für Transparenz und eröffnen umfassende Ein- und Ausblicke. Von vielen Raumsituationen aus können die Besucher die umgebenden NS-Bauten, die Sockel der »Ehrentempel« und den Königsplatz betrachten. So werden diese gewissermaßen zu Exponaten der Ausstellung. Der Neubau verzichtet auf symbolische Formen, dramatische Zeichen oder kalkuliert spektakuläre Effekte. Stattdessen setzt er auf die Kraft der klaren, geraden Struktur, auf das Spiel mit dem Licht und auf eine Fülle von subtilen Raumeindrücken, die erst beim genaueren Hinschauen bewusst werden. Symbolisch sind nur, allerdings in übertragener Weise, der Standort selbst und die Wechselbezüge zwischen Architektur und städtischem Umfeld.

Die Bauarbeiten begannen 2011. Zuvor, schon im Blick auf die Ausschreibung des Architekturwettbewerbs, war die Entscheidung getroffen worden, die unter dem Gras verborgenen Keller- und Fundamentreste des »Braunen Hauses« nicht in den Neubau zu integrieren und schon gar nicht zum Ausgangspunkt des Neubau-Entwurfes zu machen. Die Relikte waren im Jahr 2006 nach archäologischen Untersuchungen freigelegt worden. Ob die Bodenspuren als historisches Sachzeugnis erhalten werden sollten, war zunächst kontrovers diskutiert worden, auch im Wissenschaftlichen Beirat. Man kam jedoch zu der Überzeugung, dass jene Relikte mit »Kasino« und »Dietrich-Eckardt-Stüberl«, Technik- und Sanitärräumen keine wirkliche Aussagekraft über die nationalsozialistische Rolle des »Braunen Hauses« hatten, sondern eher die Gefahr bargen, dass sich mit ihnen eine fragwürdigen Ruinen-Romantik herausbilden könnte.

Grundsteinlegung war 2012. Ebenfalls im Jahr 2012 übernahm Winfried Nerdinger das Amt des Gründungsdirektors. Die Stadt München hatte sich zuvor von der 2009 berufenen Gründungsdirektorin Irmtrud Wojak getrennt. Nerdinger, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, hatte gemeinsam mit drei ebenfalls im Beirat mitwirkenden Historikern – Günter Hockerts, Marita Krauss, Peter Longerich – in den Jahren 2011/12 im Auftrag des Kulturreferats München das Ausstellungskonzept erarbeitet. Dieses wurde nun zur Grundlage für das Drehbuch. Die Dauerausstellung erstreckt sich über etwa 1000 Quadratmeter. Der Besuch kann mit einem Einführungsfilm im Erdgeschoss-Foyer beginnen oder gleich im vierten Obergeschoss. Von dort führt der Rundgang – auf jeder Etage jeweils einmal um den Erschließungskern des Gebäudes herum – über Treppen hinunter zum dritten und zweiten Stock und endet im ersten Stock, in dem auch die wechselnden Sonderausstellungen untergebracht sind.

Vier Kapitel mit insgesamt 33 Themenschwerpunkten umfasst die Dauerausstellung:

»Ursprung und Aufstieg der NS-Bewegung«, beginnend mit dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution, im Fokus die besonderen Bedingungen in München, die Hitlers Aufstieg möglich machten, das völkisch-rechtsextreme Netzwerk der Stadt, aber auch die demokratischen Gegenkräfte der Stadt.

»Mitmachen – Ausgrenzen. Zwei Seiten der ›Volksgemeinschaft‹«: zum einen Ämter, Karrierechancen und soziale Angebote als Belohnungs- und Anreizsystem für Parteigenossen und »Volksgenossen«, zum anderen die Zerstörung der Vielfalt, gerade auch der kulturellen, die zunehmend radikalisierte Diskriminierung von Juden und anderen Gruppen vor aller Augen und die Rolle von Dachau als Modell für das gesamte KZ-System.

»München und der Krieg«, mit besonderem Blick auf den Vernichtungskrieg im Osten, auf Deportationen und Völkermord und auf die Rolle Münchens als Zentrum von Rüstungsindustrie und Zwangsarbeit wie auch als Schauplatz des Widerstandes.

»Auseinandersetzung mit der NS-Zeit nach 1945«: die Nachwirkungen des Nationalsozialismus, Entnazifizierungsmaßnahmen, aber auch bruchlos weitergeführte Karrieren der Täter, mühsame Kämpfe der Opfer um Entschädigung, Schlussstrich-Mentalität, Formen des Verdrängens, aber auch zivilgesellschaftliche Initiativen gegen das Vergessen.

Jedes Kapitel wird mit einem Großbild eingeführt, auf das die Besucher zugehen, wenn sie die Treppe herunterkommen oder aus dem Aufzug treten; jedes Großbild ist wiederum mit einem Zweitbild ergänzt, kommentiert oder kontrastiert. Die Nummerierung der Exponate weist die Richtung des Rundgangs. 33 »Leitbilder« führen in den jeweiligen Themenschwerpunkt ein. Texte, Fotos, Dokumente und Filme zu den Ereignissen und Problemen werden auf einer vertikalen und auf einer horizontalen Ebene präsentiert. An den Wänden vor allem großformatige Fotos auf LED-beleuchteten Tafeln, viele von ihnen ausführlich in ihrem Entstehungskontext erläutert. An großen Leuchttischen jeweils in der Mitte des Raums dann eine Vielzahl kleinformatiger Fotos, Pläne und Dokumente zur Vertiefung. Zwischen 800 und 900 Dokumente werden gezeigt, viele von ihnen bisher unveröffentlicht. Dazwischen einige Filmausschnitte, jedoch keine interaktiven Angebote, da diese, so Nerdinger, in der Ausstellung eher ablenken würden. Biografien spielen eine wesentliche Rolle; sie beleuchten die Motive und Handlungsspielräume von Tätern und Opfern, Mitläufern und besonders auch von Angehörigen des Widerstandes. Die außerordentlich aufwendige Ausstellungstechnik ist für die Besucher nicht zu erkennen. Der Rundgang endet an einer digitalen »Zeitungswand«, an der man die tagesaktuellen Meldungen zu Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und zum Fortleben nationalsozialistischer Denkmuster antippen und aufrufen kann.

Ein Höhepunkt des Rundgangs ist jene Raumsituation in der Nordwest-Ecke des Hauses, wo ein Luftgeschoss den dritten und zweiten Stock verbindet und große Fensteröffnungen den Blick nach Norden auf den ehemaligen »Führerbau« und nach Westen auf den Sockel des nördlichen »Ehrentempels« mit dem dahinter liegenden Königsplatz freigeben. Jeweils zwei vor den Fensterlamellen über- beziehungsweise untereinander angebrachte Großbildschirme fügen dem Blick auf die baulichen Relikte der NS-Zeit Filmsequenzen aus zwei vergangenen Zeitschichten hinzu: Beim »Führerbau« Aufnahmen von der Unterzeichnung des hier geschlossenen Münchner Abkommens, kontrastiert mit beschwingt anmutenden Szenen aus der Zeit zwischen 1948 und 1957, als in dem monumentalen Repräsentationsbau das Amerikahaus als Schule für Demokratie und »Re-Education« untergebracht war; bei Königsplatz und »Ehrentempel« die kultischen Massenveranstaltungen und Zeremonielle für die »Märtyrer der Bewegung«, kontrastiert mit den Sprengungen der »Ehrentempel« 1947.

Im ersten Untergeschoss ist das Lernforum mit Bibliothek und Seminarräumen untergebracht. Es dient der Vertiefung und Erweiterung der Ausstellungsinhalte und kann individuell und in Gruppenarbeit genutzt werden. Die Handbibliothek umfasst derzeit etwa dreieinhalbtausend Bücher. Hier findet man auch einen kleinen Teil der von dem Sammler Georg P. Salzmann zusammengetragenen und seit 2009 in der Universität Augsburg beheimateten »Bibliothek der verbrannten Bücher«. Für das Lernforum hat das NS-Dokumentationszentrum gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Architekturinformatik der TU München ein mediales Konzept entwickelt, das neueste digitale Vermittlungstechnologien in einer eigens für das Projekt entwickelten Datenbank einsetzt. An Recherchestationen können die Besucher die Inhalte der gesamten Dauerausstellung, ein digitales Lexikon für Grundinformationen und Zeitzeugen-Interviews abrufen. Der Clou sind jedoch drei große, inhaltlich und technisch völlig neuartige Medien-Tische. Sie bieten interaktive Informationsangebote auf der Basis der städtischen Datenbank: zu Ursprüngen und Bausteinen der NS-Ideologie (was haben die Nationalsozialisten aus gängigen Vorurteilen gemacht?), zum Netzwerk der NSDAP und ihrer Vorgängerorganisation DAP und zur »Topographie der Verfolgung«. Dabei wurden Sachtexte, Biografien von insgesamt 15 000 NS-Opfern und Informationen zu mehr als 400 Lagern mit Kartenmaterial verknüpft. Die wissenschaftliche Seite dieses Projekts wurde von Peter Longerich entwickelt und betreut.

Wenn man den Neubau betritt, wenn man ihn verlässt oder auch beim Blick vom Foyer aus nach draußen sieht man ein Medienkunst-Projekt von Benjamin und Emanuel Heisenberg und Elisophie Eulenburg mit dem Titel »Brienner 45«, der alten Adresse des »Braunen Hauses«. Auf Monitoren, die in eigenartigen Formationen aus dem Boden ragen oder in ihn zurückzusinken scheinen, sind Texte von Schlüsseldokumenten aus der NS-Zeit zu filmischen Collagen montiert. Historische und heutige Bilder begleiten die Worte und verknüpfen auf assoziative und irritierende Weise Aspekte der NS-Vergangenheit mit dem heutigen Alltag. Die Arbeit ist Ergebnis des Kunst-am-Bau-Wettbewerbs für das NS-Dokumentationszentrum. Einige Schritte weiter in Richtung Königsplatz trifft man auf den Sockel des nördlichen »Ehrentempels«. Im Blick auf den Neubau des NS-Dokumentationszentrums, der für eine neue Phase der Auseinander-setzung Münchens mit seiner NS-Geschichte steht, wurde an diesem Baurelikt der dichte Bewuchs entfernt, der sich in Jahrzehnten aus den Mauerritzen heraus ent-wickelt hatte. Als »stummer Zeuge« der NS-Vergangenheit bildet er das Gegenstück zum südlichen Sockel, dessen Gestrüpp weiterhin die jahrzehntelange Verdrängung symbolisiert. Die Relikte der »Ehrentempel« sind – ebenso wie der ehemalige »Führerbau«, der ehemalige Verwaltungsbau«, der gesamte Königsplatz und jene Bauten im Stadtraum, die im Nationalsozialismus eine besondere Rolle gespielt haben – gewissermaßen die Außenstellen der Ausstellung. Mit der Smartphone-App »Orte erinnern« können Besucher die Eindrücke der Dauerausstellung vertiefen und Stadtrundgänge unternehmen, bei denen die zentralen Themen der NS-Geschichte in München an insgesamt 119 bedeutenden oder exemplarischen Orten und Bauten veranschaulicht werden. Die App wurde auf der Grundlage des Begleitbuchs zu der viel beachteten Ausstellung »Ort und Erinnerung« – entwickelt, die unter der Leitung von Winfried Nerdinger im Jahr 2006 zu sehen war, im Architekturmuseum der TU in der Pinakothek der Moderne.[6]

Der Katalog des NS-Dokumentationszentrums ist ein schwergewichtiges Werk von mehr als 600 Seiten: »München und der Nationalsozialismus«, herausgegeben von Winfried Nerdinger zusammen mit Hans Günter Hockerts, Marita Krauss und Peter Longerich[7]. Er enthält die Texte und Bilder der Dauerausstellung und 23 begleitende Aufsätze. Der Kurzführer zur Ausstellung handelt jedes der 33 Themen auf einer Doppelseite ab. Das »Begleit-Buch in Leichter Sprache«, erarbeitet mit dem »capito Berlin«-Netzwerk für Menschen mit und ohne Behinderungen, öffnet einen Zugang für ganz unterschiedliche Personengruppen, die mit der verschachtelten Sprache der Historiker nicht so gut zurechtkommen.

Eine profunde Einschätzung braucht vermutlich noch etwas Zeit, bis manche Anfangsprobleme erkannt und überwunden sind. An dieser Stelle sollen daher nur einige Punkte angesprochen werden. Das Gebäude ist streng und arbeitet mit stilistischen Mitteln der Abstraktion – eine »Architektur, die schweigt, sich vermeintlich neutral und ohne Eigenschaften gibt«, so der Kritiker Hubertus Adam, wenngleich sie die Form früher klassizistischer Villen der Maxvorstadt zitiert[8]. Von außerordentlicher Strenge ist auch die Dauerausstellung selbst. In gewissem Sinn verkörpert sie die extreme Gegenposition zu den US-amerikanischen Holocaust-Museen mit ihren inszenierten und nachgebauten Raumsituationen. Auf Original-Exponate verzichtet sie gänzlich, eine Entscheidung, die auf der besonderen Rolle des Standortes als Täter-Ort inmitten weiterer Täter-Orte basiert. Das einzige Original-Exponat im ganzen Haus sind die »Moabiter Sonette« des ermordeten Widerstandskämpfers Albrecht Haushofer, ausgebreitet in einer Vitrine der Bibliothek. Die betont nüchterne Raumatmosphäre der Dauerausstellung wird gemildert durch eindrucksvolle historische Fotografien, besonders durch die Auftakt- und Themenfotos und durch die Sichtbezüge nach außen, beide von großer ästhetischer und emotionaler Wirkung.

Schwierig sind die großen Textmengen, die beim einmaligen Rundgang nicht an--nähernd bewältigt werden können. Nicht ohne Probleme sind – als zweites, horizontales Ausstellungsprinzip – die großen Tische, die trotz offiziell bestätigter Barrierefreiheit für viele Besucher beim Studium der Texte, Fotos, Dokumente doch Mühen mit sich bringen, wenn man sich bücken oder recken muss. Positiv ist hervorzuheben, dass die Ausstellung der Geschichte ihres Standortes durchaus gerecht wird, indem sie die Täter und Akteure ins Zentrum stellt und den Blick auf die begeisterten Massen und die für jeden sichtbare Ausgrenzung und Diffamierung im städtischen Alltag lenkt, bei der die Münchner Stadtverwaltung eine Vorreiterrolle spielte. Besonders eindrucksvoll ist die Verknüpfung der Stadtgeschichte mit den Kriegsverbrechen und Massenmorden vor allem im Osten; hier wird die Beteiligung von bayerischen und Münchner Soldaten, Polizisten und SS-Männern offengelegt. Eine gewisse Enttäuschung ist, dass die Münchner Entwicklung nicht mit der in anderen Städten verglichen wird. Bei der durchaus vorhandenen bildkritischen Präsentation wünschte man sich noch weitere Vertiefungen, die darüber informieren würden, welche Ereignisse hinter den Fotos stecken und welche Geschichten diese im stadtgesellschaftlichen Kontext erzählen.

Das neue Haus hat für München eine große Bedeutung. Wie anfangs erwähnt, war die Stadt jahrzehntelang der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus eher ausgewichen. Insbesondere die Erinnerung im Stadtraum kam spät, fragmentarisch, immer nur durch Bürgerengagement erkämpft. Die im Jahr 2003 im Stadtmuseum eingerichtete Ausstellung »Nationalsozialismus in München – Chiffren der Erinnerung« wurde der Tragweite des Themas nicht gerecht und stand immer wieder wegen ihrer Fokussierung auf Original-Exponate in der Kritik. Im Zusammenhang mit dem bürgerschaftlichen Engagement für ein NS-Dokumentationszentrum hat sich das Kulturreferat seit etwa fünfzehn Jahren dem Thema ausdrücklich zugewandt und Symposien, Kunstprojekte, Publikationen gefördert[9]. Die Einweihung des neuen Hauses, dessen Trägerschaft die Landeshauptstadt übernommen hat, war der Höhepunkt der bisherigen Entwicklung, war End- und Anfangspunkt zugleich. Eröffnet wurde damit nun ein neues Kapitel, in dem diese Einrichtung im Dialog mit den anderen großen Dokumentationszentren und zeithistorischen Museen im In- und Ausland das eigene geschichtspolitische Profil zur Diskussion stellen, klären und schärfen muss.

 

Stefanie Endlich, freiberufliche Kunstpublizistin, Honorarprofessorin für Kunst im öffentlichen Raum an der Universität der Künste Berlin, ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des NS-Dokumentationszentrums München.

 

[1] Andreas Heusler, Das Braune Haus. Wie München zur »Hauptstadt der Bewegung« wurde, Stuttgart 2008

[2] Ulrike Grammbitter, Iris Lauterbach, Das Parteizentrum der NSDAP in München, München/Berlin 2009

[3] Winfried Nerdinger, Erinnerung auf Sparflamme – der Umgang mit den Bauten aus der Zeit des Nationalsozialismus in München. In: Winfried Nerdinger, Architektur Macht Erinnerung, München/Berlin/London/New York 2004, S. 144–147; Gavriel D. Rosenfeld, Architektur und Gedächtnis. München und Nationalsozialismus – Strategie des Vergessens, München/Hamburg 2004, S. 321–333

[4] Zur Entstehungsgeschichte siehe: Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hrsg.), Ein NS-Dokumentationszentrum für München. Tagungsband zum Symposium 2002/03, München 2003; Kulturreferat (Hrsg.), Der Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus. Perspektiven des Erinnerns. Dokumentation der Gesprächsreihe im Rahmen der Projektvorbereitung für ein NS-Dokumentationszentrum München, München 2007

[5] Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirats für die konzeptionelle Ausrichtung des NS-Doku-men-ta-tionszentrums München, 23. Juni 2006

[6] Winfried Nerdinger (Hrsg.), Ort und Erinnerung. Nationalsozialismus in München. Katalog zur Ausstellung des Architekturmuseums der TU München 2006

[7] Winfrid Nerdinger in Verbindung mit Hans Günter Hockerts, Marita Krauss, Peter Longerich sowie Mirjana Grdanjski und Markus Eisen (Hrsg.), München und der Nationalsozialismus. Katalog des NS-Dokumentationszentrums München, München 2015

[8] Hubertus Adam, »Störenfried«. In: Bauwelt 16/2015, S. 17; dort auch ein Gespräch mit Winfried Nerdinger, S. 20–23

[9] Landeshauptstadt München, Kulturreferat/Stadtarchiv (Hrsg.), ThemenGeschichtsPfad »Der Nationalsozialismus in München«, 2006; ThemenGeschichtsPfad »Orte des Erinnerns und Gedenkens«, 2010 (auch online auf der Website der Landeshauptstadt München und als Hörfassung zum download)