Neugründungen von Geschichtswerkstätten zur Erforschung von NS-Zwangsarbeit in der Harz-Region

08/1998Gedenkstättenrundbrief 84, S. 19-22
Olaf Mußmann

Geschichtswerkstätten entstanden seit den späten siebziger und frühen achtziger Jahren an vielen Orten, insbesondere aber in mittleren und großen Städten. Oft wollten ihre Gründerinnen und Gründer eine lokale bis regionale Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus erreichen – ein damals noch weitgehend außer acht gelassenes und häufig sogar verdrängtes Thema. Es sollte die Geschichte der eigenen Region erforscht werden, es ging um die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit oder mit der des sozialen Nahraumes. NS-Geschichte war beileibe nicht der einzige Forschungsgegenstand, häufig ging es auch um die Geschichte des Arbeitens oder Wohnens, doch bildete die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus stets einen starken Schwerpunkt der Geschichtswerkstättenbewegung. Solche Aktivitäten waren nicht jedem willkommen. Gegner waren damals nicht nur die Anhänger der »Schlußstrich«-Position, sondern oft auch etablierte Universitätsprofessoren, die den Einbruch in ihre Pfründe fürchteten: Einer von ihnen prägte den abwertenden Begriff von den »Barfußhistorikern«.

Dies hat sich längst geändert; inzwischen zählen Geschichtswerkstätten zu den etablierten Einrichtungen. Sie waren derart erfolgreich, daß ihre Forschungsprogramme und Methoden, insbesondere die Oral History, in die Forschungspraxis der Geschichtswissenschaft übernommen wurden, und sie sind Bestandteile der universitären Curricula geworden. Aufgrund dieser Grenzverschiebung haben viele Geschichtswerkstätten Schwierigkeiten bekommen, ihr eigenständiges Profil zu wahren und sich definitorisch von anderen historisch arbeitenden Institutionen abzugrenzen. Mancherorts wurde deshalb bereits über das Ende der Geschichtswerkstättenbewegung spekuliert.

Um so überraschender ist es, wenn sich nun neue Geschichtswerkstätten gründen. Eine von ihnen, die sich auch gleich als Netzwerkzusammenschluß mehrerer Initiativen versteht, ist die Arbeitsgemeinschaft »Spurensuche in der Südharzregion«. Sie bearbeitet ein vergleichsweise großes Gebiet: Ihr Interesse gilt den NS-Rüstungsprojekten im Harz-Raum, die hier in außerordentlich hoher Dichte vorhanden waren, und den dort beschäftigten Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen. Zur Zeit beschäftigt sich die AG mit der Geschichte der Landkreise Osterode, Nordhausen und Sangerhausen in den Bundesländern Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Im Harz-Gebiet, in der Mitte des »Deutschen Reiches« gelegen, wurde seit 1943 daran gearbeitet, ein gewaltiges Rüstungszentrum zu errichten. Realisiert wurde dies überwiegend durch den Einsatz von KZ-Häftlingen. Um die Rüstungsproduktion sicherzustellen – und den Maschinenpark für die Zeit nach dem Krieg zu bewahren – trugen die damaligen Protagonisten angesichts der alliierten Bombardements rüstungswichtiger Betriebe dafür Sorge, die Fertigung in möglichst bombengeschützte Räume zu verlagern. In der Harz-Region gab es eine Fülle von natürlichen Höhlen, die dafür genutzt werden konnten. Außerdem treten insbesondere in der Südharz-Region mächtige Gipsschichten zutage, in denen vergleichsweise einfach künstliche Hohlräume geschaffen werden konnten. Das erste dieser Projekte war der Bau einer unterirdischen Fabrik zur zentralen Produktion der Fernrakete »V2«. Sie entstand seit dem Spätsommer 1943 in teilweise bereits vorhandenen Stollen unter dem Kohnstein bei Nordhausen. Als Arbeitskräfte dienten Häftlinge des KZ Buchenwald, die dem eigens dafür eingerichteten Außenlager »Dora« zugewiesen wurden. Aus Sicht der Nationalsozialisten entwickelte sich das Projekt zufriedenstellend. Schnell fielen die Entscheidungen, in der Umgebung noch weitere Untertageverlagerungsprojekte zu erstellen. Es entstanden verschiedene Sublager des KZ Dora. Dieses hatte nun in immer stärkerem Maße Funktionen eines Hauptlagers zu übernehmen und die große Zahl der Projekte bewirkte einen immensen Anstieg der Häftlingszahlen im Harzgebiet. Schließlich kam es im Oktober 1944 zur Umwandlung des Außenlagers »Dora« in das selbständige Hauptlager »Mittelbau«, dem die früheren Sublager als Außenlager unterstellt wurden. Insgesamt gehörten etwa 40 Außenlager in den heutigen Bundesländern Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zum KZ Mittelbau.

An diese KZ-Außenlager erinnert heute kaum noch etwas. Die meisten sind vergessene – oder besser verdrängte – Orte, die nur mit guter Geschichts- und Ortskenntnis auffindbar sind. Nur wenig ist über sie in der Öffentlichkeit und der Forschung bekannt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora können sich nur in begrenztem Umfang der Bearbeitung der Geschichte dieser Orte widmen. Um sie in der lokalen Öffentlichkeit wieder in Erinnerung zu rufen und interessierte Personen für diese Sparte ihrer Lokal- und Regionalgeschichte zu interessieren, bot die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Zusammenarbeit mit den Landeszentralen für politische Bildung der Länder Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt im Dezember 1996, im April 1997 und im Juli 1998 jeweils mehrtägige Tagungsworkshops zu den Außenlagern des KZ Mittelbau an.

Vermittelt wurden Hintergrundwissen zur Entwicklung des KZ-Systems sowie neuere Forschungsergebnisse zu den Außenlagern. Die Beschäftigung mit der Geschichte der einzelnen Außenlager wurde jeweils über einen Nachmittag in Form von Gruppenarbeit angeboten. Dazu stellte die Gedenkstätte pädagogisches Material des Besucherarchivs zur Verfügung. Es handelte sich um Elemente eines geographisch nach ehemaligen Lagerstandorten gegliedertes Ordnersystem, das Besucherinnen und Besuchern in der laufenden Gedenkstättenarbeit üblicherweise für das eigenständige Arbeiten zur Verfügung steht. Weiter wurde während der Tagungsworkshops über historische Arbeitsweisen und Archivbenutzung informiert, über Finanzierungsmöglichkeiten von Projekten zur Präsentation regionalhistorischer Forschungsergebnisse berichtet, und es wurden Arbeits- und Organisationsformen von Geschichtswerkstätten vorgestellt.

Schon bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des ersten Workshops in Niedersachsen löste die Auseinandersetzung mit der Außenlagergeschichte lebhaftes Interesse und Diskussionen aus. Viele der Tagungsgäste wollten ihre begonnene Arbeit nach Tagungsende fortsetzten und mehr über die KZ-Häftlinge und die Lager wissen. Neue Forschungsprojekte begannen, und es konnten Kontakte zu schon länger laufenden Projekten geknüpft werden, die bislang isoliert gearbeitet hatten. Die Beteiligten schlossen sich schließlich im April 1997 zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die sich den Namen »Spurensuche in der Südharzregion« gab. Ihr Ziel ist, neben der historischen Dokumentation das Durchführen von Veranstaltungen und die Herausgabe von Publikationen zur regionalen Geschichte der KZ-Außenlager. Es geht den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft darum, Geschichte vor Ort aufzuspüren, sie festzuhalten und sie der heutigen Bevölkerung zu vermitteln – einer Einwohnerschaft, die inzwischen überwiegend aus den Kindern oder Enkeln derjenigen besteht, die damals Täter waren oder zusahen. Basis der Arbeit ist die Einschätzung, daß die Auseinandersetzung mit NS-Geschichte im eigenen sozialen Nahbereich zur Identitätsfindung beitragen kann, daß sie demokratisches Denken schult und daß sie vor Augen zu führen vermag, was Rassismus, Chauvinismus und Intoleranz bedeuten. Gerade dies verleiht dem Gedenken und der Erinnerung an lokale und regionale NS-Geschichte vor Ort die besondere Bedeutung. Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist es deshalb, die lokale KZ-Geschichte und das Leiden der KZ-Gefangenen durch das Aufstellen von Gedenksteinen und vor allem von Informationstafeln an den ehemaligen Lagern, aber auch mit Veranstaltungen und Publikationen zu vermitteln.

Dazu führte die Arbeitsgemeinschaft im Mai 1997 als erstes Projekt eine Tagung durch, welche die Geschichte der im KZ-Komplex Mittelbau-Dora eingesetzten

SS-Baubrigaden zum Thema hatte. Die auf diesem Symposium vorgetragenen Beiträge werden in einem Tagungsband zusammengefaßt, der 1998 erscheint. An die Öffentlichkeit wandte sich die AG mit einer szenischen Lesung, die am 27. Januar 1998 stattfand. Sprecherinnen und Sprecher waren Mitglieder des Vereins »Jugend für Dora«, eines eng mit der Gedenkstätte zusammenarbeitenden Zusammenschlusses von Jugendlichen, die sich für die Geschichte der Konzentrationslager in der Region interessieren. Die Arbeitsgemeinschaft kooperiert auch mit Bildungsträgern. So wurde in einem VHS-Kurs zur regionalen NS-Geschichte gearbeitet und die Ergebnisse in einer Ausstellung präsentiert. Bei dem in Sachsen-Anhalt durchgeführten Tagungsworkshop war die Arbeitsgemeinschaft Mitveranstalterin und leistet einen beträchtlichen Teil der organisatorischen Arbeit. Zur Zeit bemüht sie sich um die Aufstellung von Gedenksteinen und Informationstafeln an den Standorten der ehemaligen Außenlager auf niedersächsischem Gebiet, und es konnten bereits erste Zusagen der zuständigen kommunalen Stellen und privater Eigner beschafft werden. Anstrengungen um die Aufstellung von Steinen und Informationstafeln in Thüringen und Sachsen-Anhalt sind geplant. Zur Klärung der Ortslagen und zur Erarbeitung von Lageplänen führt die AG bereits ein EDV-gestütztes Projekt zur Luftbildauswertung durch. Ein Dokumentations- und Tagungsprojekt zur Geschichte des auf der niedersächsisch-thüringischen Grenze gelegenen ehemaligen KZ-Außenlagers Ellrich ist für den Sommer 1998 geplant.

Wie ist die Gründung der Arbeitsgemeinschaft nun zu bewerten? Schon während des ersten Tagungsworkshops war die Resonanz verblüffend hoch und übertraf alle Erwartungen: Es meldeten sich 70 Personen an. Diese Zahl wurde auf den beiden anderen Tagungen zwar nicht mehr erreicht, doch waren auch sie gut besucht. Offensichtlich hatte die bis vor wenigen Jahren anhaltende Tabuisierung der NS-Geschichte im Landkreis Osterode eher zu einem gesteigerten, als zu einem nachlassenden Interesse geführt. Daß die Anteilnahme in den neuen Ländern nicht genauso hoch war, wie im »West«-Bundesland Niedersachsen lag nach Meinung der Beteiligten nicht zuletzt an der Einbindung des KZ-Gedenkens in die offizielle Gedenkkultur der DDR. Die Verpflichtung zum »Antifaschismus« hatte offenbar bei vielen Menschen eine innere Distanz zu diesem Thema erzeugt, der dennoch aber ein nicht geringes Interesse an in der DDR verdrängter KZ-Lokalgeschichte entgegen steht: Die Arbeitsgemeinschaft hat sowohl aus Thüringen als auch aus Sachsen-Anhalt engagierte Mitglieder hinzugewonnen. Trotz der Offenheit der sachsen-anhaltinischen Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer besteht ein arbeitendes Netzwerk zum jetzigen Zeitpunkt jedoch lediglich für den Raum Niedersachsen und Thüringen – eben für den Südharz. Alle Tagungsteilnehmer plädierten aber dafür, die schon bestehenden Kontakte zu intensivieren und auszubauen. Bezeichnend für diese in der Region offenbar verbreitete Interessenstruktur ist auch, daß sich parallel zu dieser Entwicklung in Goslar, also am Nordharzrand, zur Zeit ein »Arbeitskreis Spurensuche« gründet. Er hat Kontakt zur Arbeitsgemeinschaft »Spurensuche in der Südharzregion« und beschäftigt sich ebenfalls mit der Geschichte der regionalen NS-Zwangsarbeit.

Der Erfolg dieser regionalen Geschichtswerkstätten und ihres Netzwerkes scheint auf verschiedenen kulminierenden Strukturen und Entwicklungen zu beruhen: Die vor zehn Jahren in den Städten noch virulente Geschichtswerkstättenbewegung hat offenbar nach wie vor Vorbildcharakter. Ihre Krise ist anscheinend ein urbanes Phänomen geblieben, das die »Provinz« nicht erreicht hat. Hier sind es in erster Linie Wissensdefizite gerade auch um NS-Geschichte, die ausgeglichen werden sollen, und dazu wird auf die Instrumentarien der Geschichtswerkstätten zurückgegriffen. Auch scheint ein Generationswechsel eine Rolle zu spielen: Für Lokal- und Regionalgeschichte interessieren sich heute bereits Menschen, die während des Nationalsozialismus höchstens Kinder waren. Für diese Generationen ist die NS-Aufarbeitung nicht durch die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Handeln, sondern mit der um eine historisch begründete Identität verbunden. In solchen Vereinigungen besteht die Möglichkeit, Interesse in Engagement umzusetzen. Hier scheint sich ein neuer Ansatz zur Belebung der Geschichtswerkstättenbewegung abzuzeichnen.

Kontakte zu den Initiativen:

• Im Landkreis Osterode über Herrn Vladi, Fax 055221-71036

• Im Landkreis Goslar über Herrn Janz, Tel. 05321-81429

• In Thüringen über die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Tel. 03631-983636

• In Sachsen Anhalt über die Mahn- und Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge, Tel. 03941-30248