Neugestaltung des ehemaligen »SS-Schießplatzes Hebertshausen«

Ort des Massenmords an sowjetischen Kriegsgefangenen 1941–1942
12/2014Gedenkstättenrundbrief 176, S. 3-9
Gabriele Hammermann

Die Kriegsgefangenschaft sowjetischer Soldaten und Offiziere und die damit verbundenen Verbrechen gehören immer noch zu weißen Flecken der deutschen Erinnerungskultur. 5,7 Millionen Angehörige der Roten Armee gerieten ab 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Davon starben über drei Millionen durch Hunger, Folter, Mord und in Folge der katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Im Zuge des Ost-West-Konfliktes geriet dieses Verbrechen an den sowjetischen Kriegsgefangenen nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Vergessenheit. Im antikommunistischen Konsens des Kalten Krieges wurde ihre Geschichte in der Bundesrepublik ausgeblendet und verdrängt. Die beiden Wehrmachtsausstellungen, die von 1995 bis 2004 in vielen deutschen Städten zu sehen waren, zeigten anhand von Privatfotos die alltägliche Realität des Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieges der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion. Trotz massiver Widerstände lösten sie in der deutschen Gesellschaft einen erinnerungskulturellen Wandel aus. Die Legende der »sauberen Wehrmacht« wurde zumindest infrage gestellt. Doch führte die Beschäftigung mit der Tat nicht zu einer angemesseren Wahrnehmung gegenüber den Opfern.

Diese Geschichtsvergessenheit zeigte sich über viele Jahre auch am Beispiel des ehemaligen »SS-Schießplatzes Hebertshausen«, der von 1941 bis 1942 einer der zentralen Exekutionsorte für sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet war. Von September 1941 bis Juni 1942 hatten Angehörige des Kommandanturstabes mit größter Brutalität über 4 000 sowjetische Kriegsgefangene vor den Kugelfängen des MG- und Pistolenschießstandes ermordet. Zuvor hatten Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD in enger Zusammenarbeit mit der Wehrmacht gegen geltendes Völkerrecht und auf der Basis der Einsatzbefehle Nr. 8 und Nr. 9 in den Kriegsgefangenenlagern des Reichsgebietes 33 000 ideologisch als gefährlich angesehene Offiziere, Juden, kommunistische Funktionäre, Kommissare der Roten Armee, Intellektuelle, Angehörige der Grenztruppen und willkürlich ausgewählte Gefangene – wie es verharmlosend in den Dokumenten heißt – zur Ermordung »ausgesondert«. Die selektierten sowjetischen Armeeangehörigen wurden aus dem Kompetenzbereich der Wehrmacht entlassen und der Gestapo übergeben.[1]

Die nach Dachau transportierten sowjetischen Kriegsgefangenen kamen aus den Wehrkreisen V (Stuttgart), VII (München), XII (Wiesbaden), XIII (Nürnberg) und XVIII (Salzburg).[2] Die beteiligten Wehrmachtsinstitutionen, das heißt Wehrmachtsleitung, Kommandeure des Kriegsgefangenenwesens sowie die Lagerkommandanten unterstützten nahezu ausnahmslos dieses völkerrechtswidrige Vorgehen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), der Staatspolizeileitstellen und der Einsatzkommandos. Nur allzu bereitwillig beteiligten sie sich an dem von Antisemitismus, Antislawismus und Antikommunismus geprägten nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, der sich in den deutschen Kriegsgefangenenlagern fortsetzte.[3]

Der überwiegende Teil der sowjetischen Kriegsgefangenen wurde unmittelbar nach der Ankunft in Dachau getötet. Die ersten Erschießungen fanden im Hof des Lagergefängnisses statt, dem zentralen Ort von Exekutionen, Folter und Strafen im KZ Dachau. Ab Oktober 1941 verlegte die SS die Mordaktionen auf den »SS-Schießplatz Hebertshausen«. Die SS transportierte die Menschen auf Lastwagen zum Schießplatz, zwang sie, sich zu entkleiden und in Fünferreihen in der rechten Schießbahn aufzustellen. Nackt der Witterung ausgesetzt erfassten die Wartenden schnell, was ihnen bevorstand. Mitunter kam es zu Tumulten, die die SS-Bewacher mit äußerster Brutalität und Waffengewalt niederschlugen. Der Wehrmachtsangehörige und Dolmetscher Josef Thora gab 1950 in einem Ermittlungsverfahren zu Protokoll: »Die Kriegsgefangenen merkten in dem Zeitpunkt, wo sie sich entkleiden mussten, was mit ihnen geschehen sollte. Eine Anzahl führte den Befehl schweigend aus und stand wie gelähmt dort, andere sträubten sich, fingen an zu weinen und zu schreien und riefen vor allem nach mir als Dolmetscher. Ich sollte den SS-Leuten verdeutschen, dass sie Gegner des Bolschewismus, dass sie Mitglieder der russischen Kirche seien. Zum Beweis dafür zeigten sie mir das auf ihrer Brust hängende russische Kreuz.«[4] SS-Männer postierten sich auf den Wällen, um Fluchtversuche der verzweifelten Opfer zu verhindern. Die Gefangenen wurden im Laufschritt in die linke Schießflucht getrieben, dort mit stählernen Handschellen an fünf Pfähle gekettet und erschossen. Die Leichen wurden zumeist im Krematorium des KZ Dachau verbrannt.

Nach Kriegsende wurde der Ort weiter genutzt und seine Erinnerung überschrieben: Das Wirtschaftsgebäude diente als Flüchtlingsunterkunft, auf dem Schießplatz führten US-amerikanische Truppen militärische Übungen durch. 1964 errichtete die »Lagergemeinschaft Dachau«, der Verband der ehemaligen, zumeist kommunistischen Häftlinge einen von dem Bildhauer Will Elfes gestalteten Gedenkstein in der unmittelbaren Nähe des früheren Hinrichtungsortes. Doch das Gelände verwilderte, die baulichen Überreste verfielen und die Verbrechen gerieten weitgehend in Vergessenheit. 1977 erfolgte die Versetzung des Denkmals an den Parkplatz, wodurch der Bezug zum historischen Ort verloren ging. Viele Jahrzehnte sorgten vor allem bürgerschaftlich verfasste Initiativen und Geschichtsvereine dafür, dass das Verbrechen an den sowjetischen Kriegsgefangenen nicht in Vergessenheit geriet. 1985 begann u.a. die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes im Anschluss an die Befreiungsfeier, Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an die ermordeten sowjetischen Soldaten zu organisieren. Seit den 1990er-Jahren veranstaltet der Förderverein für internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Kooperation mit den Generalkonsulaten Russlands, Weißrusslands und der Ukraine am 22. Juni, dem Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, Gedenkfeiern auf dem ehemaligen Schießplatz. Als der Ort 1998 Teil der Gedenkstätte Dachau wurde, konnten im Zuge der Neugestaltung die einsturzgefährdeten Betonbauwerke der Kugelfänge vor dem Verfall gerettet, der Gedenkstein an seinen ursprünglichen Standort zurückversetzt und erste Informationstafeln aufgestellt werden. Im Jahre 2001 äußerte die russische diplomatische Vertretung den Wunsch, am 60. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion einen Gedenkstein für die ermordeten Kriegsgefangenen zu errichten. Im Zuge dessen wurden im Frühjahr und Herbst 2001 archäologische Grabungen in Auftrag gegeben. Es gelang erstmals, den Tatort genau zu lokalisieren und die bisherigen Erkenntnisse der historischen Forschung, die sich auf Prozessunterlagen, Pläne, Fotos und Zeugenaussagen stützten, zu verifizieren. Neben Patronenhülsen, Projektilen und Knochenfragmenten wurden hierbei auch Reste von Handschellen gefunden, mit denen die SS die Opfer an die Exekutionspfähle angeschlossen hatte. Am 22. Juni 2011, dem 70. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, wurden in einer feierlichen Zeremonie in Anwesenheit von Vertretern der Weltreligionen die aufgefundenen menschlichen Überreste der unbekannten sowjetischen Kriegsgefangenen vor dem zentralen Denkmal bestattet. Eine ebenerdige Grabplatte mit deutscher und russischer Inschrift markiert seitdem die Grabstätte.

Neugestaltung

Nach mehrjähriger Projektphase hat die KZ-Gedenkstätte Dachau am 2. Mai 2014 den neu gestalteten Gedenkort am ehemaligen »SS-Schießplatz Hebertshausen« eröffnet. Die Projektkosten von 800 000 Euro trugen jeweils zur Hälfte die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien und der Freistaat Bayern. Eine Außenausstellung schildert die historischen Zusammenhänge des Verbrechens und die Nachkriegsgeschichte des Erinnerungsortes. In einer künstlerischen Installation, die sich auf den früheren Tatort bezieht, finden sich die bislang bekannten Namen der Ermordeten. Erstmals erinnert dieser Gedenkort mit einer ständigen Ausstellung an den Verbrechenskomplex des Massenmordes an sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschen Konzentrationslagern, dem insgesamt etwa 33 000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Im Zuge der Umgestaltung wurden die historischen Relikte und das Gelände zum zentralen Exponat. Daher galten in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege die Prinzipien, die der wissenschaftliche Beirat bereits für die Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Dachau festgelegt hat:

Die Gestaltung sollte historische Spuren sichtbar machen.
Angesichts des hohen Denkmalwertes galt es Inszenierungen, Rekonstruktionen und architektonische Überformungen zu vermeiden.
Die Gestaltung sollte dementsprechend zurückhaltend sein.

Die Materialwahl für Bodenmarkierungen und Ausstellungselemente sollte unzweideutig sein. Eingriffe in die historische Substanz müssen klar gekennzeichnet vom »authentischen« Bestand abgesetzt werden und nach Möglichkeit reversibel sein. Gemäß der von Georg Dehio im Jahr 1901 postulierten und in der heutigen Denkmalpflege noch immer gültigen Forderung sollte das Bodendenkmal als Quelle und Dokument mit allen Zeitschichten wahrgenommen werden.

Die landschaftsarchitektonische Gestaltung folgte den Vorgaben des Denkmalschutzes entsprechend einem archäologisch-dokumentierenden Ansatz. Das gesamte fast neun Hektar große Gelände, das einer verwilderten, romantischen Parklandschaft ähnelte, wurde sukzessive von Bewuchs befreit, um die Strukturen und Funktionsbereiche des ehemaligen Schießplatzes wieder lesbar, die Morphologie des Geländes erfahrbar sowie die von langen Schießbahnen geprägte Anlage in ihren Dimensionen und in ihren topografischen Konturen wieder wahrnehmbar zu machen. Lediglich die unter Naturschutz stehenden Bäume blieben erhalten. Die Anlage des Schießplatzes symbolisierte durch seine axiale Struktur und die auf das zentrale Wirtschaftsgebäude ausgerichteten Wegebeziehungen den nationalsozialistischen Herrschaftsanspruch. Die beiden zentralen historischen Achsen des Wegesystems wurden im Rahmen archäologischer Suchgrabungen freigelegt und in einer wassergebundenen Bauweise in der ursprünglichen Breite ergänzt. Ein neu angelegter Rundweg ermöglicht es dem Besucher, die Topografie und die Dimension des früheren Schießplatzes zu erfassen. Von einer erhöhten Position blickt der Besucher zudem in Richtung des etwa zwei Kilometer entfernten, früheren Konzentrationslagers. Auf diese Weise können die engen strukturellen Zusammenhänge zwischen Lager und Schießplatz inhaltlich und räumlich verortet werden. Die Wiesenflächen wurden der ursprünglichen Vegetationsform des Standortes entsprechend sukzessive zu Magerrasen zurückentwickelt. Die aus der Nachkriegszeit stammenden geringfügigen Überformungen und Nutzungsebenen wurden nicht beseitigt, sondern in die Neugestaltung des Ortes integriert.

Das Zusammentreffen des Längs- und Querweges markiert den Eingang zum Zentrum des Gedenkortes, dem inneren memorialen Bereich, dem ehemaligen Hinrichtungsort für mehr als 4 000 sowjetische Kriegsgefangene. Stahlbänder mit einer dreisprachigen Beschriftung verweisen auf die unmittelbaren Sachzeugnisse des Verbrechens: auf den bei archäologischen Grabungen zutage getretenen ehemaligen Bretter­zaun, der für die eingeschlossenen Opfer jede Flucht unmöglich machte sowie auf die Relikte des Tors und des früheren Sarglagers. Die unmittelbaren Tatorte in den beiden Schießfluchten wurden nicht angetastet. Das Konzept zur Landschaftsgestaltung erarbeitete das Münchner Büro Keller – Damm – Roser, Landschaftsarchitekten Stadtplaner GmbH. Die Projektsteuerung aller Baumaßnahmen oblag dem Staatlichen Bauamt Freising.

Das gestalterische Konzept des Berliner Architekten Martin Bennis und des Stuttgarter Grafikers Berthold Weidner setzte die Open-Air-Ausstellung räumlich bewusst von der Installation zum namentlichen Gedenken an die ermordeten Opfer ab. So liegt rechts der zentralen Wegeachse eine Außenausstellung, die in russischer, deutscher und englischer Sprache verfasst ist. Sie informiert auf etwa 20 transluziden Tafeln über die konkrete Geschichte des Massenmordes vor Ort, über den historischen Kontext des Verbrechens wie auch über die Nachgeschichte des Ortes nach 1945. Sie gliedert sich in die Abschnitte: »Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion«, »Kriegsgefangenenlager und Selektionen«, »Die Rolle der Wehrmacht«, »Der Massenmord auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen«, »Die Bevölkerung«, »Die Täter des KZ Dachau – Eine Gruppenbiografie«, »Hinrichtungen von Verurteilten der SS- und Polizeigerichte« und »Der Gedenkort zwischen Vergessen und Erinnern«. Im Zentrum stehen die Biografien der Ermordeten Lew Michajlowitsch Kamionko, Wasilij Nikolaewitsch Sibrin, Moisej Beniaminowitsch Temkin und Mustakim Mustafewitsch Bajbulatow. Weitere Biografien werden gerade erarbeitet. Den Recherchen des Ausstellungsteams, bestehend aus Dr. Andrea Riedle (Projektkoordinatorin), Anja Deutsch, Dr. Reinhard Otto, Lukas Schretter, Tatjana Szekely und Dr. Dirk Riedel ist es zu verdanken, dass zahlreiche bislang unbekannte Fotos, Dokumente, Pläne und Zeichnungen gezeigt werden können, die sich in Archiven, Museen und Gedenkstätten in Deutschland, Russland, Belarus und der Ukraine fanden. In einigen Fällen ist es nach intensiven Forschungen gelungen, Angehörige der Ermordeten aufzuspüren, die der Gedenkstätte Bilder aus ihren privaten Fotoalben zur Verfügung stellten. Aus diesem Grund entwickelte Berthold Weidner die Idee, der Grafik der Biografiestelen eine eigene, an Familienalben angelehnte, gestalterische Form zu geben. Wie alle Ausstellungstafeln sind die Stelen in Sichtbeziehung zu den jeweiligen historischen Orten ausgerichtet, mithin die Biografien der Ermordeten in Ausrichtung zu dem ehemaligen Hinrichtungsort.

 Links der zentralen Wegeachse, in der Verlängerung der Schießbahn, in der die sowjetischen Kriegsgefangenen auf ihren Tod warten mussten, findet sich die Gedenkinstallation »Ort der Namen«, die der bisherigen Anonymi­tät der Opfer ein Ende setzt. Sie ist eines der wenigen Mahnmale für diese Opfergruppe im öffentlichen Raum und sie nimmt unmittelbar auf das historische Tatgeschehen Bezug. Die Gestalter beabsichtigten »am historischen Tatort Hebertshausen den Ort mit der Tat zu konfrontieren«.[5] Für die Bodeninstallation wurde ein künstlerisch-dokumentierender Ansatz gewählt, um an die über 4000 Ermordeten zu erinnern. Auf einer ebenerdigen Plattform, die 40 Meter lang und 6 Meter breit ist und sich aus dem Platzbedarf für die Nennung aller Opfer ergibt, zeichnen sich korrespondierend zur Anzahl der Hinrichtungspfähle fünf Fundamentstreifen im Boden ab. Darauf finden sich die Namen der Kriegsgefangenen in kyrillischer und lateinischer Schrift sowie die Geburts- und Sterbedaten der Opfer auf stahlgefassten Glasbändern.

Bei der Ausstellungseröffnung am 2. Mai 2014 wurden etwa 800 Namen der Öffentlichkeit übergeben, weitere werden je nach Forschungsstand ergänzt. Es ist davon auszugehen, dass im Zuge der Recherchen 1500 bis 2000 Namen eruiert werden können. Die Lücken zwischen den Schriftbändern symbolisieren hingegen die große Zahl der namenlosen Opfer, deren Identität trotz intensiver Bemühungen wohl immer unbekannt bleiben wird. Die horizontale, ästhetisch zurückhaltende Ausrichtung des Memorials nimmt Rücksicht auf den historischen Ort und setzt sich in seiner Formensprache von monumentalen Kriegsgräberstätten und Opferdenkmälern ab.

Im Rahmen eines umfangreichen Forschungsprojektes ist es nun gelungen, einem Teil der bislang anonymen Opfer ihre Namen wieder zurückzugeben. Das Reichssicherheitshauptamt hatte befohlen, die an die Konzentrationslager ausgelieferten sowjetischen Kriegsgefangenen nicht in der Lagerkartei zu registrieren. Eine der wenigen Spuren war die Erfassung der Nummern ihrer Erkennungsmarken. Nach langjährigen Recherchen von Dr. Reinhard Otto und Tatiana Szekely konnte durch die Akten der ehemaligen Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) im Zentralen Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk (CAMO) und auf der Internetseite OBD Memorial einem beträchtlichen Teil der bislang namenlosen Opfer dieses in Hebertshausen begangenen Verbrechens seine Identität zurückgegeben werden. In verschiedenen russischen Internetforen, in denen sich geschichtlich Interessierte, Archivare sowie Museums- und Gedenkstättenexperten austauschen, fanden sich schließlich Hinweise auf Angehörige, die oft lebenslang nach ihren Verstorbenen gesucht hatten. Weitere Familien der Ermordeten meldeten sich nach einem, Anfang 2014 auf Vermittlung des Referenten der Geschäftsstelle Osteuropa des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Viktor Muchin veröffentlichten Artikels über das Ausstellungsprojekt in der Komsomolskaja Prawda.

Zu der Ausstellungseröffnung reisten – eingeladen von der Gedenkstätte – 25 Angehörige an. Viele sahen sich nicht mehr in der Lage zu kommen, wie die inzwischen 94-jährige Gudkowa Elwira Pawlowna aus Nischnij Nowgorod, deren Vater Pawel Sorokin auf dem »SS-Schießplatz Hebertshausen« ermordet worden war. Die Gedenkrede hielt Benjamin Temkin, der Sohn von Moisej Wenjaminowitsch Temkin, dem einzigen, bislang bekannten Überlebenden der Mordaktionen auf dem »SS-Schießplatz Hebertshausen«. Nach einer oft jahrzehntelangen Suche haben die Angehörigen schmerzvolle Gewissheit, aber auch einen Ort zum Trauern gefunden. Mit dieser Neugestaltung verband sich für die Gedenkstätte also nicht nur ein Wunsch nach Aufklärung, sondern ebenso ein humanitäres Anliegen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser neu gestaltete Gedenkort Hebertshausen einen Beitrag dazu leisten kann, offizielle Geschichtsbilder durch historische Aufklärung zu hinterfragen, einen Austausch der Perspektiven auf die höchst unterschiedliche Kriegsvergangenheit anzuregen und die verschiedenen Erinnerungskulturen einander näherzubringen.
 

Dr. Gabriele Hammermann ist Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau und war Projektleiterin der Neugestaltung des Gedenkortes ehemaliger »SS-Schießplatz Heberthausen«.
 

[1] Reinhard Otto, Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42, München 1998. StA M, St.anw., 34.871/3, Bl. 206: Beglaubigte Abschrift Josef Thora, 13. 10. 1950; KZ–Gedenkstätte Dachau, Archiv (DaA), 37.144: Vernehmung Josef Thora, 20. 10. 1950; Otto, Wehrmacht, S. 49.

[2] Otto, Wehrmacht, S. 267; StA N, KV Anklagedokument, R 178, Teil 2, Bl. 292–308: Stapo M, an den Kommandanten des Stalag VII A, 24. 2. 1942.

[3] Otto, Wehrmacht, S. 76; Martin Broszat, Nationalsozialistische Konzentrationslager 1933–1945, in: Martin Broszat/Hans Buchheim/Hans–Adolf Jacobsen/Helmut Krausnick (Hrsg.), Anatomie des SS-Staates. Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte, Bd. 2, München 1982, S. 261 f.

[4] DaA, 37.144: Vernehmung Josef Thora, 20. 10. 1950, S. 3.

[5] Martin Bennis, Erläuterung zur »Installation der Namen, 29. 4. 2014.