Nationalsozialistische Judenverfolgung als Thema lokaler Gedenkstättenarbeit in Nordrhein-Westfalen

10/1998Gedenkstättenrundbrief 85, S. 3-9
Angela Genger

Zu einigen Merkmalen der Gedenkstätten im Rhein-Ruhr-Gebiet

Seit 1980 sind in Nordrhein-Westfalen Mahn- und Gedenkstätten, Dokumentationsstellen und Orte der Begegnung entstanden, die sich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und der Vermittlung ihrer Forschungen in die Öffentlichkeit hinein verpflichtet haben.1 Gleichzeitig entstanden ebenfalls Einrichtungen, die sich als jüdische Sammlungen bzw. Museen verstehen2: So eröffnete 1992 in Dorsten das Jüdische Museum Westfalen, das wichtige Judaica erwarb und in einer beeindruckenden Schausammlung zeigt und in Sonderausstellungen zu verschiedenen Themen andere Aspekte zum Judentum und zur jüdischen Geschichte zugänglich macht, und in Windeck-Rosbach entstand die Gedenkstätte »Landjuden an der Sieg«. In Planung ist auch ein Haus und Museum der jüdischen Kultur in Nordrhein-Westfalen in Köln, das im Bereich des historischen mittelalterlichen jüdischen Viertels errichtet werden soll.

Im Unterschied zu den Museen steht im Mittelpunkt der Einrichtungen, um die es im folgenden geht, weniger das originale Objekt als Bildungssujet, als vielmehr der Versuch, historische Überlieferung der NS-Zeit in unterschiedlichsten Formen zu sichern, zu vermitteln und für die historisch-politische Bildung aufzugreifen.3

Die seit den 80er Jahren gegründeten Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen haben einige wichtige Entwicklungen aufgenommen:

• sie sind an einem historischen Ort angesiedelt;

• sie rezipieren neuere historische Forschungen einschließlich neuerer Methoden;

• sie sind in der Regel allen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet. Das heißt, Juden sind eine der Opfergruppen, um die es in den Einrichtungen geht, aber nicht die einzige;

• die Einrichtungen bieten verschiedene Vermittlungsformen an, unter anderem in der Regel eine ständige Ausstellung. Sie führen Projekte durch, entwickeln ein breitgefächertes Angebot für unterschiedliche Zielgruppen etc.

Zur Bedeutung des historischen Ortes

1980 wurde in der ehemaligen Synagoge Essen eine erste solche Mahn- und Gedenkstätte, die explizit allen Opfern des Nationalsozialismus in Essen gewidmet wurde, eröffnet. Die als die größte Synagoge diesseits der Alpen 1911–1913 erbaute Synagoge entwickelte neben der ständigen Ausstellung »Widerstand und Verfolgung in Essen 1933–1945« ein vielfältiges Angebot in Form von Sonderausstellungen und -Veranstaltungen, Führungen, Fortbildung und Projekten, das später noch vorgestellt werden soll.

1988 wurde die Rekonstruktion im Innern der Synagoge zum Anlaß einer Neugestaltung genommen. Neben die erwähnte Ausstellung, die seither in verkleinerter Form auf der Empore zu sehen ist, trat eine neue Dauerausstellung »Stationen jüdischen Lebens in Essen von den Anfängen bis zur Gegenwart«. Damit rückte das Thema »Judentum« mehr als zuvor in den Blick.

In Krefeld bestand von 1990 bis 1995 in der Villa Merländer ein NS-Dokumentationszentrum, das in einer kleinen ständigen Ausstellung »Krefeld in der NS-Zeit« sowie die Geschichte des Hauses thematisierte. Das NS-Dokumentations- und Begegnungszentrum der Stadt Krefeld war in einer für den jüdischen Seidenhändler Richard Merländer gebauten Villa untergebracht. Im Haus gab es mehrere Arbeiten des 1889 in Krefeld geborenen rheinischen Expressionisten Heinrich Campendonk.

Der Villenbesitzer, Richard Merländer, wurde gezwungen, sein Haus zu verlassen und ließ zwei Wandgemälde Heinrich Campendonks hinter einer Schutzschicht verstecken. Das Wissen um ihr Vorhandensein ging für viele Jahre verloren. 1942 wurde Richard Merländer mit dem »Altentransport« aus dem Rheinland nach Theresienstadt deportiert. Im September 1942 wurde er in Treblinka ermordet.

Auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge in Siegen wurde nach deren Abriß von der nationalsozialistischen Verwaltung ein Luftschutzbunker errichtet. Das Aktive Museum Südwestfalen in Siegen hat sich zum Ziel gesetzt, in diesem ehemaligen Luftschutzbunker ein Museum zu errichten. In diesem Museum soll die Geschichte des Nationalsozialismus im Kreis Siegen/Wittgenstein dokumentiert werden. Das Museum will sich an alle regionalgeschichtlich interessierten Personen wenden.

Auf 60 qm von insgesamt 500 qm des Bunkers steht dem Aktiven Museum Südwestfalen bisher eine Ausstellungsfläche zur Verfügung, auf der die »Geschichte der Juden im Siegerland« dargestellt wird.

Hierzu hat der »Verein Aktives Museum« Dokumente aus öffentlichen und privaten Archiven gesammelt und sammelt sie weiter. Die Archivierung, Sicherung und Auswertung von Zeitzeugenberichten wird intensiv vorangetrieben. Daraus ist unter anderem eine Sonderausstellung zu einer Siegener Familie entstanden, die eindrucksvoll in der Rekonstruktion einer Familiengeschichte Aspekte deutsch-jüdischer Geschichte und deren Zerstörung durch den Nationalsozialismus, aber auch die individuelle Kraft des Überlebens im Exil vor Augen führt. Von Seiten des Vereins werden auch Forschungsprojekte angeregt und eigene Forschungen weiter in Angriff genommen.

Die Arbeit des Aktiven Museums Südwestfalen hat erst am 10. November 1996 begonnen.

Zur Bedeutung neuer historischer Forschungsansätze

Mit der Rezeption neuerer historischer Forschungen und ihrer Methoden wird die Erarbeitung der lokalen Ausprägungen des Nationalsozialismus bzw. der Judenverfolgung verbunden. Archive wurden seit Ende der 80er Jahre in einigen Bereichen erstmals systematisch unter der Fragestellung der Verfolgung verschiedener Gruppen, u. a. der Juden, durchforstet. Diese Entwicklung einer »demokratischen Heimatgeschichte« geschah auch andernorts, wo es keine Gedenkstätten gibt. So haben zum Beispiel zwei engagierte Frauen in Münster, Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer, ein biographisches Handbuch »Jüdische Familien in Münster 1918 bis 1945« nach der Erarbeitung einer Ausstellung zur jüdischen Geschichte in Münster verfaßt, das außerordentlich beeindruckend ist.4 Bei der Durchforstung der vorhandenen Bestände stellte sich heraus, daß tatsächlich vieles verlorengegangen war und Ersatzüberlieferungen zu schaffen waren.

Regional- und lokalgeschichtliche Arbeiten dieser Art entstanden oft im Zusammenhang mit Jahrestagen. Sie sind ungeheuer bedeutsam, sie kranken aber ein wenig daran, daß keine Institution sie weiterführt, was zwar ihren Wert nicht mindert, was aber den Bestand unvollständig auf dem Stand läßt, der in zwei/drei Jahren von den Bearbeiterinnen oder Bearbeitern zu erreichen war.

Die Gedenkstätten aber gingen vor allen Dingen neue Wege. Sie wußten und wissen sich alle auch dem Zeugnis der Zeitzeugen verpflichtet. Gerade in der Sicherung der Erinnerung von Betroffenen führen die Einrichtungen vor Augen, was durch die Politik des Nationalsozialismus wirklich verloren gegangen ist. Sie versuchen damit schließlich, einen Dialog zwischen denen, die zur Gruppe der Opfer gehörten, und denen, die die Nachkommen der Täter sind, in Gang zu setzen und in Gang zu halten, Die Arbeit mit den Zeitzeugen ist gleichzeitig ein Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen den Generationen. Auch in den Einladungen an ehemalige Bürger einer Stadt wird ein solcher Dialog möglich. Leider bleibt es sehr häufig bei einer einzigen solchen Einladung. Weitere Begegnungen finden nur auf privater Ebene statt.

Eine Ausnahme bildet die Stadt Bonn: Sie nennt diese Einladungen »Begegnungswochen«. Jeder aus Bonn während der NS-Herrschaft Vertriebene wird von der Stadt eingeladen, an einer solchen Woche teilzunehmen. Wenn er oder sie schon einmal Gast war, kann er oder sie in jedem Jahr wiederkommen und am gesamten Programm teilnehmen, bekommt aber die Anreise nicht mehr bezahlt. So bleiben aber viele ehemalige Bonner über Jahre der Stadt eng verbunden. Der »Verein an der Synagoge in Bonn« ist seit seinem Bestehen in dieses Programm einbezogen worden, und die Überlebenden wissen, wem sie ihre Unterlagen geben und was damit geschieht. Die Sammlung kann also durch den kontinuierlichen Kontakt wachsen.

Die Zeitzeugenberichte zu sichern bedeutet auch, sich des Was und des Wie unserer Erinnerung zu vergewissern.5 Während die archivische Quellenarbeit vor allen Dingen Aufschluß über die Ereignisgeschichte, über dahinterstehende Strukturen und über Abläufe gibt, spiegelt sich in den Erfahrungsberichten der Zeitzeugen die Erlebnisebene von Geschichte. Damit kommen die subjektive Seite der Handelnden und das persönliche Zeugnis in besonderer Weise zum Tragen. Ein Resultat sollte Pflege von Kontakten mit Überlebenden und ihren Angehörigen über den einmaligen Anlaß des Interviews hinaus sein. Erstaunlich nämlich, was die Überlebenden bereitzustellen in der Lage und Willens sind, wenn es diese Kontinuität gibt. Diese Bestände stellen wiederum ein besonderes Sammlungsgut dar, das in Stadt-, Kreis- oder Staatsarchiven nur von den sogenannten bedeutenden Persönlichkeiten und zu wichtigen Ereignissen zu finden ist.

Inzwischen umfassen die Sammlungen der NS-Gedenkstätten hunderte von Interviews, von persönlichen Fotos und Dokumenten, von stadtgeschichtlichen, regionalgeschichtlichen und allgemein bedeutsamen Unterlagen.

Sie werden wiederum in Form von Dokumentationen, Studien, Monographien oder Ausstellungen verfügbar gemacht, aber auch ganz anders – und dazu werden hier einige Beispiele gegeben. Es sind exemplarische Beiträge, die die Ergebnisse bisheriger verallgemeinernder Forschung um wesentliche Aspekte konkretisieren und erweitern. Besonders hervorzuheben ist das NS-Dokumentationszentrum Köln, das aus dem historischen Archiv der Stadt Köln hervorging und über eine Fülle von Materialien zum Thema »Nationalsozialismus in Köln« verfügt. Im einzelnen handelt es sich um:

• Originaldokumente, überwiegend aus Privatbesitz, die von Zeitzeugen oder deren Familien zur Verfügung gestellt worden sind, z. B. Reisepässe, Ausweise etc.

• Fotografien, ca. 6000, die meisten davon als Reproduktionen

• Zeitgenössische Briefe von ehemals Verfolgten

• Tagebücher und Memoiren

• fast 500 Tonkassetten von Zeitzeugen-Befragungen. Die Tonkassetten stehen zum Teil als Transkriptionen zur Verfügung.

Diese Sammlungsbestände sind, soweit nicht von den Zeitzeugen Auflagen gemacht wurden, öffentlich zugänglich und werden im Rahmen der laufenden Forschungs- und Dokumentationstätigkeit des NS-Dokumentationszentrums ausgewertet.

Aus Archiven hervorgegangen oder institutionell eng damit verbunden sind die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in Dortmund und die Dokumentationsstätte »Gelsenkirchen im Nationalsozialismus«, die Teil des Instituts für Stadtgeschichte ist.

Mahnen und Gedenken als besondere Vermittlungsformen

In der Alten Synagoge Essen liegt der Sammlungsschwerpunkt, dem Ort entsprechend, auf Materialien zur jüdischen Geschichte Essens. Die Einrichtung ist auch Gründungsmitglied des »Netzwerks jüdischer Sammlungen«.

Grundstock der Sammlung und des Archivs sind die Bestände, die für die beiden Dauerausstellungen »Verfolgung und Widerstand in Essen 1933 bis 1945« und »Stationen jüdischen Lebens. Von der Emanzipation bis zur Gegenwart« erschlossen worden sind. Dabei handelt es sich im einzelnen um:

• historische Privatkorrespondenzen, Poesiealben, Memoiren, auch in Form von biographiegeschichtlicher Korrespondenz zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Alten Synagoge und ehemaligen Essenern, und Tagebücher

• amtliche Dokumente wie Geburtsurkunden, Pässe, Schulzeugnisse und amtliche Schreiben

• Fotografien, sehr viele aus Famillenalben.

Neben diesen lebensgeschichtlichen Zeugnissen umfaßt die Sammlung auch allgemeine historische Dokumente zur Geschichte der jüdischen Gemeinde, zu jüdischen Institutionen sowie zur Baugeschichte der heutigen Alten Synagoge. Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf dem 20. Jahrhundert, inklusive der Emigrationsgeschichte. Die Alte Synagoge verfügt auch über ältere Dokumente (ab dem 16. Jahrhundert), vor allen Dingen aber aus dem 19. Jahrhundert.

Der größte Teil der Sammlung besteht aus fotografischen Reproduktionen. Originale sind nur in Ausnahmefällen zugänglich. Die Alte Synagoge verfügt über eine biographische Datenbank, die bei speziellen Anfragen unterstützend herangezogen werden kann.

Die Besonderheit der Bestände einer Gedenkstätte wie der Alten Synagoge wird im Zusammenhang mit dem Auftrag solcher Einrichtungen, Bildungsorte zu sein, besonders deutlich. Dies soll an dem in der Alten Synagoge entwickelten »Gedenkbuchprojekt« vorgestellt werden, das vergleichbar auch in Bonn realisiert wurde. Darin geht es, kurz gesagt, um die Rekonstruktion der persönlichen Lebens- und Leidensgeschichte eines Ermordeten. Es entstand 1984/85 durch eine Reihe von Gesprächen mit Schülern, aus denen hervorging, »daß wir den Opfern, die wir nur dem Namen nach kennen – wenn überhaupt – ihre Geschichte zurückgeben müssen. Mit der Kenntnis der Geschichte des Opfers können wir uns einer Form des Gedenkens nähern, die sonst nur der Verwandte mit seinen konkreten Erinnerungen entwickeln kann.«6

Mit diesem Projekt werden die Bestände der Sammlung und des Archivs auf eine ganz eigene Art erschlossen und zum Teil ergänzt:

Jeder »Pate« muß sich grundlegende Kenntnisse über die NS-Judenpolitik aneignen, will er die Informationen, die er bekommt, einordnen. Wenn er/sie zum Beispiel über die einzige überlebende Tochter einer Familie vom »Kindertransport nach England« erfährt, wenn er/sie von der Verhaftung des Vaters nach der Pogromnacht und seiner Deportation nach Dachau Informationen erhält, wenn er/sie über die Deportation nach Lodz als letzte Information über die Eltern des nach England entkommenen Kindes liest oder hört, dann muß er/sie sich sowohl mit den Umständen der Aktionen um den 9. November 1938 herum, den Bedingungen in Dachau, den Bedingungen, Dachau wieder verlassen zu können, den Einreisebedingungen anderer Staaten, ihrer Änderung nach den Ereignissen der Pogromnacht, den »Kindertransporten«, den Lebens- und Wohnbedingungen der Zurückgebliebenen, den Deportationen in das Ghetto von Lodz und den Bedingungen dort auseinandersetzen. Der biographische Zugang fordert also die Beschäftigung mit der NS-Verfolgungspolitik, und zwar im Detail. Sie stellt andererseits die individuelle Lebensgeschichte in den Kontext des historischen Zusammenhangs.

Von den örtlichen Gegebenheiten und der Besonderheit verschiedener Medien geht die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf in ihren Projekten aus. Sie wurde mit einer ständigen Ausstellung »Verfolgung und Widerstand in Düsseldorf 1933–1945« im Jahre 1987 im Stadthaus, inmitten der Altstadt, eröffnet. An diesem Ort war bis Mitte 1935 das Polizeipräsidium untergebracht, bis Kriegsende nur noch die Meldepolizei. Von dieser Nutzung befinden sich so gut wie keine Relikte im Gebäude. Eine Gedenktafel an der Außenwand des Stadthauses erinnert daran, daß in diesem Gebäude zu Beginn der NS-Herrschaft Menschen mißhandelt wurden.

Der Grundstock zur Sammlung wurde im Rahmen der Vorbereitung der am 17. September 1987 eröffneten Ausstellung geschaffen. Die Ausstellung gibt Aufschluß über das Schicksal von Gruppen und von Einzelnen, die in Düsseldorf verfolgt wurden oder im Widerstand aktiv waren.

In der ständigen Ausstellung und im Katalog »Verfolgung und Widerstand in Düsseldorf 1933–1945« wird der Ansatz der Gedenkstättenarbeit konsequent verfolgt, der Opfer namentlich zu gedenken. So liegt ein von Schülern geschriebenes Gedenkbuch mit den 1988 bekannten Namen der Düsseldorfer jüdischen Opfer aus, und um den Ausstellungsraum läuft ein Band mit ihren Namen. Ein Namensband durchläuft auch den Katalog. Damit wird dem Betrachter vor Augen geführt, wieviele es waren (2213), auch im Vergleich zu den politischen Opfern, immerhin fast vierhundert. Dem Angehörigen bedeutet es mehr: Hier werden Menschen in Erinnerung gehalten, die ihnen etwas bedeuten.

Die Ausstellungsmacher haben noch etwas bewußt zu zeigen versucht: Die Rassenpolitik machte aus einer heterogenen Gruppe eine Gruppe von Verfolgten, wenngleich den Kommunisten Dagobert Lubinski mit den Diakonissen Johanna und Ernestine Aufricht oder dem evangelischen Fabrikantensohn Albert Herzfeld wahrhaftig nichts einte – außer das Verfolgungsschicksal.

1997 war das »Heine-Jahr«. Aus Anlaß des 200. Geburtstages des in Düsseldorf geborenen Dichters Heinrich Heine, dessen mit einer Vielzahl von Veranstaltungen unterschiedlichster Provenienz gedacht wurde und den diese Stadt, die durchaus gerne feiert, durch alle möglichen Aktivitäten eine späte Wiedergutmachung zuteil werden ließ.

Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf nutzte die Gelegenheit, am »Außenseiter« Heinrich Heine Aspekte jüdischen Lebens in Düsseldorf und am Niederrhein zu thematisieren. Dies geschah auf sehr unterschiedliche Weise.

Gedenkstätten sind Teil des kulturellen Gedächtnisses

Es ist sicherlich deutlich geworden, daß zur Zeit noch die Erinnerung der Zeugen an zentraler Stelle steht. Die Erzählung der Zeitzeugen bedarf des Interesses und des Zuhörens. Viele Jahre lang gab es das Interesse nicht, viele Zeitzeugen haben deswegen jahrzehntelang geschwiegen. Wenn sie nicht zu alt und zu krank sind, sind sie deswegen dankbar, erzählen zu können. Indem ihr Beitrag wiederum zugänglich gemacht wird, ohne denunziert zu werden, sind sie sich des ernsthaften Anliegens der Gedenkstätten, Orte der Erinnerung auch an sie zu sein, sicher. Daraus resultiert die Bereitschaft, persönliche Dinge zu sagen und abzugeben, wie zum Beispiel Fotos der Familie, gesammelt in einer Pralinenschachtel.

Forschung, Sammlung und Vermittlung stehen in den Gedenkstätten in einem fruchtbaren Zusammenhang: Ohne die Forschung würde keine Sammlung aufgebaut werden können. Ohne die Sammlung würden viele Forschungsfragen abstrakt bleiben; die Vermittlungsarbeit stellt nicht nur Ergebnisse der Forschung und der Sammlung interessierten Besucherinnen und Besuchern zur Verfügung, sie regt auch dazu an, Forschungsfragen aufzunehmen und Beiträge zur Sammlung zu leisten.

Wenn wir uns der verschiedenen Bedingungen der Interpretation von Quellen bewußt sind, wird das durch die Sammlungen der Gedenkstätten zugänglich gewordene Material ein wesentlicher und unbedingt wichtiger Bestandteil zur Rekonstruktion der geschichtlichen Wirklichkeit und Teil unserer gegenwärtigen Erinnerungskultur. In diesem Sinne sind sie unverzichtbar.

1 Vgl. als Übersicht vor allem: Den Opfern gewidmet – auf Zukunft gerichtet.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Nordrhein-Westfalen, hrsg. vom Arbeitskreis NS-Gedenkstätten Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf, 3. überarb. und erw. Auflage 1997

2 Vgl. z.B. Benno Reicher: Jüdische Geschichte und Kultur in Nordrhein-Westfalen.

Ein Handbuch, Essen 1993; Netzwerk – Geschichte und Leben der Juden in Nordrhein-Westfalen e.V. (Hg.): Begegnungen mit jüdischer Kultur in Nordrhein-Westfalen.

Organisation, Bildungseinrichtungen und Initiativen, Köln 1997

3 Vgl. dazu Angela Genger: Geschichte, Erinnerung und Identität.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Inform! Museen im Rheinland,

hrsg. vom Landschaftsverband Rheinland, 3/1996, S. 22–28

4 Für ihr Engagement erhielten die beiden Frauen am 4. März 1998 das Bundesverdienstkreuz.

5 Vgl. dazu u.a. Annegret Ehmann/Wolf Kaiser/Thomas Lutz/Hans-Fred Rathenow/Cornelia vom Stein/

Norbert H. Weber (Hg.): Praxis der Gedenkstättenpädagogik. Erfahrungen und Perspektiven,

Opladen 1995

6 Benno Reicher: Aktives Gedenken, Manuskript, Essen 1986