In den letzten Jahren scheint der Holocaust ein Thema für immer jüngere Kinder zu werden. Museen und Gedenkstätten werden zunehmend nach Programmen zur »Holocaust Education« im Grundschulalter befragt. Welche Erfahrungen, Bedürfnisse und Wünsche existieren auf Seiten der Schulen? Wann und wie sollten Kinder mit diesen Themen konfrontiert werden? Damit sind einige der häufigen Fragen genannt, mit denen sich schulische und außerschulische Pädagogen, Museumsmitarbeiter und Eltern auseinander setzen. Meiner Meinung nach kann auf die Frage, ob der Holocaust und der Nationalsozialismus ein Thema für Kinder (im Kindergarten- und Grundschulalter) sei, nicht mit einem klaren Ja oder Nein geantwortet werden. Es gibt einerseits gute Zugänge, von denen einer im Folgenden exemplarisch dargestellt wird, und es gibt andererseits Probleme bei der Vermittlung durch Lehrer und Erzieher, die unter anderem von Matthias Heyl und Micha Brumlik[1] dargelegt wurden. Es besteht die Gefahr der Instrumentalisierung von Auschwitz zur Demokratie-Erziehung und Erziehung zur Zivilcourage, der Verzerrung des Massenmords an den Juden und einer Choreographie von Betroffenheit. Mit dem »Geschichtslabor 1933–45«, einer Ausstellung für Kinder, hat sich das Jugend Museum in Berlin Schöneberg der Auseinandersetzung gestellt.
Am 16. November 2008 endete im Jugendmuseum das Bundesmodellprojekt »Das Geschichtslabor 1933–45«. Mit der experimentellen Ausstellung »Hands on History« wurden am Beispiel historischen Lernens ein Jahr lang neue Konzepte und Methoden entwickelt, die sich insbesondere an Kinder richten.
Kinder werden im Alltag und in den Medien mit Einzelheiten der NS-Zeit konfrontiert. Ihnen begegnen in ihrer nächsten Umgebung Hakenkreuzschmierereien, ausländerfeindliche Kritzeleien mit geschichtlichem Bezug oder sie werden Zeugen von antifaschistischen Demonstrationen. Daher galt es, junge Menschen dabei zu unterstützen, sich selbst und andere in einer geschichtlichen und kulturellen Entwicklung zu verstehen sowie eigene Geschichtsbilder in unterschiedlichen Kulturen zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Es sollte eine Geschichtsvermittlung angeboten werden, die aktuelle Bezüge nicht scheut und im Dialog und nicht allein in der Präsentation von Fakten erfolgt.
Im Mittelpunkt stand die Entwicklung eines »Geschichtslabors«, das »Forschungsstätte«, Werkstatt, Experimentierfeld und Ausgangspunkt für weitere Recherchen im Stadtraum zugleich sein sollte. Man wollte Kinder dabei unterstützen, neue Zugänge zur Geschichte zu erfahren, Neugier zu entwickeln und ihren Forschergeist einzusetzen. Im Umgang mit originalen Überresten, authentischen Orten und Menschen sollte den Kindern verdeutlicht werden, wie die »große Geschichte« auch im Kleinen nachvollziehbar sein konnte. Daher wurde Kindern ab der 5. Klasse im Rahmen von Projekttagen und Workshops ermöglicht, in Archiven und einem »Labor« selbst aktiv zu werden und sich als »richtige Forscher« zu erproben. Dieser Prozess des historischen Lernens wurde einer sehr aufmerksamen Beobachtung und Reflexion unterzogen. Die inhaltliche Akzentuierung setzte dabei auf die Zeit des Nationalsozialismus, des II. Weltkrieges und Migrationsgeschichte. Petra Zwaka, die Leiterin des Jugendmuseums, versprach sich mit diesem Schwerpunkt eine Sensibilisierung der Schüler für frühe Anzeichen von Ausgrenzung und Gewalt im Alltag. Ihr Blick für die Gegenwart sollte so geschärft werden. Die Bildung von Geschichtsbewusstsein bei Kindern mit Migrationshintergrund lag ihr besonders am Herzen. Sie wollte ihnen einen biografischen Umgang auch mit widrigen Themen der Geschichte, wie z.B. Menschenrechtsverletzungen, Verfolgung und Tod ermöglichen.
Um Kindern und Jugendlichen einen altersgemäßen Zugang zu dem sensiblen Thema »Nationalsozialismus« zu bereiten, hat die Projektleitung Bildergeschichten und Comiczeichnungen in Bildstrecken ausgewählt und auf Leuchtkästen an den Wänden des Jugend Museums installiert, die erzählerisch stark und visuell sehr eindrücklich verschiedene thematische Einheiten vermittelten. Die Ausgrenzung jüdischer Schülerinnen und Schüler, das Überleben jüdischer Bürgerinnen und Bürger im Versteck oder auch Hintergrundinformationen zu Begriffen wie »Angriffskrieg«, »Heimatfront« und »Hitlerjugend« wurden visuell aufgearbeitet. Die Bilder stammen von den Zeichnern Eric Heuvel (»Die Entdeckung«), Joe Kubert, Art Spiegelman (Maus I und II) und Jaques Tardi.
Viele der markanten Gegenstände, die in den Comics abgebildet waren, fanden sich auch in den Schaukästen der Ausstellung wieder. Die historischen Objekte der Schausammlung lagen mit Informationskärtchen versehen geschützt unter Glas. Von der Schausammlung wurden die Kinder von anleitenden Pädagogen in das eigens eingerichtete »Forschungsarchiv« im Jugendmuseum geleitet. Einige Objekte durften die Kinder, ausgestattet mit weißen Kitteln und Handschuhen, im Depot anfassen, erforschen, untersuchen und begreifen. In den Ausstellungsräumen konnten die Besucher Tondokumente aus der NS-Zeit hören, die über altmodische Telefone abgespielt wurden.
Für die Klassen 5 bis 8 wurden zwei Projekttage angeboten, an denen die Schülerinnen und Schüler in der Ausstellung recherchieren und selbst ein kleines Materialdossier über eine Bildgeschichte oder eine Comiczeichnung, ein Objekt, eine Lebensgeschichte oder einen historischen Ort erstellen konnten. Am zweiten Tag war eine szenische Präsentation auf der Grundlage des erarbeiteten Materials vorgesehen, die sie dann auf der Bühne vorführten. Für die Klassen 7 und 8 wurde ein Projekttag angeboten, an dem die Jugendlichen, die mit dem Thema Nationalsozialismus schon etwas vertraut waren, in kleinen Gruppen in der Ausstellung und im Depot forschen konnten. Dort konnten sie Fotos sichten und recherchieren, Biografien erkunden und Dokumente auswerten. Im Anschluss präsentierten sie der Klasse ihre Ergebnisse.
Schüler einer sechsten Klasse der Barbarossa-Grundschule haben während einer Projektwoche einen Audioguide »Durch das Bayerische Viertel – Kinder führen Kinder« entwickelt. Das »Bayerische Viertel« wurde in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet, liegt rund um den Bayerischen Platz zwischen Hohenstaufen- und Badensche Straße in der sogenannten City-West und zählt zu den wohlsituierten Wohngebieten der Hauptstadt.
Der Audioguide wurde vor Ort in Anwesenheit des Stadtrats für Schule, Bildung und Kultur Dieter Hapel und dem BVV-Abgeordneten Ralf Olschewski (CDU) am 9. November 2008 der Öffentlichkeit übergeben. Nach kurz gehaltenen Ansprachen von Frau Zwaka und Herrn Hapel lasen am Projekt beteiligte Schüler Auszüge aus Briefen von Verstorbenen vor. Durch das außerordentliche Engagement der Schüler war eine sehr entspannte und dennoch dem Anlass des Gedenkens angemessene Atmosphäre spürbar. An der Veranstaltung nahmen 80 Personen teil. Sie konnten sich den Audioguide vor Ort auf mitgebrachte Speichermedien kopieren und/oder ausleihen und mit einem dazu ausgeteilten Begleitheft im eigenen Tempo den Rundgang ablaufen. Dieser Audioguide wurde von Kindern für Kinder entwickelt.
Dazu wurde die ehemalige Klasse 6b der Barbarossa-Grundschule angesprochen, nachdem sie sich bei einem Besuch des Geschichtslabors in der Hauptstraße sehr interessiert und auch engagiert gezeigt hat. So kam die Klasse noch vor den Sommerferien 2008 im Rahmen einer Projektwoche in das Jugend-Museum, um den akustischen Leitfaden in dem dort angebotenen Workshop zu produzieren. Die Schülerinnen und Schüler kombinieren Dialoge mit Interviews mit Passanten und Zeitzeugen und präsentieren eigene Gedanken im Wechsel mit informativen Passagen. Die Klasse wurde dazu in vier Redaktionsteams unterteilt. Anhand von 37 Stationen erzählen sie beispielhaft und dennoch umfassend in etwa 80 Minuten die Geschichte der jüdischen Bewohner des Bayerischen Viertels. Am Beispiel von einzelnen Lebensgeschichten und konkreten Orten wird die Geschichte der Juden in diesem Quartier erzählt, entlang ausgewählter Tafeln des 1993 eingeweihten dezentralen Denkmals »Orte des Erinnerns«, sowie anhand einiger von Gunther Demnig verlegter »Stolpersteine«, der ehemaligen Synagoge Münchner Straße, der Gedenkmauer in der Grundschule Löcknitzstraße, der Georg-von-Giesche-OS (ehemaliges Werner-Siemens-Realgymnasium) und der Kirche zum Heilsbronnen.
Am Anfang des Audioguides steht eine kurze Einleitung zur Geschichte der jüdischen Bewohner des Viertels und zum dezentralen Denkmal für die ermordeten Juden des Stadtviertels. Den Künstlern Renata Stih und Frieder Schnock ist es mit der Kombination aus Kunstobjekt und historischen Informationen gelungen, den schleichenden Prozess der Vernichtung der jüdischen Einwohner aufgrund von Dutzenden von Regelungen und Gesetzen deutlich zu machen. Es ging ihnen mit der Installation von 80 Tafeln (je 50 x 70 cm) in einer Höhe von etwa drei Metern an den Masten von Straßenlaternen darum, zu zeigen, dass erst die Entrechtung, dann die Vertreibung und schließlich Ermordung keine plötzlichen unvermeidbaren, über alle Menschen hereinbrechenden unabwendbaren Ereignisse waren. Ein knapper Text, schwarz auf weiß, mit entsprechendem Datum weist auf der einen Seite der Schilder auf die unterschiedlichen antisemitischen Maßnahmen hin. Auf der Rückseite befindet sich eine einfache bildliche Darstellung.[2] Darüber hinaus erklären die Schüler den Übersichtsplan, der zum Denkmal »Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel. Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung von Berliner Juden in den Jahren 1933 bis 1945« gehört. Er befindet sich an der Stirnseite des Platzes hin zur Grunewaldstraße und ist in schwarz und rosa überlagernd gekennzeichnet. Die rosa Karte ist der »aktuelle« Plan von 1993 die schwarze Karte kennzeichnet das Viertel im Jahr 1933. Daraus ergibt sich leicht ein Überblick über die zur Zeit des Nationalsozialismus und im Laufe des Krieges eingetretenen Veränderungen.
Nach Abschluß des Projekts bestätigte die Leiterin des Jugend Museums, Petra Zwaka, das außerordentlich große Interesse am »Geschichtslabor 1933–45«. Die begleitende Evaluation hat die Annahme bestätigt, dass authentische Objekte, verknüpft mit dem Ansatz des entdeckenden Lernens jungen Menschen den Zugang zu dem komplexen Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung erleichtern können.
Anhand der Beobachtung von über 1.500 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 10 und 14 Jahren, die in der Ausstellung Projekttage oder eine Projektwoche verbracht haben, lässt sich zusammenfassen: Die Bildersprache solcher »Bildungs-Comics«, die für die Ausstellung im Jugendmuseum gewählt wurde, ist für Kinder und Jugendliche leicht zugänglich.
So konnte auch das Anne-Frank-Zentrum Berlin eindrucksvoll auf einem Symposium im November 2008 von dem erfolgreich erprobten Einsatz vom Comic (»Die Suche«) als Unterrichtsmaterial in ausgewählten Berliner Schulen berichten.
Das Verblüffende an den Projekttagen mit den jüngeren Schülern war, so Frau Zwaka, gar nicht das jeweilige Ergebnis, z.B. das Theaterstück, sondern eher der kreative Prozess der Entstehung. Hier hatten die Kinder Raum für eigene Befindlichkeiten, Gespräche und Emotionen. Teilweise war es überraschend, wie viel Kinder über diesen Teil der Geschichte schon wussten. Viele der Arbeitsaufträge waren mit intensivem Lesen und Schreiben verbunden, was den Grundschülern wesentlich leichter fiel als den Jugendlichen.
Bei den älteren Schülern war die Lustlosigkeit und die mangelnde Bereitschaft konzentriert zu arbeiten eher zu spüren. Vermutlich wirkte diese Form von Arbeitsaufträgen zu verschult. Sie sehnten sich wohl nach Abwechslung. Von den älteren Kindern hingegen wurden die Arbeitsaufträge, Interviews mit Passanten auf der Straße zu führen, viel engagierter ausgeführt. Oft beschwerten sie sich bei den Mitarbeitern des Jugend Museums nach ihren ersten Eindrücken in Gesprächen mit Passanten darüber, dass sie thematisch nur schlecht vorbereitet wurden und wollten schließlich aus eigener Initiative heraus mehr über bestimmte Themenbereiche wissen. »Wir hoffen aber, dass die Kinder neue, eigene Fragen an die Geschichte oder die originalen Gegenstände stellen. Über die Forschungsarbeit sollen sie ihre eigene Position finden«, so Petra Zwaka.
Ihre Erfahrung war, dass es zunehmend wichtiger wird, Kinder selber arbeiten zu lassen, anstatt ihnen Zahlen und Fakten zu präsentieren. »Wir wollen mit neuen Formen des historischen Lernens experimentieren und dabei modellhafte Herangehensweisen für die demokratische Erziehung von jungen Menschen entwickeln. Auf diese Weise dient die Arbeit im Geschichtslabor auch als Beobachtungsfeld, was beim ›Geschichte lernen‹ wirklich in den Köpfen und Herzen der Kinder geschieht und wie Geschichte auf die eigene Gegenwart zu übertragen ist«, erklärt Petra Zwaka.[3]
Die gewählte Form der Geschichtsvermittlung holt die Schüler gewissermaßen dort ab, wo sie stehen. An biografischen Einzelschicksalen können Handlungsspielräume zwischen Mut zum Widerstand und Angepasst sein aufgedeckt werden und somit demokratische und humanistische Werte und Rechte vermittelt werden.
Das konkrete Projekt des Jugend Museums in Berlin bestärkt die Auffassung von Heike Deckert-Peaceman, »dass durch eine rechtzeitige, behutsame und wohldurchdachte Auseinandersetzung mit dem Thema Ausgrenzung, Entrechtung und Nationalsozialismus eine Festsetzung von Vorurteilen, genauso wie eine unreflektierte Übernahme von weithin verbreiteten historischen Klischees, Legenden oder NS-Mythen verhindert werden können.«[4] Nach der Finissage im November teilte Frau Zwaka mit, dass Teile der Ausstellung in Koffern verpackt werden und für den mobilen Einsatz an Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen zur Verfügung stehen sollen. Sie hofft auf eine weiterhin ausgeprägte Kooperationsbereitschaft seitens der Lehrerschaft.
Kontakt
Jugendmuseum Schöneberg
Hauptstraße 40–42
10827 Berlin
Tel. (030) 75606163
zwaka@jugendmuseum.de
www.jugendmuseum.de | www.geschichtslabor.de
Michaela Illner hat Erziehungswissenschaften an der FU Berlin studiert und arbeitet seit 2001 als Sachbearbeiterin im Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors
[1] siehe dazu den Redetext von Brumlik vom 1. Dezember 2008 in der Amadeu Antonio Stiftung aus Anlass ihres 10. Jubiläums
[2] siehe dazu: www.fernweh.de/bayrisches_viertel.html
[3] siehe dazu: www.vielfalt-tut-gut.de – Aus der Arbeit der Modellprojekte
[4] Heike Deckert-Peaceman auf dem Symposium des Jugend Museums: »NS und Holocaust – Ein Thema für Kinder?« in Berlin am 14.11.2008
Literatur zum Thema
Links
Homepage zum Projekt vom Jugendmuseum
www.geschichtslabor.de
Rede von Prof. Dr. Micha Brumlik vom 1. Dezember 2008
www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/debatte/kommentare/dass-auschwitz-sich-nie-wiederhole-eine-rede-von-micha-brumlik.print.html