Das Gedenken an nationale Opfergruppen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist keine Selbstverständlichkeit. Das NS-Regime verfolgte Menschen weniger aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit, als vielmehr wegen ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen oppositionellen Haltung, einer ihnen zugeschriebenen sozialen, sexuellen oder genetischen und vor allem »rassischen« »Minderwertigkeit« oder einfach, weil ihre schlichte Existenz seinen kontinentalen Expansionsplänen im Wege stand. Angesichts der nach Millionen zu beziffernden Opferzahlen bedarf aber offensichtlich das Gedenken gerade auch im wachsenden zeitlichen Abstand der Konkretion – sowohl der Gruppen von Menschen, die sich erinnern, als auch der Gruppen von Menschen, derer sie gedenken wollen. Die Möglichkeit der Identifikation über die gemeinsame nationale Zugehörigkeit liegt nahe in einem Europa, das sich auch im 21. Jahrhundert noch immer als eines der Nationen versteht. Gleichwohl ist nationales Gedenken in hohem Maße voraussetzungsvoll.
Das nationale Identifikationsangebot wurde nicht erst seit der Niederschlagung der NS-Herrschaft und der Neuvermessung der europäischen Staaten entsprechend den Vorgaben der alliierten Siegermächte gern genutzt. Bereits in den Lagern bildeten sich nationale Gruppen, die Vertreter in das jeweilige »internationale Lagerkomitee« delegierten. Für Österreicher war dies schwieriger, trugen sie doch wie die deutschen Häftlinge kein nationales Abzeichen. Im Konzentrationslager Sachsenhausen war es der burgenländische Kommunist Hans Pointner, der eine Anzahl österreichischer Mithäftlinge, die sich als »nationale Leitung« verstanden, in der 1942 gebildeten »internationalen Häftlingswiderstands-Leitung« vertrat. Gelegentlich mochte es für den einen oder anderen Häftling nützlich sein, sich einem Kärntner oder Tiroler Mitglied der SS-Wachmannschaften als Landsmann zu erkennen zu geben, während eine allzu vernehmbare Selbstbezeichnung als Österreicher unweigerlich drakonische Strafen nach sich gezogen hätte.
Nach der Befreiung der Lager kehrten die meisten der Überlebenden in ihre Herkunftsländer zurück. Aus welchen Gründen auch immer sie in die Lager geraten waren, ob sie sich zuvor dort ihrer nationalen Gruppe angeschlossen oder auch nur von deren Existenz erfahren hatten oder nicht – spätestens jetzt wurden sie zu national kategorisierten NS-Opfern. Sie mussten bei den rekonstituierten Nationalstaaten um dringend benötigte Unterstützungen ansuchen und ihre Entschädigungsansprüche gegenüber der Bundesrepublik Deutschland als dem Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs über ihre nationalen Vertretungen geltend machen. In Österreich als einem der Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie und einverleibten Teil des »Dritten Reiches« war die Frage der Staatsbürgerschaft besonders kompliziert. Hier regelte das Opferfürsorgegesetz von 1947 mit seinen zahlreichen Änderungen in den folgenden Jahren, wer Ansprüche geltend machen konnte und in diesem Sinne ein österreichisches NS-Opfer war. Mehr als siebzig Jahre nach der Eingliederung Österreichs in das »Dritte Reich« erscheint indessen ein entsprechend wohlfahrtsstaatlich reglementiertes Gedenken nicht nur als unangemessen bürokratisch; es wird auch – und im Falle Österreich vielleicht noch mehr als anderenorts – deutlich, dass nationales Gedenken nur um den Preis der Selektion nach immer wieder erneut diskussionsbedürftigen Kriterien zu haben ist.
Gedenken an nationale Opfer ist noch in einer anderen Hinsicht voraussetzungsvoll. Es waren vor allem die Mitglieder jener »nationalen Leitungen«, die sich nach ihrer Befreiung in wiederum nationalen Lagergemeinschaften für die öffentliche Erinnerung an die Verfolgung und ihren eigenen Widerstand engagierten. Die Geschichten der nationalen Opfergruppen schrieben die Überlebenden – nicht die zu Tode Gebrachten; die noch etwas kräftigeren Häftlinge mit den nur wenig, dennoch entscheidend besseren Arbeitsbedingungen – nicht die entkräfteten »Muselmänner«; die politisch versierten, noch immer wortgewandten und artikulationsfähigen – nicht die in ihren Traumata gefangenen, für lange Zeit sprachlos gewordenen Menschen. Die Wortführer schrieben ihre Geschichte nicht zuletzt, um ihre Unterworfenheit abzuschütteln und sich endlich wieder als Subjekt ihres Lebens begreifen zu können. Sie erzählten häufiger Geschichten der eigenen Handlungen, der Solidarität, des Widerstands und der heroischen Tode der Kameraden – weniger die Geschichten der Gruppenegoismen und der blutig ausgetragenen Streitigkeiten um den letzten überlebensnotwendigen Bissen Brot, des Geschundenseins, des elenden Dahinvegetierens und anonymen Wegsterbens.
Die Geschichte der österreichischen Häftlinge in Sachsenhausen wurde das erste Mal 1961 von Erich Fein, einem Aktivisten der kommunistischen Jugendbewegung und langjährigen Buchenwald-Häftling, der selbst nicht in Sachsenhausen gewesen war, öffentlich präsentiert und zwar anlässlich der Eröffnung der DDR-Mahn- und Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände von Sachsenhausen. Zu diesem Zeitpunkt war die Erinnerung an die NS-Verfolgung fest eingezurrt in die ideologische Ost-West-Konfrontation des Kalten Krieges. Als eine von 19 nationalen Ausstellungen sollte auch die österreichische dazu beitragen, Sachsenhausen als – wie es in typischer DDR-Diktion lautete – »Ort des internationalen Kampfes gegen den Faschismus« und »Kaderschmiede international aufrechter Patrioten« darzustellen.[2]
Zwanzig Jahre später bildete das von Erich Fein zusammengestellte Material noch immer den Grundstock für den Sachsenhausen-Teil einer Ausstellung über Österreicher in sechs ausgewählten Konzentrationslagern, die seit 1982 in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen gezeigt wird. Allerdings zollte der Sachsenhausen-Teil dem nunmehr österreichischen Standort und dem dort stattgefundenen Wandel des Geschichtsbildes Tribut: Neben Hans Pointner, dem kommunistischen Repräsentanten der »nationalen Leitung« in Sachsenhausen, wurde Viktor Stein, der sozialdemokratische Wiener Gemeinderat und Mitglied des Nationalrats, hervorgehoben. Er war Ende 1939 von der Anklage des Hochverrats freigesprochen, aber dennoch kurz darauf nach Sachsenhausen verbracht worden, wo er vier Monate nach seiner Einlieferung ermordet wurde. Dass die Deportation und Ermordung Steins möglicherweise nicht seiner sozialdemokratischen Parteibindung, sondern seiner jüdischen Herkunft galt, wurde nicht erwogen. Karl Tuppy wurde als »das erste österreichische Opfer in Sachsenhausen« gewürdigt; er hatte als Staatsanwalt 1934 Anklage gegen die NS-Juliputschisten geführt, war in einer der ersten Razzien nach dem »Anschluss« 1938 festgenommen und unmittelbar nach seiner Überstellung nach Sachsenhausen im September 1939 erschlagen worden. Schließlich wurde sein damaliger Vorgesetzter, der frühere Justizminister Kurt Schuschnigg, als letzter Bundeskanzler präsentiert, ohne seine Verantwortung für die politische Justiz gegenüber den Aufständischen vom Februar 1934 und die anschließende autoritäre Diktatur auch nur zu erwähnen. Schuschnigg wurde unmittelbar am 12. März 1938 festgenommen und mehrere Jahre in Wien und München inhaftiert; er wurde im Dezember 1941 nach Sachsenhausen gebracht und dort bis zu seiner Evakuierung im Februar 1945 in einem der Sonderhäuser unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen interniert.
Diese sich über ein breites politisches Spektrum erstreckende Kollektion einer knappen Handvoll prominenter Häftlinge sollte in den 1980er Jahren die Einheit eines »österreichischen Freiheitskampfes« versinnbildlichen, die die ehemals verfeindeten politischen Lager der Ersten Republik überspanne. Der »Geist der Lagerstraße« war zuerst für Dachau, wohin nach den ersten Verhaftungswellen 1938 einige Tausend Österreicher verbracht worden waren, dann auch für Auschwitz, Buchenwald und Mauthausen mit ebenfalls hohen Zahlen an österreichischen Häftlingen beschworen worden. Er wurde zum Gründungsmythos der großkoalitionären Zweiten Republik und sollte nun auch für Sachsenhausen in Anschlag gebracht werden. Angesichts solcher politischer Überformungen des nationalen Gedenkens an NS-Opfer bis in die jüngste Gegenwart hinein stellt sich die Frage, wer die Menschen im Konzentrationslager Sachsenhausen tatsächlich waren, an die die Republik Österreich siebzig Jahre nach dem »Anschluss« mit einer im Sommer 2008 auf dem Gelände der Gedenkstätte angebrachten Gedenktafel erinnern möchte. Wie viele waren es, woher und warum kamen sie nach Sachsenhausen, wo sie sind geblieben?
Diese schlicht klingenden Fragen sollten sich, so die Annahme zu Beginn unserer Recherchen, mithilfe der vorhandenen Listen und Daten einigermaßen rasch und hinreichend beantworten lassen. Die Idee war einfach: Die in Sachsenhausen und im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) in Wien vorhandenen Listen mit Namen von rund 100 bis 300 österreichischen Sachsenhausen-Häftlingen sollten überprüft, zusammengeführt und ergänzt werden, um sie anschließend statistisch auswerten zu können. Die Realisierung war tückisch: Wer hatte wen nach welchen Kriterien als österreichischen Häftling identifiziert? Wie konnten aus der Lagerdatei weitere österreichische Häftlinge herausgesucht werden, wenn sie nach 1938 als Reichsdeutsche eingetragen worden waren? War jemand, zu dem sich nur der Name oder die Häftlingsnummer sowie der Hinweis fanden, dass er in Wien oder Linz verhaftet worden war, zuvor österreichischer Staatsbürger gewesen, hatte er Heimatrecht oder einen langjährigen österreichischen Wohnsitz gehabt? Wie stand es um seinen Leidensgenossen, der in Prag verhaftet worden war, aber zuletzt in Salzburg gewohnt hatte? Wie um den in Lemberg geborenen, in Brünn verhafteten und nach dem Krieg in Graz wohnenden Überlebenden? Auch wenn wir die »weichen« Kriterien übernommen haben, die das DÖW seinen Opferdatenbanken und damit unseren wichtigsten Quellen zugrunde legt, blieben und bleiben immer noch viele Einzelfälle zu klären.
Entstanden ist gleichwohl eine komplexe Datenbank, die tausende von Informationen enthält und viele Abfragen ermöglicht. Aber auch diese Datenbank ist noch immer ein höchst voraussetzungsvolles Artefakt. Sie ist erstens nicht vollständig. Wir wissen inzwischen von 676 der insgesamt über 200 000 Sachsenhausen-Häftlingen, dass sie 1938 die österreichische Staatsbürgerschaft oder das Heimatrecht oder einen langjährigen österreichischen Wohnsitz hatten, dass sie also Österreicher im Sinne der vom Dokumentationsarchiv geführten Opferlisten waren. Von über 300 weiteren Sachsenhausen-Häftlingen, deren Daten einen biographischen Bezug zu Österreich aufweisen, muss dies erst noch überprüft werden. Von manchen der Sachsenhausen-Häftlinge werden wir vielleicht nie wissen, ob sie aus einem deutschen oder österreichischen Neuenburg, einem elsässischen oder westpolnischen Altenberg kamen.
Die Datenbank ist zweitens nicht repräsentativ. Zwar sind uns mit 676 Personen inzwischen mehr als doppelt so viele österreichische Sachsenhausen-Häftlinge namentlich bekannt als bisher. Aber noch immer sind diejenigen Gruppen stärker vertreten, die etwa in den späteren Lagergemeinschaften aktiv ihre eigene Geschichte tradiert haben, die Fürsorgeanträge stellten und als Überlebende nach dem Krieg die Behörden kontaktierten sowie diejenigen, nach denen seit den 1990er Jahren verstärkt gesucht wurde und die etwa in die DÖW-Datenbank der österreichischen Holocaust-Opfer aufgenommen wurden. Weniger oder noch immer gar nicht vertreten sind diejenigen, die als »Zigeuner«, homosexuell oder »asozial« Stigmatisierte, als vermeintliche oder tatsächliche Kriminelle auch nach dem Krieg gravierende Gründe hatten, nicht in Erscheinung zu treten, zumal sie meist nicht auf Entschädigungen oder Fürsorgeleistungen hoffen durften. Nicht vertreten sind alle diejenigen, die den mörderischen KZ-Bedingungen erlagen oder ermordet wurden, ohne dass sie Spuren in den Akten oder der Erinnerung der Überlebenden hinterlassen konnten. Dennoch lässt sich auf Basis unserer Daten jetzt ein erheblich differenzierteres Bild der sozialen und vor allem der verfolgungspolitischen Zusammensetzung der österreichischen Sachsenhausen-Häftlinge zeichnen.
Hinweise auf die persönlichen Verfolgungsgründe liegen für 586 der in die Datenbank aufgenommenen Personen vor. Bevor diese genauer aufgeschlüsselt werden, ist zu konstatieren, dass zu 253 Personen Angaben vorliegen, die darauf hinweisen, dass diese primär aufgrund der Nürnberger Rassegesetze von den Nationalsozialisten als »Juden« kategorisiert, verfolgt und in das KZ Sachsenhausen deportiert wurden. Waren nach dem »Anschluss« einzelne von ihnen noch aus politischen Gründen verhaftet worden, so kam es mehr als einmal vor, dass sie mit ihrer Ankunft in Sachsenhausen als »Juden« umkategorisiert wurden – so auch der in der Ukraine geborene Wiener Jurist Josef. Er wurde im November 1939 als »Schutzhäftling« eingewiesen, aber wenige Tage später als polnischer Jude etikettiert; er starb ein halbes Jahr später.
152 nicht-jüdische Männer wurden als politische Häftlinge gekennzeichnet. Darunter waren 1939 die 19 Spanienkämpfer, die von Dachau nach Sachsenhausen überstellt worden waren, und acht katholische Priester, die 1940 wieder nach Dachau zurückgeschickt wurden. Es waren alle politischen Richtungen vertreten bis hin zu dem Wiener Bäckermeister und NSDAP-Mitglied Oskar Blie, dem man 1942 »Rundfunkverbrechen« und »Anstiftung zum Hochverrat« vorgeworfen hatte und der von November 1943 bis April 1945 in Sachsenhausen blieb.
Dem Wiener Leopold Mikisek, der von März 1940 bis zu seiner Entlassung im April 1944 in Sachsenhausen inhaftiert war, wurde Arbeitsverweigerung vorgehalten. Mikisek musste, wie eine sehr heterogene Gruppe von 82 Männern, denen etwa Bettelei, Alkoholismus oder Obdachlosigkeit vorgehalten wurde, den schwarzen Winkel tragen. Die meisten dieser Männer blieben oft nur kurz, wurden vielmehr ebenso wie die 65 mit dem grünen Winkel als kriminell Gekennzeichneten häufig zwischen den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald und Mauthausen hin und her verfrachtet. Mindesten 14 von ihnen wurden in der »Euthanasie«-Aktion 14f13 in den Anstalten Bernburg und Hartheim umgebracht.
Weiterhin finden wir mindestens 30 Zeugen Jehovas: Die Brüder Johann und Mathias Renner aus dem Salzkammergut, kamen mit zwei unterschiedlichen Transporten im März 1940 nach Sachsenhausen, wo Mathias bereits nach wenigen Wochen starb. Johann wurde nach einigen Monaten über Dachau nach Lublin verschleppt, wo sich seine Spuren verloren. Er wurde 1948 für tot erklärt; auch seine Kinder waren in Konzentrationslagern ermordet worden; nur seine Ehefrau Maria überlebte die NS-Zeit.
Besonders mörderische Arbeitsbedingungen vor allem in der Strafkompanie Klinkerwerk hatten die vier als homosexuell gekennzeichneten österreichischen Häftlinge. Der Überlebende Heinz Heger konnte sie in seiner Autobiographie schildern, der Priester Josef Pachner überlebte sie 1940 keine zwei Monate, der in Triest geborene Wiener Transvestit Friedrich Guzmann keine Woche.
Neben der sozialen und verfolgungspolitischen Heterogenität der österreichischen Häftlinge wird ein Weiteres deutlich: Ihre Verweildauer in Sachsenhausen war extrem unterschiedlich. Manche überlebten nicht einmal die Einweisungsprozedur; manche starben nach wenigen Tagen; viele wurden nach Wochen oder Monaten in andere Lager verfrachtet; wenige wurden in den Militärdienst entlassen. Von 371 Häftlingen ist uns die Aufenthaltsdauer bekannt: 211 von ihnen waren weniger als 6 Monate in Sachsenhausen, 85 blieben ein Jahr, 59 blieben zwei oder drei Jahre; nur 16, allesamt als politisch gekennzeichnete, Häftlinge blieben vier bis sechs Jahre. Nur für diejenigen, die mehrere Jahre in Sachsenhausen zubringen mussten, konnte sich ihre dortige Erfahrung als eine kohärente Geschichte darstellen.
Dies gilt in besonderer Weise für den Spanienkämpfer Franz Primus. Er blieb vom Herbst 1939 an für viereinhalb Jahre in Sachsenhausen. Als so genannter Läufer hatte er zu fast allen Bereichen des Lagers Zugang und konnte sogar Informationen aus dem SS-Bereich an die Häftlingsselbstverwaltung weitergeben. Primus gelang im Mai 1944 die Flucht aus einem Aufräumkommando in Berlin-Lichterfelde, nachdem er gewarnt worden war, dass seine Rücküberstellung ins Hauptlager und, wie er fürchtete, seine Liquidation als Mitwisser bevorstehe. Er gehörte später ebenso wie seine mehrjährigen österreichischen Sachsenhausen-Kameraden Waldemar Quaiser und Fritz Horn, die – nach der Absetzung des deutschen Kommunisten Harry Naujoks im Jahr 1942 – zeitweilig als Lagerälteste eingesetzt worden waren, zu den Aktivisten der österreichischen Lagergemeinschaft Sachsenhausen.
Für die meisten österreichischen Häftlinge war Sachsenhausen eine unter mehreren Stationen einer mehrjährigen terroristischen Verfolgung. Die Geschichte der österreichischen Häftlinge in Sachsenhausen ist die des Hin-und-Her-Getrieben-Seins von rund siebenhundert, vielleicht tausend oder noch mehr Menschen, von denen sich nur wenige untereinander kannten oder auch nur begegneten. Sie kamen als Einzelne oder in eher kleinen Gruppen nicht nur aus Österreich, sondern aus vielen Ecken des besetzten Europas und oft bereits aus anderen Lagern. Als Einzelne oder in Gruppen, die nach den unterschiedlichsten Kriterien, jedenfalls nicht nach ihrer österreichischen Nationalität oder Herkunft neu zusammengesetzt waren, wurden sie wiederum in andere Lager und zuletzt auf die Todesmärsche geschickt.
In der historischen Rückschau lassen sich anhand der Zugangsdaten, die für 485 Personen vorliegen, einige zeitliche Markierungen feststellen. Schon vor 1938 verzeichnete die Sachsenhausener Lagerstatistik vierzig österreichische, so genannte Besserungshäftlinge. Folgen wir den vorhandenen Quellen, dann kamen im Zuge der Verhaftungswellen im Frühjahr und Sommer 1938 und der Novemberpogrome nur relativ wenige Österreicher nach Sachsenhausen und diese wurden meist aus Gefängnissen und anderen Lagern überstellt.
Wenige Wochen nach Kriegsbeginn stiegen die Zugangszahlen in Sachsenhausen generell stark an. Sie erreichten im Spätsommer 1940 einen dramatischen Höhepunkt. Dies spiegelte sich auch in der Zahl der Neuankömmlinge aus Österreich; für 1939 lassen sich 81 und für 1940 173 Neuregistrierungen nachweisen. Von allen uns bisher bekannten Zugangsdaten fallen mehr als die Hälfte in die Jahre 1939 und 1940. Für 1940 fällt besonders auf, dass die Zahl der 76 als »asozial« stigmatisierten oder als kriminell gekennzeichneten Neuankömmlinge die der 52 als politisch eingestuften Neuankömmlinge deutlich überschritt. Egal welcher Kategorie sie zugeordnet wurden, waren die österreichischen Häftlinge oft nur für einige Monate in Sachsenhausen, bevor sie in andere Lager weiter transportiert wurden.
1942 stiegen die Zugangszahlen in Sachsenhausen generell wiederum stark an. Unter den 74 Österreichern, die vor allem in der zweiten Jahreshälfte nach Sachsenhausen kamen, waren mindestens ein Drittel jüdische Häftlinge. Im Zuge der Verlagerungen, mit denen das Reich und die Konzentrationslager im Reichsgebiet »judenrein« gemacht werden sollten, wurden sie – aus anderen Lagern kommend – einige Tage oder Wochen in das sowieso schon überfüllte Lager Sachsenhausen gepfercht wurden, bevor man sie nach Auschwitz weitertransportierte. Dazu gehörten die beiden Wiener Josef Leopold Sitzmann und Michael Sprechmann. Sie waren schon unmittelbar nach dem »Anschluss« verhaftet worden und hatten mehrere Jahre in Buchenwald überlebt, bevor sie Anfang September 1942 nach Sachsenhausen und von dort Ende Oktober nach Auschwitz gebracht wurden. Dort kam Josef Sitzmann direkt nach seiner Ankunft zu Tode, während Michael Sprechmann alle Selektionen überstand, um schließlich nach Mauthausen evakuiert zu werden, wo er zu guter Letzt befreit wurde.
1942 war auch das Jahr, in dem die berühmte Fälscherwerkstatt in Sachsenhausen eingerichtet wurde. Dreizehn der etwa einhundertvierzig dort eingesetzten Graphiker, Buchdrucker, Zeichner, professionellen Fälscher und sonst wie brauchbar qualifizierten jüdischen Häftlinge waren Österreicher. Sechs von ihnen – Ernst Jakob Gottlieb, Hans Kurzweil, Leo Krebs, Karl Viktor Steiner, Artur Springer und Chaim Zeichmer – kamen 1942 direkt von Buchenwald dorthin. Drei weitere – Karl Sussmann, Hans Blass und Hans Lenthal – mussten erst nach Auschwitz, bevor sie 1944 nach Sachsenhausen überstellt wurden. Vier weitere Österreicher kamen aus anderen Lagern in die Fälscherwerkstatt. Abraham Kleinfeld wurde noch in Sachsenhausen ermordet. Im Februar 1945 wurde die komplette Werkstatt nach Mauthausen evakuiert. 137 Angehörige des Fälscherkommandos, die alle die ganze Zeit mit ihrer Ermordung als »Mitwisser« gerechnet hatten, wurden dort schließlich befreit.
Die hohen Einlieferungszahlen von 1943 und die immer stärkere Überfüllung des Lagers Sachsenhausen finden in den Zugangsdaten der österreichischen Häftlinge keine Entsprechung. Dafür steigen ihre Zugangszahlen in den Jahren 1944/45 wieder an und zwar vor allem im Zuge der Räumung der Lager im Osten; aus Riga, Auschwitz, Groß-Rosen, Gleiwitz und anderen Lagern wurden Häftlinge nach Sachsenhausen transportiert. Darunter waren auch 78 österreichische Juden, wie zum Beispiel der Kellner Karl Josef Lichtblau, der sich bis Anfang 1943 in Wien als »U-Boot« hatte durchschlagen können, dann nach Auschwitz deportiert, von dort nach Sachsenhausen evakuiert und zuletzt in Flossenbürg befreit wurde.
Erstmals finden wir um den Jahreswechsel 1944/45 auch den Zugang von 14 österreichischen, davon 13 jüdischen Frauen verzeichnet. Sie wurden zum größeren Teil im Zuge der Räumung von Auschwitz nach Sachsenhausen und von dort in weitere innerdeutsche Lager oder auch nach Mauthausen verschleppt. Eine von ihnen war die Wienerin Grete Feldsberg. Sie kam 1941 ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz), von dort im August 1944 nach Auschwitz und einen Monat später in ein Sachsenhausener Außenkommando in Berlin-Neukölln, wo sie für einen Zweigbetrieb der Firma Krupp Zwangsarbeit verrichten musste. In den letzten Kriegstagen musste sie mit ihrem Kommando zu Fuß nach Sachsenhausen marschieren; dort blieb sie eine Nacht, um dann mit einem Güterzug weiter nach Ravensbrück transportiert zu werden, wo sie schließlich befreit wurde.
Für die meisten der 676 bekannten österreichischen Häftlinge war Sachsenhausen eine Durchgangsstation auf einer langen Odyssee des Schreckens; 116 von ihnen fanden noch in Sachsenhausen in den Tod; 156 starben in anderen Lagern oder wurden dort umgebracht; nur 42 der 122 bekannten Überlebenden wurden direkt in Sachsenhausen befreit. Von 282 Personen wissen wir nicht, wo sie verblieben oder zu Tode kamen.
Angestoßen wurde das Forschungsprojekt, das unseren Ausführungen zugrunde liegt, von einem Vorhaben, das die österreichische Botschaft in Berlin gemeinsam mit der Leitung der Gedenkstätte Sachsenhausen verfolgte, nämlich die österreichischen Sachsenhausen-Häftlinge mit einer eigenen, von der Republik Österreich gestifteten Gedenktafel zu ehren. Unsere Recherche wollte dazu beitragen, das bis dahin äußerst lückenhafte und blasse historische Bild dieser Häftlingsgruppe zu vervollständigen und zu konturieren. Schon bei den konzeptionellen Vorüberlegungen, dann aber bei der Erhebung fast jeden Datensatzes zeigte sich die mangelnde Trennschärfe des zentralen Kriteriums »österreichisch«. Vor dem historischen Hintergrund erstens eines Europa der Pariser Nachkriegsordnung von 1918, die die nationalen Grenzen auf dem Boden des untergegangenen Habsburger Reichs neu gezogen und Staatsangehörigkeiten neu definiert hatte, zweitens einer nationalsozialistischen Herrschaft, die diese wie alle anderen europäischen Grenzen und Staatsangehörigkeiten missachtete, drittens einer neuerlichen Nachkriegsordnung, die wiederum andere innereuropäische Grenzen zeichnete, die regionalen Bevölkerungen verschob und in der sich Österreich als eine dreiseitig vom »Eisernen Vorhang« umgebene neutrale Insel wiederfand, sowie viertens einem EU-Europa, dessen Grenzen seit 1989 nach außen immer weiter und im Inneren immer durchlässiger wurden, war es ein einigermaßen idealistisches Unterfangen, rückblickend »Österreicher« als eine definierte Häftlingsgruppe zu rekonstruieren, der gesondert und aus besonderen Gründen zu gedenken wäre. Tatsächlich fanden wir keine homogene Gruppe von einander zugehörig fühlenden Menschen österreichischer Staatsbürgerschaft. Vielmehr fanden wir hunderte von zumeist vereinzelten Männern und zuletzt auch etwa ein Dutzend Frauen, die in ihrem oft gewaltsam verkürzten Leben auf die eine oder andere Weise mit Österreich in einem geographischen, historischen, kulturellen oder politischen Sinn verbunden waren und die einige Tage, Wochen, Monate oder in wenigen Fällen auch Jahre ihrer Verfolgungsgeschichte im Konzentrationslager Sachsenhausen hatten zubringen müssen und von denen sich nur eine Handvoll überhaupt wechselseitig hatte wahrnehmen können.
Gleichwohl konnten wir dank der vorliegenden Datenbank ein durchaus differenziertes Bild dieser heterogenen Gruppe von Menschen zeichnen. Sie kamen aus allen sozialen Milieus und Schichten und gehörten verschiedenen Religionen an. Sie deckten das gesamte politische Spektrum von den Kommunisten, über die Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen bis zu den Austrofaschisten und Nationalsozialisten ab. Unter ihnen waren Kriminelle ebenso wie Priester und Angehörige anderer Berufe oder Erwerbslose, denen nach rechtstaatlichen Kriterien ebenso wenig vorzuwerfen war wie jenen, die ihr Leben zuvor in einer weniger konventionellen Weise geführt hatten. Es gab Menschen mit heldentauglichen Eigenschaften, von denen sich manche tatsächlich durch situationsgerechte Klugheit, Mut oder Kaltblütigkeit hervorgetan hatten, und solche, die keine Chance oder keine Kraft mehr hatten, derartige psychische Ressourcen zu mobilisieren. Vor allem gab es die vielen, von denen wir gar nichts oder nur wissen, dass sie als »Juden« in andere Lager weiter verfrachtet, dass sie in Sachsenhausen oder an anderen Orten zu Tode gebracht wurden.
Unsere Forschung und die daraus entstandene kombinierte und erweiterte Datenbank waren Teil des Versuchs, das Gedenken an die abstrakt große Zahl der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Europa zu konkretisieren – an einem begehbaren Ort, mit einer sichtbaren Tafel, einer lesbaren Inschrift und einer zu deutender Reflektion herausfordernden künstlerischen Gestalt. Diesem Versuch unterlag die Annahme einer gemeinsamen nationalen Zugehörigkeit, die die Gedenkenden in besonderer Weise mit denen verbinden soll, derer sie gedenken wollen. Das Ergebnis unseres Versuchs ist zwiespältig. Zum einen konnten einige hundert verfolgte Menschen der bisherigen Anonymität enthoben werden, sie erhielten ihre Namen zurück und konnten mit ersten oder weiteren Bruchstücken ihrer eigenen Geschichte verbunden werden. Dies ist nicht wenig und es ist umso wertvoller dann, wenn es dazu beiträgt, dass auch zukünftig konkrete Menschen sich konkreten, in ihrer Individualität wahrnehmbaren Opfern emphatisch erinnernd zuwenden können. Zum anderen verweist gerade die Vielfalt der individuellen Lebens- und Verfolgungsgeschichten von Sachsenhausen-Häftlingen, denen die österreichische Staatszugehörigkeit in ihrer spezifischen Verfolgungssituation nur wenig Halt bot, auf die totalitäre Willkür und Komplexität der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die sich über Staatsgrenzen und Staatsangehörigkeiten hinwegsetzte, um vielmehr biologisch-rassistischen als nationalen Paradigmen zu folgen. Gegenüber dieser biopolitischen Gewalt erinnern nationale Gedenkformen an das Absingen vertrauter Lieder im drohend düsteren Wald.
Kestin Hosa hat an der Historischen-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien Geschichte studiert. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit am Institut für Zeitgeschichte hat sie die Datenbank über österreichische Häftlinge in Sachsenhausen erarbeitet und ausgewertet.
Prof. Dr. Carola Sachse lehrt seit 2004 am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und ist stellvertretende Vorsitzende der Fachkommisson der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Sie hat zur Sozial-, Geschlechter- und Wissenschaftsgeschichte des Nationalsozialismus publiziert. Das Diplomarbeitsprojekt von Kerstin Hosa wurde von ihr betreut.
[1] Der Beitrag basiert auf einem historisch einführenden Vortrag der Autorinnen anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel der Republik Österreich zu Ehren der im KZ Sachsenhausen ermordeten, misshandelten und verfolgten Österreicher am 23. Juni 2008 in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Die grundlegenden Forschungen führte Kerstin Hosa in den Jahren 2007 und 2008 im Rahmen ihrer von Carola Sachse betreuten Diplomarbeit durch (Kerstin Hosa, Österreicher und Österreicherinnen im KZ Sachsenhausen 1938–1945, Diplomarbeit, Studienrichtung Geschichte, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien, 2008). Soweit nicht anders angegeben, sind die nachfolgenden Namen, Fakten und Zahlenangaben dieser Arbeit entnommen und dort im Einzelnen – auch unter Rückbezug auf die vorliegende zeithistorische Literatur – nachgewiesen. Für Anregungen und Kritik zu unserem Vortragsmanuskript danken wir Gerhard Botz und Bertrand Perz. Im Zuge der Forschungen wurde eine Datenbank erstellt, in der Kerstin Hosa die in den Datenbanken des Archivs der Gedenkstätte Sachsenhausen und des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW), Wien, vorhandenen Einträge über und Hinweise auf österreichische Sachsenhausen-Häftlinge zusammenführte und durch weitere Recherchen erheblich erweiterte. Im DÖW wurden sowohl die öffentlich zugänglichen Datenbanken zu den österreichischen Holocaustopfern als auch diejenige des noch laufenden Projektes zur namentlichen Erfassung der Opfer politischer Verfolgung herangezogen. Zu danken ist insbesondere Dr. Astrid Ley (Gedenkstätte Sachsenhausen) und Dr. Gerhard Ungar (DÖW) für die Bereitstellung der vorhandenen Datenbanken sowie die engagierte Unterstützung bei den Recherchen und der Überprüfung der neu erstellten Datensätze. Der Internetzugang zu dieser Datenbank wird vorbereitet.
[2] Komitee für die Einweihung der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen in der Deutschen Demokratischen Republik, Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, Berlin 1961, S. 14.
Ausgewählte weiterführende Literatur