Für Besucherinnen und Besucher des Geschichtsorts Villa ten Hompel in Münster stehen seit neuestem multimediale Erweiterungen zur Dauerausstellung »Wiedergutmachung als Auftrag« zur Verfügung. Der Bund und das Land NRW gaben mit ihrer Genehmigung des Projektes am 24.10.2006 das Startzeichen zum Ausbau der im Herbst 2005 eröffneten Ausstellung. Sie schufen so die Möglichkeit, die bundesweit erste Überblicksschau zur Geschichte der Wiedergutmachung medial und didaktisch an den bereits im Jahre 2001 erstellten Basisteil zur Polizeigeschichte anzupassen und das Angebot für eine wissenschaftlich-pädagogische Nutzung zu erweitern. Während für die Ausstellung »Polizei, Verwaltung und Verantwortung« die drei Nutzungsebenen
• ständige Ausstellung,
• multimediale Dokumentation und Produkte sowie
• Recherchemöglichkeiten
bereits existierten, klaffte im zweiten Basisteil der Hausgeschichte der Villa ten Hompel noch eine »mediale Lücke«. Diese wurde jetzt geschlossen, so dass die besondere Vermittlungsqualität im Geschichtsort Villa ten Hompel, bestehend aus der Kombination von vielfältigen Zugängen zu »Forschen, Lernen und Erinnern« für die unterschiedlichen Besuchergruppen aus der universitären, beruflichen, schulischen und informellen Bildungsarbeit sowie für historisch interessierte Einzelnutzer, nun auch auf dem Themenfeld der »Wiedergutmachung« gewährleistet ist.
Konkret wurden ein vielseitiger digitaler Museumsführer, eine im Haus nutzbare Computer-Anwendung, multimediale Erweiterungen der Ausstellung sowie eine interne und externe PC-Recherchemöglichkeit entwickelt. Das Team der Villa ten Hompel griff hierbei wiederum auf die Zusammenarbeit mit Prof. Norbert Nowotsch von der Fachhochschule Münster, Fachbereich Design, und der münsterischen Firma SNT Media zurück. So konnte nicht nur eine qualitative, sondern auch designerische Kontinuität im Hinblick auf die polizeigeschichtliche Ausstellung gewährleistet werden.
Anstatt für individuelle Rundgänge durch die Ausstellung die Produktform eines konventionellen Audioguides zu wählen, entschied sich das Team der Villa ten Hompel für einen kombinierten Audio-Video-Guide. Als Gerät wurde ein PDA (Personal Digital Assistant – Pocket-PC) ausgesucht, der über Ton– und Bildabspielmöglichkeiten verfügt sowie vielseitig programmierbar ist. Der so bezeichnete »digitale Museumsführer« bietet dem Einzelbesucher die Möglichkeit, einen geführten Ausstellungsrundgang zu erleben. Eine eigens gestaltete und programmierte Konfiguration ermöglicht eine einfache Bedienung bei gleichzeitig vielfältigem inhaltlichen Angebot. Die im Gegensatz zum klassischen Audioguide zusätzlich vorhandenen visuellen Informationen bieten einen leichteren und breiteren Zugang zur Ausstellungsführung selbst wie auch zum Ausstellungsthema.
Über den Bildschirm erhält der Besucher erstens räumliche Orientierungsmöglichkeiten, indem er einen Raumplan aufrufen kann, der die Wegführung anzeigt und den Standort des aktuell erläuterten Objektes angibt. Gerade im Hinblick auf die verwinkelte Wegführung im denkmalgeschützten Haus – die Ausstellung ist auf zwei Stockwerke verteilt – ist dies eine wichtige Hilfe. Zweitens werden über den Bildschirm einige zusätzliche Dokumente angezeigt, die in der Ausstellung selbst nicht zu sehen sind und eine inhaltliche Ergänzung bzw. Erweiterung darstellen. Und schließlich erfolgt drittens auch die Bedienung des Gerätes über das Display: Durch Berührung des Bildschirms kann der Nutzer den Rundgang starten, mit den Feldern »Zurück«, »Stopp« und »Weiter« kann er Informationen wiederholen lassen bzw. den Informationsfluss unterbrechen, wenn er an einer Stelle in der Ausstellung verweilen möchte. Ebenso lässt sich der Guide danach per Druck auf das Display wieder in Gang setzen. Durch Aufruf einer zusätzlichen »Hilfe«-Funktion können Erklärungen zur Bedienung des Pocket-PC abgerufen werden.
Per Kopfhörer erfolgt die akustische Führung durch die Ausstellung. Akustische Signale unterstützen die Wegführung, so wird z.B. ein Raumwechsel durch ein solches Signal angezeigt. Auch wird auf Pausen in der Führung akustisch hingewiesen (d.h. die Führung wird an bestimmten Stellen erst nach dem Befehl »Weiter« fortgesetzt). Ziel dieser akustischen Wegführung ist es, den Besucher auf die Ausstellung und ihre Objekte zu fokussieren und zu vermeiden, dass er seine Aufmerksamkeit zu sehr dem Bildschirm zuwendet. Aus demselben Grund sind die ergänzenden Materialien, die auf dem Display zu sehen sind, nur sparsam eingesetzt. Die Aufmerksamkeit des Besuchers soll in erster Linie der Ausstellung selbst gelten. Neben den gesprochenen Erläuterungen kann der Nutzer des digitalen Museumsführers aber auch Original-Quellen hören und an einigen Stellen in eine akustische »Geräuschkulisse« eintauchen.
Der Besucher kann zwischen zwei Angeboten wählen: Er kann sich für einen Rundgang durch die Ausstellung entscheiden oder punktuell Informationen zu einzelnen Objekten abrufen. Die erste Alternative bietet eine vollständige Einführung in die Wiedergutmachungsthematik durch inhaltlich aufeinander aufbauende Informationen; der Nutzer wird schrittweise durch die Ausstellungsräume geführt und begleitet. Die zweite Variante, die objektbezogene Führung, ermöglicht – für den Besucher, der entweder weniger Zeit mitbringt oder aber sich nur mit bestimmten Fragen beschäftigen möchte – die Beschäftigung mit ausgewählten Aspekten, indem er im jeweiligen Raum gezielt Objekte anwählen kann. In diesem Fall sind die Objektinformationen so aufbereitet, dass sie jeweils unabhängig voneinander einen Einblick in den ausgewählten Aspekt der Wiedergutmachungsthematik geben.
Der Einsatz des digitalen Museumsführers ist nicht nur ein speziell auf Einzelbesucher zugeschnittenes Angebot, er trägt auch dem Faktor Rechnung, dass die Ausstellungsräume zum Teil sehr klein sind; somit bietet die »Einzelführung« mit dem PDA gegenüber den üblichen Gruppenführungen einen zusätzlichen Vorteil.
Da die Ausstellungspräsentation von »Wiedergutmachung als Auftrag« – auch aus Platzmangel – auf eine deutsche Textversion beschränkt ist, wurde der digitale Museumsführer zudem zweisprachig konzipiert. Neben dem deutschen Text wird für die beiden Rundgangsvarianten eine englische Version zur Verfügung gestellt.
Die in der Ausstellung und im Multimedia-Raum der Villa ten Hompel nutzbare PC-Anwendung beinhaltet zum einen alle Materialien und Texte der Ausstellung, die teilweise mit zusätzlichen Informationen versehen wurden. Sie können so noch einmal detailliert aufgerufen, betrachtet, verglichen und genutzt werden. Zum anderen wurde die Ausstellungsthematik in der PC-Anwendung fortgeschrieben: Den Nutzern stehen neue Themenfelder aus dem Bereich »Wiedergutmachung« zur Verfügung, die insbesondere aktuelle Aspekte wie die anhaltende Diskussion um eine Entschädigung für bisher nicht berücksichtigte Verfolgtengruppen sowie die Internationalisierung der Wiedergutmachungsfrage betreffen.
Für den Einstieg in die PC-Anwendung wurde als Startseite eine Matrix der Themenfelder der Ausstellung und der inhaltlichen Erweiterungen erstellt, die dem Nutzer eine virtuelle Aufsicht auf die verfügbaren Informationen anbietet. Im Gegensatz und in bewusster Abgrenzung zur Polizeiausstellung der Villa ten Hompel erhält die Wiedergutmachungsausstellung durch die tabellenartige Gesamtpräsentation so ein eigenes Profil. Der optisch unterstützte Zugang zu thematischen Großbereichen erleichtert dem Nutzer die Orientierung.
Inhaltlich wurden in einem ersten Schritt die vorhandenen Elemente der Ausstellungsdatenbank gesichtet, gewichtet und korrigiert und je nach Notwendigkeit Texte neu formuliert, so dass sie wissenschaftliche und pädagogische Anforderungen erfüllen – also zum Beispiel auch die Nutzung durch Schülerinnen und Schüler für Projekte oder Facharbeiten berücksichtigen. Alle Materialien, Objekte und Texte der Ausstellung sind nun – mit ergänzenden Informationen versehen – über die PC-Anwendung abrufbar. In einem zweiten Schritt wurde die bestehende Ausstellung durch zusätzliche Quellen– und Textangebote erweitert. Neu hinzugekommen sind zum einen Themenangebote aus dem Bereich der »vergessenen Opfer«. So stehen nun auch Module zur Entschädigung von Deserteuren und Homosexuellen bereit. Zum anderen wurden aktuelle Aspekte aus dem internationalen Spektrum des (gesellschaftlichen, politischen, justiziellen) Umgangs mit staatlichem Unrecht aufgegriffen: Zur Verfügung stehen Materialien und Texte zu den »Wahrheitskommissionen« in Chile, Südafrika und Osttimor, die den jeweiligen Prozess und die unterschiedlichen Ausprägungen der Aufarbeitungsversuche in diesen Ländern dokumentieren. Daneben wird auch der Umgang mit den Entschädigungsforderungen der Herero in Namibia dokumentiert. Das Thema Genozid an den Armeniern in der Türkei und heutige Reaktionen auf Anerkennungsforderungen werden ebenfalls aufgegriffen. Schließlich wurden darüber hinaus die Thematiken Beutekunst des Dritten Reichs sowie staatliches Doping an DDR-Sportlern (und seine (Nicht-) Entschädigung) für die PC-Anwendung aufbereitet. Der Ausstellungsgegenstand »Wiedergutmachung« kann mit diesen Themen bis in die Gegenwart transferiert werden. Die Beispiele können auch als Kontrast (oder Parallele) zum Wiedergutmachungsbeispiel der Nachkriegszeit gesehen werden und ermöglichen ihrerseits einen retrospektiven Blick im weltgeschichtlichen Vergleich.
In der »immobilen« ständigen Museumspräsentation befindet sich im letzten Ausstellungsraum eine Wandtafel mit acht Schlüsselbegriffen der Wiedergutmachung (z.B. »entschädigen«, »therapieren«, »rächen«). Diese wurden mit magnetischen Fragetäfelchen (»wie«, »wen«, »warum«) kombiniert, um am Ende einer Ausstellungsführung Diskussionen über den Gegenstand »Wiedergutmachung« zu ermöglichen. Im Zuge der multimedialen Erweiterung der Ausstellung wurde diese Nutzungsmöglichkeit nun virtualisiert – d.h. sie steht nun auch als PC-Anwendung zur Verfügung. Mit der Computer-Mouse lassen sich beliebige Kombinationen von Verben und Frage-Wörtern bilden, zu denen dann jeweils eine ausgewählte Quelle (plus Informationstext) angezeigt wird.
Durch Projektion mittels Beamer ist die Anwendung auch für Gruppen nutzbar. Im praktischen Einsatz zeigte sich, dass es sinnvoll ist, zwischen »Fragestellung« und »Beantwortung« (durch Quellen und Texte) eine Unterbrechung einzuarbeiten. So ist der Moderator nun in der Lage, eine offene Diskussion anzustoßen und erst in einem zweiten Schritt eine mögliche Antwort anzubieten. Mit diesem didaktischen Modus kann insbesondere in Abschlussgesprächen innovativ und flexibel gearbeitet werden.
Um die Ausstellung »Wiedergutmachung als Auftrag« auch in dieser Hinsicht an die Ausstellung »Polizei, Verwaltung und Verantwortung« anzupassen, wurde für den zweiten Basisteil nun ebenfalls eine umfangreiche Recherchemöglichkeit für den PC entwickelt. In mehreren Evaluations– und Expertengesprächen, z.B. mit dem ICOM (International Council of Museums), wurde als eine wesentliche Korrektur die Empfehlung ausgesprochen, die im Geschichtsort verfügbaren Informationen auch für externe Nutzer verfügbar zu machen. In diesem Sinne wurde die Recherchefunktion sowohl für eine Nutzung innerhalb der Villa ten Hompel als auch über das Internet konzipiert. Der Nutzer kann zwischen drei Optionen entscheiden, und zwar der Recherche im Kontext der Polizeigeschichte, im Kontext der Wiedergutmachungsgeschichte oder in beiden (oder mehr) Sammlungsbeständen gleichzeitig:
www.muenster.de/stadt/villa-ten-hompel/forschungrecherche.html
Während die internen Recherchemöglichkeiten tatsächlich »multimedial« aufwarten, stellen – zusätzlich zur in den Literaturbeständen nachgewiesenen Spezialbibliothek – die extern recherchierbaren Suchergebnisse eine Teilveröffentlichung der im Rahmen der multimedialen Erweiterung erstellten Datenbank dar. Die etwa 1 200 Einträge unterschiedlichster Quellen, vom Interview– und Fernsehmitschnitt über Presseartikel und Fotos, sind aus urheberrechtlichen Gründen nur als Verweise und nicht als vollständige Quellen im Internet präsentiert. Der Funktionszuwachs ist aber enorm. Insbesondere universitäre Seminare, Lehrerfortbildungen der Bezirksregierung Münster und diverse Fachkonferenzen, die sich in der Villa ten Hompel von den neuen Arbeitsmöglichkeiten überzeugen konnten, waren sehr angetan von der Möglichkeit, vorab die Dimensionen und Qualität eines Recherchebesuches im Haus abschätzen zu können. Für die Anfertigung von Facharbeiten und Referaten wird diese Arbeitsmöglichkeit zunehmend genutzt. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Archivbesuch, wo eine Aktenrecherche neben einigen »Treffern« auch viel nicht brauchbare Informationen zu Tage fördert, sind die in der Villa vorgearbeiteten Dokumentationsangebote bereits für diesen Zweck gewichtet, ausgewählt und bearbeitet worden. Der Grad der Anschaulichkeit und Beispielhaftigkeit einzelner Quellen konnte so gesteigert werden. Das gilt mittlerweile für beide Ausstellungssegmente (»Polizei, Verwaltung und Verantwortung« und »Wiedergutmachung als Auftrag«).
Im Rahmen einer qualitativen und stichprobenartigen Evaluation wurde die Ausstellungsdatenbank inzwischen auf ihre Tauglichkeit und wissenschaftliche und pädagogische Anforderungen hin befragt. Nach Abschluss der Evaluationsphase wird die Computeranwendung um eine wesentliche Komponente erweitert werden:
Um insbesondere Schülern das Recherchieren zu erleichtern, wird das Recherchetool »Schnuppersuche« eingeführt. Zu häufig nachgefragten Themen können ausgewählte Quellen aufgerufen werden. Darüber hinaus kann die Recherche jedoch stets auf die komplette Datenbank ausgeweitet werden.
Für die »Schnuppersuche« wurde aus der großen Bandbreite der etwa 1 200 Informationsdatensätze eine exemplarische Auswahl getroffen. Im Stil der heute oft angebotenen »faq« (frequently asked questions – häufig gestellten Fragen) sind einige exemplarische Recherchen vorgearbeitet worden. Sie bieten über eine Wiederholung und gesicherte Zusammenfassung sinnvolle Erinnerungsdarstellungen an. Die »Schnuppersuche« wird so aussehen, dass man von der Suche-Startseite diese Themensuche anklicken und dann optional zwischen z.B. folgenden Fragen wählen kann:
• Wie erlebten die Verfolgten ihre Rückkehr?
• Wie ging die Nachkriegsgesellschaft mit den Opfern der Verfolgung und ihren
Forderungen nach Rückerstattung und Wiedergutmachung um?
• Vergangenheit, die nicht vergeht. Wie setzten und setzen sich Gesellschaften mit staatlichem Unrecht auseinander? – Beispiele Deutschland und Südafrika.
• »Mensch ärgere dich nicht!« Wie konnten Verfolgte ihre Ansprüche auf Wiedergutmachung im Dickicht gesetzlicher Regelungen und bürokratischer Verfahrensabläufe durchsetzen?
Bei Anwahl der entsprechenden Frage soll der Benutzer eine exemplarisch vorgearbeitete Antwort als Recherche-Ergebnis (inklusive Verweisen) präsentiert bekommen.
Mit dem hier beschriebenen »medialen Angebotspaket« konnte und kann die Funktion des Geschichtsortes Villa ten Hompel als komplementärer Lernort wesentlich verbessert werden. Einem wachsenden historischen und ethischen Interesse und dahingehend ausgerichtetem Lehrplan einerseits stehen in den Schulen andererseits oft reduzierte Freiräume für projektartiges Arbeiten gegenüber. Dem Bedürfnis, sich gründlich und exemplarisch mit Menschenrechtsthemen und historischen Beispielen zur Auseinandersetzung mit staatlichem Unrecht zu beschäftigen, kommt der Geschichtsort mit seinen neuen Möglichkeiten entgegen. Über 90 Schulklassen haben im Jahr 2007 das Angebot des Hauses genutzt. 8 000 persönliche Besucher, etwa 100 Archivnutzer und viele schriftlich und telefonische Anfragen dokumentieren den Bedarf. Die multimediale Erweiterung der Ausstellung »Wiedergutmachung als Auftrag« ist gerade in ihrem dokumentarischen Teil dynamisch und kann damit auch kommenden Anforderungen einer historisch-politischen Gedenkstättenarbeit gerecht werden.
Kontakt
Stadt Münster, Geschichtsort Villa ten Hompel
Kaiser-Wilhelm-Ring 28, 48145 Münster
Tel. (0251) 492-7101
tenhomp@stadt-muenster.de
www.muenster.de/stadt/villa-ten-hompel/index.html
Julia Volmer-Naumann ist Historikerin und Germanistin. Zusammen mit Marc von Miquel hat sie die Ausstellung »Wiedergutmachung als Auftrag« kuratiert. Sie arbeitet momentan als freie Mitarbeiterin für den Geschichtsort Villa ten Hompel.