Monumentales Gedächtnis

Shoah-Denkmäler in der Schweiz
12/2015Gedenkstättenrundbrief 180, S. 28-36
Fabienne Meyer

Die Rezeption der Shoah in der Schweiz

Das Kriegsende 1945 stellte für die Schweiz weder einen Bruch noch einen Neuanfang dar. Die Nachkriegszeit begann ohne tief greifenden politischen oder gesellschaftlichen Wandel. Während die politisch neuen Gesellschaften Europas den Zweiten Weltkrieg als Zäsur ihrer eigenen Geschichte erlebten, konnte die Schweiz auf Kontinuität und Normalität setzen. Dies war die Ausgangslage für das Schaffen einer Meistererzählung, die geprägt war von den Bildern einer barmherzigen und humanitären Insel Schweiz und der Wehrhaftigkeit der Aktivdienstgeneration. Letztere wurde in Kombination mit der Neutralitätspolitik als Grundlage für die Kriegsverschonung des Landes betrachtet.[1] Erst nach und nach wurde die alte Erzählung, wonach die Schweiz den Flüchtlingen aller Nationen Asyl geboten hat, immer mehr abgelöst von einem weitaus differenzierteren Narrativ, in welchem das Flüchtlingsproblem zur Schuldfrage wurde. Die 1989 zum 50. Jahrestag der Mobilmachung von 1939 zelebrierte »Diamant«-Feier konnte denn auch die neuere Erkenntnis nicht mehr ausklammern, »dass sich das Verschontbleiben der Schweiz nicht mit dem militärischen Verteidigungspotenzial, sondern mit der wirtschaftlichen Kooperationsbereitschaft erklärte«.[2]

Den zentralen Zeitpunkt und Höhepunkt in der Perzeption der Shoah in der Schweiz bildeten die 1990er-Jahre mit der Affäre um die nachrichtenlosen Vermögen von mutmaßlichen Shoah-Opfern, welche nach dem Krieg nicht an ihre rechtmäßigen Erben zurückerstattet worden waren. Zur Abklärung der verschiedenen an die Schweiz herangetragenen Vorwürfe wurde Ende 1996 die Unabhängige Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (UEK) eingesetzt, deren Schlussbericht 2002 veröffentlicht wurde. Die Kommission untersuchte nicht nur die nachrichtenlosen Vermögenswerte in der Schweiz, sondern auch Bereiche wie Wirtschaftsverflechtungen, Rüstungsproduktion, Arisierungen, Währungssystem und Flüchtlingspolitik während der Zeit von 1933 bis 1945.

Bis Mitte der 90er-Jahre dominierte in der Schweiz also die Frage, wie es das Land geschafft hatte, den Krieg weitestgehend unversehrt zu überstehen. Als Antwort genügte eine von der Schweiz beanspruchte Sonderposition durch Widerstand, Neutralität und Kleinstaatlichkeit. Das Paradigma des nationalen Überlebenskampfes und der demokratischen Bewährung wurde nach 1996 jedoch »überdeckt durch eine neue, zentrale Bedeutung erheischende Frage nach der Rolle der Schweiz im Kampf für die internationale Solidarität und die Respektierung der Menschenrechte.«[3] Die Weltkriegserinnerung wurde historisiert und hat sich im europäischen Vergleich bis heute normalisiert. So ist die Schweiz seit 2004 denn auch Mitglied der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und begeht jeweils am 27. Januar den internationalen Shoah-Gedenktag.

Shoah-Denkmale in der Schweiz

Der soeben skizzierte Wandel der Shoah-Rezeption in der Schweiz zeigt sich nicht nur in Studien und politischen Positionen, sondern auch in den Denkmalen, die rund um die Thematik der Shoah in den letzten 70 Jahren in der Schweiz errichtet worden sind. Die Hochkonjunktur des Gedächtnisthemas und der Gedenkstätten rund um den Zweiten Weltkrieg und die Shoah seit den 1980er-Jahren hat auch die Denkmalkultur in der Schweiz ergriffen. Die Fragen, durch welche Formen die Geschichten von Flucht, Vertreibung und Vernichtung dargestellt und erzählt werden können und mit welchen Inhalten diese Formen gefüllt werden sollen, gewannen in einer Zeit an Relevanz, in der die Zeugen der Shoah und des Zweiten Weltkrieges ins Rentenalter eintraten und sich vermehrt mit den Erinnerungen an ihr Leben auseinandersetzten. Es ging darum, konkrete Geschichtsbilder und Narrative zu festigen und zu etablieren, die über die Existenz dieser letzten Zeitzeugen hinausgehen sollten.

Durch intensive Recherche stieß ich in der Schweiz auf 54 Denkmale, die explizit oder implizit auf die Verfolgung und Vernichtung der Juden Bezug nehmen oder sich mit der Geschichte der Schweiz in Bezug auf die Shoah auseinandersetzen. Es handelt sich dabei nicht so sehr um groß angelegte Shoah-Gedenkstätten, sondern um kleinere, unscheinbare Denkmale, Artefakte regionaler oder lokaler Prägung. Nicht staatliche Initiativen waren der treibende Faktor hinter der Entstehung dieser Denkmallandschaft der Shoah in der Schweiz, vielmehr kamen die Initiativen für die Denkmale »von unten«, von interessierten Privatpersonen und Interessengemeinschaften, jüdischen und politischen Gemeinden, Historikern oder Künstlern. Einzelne engagierte Menschen wurden durch die in den 1990er-Jahren aufkommenden Diskussionen und Forschungen dazu veranlasst, ein monumentales Zeichen für die neuen Erkenntnisse zu setzen. So erzählen die Denkmale denn auch ortsbezogene Geschichten, die aus einem Fundus an möglichen Ereignissen dazu auserwählt wurden, über Generationen zu bestehen. Dabei fungieren sie sowohl als Mahnmale, da sie mit mahnendem Zeigefinger an Ereignisse erinnern, die sich nicht wiederholen dürfen, als auch als Ehrenmale, weil sie die jüdischen Opfer als Märtyrer ehren oder einzelne Personen anerkennen, die in jener Zeit Zivilcourage bewiesen haben und sich gegen die geltenden Vorschriften und Gewohnheiten gewehrt haben. Die meist einfachen Shoah-Denkmale in der Schweiz sind Orte, hinter denen die Absicht steht, »langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität«[4] zu sein. Es sind materielle, dauerhafte und intentional angefertigte Orte des Gedenkens, die durch ihre permanenten und starren Formen individuelle Erinnerungen materialisieren und kollektivieren, Vergangenheit in einer spezifischen Interpretation festhalten und dadurch ein Geschichtsbild aus der Zeit ihrer jeweiligen Entstehung verkörpern.

Das Bewusstsein für die Existenz von Shoah-Denkmalen in der Schweiz ist sowohl innerhalb wie auch außerhalb der Landesgrenzen allerdings äußerst gering. Sie sind wenig bekannt, nicht systematisch erforscht und über die kommunalen und interessengemeinschaftlichen Grenzen hinweg kaum thematisiert. Während Denkmale traditionellerweise groß und monumental gedacht werden, ist die überwiegende Mehrheit der Shoah-Denkmale in der Schweiz in ihrem Auftreten bescheiden und an unauffälligen Standorten errichtet worden. Sie scheinen nicht monumental genug zu sein, um aufzufallen, ganz so, wie Robert Musil 1927 bemerkte, dass das Auffallendste an Denkmalen ihre Unauffälligkeit ist.[5] Dazu gibt es nur wenige Ausnahmen: Die Skulptur Shoah des Künstlers Schang Hutter beispielsweise war alles andere als unauffällig, als sie 1998 in einer Nacht- und Nebelaktion vor den Haupteingang des Bundeshauses in Bern gestellt wurde und so zum provokanten und viel diskutierten Mahnmal an dem Ort wurde, an dem im Zweiten Weltkrieg die politischen Entscheidungen getroffen wurden. Ihre spätere Reise durch die Schweiz brachte die Skulptur immer wieder an wichtige Orte, so auch an den Zürcher Paradeplatz – Repräsentant des Geschäftsplatzes Schweiz und in Anbetracht der Diskussionen um nachrichtenlose Vermögen der geeignete Platz für den großen Eisenklotz mit der eingeengt liegenden, menschlichen Figur.

Die 54 in der Schweiz ausgemachten Denkmale lassen sich in unterschiedliche Kategorien einteilen. Zum einen gibt es solche, die spezifisch zum Zweck des Gedenkens errichtet wurden. Dazu gehören Gedenktafeln und Gedenksteine, Synagogen- und Friedhof-Denkmale oder Kunstwerke. Zum anderen können aber auch diejenigen Orte als Denkmale bezeichnet werden, die nach Schweizer Flucht- oder Flüchtlingshelfern benannt wurden, wie etwa Straßen, Plätze oder Bauwerke und die nur durch ihre Namensgebung die Erinnerung an diese Personen transportieren. Während die erste Gruppe viel stärker vom Bedürfnis zeugt, ein Objekt zu schaffen, das einzig dem Gedenken dient und damit gegen das Vergessen zielt, strebt die zweite Gruppe vielmehr danach, das Stadtbild oder die Identität einer Gemeinde durch wichtige Persönlichkeiten und Taten aus der Geschichte zu prägen. Unterschieden werden muss auch zwischen jüdischen Denkmalen auf Friedhöfen oder an Synagogen, die von einer jüdischen Gemeinde initiiert wurden und in erster Linie auch für jüdische Gemeindemitglieder bestimmt sind, und nicht-jüdischen Denkmalen. Letztere Unterscheidung wird vor allem dann relevant, wenn die Aussagen der einzelnen Shoah-Denkmale betrachtet werden. Die Denkmale entstanden zwar jeweils aus den verschiedensten Initiativen heraus, sie thematisieren aber immer wieder ähnliche Aspekte und greifen ähnliche Fragen auf. Drei Themenbereiche des Gedenkens haben sich dabei herauskristallisiert: jüdische Opfer und Märtyrer, Schweizer Heldentum und Zivilcourage und Schweizer Flüchtlingspolitik.

Jüdische Opfer und Märtyrer

Die jüdischen Opfer werden meist kollektiv und nur selten namentlich erinnert und es sind vor allem die jüdischen Synagogen- und Friedhof-Denkmale, die sich praktisch ausschließlich dem jüdischen Opfertum widmen. Auf jüdischen Friedhöfen haben sie sich schon seit den 1940er-Jahren zu einer Tradition entwickelt, die mit der Einweihung einer aufwendigen Skulptur im Juni 2014 auf dem jüdischen Friedhof in Endingen-Lengnau eine seit dem Zweiten Weltkrieg fast durchgehende Kontinuität erfahren hat. Zumeist aber handelt es sich bei diesen traditionellen Denkmalen um einfache Gedenktafeln oder Gedenksteine, die an die »Millionen jüdischer Menschen«[6] erinnern oder »dem Andenken unserer Brüder und Schwestern«[7] geweiht sind. Durch ihren Standort fungieren die Steine und Tafeln als Grabsteine für die anonyme Masse der jüdischen Opfer, für all jene, »die während der Schoah statt einer Zuflucht den Tod und keine Grabstätte gefunden haben«.[8] Ein künstlerisch besonders spannendes und facettenreiches Friedhof-Denkmal ist das Mahnmal für die Märtyrer der Shoah auf dem jüdischen Friedhof in Bern. Der Künstler Oskar Weiss ließ sich von der Klagemauer in Jerusalem inspirieren und modellierte eine halbrunde Mauer aus einzelnen Kalkstein-Brocken, die es dem Besucher ermöglichen soll, den Geist und die Gedanken im Halbrund der Mauer konzentrieren und ordnen zu können. In der Mitte der Mauer, aus den einzelnen Kalksteinquadern herausmodelliert, erscheint als Relief der Davidstern, der das Bild des Denkmals prägt. Der Stern wird zerschnitten von einem Bruch in der Mauer, der symbolisch für die Katastrophe der Shoah steht. Dabei handelt es sich nicht so sehr um einen Riss in der Wand, als vielmehr um eine Lücke, um fehlendes Gestein, das aus der Mauer herausgeschlagen wurde, um eine Leerstelle, die symbolisch den Verlust der auf der Inschrift vermerkten sechs Millionen Märtyrer darstellt.[9] Die Lücke macht das Denkmal in Bern zu einem Mahnmal. Sie erinnert daran, die durch den Verlust der Opfer hinterlassene Leere stets zu vergegenwärtigen. Auf der Hinterseite des Mahnmals rankt sich eine Rosenstaude die Mauer empor, wird durch die Lücke in der Wand sichtbar und drängt durch sie in den Vordergrund. Sie symbolisiert Hoffnung und die Zuversicht, dass aus der Lücke heraus wieder Neues entsteht. Die Pflanze weist in die Zukunft und zum Leben hin, während die Lücke in der Mauer die Vergangenheit und den Tod repräsentiert.

Die traditionellen jüdischen Denkmale stellen die Shoah in einem größeren Kontext als jüdische Opfergeschichte dar und zielen auf die Ehrung der Opfer und die Warnung vor neuen Verbrechen ab. Sie erinnern nicht so sehr an konkrete Ereignisse oder Personen, sondern an das große und kaum greifbare Opferkollektiv. Dies lässt vermuten, dass es bei den jüdischen Denkmalen weniger darum geht, konkrete Ereignisse oder Menschen zu erinnern und damit konkrete Geschichten zu tradieren, als vielmehr allen jüdischen Opfern und Märtyrern der Shoah gemeinsam symbolische Grabstätten und damit Orte der Andacht und des Gedenkens zu widmen. Die jüdischen Denkmale beschäftigen sich also nicht mit der Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges und es geht auch nicht darum, einen konkreten Aspekt der Shoah in Erinnerung zu behalten oder einen konkreten Menschen zu ehren, sondern darum, das Wissen darüber, dass sich die Shoah ereignet hat und die Juden Opfer eines totalitären Regimes wurden, als mahnenden Fingerzeig zu erhalten und in theologischer Tradition an die nächste Generation weiterzugeben. Diese Denkmale müssen als Mahnmale gedeutet werden, die einen Beitrag dazu leisten sollen, dass Ähnliches wie die Shoah nicht mehr geschieht. Und sie können als Ehrenmale betrachtet werden, da nicht wenige in ihren Inschriften von Märtyrern, statt von Opfern sprechen.

Schweizer Heldentum und Zivilcourage

Ein großer Teil der Shoah-Denkmale in der Schweiz ist dem Gedenken an das Heldentum und die Zivilcourage konkreter Persönlichkeiten gewidmet, die sich während der Shoah für Flüchtlinge und Verfolgte eingesetzt haben. Es sind mehrheitlich Gedenktafeln und Gedenksteine sowie Straßen, Park-, Platz- oder Bauwerk-Bezeichnungen, die an die Schweizer Flucht- und Flüchtlingshelfer Paul Grüninger, Gertrud Kurz-Hohl, Carl Lutz oder an die Fluchthelfer im Grenzgebiet zu Frankreich sowie an den Hitlerattentäter Maurice Bavaud und den Befreier des KZ Mauthausen, Louis Häfliger, erinnern. Des Heldentums wird im Unterschied zum Opfertum also meist personifiziert gedacht und in erster Linie erinnern die jeweiligen Inschriften an die konkreten Leistungen der Heldenfiguren. So hat Paul Grüninger »mehrere hundert, vielleicht einige tausend jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung«[10] gerettet, Maurice Bavaud »a tenté de tuer Hitler«[11] und Carl Lutz war der »Retter vieler Tausende verfolgter Juden in Budapest im Jahre 1944«[12]. Die Schweizer Helden und ihre Leistungen werden als couragiert, gewissenhaft, idealistisch oder selbstlos bezeichnet und erinnert. Implizit weisen einige dieser Denkmale darauf hin, dass die Hilfeleistungen gegen die Weisungen und das geltende Recht verstießen, gerade weil sie besonderen Mut verlangten und unter Einsatz des eigenen Lebens geschahen. Durch einen kurzen Hinweis auf die späte Rehabilitierung und die fehlende Anerkennung der mutigen Taten wird auf diesen Widerstand gegen das System zuweilen auch explizit und damit anklagend verwiesen. Die Denkmale für die Schweizer Helden zeigen also nicht bloß das Bild einer couragierten, humanitären Schweiz, sie zeigen vor allem, dass die einzelnen erinnerten Persönlichkeiten individuell gehandelt und sich gegen die Norm und das Gesetz aus persönlicher Überzeugung heraus erhoben haben und demnach nicht dem Gros der Schweizer Bevölkerung entsprochen, geschweige denn, die Haltung der offiziellen Schweiz repräsentiert haben. Die Hinweise darauf, dass sie dies durch gesellschaftliche und politische Verurteilung und eine relativ späte Anerkennung büßen mussten, lassen auch eine gewisse, wenn auch bloß implizite Kritik an der Schweizer Gesellschaft und Politik nach dem Zweiten Weltkrieg erahnen.

Gerade in Bezug auf die Heldengeschichten der Flüchtlingshelfer sind auch Straßen-, Platz- und Parkbezeichnungen in ihrer Denkmalfunktion nicht zu vernachlässigen, sind sie doch zentrale Orte und Treffpunkte in Städten und Dörfern, die das Bild einer Gemeinde prägen. Dass Kommissionen bewusst darüber beraten, welche Personen – welche Lebensgeschichten und Taten – das Stadt- und Straßenbild und damit auch ein Stück weit die Identität der Gemeinde prägen sollen, reflektiert, dass der symbolisch für den Ort stehende Namensgeber einen prominenten Platz im Selbstverständnis der jeweiligen Gemeinde einnimmt. Aus dem Fundus möglicher Namen und verdienstvoller Taten zieren nur Auserwählte die Gedenktafeln und Straßenschilder. Was auf den Tafeln schlussendlich geschrieben steht, ist der eine Aspekt eines Menschen und seines Wirkens, mit dem sich die Gemeinde identifiziert und der als würdig erachtet wird, ihn im kulturellen Gedächtnis zu erhalten.

Schweizer Flüchtlingspolitik

Die Shoah-Denkmale in der Schweiz, die jüdische Opfer und Märtyrer oder Schweizer Helden ehren, kritisieren bloß implizit deren lange Zeit fehlende Anerkennung. Andere Denkmale gehen aber auch explizit auf die Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkrieges ein und somit auf die Versäumnisse der Schweizer Regierung, Menschen vor der Shoah zu retten. So thematisiert die Gedenkstätte für Flüchtlinge zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Riehen bei Basel – der zurzeit einzige Ort des Gedenkens an die Shoah in der Schweiz, der durch sein Dokumentationszentrum und seine Ausstellung als Gedenkstätte bezeichnet werden kann – unter anderem auch den verschlossenen Weg in die Schweiz. Eine direkte Anklage an die Politik des vollen Bootes findet sich auf dem Gedenkstein für Céline und Simon Zagiel-Mokobodzki neben dem Mahnmal auf dem jüdischen Friedhof in Bern. Der Gedenkstein steht für das Andenken an die beiden jungen, verfolgten Juden, die nach ihrer Flucht durch Europa in der »neutralen« Schweiz Zuflucht suchten, von den Schweizer Behörden aber über die Grenze an die Nationalsozialisten ausgeliefert und von dort nach Auschwitz deportiert wurden. Die Kritik an der Politik des vollen Bootes konkretisieren andere Denkmale durch die Erwähnung der geschlossenen Grenzen oder der gesellschaftlichen Ablehnung der Verfolgten. Es wird aber nie bloß auf die abweisende Haltung der Schweiz verwiesen, es fällt immer auch ein positives Wort, sei es, weil einige Flüchtlinge in der Schweiz Zuflucht gefunden haben, sei es, weil gewisse Fluchthelfer sich für sie eingesetzt haben. Man könnte von einer Art Dialektik zwischen Verfolgung, Ablehnung, Zuflucht und Dankbarkeit sprechen. So erinnert eine Gedenktafel in Caux bei Montreux an die dort untergebrachten Flüchtlinge des Kasztner-Zuges aus Budapest, sie spricht aber auch gleichzeitig von den zurückgewiesenen Flüchtlingen an der Schweizer Grenze. Auf den beiden Gedenksteinen, die in Büren a.A. an das größte Schweizer Flüchtlingslager während des Zweiten Weltkrieges erinnern, wird der Schweiz zwar dafür gedankt, dass fast alle der dort internierten Flüchtlinge – meist Polen, seit 1942 aber auch jüdische Flüchtlinge – den Krieg überlebten. Es wird aber auch Kritik am »selbstgerechten Kleingeist, Unvermögen und [an der] Ablehnung« sowie an der »Fehlplanung eines sogenannten ›Concentrationslagers‹« geäussert.[13] Während auf den ersten Blick also einzelne Ereignisse positiv bewertet werden, wird auf den zweiten Blick dieses Bild durch die Vorstellung der abweisenden, unbarmherzigen Schweiz ein Stück weit wieder relativiert. Es ist ein Geschichtsbild, das die individuelle Barmherzigkeit innerhalb einer politisch und gesellschaftlich unbarmherzigen, für einzelne Flüchtlinge zwar rettenden, im Großen und Ganzen aber abweisenden Schweiz aufzeigt.

Die nicht-jüdischen Denkmale sind sehr viel konkreter als die jüdischen Denkmale und gehen auf spezifische Episoden der Schweiz in Bezug auf die Shoah ein. Ihre Errichtung kann und muss im Rahmen der in den 1990er-Jahren aufkommenden kritischen Auseinandersetzung mit der Flüchtlingspolitik der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges gesehen werden. Vorher war es nicht denkbar, den Menschen, die sich gegen die offizielle Flüchtlingspolitik gewehrt hatten, ein Denkmal zu setzen. Und auch die öffentlichen Erinnerungen an geschlossene Grenzen und an die Politik des vollen Bootes wurden erst damals salonfähig. Die zeitliche Situierung der Denkmale lässt also erkennen, dass sich seit der Mitte der 1990er-Jahre – also seit der Thematisierung der nachrichtenlosen Vermögen in der Schweiz und der Einsetzung der UEK – der stattfindende Paradigmenwechsel hin zu einer selbstkritischeren Haltung auch im materiellen Gedenken abzeichnete. Allmählich entwickelte sich eine Tradition, die die Erinnerung an die couragierten Fluchthelfer und an die geschlossenen Grenzen in Denkmalen aufrechterhält. Die neuen Denkmaltypen tradieren ein Geschichtsbild, welches zu späte Anerkennung und lange fehlenden Respekt vor couragierten Schweizern bei einer mehrheitlich unbarmherzigen und undankbaren Bevölkerung ins Zentrum stellt und das Bild einer offiziellen Schweiz, die nur in wenigen Fällen als rettende Insel und Zufluchtsort für verfolgte Flüchtlinge diente.

Monumentale Gedächtnisse

Der Paradigmenwechsel von Mitte der 1990er-Jahre manifestiert sich also auch in den Shoah-Denkmalen in der Schweiz. Durch die Intensivierung der Diskussionen um die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich eine Tradition materialisierten Shoah-Gedenkens, welches die Erinnerung an die couragierten Fluchthelfer und an die geschlossenen Grenzen aufrechterhalten will. Wenn es also um das reine Gedenken geht, um die Wachhaltung von Erinnerung und um das Bedürfnis, einzelne regionalspezifische Geschichten in der Landschaft zu verewigen, so steuert auch die Schweiz einiges zur Hochkonjunktur europäischer Gedenkorte bei. Was wir in der Schweiz an Orten des Gedenkens an die Shoah aber auffinden sind – mit der Ausnahme des Museums in Riehen – keine Gedenkstätten im engeren Sinne, welche groß angelegt und mit viel Information ausgestattet der Aufarbeitung der Vergangenheit gewidmet sind, sondern bescheidenere Denkmale, die auf einzelne Ereignisse oder konkrete Personen verweisen. Es sind Wegmarken, an denen man zufällig vorbeikommt. Metaphorisch gesehen sind es monumentale Gedächtnisse – Speicher von Erinnerungen in monumentaler Form – die von ihren Betrachtern als Erinnerungsstützen und Reservoirs an möglicher Sinnstiftung benutzt werden können und erst durch deren Deutung und Interpretation vervollständigt und in ihren Kontext eingebettet werden.

Jedes dieser Shoah-Denkmale in der Schweiz erzählt von lokalen und regionalen Erinnerungen, die es durch seine Präsenz in der Öffentlichkeit kollektiviert und mit seiner Umgebung teilt und zeugt von einer Auseinandersetzung, die auf der Ebene der Zivilbevölkerung, der politischen Gemeinde oder der Religionsgemeinde stattgefunden hat. Gerade diese regionalen und lokalen Orte des Gedenkens zeigen durch die in ihnen tradierten Geschichten die Vielfalt der Erinnerungen an die Shoah innerhalb der Schweiz auf. Vielleicht können die kleinen Denkmale durch ihre zuweilen abstrakte und deutungsoffene Gestaltung die regionalen Besonderheiten in Bezug auf die Shoah gar stärker akzentuieren und die öffentliche Auseinandersetzung stärker anregen (vgl. die Shoah-Skulptur von Schang Hutter) als die großen Gedenkstätten Europas, deren Intention und Zielrichtung oftmals schon vorgegeben und allgemein anerkannt ist.

Ein Denkmal allein kann die Shoah zwar nicht darstellen oder gar erklären. Weder das unermessliche Leid noch die Schweizer Flüchtlingspolitik lassen sich in einer Skulptur oder auf einer Gedenktafel so darstellen, dass sie verstanden werden können. Zu klein ist der gegebene Raum, zu gering die Beachtung der Denkmale. Auch erfüllt nicht jedes Shoah-Denkmal in der Schweiz alle die Ziele, die sich Denkmalen und Gedenkstätten im Allgemeinen unterstellen lassen, nämlich Überlieferung, historisches Verständnis, Identitätsstiftung, Nachahmung und das Erzeugen von Einsicht. Was ein einzelnes Denkmal aber kann, ist Einzelschicksale wie dasjenige von Simon und Céline Zagiel-Mokobodzki festzuhalten, an die Zivilcourage einzelner Fluchthelfer zu erinnern oder die Erinnerung an die geschlossenen Grenzen und die daraus resultierenden Folgen wach zu halten. Es kann die flüchtigen örtlichen Erinnerungen bewahren und teilen. So hat auch Andreas Huyssen vorgeschlagen, »Denkmäler und Gedenkstätten des Holocausts ortsspezifisch zu belassen, sie lokale Geschichten reflektieren, örtliche Erinnerungen ausgraben […] zu lassen«.[14] Jedes einzelne dieser Denkmale trägt das Potenzial in sich, eine Reflexion anzustoßen – und sei es nur im Betrachter selbst –, die zu Einsicht, historischem Verständnis und der Formierung von Idealen führen kann.
 

Fabienne Meyer hat in ihrer Masterarbeit 2015 ein Verzeichnis der Orte der Erinnerung an die Shoah in der Schweiz erstellt, deren Inhalte analysiert und in einen erinnerungspolitischen Kontext gestellt.
 

[1] Vgl. Kreis, Georg: Schweiz. Das Bild und die Bilder von der Schweiz zur Zeit des 2. Weltkrieges, in: Monika Flacke (Hg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen 2, Berlin 2004, S. 593–613; Altermatt, Urs: Verspätete Thematisierung des Holocaust in der Schweiz, in: Itinera 25, Basel 2004, S. 31–55.

[2] Kreis, Georg: Zurück in den Zweiten Weltkrieg. Zur schweizerischen Zeitgeschichte der 80er-Jahre, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 52, 2002, S. 60–68, hier S. 67.

[3] Kreis, Georg: Zurück in die Zeit des Zweiten Weltkrieges (Teil II). Zur Bedeutung der 1990er-Jahre für den Ausbau der schweizerischen Zeitgeschichte, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 52, 2002, S. 494–517, hier S. 516.

[4] François, Étienne: Pierre Nora und die »Lieux de Mémoire«, in: Pierre Nora (Hg.): Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005, S. 7–14, hier S. 9.

[5] Vgl. Musil, Robert: Denkmale, in: Robert Musil (Hg.): Nachlass zu Lebzeiten, Zürich 1936, S. 87–93.

[6] Inschrift der Gedenktafel für jüdische Opfer, Jüdischer Friedhof St. Gallen SG, 1953.

[7] Inschrift des Gedenksteins für jüdische Opfer, Jüdischer Friedhof Basel BS, 1950.

[8] Inschrift der Skulptur für jüdische Opfer, Jüdischer Friedhof Endingen-Lengnau AG, 2014.

[9] Vgl. hierzu Gehring, Ulrike/Picard, Jacques: Auch Auschwitz liegt in der Schweiz. Das Mahnmal auf dem Jüdischen Friedhof Bern, in: René Bloch/Jacques Picard (Hg.): Wie über Wolken. Jüdische Lebens- und Denkwelten in Stadt und Region Bern, 1200–2000, Zürich 2014, S. 405–411.

[10] Inschrift der Gedenktafel für Paul Grüninger, Au SG, 2005.

[11] Inschrift der Stele für Maurice Bavaud, Hauterive, NE, 2011 sowie Inschrift der Gedenktafel für Maurice Bavaud, Neuchâtel NE, 1998.

[12] Inschrift der Gedenktafel für Carl Lutz, Walzenhausen AR, 1978.

[13] Inschrift des Gedenksteins für internierte Flüchtlinge, Büren a.A. BE, 2000.

[14] Huyssen, Andreas: Denkmal und Erinnerung im Zeitalter der Postmoderne, in: James E. Young (Hg.): Mahnmale des Holocaust. Motive, Rituale und Stätten des Gedenkens, München 1994, S. 9–17, hier S. 16.