Modernität und Barbarei – Marinerüstung und Zwangsarbeit

Zur Profilierung des »Denkortes« U-Boot-Bunker Bremen - Farge in der Deutschen Gedenkstättentopographie
04/2009Gedenkstättenrundbrief 148, S. 3-14
Detlef Garbe

Im Umgang mit den Stätten nationalsozialistischer Verbrechen spiegelt sich das jeweilige gesellschaftliche Bewusstsein, werden Leugnung, Verdrängung, Schuldabwehr, aber auch Selbstreflexion, Empathie mit den Opfern und kritische Auseinandersetzung mit den Folgen des Unrechts offenbar. Die KZ-Außenlager und die vielen anderen Lager, in denen das Millionenheer der Ostarbeiter, Kriegsgefangene, Militärinternierte und Polizeihäftlinge inhaftiert wurden und die sich in nahezu jeder deutschen Stadt oder Region befanden, sind die Zeugen dafür, dass sich die Verbrechen der SS nicht nur fernab, sondern auch inmitten des Landes und keineswegs nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern – vor allem gegen Kriegsende – nicht selten vor den Augen der Bevölkerung zutrugen. Hierin liegt sicherlich eine der wesentlichen Gründe dafür, dass ihre Geschichte jahrzehntelang verschwiegen wurde. In der Geschichte der Erinnerung an die sich über das ganze Land erstreckende Lagertopographie sich das ganze Ausmaß der Verdrängung der Vergangenheit, aber auch der Anfang der 1980er Jahre einsetzende Wandel: Gab es in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik nur vereinzelt Gedenksteine und so gut wie keine Forschungen zu den KZ-Außenlagern, zu Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlagern, zu den Haftstätten von Polizei und Justiz, so gibt es die – allerdings teilweise nur gegen heftige lokale Widerstände durchgesetzten – Gedenkstätten heute in einer so erfreulich großen Zahl, dass allein ihre Verzeichnisse Bücher füllen.

Bevor ich Ihnen meine Überlegungen zur Profilierung des »DenkOrtes« U-Boot-Bunker Farge in der deutschen Gedenkstättentopographie vorstelle, möchte ich die besondere historische Bedeutung des unter dem Tarnnamen »Valentin« geführten Bunkerprojekts und des zu seinem Bau in Bremen-Farge geschaffenen Lagersystems hervorheben. Da Sie an den beiden vorangegangenen Seminartage sehr viel Profundes zu Geschichte und Überlieferung der Marinerüstung, des Bunkerbaus und der Lager in Farge gehört haben, kann ich mich auf die Grundzüge beschränken.

Ich sehe die besondere historische Bedeutung in folgenden Punkten:

I In der zweiten Kriegshälfte, in der die militärische Überlegenheit der Alliierten nach dem gescheiterten Luftkrieg gegen England, den Niederlagen an der Ostfront und der Kapitulation in Nordafrika offenkundig wurde, konzentrierten sich die Hoffnungen der militärischen Führung auf bahnbrechende Erfolge in der Rüstungsschlacht, auf das Jägerprogramm und die Raketenwaffe. Die Wende im Seekrieg und die Unterbrechung des für den alliierten Nachschub zentralen Transportweges aus den USA sollte die U-Boot-Waffe bewirken. In Farge entstand ab 1943 der wichtigste und größte Produktionsbunker, eines der wichtigsten Bauprojekte der deutschen Kriegsmarine überhaupt. Durch meterdicken Beton vor Luftangriffe geschützt, sollten hier in Sektionsbauweise wie am Fließband U-Boote des neuen Typs 21 in Serie entstehen, alle zweieinhalb Tage sollte eines die Bunkerwerft verlassen. Farge steht für militärischen Größenwahn und Wunderwaffenglaube, der nicht nur ein Konstrukt der Nazipropaganda zur Mobilisierung der durch den Bombenkrieg demoralisierten Bevölkerung und der von Rückzugserfahrungen ernüchterten Wehrmacht war. Wie die Produktion des Messerschmidt-Düsenjägers Me 262 und die Raketenfertigung der V1 und V2 steht Farge für die Rüstungsmobilisierung im totalen Krieg.

II Auch wenn der in Farge erbaute Bunker nicht ganz fertig gestellt wurde und die U-Boot-Serienproduktion nicht mehr anlaufen konnte, zeugen allein die Dimensionierung des mit direkten Zugang zur Weser errichteten Baus mit 426 Meter Länge, 97 Meter Breite und 33 Meter Höhe, die bis zu sieben Meter dicken Betonmauern und die im Inneren erkennbaren unterschiedlichen Taktstationen für die Serienfertigung von der Monstrosität des Vorhabens. Die beiden Treffer vom 27. März 1945, bei denen das Bunkerdach durchbrochen wurde, »entzauberten« den vermeintlichen unzerstörbaren Bunker.

III Neben dem im Auftrag der Marineoberbauleitung für die zum Thyssen-Konzern gehörende Vulkan-Werft unter Beteiligung zahlreicher Baufirmen wie Wayss & Freytag, Hermann Möller und Hochtief realisierten Bunkerbauprojekt befanden sich an der Unterweser in Bremen-Nord noch weitere bedeutende Rüstungsvorhaben. Hier ist vor allem der seit 1936 von der »Wirtschaftlichen Forschungsgemeinschaft« Wifo, einer Tarngesellschaft des Reichswirtschaftsministeriums, in unmittelbarer Nähe errichtete, unterirdische Tanklagerkomplex zu nennen. Farge steht deshalb auch für das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen staatlicher und privater Kriegswirtschaft.

IV Farge war jedoch in erster Linie ein Projekt der Marine, die Initiator und treibende Kraft war. Lange Zeit haben U-Boot-Mythus, Traditionsverständnis und erfolgreiche Entlastungsstrategien sowie die öffentliche Aufmerksamkeit, die sich zunächst fast ausschließlich auf die SS und dann in den 1990er-Jahren auch auf die Mitwirkung von Armeeeinheiten am Judenmord richtete, den Blick dafür verstellt, dass auch die Marine sich aktiv an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligte. Gestern hat Marc Buggeln noch einmal bestätigt, dass in Farge nur ganz wenige SS-Leute – er sprach von unter zehn – eingesetzt waren. Die Herrschaft über die Arbeitssklaven übten die von den Baufirmen gestellten deutschen Zivilarbeiter und von der SS eingesetzte Funktionshäftlinge aus; die Bewachung der Baustelle und der Lager übten in erster Linie Marinesoldaten aus, die die Postenketten bildeten. Auch der Lagerführer des KZ-Außenlagers, Ulrich Wahl, kam von der Wehrmacht; in SS-Diensten übernommen wurde der Hauptmann zum SS-Hauptsturmführer ernannt.

V Ebenso wie in Peenemünde und noch weit stärker in Mittelbau-Dora konnte ein gigantisches Rüstungsprojekt dieser Größe, das es angesichts der sich beschleunigenden Niederlagen an den Fronten in schnellstmöglicher Zeit zu realisieren galt, nur noch unter Einsatz von Zig-Tausenden Zwangsarbeitern entstehen. In Farge wurden zeitweise bis zu 12.000 Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Häftlinge des KZ Neuengamme bei den Bauarbeiten eingesetzt; sie mussten dabei alle Arbeiten übernehmen, die Ausschachtungen für die Fundamente vornehmen, Zementsäcke schleppen, Beton mischen, Stahlträger transportieren, Eisendraht flechten usw. Die Arbeitskräfte, die aus ganz Europa kamen und nahezu alle Verfolgtengruppen repräsentierten, waren in sieben verschiedenen Lagern untergebracht. Damit steht Farge nicht nur für das – neben dem Häftlingseinsatz bei den Reichswerken Hermann Göring in Salzgitter-Drütte – größte Außenlager im System des Konzentrationslagers Neuengamme, sondern verkörpert in sich einen eigenen Lagerkosmos, in dem sich die unterschiedlichen Formen, Funktionen und Hierarchien nationalsozialistischer Zwangslager widerspiegeln: die Reglementierungen der zur Zwangsarbeit ins Reich Deportierten, der völkerrechtswidrige Einsatz von Kriegsgefangenen, der auf Abschreckung aller in der Kriegswirtschaft Beschäftigten zielende Terror im Arbeitserziehungslager der Bremer Gestapo und der den Tod bewusst einkalkulierende, auf Arbeit und Vernichtung zielende Einsatz der Häftlinge des KZ Neuengamme.

VI Die Arbeits- und Lebensbedingungen für die beim Bunkerbau eingesetzten Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, KZ- und Gestapohäftlinge waren sehr schlecht. Auf der Baustelle wurden sie unter roher Gewalt unerbittlich angetrieben. Das Zwei-Schichten-System mit täglicher Arbeitszeit von 12 Stunden, An- und Abfahrtswegen, Appellen ließ kaum Zeit zur Erholung von den Strapazen der Schwerstarbeiten. Verpflegung, Kleidung, medizinische Versorgung und die Unterbringung waren völlig unzureichend. Die 3000 Häftlinge des im Oktober 1943 errichteten KZ-Außenlager, die zumeist aus Frankreich, Polen und der Sowjetunion stammten, wurden in einem der 16, einige Kilometer von der Baustelle entfernt gelegenen Treibstoffbunker der Wifo provisorisch untergebracht, das Dach wurde mit Sand getarnt und später mit Baracken bebaut. Zwar war eine Barackenunterbringung keineswegs überall der Fall, auch andernorts dienten alternative Behausungen als Häftlingsunterkünfte, so etwa Stollen, alte Produktionshallen oder durch Bomben teilzerstörte Gebäude. Im bereits erwähnten Außenlager in Drütte wurden Häftlinge unter einer Hochstraße provisorisch einquartiert, doch die Unterbringung im Inneren eines Ölbunkers führte zweifellos – wie den Häftlingsberichten zu entnehmen ist – zu besonderen Erschwernissen. Dies belegt auch die hohe Opferzahl. Für das KZ-Außenlager sind die Namen von 553 in Farge zu Tode gekommenen Häftlinge bekannt; die tatsächliche Opferzahl dürfte aber mit Sicherheit höher liegen. Unter Einschluss aller zum Bunkerbau Gezwungenen starben in Farge – hier kann ich auf die Ergebnisse von Heiko Kania verweisen – nachweislich 1100, vermutlich aber mehr als 2000 Menschen. Sie starben an körperlicher Auszehrung, Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und Arbeitsunfällen. Immer wieder wird auch davon berichtet, dass der Beton für Häftlinge zum Grab wurde. In der Region Bremen hat der NS-Terror zweifellos in Farge seinen sichtbarsten Ausdruck gefunden.

VII Mit dem Nebeneinander von moderner U-Boot-Fertigung in Segmentbauweise, fordistischer Produktionsweise und Taktung auf der einen und einem Heer von geschundenen, der Gewalt der Kapos und Vorarbeiter unterworfenen Bausklaven andererseits steht Farge auch für die Dialektik von Fortschritt und Regression, für das Nebeneinander von Modernität und Barbarei.

Für die Bedeutung des Ortes stehen aber auch die Nachkriegsgeschichte und der schwierige Umgang mit diesem unübersehbaren historischen Erbe. Hier möchte ich den oben genannten sieben Punkten noch drei weitere hinzufügen:

VIII Beim Bunker »Valentin« handelt es sich um den einzigen in Deutschland erhaltenen U-Boot-Bunker. Wenn andernorts überhaupt noch Spuren auf U-Boot-Bunker des Zweiten Weltkriegs verweisen, dann handelt es sich um Ruinen und Fundamentreste.

Da ich aus Hamburg komme, möchte ich Ihnen hier kurz von einer Begebenheit berichten, die sich vor noch nicht langer Zeit auf dem ehemaligen Gelände der Deutschen Werft zutrug. Dort kamen nämlich im Jahr 2002 beim Bau der verlängerten Airbus-Start- und Landebahn, um die es in Hamburg jahrelang heftigste öffentliche Auseinandersetzungen gegeben hat – ich nenne als Stichworte nur die Zuschüttung des Mühlenberger Loches und den Widerstand der Neuenfelder Obstbauern –, die zugeschütteten Reste eines U-Boot Bunkers wieder ans Tageslicht. Die Bunker-Anlage mit der Tarnbezeichnung »Fink II« wurde 1940 bis 1942 in einer Abmessung von ca. 150 m und 200 m errichtet. In den zunächst vier, später (1944) fünf Boxen konnten jeweils zwei U-Boote hintereinander liegend repariert und ausgerüstet werden. Beim Bunkerbau auf der Deutschen Werft wurden ebenfalls Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Häftlinge des KZ Neuengamme eingesetzt, auch hier starben Hunderte. Nach Kriegsende wurde die Bunkeranlage im Oktober 1946 gesprengt – im Gegensatz zum »Valentin« gelang dies beim »Fink II« – und nach Schließung der Deutschen Werft 1973 zugeschüttet. Als nun vor sechs Jahren die Bunkerreste wieder auftauchten, entschloss sich die mit dem Bau der Airbus-Start- und Landebahn beauftragte Realisierungsgesellschaft schnell, einen Wettbewerb für ein Mahnmal auszuloben – und kam damit Forderungen nach einer Gedenkstätte noch zuvor. In Ausführung des erstprämierten Entwurfs wurden die Fundamentstreifen des U-Boot Bunkers großflächig wieder freigelegt, mit schwarzen Schottersteinen eingefasst und die Dimension der Anlage sichtbar gemacht. Am 26. August 2006 erfolgte die Einweihung der Denkmalsanlage, die neben künstlerischen Elementen mehrere Informationstafeln beinhaltet.

Im Unterschied zum »Fink II« oder zum erst vor wenigen Jahren 2001 gänzlich gesprengten Bunker »Kilian« in Kiel war der monströse Bunker in Farge immer präsent. Seine Größe und gewaltige Betonbewehrung sicherte seinen Bestand. Zwar sahen Briten und Amerikaner den Bunker zunächst als geeignetes Ziel, um die Durchschlagskraft neuer Bomben zu testen, doch stellten sie nach Protesten die Bombenabwürfe und Sprengversuche ein.

IX Des Weiteren möchte ich auf die Geschichte der Nachnutzungen verweisen. Zwar findet sich die Unterbringung von Flüchtlingen in den Lagerarealen auch andernorts ebenso wie die anschließende Übernahme des Geländes durch die Bundeswehr, die hier 1958 einen Standortübungsplatzes einrichtete und den Großteil der Baracken – soweit nicht schon erfolgt – abriss. Doch bezüglich des Bunkers weist die Nachgeschichte schon Besonderheiten auf. Nachnutzungen hierfür zu finden, erwies sich als außerordentlich schwierig. Von heute aus erscheinen manche der damaligen Vorschläge geradezu absurd, sei es die Einrichtung eines Ausflugslokals auf dem Bunkerdach, die Nutzung als Hülle für einen Atomreaktor oder als Lagerplatz für Atomwaffen. Die Diskussionen endeten erst, als schließlich auch der Bunker in die Obhut der Bundeswehr übernommen wurde, die im nördlichen Gebäudeteil für die Marine das bis heute bestehende Materialdepot einrichtete.

X Wie andernorts auch waren die Existenz der Lager und die Verbrechen, die sich dort und beim Bunkerbau zugetragen hatten, jahrzehntelang kein öffentliches Thema; die Erinnerung hielt – wie bei anderen ehemaligen Außenlagern – zunächst nur die Überlebenden-Vereinigung »Amicale Internationale de Neuengamme« wach, die Farge seit 1968 regelmäßig aufsuchte. Auch der Umschwung mit Beginn der 1980er-Jahre, als das öffentliche Interesse erwachte, gesellschaftliche Widerstände überwunden wurden und bürgerschaftliches Engagement – hier ist an Rainer Habel und die von ihm gegründete Initiative »Blumen für Farge« zu erinnern – 1983 zur Errichtung des Mahnmals »Vernichtung durch Arbeit« beim Bunker führte, deckt sich mit der Entwicklung der Erinnerungskultur andernorts. Der Bunker, der lange ein Unort gewesen war – noch bis Ende der 1980er-Jahre war er aus Luftbildern und Katasterkarten herausretuschiert – wurde nach und nach wieder entdeckt, seine Geschichte erforscht, er wurde zum Gegenstand von kulturellen und politischen Projekten, wofür insbesondere seine Bespielung durch das Bremer Theater steht, das in den Jahren 1999 bis 2005 die »Letzten Tage der Menschheit« von Karl Kraus mehr als 100 Mal im Bunker vor etwa 40 000 Besuchern aufführte. Durch die ebenfalls 1999 erfolgte Gründung des Vereins »Dokumentations- und Gedenkstätte Geschichtslehrpfad Lagerstraße/ U-Boot-Bunker Valentin e. V.« rückte das Lagergelände in den Blick. Nach und nach wurden die zentralen historischen Stätten mit Installationen und Stelen gekennzeichnet, die (vorläufig) letzte wurde vor zwei Wochen, am 31. August 2008, am Ort des sowjetischen Kriegsgefangenenlagers eingeweiht.

Eine Besonderheit stellt hingegen die Haltung der Bundeswehr in Farge bzw. dem benachbarten Schwanewede dar. Musste eine Informationstafel und ein Findling zum Gedenken der Toten des Außenlagers 1985 der Bundeswehr noch abgetrotzt werden, so führte das historische Interesse und Engagement einzelner Bundeswehrangehöriger letztlich zu einer Annahme der Verantwortung für das historische Erbe vor Ort. Seit den 1990er-Jahren bietet das Marinematerialdepot Führungen zum Bunkergelände an. Vor den neuerdings mit dem Kommandanturwechsel in Farge eingetretenen Änderungen wurden auf diese Weise durch Bundeswehrbedienstete – hier ist vor allem Rainer Christochowitz zu nennen – jährlich bis zu 8000 Besucher durch den Bunker geführt. Der Standort in Schwanewede stellte vor einigen Jahren die 1944 als Magazin errichtete »Baracke 27« für Ausstellungszwecke zur Verfügung, in der heute die vom Gedenkstättenverein erarbeitete Dokumentation und weitere Informationstafeln gezeigt werden. Auch der Geschichtslehrpfad konnte nur mit Unterstützung der Bundeswehr realisiert werden. Mit der am 9. Mai 2007 im Alten Rathaus eröffneten Ausstellung »DenkOrt Bunker Valentin« befindet sich nunmehr auch im Bunker selbst eine umfassende historische Dokumentation. Allerdings wird Besuchergruppen der Zutritt zum Ruinenteil seit Anfang 2008 verwehrt. Ein Träger von Gedenkstättenarbeit mag und kann die Bundeswehr selbst wohl nicht sein.

Ich fasse zusammen: Die historische Relevanz des Bunkers in Farge weist weit über die Region hinaus. Es handelt sich hier um einen Ort von weit mehr als nur lokalem oder regionalem Interesse. Exemplarität und internationale Bedeutung kann dieser historische Ort zweifellos für sich beanspruchen. Er steht erstens für militärischen Größenwahn, für die Rüstungsmobilisierung im totalen Krieg, ist zweitens ein monströses technisches Denkmal, zeigt drittens die enge Verflechtung von staatlicher und privater Kriegswirtschaft, weist viertens die Marine als treibende Kraft aus, verkörpert fünftens in sich einen eigenen Lagerkosmos mit verschiedenen Lagertypen, ist sechstens ein Massengrab für Menschen aus ganz Europa und siebtens ein Beleg für die gleichermaßen das System des Nationalsozialismus kennzeichnenden Facetten von Modernität und Barbarei. Achtens ist der Bunker »Valentin« der einzige in Deutschland erhaltene U-Boot-Bunker. Die zuweilen skurrile Suche nach Nachnutzungen verdeutlicht zum Neunten besonders eindringlich die Schwierigkeiten im Umgang mit Hinterlassenschaften des NS-Terrors. Und schließlich ist zehntens das trotz allem insgesamt bemerkenswerte Engagement der Bundeswehr für den Gedenkort zu nennen. Diese zehn Punkte sollten meines Erachtens Argument genug dafür sein, den Gedenkort Bremen-Farge zu einer bedeutenden Dokumentationsstätte auszugestalten.

Seit vier Jahren ist es unumgänglich geworden, sich der Aufgabe der Gedenkstättenentwicklung anzunehmen. Im November 2004 wurde bekannt, dass im Rahmen des allgemeinen Standortabbaus die Bundeswehr bis Ende 2010 das Marinedepot in Farge aufgeben wird. Zwar bekannte sich zwei Jahr später Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung am 24. November 2006 im Gespräch mit Bürgermeister Jens Böhrnsen, der den Minister vergeblich um Rücknahme der Stationierungsentscheidung bat, der Pressemitteilung der Bremer Senatskanzlei zufolge »zur Verantwortung des Bundes …, den ehemaligen U-Boot-Bunker in Farge in seiner historischen Bedeutung angemessen als Denkmal zu erhalten«, doch eine Entscheidung über die Zukunft des Bunkers steht seither weiter aus.

Wie die Debatte in der Bremischen Bürgerschaft am 9. April 2008 zeigte, sind sich alle dort vertretenen Parteien zunächst einmal darin einig, »dass der Bunker Farge […] ein Gedenkort für die Opfer der Nazi-Herrschaft sein muss und sein wird.« (Diese Worte von Bürgermeister Böhrnsen fanden laut Plenarprotokoll Beifall bei allen Parteien). Doch sah man nicht sich, sondern den Bund in der Verantwortung. Der Grüne-Abgeordnete Möhle verwies auf die »nationale Bedeutung«, seine sozialdemokratische Kollegin Arnold-Cramer bekräftigte, dass »Bremen […] diese Aufgabe nicht schultern« könne. Auch die Opposition stimmt dem einhellig zu. Frau Troedel (Die Linke) betonte, es dürfe nicht zugelassen werden, dass sich die »Bundeswehr […] aus ihrer Verantwortung« stiehlt. Auch nach Ansicht des Abg. Richter (FDP) handelt es sich »um eine nationale Aufgabe«. Deshalb dürfe der Bund »sich nicht aus der Verantwortung herausschleichen«. Der Abg. Kau (CDU) bemerkte hingegen, dass »bloße Forderungen an den Bund allein […] hier nicht genügen [werden] und forderte ein »klares Konzept« und Angaben zur Finanzierbarkeit ein.

Eine Woche später, am 15. April, verschaffte sich der Senat vor Ort einen eigenen Eindruck. Nahezu der gesamte rotgrüne Senat, angeführt von Bürgermeister Jens Böhrnsen und Bürgermeisterin Karoline Linnert, stattete dem Bunker »Valentin« einen Besuch ab und dokumentierte damit seine Sorge um die Zukunft des historischen Orts. Bürgermeister Böhrnsen appellierte an den Bund, hier gemeinsam mit Bremen nach einer Nachnutzung zu suchen und im Bunker »Valentin« eine entsprechende Gedenkstätte einzurichten.

Ein Ansprechpartner auf Bundesseite ließ sich jedoch nur schwer ausmachen. Böhrnsen beklagte deshalb, dass der Bund die Zuständigkeit »wie eine heiße Kartoffel hin und her« schiebe. Der Bundesverteidigungsminister fühle sich wegen der bevorstehenden Standortaufgabe nicht mehr verantwortlich, der Bundesfinanzminister verneine seine Zuständigkeit, da das Gelände noch von der Bundeswehr genutzt werde. Und der Kulturstaatsminister betone, – so Böhrnsen – »formal korrekt, Gedenkstättenarbeit sei Aufgabe der Länder«.

Von Bremen eingeladen, kamen erst am 8. September 2008 der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung Thomas Kossendey und der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Karl Diller nach Farge. Laut Pressemeldung erklärte Diller, dass er der Bund »der Freien Hansestadt Bremen den Bunker gerne verkaufen« würde.

Auch wenn – wie in solchen Fällen ja durchaus üblich – nur ein symbolischer Preis von einem Euro im Raum stehen dürfte, stößt ein solches Angebot in Bremen verständlicherweise auf Ablehnung, denn hier geht es um die Frage der Unterhaltsverpflichtung, die dem Eigentümer obliegt. Zwar zieht das Bundesfinanzministerium anscheinend auch einen Verkauf des Bunkers an Dritte in Erwägung. Jedenfalls war bereits im Februar in der Presse zu lesen (Die Norddeutsche vom 28.2.2008), dass Interessenten sich bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben melden könnten. Doch selbst dort wird – wie weiter zu lesen war – bezweifelt, dass für ein solches Bauwerk ein privater Interessent gefunden werden könne, denn die Nutzungskosten etwa für ein ziviles Materiallager seien einfach zu hoch. Nicht zuletzt die öffentliche Debatte der letzten Monate dürfte jetzt wohl dazu geführt haben, dass die abenteuerliche Vorstellung eines Bunkerverkaufs in private Hände nicht Wirklichkeit werden dürfte.

Vor diesem Hintergrund möchte ich nunmehr einige Vorschläge einbringen, wie ich mir konkret die nächsten Schritte vorstellen kann. Ich habe dafür kein Mandat außer der Einladung, hier im Rahmen des Gedenkstättenseminars zum Thema sprechen zu dürfen. Mit der Distanz des Außenstehenden, nicht eingebunden in die hiesigen Strukturen, und den Erfahrungen aus meiner Arbeit in Neuengamme, wo in der Gedenkstättenentwicklung durchaus einige Parallelen feststellbar sind, kann mein Blick vielleicht hilfreich sein, zumal dieses beileibe auch nicht die erste Tagung ist, an der ich in den vergangenen Jahren in Bremen zur Frage einer zukünftigen Dokumentationsstätte bzw. zum »DenkOrt Bunker Valentin« teilnehme. Es ist deshalb auch kein großer Wurf, sondern orientiert am Machbaren, denn jetzt ist keine Zeit mehr dafür, dass das Projekt weiter vor sich hindümpelt.

Ich möchte meine Vorschläge wiederum in zehn Punkten gliedern:

I In Bremen besteht ein Bedarf an einer entsprechenden Dokumentationsstätte. Zwar sind die Mahnmale auf der Bahrs Plate in Blumenthal und in Farge durchaus eindrucksvoll, doch fehlt es an einem Informationsort, der den Ansprüchen historisch-politischer Bildung gerecht wird, ein Ort, an dem mittels Ausstellung, medialer Vermittlung und personaler Begleitung ein Angebot zur Auseinandersetzung mit den Ausprägungen des nationalsozialistischen Terrors, seinen Ursachen und Folgen besteht. Die kleine Ausstellung in dem überdies nur schwer zugänglichen Keller der Ostertorwache, dem Bremer Gestapogebäude, kann die Ansprüche nicht erfüllen, die an einen solchen Lernort zu stellen sind. Dabei kommt mit dem Verlust der Zeitzeugen und dem Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis den Gedenkstätten, zumal wenn sie am historischen Ort beeindruckende bauliche Zeugen aufweisen, noch mehr Bedeutung als früher zu.

II Sicherlich genügt allein die Feststellung, dass Bremen inzwischen das einzige Bundesland ohne entsprechende Gedenkstätte ist, nicht, denn es ist natürlich auch das kleinste Bundesland. Allerdings befinden sich eine Reihe bedeutender Gedenk- und Dokumentationsstätten in der alleinigen Trägerschaft von Kommunen vergleichbarer Größe, etwa die Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf und das ELDE-Haus in Köln. Doch sprechen auch Gesichtspunkte regionaler Gedenkstättenverteilung für eine Dokumentationsstätte in Bremen. Denn Bergen-Belsen und Hamburg-Neuengamme und auch das DIZ Emslandlager in Papenburg sind für einen normalen Schulbesuch zu weit entfernt. Die noch in Aufbau befindliche Dokumentationsstätte in Sandbostel ist zwar etwas näher gelegen, aufgrund der schlechten verkehrsmäßigen Erreichbarkeit bedarf es aber auch hier eines Tagesausflugs und hoher Kosten für eine Busanmietung.

III Natürlich stellt die Randlage am äußersten Ende des Bremer Nordens ein gewisses Erschwernis dar, doch befanden sich insbesondere Konzentrations- und Arbeitserziehungslager eben in aller Regel nicht in Innenstadtlagen, sondern in der Peripherie. Die Wege von Berlin nach Sachsenhausen, von München nach Dachau oder von der Hamburger Innenstadt nach Neuengamme sind auch nicht kürzer als von Bremens City nach Farge. Gleichwohl ist eine Verbesserung der Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel sehr wünschenswert. In Neuengamme hat sich die Einführung eines halbstündigen Bustaktes zu den Öffnungszeiten ausgesprochen positiv bemerkbar gemacht. Die Zahl von jährlich 8000 Besuchern, die schon jetzt im Bunker geführt wurden, obwohl die Besichtigungsmöglichkeiten kaum bekannt sind und bislang in keinem Prospekt beworben werden, lässt deutlich höhere Besucherzahlen im höheren fünfstelligen Bereich durchaus realistisch erscheinen.

IV Die Dokumentationsstätte in Farge sollte zwar den Bunkerbau und die Geschichte der hierfür eingerichteten Lager ins Zentrum ihrer Ausstellung stellen, doch sollten auch Informationen zu den weiteren Rüstungsprojekten an der Unterweser und zu anderen KZ-Außenlagern in der Region Bremen Aufnahme finden. Auch das Thema Zwangsarbeit sollte ausführlich dargestellt und stärker kontextualisiert werden. Überhaupt würde hier nach der Einrichtung der Gedenkstätte Augustaschacht 2003 in Hasbergen-Ohrbeck (bei Osnabrück), der Eröffnung des Dokumentationszentrums in den Baracken des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Berlin-Schöneweide im August 2006 und der im Mai 2007 eröffneten Dauerausstellung »Mobilisierung für die Kriegswirtschaft: KZ-Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion« in den Neuengammer »Walther Werken« eine der bislang erst sehr wenigen Dokumentationsstätten zur NS-Zwangsarbeit entstehen. Die im letzten Jahr fertig gestellte Ausstellung »DenkOrt Bunker Valentin« sowohl inhaltlich wie graphisch eine sehr gute Grundlage. Sie sollte lediglich um die oben genannten und ggf. weitere Aspekte ergänzt werden. Einer neuen Dauerausstellung bedarf es hingegen – zumindest vorläufig – nicht.

V Überhaupt sind die Voraussetzungen für den Aufbau einer Dokumentationsstätte in Bremen-Farge insgesamt sehr gut: Es besteht vor Ort ein langjähriges und reges ehrenamtliches Engagement, es gibt mit der Landeszentrale für politische Bildung einen administrativen Rahmen und geeigneten Projektkoordinator, der zudem durch die fruchtbare Kooperation mit der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten auch die auf niedersächsischem Gebiet liegenden Lagerstandorte zu berücksichtigen vermag. Ferner sind in den letzten 20 Jahren zahlreiche Forschungsergebnisse vorgelegt und publiziert worden, zwar weniger zu den einzelnen Lagern, aber in großer Zahl zur Geschichte des Bunkerbaus. Hierzu gibt es auch eine außergewöhnlich dichte Quellenüberlieferung, vor allem zahlreiches eindrucksvolles Foto- und Filmmaterial.

VI Zweifellos muss der Bunker als Monument und Großrelikt im Zentrum stehen. Die bisherige Depotfläche ist baulich so intakt, dass sie problemlos als Ausstellungsort genutzt werden kann. Auch die klimatischen Bedingungen (nicht zu starke Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen) scheinen mir in diesem Raumteil ausreichend zu sein. Ob eine Einbeziehung der beheizten abgeschlossenen Raumstrukturen im Kopfbereich der Halle sinnvoll ist, muss geprüft werden. Eine Herrichtung des Ruinenteils ist – abgesehen von ihrer Unfinanzierbarkeit – weder sinnvoll noch für die Wiederherstellung der Zugänglichkeit von Teilbereichen erforderlich. Auch andere Gebäude, die bauliche Gefährdungen aufweisen, sind – so beispielsweise im Stollensystem in Mittelbau-Dora – durch eine Wegführung auf gesicherten Stegen und durch zusätzliche Barrieren zur Sicherung der Unzugänglichkeit von Gefährdungspunkten – so im Pressenhaus, beim Kollergang und Sumpf des KZ-Klinkerwerks in Neuengamme – für Besucher erschlossen. Dabei ist auch eine Begehbarkeit nur im Rahmen von Gruppenführungen denkbar. Zur Veranschaulichung der ursprünglichen Dimensionen wäre es gut, die das Marinedepot begrenzenden Trennwand zu entfernen (insofern die Folgen für das Raumklima vertretbar sind) oder durch eine Transparenz gewährleistende Abtrennung (zum Beispiel Glas- oder Baugitterelemente) zu ersetzen. Ansonsten kann der Ruinenteil ruhig dem weiteren langsamen Verfall ausgesetzt sein. Wie in den Gestaltungsentwürfen, die im Rahmen des Masterstudiengangs Architektur unter der Leitung von Prof. Helmut Ayrle 2007 entstanden, vorgesehen, sollte aber die unmittelbar um den Bunker befindliche Vegetation, die den Blick verstellt und »Valentin« versteckt und damit weiterhin tarnt, entfernt werden.

VII Für die pädagogische Arbeit bietet sich das direkt neben dem Bunker von der Bundeswehr errichtete Verwaltungsgebäude an. Hier können alle erforderlichen Räume – Anmeldung, Film- und Gruppenräume, Toiletten, Büro, Archiv u. ä. ohne sehr großen baulichen Aufwand untergebracht werden. Auch eine Cafeteria ist bereits vorhaben. Natürlich lassen sich bei einem Neubau eines Besucherinformationszentrums architektonisch anspruchsvolle und damit eindrucksvollere Entwürfe realisieren (so etwa jüngst in Ravensbrück und gegenwärtig in Dachau), doch ist hier die Finanzierbarkeit vermutlich nicht gegeben. Zudem ist das Verwaltungsgebäude auch bauliches Zeugnis der Bundeswehrnutzung. Ob und inwieweit auch das von der Bundeswehr errichte Wachgebäude einbezogen werden soll, ist ebenso zu prüfen wie die Frage von Mitnutzungen durch andere Einrichtungen.

VIII Neben dem Bunker kommt der durch den Geschichtslehrpfad erschlossenen Lagertopographie ein wichtiger Stellenwert zu. Hier sollten allerdings die Wegführungen verbessert werden. Insbesondere bedarf es einer Verbindung zwischen dem Bunker und dem Lagerareal. Hier empfiehlt sich die Herrichtung eines Weges, der die historische Streckenführung der früheren Lagerstraße aufnimmt. Auch die Aufstellung weiterer Informationstafeln, möglichst zur besseren Orientierung mit zeitgenössischen Fotoperspektiven versehen und von größeren Überblicksmodellen, erscheint angebracht. Ob auch weiterreichende landschaftsarchitektonische Eingriffe zur besseren Sichtbarmachung der bislang kaum auszumachenden Lagerstandorte möglich sind, ist nicht zuletzt eine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Sollten größere Umgestaltungsmaßnahmen im Außengelände erwogen werden, empfiehlt sich auf jeden Fall die Durchführung eines Gestaltungswettbewerbs.

Ob die Baracke 27 als ergänzender Ausstellungsort für das Lagerareal beibehalten werden sollte, ist zu erwägen. Dafür spricht sicherlich der – auch wenn es sich nicht um eine Unterkunftsbaracke handelte – andere Raumeindruck, den das historische Barackengebäude trotz der erfolgten Veränderungen vermittelt, sowie der Vorteil eines festen Standorts (wetterunabhängige Sitzgelegenheiten, Toiletten) bei Führungen über das Lagerareal.

IX In der Debatte der letzten Monate wurde stets auf die hohen jährlichen Kosten für die Unterhaltung hingewiesen – es wurde eine Summe von 700 000 Euro genannt –, die Bremen als Bundesland mit der höchsten pro-Kopf-Verschuldung nicht übernehmen könne. So ähnlich klang es in Hamburg auch, als Mitte der 1980er-Jahre um die Zukunft des Klinkerwerks gerungen wurde. Der Erhalt sei ein Fass ohne Boden, er werde Unsummen verschlingen. Und dann wurden Summen in den Raum gestellt, die sich im Nachhinein als deutlich überhöht herausstellten. Sicherlich wird die von der Bundeswehr genannte Zahl zutreffend sein, nur dürfte es sich um die kompletten, auf die jetzige Nutzung abgestimmten Betriebskosten handeln, einschließlich Mitteln für Bewachung und Objektschutz, die mir für einen Gedenkstättenbetrieb nicht nötig erscheinen. Das große ehrenamtliche Engagement des Vereins Geschichtslehrpfad Lagerstraße, das in den letzten Jahren vieles möglich machte, bietet wohl auch – zumindest in der Übergangszeit – Chancen für den Betrieb der Gedenkstätte. Doch natürlich bedarf es möglichst bald der Beschäftigung von hauptamtlichen, professionellen Personal, zumal ab 2010 die über die Bundeswehr abgewickelten Gruppenbetreuungen entfallen werden.

X Auch für die Realisierung eines solchen, finanziell begrenzten Programms bedarf es weiterer Geldquellen, insbesondere aber der Förderung auf Grundlage der Gedenkstättenkonzeption des Bundes. Hierfür gilt es zunächst noch einmal auf ein Missverständnis hinzuweisen, dass in der Bremer Debatte immer wieder anzutreffen ist. Die Einrichtung von Gedenkstätten ist im Sinne dieser 1999 erstmals und jüngst im Kabinett in einer Fortschreibung verabschiedeten Konzeption nicht Aufgabe des Bundes. Vielmehr greift weiterhin die Kulturhoheit der Länder. Die Federführung hat also in den Händen des jeweiligen Sitzlandes zu liegen, das auf der Grundlage eines dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien vorzulegenden Konzepts einen Antrag auf Förderung stellen kann. Auch wenn der Bund im Rahmen einer Komplementärfinanzierung sich mit 50 % an den Projektkosten beteiligt, ist er nur fördernd tätig.

Deshalb gilt es zunächst ein tragfähiges, überzeugendes und finanzierbares Konzept zu erarbeiten. Darauf sollten sich die Anstrengungen in Bremen jetzt und zu allererst richten. Auf dieser Grundlage sollte es dann möglich sein, da bin ich mir angesichts der besonderen Bedeutung des Gedenkortes Bremen-Farge sicher, die Unterstützung des BKM zu erlangen.

Doch jenseits der Frage der Gedenkstättenförderung steht der Bund bei diesem Projekt auch selbst in der Pflicht. Hier verweist Bürgermeister Böhrnsen zu Recht auf die Eigentümerverantwortung des Bundes, die ihm nach Auszug der Bundeswehr vor allem im Bereich von Bauunterhaltung und Verkehrssicherung Mittel abverlangt. Von daher sollte auch das Bundesfinanzministerium an einem tragfähigen Gedenkstättenkonzept interessiert sein, denn eine Veräußerung an Dritte dürfte nicht nur aus historischer Verantwortung ausgeschlossen sein.

Ich komme zum Schluss:

Im Rahmen eines Konzepts für ein Dokumentationszentrum in Farge sind Fragen des Programmprofils, der Ausstellungsgestaltung, der erforderlichen personellen Ausstattung und der Trägerschaft zu bedenken. Auch dafür können die Erfahrungen anderer Gedenkstätten hilfreich sein. In Bremen findet die Diskussion über ein Gedenkstättenkonzept spät statt. Dies bietet aber auch die Chance, die Erfahrungen anderer einzubeziehen und vieles besser zu machen.

Ich habe jedenfalls die Hoffnung, dass sich nach den vielen kleinen Entwicklungsschritten der zurückliegenden Jahre nunmehr für Farge ein großer neuer Schritt hin zu einer wichtigen Dokumentationsstätte ansteht. Natürlich können die Hamburger Erfahrungen nicht übertragen werden, wo sich nach jahrzehntelangem Verdrängen des KZ Neuengamme nach bescheidenden Anfängen in den 1980er-Jahren die KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu einem bedeutenden Ausstellungs-, Begegnungs- und Studienzentrum entwickelt hat. Noch vor zehn Jahren war nicht davon auszugehen, dass dafür beide auf dem Gelände befindlichen Gefängnisse verlegt würden. Die Kosten für den Bau der dafür an anderem Ort notwendigen Justizvollzugsanstalt(en) waren so hoch – über 150 Mio. DM –, dass ein solcher Gedanke nur utopisch sein konnte. Und heute umfasst die Gedenkstätte das gesamte ehemalige KZ-Areal mit 15 aus der KZ-Zeit erhaltenen Gebäuden und 55 Hektar Fläche. Auch für Farge klingt heute manches noch utopisch. Wir werden sehen, wie es in zehn Jahren sein wird.
 

Dr. Detlef Garbe ist Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und hat in verschiedenen Funktionen an den Beratungen zur Entwicklung des »Denkort Bunker Valentin« teilgenommen, da der Bunker u.a. von Häftlingen eines Neuengammer KZ-Außenlager errichtet wurde.