Gedenkstätten wie Ravensbrück sind »Leuchttürmen« vergleichbar. Es sind Bühnen der »anerkannten, offiziellen gesellschaftlichen Erinnerungspraxis«. Gedenkstätten repräsentieren nicht nur den »Mainstream der Gedenkkultur«, sondern »kanonisieren« zugleich auch, wie Matthias Pfüller schreibt, Interpretationen von Geschichte, indem Generation für Generation Orte wie Ravensbrück kennenlernen und aus dieser Auseinandersetzung ihr Bild vom NS-Regime formen.[1]
In Ravensbrück dominiert die Erinnerung an das Frauenkonzentrationslager das Gedächtnis der anderen Lager, die zum Lagerkomplex Ravensbrück gehörten wie beispielsweise das Männerlager, das Siemens-Lager und das »Jugendschutzlager Uckermark«. Im folgenden möchte ich die Gründe dafür diskutieren, warum das »Jugendschutzlager« nach 1945 in Vergessenheit geriet und wann und auf welche Weise die Geschichte dieses Lagers dann doch schrittweise erinnerungsfähig wurde.
1 | Schon zur Zeit des »Dritten Reiches« verfügte dieser Ort über keine in dem Sinne homogene Geschichte. Vielmehr steht »Uckermark« für mindestens drei unterschiedliche Nutzungsschichten:
»Uckermark« war der Name des 1942 eröffneten »Jugendschutzlagers«, das zur Unterbringung von insgesamt etwa 1 200 Mädchen und jungen Frauen diente, die zuvor von den NS-Behörden als »gemeinschaftsfremd«, »asozial« oder »politisch unzuverlässig« eingestuft worden waren. Im Januar 1945 begann die Auflösung dieses Lagers.
In einem abgesonderten Teil waren hier auch Sloweninnen einquartiert, die als Partisaninnen verhaftet und deportiert worden waren, sowie weibliche Gestapo-Häftlinge.
Schließlich wurden in den letzten Kriegsmonaten in sieben Baracken des geräumten »Jugendschutzlagers« ein »Schonungslager«[2] eingerichtet; de facto handelte es sich um ein Sterbe- und Selektionslager[3] des Frauen-KZ Ravensbrück: Ältere und kranke Frauen waren hier in Elendsquartieren untergebracht, starben bzw. wurden umgebracht.[4] Nach der Befreiung durch die Rote Armee am 30. April 1945 sind in den Baracken kranke Häftlinge des Männerlagers Ravensbrück einquartiert worden.
»Uckermark« hatte nach 1945 keine Gruppe, die sich für die mehrschichtige Geschichte des »Jugendschutzlagers« und damit verbunden für eine Kennzeichnung des Ortes eingesetzt hat. Nationalsozialistische »Jugendschutzlager« sind noch in den 50er und 60er Jahren kritiklos dem Fürsorgesystem zugeordnet worden und galten gar als positive Beispiele für die »Bewahrung schwer erziehbarer Jugendlicher«.[5] »Arbeitserziehung« in Lagern war in der DDR mindestens bis in die 60er Jahre üblich. Diese gesellschaftliche Wahrnehmung des nationalsozialistischen Erziehungssystems scheint auch unter einigen ehemaligen Häftlingen des Frauen-KZ Ravensbrück verbreitet gewesen zu sein. International bekannte Chronistinnen des Lagers wie Germaine Tillion und Wanda Kiedrzynska bezeichneten die Häftlinge des »Jugendschutzlagers« in ihren Büchern als »schwer erziehbare, kriminelle und asoziale deutsche Mädchen« oder auch als »demoralisiert, degeneriert, venerisch erkrankt oder geistig unterentwickelt«[6]. Das Stigma der Asozialität haftete den ehemaligen Uckermark-Häftlingen noch Jahrzehnte an.[7]
Auf der einen Seite also galten die als asozial stigmatisierten Jugendlichen nicht als erinnerungswürdig, auf der anderen Seite aber auch nicht die Frauen, die im Lager Uckermark ums Leben gekommen sind. Auch für diese – in der Sprache der SS – als »arbeitsunfähig«, »nicht-marschfähig«, als nur »bedingt tauglich« bezeichneten Frauen, diese »ausgemusterten« Häftlinge und »bettlägerigen Krüppel« fand sich nach 1945 keine Gruppe, die ihrer gedachte. Welche Rolle dabei der Tatsache zukam, dass es sich bei der Mehrzahl dieser Frauen um Osteuropäerinnen bzw. um jüdische Frauen aus Osteuropa handelte[8], sei dahin gestellt. Auf jeden Fall war die von sozialrassistischen und sexistischen Wahrnehmungsmustern geprägte Diskriminierungsgeschichte sogenannter asozialer Mädchen und arbeitsunfähiger alter Frauen 1945 keineswegs beendet. Beide Gruppen gehörten jahrzehntelang nicht zu den ehrungswürdigen NS-Verfolgten und gelten auch teilweise heute noch zu den outcasts und Deklassierten auch moderner demokratischer Gesellschaften.
Ein weiterer Grund für die Geschichte des Vergessens liegt in der Ortsgeschichte selbst: Im Rahmen der Befreiung des Lagers im April/Mai 1945 wurde in der Nähe ein Friedhof angelegt, wie aus einer Tagungsmitschrift der »Arbeitsgemeinschaft Ravensbrück« von 1948 hervorgeht: »Hinter den Siemens-Betrieben am Jugendschutz-Lager ist ein weiterer Friedhof von den Häftlingen, die nach 1945 verstorben sind, die man ins Jugendschutzlager gebracht hat und dort in der Nähe in einem Waldstück beigesetzt hat.«[9]
Im Jahr 1952 sind – und das ist der Punkt, der mir in diesem Zusammenhang wichtig ist – im Auftrag des Innenministeriums Brandenburg Umbettungen erfolgt. Damals wurden die Überreste von 255 Erwachsenen und 28 Kindern aus insgesamt drei Friedhöfen umgebettet und auf dem damals so genannten »Friedhof beim Krematorium des ehemaligen KZ« beigesetzt. Es handelt sich um die Stätte des Massengrabes an der Lagermauer, auf dem 1959 ein Rosenbeet angelegt wurde.[10] Nach der Umbettung sind dann die drei im Umkreis des ehemaligen Häftlingslagers bestehenden Friedhöfe eingeebnet worden; das Totengedenken wurde gewissermaßen in Ravensbrück in Nähe des Krematoriums zentralisiert. Diese Zentralisierung aber machte andererseits die Größe des Lagerkomplexes »vergessen«. Die Bestattung aller Toten am Fuße der Lagermauer und in der Nähe des Krematoriums legt bis heute die Deutung nahe, dass es sich hier insgesamt um Tote des KZ Ravensbrück handeln würde. Sofern sich, wie die oben zitierte Tagungsmitschrift nahelegt, einer der drei ursprünglichen Friedhöfe in der Nähe des ehemaligen Jugendschutzlagers befunden hat, ist also mit dem Akt der Umbettung der vermutliche Ort des Todes dem öffentlichen Gedächtnis entzogen worden.
Wahrscheinlich hat es sich bei dieser Zentralisierung nicht um eine bewusste gedenkpolitische Entscheidung einzelner, zu benennender historischer Akteure gehandelt. Pragmatische Gründe mögen eine Rolle gespielt haben. Die langen Wegstrecken im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zurückzulegen, wird vielen auf die Dauer auch einfach mühsam erschienen sein. Dementsprechend heißt es in der Tagungsmitschrift von 1948 auch: »Wir können uns nicht an jeder Friedhofsstelle besonders versammeln, weil die Zeit zu kurz ist.«[11]
Offenbar war die damalige Direktorin der Gedenkstätte Ravensbrück Martha Engel die erste, die 1963 die historische Bedeutung Uckermarks erkannte und dementsprechend verlangte: »Zur Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück gehört unbedingt das Jugendlager Uckermark«.[12]Die Stätte selbst befand sich zu dem Zeitpunkt noch nicht in militärischer Nutzung der Sowjetischen Armee, sondern wurde für Zwecke der Lagerung von Müll und Unrat genutzt und verkam. Auf Engels Anregung hin entwickelte das Berliner Institut für Denkmalpflege Pläne und schlug »wetterfeste und formal gut gestaltete Aufsteller« vor, die – wie wir heute sagen würden – in Form einer Open Air Ausstellung das Areal kommentieren sollten. Zugleich war an die Anlage einer »Laubbaum-Monokultur« gedacht, welche sich »als etwas Besonderes« von dem Kiefernbestand der umgebenden Landschaft abheben sollte. Dieses Vorhaben wurde bekanntlich nicht realisiert, vielmehr notierte Martha Engel in einer Beratungsniederschrift am 15. Mai 1963 resigniert: »Für die Uckermark (wurde) keine Massnahme bindend fixiert.« Die Erinnerung an das Jugendschutzlager Uckermark war damals auch kein Thema der jährlichen antifaschistischen Gedenkveranstaltungen in Ravensbrück. Die Impulse der Direktorin Engels 1963, das ehemalige Jugendschutzlager als Gedenkort zu gestalten, war zum damaligen Zeitpunkt in der DDR nicht konsensfähig.
Erschwerend kamen folgende Umstände hinzu: Das Areal wurde vermutlich seit den 1960er Jahren von der sowjetischen Armee genutzt. Wer den direkten Weg einschlägt, der von Ravensbrück nach Himmelpfort führt, kann auch heute noch feststellen, wie wenig »einladend« das gesamte, sowjetisch genutzte Areal gestaltet war. Die militärische Nutzung der Liegenschaften hatte in der DDR absolute Priorität oder, in den klaren Worten von Emmy Handke: »Wenn der Russe das so will, können selbst die VVN nichts machen.«[13]
Des weiteren ist folgender Aspekt nicht zu unterschätzen: Es sind bis heute keine Fotografien des Jugendschutzlagers überliefert. Bekanntlich ist die öffentliche Erinnerung an die Konzentrations- und Vernichtungslager zu einem hohen Maße durch das Bildgedächtnis geprägt; erinnert sei nur an die Fotografien der Leichenberge oder auch an Aufnahmen des mit »Arbeit macht frei« überschriebenen Lagertors von Auschwitz. »Uckermark« ist hingegen nur »mit den Augen der Imagination« zu sehen und für die gilt folgender Befund, dass wir nämlich nur wahrnehmen, »was wir an die Dinge herantragen und wir tragen an sie heran, was wir von ihnen wahrgenommen haben.«[14]
Wo also Stätten nationalsozialistischer Verbrechen nicht aufgrund von Fotografien Bestandteil des öffentlichen Gedächtnisses geworden sind, ist es – wie beispielsweise in Ravensbrück – ein Monument, ein Wahrzeichen, ein Mahnmal. Die Skulptur »Tragende« ist unzählige Male bildlich reproduziert worden, auf Postkarten, als Briefmarkenmotiv, als Anstecknadel. Uckermark hat kein solches »Emblem«, kein reproduzierfähiges Wahrzeichen.
»Ein Gedenkort ist das,« so Aleida Assmann, »was übrig bleibt von dem, was nicht mehr besteht und gilt. Um dennoch fortzubestehen und weiter gelten zu können, muss eine Geschichte erzählt werden, die das verlorene Milieu supplementär ersetzt.«[15] Im Fall von »Uckermark« ist diese Geschichte sehr lange nicht erzählt worden und das ehemalige Lagerareal wurde zu einem »verlorenen Milieu«. Indes ist dieser Prozess auch an anderen Orten im Umfeld des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers zu beobachten: Das ehemalige Siemenslager mit seinen Produktionsstätten war für die öffentliche Wahrnehmung ebenso verloren wie beispielsweise das ehemalige Männerlager oder auch das SS-Versuchsgut, das die sowjetische Armee als Apotheke nutzte.
Dieser Befund gilt indes nicht nur für Ravensbrück, sondern für alle KZ-Gedenkstätten: Das in der Regel komplexe und weit verzweigte System der Konzentrationslager war in der Nachkriegszeit häufig noch kaum zu erkennen, teils aufgrund von Abriss oder Umwidmung der Gebäude, teils, weil die später angelegten Gedenkstätten die ehemaligen KZ-Areale auf die Bereiche der ehemaligen Häftlingsunterkünfte und einige wenige markante Gebäude wie Krematorien und Gefängnisbauten zusammenschrumpften. Ein weiteres Beispiel eines »verlorenen Milieus« ist der Bahnhaltepunkt Ravensbrück: Bis Mitte der 1990er Jahre war diese Station mit einem Bahnschild »Ravensbrück« gekennzeichnet. Die Bahnlinie, die von Fürstenberg nach Templin führte, war noch bis Ende der 1980er Jahre in Betrieb; Teile davon werden heute, als Freizeitangebot für Touristen, von Draisinen befahren. Dabei diente dieser Haltepunkt bis 1945 als Rampe und Umschlagplatz für den »Häftlingsverschub« des Konzentrationslagers: Häftlingstransporte, unter anderem aus Auschwitz, trafen hier ein. Gleichwohl ist diese Station nicht Teil des GedenkstättenarealS. Ohne die Kenntnis dieser Geschichte, ohne das Wissen um die »Authentizität« dieses Ortes, mag der schildlose und inzwischen überwachsene Bahnsteig Touristen und Spaziergängern als idyllischer Ort erscheinen.
2 | Wann und auf welche Weise ist »Uckermark« erstmals in die öffentliche Wahrnehmung getreten? Wichtig erscheint mir die Tatsache, dass die nationalsozialistischen »Jugendschutzlager« erstmals in den frühen 1980er Jahren in Westdeutschland zu einem Gegenstand der Forschung wurden; dem Erscheinen von Detlev Peukerts Studie »Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus« im Jahr 1982 kommt hier paradigmatische Bedeutung zu. Die »Deutsche Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V.« befasste sich erstmals 1984 mit den »Jugendschutzlagern« Moringen und Uckermark.[16]
Als nach der deutschen Vereinigung der gesamte Lagerkomplex erstmals öffentlich zugänglich wurde, diskutierte auch das Internationale Ravensbrück-Komitee Möglichkeiten eines künftigen UmgangS. Nach einer Begehung am 19. September 1991 notierten Mitglieder des Komitees: »(…) Überprüfung, was von Uckermark (und) Siemens (…) zur Erinnerung erhalten werden kann.«[17] In den Empfehlungen einer Expertenkommission, die von der mittlerweile gegründeten Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten eingesetzt worden war, heißt es im Januar 1992: »Die Fläche des ehemaligen ‚Jugendschutzlagers‘ sollte markiert und eingefriedet werden.«[18] Im März 1992 forderten auch Liesl Jäger und Edith Sparmann als Vertreterinnen der »Deutschen Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V.« die Kennzeichnung des Geländes mit Tafeln oder einem Gedenkstein.[19]
Zu diesem Zeitpunkt war der Kernbereich des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten übertragen worden. Die übrigen historischen Lagerbereiche gingen an die Brandenburgische Bodengesellschaft – mit Ausnahme des Siemens- und des Uckermark-Areals: Wegen befürchteter Kontaminationen blieben beide Bereiche in der Verantwortung des BundeS. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten positionierte sich dazu folgendermaßen:
»Die Liegenschaftsprobleme des etwa 200 Hektar umfassenden Gesamtareals des Frauen-KZ Ravensbrück und Jugend-KZ Uckermark (sind) nach dem Abzug der GUS-Truppen mit ihren Kontaminierungen und Überbauungen derart umfassend, dass sich die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten außerstande sieht, die Flächen des Uckermark- sowie des Siemensgeländes zu übernehmen.«[20]
Der Gedanke, dass das Uckermark-Areal Teil der Gedenkstätte Ravensbrück werden sollte, ist, soweit ich sehe, erstmals im Zusammenhang mit der langwierigen Debatte um die Pläne für eine neue Trassenführung der Bundesstraße 96 geäußert worden. Anlass dieser Debatte war der Versuch der Stadt Fürstenberg, ihre gravierenden Verkehrsprobleme durch eine vierspurige Ortsumgehungsstraße zu lösen, die zwischen dem Gedenkstättengelände und dem Uckermark-Areal hätte verlaufen sollen. Diesem Plan standen viele, auch die »Deutsche Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V.« und das Internationale Ravensbrück-Komitee, ablehnend gegenüber; er wurde nicht realisiert.[21]
Gleichwohl ist in diesem Zusammenhang das erste Mal ein Denkmalkonzept für das Uckermark-Areal vorgelegt worden und zwar von der Bürgerinitiative »Fürstenberg Dialog«. Auf Anregung von Mitgliedern der Bürgerinitiative entwickelte der Berliner bildende Künstler Skip Pahler den Entwurf eines »›Nachdenkmals‹ für das ehemalige ›Jugendschutzlager Uckermark‹ in Ravensbrück«. Die Entwurfszeichnung sieht eine Art keilförmig verlaufende Wandgestaltung vor, auf der »rudimentäre Körperformen einstiger Insassen« in negativer Reliefausbildung zu sehen sind. Das Nachdenkmal sollte auf dem Uckermark-Areal aufgestellt werden, das – nach einem Rückbau der sowjetischen Hinterlassenschaften – in einen »Park des Gedenkens – wider dem Vergessen der Leiden der Opfer« hätte umgewidmet werden sollen. Ausser im Namen des Denkmals sieht dieser Entwurf keinen Bezug und keine Informationen zur spezifischen Geschichte dieses Ortes und seiner unterschiedlichen Nutzungen vor. Das Konzept bedient sich einer eher konventionellen Denkmalssprache: Eine Rampe soll für die »Schieflage« des NS-Systems stehen, Schlitze in den Wänden symbolisieren »lebensverachtende unmenschliche Glätte mit Totalüberwachung«, ein sich aus »der Asche der Vernichtung« erhebender »blauer Vogel« verweist auf Hoffnung, Überleben und Kampf u.ä.[22]
Neue Gestaltungsideen wurden in dem landschaftsplanerischen Wettbewerb für ein Gestaltungskonzept für den Lagerkomplex Ravensbrück entwickelt, den die Stadt Fürstenberg 1997 ausschrieb. Den ersten Preis erzielte das Team von Stefan Tischer, Philipp Oswalt und Stefanie Oswalt, deren Entwurf für den Bereich Uckermark ein Blumenfeld vorsieht: »Ein Blumenfeld erinnert hier in seiner fragilen und temporären Schönheit an das Schicksal der Opfer«, schreiben die Autoren, wobei der Bereich des ehemaligen Vernichtungslagers aus dieser Fläche zugunsten von Grabungen ausgespart werden sollte.[23]
Realisiert wurde schliesslich ein Denkmal, das die Initiative für einen ‚Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark‘ e.V. entwickelt hat: Es handelt sich um eine aus Granit gefertigte, etwa 1,90 m hohe Säule mit der folgenden Widmung:
»Im Gedenken an die Gefangenen Gefolterten und Ermordeten des Jugendkonzentrationslagers für Mädchen und junge Frauen und späteren Vernichtungslagers Uckermark 1942–1945. Ihr seid nicht vergessen! Nie wieder Faschismus!«
Im Unterschied zu den beiden ersten Konzepten für die Gestaltung eines Erinnerungsortes Uckermark, die sich beide einer entkonkretisierenden und enthistorisierenden Formensprache bedienen, verweist der im April 2009 auf dem Uckermark-Areal installierte Gedenkstein präzise auf die doppelte Verfolgungsgeschichte, für die dieser Ort steht. Paradox scheint indes die Entscheidung für Granit und damit für einen Naturstein, der seit Anfang des 19. Jahrhunderts in der Memorialarchitektur Verwendung fand und bis ins »Dritte Reich« als ein »Kennzeichen patriotischer Geisteshaltung« galt. Der als nordisches »Urgestein« konnotierte Granit steht für die »Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und roher, unbearbeiteter Natur«[24] und signalisiert »Stabilität, Beständigkeit und Dauerhaftigkeit«.[25] Vielleicht aber liegt gerade in diesem, dem Granit eigentümlichen Versprechen von Solidität und Dauer der Grund für die Wahl dieses Materials, geht es doch um die Ehrung einer Gruppe, die jahrzehntelang nicht als ehrungswürdig galt. »Den Opfern einen Gedenkstein zu setzen und den ehemals Inhaftierten, die überlebt haben und ihren Nachkommen einen würdevollen Gedenkort zu geben, ist seit vielen Jahren unser Anliegen«, so beschreibt die Initiative die Absicht, die sie mit der Setzung des Steins auf dem Uckermark-Areal verbindet.[26] Wo die Ehrung von Toten und würdevolles Gedenken bislang nicht möglich war, soll dies nun in einer Formen- und Materialsprache geschehen, die aufgrund ihrer Tradition von hoher und allgemeiner Verständlichkeit ist.
Seit dem Jahr 1997 finden nahezu jährlich internationale Jugendcamps auch auf dem Uckermark-Gelände statt. Zahlreiche Studien sind seither entstanden, Ausstellungen, Filme und Zeitzeugengespräche. Seit 2006 führt die Gedenkstätte Ravensbrück jährlich im November ein »Uckermark-Forum« durch mit dem Ziel, unterschiedliche zivilgesellschaftliche Initiativen miteinander ins Gespräch zu bringen. Als Bestandteil ihres Besucherleitsystems errichtete die Gedenkstätte 2008 zwei Tafeln, die in unmittelbarer Nähe des Uckermark-Areals Besucher zweisprachig über die Geschichte des Ortes informieren. Seit 2008 sucht die Gedenkstätte Ravensbrück gemeinsam mit der Gedenkort-Initiative nach Möglichkeiten, das Uckermark-Areal im Rahmen einer sogenannten Konversionsmaßnahme von militärischen Relikten aus sowjetischer Nachnutzung beräumen zu lassen.
Im Rahmen der jährlichen Jugendcamps, die teils von der Gedenkstätte, teils in Eigeninitiative organisiert werden, haben zahlreiche Aktivitäten stattgefunden: Beispielsweise haben Mitglieder der Gedenkort-Initiative vor Ort an Grabungen nach Fundamentresten teilgenommen, Wege im unwegsamen Gelände angelegt und das Areal mit selbstgefertigten Schildern gekennzeichnet. Vor einigen Jahren sind die sogenannten Maschas, aus Maschendraht gefertigte feligrane Figuren, entstanden und im heutigen Eingangsbereich des Geländes installiert worden. Seither diente dieser Bereich als ein Ort des GedenkenS. Im Jahr 2007 schuf eine Gruppe von Frauen Windspiele, die aus Metallfunden aus sowjetischer Hinterlassenschaft gefertigt waren .
Temporäre Installationen wie diese sind in hohem Maße innovativ und dienen im Unterschied zur konventionellen Denkmalsform als Impulsgeber zur kritischen Auseinandersetzung. Kreativität und Formenvielfalt sind wichtige Errungenschaften gegenwärtiger Denkmalskunst, weil sie dem »autoritären Maßstab monumentaler Orte«[27], der die Besucher zum passiven Zuschauer reduziert, mit Skepsis begegnen. Der Zukunft des Uckermark-Areals wäre zu wünschen, das es dort auch nach der Beräumung von sowjetischem Schutt Raum für künstlerische Initiativen und Interventionen geben wird.
Insa Eschebach, Dr. phil., Religionswissenschaftlerin, ist seit 2005 Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.
[1] Matthias Pfüller, »Leuchtürme, leere Orte und Netze«. Neue Möglichkeiten der Erinnerung im Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft. In: Birgit Dorner und Kerstin Engelhardt (Hg.), Arbeit an Bildern der Erinnerung. Ästhetische Praxis, außerschulische Jugendbildung und Gedenkstättenpädagogik. Stuttgart 2006, S. 27–52, hier S. 31.
[2] Zu diesem Begriff vgl. Irma Trksak, »Und ich muss sagen, dass es die schwerste Zeit in meinem ganzen Leben war, die kürzeste, aber die schwerste Zeit, die ich in der Uckermark erleben musste«. In: Katja Limbächer, Maike Merten, Bettina Pfefferle (Hg.), Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark. Münster 2005, S. 234–241, hier S. 236.
[3] Zum Begriff des Sterbe- und Selektionslagers vgl. Verena Walter, Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark als Sterbe- und Selektionslager. In: Dachauer Hefte 20/2005, S. 157–165, hier S. 158.
[4] Dass dieser Ort der Vernichtung bis heute noch nicht in seiner ganzen Bedeutung erfasst sei, darauf verweist zutreffend Ursula Krause-Schmitt in ihrem Vortrag: »Die Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V. und der Ort Uckermark«; unveröff. Manuskript September 2006.
[5] Katja Limbächer, Maike Merten, Bettina Pfefferle, Einleitung. In: DieS. (Hg.), Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark, a.a.O., S. 7–15, hier S.. 9.
[6] Siehe Bernhard Strebel, Das KZ Ravensbrück. Geschichte eines LagerkomplexeS. Paderborn 2003, S. 356 Anmerkung 2.
[7] Die Abgrenzungsbemühungen der aus politischen Gründen verfolgten Frauen dokumentiert auch die stenografische Mitschrift einer Tagung der zentralen Arbeitsgemeinschaft Ravensbrück in Berlin am 13. September 1948: »Wir müssen bestrebt sein, in unserer Organisation auf die größte Sauberkeit und Reinhaltung Wert zu legen, wir müssen gegen alle Elemente, die (…) nicht würdig sind, als wirkliche antifaschistische Widerstandskämpferinnen angesprochen zu werden, rücksichtslos vorgehen und sie aus unseren Reihen entfernen.« Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (im folgenden: SBG/MGR) RA I/3-5 XXXVI 61–115, hier Bl. 40. Vgl. auch Insa Eschebach, Jahrestage der Befreiung: Gedenkfeiern in Ravensbrück 1946–1995. In: Dies., Öffentliches Gedenken. Deutsche Erinnerungskulturen seit der Weimarer Republik, S. 135–162, insbesondere S. 157.
[8] Vgl. Simone Erpel, Das »Jugendschutzlager« Uckermark als Vernichtungslager. In: Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark, a.a.O., S. 215–233.
[9] Tagungsmitschrift; SBG/MGR RA I/3-5 XXXVI 61–115, hier Bl. 49.
[10] Dort hatte man bereits 1948 die umfangreichen Asche- und Knochenfunde am Krematorium bestattet.
[11] Tagungsmitschrift, a.a. O., Bl. 48.
[12] Vgl. im folgenden: Sigrid Jacobeit, Zur Geschichte des Jugend-Konzentrationslagers Uckermark im Gesamtkonzept der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. In: Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark, a.a.O., S. 271-279, hier auch die Nachweise der Zitate.
[13] Zit. nach Insa Eschebach/Sigrid Jacobeit, Ravensbrück – Zur Geschichte der Gedenkstätte und der Ausstellungen. In: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 6/2001, S. 72–81, hier S. 72.
[14] Wolfgang Tunner, zit. nach Birgit Dorner, Bilder der Verführung – Bilder der Erinnerung – gestaltete Bilder. Kunstpädagogik in der Gedenkstättenarbeit, In: Arbeit an Bildern der Erinnerung, a.a.O., S. 7–18, hier S. 11.
[15] Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999, S. 309.
[16] Rosel Vadehra-Jonas, Nach der Befreiung: Die zweite Geschichte des « Jugendschutzlagers Uckermark ». In : Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark, a.a.O., S. 293–306, hier S. 253.
[17] Zit. nach Jacobeit, Zur Geschichte, a.a.O., S. 235.
[18] Empfehlungen der Expertenkommission zur Neukonzeption. In: Brandenburgische Gedenkstätten für die Verfolgten des NS-RegimeS. Perspektiven, Kontroversen und internationale Vergleiche, hrsg. vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg in Zusammenarbeit mit der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. Berlin 1992, S. 215–270, hier S. 247.
[19] Zit. nach Jacobeit, Zur Geschichte, a.a.O., S. 236.
[20] Ebd. S. 237. Vgl. auch den Beschluss des Stiftungsrates vom 16.6.1994.
[21] Diese Konfliktgeschichte ist ausführlich dargestellt in dem Aufsatz von Rosel Vadehra-Jonas, Nach der Befreiung, a.a.O.
[22] Der Entwurf ist relativ ausführlich dargestellt in der Zeitschrift: Kontakte. Informationsblatt des Fürstenberger Fördervereins – Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück e.V., 7/2003.
[23] Vgl. Stefanie Oswalt, Philipp Oswalt, Entwurf zur Gestaltung der erweiterten Gedenkstätte Ravensbrück. In: Das Mädchenkonzentrationslager, a.a.O., S. 280–292, hier S. 286.
[24] Christian Fuhrmeister, Beton, Klinker, Granit. Material, Macht, Politik. Eine Materialikonographie. Berlin 2001, S. 241f.
[25] Ebd. S. 278.
[26] Initiative für einen Gedenkort ehemaliges Jugend- KZ Uckermark e.V., Spendenaufruf 2008/2009.
[27] James Edward Young, Gegen das Denkmal, für Erinnerung. In: Der Wettbewerb für das »Denkmal für die ermordeten Juden Europas«. Eine Streitschrift, hrsg. von der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst e.V., Berlin 1995, S. 174–178, hier S. 176.