Mit der internationalen wissenschaftlichen Tagung sollte 25 Jahre nach dem Erscheinen des von den KZ-Überlebenden Eugen Kogon und Hermann Langbein sowie dem damaligen Leiter der Zentralen Stelle Ludwigsburg, Adalbert Rückerl, herausgegeben Standardwerks »Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas« eine Zwischenbilanz der historischen Forschung gezogen werden. Unter den Teilnehmern befand sich auch der Mauthausen-Überlebende Pierre Serge Choumoff, der zur Gruppe der 21 Autoren des Bandes gehörte. Ein weiteres Ziel der Tagung war, wie es in der Ankündigung hieß, »Intentionen und Strukturen der revisionistischen Kampagnen im internationalen Vergleich aufzuzeigen und Gegenstrategien zu entwickeln«.
Die auf Initiative der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und dem Wiener Institut für Zeitgeschichte organisierte dreitägige Tagung wurde vom 15. bis 18. Mai 2008 in Oranienburg in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung, der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und dem Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, der Fondation pour la Mémoire de la Déportation, Paris und dem österreichischen Bundesministerium für Inneres durchgeführt. In sechs Panels bot das ambitionierte Tagungsprogramm einen sehr guten Überblick über den aktuellen Stand der Forschung und ihre offenen Fragen. Beim Blick auf die Mord-Methoden wurde ein Bogen geschlagen von den Tötungsanstalten der Euthanasie-»Aktion T-4« über Vernichtungslager wie Kulmhof, der »Aktion Reinhardt« sowie von Au-schwitz bis hin zur Rolle, die die Gasmorde in den Konzentrationslagern im Altreich einnahmen. Außerdem wurden techni-sche und pharmakologische Aspekte des Massenmords behandelt. Die Tagungsbeiträge werden in einem Sammelband veröffentlicht.
Das große Interesse an den Themen der Tagung verdeutlichten auch die mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie die anderen Interessierten, die an der Eröffnungsveranstaltung im Auditorium der Französischen Botschaft am Pariser Platz teilnahmen.
In seinem Eröffnungsvortrag stellte RICHARD J. EVANS (Cambridge) auf der Grundlage eines Vergleichs unter anderem zur Verfolgungspraxis der Sowjetunion gegenüber nationalen Minderheiten bis 1939 heraus, dass die Einzigartigkeit des Holocaust vor allem in dem einzigartigen Judenhass zu sehen sei. Der spezifische NS-Antisemitismus, Juden zum Weltfeind zu erklären, führte zu der den Massenmord kennzeichnenden sadistischen Gewalttätigkeit, die alle Methoden des Tötens miteinander verbindet. Evans warnte jedoch vor einer Verengung des Blicks auf Massentötungen durch Giftgas, die auf-grund ihrer Einzigartigkeit die Aufmerksamkeit der Nachwelt auf sich ziehen. Die Rede von der »fabrikmäßigen Massenver-nichtung« oder »Todesfabriken« sei irreführend, weil diese Methode des Massenmords nur eine Methode des Mordes und die Vernichtung nicht etwas mechanisches war. Sie war brutal und die Tötungsmethoden waren alles andere als technisch hochentwickelt oder reibungslos. Der Massenmord war kein unpersönlicher Vorgang, sondern die Erfüllung eines lang gehegten Judenhasses.
MOSHE ZIMMERMANN (Jerusalem) befaßte sich in seinem Auftaktvortrag mit der Bedeutung, die der Massenmord durch Giftgas in der Wahrnehmung jüdischer Überlebender in Israel einnimmt. Dabei zeigte er auf, dass im kollektiven Bewußtsein von Juden die Verbrennung und nicht Vergasung für das Einzigartige der Shoah und alle Tötungsmethoden verbindend steht. Dennoch sind – wie er anhand von verschiedenen Beispielen aus politischen Auseinandersetzungen deutlich machte – Traumata im Zusammenhang mit Giftgas tief verankert und jederzeit abrufbar.
Im ersten Panel über den Forschungsstand wiesen BERTRAND PERZ (Wien) und GÜNTER MORSCH (Oranienburg) unter anderem auf die Versäumnisse der historischen Forschung hin, die sich erst seit der Öffnung der sowjetischen Archive verstärkt mit der Untersuchung der Tötungsverfahren befasse. Bis dahin kamen Anstöße vor allem von Nichthistorikern wie Ernst Klee. Perz erinnerte auch an die Verdienste des verstorbenen französischen Forschers Jean-Claude Pressac, der in der Fachwelt ein Außenseiter war.
Die Geschichte von Tötungsanstalten der »Aktion T-4« wie Grafeneck, Pirna Sonnenstein, Hartheim und Bernburg standen im Mittelpunkt der Beiträge des zweiten Panels. ASTRID LEY (Oranienburg) stellte heraus, dass eine »Probevergasung« mit Kohlenmonoxid in Brandenburg/Havel für die Auswahl der Tötungsmethode der »Euthanasie«-Morde von zentraler Bedeutung war. THOMAS STÖCKLE (Grafeneck) stellte die Geschichte der ersten Tötungsanstalt der »Aktion T-4«, der Heilanstalt Grafeneck vor, die bereits im Oktober 1939 für die Zwecke der »Aktion T-4« beschlagnahmt worden war. Am 18. Januar 1940 wurde dort die erste Mordaktion mit Gas verübt und bis August 1940 etwa 50% aller in baden-württembergischen Heilanstalten untergebrachten Menschen ermordet. Im Vordergrund des Beitrags von BORIS BÖHM (Pirna-Sonnenstein) stand die Geschichte von Pirna-Sonnenstein, der vierten Tötungsanstalt der »Aktion T-4«. Ende Juni 1940 wurde sie in den Mordprozeß einbezogen. Anfang Juni 1941 wurden im Rahmen von »14f13« auch KZ-Häftlinge in Tötungsanstalten der »Aktion T-4« ermordet. Ein Transport mit Häftlingen des KZ Sachsenhausen nach Pirna-Sonnenstein war zugleich der erste Transport von KZ-Häftlingen in eine »T-4«-Anstalt. Die Einrichtung der Tötungsanstalt Bernburg erfolgte, wie UTE HOFFMANN (Bernburg) anschließend zeigte, nachdem im Sommer 1940 eine »Nachfolgeanstalt« für Brandenburg/Havel gesucht worden war. In der Tötungsanstalt Bernburg wurden alle Funktionsbereiche der Mordaktion auf engstem Raum errichtet. Dort wurden etwa 1 400 Menschen ermordet. Mit Beiträgen, die die archäologische Spurensuche für die historische Forschung liefern kann, befaßte sich FLORIAN SCHWANNINGER (Hartheim) bei der Vorstellung neuer Fun-de, die bei Forschungen zur Geschichte der Tötungsanstalt Hartheim entdeckt wurden.
DIETMAR SCHULZE (Frankfurt/Main) wies auf den Transfer von Personal der »Aktion T-4« in die Vernichtungslager der »Aktion Reinhardt« hin. in den Tötungsanstalten Pirna und Bernburg waren etwa über 100 bzw. 130 Personen an den jeweiligen Mordaktionen beteiligt. Ein Teil von Ihnen – die genaue Zahl kann noch nicht beziffert werden – wurde anschließend in den Vernichtungslagern im Osten eingesetzt.
Die Beiträge des dritten Panels befaßten sich mit technischen und pharmakologischen Aspekten des Massenmords mit Giftgas. Es machte die Bedeutung des interdisziplinären Austausches der historischen Forschung mit den Technik- und Naturwissenschaften deutlich. Anhand einer detaillierten Analyse der Wirkungsweise von Kohlenmonoxid und Zyklon B zeigte etwa ACHIM TRUNK (Köln), dass die Analyse der pharmakologischen und toxikologischen Grundlagen der Giftgas-morde neben der Auseinandersetzung mit Holocaust-Leugnern auch Informationen über Motivation der Täter und eine Annäherung an die Leiden der Opfern liefern kann. UDO WIESMANN (Berlin) verdeutlichte in einem verfahrenstechnischen Vergleich der anfangs in Holzbaracken und später in Steingebäuden errichteten Gaskammern der »Aktion Reinhardt«, wie versucht wurde, die Mordmethoden zu effektiveren. CLAUDIA THEUNE-VOGT (Wien) befaßte sich anhand von Grabungsbeispielen an historischen Orten in Dachau, Sachsenhausen, Sobibor und Belzec mit den Möglichkeiten und Grenzen der archäologischen Forschung. Wichtig wären gezielte Forschungsgrabungen an historischen Orten, die nicht so stark überbaut seien.
Zum Auftakt des vierten Panels stellte PETER KLEIN (Hamburg) seine neuesten Forschungen zur Massentötung durch Giftgas im Vernichtungslager Kulmhof vor. Klein datierte den Planungsprozeß und zeigte, wie sich dort eine lokale Initiative mit der Zustimmung Hitlers gegen die Planung zentraler Instanzen durchsetzte. In einer Bilanz der Forschung über die Ver-nichtungslager der »Aktion Reinhardt« wies DIETER POHL (München) darauf hin, dass die jüngere Forschung den Kenntnisstand zwar nicht grundsätzlich verändere, aber wichtige neue Einzelheiten liefere. Lange war beispielsweise unbekannt, dass es in den Vernichtungslagern mehrere Revolten gab. MICHAEL THAD ALLEN (Atlanta) plädierte dafür, Auschwitz anders als bei den Studien von Christopher Browning, Götz Aly und Peter Longerich stärker als »Zentralinstitution des Holo-caust« im Prozeß der Massenvernichtung in den 1940er Jahren zu betrachten. TOMASZ KRANZ (Lublin) wies auf Zusammenhänge zur den »Euthanasie«-Morden hin. Bei den zwei mit Kohlenmonoxid bzw. Zyklon B betriebenen Gaskammern des KZ Majdanek wurden Gasflaschen verwendet, die aus dem Bestand der »Aktion T-4« stammten.
Die Beiträge des fünften Panels befaßten sich mit Gaskammern in den Konzentrationslagern auf dem Gebiet des Altreichs, in Stutthof und Natzweiler. Deutlich wurde, dass auch in den meisten dieser Lager mit Giftgas gemordet wurde, aber in einem weitaus geringem Umfang als im besetzten Osteuropa. Im Altreich erfolgte der Einsatz von Giftgas auch teilweise zu »Testzwecken«, etwa in Sachsenhausen oder für die naturwissenschaftliche Kampfstoff-Forschung, wie im Fall von Natzweiler. In Neuengamme wurden zweimal sowjetische Kriegsgefangene in einem Bunker mit Zyklon B erstickt. Auffällig in Mauthausen, so BERTRAND PERZ und FLORIAN FREUND (beide Wien), sei ein sehr früher Einsatz von Zyklon B und ein Nebeneinander verschiedener Tötungsmethoden mit einem Gaswagen und einer Gaskammer.
Anfang 1945 sollten außerdem zwei Großkrematorien aus Auschwitz nach Mauthausen verlegt werden. Möglicherweise habe es sich bei der Gaskammer in der »Station Z« auf dem so genannten Industriehof des KZ Sachsenhausen um eine Modellanlage gehandelt, eine »Gaskammer der dritten Generation«, mit der versucht worden sei, Zyklon B aus Patent-schutzgründen zu ersetzen, so GÜNTER MORSCH (Oranienburg). In der Gaskammer des KZ Ravensbrück seien BERNHARD STREBEL (Hannover) zufolge Anfang 1945 schätzungsweise 5 000 bis 6 000 Menschen ermordet worden. REIMAR MÖLLER (Hamburg) belegt für das KZ Neuengamme zwei Mordaktionen mit Zyklon B, bei denen insgesamt etwa 450 sowjetische Kriegsgefangene ermordet wurden. Diese Gasmorde fanden jedoch nicht in einer Gaskammer, sondern in einem umgebauten Haftbunker statt.
Auch im KZ Stutthof wurden, wie dann MAREK ORSKI (Gdansk) ausführt, Mordaktionen mit Zyklon B durchgeführt. Zwischen Januar und Oktober 1944 wurden ca. 1 500 Menschen in einer auf dem Lagergelände errichteten Gaskammer er-mordet. Die Mehrzahl von ihnen waren Juden. Unter den qualvoll Ermordeten befanden sich aber auch nicht-jüdische Polen und Russen. BARBARA DISTEL (München) zeigte anhand des von der SS zynisch als »Baracke X« bezeichneten Krematoriums, dass im Konzentrationslager Dachau zwar keine Mordaktion mit Giftgas durchgeführt wurden, dort aber entsprechen-de technische Voraussetzungen bestanden. Durch Giftgas wurden KZ-Häftlinge aus Dachau ermordet, die in die »T-4«-Anstalt nach Hartheim transportiert worden waren. FLORIAN SCHMALTZ (Frankfurt) hob hervor, das die beim KZ Natzweiler im April 1943 in einem ehemaligen Tanzsaal des Berghofs »Le Struthof« errichtete Gaskammer eine Ausnahme im System der Konzentrationslager darstellte: Sie wurde als »Experimentalanlage der naturwissenschaftlichen Forschung« für Versuche mit Kampfgas eingesetzt. 1943 und 1944 wurden dort KZ-Häftlinge bei Versuchen mit Phosgen erstickt. Außer-dem wurden in der Gaskammer 86 jüdische KZ-Häftlinge ermordet, um deren Skelette für eine Sammlung des Straßburger Medizin-Professors August Hirth zu verwenden.
In Panel 6 analysierte ROBERT JAN VAN PELT (Ontario) die Strategien von Holocaust-Leugnern und zeigte vor dem Hintergrund von bisherigen Erfahrungen erfolgreiche, offensive Wege zu ihrer Bekämpfung auf. »We are under attack«, so van Pelt. Holocaust-Leugner griffen weniger die Fakten an, sondern versuchten vielmehr, einzelne Beweise anzuzweifeln, um so das Ganze in Frage zustellen. Dagegen könnten Historiker auch die Forschungen im Detail setzen. Eine neue Aufga-be stelle außerdem die Auseinandersetzung mit der Holocaust-Leugnung im Nahen Osten dar.
In der die Tagung abschließenden Podiumsdiskussion zu internationalen Tendenzen der Holocaust-Leugnung – gut und gerne Thema für eine eigene wissenschaftliche Konferenz – in vermittelten die Diskutanten einen Einblick in aktuelle Entwicklungen in West- und Osteuropa, Nordamerika und dem Nahen Osten. Betont wurde dabei unter anderem, dass Antise-mitismus in allen politischen Lagern von links bis rechts feststellbar sei. Außerdem wurde deutlich, dass es bei dem international auftretenden Phänomen der Holocaust-Leugnung nationale Unterschiede gibt.
In seinem Abschlussstatement schloß sich REINHARD RÜRUP (Berlin) der Auffassung von Richard Evans an, dass die Auseinandersetzung mit Holocaust-Leugnern auch weiterhin keine allgemeine Aufgabe der Wissenschaft sein kann. Dennoch seien Spezialisten notwendig. Holocaust-Leugnung und Antisemitismus könne die Wissenschaft am besten den Nährboden entziehen, indem sie zur Stabilisierung einer liberalen Demokratie beiträgt.
Es ist ein Verdienst der Konferenz und ihrer Organisatoren, das Thema der Massentötung mit Giftgas durch eine gebündelte Zusammenschau der verschiedenen Mordaktionen stärker in den Fokus des wissenschaftlichen Diskurses gerückt zu haben. Deutlich wurde, dass es nicht darum gehen kann, sich mit dem Thema hauptsächlich im Rahmen eines Abwehrkampfes gegen Holocaust-Leugner zu befassen. Vielmehr müssen auch die Formen des Massenmords als ein zentrales Wesensmerkmal des Nationalsozialismus und seines spezifischen Vernichtungswillens betrachtet werden. Sie geben zudem Aufschluß über die Entscheidungsprozesse, die in Auschwitz mündeten. Die auf der Konferenz stark vertretene jüngere Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kann sich dem Thema der Methoden des Massenmords offenbar etwas unbefangener nähern.
Thomas Irmer, Historiker und Ausstellungsmacher, arbeitet zur Geschichte des Elektrokonzerns AEG/Telefunken in der NS-Zeit, Veröffentlichungen zu »Arisierung« und Zwangsarbeit.