Das Markt 12 Museum im niederländischen Aalten (Provinz Gelderland) wurde am 3. Dezember letzten Jahres durch den Regierungspräsidenten von Münster, Herrn Dr. Twenhöven, und den Kommissar der Königin für die Provinz Gelderland, Herrn Dr. Kamminga, feierlich eröffnet. Damit erreichte eine einzigartige Zusammenarbeit niederländischer und deutscher Projektpartner zum Aufbau des Museums sowie zur Entwicklung pädagogischer Begleitmaterialien ihren vorläufigen Höhepunkt.
Markt 12, das ist die Adresse eines gewöhnlichen Hauses am Markt in Aalten mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Während des Zweiten Weltkrieges wohnte in diesem Gebäude die niederländische Familie Kempink. Ein noch heute erhaltenes Versteck auf dem Dachboden bot Verfolgten vorübergehend eine Zufluchtsstätte, während das große Wohnzimmer der Familie von den deutschen Besatzern beschlagnahmt worden war, die hier das Büro des Ortskommandanten errichteten. Im Gewölbekeller aus dem 16. Jahrhundert suchte die Nachbarschaft bei Bombenangriffen Schutz.
Ebenso, wie das Gebäude eine außergewöhnliche Vergangenheit hat, so verlief auch die Geschichte der Gemeinde Aalten außergewöhnlich: Hier lebten während des Zweiten Weltkrieges prozentual gesehen die meisten untergetauchten Menschen in den Niederlanden. Auf etwa 13 000 Einwohner kamen ca. 2 500 Untergetauchte1, was ungefähr einem Verhältnis von 5:1 entspricht. Insgesamt waren während des Zweiten Weltkrieges rund 350 000 Menschen in den Niederlanden untergetaucht2, davon aktuellen Schätzungen zufolge rund 28 000 Menschen jüdischen Glaubens.3 Hochgerechnet auf das ganze Land kam auf cirka 40 Einwohner ein Untergetauchter.
Euregio-Projekt – Gemeinsame Zielsetzungen beiderseits der Grenze
Im Dezember 1999 kaufte der Verein Aaltener Museen, der gleichzeitig Träger der angrenzenden Heimatmuseen Frerikshaus und Freriksscheune ist, das Gebäude am Markt Nummer 12 in Aalten mit dem Ziel an, hier ein weiteres Museum aufzubauen.
Dabei sollte es vermieden werden, ein weiteres Kriegsmuseum zu errichten, das sämtliche Kriegshandlungen und Kriegsverläufe thematisieren sollte. Auch rückte man schnell von ursprünglichen Plänen ab, hier ein »Untertauchermuseum« zu errichten, das in erster Linie das Phänomen »Untertauchen« und den Widerstand gegen die Besatzer in den Fokus des Betrachters rücken sollte. Vielmehr war es zentrales Anliegen, das Bewusstsein zu schaffen, dass Krieg und Gewalt persönliche Entscheidungen und Erwägungen eines jeden einzelnen erfordern, die weitläufige Konsequenzen für ihn, seine Familie und seine Mitmenschen mit sich bringen. Jeder hatte diese Entscheidungen zu treffen, damals die Niederländer ebenso wie die Deutschen, und auch wir werden heute mit Situationen konfrontiert, in denen wir uns für oder gegen Mitmenschlichkeit entscheiden müssen. Markt 12 sollte daher am authentischen Ort anhand persönlicher Schicksale das alltägliche und zugleich außergewöhnliche Leben der Bevölkerung unter deutscher Besatzung zeigen und den Bezug zur Gegenwart herstellen. Dabei geht es um verschiedene Aspekte und Nuancen menschlichen Verhaltens. Hier sollte ein aktives Museum geschaffen werden, in dem die Besucher zum Nachdenken angeregt werden und in dem dabei noch Raum bleibt, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.
Realisiert werden konnten die Pläne zur Errichtung eines Museums zum alltäglichen Leben unter deutscher Besatzung durch die Förderung der EUREGIO, einem Zusammenschluss von 130 Städten, Gemeinden und Kreisen entlang der deutsch-niederländischen Grenze. Beteiligt waren neben der Gemeinde Aalten und dem Verein Aaltener Museen als Träger des Museums zahlreiche niederländische sowie deutsche Projektpartner, namentlich das Königreich der Niederlande, das Land Nordrhein-Westfalen, die Provinz Gelderland, der Kreis Borken, die Region Achterhoek, sowie die Städte und Gemeinden Winterswijk, Dinxperlo, Bocholt, Borken und Rhede.
Im Rahmen des INTERREG IIIA-Projektes mit dem Titel »Grenzüberschreitendes Ausstellungskonzept ›Fremdenhass/Rassismus – Vergangenheit und Zukunft‹ für Schulen« wurde zum einen die Einrichtung des Museums samt aller baulicher und gestalterischer Maßnahmen gefördert; zum anderen wurden Gelder für die Entwicklung von pädagogischem Begleitmaterial zur Verfügung gestellt. Beide Förderschwerpunkte sollen nahtlos aneinander anknüpfen. Das INTERREG IIIA-Projekt richtet sich in erster Linie an Schüler zwischen 10 und 18 Jahren der verschiedenen Schulformen sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland. Daneben sollen aber auch Erwachsene, insbesondere Studenten, Menschen in den unterschiedlichen Bereichen der Erwachsenenbildung sowie ausländische Mitbürger angesprochen werden.
Ziel dieses Projektes ist es, anhand von Markt 12 und des dort dargestellten Hauses und seiner Bewohner während des Zweiten Weltkrieges, das Wissen über die Geschichte des Nationalsozialismus, Rassismus und Fremdenhass zu vergrößern, gleichzeitig aber auch einen Bezug zur Gegenwart herzustellen und den Museumsbesucher für aktuelle Erscheinungsformen von Diskriminierung und Rassismus zu sensibilisieren. Ein weiterer zentraler Aspekt – gerade auch im Hinblick auf ein Vereintes Europa – ist es, das Zusammenwachsen zwischen Niederländern und Deutschen und die weitere Integration der Bevölkerung an beiden Seiten der Grenze zu fördern.
Über die Konfrontation mit Vorurteilen soll sich der Besucher seiner eigenen Vorurteile bewusst werden. Indem den Entscheidungen und der Kreativität von Menschen in lebensbedrohlichen Situationen Beachtung geschenkt wird, soll der Besucher zu tolerantem Verhalten ermutigt werden. Überdies soll anhand historischer und aktueller Kriegssituationen aufgezeigt werden, dass Menschen in unterschiedlichen Situationen bereit sind, für andere – ganz gleich ob es sich dabei um ihnen bekannte oder fremde Personen handelt – einzustehen und Hilfe zu leisten.
Schließlich sollen im Rahmen des Projektes die universellen Werte und Normen, sowie die Menschenrechte betont werden, die gleichermaßen für Niederländer wie Deutsche gelten, die diesen Werten sowohl menschlich als auch politisch nachstreben.4
Projektdurchführung – Ein Haus nimmt Gestalt an
Markt 12 ist ein unter Denkmalschutz stehendes Bürgerhaus, das in seiner heutigen Form und seinem Umfang aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt, aber auch Elemente wesentlich älteren Datums enthält. Neben der Sanierung und Restaurierung des bereits seit 1993 unbewohnten Hauses am Markt wurde im Zuge des Museumsaufbaus ein mit einem Glasdach überkuppelter Eingangsbereich, der die bereits bestehenden beiden Heimatmuseen Frerikshaus und Freriksscheune mit dem neu aufzubauenden Museum verbinden sollte, geplant. Ebenso sollte der Museumskomplex um einen Neubau erweitert werden, der Raum für Wechselausstellungen, Verwaltungsräume, sanitäre Einrichtungen, Depoträume für die Sammlungsbestände, sowie einen multifunktionalen Raum, der für pädagogische Zwecke genutzt werden konnte, bieten sollte. Alle baulichen Maßnahmen wurden unter der Leitung des Bureau voor Harmonische Architectuur in Voorstonden durchgeführt. Im Frühjahr 2003 wurde mit der Ausschreibung des Neubaus sowie der Restaurierung begonnen; im August 2003 konnte das Startzeichen für den eigentlichen Bau gegeben werden.
Dem waren gebäudehistorische Untersuchungen durch das Monumenten Advies Bureau in Nimwegen und die Stiftung Restauratie Atelier Limburg in Maastricht vorangegangen, mit dem Ziel, das Gebäude in seinen authentischen Zustand zurückzuversetzen.
Eine »conceptontwikkelgroep« aus Vertretern der Ausstellungsgestalter Bureau Marcel Wouters Ontwerpers aus Eindhoven, des Pädagogischen Teams von Markt 12 sowie des Westfälischen Landesmedienzentrums des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Münster nahm im September 2003 die Arbeit auf. Insbesondere beim Pädagogischen Team, das sich aus Mitgliedern beider Nationen zusammensetzte, fand der grenzüberschreitende Grundgedanke konkrete Ausführung, da hier Deutsche und Niederländer als Voraussetzung der Euregio Hand in Hand arbeiteten. Auf der Grundlage eines überarbeiteten Einrichtungsplanes wurden die vom Gestalter entwickelten Ideen in regelmäßigen Abständen einer gründlichen Prüfung unterzogen, wobei in erster Linie versucht wurde, dem pädagogischen und grenzüberschreitenden Konzept des Interreg IIIA-Projektes Rechnung zu tragen. Dabei durchlief die Entwicklung der Einrichtung folgende Phasen: Entwurfsskizze: 2002 bis September 2003, Vorläufiger Entwurf: September 2003 bis März 2004, Definitiver Entwurf: März 2004 bis Oktober 2004, Bauliche Ausführung: Oktober 2004 bis Januar 2005.
Zwei wesentliche Aspekte wurden bei der Konzeption der Einrichtung besonders berücksichtigt: Zum einen sollte die Atmosphäre eines Wohnhauses aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts widergespiegelt werden und zum anderen berührt und angefasst, d.h. auch tatsächlich genutzt werden dürfen. Das beinhaltete, dass auf Vitrinen und Texttafeln, allesamt Gegenstände einer klassischen Museumseinrichtung, weitestgehend verzichtet wurde, zugunsten authentischer Objekte oder Repliken, die so bearbeitet wurden, dass sie als Informationsträger fungieren konnten. Alle Objekte in der Ausstellung sind somit entweder authentisch oder wurden naturgetreu nachgebildet.
Die Einrichtungspläne wurden vom Bureau Marcel Wouters Ontwerpers aus Eindhoven angefertigt. In Zusammenarbeit mit dem Verein Aaltener Museen wurden aus dem eigenen Sammlungsbestand Objekte der Periode 1920 – 1940 zusammengetragen oder zusätzlich erworben. Den Bau der Ausstellung realisierte die Firma P en P Projects aus Asten.
Die inhaltliche Gestaltung der Ausstellung sowie die Recherche und das Zusammentragen authentischer Quellen leistete das Pädagogische Team von Markt 12 in Zusammenarbeit mit dem Streekarchivariaat Achterhoek und dem Westfälischen Landesmedienzentrum. Grundlage bildeten dabei in erster Linie die bereits seit Jahren aufgebaute und ständig erweiterte Sammlung des Vereins Aaltener Museen zur Periode 1940–1945, Sammlungsbestände benachbarter regionalhistorischer Museen oder privater Sammler in der Region Achterhoek sowie intensive Zeitzeugengespräche vor Ort.
Mitte Oktober 2004 fertigte das Westfälische Landesmedienzentrum im gerade fertiggestellten Neubau des Museums Filmaufnahmen von Zeitzeugeninterviews an. Teile dieser Filmaufnahmen sind in die Ausstellung miteingeflossen und wurden für die zweisprachige DVD verwendet, die das Landesmedienzentrum zur Vorbereitung auf den Museumsbesuch produziert.
Präsentationskonzept – Vergangenes erfahrbar machen
Das Museum Markt 12 ist ein vollständig eingerichtetes Wohnhaus, wie es Mitte des vorigen Jahrhunderts im Osten der Niederlande unweit der Grenze existierte. Die ursprüngliche Einteilung des Gebäudes wurde beibehalten.
Gemäß dem grenzüberschreitenden Konzept des Projektes werden alle Informationen in der Ausstellung zweisprachig angeboten. Konkret bedeutet dies, dass Filme untertitelt werden, Hörmodule entweder zweisprachig zur Verfügung stehen oder in deutscher Sprache zusammengefasst werden und sämtliche Ausstellungstexte in beiden Sprachen abgedruckt sind. Eine breite Skala technischer und audiovisueller Medien wird, versteckt und in alltägliche Gebrauchsgegenstände integriert, eingesetzt. Anhand der Einrichtung wird der Besucher aufgefordert, selbst aktiv zu werden, zu suchen, zu entdecken und zu forschen. Im Vordergrund der Präsentation steht das Miterleben und Nachempfinden des täglichen Lebens der Zivilbevölkerung während der Kriegsjahre.
Jeder der unterschiedlichen Wohnräume behandelt ein abgeschlossenes Thema. Als Wohnhaus für Führungen großer Gruppen ungeeignet, war es Ziel, eine Ausstellung zu schaffen, die vom Besucher selbst erschlossen werden kann.
Von Zimmer zu Zimmer
Bevor der Besucher das Gebäude betritt, sieht er auf einem der Fenster einen kurzen Einleitungsfilm, der einen Einblick in die Atmosphäre der damaligen Jahre vermittelt. Er betritt das Gebäude durch die Hintertür und der eigentliche Rundgang durch das Museum beginnt im ehemaligen Wohnzimmer der Familie, das von den Deutschen beschlagnahmt worden war. Hier stehen die deutsche Besatzungsmacht und die niederländische Regierung im Fokus der Betrachtung.
Die Route führt den Besucher weiter in den Abstellraum des Wohnhauses. Dieser existierte während der Kriegsjahre noch nicht, sondern wurde nachträglich angebaut. Heute ist in diesem Raum das Thema Propaganda anhand pro- und anti-deutscher Propagandaplakate angesiedelt.
Im Flur hängen die Jacken von neun unterschiedlichen Personen und erzählen die Geschichten ihrer Besitzer über Filme, Hörmodule oder Ausstellungstexte. Sie stehen für ganz unterschiedliche Schicksale und symbolisieren die Situationen, mit denen ihre Besitzer konfrontiert waren, und die Entscheidungen, die sie fällten. So trifft der Ausstellungsbesucher hier beispielsweise auf einen Jungen, der dem Jeugdstorm, der Jugendorganisation der nationalsozialistischen Bewegung in den Niederlanden, angehörte, auf einen Schwarzhändler, der beim Schmuggel von Kaffee und Zigaretten erwischt wurde oder auf einen Widerständler.
Wer sich in die vier verschiedenen Sessel im kleinen Wohnzimmer setzt, erfährt über Interviewfragmente etwas über das alltägliche Leben der Familie, die hier lebte, und ihrer Besucher. Hier berichtet beispielsweise Jenny Kempink, die Tochter des Hauses, gemeinsam mit ihrer Freundin Willy ten Have von ihrer Kindheit während der Besatzungsjahre. Anhand eines Fahrrades im Wohnzimmer erfährt der Besucher, wie erfindungsreich damals auf den Elektrizitätsmangel reagiert wurde.
Im Zwischenzimmer geht es um den Arbeitseinsatz, der für viele niederländische Männer Anlass war, unterzutauchen – und um den Lebensalltag Untergetauchter. Um Männer zur Zwangsarbeit zu bewegen, griffen die Besatzer zu stets härteren Mitteln, beispielsweise auch zur Geiselnahme. Vor die Entscheidung gestellt, in seinem Versteck auszuharren oder sich zu melden und damit das Leben seines Vaters, einer der Geiseln, zu retten, entschließt sich einer der untergetauchten Zeitzeugen zur Aufgabe. Der mit den Deutschen kollaborierende Bürgermeister, der an der Geiselnahme beteiligt war, rechtfertigt sein Handeln in einem Tagebuchausschnitt.
Die Nahrungssituation und der Mangel während der Kriegsjahre sind wichtige Themen in der Küche, dem damaligen Treffpunkt des Hauses. Besonders im Winter 1944/1945, dem sogenannten Hungerwinter, kamen aus dem Westen der Niederlande zahlreiche Menschen auf der Suche nach Nahrung in die ländlichen Gebiete im Osten, so auch nach Aalten.
Das Zimmer im Halbgeschoss beschäftigt sich mit der Evakuierung Scheveningens. Authentische Filmbilder zeigen die Ankunft von ca. 500 Scheveningern in Aalten, die ihre Heimat im Januar 1943 aufgrund des Baus des Atlantikwalls verlassen mussten. Fast drei Jahre lebten sie gemeinsam mit Aaltener Familien unter einem Dach – eine Zeit, die für beide Parteien aufgrund kultureller und sprachlicher Unterschiede nicht immer einfach war.
Bei Bombenangriffen kam die gesamte Nachbarschaft im Gewölbekeller des Gebäudes zusammen. Filmbilder von Bombenangriffen auf niederländische und deutsche Städte lassen die Angst und den Schrecken erahnen, die die Menschen hier empfanden.
Über ein nachgebautes drehbares Waschbecken, das ursprünglich als Versteck für Untergetauchte diente, betritt der Besucher die illegale Druckerei auf dem Dachboden des Hauses. Hier findet sich außerdem das noch erhaltene Versteck Untergetauchter hinter der Dachschräge. Im Boden sieht der Besucher das Versteck des Radios, in dem die Bewohner des Hauses ihr Hörfunkgerät »untertauchen« ließen. Leere Koffer warten auf dem Dachboden auf die noch unbekannten Kriegserlebnisse von Besuchern, die die Koffer mit ihren eigenen Geschichten, Dokumenten und Fotos füllen können.
Wer durch eine Tür mit der Aufschrift »Krieg ist nicht nur Geschichte« am Ende des Dachbodens geht, erlebt einen Zeitsprung: Er betritt das Zimmer eines Jugendlichen von heute. Aktuelle Themen wie das Verhältnis zwischen Niederländern und Deutschen, Menschenrechte und ihre Verletzung, aktuelle Kriegsschauplätze, aber auch Ausgrenzung und Mobbing stellen einen Bezug zur Gegenwart und Lebenswirklichkeit vor allem von Schülern her.
Eine Brücke verbindet die obere Etage von Markt 12 mit dem Neubau. Im Informationslabor des pädagogischen Raumes erhält der Besucher die Möglichkeit, anhand eines virtuellen Rundgangs durch Markt 12 sowohl bereits bekannte Inhalte, als auch zusätzliche, nicht mehr in Markt 12 gezeigte Informationen abzurufen. So befindet sich beispielsweise eine Datenbank zu Untergetauchten in Aalten im Aufbau.
Entwicklung von pädagogischem Begleitmaterial – Krieg ist nicht nur Geschichte
Das pädagogische Begleitmaterial zum Markt 12 Museum ist für deutsche und niederländische Schüler der verschiedenen Schulformen zwischen 10 und 18 Jahren entwickelt worden.
Um sicherzustellen, dass die pädagogischen Materialien den Bedürfnissen und Ansprüchen der Schulpraxis gerecht werden, wurde bei der Entwicklung und Ausarbeitung der Programme sowie in Testläufen mit Schülern eng mit Lehrerinnen und Lehrern aus beiden Ländern zusammengearbeitet.
Eine pädagogische Kommission bestehend aus Vertretern des Schulamtes für den Kreis Borken, des Westfälischen Landesmedienzentrums, der Volkshochschule Borken, Einrichtungen der Erwachsenenbildung in Enschede sowie Vertretern der örtlichen Schulen in Aalten nahm im Jahr 2002 die Arbeit auf und lenkte die Entwicklung des Begleitmaterials. Verschiedene Arbeitsgruppen befassten sich unter Mitwirkung von Pädagoginnen und Pädagogen aus dem Grenzgebiet konkret mit der Erarbeitung einzelner Programme.
Unterstützt wurde die Arbeit durch eine Reihe von Kooperationspartnern. Auf deutscher Seite sind hier besonders der Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster, die Initiative Augustaschacht Ohrbeck e.V. sowie die Lernwerkstatt Bocholt zu nennen.
Alle Materialien umfassen drei verschiedene Niveaus, die sich an den Bildungs- und Unterrichtssystemen in Deutschland und den Niederlanden orientieren. Das ist erstens der niederländische Grundschulunterricht und die deutsche Orientierungsstufe. In den Niederlanden geht es dabei in erster Linie um die Gruppe 7–8, also Schüler im Alter von 10–12 Jahren. In Deutschland geht es um Schüler der Klassen 5 und 6 der weiterführenden Schulen, also Kinder der gleichen Altersstufe. Bei gemeinsamen binationalen Projekten gilt es, den Unterschied in den unterschiedlichen Bildungssystemen zu überbrücken. Während niederländische Schüler erst nach acht Schuljahren im Alter von 13 Jahren in den Sekundarbereich hinüber wechseln, vollzieht sich dieser Wechsel für deutsche Schüler bereits nach vier Schuljahren in einem Alter von 10 Jahren. Anhand eines Museumskoffers erarbeiten die Schüler Biographien von Kindern im Krieg, damals wie heute. Das zweite Niveau, für das Material entwickelt wurde, ist das für die Unter- und Mittelstufe der unterschiedlichen weiterführenden Schulen, also Schüler zwischen 11 und 15 Jahren. Hier wird noch einmal zwischen Unter- und Mittelstufe differenziert. Während das Programm für die Unterstufenschüler im Rahmen eines eigens für Markt 12 entwickelten Comics »Das Versteck« Untergetauchte und deren Lebensumstände beinhaltet, geht es bei dem Programm für die Schüler der Mittelstufe um die Entscheidungen, vor die Menschen während der Besatzungsjahre gestellt waren. Das dritte Niveau umfasst den Sekundarbereich II, Schüler zwischen 16 und 18 Jahren. Für diese Altersgruppe liegt zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Programm vor. Ein Projekt zu Egodokumenten der unterschiedlichen, in Markt 12 vorgestellten Personen, ist jedoch in Planung.
Alle Programme bestehen aus drei Phasen. Die erste Phase dient der Vorbereitung des Museumsbesuches in der Schule. Mittels einer Materialienmappe, die fächerübergreifend einsetzbar ist, können Lehrer aus einem Katalog aus unterschiedlichen Aufgaben und Arbeitsblättern auswählen und eigene Schwerpunkte setzen. Die zweite Phase besteht aus dem Besuch des Museums, als wesentlichem Ort der Vermittlung. Nach einer Einführung im pädagogischen Raum erarbeiten die Schüler bei allen Programmen in 5 Kleingruppen unterschiedliche Themenschwerpunkte im Museum. Die abschließende dritte Phase in der Schule dient der Verarbeitung und Nachbereitung des Museumsbesuchs. Auch hier können über die Auswahl aus einem Materialienkatalog unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden.
Der didaktische Aufbau der Programme beruht auf dem Wiederholungsprinzip. Durch Wiederholungen ist die Chance groß, dass sich die Zielgruppen das vermittelte Wissen aneignen. Das ist die Voraussetzung dafür, das Erlernte auch auf das persönliche, individuelle Leben beziehen und anwenden zu können. Die Schüler sollen ermutigt werden, ihr eigenes Handeln und ihre eigene Grundhaltung anderen Menschen gegenüber kritisch zu überdenken und zu hinterfragen. Dazu werden folgende Phasen durchlaufen: Die erste Phase dient der Verdeutlichung der Werte. Der Besucher soll die eigenen Werte erkennen und sich ihrer bewusst werden. In der zweiten Phase geht es um die Entwicklung von Werten. In dieser Phase soll der Besucher mit den Werten anderer konfrontiert werden. Die abschließende dritte Phase dient der Kommunikation von Werten. In einem Gespräch geht es um allgemeine Werte5.
Neben diesen hier kurz angerissenen Programmen sind außerdem spezifische Programme im Bereich der Erwachsenenbildung vorgesehen. In Vorbereitung ist ein Kurzführer, der die unterschiedlichen Themen der verschiedenen Räume anhand eines Exponates näher beleuchtet, ebenso wie eine zweisprachige DVD. Geplant sind außerdem Begegnungen mit Zeitzeugen und eine historische Spurensuche durch Aalten.
»De Ontdekking/Die Entdeckung« und »De Schuilhoek /Das Versteck«
Im Rahmen des Projektes konnte der in Zusammenarbeit mit der Anne Frank Stiftung in Amsterdam und dem Widerstandsmuseum Friesland entwickelte und von dem Comiczeichner Eric Heuvel gezeichnete und mehrfach prämierte Comic »De Ontdekking« ins Deutsche übersetzt werden. Er erzählt die fiktive Geschichte einer niederländischen Familie während der Besatzungsjahre des Zweiten Weltkrieges und gibt auf anschauliche Weise einen Überblick über die Periode des Zweiten Weltkrieges. Auf 60 Seiten vermittelt er besonders für deutsche Schüler weitestgehend unbekannte Aspekte der Kriegsjahre in den besetzten Niederlanden und kann so hervorragend zur Vorbereitung des Museumsbesuches in der Schule eingesetzt werden. Die deutsche Übersetzung ermöglicht den Einsatz beiderseits der Grenze und im Rahmen von Schülerbegegnungen im Museum.
Im eigens, gemeinsam mit der Anne Frank Stiftung für Markt 12 entwickelten zweisprachigen Comic »De Schuilhoek« bzw. »Das Versteck« wird die Geschichte eines der Protagonisten aus »Die Entdeckung« weitererzählt. Wim van Dort, ein junger Mann aus Amsterdam, taucht im Sommer 1943 unter, nachdem er einen Aufruf zur Zwangsarbeit erhält. Mit Hilfe des Widerstandes gelingt es ihm, sich in Aalten zu verstecken. In »Das Versteck« berichtet er von seiner Zeit in Aalten. Auch dieser Comic ermöglicht den grenzüberschreitenden Einsatz und kann bei der Vorbereitung des Museumsbesuchs gelesen und bearbeitet werden.
»Bunkerslaap/Bunkerschlaf«
Eng kooperiert Markt 12 auch mit dem niederländischen Autor Rinke Smedinga. Nach dem Krieg als Sohn eines Mannes geboren, der Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung der Niederlande war, verarbeitet er die Erinnerungen seiner Jugend in Gedichten. Über das Internet will er seine Erfahrungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und den Diskurs des Gedenkens erweitern, indem er den Blick auf die Nachkommen derjenigen richtet, die in den Augen der Bevölkerung »falsch« waren. Das war in den Niederlanden, wo der Leidensweg von Kindern »falscher« Eltern erst in den letzten Jahren thematisiert und anerkannt wird, lange Jahre undenkbar.
Die Gedichte stehen mittlerweile auch in deutscher Sprache zur Verfügung. Niederländischsprachiges Unterrichtsmaterial für Schüler von Realschulen und Gymnasien zwischen 15 und 16 Jahren wurde bereits entwickelt. Mit dem Autoren und Betreiber der Homepage sind Kooperationsprojekte geplant. So will er über das Internet mit Schülern in Kontakt treten, Lesungen im Markt 12 Museum halten und hier mit Schülern ins Gespräch kommen. Bunkerslaap ist über die Homepage von Markt 12 erreichbar.
Zweisprachige DVD »Unter deutscher Besatzung /Onder Duitse bezetting«
Das Westfälische Landesmedienzentrum in Münster entwickelt momentan eine zweisprachige DVD mit dem Titel »Unter deutscher Besatzung. Aalten, eine niederländische Grenzstadt 1940–1945«, die sich an Lehrer, Schüler und historisch Interessierte wendet und zur Vorbereitung auf den Museumsbesuch eingesetzt werden kann. Im DVD-Teil stehen historische Filmaufnahmen und Interviewfragmente mit Zeitzeugen zur Verfügung. Vertonte Bilder aus »De Schuilhoek/Das Versteck« knüpfen eng an das pädagogische Material von Markt 12 an. Im Rom-Teil gewähren rund 100 verschiedene Bild-, Text- und Filmquellen einen vertieften Einblick in die Periode 1940-1945 im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Voraussichtlicher Erscheinungstermin der DVD: September 2005.
Niederländer und Deutsche im Museum – Ein Ort der Begegnung
Trotz zunehmender grenzüberschreitender Zusammenarbeit und eines Vereinten Europas bestehen noch stets Vorurteile zwischen Deutschen und Niederländern. Ein Museum, das das Ziel verfolgt, Werte zu vermitteln und den Besucher zu ermutigen, auch in schwierigen Situationen für andere einzutreten, will und kann den Aspekt der Völkerverständigung und des vorurteilsfreien Auftretens zwischen Nachbarn nicht unberücksichtigt lassen. Eine Begegnung von Menschen unterschiedlicher Nationalität kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Vorurteile nehmen in der Regel ab, je mehr Kenntnisse über den Nachbarn bestehen. Nachweislich schätzen Jugendliche die Bewohner des Nachbarlandes positiver ein, wenn persönliche Kontakte über die Grenze hinweg bestehen.
Ein großes Anliegen von Markt 12 ist es daher, einen Begegnungsort zu schaffen, an dem Menschen beider Länder über die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte aufeinandertreffen. Dies gilt wiederum sowohl für Schüler, die in gemischtnationalen Gruppen an unseren Programmen teilnehmen, als auch für Gruppen aus dem Bereich der Erwachsenenbildung.
Nicht nur um die Kontaktaufnahme zur erleichtern und schneller das Eis brechen zu können, sondern besonders für den Abbau von Vorurteilen und das Gelingen der Begegnung, ist eine gemeinsame Vorbereitung des Museumsbesuches von außerordentlicher Bedeutung. Über ein eigens für diesen Zweck errichtetes, geschütztes Forum, das über die Homepage von Markt 12 erreichbar ist, erhalten die Partner innerhalb eines nur für sie zugänglichen Arbeitsbereiches die Möglichkeit, per Internet in Kontakt miteinander zu treten und den Museumsbesuch auf einer inhaltlichen wie auch persönlichen Ebene vorzubereiten. Dieses Programm befindet sich zum jetzigen Zeitpunkt noch in der Erprobungsphase, wird aber in Kürze freigeschaltet werden.
Fazit und Ausblick
Der 1. Mai 2005 bildete das offizielle Ende des INTERREG IIIA – Projektes. Innerhalb von drei Jahren konnte dank der Förderung durch die EUREGIO der Aufbau des Markt 12 Museum einschließlich der Entwicklung pädagogischer Materialien geleistet werden. Dabei lag der Schwerpunkt gemäß der Förderziele auf dem didaktischen Konzept.
Mit der Errichtung des Museums wurde absolutes Neuland betreten. Erstmals erarbeiteten niederländische und deutsche Projektpartner gemeinsam ein Museum zu einem Thema, das die Beziehungen beider Länder bis heute nachhaltig prägt – ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einem gemeinsamen Miteinander der Nachbarn. Die konstruktive Zusammenarbeit, die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in der Herangehensweise an das Thema und die Aufgabe offenbarte, letztendlich aber zum Erreichen des gemeinsamen Zieles führte, lässt optimistisch in die Zukunft blicken.
Reges Interesse, gerade auch an der Begegnung von Menschen beider Nationalitäten im Museum, zeigt – auch vor dem Hintergrund noch immer diskutierter gemeinsamer Gedenkveranstaltungen – die Bereitschaft, sechzig Jahre nach Kriegsende aufeinander zuzugehen und macht deutlich, welch hohen Stellenwert das Arbeiten über Grenzen hinweg besonders im Grenzgebiet genießt. Wir hoffen, vor allem diesen Aspekt in Zukunft ausbauen und intensivieren zu können.
Neuland wurde aber auch im Hinblick auf das Präsentationskonzept betreten. Traditionelle Ausstellungselemente wurden zugunsten eines selbständigen und entdeckenden Lernens verworfen. Dass dies besonders bei Schülern, unserer wichtigsten Zielgruppe, ankommt, beweist die Tatsache, dass die Schüler in der Regel auch nach über einer Stunde noch konzentriert, interessiert und aufmerksam im Museum arbeiten und nicht selten berichten, sie wären gerne noch länger geblieben. Zahlreiche positive Rückmeldungen haben uns erreicht und wenn uns ein Gesamtschullehrer aus dem Ruhrgebiet nach dem Museumsbesuch seiner Klasse per E-Mail mitteilt: » […] es war wirklich fantastisch heute in Aalten – dass ich Kinder einmal aus einem Museum rausholen muss statt sie mühsam drin zu halten, das ist doch ein schönes Signal […]«6, dann werten auch wir das als ein deutliches Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Anschrift
Markt 12 Museum
Markt 14 | 7121 CS Aalten | Niederlande
Tel. +31543 47179
www.markt12.nl | info@markt12.nl
Öffnungszeiten
Dienstags bis samstags 10–17 Uhr
Sonntags 14–17 Uhr
Montags geschlossen
November bis einschl. Februar samstags 14–17 Uhr
1 Vgl. Boersema, Ben : Overvalwagens bij de kerk. Onderduiken in de Achterhoek. In : Gelderland in de twintigste eeuw. Erscheint voraussichtlich im Herbst 2006
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. Croes, Marnix; Tammes, Peter: ›Gif laten wij niet voortbestaan.‹ Een onderzoek naar de overlevingskansen van joden in de Nederlandse gemeenten, 1940–1945. Amsterdam 2004. S.39ff.
4 Vgl. EUREGIO-Projektantrag des Vereins Aaltener Museen, 6. 11. 2001
5 Vgl. Hoogeveen, Piet; Winkels, Jos: Het didactisch werkvormen boek. Variatie en differentiatie in de praktijk. Assen 2000. S. 24
6 E-mail an die Verfasserin vom 23. 5. 2005