Der Kibbuz Lohamei Haghetaot wurde am 19. April 1949, genau sechs Jahre nach dem Warschauer Ghetto-Aufstand, gegründet.
Die Gründer des Kibbuz, der sich im westlichen Galiläa an der Straße zwischen Acco und Nahariya befindet, waren Mitglieder einer Jugendbewegung der Pioniere, genannt ›Dror‹. Die meisten dieser Gruppe waren Überlebende des Holocaust, die nach Israel in dem Bestreben kamen, ein Kibbuz im Gedenken an die Ghettokämpfer zu gründen.
Im Laufe der Jahre hat sich der Kibbuz vergrößert. Kinder der Gründer blieben, um ihre eigenen Leben im Rahmen des Kibbuz aufzubauen; andere Familien, junge Erwachsene aus den Städten und neue Immigranten sind hinzugekommen. Heute umfaßt der Kibbuz Lohamei Haghetaot eine Einwohnerzahl von beinahe 300 Mitgliedern und Anwärtern. Weiterhin gibt es hier 150 Kinder unter 18 Jahren, viele von ihnen Enkel der Gründergeneration.
Mit der Zeit haben die Mitglieder einen Kibbuz erschaffen, der auf solider Wirtschaft und landwirtschaftlichen Grundlagen beruht. Er besitzt 4000 Dunam (über 400 Hektar) landwirtschaftliche Nutzfläche. Weiterhin gibt es eine große Milchproduktion und eine Geflügelzucht. Zu dem Kibbuz gehören zwei große Firmen: KAMA, eine Manufaktur zur Herstellung von Elektrokabeln und TIVAL, die sich auf die Produktion vegetarischer Fleischprodukte spezialisiert hat. Ein Großteil der Produkte wird nach Europa exportiert.
Den Mitgliedern des Kibbuz wird jede Möglichkeit geboten, ihre persönlichen Talente und Neigungen innerhalb Kunst, akademischer Bildung und anderen Bereichen zu entfalten und ihnen nachzugehen. Moshe Kuppermann, ein Mitglied des Kibbuz, ist einer der bedeutendsten Maler im Land und erhält in diesem Jahr für sein Lebenswerk den Israel-Preis.
Beit Lohamei Haghetaot
Drei baulich und inhaltlich getrennte Bereiche sind in dem Gedenkstätten- und Museumskomplex zusammengefaßt, der sich auf dem Gelände des Kibbuz befindet:
L Das große Museum des Holocaust und des jüdischen Widerstandes, benannt nach Jitzchak Katznelson, dem großen Dichter der Shoah und Helfer im Warschauer Ghetto-Aufstand. Das Gebäude erstreckt sich mit einer Gesamtfläche von rund 6000qm über vier Etagen, in welchen sich 16 ständige Ausstellungen befinden. Diese geben das jüdische Leben vor und bis nach dem Krieg wieder. Sie bestehen aus Fotos, Dokumenten, Modellen und Kunstwerken. Die neueren Ausstellungen sind mit Filmen und Videos, wie auch mit Computern ausgerüstet. Besondere Betonung wird dem jüdischen Widerstand gegeben, aber es fehlen auch nicht die sogenannten ›Gerechten unter den Völkern‹, Nichtjuden, die Juden gerettet haben, wie auch die Jugendbewegungen, welche eine so große Rolle im Leben der jüdischen Jugend zur Nazizeit spielten und auch den harten Kern des aktiven Widerstandes bildeten.
L ›Yad Layeled‹, das Kindermuseum. Es ist für Kinder im Alter von 10/11 bis 14 konzipiert, um ihnen das Schicksal jüdischer Kinder in der Shoah nahe zu bringen. Die besondere Gestaltung, die Aktivierung der Besucher und die authentischen Geschichten, die von Kinderstimmen erzählt werden, ermöglichen dem jungen Publikum einen Zugang zur Geschichte des Holocaust.
L Das Studienzentrum, benannt nach zwei führenden Persönlichkeiten des Warschauer Ghetto-Aufstandes, welche auch Mitgründer des Kibbuz im Jahre 1949 waren – Zivia und Jitzchak (Antek) Zuckerman. Antek war Stellvertreter von Mordechai Anilevicz, dem Kommandanten des Aufstandes. Im Gebäude des Studienzentrums befinden sich Unterrichtsräume und eine Herberge für bis zu 70 Teilnehmern an mehrtägigen Seminaren.
Das Haus der Ghetto-Kämpfer sieht seine Hauptaufgabe in der pädagogischen Arbeit, welche folgende Abteilungen enthält: Museumsführungen von einigen Stunden bis zu einem ganzen Tag; mehrtägige Seminare des Studienzentrums.
Die hier genannten Betreuungen werden außer in Hebräisch in folgenden Sprachen ausgeführt: Arabisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Spanisch, Holländisch, Portugiesisch, für Neueinwanderer aus Äthiopien – Amharisch.
Im Jahre 1999 haben rund 180000 Besucher – Schulklassen, Studenten, Touristen, Soldateneinheiten, israelische Erwachsene und Familien, Lehrer und Neueinwanderer – von den Angeboten des Hauses Gebrauch gemacht.
Das pädagogische Zentrum hat zudem die Aufgabe, die pädagogischen Mittel und Materialien, die im Hause angewandt werden, dem In- und Ausland zur Verfügung zu stellen, dies vor allem im Internet.
Die Web-Site ist www.gfh.org.il. Das Zentrum für humanistische Erziehung betreut nicht-jüdische Gruppen der israelischen Bevölkerung, Araber und Drusen, Schüler wie auch Lehrer. Weitere Bereiche des Museums:
Das Dokumentations-Archiv steht Forschern zur Verfügung. Das Gleiche gilt für das Foto-Archiv mit ungefähr 50000 Bildern aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, wie auch Filme und Tonband-Kassetten. Hier wird alles Fotomaterial über die Museen und Aktivitäten des Hauses seit seiner Gründung aufbewahrt. Die Bibliothek mit ihren 100000 Bänden ist für Oberschüler und Lehrer offen. Sie unterstützt und fördert Arbeiten von Abiturienten und Studenten.
Die Kunstabteilung verwaltet über 3000 Kunstwerke: Gemälde, Skizzen, Zeichnungen und Skulpturen über das Thema ›Shoah‹, welche während oder nach dem Krieg entstanden. Sie werden im Museum ausgestellt und an Museen im In- und Ausland ausgeliehen.
Der Buchverlag gibt vor allem Biografien und Berichte von Überlebenden heraus. Ihm ist auch ein bescheidener Filmverlag angeschlossen, der bisher drei Filme von normaler Länge, die auch als Kassetten bestehen, hergestellt hat. Der Forschungsbereich wird in Zusammenarbeit mit der Universität Haifa, Lehrstuhl der Shoah, das Struchlitz-Institut genannt, geführt.
Das Kindermuseum – Yad Layeled
Antek (Jitzchak) Zuckerman erinnerte sich einmal daran, wie ein Junge im Ghetto mit einer ungewöhnlichen Bitte an ihn herantrat: er brauche einen Geigenlehrer. In jenen Tagen des Hungers und der Entbehrungen war es dies, was sich das Kind mehr als alles andere wünschte. Antek fand schließlich einen Lehrer für den Jungen. Jahre später begegnete er dem Lehrer wieder und fragte ihn, was eigentlich aus dem Jungen geworden sei.
Der Lehrer wußte nichts über dessen weiteres Schicksal, erinnerte sich aber deutlich an sein außergewöhnliches Talent. Vielleicht war es die Erinnerung an diese Begebenheit, welche – durchdrungen von Hoffnung und starkem Drang eines Kindes, auf keinen Fall seinen Musikunterricht zu unterbrechen – in Antek Zuckerman die Idee erweckte, ein Museum zum Gedenken an die eineinhalb Millionen jüdischer Kinder, die mit ihren großen Begabungen im Holocaust ermordet wurden, zu errichten. So entstand die Idee, ein Shoah-Museum für Kinder zu schaffen.
1995, schon Jahre nach Anteks Tod, war es endlich soweit, und dieses Museum konnte eröffnet werden. Seine Einzgartigkeit liegt darin, dass es sich in erster Linie an junge Menschen im Alter von 10 bis 15 Jahren wendet. Im Laufe der Planung der Ausstellung ›Das jüdische Kind in der Shoah‹ entschied man, die Geschichten der Kinder dieser Zeit aus ihrem eigenen Blickwinkel und mit ihren Worten wiederzugeben. Letztlich können die jungen Besucher auf Grund ihres noch vagen Verständnisses der Welt und ihres begrenzten Abstraktionsvermögens Tatsachen, so grausam sie auch sein mögen, nur durch eigene Anschauung und vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen erfassen. Die Geschichten der Kinder, die im Holocaust umkamen, wie auch derjenigen, die überlebten, werden demzufolge von Kindern gleichen Alters gesprochen, oder von Erwachsenen als ihre Geschichte der Kindheit erzählt.
Der Gang durch die Ausstellung offenbart wahre Geschichten. Sie sind authentischen Kindertagebüchern und -briefen entnommen oder beruhen auf dem Zeugnis Erwachsener, die zu jener Zeit Kinder waren. Unter Tausenden von Schilderungen, sowohl schriftlich wie auch mündlich, wurden wenige ausgewählt, die entlang der Ausstellung in der Ich-Form vorgetragen werden. Die Geschichten variieren in Inhalt und Stimmung. In den Erlebnissen der Jungen und Mädchen ergeben sich Klänge von Heroismus und Abenteuer, von Verantwortungsbewußtsein und Unternehmungsgeist, all dies in einer Realität ohne Möglichkeiten, aber auch Momente rückschauender Betrachtungen. Die Geschichten klingen als Kinderstimmen aus Lautsprechern von oben und begleiten den Besucher ständig. So wird ihm die Ausstellung verständlich.
An einigen Plätzen tritt an die Stelle der Stimmen das audio-visuelle Medium. Bildschirme übermitteln das lebendige Zeugnis alter Menschen von heute, die den Holocaust als Kinder erlebten. Das Unfaßbare der menschlichen Tragödie wird hier besonders deutlich. Mit Wärme und Offenheit wird eine Verbindung geknüpft zwischen den jungen Besuchern von heute und den Kindern der Shoah, welche heute als Großeltern unter uns leben.
Der Architekt Ram Carmi hatte die jungen Besucher vor Augen, als er den Entwurf erarbeitete, der das linear verlaufende Element der Kontinuität mit einer Kreisbewegung der Verbindung verknüpft. Diese Kreisbewegung, welche auf einer schiefen Ebene in die Tiefe führt, wie ein Sog, aus dem es kein Entrinnen gibt, spiegelt den Grundgedanken des architektonischen Konzepts wider, das Vergangene niemals zu vergessen, es lebendig in unserem Bewußtsein zu bewahren, während das Leben außerhalb des Museums neu beginnt.
Der Kern, das Zentrum des Gebäudes ist ein Konos, welcher drei Ebenen ergibt: Den Eingangssaal des Gedenkens, einen Saal, der Janusz Korczak gewidmet ist, und den Saal der Ewigen Flamme. Der Saal des Gedenkens dient als eine Art Eingangstor zur Ausstellung ›Das jüdische Kind in der Shoah‹. Er wird direkt vom Eingang erreicht, und an seinen Wänden befinden sich Vitrage-Fenster, Glasmalereien, auf denen Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt wiedergegeben sind. Diese mit ihren hellen, klaren Farben erzählen die Geschichten von Kindern aus dem Ghetto, wo diese in ihren Zeichnungen nur selten Themen aus der schrecklichen Lage des Hungers und Elends im Ghetto wählten, sondern die schöne, angenehme und erlebnisreiche Welt ihrer Kindheit vorher. So wird auch der absolute Kontrast zwischen der farbenreichen, naiven, warmen und sicheren Welt der Kinder und den Schrecknissen, die sie erwarteten, hervorgerufen.
Die Ausstellungsrampe mit ihrer abwärts führenden Bahn umschließt wie eine Wendeltreppe den Konos, den Kern des Gebäudes. Dieser ist von oben durch sanftes Tageslicht überflutet, was eine ununterbrochene Verbindung zwischen der Außenwelt und dem düsteren Inneren des Museums schafft. Auf ihm sind hunderte Vornamen jüdischer Kinder aus ganz Europa eingemeißelt. Die vielen Namen erwecken in den jungen Besuchern die Erkenntnis, dass unendlich viele Kinder Opfer der Shoah waren – aber es geschieht noch etwas: Die Besucher suchen und finden ihre eigenen Namen dort, und so entsteht eine Verbindung und Identifikation mit den Kindern, den Opfern von damals.
Durch den kreisförmigen, in die Tiefe führenden Verlauf der Ausstellungsbahn ist es dem Besucher nicht möglich, die gesamte Ausstellung mit einem Blick zu erfassen. Sie eröffnet sich ihm Schritt für Schritt. Diese Erfahrung erweckt ständiges Interesse und Neugierde, läßt aber auch Raum für Nachdenken und Neigung, sich in eine Lage zu vertiefen. Erwachsenen kann dadurch auch die Allegorie zur Lage der Juden in dieser Zeit klarwerden, wo diese ja nie wußten, was der nächste Tag bringt. Die Besucher können sich frei, ohne ständig von einem Erwachsenen begleitet zu sein, in der Ausstellung bewegen. Jeder kann bestimmen, in welchem Tempo er die Bahn durchgehen will.
Für ein Kind ist die Chronologie der Ereignisse unwichtig. Zum Beispiel ist das Ghetto ein Thema und es ist völlig gleichgültig, ob es zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten errichtet wurde. Das Gleiche gilt für Verstecke. Der Rundgang in der Ausstellung enthält Plätze, wo der Besucher länger verweilen kann, um sich in gewisse Geschichten oder Erlebnisse zu vertiefen. Die Darstellung verschiedener Zustände, in denen sich Kinder zu der Zeit befanden, sind nach einer Ordnung geschaffen, die andeutet, dass je tiefer man vorangeht, die Lage immer schlimmer wird. Dadurch ist letztlich für Erwachsene die Chronologie bewahrt.
Der Saal der mittleren Ebene ist dem weltbekannten Pädagogen Janusz Korczak gewidmet. Die Gestaltung des Saales deutet sein Leben und Wirken an. Das Interesse der jungen Besucher wird geweckt, mehr über diesen außergewöhnlichen Menschen zu erfahren. Der Raum ist durch Stufen wie ein kleines Amphitheater geformt. Dort können die Besucher Platz nehmen, um von einer Mitarbeiterin des Museums mehr über Korczak zu erfahren und aus seinen Kinderbüchern Geschichten anzuhören.
Der Gang durch die Ausstellung endet auf der untersten Ebene in einem Saal, in dessen Mitte die Ewige Flamme leuchtet. Die Flamme, die dem Erdinneren zu entspringen scheint, soll an jene beispiellose Zeit der Menschheit mahnen, als die Menschlichkeit in dunkelste Tiefen versank. Hier erzählen auf einem großen Bildschirm wieder Zeitzeugen, alte Menschen von heute, über ihre Kindheit in der Shoah und letztlich ihrer Befreiung.
Die Gestaltung von ›Yad Layeled‹ ist eine Gratwanderung, welche einerseits die Geschehnisse darstellt, ohne die jungen Besucher zu traumatisieren, andererseits aber die Shoah nicht verschönert. Der Besuch soll den Kindern von heute die Welt der Kinder zu Zeiten der Shoah näherbringen, und dies auf eine Art, welche in ihnen vor allem Empathie für ihre Altersgenossen von damals erweckt.
Der Besuch von Schulklassen erstreckt sich auf einen ganzen Schultag, er dauert vier bis fünf Stunden. Er ermöglicht den Kindern ein besonderes Erlebnis. Außer der Ausstellung, der Aktivität im Korczak-Saal oder der Beschäftigung mit Namenslisten geretteter Kinder, welche beweisen, dass es doch den Trost des Überlebens gibt, werden die Besucher aufgefordert, an Workshops, in denen sie auf kreative Art ihre Eindrücke von der Ausstellung zur Shoah zum Ausdruck bringen können, teilzunehmen. Das Angebot sind vier Arten von Workshops: Bildende Kunst (vor allem Malen), Drama (wo Rollenspiele gemacht werden), Schreiben, Musik und Stimmen der Shoah.
Warum halten wir in Israel es für notwendig, auch jüngere Kinder mit der Shoah vertraut zu machen? In Israel ist der Holocaust auch heute noch gegenwärtig. Hier leben viele Überlebende und ihre Nachkommen, der junge Staat sah schon mehrmals seine Existenz bedroht, und dies im Schatten des Traumas der Vergangenheit. Der Holocaust-Gedenktag wird sehr intensiv begangen, so dass sogar jüngste Kinder davon etwas mitbekommen. Heute, nach so vielen Jahren, ist die Erinnerung nicht nur verblaßt, sondern ist zu einem Bestandteil unseres Bewußtseins als Juden und als Israelis geworden. Dieses besteht nicht nur bei den aus Europa Stammenden, sondern auch bei den aus Asien und Afrika Eingewanderten, wenn auch mit verschiedenen Schwerpunkten.
Welche waren die Grundlinien, nach denen wir uns bei der Gestaltung des Museums gerichtet haben? Ein Kindermuseum hat die besondere Aufgabe, die Welt der Vergangenheit, welche für ein Kind unwirklich ist, mit seiner heutigen, realen Welt zu verbinden. Das richtige Gleichgewicht zwischen diesen beiden Welten zu finden, ist etwas Besonderes, welches ein Museum besser und effektiver erreichen kann als jeder andere Ort. Da wir den Kindern den Weg durch eine schreckliche Vergangenheit weisen wollen, muß es uns völlig klar sein, was wir ihnen darstellen SOLLEN und was wir ihnen NICHT darstellen DÜRFEN.
Vor was wollen wir uns hüten?
L durch Entsetzen erregende Darstellungen die Kinder abzuschrecken oder zu traumatisieren;
L den Eindruck zu erwecken, dass die Welt absolut vom Bösen beherrscht wird;
L die unfaßbaren Geschehnisse als dämonisch oder mystisch darzustellen;
L ein Urteil über das Verhalten der Opfer zu fällen;
L den Gedanken zu erwecken, dass der Mensch nur Teil einer Herde ist, was ihn von der eigenen Verantwortung befreit.
Diese Vorsicht hat auch das Ziel, dem Kind, dessen menschliche Werte noch recht labil sind, das Vertrauen an Menschen nicht zu rauben.
Für was wollen wir sorgen?
L das Gedenken des Kindes durch die emotionale wie auch kognitive Anteilnahme zu erwecken, wobei die emotionale die Wichtigere ist;
L ausschließlich Schicksale von Kindern, die überlebt haben, zu schildern;
L die Ausstellung so zu gestalten, dass jede Art Schicksal seinen eigenen Platz bekommt;
L dem Besucher auf seinem Rundgang die Möglichkeit zum Verweilen, um sich in ein Schicksal zu vertiefen, zu geben;
L es jedem Besucher zu überlassen, in welchem Tempo er durch die Ausstellung gehen möchte und ihm freie Bewegung zu ermöglichen;
L die Kinder zu motivieren, in Workshops ihre Eindrücke in freier, kreativer Art zu formen;
L die begleitenden Erwachsenen zu bitten, sich zurückzuhalten;
L nicht nur Schulklassen zu organisierten Besuchen, sondern ganze Familien, wenn möglich drei Generationen, einzuladen.
Nach dreieinhalb Schuljahren, und nachdem in den letzten Jahren das Museum voll ›ausgebucht‹ war, können wir von Erfolg sprechen. Die absolute Mehrzahl der besuchenden Kinder sind tief beeindruckt. Das gilt auch für die Besuche ganzer Familien, Großeltern, Eltern und Kinder (manchmal infolge der Erfahrung der Kinder mit ihren Schulklassen). Hier geschah es, dass Großeltern, die in der Shoah Kinder waren, durch das Museum stimuliert ihr jahrzehntelanges Schweigen gegenüber ihren Familien brachen und über ihre Kindheit erzählten. Als abschließende Illustration, wie tief das Museum auf die Seele eines elfjährigen besonders begabten und sensiblen Mädchens wirken kann, hier das Gedicht von Talia Hirsch, Schülerin der 6. Klasse, welches sie im März 1996 im Schreib-Workshop verfaßt hat:
Jom Hashoah (der Holocaust-Gedenktag) bei der Oma
Jom Hashoah bei der Oma
ist wie ein Bild,
ein Bild – ein Geschenk
von einer Freundin, die´s nicht mehr gibt.
Jom Hashoah bei der Oma
das ist ein großes Schweigen.
Jom Hashoah bei der Oma
das sind viele Dinge:
eine große Stille,
die verschlossene Küche.
Wir sitzen nur und betrachten
das Leben,
eine Freundin, die´s nicht mehr gibt.
Und jetzt verstehe auch ich –
der Jom Hashoah meiner Oma
ist ein Bild,
ein altes Bild.
(Der Originaltext ist in Hebräisch und in Reimen verfaßt.)
Das Museum ist ein einzigartiger Versuch, jüngeren Kindern die dunkelste Epoche der menschlichen Geschichte darzustellen, ohne sie zu überfordern. Damit wird auch die Frage erweckt, wie früh wir mit Kindern über Zeiten der Unmenschlichkeit, der Gewalt und des Unrechts, der Verfolgung des Andersartigen, sprechen sollen. Diese sind ja der Ausdruck einer Epoche, in der die Menschenrechte bis ins Äußerste mit Füßen getreten wurden. Die Antwort lautet, dass es eigentlich keine klare, untere Altersgrenze gibt. Sobald ein Kind das Alter erreicht, in dem es Begriffe von Recht und Unrecht erfaßt, sind wir verpflichtet, es in seinen Wertmaßstäben zu stärken.
Wenn es in der deutschen Geschichte und in der Geschichte der Menschheit zu einem Holocaust kommen konnte, dann ist dies unsere größte Verantwortung.
Das Zentrum für humanistische Erziehung
Das Zentrum wurde 1996 vom Erziehungsministerium gegründet. Seine Aufgabe ist einerseits nicht-jüdische Lehrer, Araber und Drusen, und andererseits Oberschüler der gleichen israelischen Bevölkerungsgruppen mit der Geschichte des Holocaust vertraut zu machen.
Dies beruht auf dem Glauben, dass die Auseinandersetzung mit der Shoah das Verständnis für die Gefahr des Rassismus, der Vorurteile und Stereotypen fördert. So wird auch das Bewußtsein für pluralistische Werte, welche die Basis für Demokratie und wahres Zusammenleben, wie auch vielseitiges Verständnis bildet, erweckt. Wir glauben, dass das Studium des Holocaust die grundsätzlichen Fragen menschlichen Verhaltens klarmacht.
Die Beschäftigung mit der Shoah ist ein wichtiges Thema im jüdisch-arabischen Dialog, unter anderem auch mit der Absicht, ihr Gewicht in der Identität der Juden Israels klarzustellen. Die Aussprache darüber ist ohne Zweifel ein wichtiger Faktor, die Kluft, die zwischen dem jüdischen und arabischen Bewußtsein besteht, zu überbrücken.
Die praktische Arbeit umfaßt:
L Studientage und auch mehrtägige Seminare arabischer und Drusen-Oberschüler;
L Fortbildung ihrer Lehrer;
L Gemeinsame Seminare nicht-jüdischer und jüdischer Oberschüler;
L Ausbildung arabischer Schüler der oberen Klassen als Museumsführer junger Schüler ihrer Schulen im Holocaust-Kindermuseum ›Yad Layeled‹
In den vier Jahren Tätigkeit des Zentrums ist das Interesse an ihm ständig gestiegen, und nach sehr bescheidenen Anfängen können wir den Bedarf heute kaum decken.
Die Entwicklung des Ghetto Fighters´ House – An der Schwelle zum 21. Jahrhundert
Seit beinahe 50 Jahren steht das Ghetto Fighters´ House (GFH) als Symbol für das, was eine kleine Gruppe entschlossener Pioniere zu erreichen im Stande ist, um den Holocaust und das Vermächtnis des Widerstandes zu verewigen. Von der ursprünglichen Blockhütte, die der erste Ort war, die Geschichte der ›Haluzim‹ zu dokumentieren, bis hin zum hochentwickelten audio-visuellen Arrangement in Yad Layeled – dem lebenden Gedenken der Kinder des Holocaust – hat das GFH es über Jahre hinweg geschafft, innerhalb Israels wie auch weltweit ein Synonym für Widmung, Kompetenz und Kreativität zu werden.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist das Weitergeben der Geschichte des Holocaust und des Vermächtnisses des Widerstandes zu einer Herausforderung des jüdischen Volkes und Israel geworden. Das GFH beabsichtigt, in vollem Bewußtsein dieser Verantwortung, das Beste seiner menschlichen und materiellen Ressourcen der Weitergabe an die kommenden Generationen zu widmen.
Neue Ausstellungen werden dem bereits bestehenden Komplex hinzugefügt; neue Techniken, entsprechend der Technologie von morgen, integriert und verfügbar gemacht werden. Auch Computer sollen in einem solchen Museum nicht fehlen. Um all diesen geplanten Veränderungen und gleichzeitig der ›Flut‹ von Besuchern gerecht zu werden, müssen sich die einzelnen Einrichtungen des Museums einem ernsthaften ›Face-Lifting‹ unterziehen.
Ein Vorhaben dieser Größenordnung erfordert finanzielle Kapazitäten, die das Budget des GFH bei weitem übersteigen. Deshalb appellieren wir an potentielle Sponsoren, die bereit wären, ihren Namen in den Dienst dieses bedeutsamen Unternehmens zu stellen, uns die finanzielle Bürde eines solchen wegweisenden Projektes tragen zu helfen. Wir sind sicher, dass sich genug ›tsadikim‹ finden werden und dass wir gemeinsam in der Lage sein werden, unseren Kindern eine sichere Zukunft, in der sie sich des Vermächtnisses ihrer Vergangenheit bewußt sein werden, zu ermöglichen.
Die Kuppel mit den buntgeglasten Fenstern
Von Anfang an arbeiteten der Architekt Roman Halter und sein Sohn Ardyn an dem Entwurf dieses Gedenkens Hand in Hand mit Historikern. Sie planten, die Nachricht des jüdischen Kindes während der Shoah durch kunstvoll gestaltete Glasfenster zum Ausdruck zu bringen. Der Historiker Dr. Ze´ev Ivianski lenkte Halters Aufmerksamkeit auf das Buch »I never saw another butterfly« (»Ich sah niemals einen anderen Schmetterling«). Dieses Buch ist eine Sammlung von Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt. Halter war zutiefst bewegt: »Dies war die Verbindung, nach der ich gesucht hatte – zwischen dem Licht der Kreativität des Einzelnen und des Todes von anderthalb Millionen Kindern, und den Kindern heute und in der Zukunft.«
Halter wurde 1927 in Polen geboren. Nachdem er seine ganze Familie in der Shoah verlor, wurde er gemeinsam mit einigen hundert Jugendlichen, die das gleiche Schicksal erlitten hatten, nach England gebracht. Dort wurde er zu einem erfolgreichen Architekten.
Die Serie der bunten Glasfenster im Saal des Museums erzählt die Geschichte hinter dem Ausgesprochenen. Ein Gedicht inspirierte das Design des größten Fensters, welches einen Schmetterling, eine Sonne und Blumen zeigt. Das Fenster bildet den Mittelpunkt der Decke. Es mißt 3,5m x 3,5m und besteht aus 36 Bruchstücken. Das Tageslicht erhellt den Raum durch 17 weitere, in die streng weiße Mauer eingelassene bunte Glasfenster, während das Deckenfenster ein sanftes, gedämpftes Licht hereinläßt.