Lino Monchieri, Pietro Cavedaghi, Leonardo Calossi und Erminio Canova.

Erfahrungen italienischer Militärinternierter in Deutschland 1943–1945[1]
10/2006Gedenkstättenrundbrief 133, S. 3-14
Gabriele Hammermann

Die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Soldaten und Unteroffiziere blieben in der italienischen wie in der deutschen Geschichtsschreibung lange Zeit unberücksichtigt. Erst Mitte der 80er Jahre begann die italienische Historiographie, sich auch der Opfergruppen anzunehmen, die lange im Schatten der Erfahrung des bewaffneten Widerstandes gestanden hatten. Die Resistenza bildete die legitimierende und einigende Grundlage der italienischen Republik und prägte das kollektive Gedächtnis, die politische Kultur und die Geschichtsschreibung über Jahrzehnte.[2] Die DDR-Historiographie beschäftigte sich mit der Ausländerbeschäftigung zwar bereits in den fünfziger und sechziger Jahren, beleuchtete das Schicksal der Internierten jedoch nur am Rande. In Westdeutschland setzte die Beschäftigung mit dem Forschungsgegenstand deutlich später, gegen Ende der siebziger Jahr ein. 1985 veröffentlichte Ulrich Herbert eine grundlegende Untersuchung über die Politik und Praxis des Ausländereinsatzes und ging in diesem Zusammenhang auf die Ursachen der herabwürdigenden Behandlung der Internierten ein.[3] Im Jahre 1990 publizierte Gerhard Schreiber eine grundlegende politik- und militärgeschichtlich angelegte Monographie über die italienischen Militärinternierten.[4] Die diesem Artikel zugrunde liegende Studie versteht sich in zweierlei Hinsicht als komplimentär zu Schreibers Untersuchung. Sie bezieht sich erstens auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Soldaten und Unteroffiziere und analysiert diese zweitens aus sozial- und alltagsgeschichtlicher Perspektive.[5]

Entwaffnung

Am Abend des 8. September 1943 gab Marschall Badoglio die bedingungslose Kapitulation Italiens bekannt.[6] Anders als die italienischen Einheiten hatte die deutsche Wehrmacht bereits seit Monaten ihre strategischen Nahziele abgesteckt und umfassende Vorkehrungen im Falle einer italienischen Kapitulation getroffen.[7] Während die deutschen Verbände die ehemaligen Verbündeten in Norditalien und Südfrankreich vergleichsweise schnell entwaffneten, schlug ihnen im Balkanraum und auf einigen griechischen Inseln heftiger Widerstand entgegen. Drakonische, und völkerrechtswidrige Maßnahmen kamen zum Einsatz. Insgesamt starben 25 000–26 000 Soldaten bei der Entwaffnung durch den ehemaligen Bündnispartner, zum großen Teil in Griechenland und auf dem Balkan.[8]

Transport und Ankunft in den Kriegsgefangenenlagern

Über 600 000 italienische Armeeangehörige gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Zu ihnen gehörten auch Lino Monchieri, der in einer Kaserne in Padua mit seiner Einheit die Waffen strecken musste, Emilio Canova, der in einer römischen Militärakademie verhaftet wurde, Leonardo Calossi, der bei Tirana in Gefangenschaft geriet und Pietro Cavedaghi, den deutsche Wehrmachtssoldaten in einer Kaserne in Pinerolo in der Nähe von Turin festnahmen.[9] Manche Soldaten betrachteten die Auflösungserscheinungen und deutschen Truppenbewegungen bereits vor der Kapitulation mit größtem Argwohn. Doch dominierte bei der Verkündigung des Waffenstillstandes unter den italienischen Mannschaften zunächst unbändige Freude.

In dieser Phase gelang noch vielen die Flucht.[10] Mit dem Eintreffen der Deutschen schlug die Stimmung jedoch schlagartig um. Lino Monchieri schildert die demütigende Entwaffnung, bei der die Deutschen Flugblätter mit folgendem Inhalt verteilten: »Italien ist in zwei Teile geschieden. Ihr, die Ihr uns untersteht, akzeptiert entweder unsere Vorherrschaft oder tragt die schweren Konsequenzen für Euren Verrat«.[11] Angesichts dieser Drohungen und der militärischen Überlegenheit der Gegner kam es kaum zu Widerstandsaktionen. Viele schenkten wie Pietro Cavedaghi den perfiden Versprechungen der Deutschen Glauben, sie würden zunächst in Sammellager transportiert, um dann nach Hause entlassen zu werden.[12] Dies erwies sich schon bald als Illusion, wurden die entwaffneten Gefangenen doch in Kasernen, Sportplätzen und Fußballstadien, die in der Nähe von Bahnstationen lagen, einsperrt. Viele haben die Transporte noch in traumatischer Erinnerung, da die Güterwaggons überfüllt waren und die ausgegebene Verpflegung nicht ausreichte.[13] Die hygienischen Bedingungen waren prekär. Die Kranken wurden nicht versorgt. Die deutschen Wachposten gebärdeten sich den Aussagen der italienischen Zeitzeugen zufolge zunehmend nervöser und rigoroser. Fluchtversuche wurden streng geahndet. So wurde die Stimmung in den Waggons von Tag zu Tag resignierter und verzweifelter. Cavedaghi berichtet, mit dem Passieren der Reichsgrenze sei ihm und seinen Kameraden endgültig bewusst geworden, dass die Deutschen sie in die Irre geführt hatten.[14] Schon bei ihrer Ankunft in den deutschen Kriegsgefangenenlagern nahmen die italienischen Gefangenen die emotional äußerst aufgeladene Stimmung der deutschen Bevölkerung wahr. Die Rachegefühle gegen die »Verräter« äußerten sich in rüden Beschimpfungen, Kinder warfen Steine auf die nun eintreffenden Gefangenen.[15]

Den ersten Kontakt mit dem Kriegsgefangenenlager beschreiben viele Internierte als traumatische Erfahrung. Dabei betonen sie insbesondere die Größe der Stammlager wie auch die Masse der italienischen Gefangenen.[16] In stundenlangen, erschöpfenden Appellen wurden die Gefangenen erfasst. Oftmals versuchten Angehörige der Wehrmacht und der SS, »hilfs- und bündniswillige Soldaten« zu rekrutieren und die italienischen Gefangenen propagandistisch zu beeinflussen.[17]

Im Stammlager III C Alt-Drewitz erlebte Emilio Canova Anfang Oktober 1943 eine Anwerbeveranstaltung, bei der italienische und deutsche Offiziere die Anwesenden aufforderten, sich für ein neu zu gründendes faschistisches Heer zu verpflichten. Es kam zu heftigen Protesten und fast niemand lies sich werben.[18]

Im Stammlager III A Luckenwalde fand diese Befragung, ebenfalls geführt durch deutsche und italienische Offiziere, am 6. Oktober 1943 statt. Nur etwa Hundert Soldaten meldeten sich, um weiter an der Seite der Deutschen zu kämpfen.[19] In das Offizierslager X 83 Wietzendorf kam Lino Monchieris Berichten zufolge am 19. September 1943 eine Kommission, der auch der italienische Konsul Armando Odenigo angehörte. Die Anwesenden wurden aufgefordert, der SS beizutreten. Die wenigen, die sich überzeugen ließen, bekamen reichliche Rationen und verließen das Lager umgehend.[20]

Diese Äußerungen sind durchaus paradigmatisch für die Stimmungslage unter den italienischen Militärinternierten. Der überwiegende Teil, nämlich nahezu 75 % der in den deutschen Kriegsgefangenenlagern befindlichen Militärinternierten (IMI), lehnte eine weitere militärische Zusammenarbeit mit dem deutschen Reich oder der Repubblica Sociale Italiana ab. Diese angesichts der drohenden Sanktionen beachtliche Verweigerungshaltung fand unter den Unteroffizieren und Mannschaften eine größere Verbreitung als innerhalb der Offiziersränge.

Militärinternierte am Ende der rassischen Hierarchie

Die italienischen Militärinternierten befanden sich am Ende der von politischen, rassistischen und ökonomischen Kriterien geprägten sozialen Hierarchie der ausländischen Arbeitskräfte. Zahlreiche Gründe waren hierfür verantwortlich. Die Behandlung der Militärinternierten stand zunächst im Zeichen der exemplarischen Bestrafung für den als »Verrat« angesehenen Seitenwechsel Italiens. Auch eine hasserfüllte Propagandakampagne beeinflusste ihre Lebensbedingungen eindeutig negativ. Zwar standen vordergründig der italienische König, der italienische Generalstab und Marschall Badoglio sowie konservative und deutschfeindliche Kräfte in deren direktem Umfeld im Kreuzfeuer der Kritik. Anders als die italienischen Gefangenen, die im Herbst 1943 in Deutschland eintrafen, blieb die militärische und politische Führung Italiens jedoch nicht fassbar. Somit führte die deutsche Propaganda die gefangenen italienischen Soldaten der deutschen Bevölkerung als Negativbeispiel warnend vor Augen. An diesem Exempel ließen sich die Folgen eines verlorenen Krieges anschaulich beschreiben. Was dann drohte, waren Gefangenschaft, Degradierung und Bestrafung. Damit schürten die Propagandameldungen in der deutschen Öffentlichkeit ganz bewusst tief sitzende Ängste, die sich nach der Niederlage in Stalingrad und den politischen Entwicklungen in Italien zunehmend verfestigt hatten. Auf der anderen Seite enthielt die Agitation integrative, beschwichtigende und mobilisierende Elemente. Die Intention, das angeschlagene nationalsozialistische System zu stabilisieren wie auch die Bevölkerung auf den »Endsieg« und »totalen Krieg« einzustimmen, konnte in vollem Umfang realisiert werden.[21] Die deutsche Bevölkerung nahm die Propagandafloskeln begeistert auf. Die durch Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit gekennzeichnete Stimmungslage änderte sich. Lange unterdrückte, bisweilen noch aus dem Ersten Weltkrieg herrührende Ressentiments und Vergeltungswünsche waren nun legitim.[22]

Die Agitation und Stimmungslage bildeten den Bezugspunkt, an dem sich die mit dem Arbeitseinsatz befassten Institutionen orientierten. Die über die offizielle Propaganda sanktionierte stellvertretende Vergeltung für den vorgeblichen italienischen »Verrat« evozierte vielerorts negative Behandlungsmuster im Umgang mit den IMI. Paradigmatisch für die Behandlung der Italiener war von nun an der Grundsatz der Vergeltung durch »Erziehung zur Arbeit«.

Gravierende Auswirkungen auf die Lebenssituation der in deutschem Gewahrsam befindlichen italienischen Armeeangehörigen hatte zudem die im Herbst 1943 vollzogene Statusänderung. Dieser Wechsel stand in direktem Zusammenhang mit der Entscheidung Hitlers, in Nord- und Mittelitalien eine indirekte Form der Okkupationsherrschaft zu errichten. Das deutsche Besatzungsregime war auf die Kooperation der faschistischen Mussolini-Regierung ebenso angewiesen wie auf die Unterstützung durch regionale und lokale faschistische Funktionsträger und durch die italienische Zivilbevölkerung.[23] Gleichzeitig beabsichtigte die Reichsregierung, wie bereits erwähnt, diese Gefangenengruppe in möglichst großem Umfang in der deutschen Kriegswirtschaft zu beschäftigen, was das deutsch-italienische Bündnis erheblich belastete. So verbot es sich von selbst, die Italiener weiterhin als Kriegsgefangene zu bezeichnen, denn dieser Status galt ausschließlich für Gefangene eines feindlichen Staates. Um diesen Zielkonflikt zu überbrücken, die Internierung der italienischen Armeeangehörigen nicht mehr als völkerrechtliche, sondern als bilaterale Angelegenheit erscheinen zu lassen, die Kontinuität des – wenn auch unter deutlich geänderten Vorzeichen fortbestehenden – Bündnisses zu unterstreichen und die wirkliche Situation der italienischen Gefangenen zu beschönigen, befahl Hitler am 20. September 1943, also unmittelbar vor der Proklamation der neuen faschistischen Satellitenregierung in Salò am Gardasee, die Umbenennung der ursprünglich als Kriegsgefangene angesehenen italienischen Armeeangehörigen in »Italienische Militärinternierte«.[24] Als Folge der Statusänderung konnte das Internationale Rote Kreuz gegenüber den Militärinternierten keine Schutzmachtaufgaben wahrnehmen. Die Versorgung der Gefangenen mit Lebensmitteln und Bekleidung entfielen ebenso wie Besuche der Lagereinrichtungen und die Kontrolle der für die Gefangenen geltenden Bestimmungen.[25] Um die Betreuung der Militärinternierten als bilaterales Problem abzuhandeln, bot die deutsche Regierung die Schutzmachtaufgaben, die normalerweise das Internationale Rote Kreuz wahrnahm, dem faschistischen Regime in Salò an. Erst im Frühjahr 1944 kam es zur Gründung eines faschistischen Hilfsdienstes (»Servizio Assistenza Internati«). Dieser sah sich aber nicht in der Lage, die Militärinternierten mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten zu versorgen. Die Folgen für die Internierten waren katstrophal.[26]

Arbeitseinsatz und Arbeitsbedingungen

Die Reichsführung hatte die Einsatzschwerpunkte der Militärinternierten bereits kurz nach dem italienischen Waffenstillstand festgelegt. Hitler befahl, die italienischen Militärinternierten möglichst ausnahmslos in der Rüstungswirtschaft einzusetzen.[27] Goebbels war von der im Hinblick auf den Arbeitskräftemangel als »gutes Geschäft« bilanzierten Kapitulation Italiens derart angetan, dass er mit dem Eintreffen der italienischen Gefangenen gar eine Erleichterung des Facharbeitermangels prognostizierte.[28] Deutlich wird in jedem Falle die große Bedeutung des Einsatzes von mehreren hundert tausend Arbeitskräften in dieser kritischen Situation im Herbst 1943.

Auf schnellstem Wege wurden die Soldaten und Unteroffiziere den Betrieben zugewiesen, zumeist in der Rüstungs- und Schwerindustrie, in der Bauwirtschaft und im Bergbau. Fast die Hälfte der in der Rüstungsindustrie eingesetzten Militärinternierten arbeitete im Maschinen-, Kessel-, Apparate- und Fahrzeugbau, gefolgt von der Eisen-, Stahl-, und Metallwarenherstellung, der chemischen Industrie sowie der elektrotechnischen und feinmechanischen Industrie. Die IMI waren in erster Linie in Großbetrieben tätig.

Die Lebenswirklichkeit der Militärinternierten wies ein beachtliches Spektrum auf. Dies war zum einen auf die starke Rolle der regionalen und lokalen Instanzen zurückzuführen, die bei Umsetzung der Befehle aus Berlin eine beträchtliche Eigendynamik entwickelten, eigene Interessen zu verwirklichen suchten und so eine Art Filter- und Katalysatorfunktion übernahmen. Neben den stark differierenden Bedingungen in den einzelnen Industriesektoren, unterschied sich ihre soziale Realität, je nachdem, ob sie auf dem Land oder in der Stadt, ob sie in agrarisch strukturierten Gebieten oder in Ballungsräumen lebten, ob sie in Großunternehmen oder Klein- und Mittelbetrieben arbeiteten.

Diese Erfahrung machten auch Pietro Cavedaghi, Lino Monchieri, Leonardo Calossi und Erminio Canova. Der Internierte Cavedaghi arbeitete zunächst als Maurer im Wernerwerk der Firma Siemens und errichtete später Luftschutzkeller für Angehörige der Wehrmachtsleitung im Berliner Westend. Er litt unter der harten Arbeit im Freien und den ständigen Misshandlungen. Der Offiziersanwärter Monchieri hatte zunächst unter der Aufsicht der Organisation Todt gefährliche Aufräumungsarbeiten zu verrichten, bevor er bei der Munitionsfabrik Eibia im niedersächsischen Walsrode schwere Be- und Entladearbeiten ausführen musste und schließlich im Eisenbahnbau eingesetzt war.[29] Leonardo Calossi leistete bei der Firma Kugelfischer – erst im niederschlesischen Verlagerungswerk Landeshut und schliesslich im Stammwerk Schweinfurt – Zwangsarbeit. Besonders die Nachtschichten stellten für ihn eine schwere Belastung dar. Als Folge mangelnder Sicherungsmaßnahmen, Unterernährung und Übermüdung kam es im Werk zu zahlreichen Arbeitsunfällen.[30] Der Militärinternierte Canova genoss als Büroangestellter in einem kleinen Lager im thüringischen Rauenstein im Vergleich zu seinen Kameraden, die in Industriebetrieben arbeiteten, eine vergleichsweise privilegierte Behandlung durch die Wehrmachtssoldaten.[31]

Ernährung

Die Verpflegungslage war, wie bereits angedeutet, katastrophal. Nach dem Statuswechsel im Herbst 1943 war es dem Internationalen Roten Kreuz untersagt, die Internierten mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen. Der faschistische Hilfsdienst war mit dieser Aufgabe überfordert. Erschwerend kam hinzu, dass das Reichsernährungsministerium die Rationen der Internierten ebenso wie die Verpflegungsmengen der sowjetischen Kriegsgefangenen und »Ostarbeiter« empfindlich kürzte. Regionale Versorgungskrisen traten im Ruhrgebiet, in Sachsen, Thüringen und in Oberschlesien auf, mithin in Gebieten, in denen zahlreiche Militärinternierte in der Rüstungs- und Schwerindustrie sowie im Bergbau arbeiteten. Als Folge jener regionalen Ernährungsengpässe, der mangelnden Qualität der Nahrungsmittel sowie einer weit verbreiteten Praxis der Unterschlagung durch deutsche und ausländische Küchenangestellte erhielten die Militärinternierten vielerorts deutlich niedrigere Rationen als vorgeschrieben.[32]

Wesentlich schwerer wog der Umstand, dass die Militärinternierten mit der so genannten Leistungsernährung bestraft wurden. Einige Industrieunternehmen hatten dieses Strafmittel, das zuvor für »Ostarbeiter« und sowjetische Kriegsgefangene galt, eigenmächtig auf die italienischen Militärinternierten übertragen. Die Italiener waren jedoch bereits so geschwächt, dass die Arbeitsleistungen als Folge dieser Massnahmen beständig sanken und die Krankenstände insbesondere im Bergbau, in der Bauwirtschaft und in der Schwerindustrie explodierten. So kritisierte der Lagerkommandant eines bei Daimler Benz beschäftigten italienischen Arbeitskommandos, eine »Verminderung der Ration [wirke] zwar erzieherisch ..., die italienischen Kriegsgefangenen [seien] aber bereits so unterernährt, dass sie in der Regel Erkrankungen wie Lungenentzündung und dergleichen nicht überstehen und schon nach wenigen Wochen der Tod eintrete.«[33] Dies alles war Hitler bekannt, als er im Februar 1944 befahl, dieses kollektive Disziplinarmittel auf alle leistungsschwachen Internierten anzuwenden. Dieser Straferlass stieß auf ein sehr geteiltes Echo. Auch, wenn sich keineswegs eine einheitliche Linie abzeichnete, öffneten sich die industriellen Interessenvertretungen und Teile der Großindustrie allmählich auch gemäßigteren Positionen, die den Erhalt der Arbeitskräfte im Auge behielten. Um dem drohenden Ausfall der Internierten zu begegnen, wurden die Zulagen allmählich den Arbeitsanforderungen gemäß ausgegeben und nicht mehr ausschließlich nach leistungsabhängigen Kriterien. Auch Prämien, eine menschenwürdigere Unterbringung und Freizeitangebote zog man ins Kalkül. Die Unternehmen betrachteten eine bipolare Methode, die auf der einen Seite Anreize bot und auf der anderen Seite mit Bestrafung drohte, als probates Mittel, um die qualitative Ausbeutung der Italiener nachhaltig zu fördern.[34]

Die Zeitzeugen beschreiben die Phasen ihrer Versorgungslage in ähnlicher Weise. Vom Herbst 1943 bis zum Frühjahr 1944 empfanden sie ihre Rationen als völlig unzureichend. Im Sommer 1944 und insbesondere nach dem Statuswechsel im Herbst stiegen die Verpflegungsmengen bis zum Jahresende an. Prekär wurde ihre Ernährungssituation ab Anfang 1945 bis zum Kriegsende, insbesondere wenn sie in Städten in stark urbanisierten Regionen arbeiten mussten.[35]

Den bohrenden Hunger und die Unterernährung schildern die Zeitzeugen als die zentralen traumatischen Erfahrungen in der Gefangenschaft. Die offiziellen Verpflegungssätze erhielten sie außer in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelindustrie so gut wie nie.[36] Mit Bestürzung registriert Cavedaghi, dass er zunehmend an Gewicht verlor: »Das Essen reicht nicht einmal für ein Kind von fünf Jahren aus, deshalb reichte die Arbeitsleistung nie, es gab immer mehr Schläge und die Wachen wurden immer schlimmer.«[37] Er versuchte, die bedrohliche Verpflegungssituation durch überteuerte Schwarzmarktartikel zu lindern und lief dabei gleichzeitig Gefahr, von der Lagerleitung hart bestraft zu werden. Der Kommandant drohte, die Internierten in Arbeitserziehungslager einweisen zu lassen.[38] Wie Lino Monchieri beschrieben viele Zeitzeugen ihre Verzweiflung, wenn die ohnehin unzureichenden Rationen vorwiegend aus verdorbenen Lebensmitteln bestanden. Der zermürbende Hunger schlug sich in den Lagerbaracken durch eine gereizte Stimmung nieder.[39] Calossi empfand es als belastend, dass die ohnehin geringen Rationen nur zwei Mal täglich ausgegeben wurden. Besonders in der Nacht litt er an Hungerkrämpfen.[40] Canova hingegen beschreibt seine Situation als etwas erträglicher, da er als Dolmetscher weniger anstrengende Tätigkeiten zu verrichten hatte und durch den Kontakt zu den deutschen Lagerangestellten zusätzliche Rationen erhielt.[41]

Disziplinierung

Die italienischen Militärinternierten bekamen die zunehmend rigideren Befehle zur Disziplinierung der Kriegsgefangenen zu spüren. Ab dem Frühjahr 1943 sprachen einige Reichsleiter, unter ihnen Speer, Sauckel und Bormann, den Wehrmachtsinstanzen die Kompetenz für die Bewachung und Disziplinierung am Arbeitsplatz zunehmend ab. Die vehementen Proteste an der vermeintlich mangelnden Ausbeutung der kriegsgefangenen Arbeitskräfte veranlassten das OKW, die entsprechenden Richtlinien zu verschärfen. Firmenleitungen, Rüstungsdienststellen und Parteiorgane gewannen an Einfluss. Diese Maßnahmen wirkten sich in unmittelbarer Weise auf die soziale Realität der leistungsschwachen Kriegsgefangenen und Militärinternierten aus, und dies nicht nur am Arbeitsplatz, sondern nach Dienstschluss auch in den Kriegsgefangenenlagern.[42]

Die Betriebe bekamen immer mehr Mitspracherecht bei der Bestrafung der Gefangenen. Im August 1944 erhielten sie sogar ein Vorschlagsrecht für die Strafen, die Wehrmachtsangehörige am Abend nach Dienstschluss im Lager ausführten.[43] Die Militärinternierten sahen sich am Arbeitsplatz durch eine permanente strenge Kontrolle wie auch durch zahlreiche, kaum zu erfüllende Anordnungen reglementiert. Im Falle unzureichender Arbeitsleistungen wurden sie häufig Opfer von Misshandlungen. Das Wehrmachtspersonal ahndete somit nicht nur Verstöße gegen die Lagerdisziplin oder sonstige Regelwidrigkeiten, sondern in Abstimmung mit den Betrieben auch unzureichende Arbeitsleistungen und Vergehen am Arbeitsplatz. Lino Monchieri berichtet, dass Wachen die Italiener mit Schlägen und Tritten bestraften, sobald diese ihre Arbeit unterbrachen. Internierte, die sich krank meldeten, wurden mißhandelt, Verletzte zur Arbeit geschickt.[44] »Paolo, unser Stubenkamerad, vom Meister als Arbeiter mit ungenügender Arbeitsleistung denunziert, ist zum Kommando gerufen worden. Die Deutschen befahlen ihm, sich auszuziehen und über einen Schemel zu beugen. Vier Soldaten verprügelten ihn [...].«[45]

Dem Tagebuch des Internierten Calossi ist zu entnehmen, dass der Lagerführer der Firma Kugelfischer in Landeshut Kranke und Schwache mit einem Karren zur Arbeit bringen liess, statt die Rationen zu erhöhen. Erst als immer mehr Italiener erkrankten, sah er von diesen Strafmethoden ab.[46] Forciert durch einen launischen und brutalen Lagerführer, wurde Erminio Canova, der ansonsten eine privilegierte Behandlung durch die Wehrmachtssoldaten erfuhr, schwer mißhandelt, als er sich von seinem Arbeitsplatz entfernte.[47]

Italiener und Deutsche am Arbeitsplatz

Die Reichsleitung wie auch die Betriebe standen angesichts der wachsenden Zahl ausländischer Arbeitskräfte vor dem Zielkonflikt, jene Gefangenengruppen möglichst umfassend in den Produktionsprozess zu integrieren und andererseits Deutsche und Ausländer auf Abstand zu halten. Diesen Widerspruch versuchte man durch zwei Maßnahmen zu gewährleisten: erstens durch die Privilegierung der deutschen Arbeitskräfte, die sich unter anderem an den Faktoren Ausbildung, Arbeitszeit, Arbeitssicherheit und Arbeitsqualität festmachten, und zweitens durch die Androhung strikter Strafen und Ausgrenzung. Dieses Herrschaftsinstrument der Privilegierung, Kontrolle und Drohung zeigte bei den deutschen Arbeitern offenbar Wirkung. Zwar blieb das Vorhaben, Lebens- und Arbeitswelten der Ausländer und Deutschen strikt zu trennen, reine Illusion. Aber es gelang, große Teile der deutschen Arbeiterschaft für das Schicksal ihrer ausländischen »Kollegen« unempfänglich zu machen. Zu dieser Einschätzung kamen auch die italienischen Zeitzeugen. Dabei bemerkten sie, dass die Behandlung durch die deutschen Kollegen mit deren Stellung im Betrieb korrelierte: die Vorarbeiter traten den Internierten gegenüber rigider auf als die weniger qualifizierten deutschen Arbeiter. Auch Misshandlungen kamen häufiger vor als bei den weniger qualifizierten Kollegen. Die deutschen Arbeiter verhielten sich überwiegend gleichgültig gegenüber der mitunter bedrückenden Situation der italienischen Militärinternierten.[48] Auch scheint der Umgang mit den Italienern altersabhängig differiert zu haben. Jüngere Arbeiter verhielten sich den Internierten gegenüber weniger human als ältere. Die Behandlung wies überdies geschlechtsspezifische Unterschiede auf: weibliche Betriebsangehörige brachten den Italienern mehr Empathie entgegen als ihre männlichen Kollegen.[49] Die Überwachung der Kollegen untereinander wirkte sich mitunter in negativer Weise auf das deutsch-italienische Arbeitsverhältnis aus. Dies umso mehr, als den offensichtlich nationalsozialistisch gesinnten Arbeitern ein großer Handlungsspielraum in den Arbeitseinheiten zukam. Calossi machte die Erfahrung, dass die Deutschen, die die Militärinternierten unterstützten, wenn auch sehr verhalten, Kritik am Regime und am Krieg äußerten.[50] Nach Einschätzung des Internierten Canova führte die zunehmende Einbindung der Internierten in die Arbeitsabläufe, ihre wachsenden Sprachkenntnisse und die zunehmend aussichtlose Kriegslage, die nicht wenige Deutsche allmählich zum Umdenken veranlasste, allmählich zu einer Besserung der Arbeitsbeziehungen.[51] Weitgehend positive Erfahrungen machte Monchieri überdies mit Zivilisten und Bauern, die an den Wochenenden das Lager aufsuchten, um freiwillige Arbeitskräfte für häusliche Tätigkeiten oder Erntearbeiten zu werben: »Die Bauern haben sofort verstanden, dass wir mehr leisten konnten, wenn wir einmal am Tag ausreichend ernährt wurden. Dreimal haben sie uns was zu essen gegeben. Am Tisch sitzend, mit Besteck und Geschirr. Ich glaubte zu träumen.«[52]

Lager und Lagergesellschaft

Die Militärinternierten litten unter den zahlreichen Bombardierungen in den Unterkünften. Bedingt durch die räumliche Nähe der Lagerkomplexe zu den Fabriken befanden sich die Gefangenen in den unmittelbaren Gefahrenzonen. Neben der immensen psychischen Belastung durch Luftalarme und drohende Bombardierungen, waren selbst die elementarsten hygienischen Bedingungen und eine ausreichende Grundversorgung nicht mehr gewährleistet. Pietro Cavedaghi brauchte nach Luftangriffen zuweilen Stunden, um von seinem im Zentrum Berlins gelegenen Arbeitsplatz in ein Zwangsarbeiterlager in Schöneweide zu gelangen. An Schlaf war in vielen Nächten nicht mehr zu denken.[53] Insbesondere wenn die deutschen Wachkräfte die Unterkünfte verriegelten, um sich ihrer Pflichten zu entledigen und Luftschutzkeller aufzusuchen, standen die Internierten große Angst aus.[54]

Sehr schnell bildeten sich unter den Gefangenen soziale Hierarchien und Gruppen. Prägende Faktoren waren hierbei das Alter, der Herkunftsort in Italien und der gemeinsame Arbeitsplatz. Selbst in Arbeitskommandos, in denen zunächst gleiche Grundbedingungen herrschten, unterschieden sich die Lebensbedingungen mitunter erheblich. An der Spitze der Lagergesellschaft standen die hauptamtlich in den Lagern als Vertrauensleute und Dolmetscher beschäftigten Internierten, die überdurchschnittlich häufig aus den Dienstgraden der Unteroffiziere rekrutiert wurden. Es folgten diejenigen, die als Büroangestellte, Sanitäter, Küchenangestellte oder Handwerker tätig waren. Zwischen diesen Gruppen und den in der Industrie eingesetzten IMI bestand nach dem Empfinden der betroffenen Zeitzeugen eine deutliche soziale Kluft. Eine weitere Differenzierung ergab sich überdies durch den unterschiedlichen Qualifikationsgrad, da die Zulagen leistungsabhängig ausgegeben wurden.[55]

Die italienischen Vertrauensleute übten ihre Tätigkeit vielfach mit großem Engagement aus und versuchten, die Belange der ihnen subordinierten Kameraden bei der deutschen Kommandantur vorzubringen.[56] So half der italienische Lagerführer dem Internierten Pietro Cavedaghi, in ein anderes Arbeitskommando zu kommen, in dem auch eine Mittagsverpflegung ausgegeben wurde.[57] Andere Vertrauensleute kooperierten jedoch aufgrund ihrer privilegierten Stellung, faschistischen Überzeugung oder weil sie sich persönliche Vorteile erhofften, mit den deutschen Lagerleitungen, und verloren allem Anschein nach sowohl den Bezug zur Realität als auch das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den von ihrem Handeln abhängigen Militärinternierten. So berichtete Lino Monchieri, dass der italienische Vertrauensmann des Lagers XI B Fallingbostel, Mario Boscaini, den Wunsch seiner Kameraden nach einer regelmäßigen seelsorgerischen Betreuung nicht gelten liess, denn: »Der, der nicht zustimmt [gemeint war das Heer der RSI, d. Verf.], braucht keine Ansprüche zu stellen«.[58]

Überführung in das Zivilverhältnis im Herbst 1944

Am 20. Juli 1944 stimmte Hitler, der sich über Monate jeglichen Bemühungen widersetzte, die Lebensbedingungen der Militärinternierten zu verbessern, ihrer Überführung in das Zivilverhältnis zu. Dies hatten die Salò-Regierung, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz und Rüstungsminister Speer seit langem gefordert. Der Statuswechsel wurde im Kontext der Befehle zum »Totalen Kriegseinsatz« bekannt gegeben, der letzten groß angelegten rüstungspolitischen Mobilmachung des Dritten Reiches.[59] Viele Internierte weigerten sich jedoch, dem Statuswechsel zuzustimmen. Sie hatten Angst, als Folge ihrer Einwilligung zum Militärdienst eingezogen zu werden, finanzielle Ansprüche zu verlieren oder ihre Angehörigen in dem von den Alliierten besetzten Süd- und Mittelitalien in Gefahr zu bringen. Dazu kamen die monatelange erniedrigende Behandlung durch die Deutschen, die Misshandlungen, die Erfahrung des Hungers und die völlig unzureichenden hygienischen Bedingungen. Ihre Haltung gegenüber den nationalsozialistischen und faschistischen Repräsentanten war somit von tiefer Aversion und einem großen Misstrauen geprägt. Um weiteren organisatorischen und zeitlichen Verzögerungen zu begegnen, befahl das OKW am 4. September 1944, Widerstand leistende Internierte zwangsweise und formlos in das Zivilverhältnis zu entlassen.[60] Viele Militärinternierte berichten wie Cavedaghi und Monchieri von Misshandlungen und Verpflegungskürzungen während der Entlassungsformalitäten.[61]

Die Zeitzeugen betonen zunächst die positiven Auswirkungen der Statusänderung. Die geringere Kontrolle und eine größere Bewegungsfreiheit erlaubte es ihnen, lebenswichtige Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände auf dem Schwarzmarkt zu erwerben. Zudem erfolgte die Bezahlung nun in regulärer Währung.[62] Trotz der anhaltenden Zwangsarbeit gerieten die Demütigungen und Restriktionen – wie Calossi berichtet – für kurze Momente in Vergessenheit: »Frei herumzulaufen, jeder für sich, nicht mehr in der Reihe und unter Bewachung, das war für mich ein schönes Gefühl.«[63] Ähnliche Erfahrungen machte Cavedaghi in einem Lager in Berlin-Schöneweide. Allerdings verschlechterten sich Verpflegung und Unterbringung spürbar, so dass die Vorteile der größeren Bewegungsfreiheit in den Hintergrund traten.[64] Monchieri fühlte sich in den Wirtshäusern, in denen er nun ein sogenanntes Stammessen bekommen konnte, jedoch alles andere als willkommen: »In der Bierwirtschaft will uns Riebe, der nazistische Wirt, nicht haben. Wir sind Bettler, Verlauste. Wir vertreiben die Gäste. Wie auch immer, unser Geld ist erwünscht und Riebe weiß das.«[65] Trotz ähnlicher Erfahrungen hob auch Calossi die positiven Auswirkungen des Statuswechsels hervor: »Einige kleine Arrangements und die verlängerte Ruhezeit hat das Geschwulst an den Beinen zurückgehen lassen. Auch [bin ich], wenn auch nur wenig, zu Kräften gekommen.«[66]

Diese Vorteile währten jedoch nur wenige Monate. Mit dem Jahreswechsel verschärfte sich ihre Lage wieder. Die allgemeine Lebenssituation und die Versorgungslage nahmen insbesondere in den Großstädten ab Anfang 1945 wieder dramatische Züge an. Auch die unzureichende Bekleidung blieb ein zentrales Problem. Angesichts der zu Lumpen verkommenen Uniformen schämten sich viele Ex-Internierte, das Lager zu verlassen.

Die letzten Kriegswochen erlebten die Militärinternierten Lino Monchieri, Pietro Cavedaghi, Leonardo Calossi und Erminio Canova zwischen Hoffen und Bangen. Calossi und seine Kameraden mussten wie die übrigen ausländischen Zivilarbeiter in Tag– und Nachtschichten Panzerabwehrgräben ausheben. Zudem verschärfte sich die Versorgungslage dramatisch. Ohne Erholungsphasen, gekleidet in schmutzige und zerrissene Uniformen fürchteten sie, das Kriegsende nicht mehr zu erleben. Doch begannen die Internierten auch Hoffnung zu schöpfen, waren die Anzeichen des Zusammenbruchs doch nicht mehr zu übersehen. Zwar gefährdeten die Luftangriffe das Leben der Lagerbewohner, verringerten die Nachtruhe und verhinderten die Ausgabe von Mahlzeiten, doch deuteten zahlreiche Auflösungserscheinungen auf ein nahes Kriegsende hin.[67] Auch Pietro Cavedaghi, der in Berlin-Mahlsdorf und am Schlesischen Bahnhof Panzerabwehrgräben errichten musste, berichtet: »Die Luftangriffe werden immer härter, jetzt kommen sie bis zu vier mal die Woche, die Bahnlinien sind fast zerstört, das Essen wird immer weniger, also Geduld, wir hoffen, dass es nur noch wenige Tage dauert.«[68]

Todeszahlen

Mehr als 25 000 Militärinternierte verstarben als Folge der Entbehrungen, der Unterernährung und der schweren Arbeitsbedingungen noch in der Gefangenschaft, vorwiegend in den großen Rüstungszentren des Reichsgebietes und auf dem Balkan. Den Angaben des italienischen Zentralinstituts für Statistik in Rom zufolge verstarben allein im Reichsgebiet 19 714 italienische Armeeangehörige. Demnach kamen dort 3,5 % der Soldaten, 2,4 % der Unteroffiziere und 1,9 % der Offiziere ums Leben.[69]

Die ungelöste Entschädigungsfrage

Die ehemaligen Militärinternierten haben keine Entschädigung für ihre Zwangsarbeit erhalten. Die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« wies im August 2001 die Ansprüche der Italiener auf Wiedergutmachung zurück. Grundlage der Entscheidung war ein im Auftrag des Bundesfinanzministeriums erstelltes Gutachten des Berliner Völkerrechtlers Christian Tomuschat. Seines Erachtens waren die Internierten bis zum Kriegsende Kriegsgefangene und daher nicht entschädigungsberechtigt. Diese Argumentation diente vor dem Hintergrund der knappen finanziellen Lage des Fonds dem Ziel, die Ansprüche der Italiener abzuweisen. Die ehemaligen Internierten jedenfalls empfanden die Entscheidung als eine Wiederholung des erlittenen Unrechts.[70] Gegen die Abweisung der Leistungsberechtigung reichten mehrere Tausend Militärinternierte Klagen ein: zunächst beim Bundesverfassungsgericht und Verwaltungsgericht Berlin und schließlich beim Europäischen Menschengerichtshof. Während die deutschen Gerichte die Klagen mit dem Hinweis auf die offizielle Argumentation der Bundesregierung zurückwiesen, ist das Verfahren vor dem Europäischen Menschengerichtshof noch anhängig. Zudem entschied der oberste Gerichtshof Italiens, das römische Kassationsgericht, am 12. März 2004, dass ehemalige italienische Militärinternierte auch vor italienischen Gerichten Deutschland auf Entschädigung verklagen können.
 

Dr. Gabriele Hammermann hat nach dem Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Soziologie an den Universitäten München und Trier 1989–1990 mit Forschungsstipendium am Deutschen Historischen Institut in Rom ihre Dissertation »Zwangs arbeit für den ›Verbündeten‹. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Militärinternierten in Deutschland 1943–1945« (Tübingen 2002) verfasst. Nachwissenschaftlicher Tätigkeit an der Gedenkstätte Buchenwald ist sie seit 1997 Stellvertretende Leiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der KZGedenkstätte Dachau.
 

[1] Der Artikel basiert auf einem Vortrag auf dem Bundesweiten Gedenkstättenseminar: Erinnerung an Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in Trutzhain, 26. 5.–29. 5. 2005.

[2] Della Santa, Nicola (Hg.), I Militari italiani internati dai tedeschi dopo l'8 settembre 1943, Firenze 1986. Labanca, Nicola (Hg.), Fra sterminio e sfruttamento. Militari internati e prigionieri di guerra nella Germania nazista (1939–1945), Firenze 1992.

[3] Herbert, Ulrich, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn 1985.

[4] Schreiber, Gerhard, Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereich 1943–1945. Verraten, verachtet, vergessen (= Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 28), München 1990.

[5] Hammermann, Gabriele, Zwangsarbeit für den »Verbündeten«. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Militärinternierten in Deutschland 1943–1945, Tübingen 2002 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, Bd. 99).

[6] Schreiber, Militärinternierte, S. 93–94. Mehner, Kurt (Hg.), Die geheimen Tagesberichte der Deutschen Wehrmachtführung im Zweiten Weltkrieg 1939–1945, Bd. 8: 1. September 1943–30. November 1943, Osnabrück 1988, S. 43, 8. 9. 1943

[7] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 28–35.

[8] Schreiber, Militärinternierte, S. 156 ff., S. 579, S. 255–286.

[9] Cavedaghi, Pietro, Il dolore e la sua memoria. Diario di prigionia in Germania (1943–1945), a cura di Daniela Cavedaghi, Brescia 2005, S. 25.

[10] Canova, Erminio, Italien. Diario – racconto di un internato militare in Germania, Guastalla 1987, S. 3.

[11] Monchieri, Lino, Diario di prigionia 1943–1945, Brescia 1985, S. 18.

[12] Cavedaghi, S. 25.

[13] Calossi, Leonardo, Noterelle di un internato in Germania 1943–1945, Firenze 1987, S. 24. Deutsche Ausgabe mit ausführlicher Einführung: Seitz, Claus; Enke, Werner (Hg.), Calossi Leonardo, Anmerkungen zu einer Internierung in Deutschland 1943–45. Zwangsarbeit am Beispiel eines italienischen Militärinternierten bei Kugelfischer, Ebertshausen 2003. Poln. Fassung: By ∏em jen´cem wojennym w Landeshut – Kamiennej Górze, Wa∏brzych 2005). Monchieri, S. 20. Hammermann, Zwangsarbeit, S. 53ff.

[14] Cavedaghi, S. 25.

[15] Associazione Nazionale Ex Internati (Hg.), Resistenza senz'armi, Un capitolo di storia italiana 1943–1945. Dalle testimonianze di militari toscani internati nei lager nazisti, Firenze 1984, S. 208.

[16] Cavedaghi, S. 25.

[17] Monchieri, S. 25. Vergani, Andrea, in: Angelo Bendotti, Giuliana Bertacchi, Mario Pelliccioli (Hg.), Prigionieri in Germania. La memoria degli internati militari, Bergamo 1990, S. 116.

[18] Canova, S. 12.

[19] Cavedaghi, S. 26.

[20] Monchieri, S. 23.

[21] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 91.

[22] Bermani, Cesare; Bologna, Sergio; Mantelli, Brunello, Proletarier der Achse. Sozialgeschichte der italienischen Fremdarbeit in NS-Deutschland 1937 bis 1943 (= Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts), Berlin 1997, S. 129f., S. 134. Meldungen aus dem Reich 1938–1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, 17 Bde., Herrsching 1984, Bd. 14, S. 5724: SD-Berichte zu Inlandsfragen, 9.9.1943. Ebenda, Bd. 15, S. 5765: SD-Berichte zu Inlandsfragen, 13. 9. 1943.

[23] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 59ff. Klinkhammer, Lutz, Zwischen Bündnis und Besatzung, Das nationalsozialistische Deutschland und die Republik von Salò 1943–1945 (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, Bd. 75), Tübingen 1993, S. 69 ff. Spoerer, Mark, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, Stuttgart 2001, S. 83, S. 104.

[24] OKW, KTB, Bd. III/2, S. 1124, 20.9.1943. Mehner, Die geheimen Tagesberichte, Bd. 8, S. 109, 20.9.1943.

[25] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 211.

[26] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 59ff. Klinkhammer, Lutz, Gli internati militari italiani nei lager tedeschi 1943–1945. Riflessioni su un dibattito recente, in: Ricerche Storiche 18 (1988) S. 297–321.

[27] PAAA, Büro Staatssekretär, Akten betr. Italien, Bd. R 29642, Bl. 111–112: Behandlung der im eigenen Machtbereich befindlichen italienischen Soldaten, 9.9.1943. BA, R 43 II, Bd. 625a, Bl. 125: Sauckel an Hitler, 11.9.1943.

[28] Goebbels, Joseph, Tagebücher aus den Jahren 1942–1943, hg. v. Louis P. Lochner, Zürich 1948, S. 424, 20. 9. 1943, S. 447, 23. 9. 1943.

[29] Monchieri, S. 34ff., S. 58f.

[30] Calossi, S. 31f., S. 40.

[31] Canova, S. 44, S. 47, S. 53, S. 65, S. 94.

[32] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 225ff.

[33] Schmid, Michael, »Unsere ausländischen Arbeitskräfte«. Zwangsarbeiter in den Werken und Barackenlagern des Daimler Benz Konzerns. Ein Überblick, in: Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (Hg.), Das Daimler Benz Buch, Nördlingen 1987, S. 570.

[34] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 246ff.

[35] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 257f.

[36] FBA Micheletti, Federazione Provinciale ANEI Brescia, Questionario »A futura memoria«, 1986. Slg. Hammermann, Umfrage 1990.

[37] Cavedaghi, S. 27.

[38] Cavedaghi, S. 29.

[39] Monchieri, S. 27, S. 42.

[40] Calossi, S. 40.

[41] Monchieri, S. 27, S. 42.

[42] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 284ff.

[43] BA, R 3, Bd. 1820, Bl. 214–216: OKW, AWA/Chef Kriegsgef. Allg. (Ia), betr.: Behandlung der Kriegsgefangenen, Leistungssteigerung 17.8.1944.

[44] Monchieri, S. 35, S. 38, S. 42, S. 63.

[45] Monchieri, S. 63, S. 71.

[46] Calossi, S. 75.

[47] Canova, S. 44, S. 47, S. 53, S. 65, S. 94.

[48] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 322.

[49] Canova, S. 38. Calossi, S. 49.

[50] Calossi, S. 34. So auch Canova, S. 41, S. 65, S. 76.

[51] Canova, S. 97.

[52] Monchieri, S. 84.

[53] Cavedaghi, S. 34.

[54] Monchieri, S. 35ff.

[55] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 228–234.

[56] Monchieri, S. 99.

[57] Cavedaghi, S. 31.

[58] Monchieri, S. 99.

[59] BA, R 43 II, Bd. 664a, Bl. 126–130: Erlass des Führers über den totalen Kriegseinsatz, 25. 7. 1944. BA, R 41, Bd. 237a: Der Beauftragte für den Vierjahresplan und GBA Sauckel an die obersten Reichsbehörden und alle Reichsleiter der NSDAP, 26. 7. 1944.

[60] BA, R 43 II, Bd. 682 b, Bl. 67: OKW, Chef Kriegsgef. Allg., betr.: Entlassung der im Reichsgebiet befindlichen ital. Mil. Int., 4. 9. 1944. BAMA, RH 49, Bd. 35: OKW, Chef Kriegsgef. Allg., betr.: Entlassung der im Reichsgebiet befindlichen ital. Mil. Int. in den zivilen Arbeitseinsatz, 20. 9. 1944. PAAA, Rechtsabteilung, Nr. 9a, Bd. 1 (Italien): DAF, Amt für Arbeitseinsatz, an das Auswärtige Amt, betr.: Propagandaaktion bei der Überführung der IMI, 22. 9. 1944.

[61] Cavedaghi, S. 32. Monchieri, S. 103ff.

[62] Hammermann, Zwangsarbeit, S. 507. Canova, S. 107.

[63] Calossi, S. 55.

[64] Cavedaghi, S. 33.

[65] Monchieri, S. 106.

[66] Calossi, S. 56, S. 66.

[67] Calossi, S. 67f.

[68] Cavedaghi, S. 35.

[69] Istituto Centrale di Statistica (Hg.), Morti e dispersi per cause belliche negli anni 1940–1945, Roma 1957, S. 13, S. 22–24.

[70] La Repubblica, 4. 8. 2001: Gli IMI sono prigionieri, non schiavi di Hitler. Corriere della Sera, 15. 8. 2001: Gianluca Di Feo, Niente indennizzi ai deportati italiani: dopo l'8 settembre erano prigionieri di guerra, non schiavi del nazismo. La Stampa, 15 8. 2001: Il vitalizio arriva dopo la morte. Il Manifesto, 9. 10. 2001: Guido Ambrosino: Indennizzi per il lavoro coatto negati agli internati militari italiani: la carta del precedente polacco.