Lebensweltorientierungen in der historisch-politischen Jugendbildungsarbeit

Ergebnisse der Evaluation der pädagogischen Arbeit in der Ausstellung »Anne Frank. hier & heute«
05/2008Gedenkstättenrundbrief 142, S. 14-23
Julia Franz, Patrick Siegele und Nicole Warmbold

Im November 2006 hat das Anne Frank Zentrum seine neue ständige Ausstellung eröffnet. Wenige Wochen später begann die Evaluation der pädagogischen Arbeit mit Schulklassen. Die Ergebnisse wurden im September 2007 einer interessierten Fach­öffentlichkeit vorgestellt.

Die neue Ausstellung mit dem Titel »Anne Frank. hier & heute« führt von der Geschichte in die Gegenwart. In einer begehbaren Zeitleiste wird die persönliche Lebensgeschichte Anne Franks erzählt, verbunden mit der Welt, in der sie gelebt hat. Neben diesem biografisch-chronologischen Teil zeigen vier Gedankeninseln, welche Bedeutung die zentralen Themen des Tagebuches für die Gegenwart haben. In Videoclips, die sich aus aufeinanderfolgenden Interview-Sequenzen zusammensetzen, kommen fünf Berliner Jugendliche vielfältiger Herkunft zu Wort, die sich heute mit Fragen beschäftigen, auf die auch Anne Frank damals Antworten suchte. Dies sind zum einen persönliche Fragen über Identität, Werte und Zukunft, zum anderen politische Fragen über Krieg, Diskriminierung und Zivilcourage. Besucherinnen und Besucher sind aufgefordert, sich ebenfalls mit diesen Fragen auseinander zu setzen.

In einem gemeinsamen Prozess entwickelte das Anne Frank Zentrum mit den Ausstellungsbegleiter/-innen Ziele für die pädagogische Arbeit, die von Wissensvermittlung über Quellenkritik bis hin zur Reflexion eigenen Handelns reichen. Darauf aufbauend wurden die zweistündigen Ausstellungsbegleitungen konzipiert. Die Schulklassen werden im Anne Frank Zentrum in Kleingruppen von bis zu 15 Jugendlichen aufgeteilt und durch die Ausstellung begleitet. Junge Erwachsene, die sich als Begleiterinnen und Begleiter engagieren, stellen in der Ausstellung Bezüge zur Gegenwart und zur Lebenswelt Jugendlicher her. Dabei wird viel Wert auf die Beteiligung der Jugendlichen gelegt – etwa wenn sie in der Zeitleiste ausgewählte Fotos selbst erschließen und später vor der Gruppe vorstellen sollen oder wenn sie aufgefordert sind, Plakate zu den Themen der Gedankeninseln anzufertigen, um diese dann in der Gruppe zu diskutieren. Im Team der Begleiter/-innen sind verschiedene Hintergründe und Studienrichtungen vertreten. Gemeinsam ist allen ein besonderes Interesse für die Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus sowie ihr Engagement in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Begleitet werden Gruppen ab der 4. Jahrgangsstufe, hauptsächlich aber zwischen der 6. und 9. Stufe. Für viele Schulklassen ist das Anne Frank Zentrum der erste Anlaufpunkt, um sich mit den Themen Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiter Weltkrieg zu beschäftigen. Viele lesen das Tagebuch der Anne Frank im Deutsch- oder Religionsunterricht, lange bevor der Geschichtsunterricht das 20. Jahrhundert behandelt. Obwohl ihnen die historischen und politischen Zusammenhänge noch kaum bewusst sind, haben fast alle Kinder und Jugendlichen bereits vom Zweiten Weltkrieg und vom Holocaust gehört.

Die Evaluation hatte zum Ziel, die Wirksamkeit der Ausstellungsbegleitungen zu prüfen. Dabei gaben die vom Anne Frank Zentrum formulierten Ziele der pädagogischen Arbeit die Kriterien vor. Die Evaluation sollte zu verwertbaren Ergebnissen zur Sicherung und Steigerung der Qualität führen. Ein besonderer Schwerpunkt wurde auf das Verhältnis der Ziele zu verschiedenen Zielgruppen gelegt (unterschieden nach Klassenstufen, Schultypen und sozialen Hintergründen). Das Anne Frank Zentrum entschied sich für eine Selbstevaluierung mit professioneller Begleitung und entwickelte ein Konzept, das quantitative und qualitative Erhebung kombinierte. Das Team setzte sich aus hauptamtlichen und freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen. Julia Franz und Patrick Siegele leiteten das Projekt. Während Mitarbeiter/-innen des Anne Frank Zentrums die quantitative Erhebung (Anna Augustyn und Stefan Weigand) und die Datenauswertung (Marion Gruber) durchführten, kamen für die qualitative Erhebung nur außenstehende Personen in Frage. Für diese Aufgabe wurden Henning Nahm und Nicole Warmbold ausgewählt, die mit der außerschulischen Bildungsarbeit zur NS-Geschichte und Methoden der Evaluation vertraut sind und gleichzeitig mit unvoreingenommenem Blick die Ausstellungsbegleitungen im Anne Frank Zentrum beobachteten. Ingo Siebert von camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich GmbH, stand dem Projektteam im gesamten Prozess beratend zur Seite.

Im Fokus der quantitativen wie auch der qualitativen Erhebung standen die Schüler­innen und Schüler. Fünfzehn Schulklassen, hauptsächlich aus Berlin und Brandenburg, nahmen teil. Durchaus typisch für die Gruppenanmeldungen im Anne Frank Zentrum, waren überwiegend Klassen der 6. und 8. Stufe vertreten. Bei den Lehrerinnen und Lehrern stieß das Vorhaben auf bereitwilliges Entgegenkommen. Sie informierten ihre Schüler­innen und Schüler, dass es vor allem auch um ihre Einschätzung der Ausstellungsbegleitung gehen würde. Im Anschluss an die Ausstellungsbegleitungen füllten die Jugendlichen einen standardisierten Fragebogen aus. Bei acht Schulklassen wurden zusätzlich Hospitationen und – einige Tage darauf – Auswertungsgespräche durchgeführt. Die große Mehrheit der Jugendlichen ließ uns wissen, dass sie sehr gern an der Befragung teilnähme.

Die Erhebungen erforderten eine Konkretisierung der pädagogischen Ziele auf der Handlungsebene. Ausgehend von bestehenden Zielformulierungen bildete das Projektteam zunächst fünf Ebenen einer Ausstellungsbegleitung: Setting, Begleitung, Gruppenprozess, Themen/Inhalte und Nachhaltigkeit. Für diese Ebenen wurden sodann konkrete Handlungsziele formuliert und in einem weiteren Schritt Indikatoren für die Erreichung der einzelnen Handlungsziele benannt. Daraus entstand ein Leitfaden sowohl für die quantitative Erhebung in Form eines standardisierten Fragebogens, als auch für die qualitativen Beobachtungen und Auswertungsgespräche. Auf dieser Grundlage wurden später auch die Ergebnisse der drei Erhebungsformen ausgewertet.

Ergebnisse

Im Folgenden fassen wir zentrale Ergebnisse der Evaluation zusammen.

Setting – »Ohne Hocker wäre es doof gewesen«

Das Setting umfasst zeitliche, räumliche, akustische, inhaltliche und methodische Rahmenbedingungen. Sie definieren die Arbeitsatmosphäre und tragen wesentlich zu Erfolg oder Misserfolg einer Aus­stellungsbegleitung bei.

Im Anmeldegespräch werden die Lehr­kräfte über Ablauf, Inhalte und Methoden informiert und nach dem Kontext des geplanten Besuchs, der Art der Vorbereitung und dem Vorwissen der Jugendlichen gefragt. Die Begleiterinnen und Begleiter sind stets rechtzeitig vor der Ankunft ihrer Klasse in der Ausstellung, informieren sich anhand eines Anmeldebogens über die Gruppe und sprechen sich untereinander ab. Sie haben den Ablauf geplant, Methoden ausgewählt und Arbeitsmaterialien zurechtgelegt. Bei der Begrüßung geben sie einen Überblick über das Programm, manchmal nennen sie Regeln zum Umgang miteinander und beginnen mit einem Kennenlern-Spiel.

Im Hinblick auf die akustischen, räumlichen, und zeitlichen Gegebenheiten ergibt sich ein differenziertes Bild. Da sich die einzelnen Ausstellungsteile in unmittelbarer räumlicher Nähe befinden, kommt es vor, dass, wenn eine Gruppe während einer Arbeitsphase in den sogenannten Gedankeninseln zu laut ist, dies die Begleitung in der Zeitleiste stört. Die vorhandenen Sitzgelegenheiten (Filzhocker, die sich im Raum bewegen lassen) werden sehr gelobt, langes Stehen deutlich kritisiert. Die Gestaltung der Zeitleiste, die chronologisch von der Geburt Anne Franks 1929 bis zu ihrem Tod in Bergen-Belsen 1945 führt, finden viele Jugendliche gut. Ihnen gefällt die räumliche Gegenüberstellung von Anne Franks Lebensgeschichte mit den politischen Ereignissen. Kritikpunkte betreffen die klein gedruckten Texte und die Anordnung der Fotos. Einige fanden die Bildcollagen (insgesamt über 300 Abbildungen) in der Zeitleiste »überladen« und hatten Schwierigkeiten, bestimmte Fotografien zu finden. Die Informationen zu einzelnen Bildern wurden teilweise als ausreichend, teilweise als zu knapp für die Vorstellung der Bilder eingeschätzt. Einzelne empfanden die Zeitleiste als zu eng. Für die multimedialen Gedankeninseln gibt es neben viel Lob Kritik an der technischen Umsetzung. Einige Schülerinnen und Schüler hätten die Filmclips gern selbst gesteuert, um sich für ihren Arbeitsauftrag Notizen zu machen. Den Wechsel zwischen einzelnen Interview-Sequenzen empfanden einige als zu schnell, sie konnten kaum folgen oder mitschreiben. Einzelne Filme wären schwer verständlich oder zu leise, andere zu laut.

Problematisch ist die zur Verfügung stehende Zeit. Insbesondere in der Zeitleiste schlägt die anfangs ruhige Arbeitsatmosphäre gegen Ende in Eile um. Das wirkt sich auf die Qualität der Vermittlung aus: Zu Beginn nehmen sich die Begleiterinnen und Begleiter noch genügend Zeit zur Vorstellung der Bilder durch die Jugendlichen, sie erarbeiten gemeinsam mit ihnen die Inhalte und stellen viele Fragen. In der zweiten Hälfte dominiert der Zeitdruck. Nur ein kleiner Teil der Jugendlichen fand die Zeit für die Zeitleiste zu kurz; die Mehrheit äußerte, zum Ende hin nicht mehr aufnahmefähig zu sein. Viele Jugendliche wünschten sich, Zeitleiste und Gedankeninseln auch allein und ohne Arbeitsauftrag erkunden zu können. Die Pause von fünf bis zehn Minuten ist wichtig. Die Schulklassen bekommen eine kurze Erholung, während die Begleiterinnen und Begleiter Methoden überdenken und gegebenenfalls variieren können.

Bereits aus diesen Ergebnissen für das oft unterschätzte Setting ergibt sich Handlungsbedarf für das Anne Frank Zentrum – so im Hinblick auf die zeitliche Gestaltung.

Begleitung – »Ich fand es gut, weil so hat man besser gelernt und musste nicht die ganze Zeit zuhören«

Die Begleitungen durch die Ausstellung »Anne Frank. hier & heute« zielen darauf, die Inhalte der Ausstellung zu vermitteln und es den Jugendlichen gleichzeitig zu ermöglichen, Gedanken und Meinungen einzubringen. Dies erfordert von den Begleiter/innen einen Balanceakt zwischen der Vermittlung komplexer Inhalte und der Partizipation der Jugendlichen, den sie insgesamt kompetent meistern.

Die Zeitleiste wird mit den Schülerinnen und Schülern anhand von Bildvorstellungen erarbeitet. Die Jugendlichen bekommen Reproduktionen von Bildern aus den Fotocollagen der Ausstellung und erhalten dazu den Auftrag, allein oder in Kleingruppen deren Inhalte eigenständig zu erschließen. Beim anschließenden gemeinsamen Gang durch die Zeitleiste stellen sie jeweils »ihr« Bild vor. Die sich daraus entwickelnden Gespräche werden von den Ausstellungsbegleiterinnen und -begleitern angeleitet. Der Großteil der Jugendlichen beurteilte diese aktive Beteiligung positiv. Dennoch schätzten einige die Arbeitsaufträge als »zu unkonkret« ein. Mehrfach bestand der Arbeitsauftrag lediglich darin, »möglichst viel herauszufinden«. Ähnliches gilt auch für die Arbeitsaufträge in den Gedankeninseln. Hier sollen die Jugendlichen ein Plakat anfertigen, mit dem sie ihr Thema später vor der Gruppe erläutern. Bei zu offenen Arbeitsaufträgen fiel es Jugendlichen manchmal schwer, aus den Bildern, Videoclips und Texten der Gedanken­inseln Aspekte für ihr Plakat auszuwählen.

Die Begleiterinnen und Begleiter setzen unterschiedliche Frageformen ein, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. In der Zeitleiste werden vor allem offene und geschlossene Wissensfragen gestellt, die auf Vermittlung zielen. Die Antworten der Schülerinnen und Schüler sind oft kurz und einsilbig oder fallen ganz aus. Zum Teil versuchen Begleiterinnen und Begleiter, durch Nachfragen und thematische Fokussierungen Gruppengespräche anzuregen. Insgesamt ist zu beobachten, dass Wissensfragen kaum zum Mitdenken anregen. Durch das Korrigieren falscher Antworten kann eine schulische Atmosphäre entstehen. Fragen, welche die Jugendlichen auffordern, Meinungen oder Vermutungen zu äußern und sich in Situationen und Perspektiven hineinzuversetzen, sind pro­duktiver. Dies nimmt zwar mehr Zeit in Anspruch, scheint aber im Hinblick auf eine empathische Haltung und ein nachvollziehendes Verstehen deutlich erfolgreicher zu sein als rein wissensorientierte Fragen. Ähnlich erfolgreich sind Fragen, die an die Lebenswelt der Jugendlichen anknüpfen oder auf das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart zielen. In den Gesprächen über die Gedankeninseln formulieren die Jugendlichen oft eigene Gedanken.

Viele Schülerinnen und Schüler äußerten, dass die Begleiterinnen und Begleiter gut erklärten. Deren authentisches, engagiertes Auftreten kommt gut an; ihre Sprache wird überwiegend als verständlich empfunden – bei der standardisierten Befragung gaben dies 73% an. Viele Jugendliche bestätigten, dass auf sie eingegangen wurde; einige kritisierten, dass mit den Antworten nicht immer weitergearbeitet wurde. Zudem wurde in den Auswertungsgesprächen immer wieder kritisiert, dass die Begleiter/innen an einigen Stellen zu lange über ein Thema sprechen und ihr Redeanteil gegenüber dem der Jugendlichen deutlich überwiegen würde.

Hier wie auch beim Punkt Gruppenprozess zeigen sich die hohen Anforderungen, die an die Ausstellungsbegleiterinnen und -begleiter gestellt werden: Sie müssen die Gruppe beobachten, einschätzen, interpretieren und unmittelbar reagieren. Setzen sie dies insgesamt auch kompetent um, hat die Evaluation dennoch gezeigt, dass es einer zusätzlichen Sensibilisierung etwa in Hinblick auf die Fragetechnik und den Sprachgebrauch bedarf.

Gruppenprozess – »Ich fand gut, dass man seine eigene Meinung sagen konnte.«

Der Gruppenprozess ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Ausstellungsbegleitungen und wird u.a. vom Umgang der Begleiterinnen und Begleiter mit der Gruppe beeinflusst. Soweit dies von außen beobachtbar ist, erfüllen diese die an sie gestellten Anforderungen gut: Sie vermitteln den Gruppen, dass sie mit ihnen ins Gespräch kommen wollen. Statt autoritär aufzutreten, bemühen sie sich um ein Verhältnis auf Augenhöhe. Zur Qualität des Gruppenprozesses tragen jedoch auch die Einstellungen der Einzelnen, Erwartungshaltungen, thematisches Vorwissen, soziale Kompetenzen und die Fähigkeit zur Teamarbeit bei. Diese sind auch innerhalb der Gruppen unterschiedlich ausgeprägt. Eine aktive Beteiligung findet vor allem dann statt, wenn die Jugendlichen ein besonderes Interesse und Vorwissen mitbringen. Zudem wirken Medien, soziale Milieus, Familienhintergründe auf die Einstellungen, mit denen die Jugendlichen in die Ausstellung kommen, und bestimmen den Gruppenprozess entscheidend mit. Bestimmen Widerstände die Haltung der ganzen Gruppe, ist zu fragen, ob das inhaltliche Programm davon unbeeindruckt »durchgezogen« werden soll.

Die meisten Jugendlichen fanden es gut, häufig zu Wort zu kommen und ihre Meinung sagen zu können. In besonders interessierten, gut vorbereiteten Gruppen wurden vereinzelt Gespräche von Schüler/innen selbstständig geführt und entwickelt. In der Regel bringen jedoch die Begleiterinnen und Begleiter durch Fragen die Gruppen­gespräche voran. Bei lebendigen Gesprächen oder Diskussionen fielen sich die Jugendlichen häufig ins Wort. Die Atmosphäre blieb aber immer freundlich, ausgrenzendes Verhalten wurde in keiner Gruppe beobachtet. Unterschiedliche Sichtweisen, Bewertungen und Einstellungen wurden stets zugelassen und in Diskussionen miteinander konfrontiert. Es kam aber auch vor, dass konträre Ansichten nebeneinander stehen blieben, ohne Diskussionen anzustoßen.

Insgesamt erreicht die angestrebte Partizipation immer wieder Grenzen. Zwar signalisieren die Begleiterinnen und Begleiter Gesprächsbereitschaft und greifen Fragen und Anmerkungen auf; zugleich aber haben sie das inhaltliche Programm zu bewältigen. Die enge Zeit schränkt die konzeptionelle Offenheit für Fragen und Gespräche ein. Stattdessen orientieren sie sich an festen Programmpunkten. In den Nachgesprächen stellte sich heraus, dass dies durchaus dem Interesse der Jugendlichen entspricht. So wurde von diesen selten bis gar nie fehlende Zeit für Gruppendiskussionen kritisiert, sondern eher, nicht genug über die Ausstellung erfahren zu haben.

Themen und Inhalte – »Ich hätte gerne mehr über Hitler und KZs erfahren«

Die Ausstellung bietet die Möglichkeit, eine Fülle von Themen zu behandeln. Daher muss eine Auswahl getroffen werden, damit der Ausstellungsbesuch nicht inhaltlich überfrachtet wird.

Zentrale inhaltliche Anliegen sind die Verbindung der Lebensgeschichte Anne Franks mit der politischen Zeitgeschichte und Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dieser Anspruch gerät immer wieder mit dem Ziel der maximalen Partizipation und der verfügbaren Zeit in Konflikt. Die Themen der vier Gedankeninseln – Identität, Zukunftsträume, Kriegsbilder, Diskriminierung/Zivilcourage – geben den Rahmen vor, in dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinander bezogen werden. Das Aufzeigen der Verschränkung persönlicher Lebensgeschichten mit gesellschaftspolitischen Verhältnissen erfolgt dann in der Zeitleiste. Die Schülerinnen und Schüler gaben übereinstimmend an, den Zusammenhang grundsätzlich verstanden zu haben.

In einigen Gesprächen in der Zeitleiste werden Perspektiven von Tätern und Verfolgten miteinander konfrontiert. Dabei geraten gesellschaftliche Machtverhältnisse in den Blick. Auch der kritische Umgang mit nationalsozialistischer Propaganda ist Thema. Die Fotocollagen bieten hierfür zahlreiche Möglichkeiten. Gesellschaftliche Rollen und die Frage von Verantwortung, Schuld, und Täterschaft hingegen könnten noch stärker angesprochen werden. Auch die Überlieferung wird in der Zeitleiste problematisiert. Die Radikalisierung von der forcierten Auswanderung zur Judenvernichtung kommt hingegen zu kurz. Hier wirkt der Zeitmangel. Die meisten Begleiterinnen und Begleiter kamen daher vom Verrat der Untergetauchten 1944 direkt zum Thema »Überlebende der Konzentrationslager«, sodass nur im Kontrast zu dem einzigen Überlebenden, Otto Frank, der Tod der Untergetauchten deutlich wurde. Ebenso fehlt Zeit, über den Umgang mit der Nazi-Vergangenheit nach 1945 zu sprechen.

Ein Faksimile in der Ausstellung dient dazu, das Tagebuch als Zeitdokument und Quelle zu besprechen, teilweise entstehen dazu lebendige Gespräche, die an der Lebenswelt der Jugendlichen anknüpfen.

Gegenwartsbezüge sind in der Zeitleiste selten, sie bestimmen stärker die Gespräche über die vier Gedankeninseln. Dabei wird vor allem Diskriminierung als aktuelles Problem thematisiert. Weitere Gespräche in den Inseln bewegen sich um das Thema Krieg, hier geht es v.a. um Mitverantwortlichkeit und um Computer-Kriegsspiele. Dem Thema Identität wird sich über die Fragen »Wer bin ich?« und »Wie sehen mich andere?« ­genähert. Teilweise entstanden Gespräche über Zukunftsträume und -sorgen, an denen sich aber nicht immer alle beteiligten. Die meisten Jugendlichen gaben an, nachvollzogen zu haben, was die Geschichte Anne Franks mit der in den Videoclips angesprochenen Gegenwart zu tun hat.

Die Ergebnisse zu Themen/Inhalte haben einen weiterführenden Verständigungsprozess darüber angeregt, was im Sinne der pädagogischen Ziele des Anne Frank Zentrums relevant und notwendig ist zu vermitteln und wie dabei eine klare Struktur aussehen könnte.

Nachhaltigkeit – »Man kann sich jetzt ein Bild machen«

Nachhaltige Wirkungen des Ausstellungsbesuchs sind schwer messbar. Die meisten Schüler/innen beschäftigten sich wenige Tage später schon wieder mit anderen Themen, auch wenn die Ausstellung ihr Interesse gefunden hatte. In den Auswertungsgesprächen erinnerten sie sich an einzelne Inhalte oder Gefühle, die beim Ausstellungsbesuch thematisiert worden waren. Besonders beeindruckt haben die meisten die Gedankeninseln, die Fotocollagen und einzelne Fotos. Dies verweist auf die hohe Bedeutung des visuellen Gedächtnisses. Die meisten gaben an, sich nach dem Ausstellungsbesuch die Zeit des Nationalsozialismus besser vorstellen zu können. Sie hätten Neues gelernt und offene Fragen klären können. Einzelne sagten, sie wären gegenüber bestimmten Themen aufmerksamer geworden. Andere sagten, ihr Bild vom Zweiten Weltkrieg hätte sich durch die Ausstellungsbegleitung verändert. Dieses wäre zuvor stark von Großeltern beeinflusst, die über Bombenkrieg und Kriegsgefangenschaft erzählten.

Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler wollte sich unabhängig von ihrem Interesse nicht weiter mit dem Thema beschäftigen. Die wenigen, die gern mehr über die Geschichte lernen wollten, schränkten ein, dies sei ihnen kein dringliches Bedürfnis. Bei einer weiteren Auseinandersetzung wären sie weniger an Büchern interessiert, sondern mehr an Gesprächen mit Zeitzeugen, Filmen und daran, »noch mehr erzählt zu bekommen«. Um Authentisches, Originale oder Rekonstruktionen zu sehen, würden einige auch Ausstellungen oder Museen besuchen. Insgesamt schien die Mehrheit den Ausstellungsbesuch gut und interessant zu finden, damit aber wäre es vorerst auch genug.

Die Jugendlichen ließen sich einige Tage später gern nach ihren Eindrücken von der Ausstellungsbegleitung fragen. Viele schienen großen Gesprächsbedarf zu haben – nur selten hatten sie mit Eltern oder Bekannten über den Besuch im Anne Frank Zentrum gesprochen. Auch dies kann auf die Notwendigkeit einer Nachbereitung von Ausstellungsbesuchen an Orten wie dem Anne Frank Zentrum verweisen.

Fazit und Ausblick

Die Evaluation der pädagogischen Arbeit in der Ausstellung »Anne Frank. hier & heute« war eines der wichtigsten Projekte des Anne Frank Zentrum der letzten Zeit. Es hat zur vertieften Reflexion über die Ziele der pädagogischen Arbeit beigetragen und wichtige und differenzierte Erkenntnisse über die Praxis der Arbeit in der neuen Ausstellung erbracht. Die Ergebnisse sind eine wesentliche Basis für künftige pädagogische Projekte gegen Antisemitismus, etwa im Rahmen des Bundesmodellprogramms »VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie«. Die Evaluation hat die hohe Qualität der Arbeit in der Ausstellung in vielen Punkten bestätigt. Sowohl die Ausstellung selbst als auch die Begleitungen wurden von den Jugendlichen sehr positiv beurteilt. In den Fragebögen gab es viel Lob für die Gestaltung der Ausstellung, für die freundliche Atmosphäre, für die interessant vermittelten Inhalte und für die aktive Beteiligung.

Bereits die Vorbereitung der Evaluation war ein wichtiger Entwicklungsprozess: Die weitergehende Zielformulierung und die Diskussionen über Qualitätsstandards der pädagogischen Angebote haben den nicht zu unterschätzenden Aufwand in jedem Fall gelohnt. Der Evaluationsprozess hat scheinbare Selbstverständlichkeiten hinterfragt, z.B. als es darum ging, Indikatoren festzulegen, anhand derer geprüft werden sollte, wann eine Ausstellungsbegleitung als gelungen gilt.

Die Ergebnisse der qualitativen und quantitativen Evaluation bringen das Anne Frank Zentrum in seiner Entwicklung einen großen Schritt voran. Diesen könnte man zusammenfassen mit dem Satz: »Weniger ist (oft) mehr.« Die Ziele, die bereits im Prozess der Ausstellungsentwicklung beschrieben worden waren, sind teilweise zu ambitioniert. Sie stehen im Widerspruch zur vorhandenen Zeit und zum schulischen und sozialen Kontext der Gruppen, die das Anne Frank Zentrum besuchen. Als Einrichtung der außerschulischen Jugendarbeit ist dieses nur ein Baustein innerhalb eines breiten Angebots zur historisch-politischen Bildungsarbeit. Die Voraussetzungen sind zu verschieden, um für alle Gruppen dieselben Ziele als Maßstab zu setzen. Das gilt auch für die Methoden und Themen, die als Mindeststandards der Vermittlung beschrieben wurden.

Neben diesen Erkenntnissen grundsätzlicher Art hat die Evaluierung dem Anne Frank Zentrum viele praktische Ergebnisse beschert, die unmittelbare Konsequenzen zur Folge haben. Im Bereich des Settings etwa sind Verbesserungen in der technischen Handhabung der Videopräsentationen nötig. Was die Begleitungen betrifft, sollten z.B. Arbeitsaufträge klarer formuliert und Methoden noch mehr den Voraussetzungen der Gruppen angepasst werden. In Bezug auf den Gruppenprozess gilt es, die Begleiterinnen und Begleiter noch stärker zu qualifizieren, Fragen zu stellen, die an die Lebenswelt der Jugendlichen anknüpfen. Nur so entstehen tatsächlich Gespräche mit und zwischen den Jugendlichen und nicht Abfrage-Situationen, in denen sich die Jugendlichen nur als Stichwortgeber verstehen. Im Bereich der Themen und Inhalte besteht die größte Herausforderung darin, dass Teilnehmerorientierung und der Wunsch nach Partizipation nicht auf Kosten der zu vermittelnden Inhalte gehen. Ebenso deutlich wurde, dass es im Sinne der Nachhaltigkeit wichtig ist, Lehrerinnen und Lehrer bei der Nachbereitung des Besuchs zu unterstützen. Die Jugendlichen haben diese Möglichkeit sehr dankbar angenommen und das Erlebte reflektiert und kritisch kommentiert.

Das gute Gelingen des Evaluationsprojektes verdankt sich besonders der Qualität des gemeinsamen Prozesses. Es war eine wichtige Voraussetzung, dass alle Beteiligten – von den freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis hin zur Direktion – gleichermaßen beteiligt und stets über die Ziele und das Vorgehen der Evaluation informiert waren. Nur so konnte verhindert werden, dass der Eindruck von Kontrolle entsteht. Stattdessen ging es darum, in einer vertrauensvollen Atmosphäre und im kritischen und ehrlichen Umgang miteinander zu Ergebnissen zu kommen, aus denen sich kon­struktive Handlungsempfehlungen ableiten lassen, die eine hohe Praxisrelevanz haben und alle Beteiligten gleichermaßen in die Pflicht nehmen.

Gemeinsam mit allen Beteiligten hat nun der Prozess begonnen, aus den Ergebnissen und Empfehlungen konkrete Handlungsschritte abzuleiten. Diese Weiterentwicklung bleibt »work in progress« ein Weg mit kleinen Schritten und der Herausforderung, die Ziele in Einklang mit den Gegebenheiten zu bringen. Oder aber letztere mitzugestalten, um im Spannungsfeld von Zeit – Raum – Gruppe ein Maximum der Ziele zu erreichen. Hierzu erhoffen wir uns einen fruchtbaren, offen-kritischen Dialog mit unseren Partnern und allen, die im gleichen Themenfeld tätig sind.

Die vollständigen Ergebnisse der Evaluation sind als Broschüre erschienen. Sie können im pdf-Format auf der Website des Anne Frank Zentrums kostenlos heruntergeladen werden: www.annefrank.de/materialien
 

Julia Franz, seit 2005 pädagogische Mitarbeiterin im Anne Frank Zentrum. Dissertationsprojekt »Jugendliche mit muslimisch geprägtem Migrationshintergrund und der Islamdiskurs. Rekonstruktion von Subjektpositionierungen«.

Patrick Siegele, seit 2004 Leiter des Arbeitsbereiches »Ausstellung und Pädagogik« des Anne Frank Zentrums in Berlin.

Dr. des. Nicole Warmbold, Dissertation zum Thema »Lagersprache. Zur Sprache der Opfer in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald«, selbstständig tätig in der historisch-politischen Bildungsarbeit sowie als Lektorin und Projekt­managerin.