56 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager ist die Zahl der überlebenden KZ-Häftlinge, die sich noch aktiv an der Arbeit der Gedenkstätten beteiligen können, sehr klein geworden. Es leben zwar in den Ländern West- und Osteuropas und auch in den USA und Israel noch immer mehrere zehntausend ehemalige KZ-Häftlinge, die zumeist als Kinder oder als junge Erwachsene verschleppt worden waren. Aber die ersten Opfer der Diktatur, die deutschen politischen Gegner der Nationalsozialisten, die ab 1933 verhaftet und in den Konzentrationslagern gequält und ermordet wurden, sind im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte verstummt, ohne dass die Öffentlichkeit groß Notiz davon genommen hätte.
Das gilt auch für die deutschen Juden und die Überlebenden anderer Opfergruppen deutscher Nationalität, wie Sinti und Roma, Zeugen Jehovas oder Homosexuelle, deren Verfolgungsschicksal erst Jahrzehnte nach dem Krieg Beachtung gefunden hatte. Die deutschen KZ-Überlebenden waren die ersten, die sich nach ihrer Befreiung um die in Deutschland gelegenen Stätten der Verfolgung gekümmert hatten. Das gleiche gilt für Österreich, wo sich die österreichischen KZ-Überlebenden bemühten, die Überreste des Konzentrationslagers Mauthausen zu erhalten und für Polen, wo polnische Überlebende sehr schnell nach Kriegsende an den Ort des Vernichtungslagers Auschwitz zurückkehrten.
»Am 1. Oktober 1946 war ich schon wieder auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz«, berichtete der Überlebende und spätere Kustos der Gedenkstätte, Tadeusz Szymanski, im Jahr 1995 »Mein Freund, …der mit mir auf dem Transport war – er hatte die Nummer 20 035 und ich hatte die Nummer 20 034 – bat mich darum. Es gab eine Gruppe ehemaliger Häftlinge, wenn ich mich erinnere, waren es 18, die wollten auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eine Gedenkstätte einrichten … Wir hatten alles, was von der Zeit des Lagers geblieben ist, gerettet.«1 Die polnische Regierung erließ im Juli 1947 ein Gesetz, das den Erhalt der Orte Auschwitz, Majdanek und Stutthof als Gedenkstätten sicherte.
In den Nachkriegsjahren wurden die Lager in Deutschland zum Teil von den alliierten Besatzungsbehörden als Internierungslager aber auch für andere Zwecke genutzt. Vorstellungen, die Erinnerung an die Verbrechen an den Orten des Geschehens zu verankern, begannen hier dann im Laufe der fünfziger Jahre langsam Gestalt anzunehmen.
Im Rückblick nach einem halben Jahrhundert ist heute deutlich erkennbar, in welchem Ausmaß die politischen Verhältnisse das weitere Schicksal der baulichen Überreste der Konzentrationslager und das Wirken der Überlebenden an diesen Orten mit bestimmten. Deutschland wurde in zwei Teile geteilt und die Formen des Gedenkens und der Aufklärung über die nationalsozialistischen Verbrechen nahmen so unterschiedliche Wege wie die politischen Systeme.
In Dachau konnten die deutschen Überlebenden mit Hilfe ihrer ehemaligen Leidensgenossen aus dem Ausland (vor allem aus Frankreich) verhindern, dass die baulichen Überreste des Häftlingslagers verschwanden. Die Forderung des Dachauer Landrats aus dem Jahr 1955, das Krematorium des Konzentrationslagers abzureißen, um die »Diskriminierung des Dachauer Landes« zu beenden2, warf nur ein besonders helles Schlaglicht auf die Haltung der Mehrheitsgesellschaft in diesen Jahren gegenüber den Zeugnissen der Verbrechen.
Das im gleichen Jahr wiedergegründete Comité International de Dachau wurde durch ein »Kuratorium für die Errichtung einer KZ-Gedenkstätte Dachau« aus Vertretern des öffentlichen Lebens in Bayern unterstützt, die nahezu alle aus dem Kreis der Nazi-Verfolgten kamen. Als der Münchner Weihbischof und ehemalige Dachau-Häftling Johannes Neuhäusler im Jahr 1961 die Auftaktveranstaltung des Eucharistischen Weltkongresses mit der Einweihung einer »Todesangst-Christi-Kapelle« auf dem Lagergelände verband, zu der 30000 Teilnehmer kamen, war dies ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Entstehung der Gedenkstätte, die dann 1965 anlässlich des 20. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers eröffnet wurde. Die weiteren fünf kirchlichen Gebäude, die in der Folgezeit auf dem Gelände des Konzentrationslagers und in seinem Umfeld errichtet wurden, verdeutlichen im Vergleich mit anderen KZ-Gedenkstätten die Bedeutung, die der Bereich des religiösen Gedenkens in Dachau erhielt.
Etwa zwei Jahrzehnte lang spielten die deutschen Überlebenden, die im Raum München-Dachau wohnten, eine bedeutsame Rolle für die KZ-Gedenkstätte Dachau, die zunächst eine der wenigen Orte war, an denen sie Gehör fanden. Allerdings entwickelte sich erst Ende der siebziger Jahre zusammen mit dem weltweit ansteigenden Interesse an der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen auch das Interesse an den Lebensgeschichten der Überlebenden. Lehrer und Pädagogen der Jugendarbeit begannen sich – zunächst vereinzelt – über die Gedenkstätte an die Zeitzeugen zu wenden, von denen viele gerne bereit waren, Jugendlichen von ihren Erfahrungen zu berichten.
Für sie steht beispielhaft der Münchner Kommunist Adi Maislinger, der nach acht Jahren Zuchthaus vier Jahre im KZ Dachau inhaftiert gewesen war. Wie andere begann er nach seiner Pensionierung in den siebziger Jahren seine Karriere als »Zeitzeuge« und für ein Jahrzehnt wurde er für jugendliche Besucher der Gedenkstätte zu einem der glaubwürdigsten und bewegendsten Berichterstatter über die Welt des Konzentrationslagers. Adi Maislinger hatte im Lager Dachau als Kapo der Desinfektion, wo er mit Unerschrockenheit und grossem Mut gefährdete Häftlinge versteckte, höchstes Ansehen bei seinen Mitgefangenen aller Nationen genossen. Auch noch als alter Mann fand er unmittelbaren Zugang zu jungen Menschen und noch heute kommen Besucher in die Gedenkstätte, die von jahrzehntelang zurückliegenden Begegnungen mit Adi Maislinger und dem bleibenden Eindruck, den er hinterliess, berichten.
Die »vergessenen Opfer« meldeten sich in Dachau erstmals im Jahr 1980 zu Wort, als eine Gruppe Sinti, unter ihnen eine Reihe ehemaliger KZ-Häftlinge, auf dem Gelände der Gedenkstätte in einen Hungerstreik trat, um gegen ihre nach 1945 fortwährende Diskriminierung zu protestieren. Die Aktion rief ein weltweites öffentliches Echo hervor und wurde zu einem Signal für den Beginn der Auseinandersetzung mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung und Ermordung der Zigeuner.
Die Verfolgungsgeschichte der Homosexuellen im NS-Staat thematisierten nicht die Betroffenen selbst, sondern Vertreter der nachfolgenden Generation. Das Theaterstück »Bent« des englischen Schriftstellers Martin Sherman, das im Konzentrationslager Dachau spielt, verschaffte der Problematik in den achtziger Jahren weltweite Aufmerksamkeit. Und schließlich traten nach Jahrzehnten des Schweigens auch die Zeugen Jehovas an die Öffentlichkeit, um die Verfolgung ihrer Mitglieder während der Jahre 1933–1945 zu erforschen und bekannt zu machen und an den KZ-Gedenkstätten für die Einbeziehung der Geschichte der Zeugen Jehovas zu werben.
Nach den politischen Umwälzungen in Osteuropa meldeten sich die KZ-Überlebenden der ehemaligen Sowjetunion nach einem halben Jahrhundert im Westen wieder zu Wort. Sie waren 1945 nach ihrer Befreiung aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern hinter dem eisernen Vorhang verschwunden, von ihrer in vielen Fällen erneuten Inhaftierung und Zwangsarbeit in sowjetischen Lagern wusste man hierzulande nichts.
Als alte Menschen, die zumeist in bitterer Armut und ohne ausreichende Gesundheitsversorgung leben müssen, richten sie heute ihre Hoffnungen auf Anerkennung ihres Verfolgungsschicksals und auch auf materielle Hilfe an die KZ-Gedenkstätten. Die Gedenkstätten können diesen Hoffnungen in keiner Weise gerecht werden, aber sie leisten einen erheblichen Beitrag in der hiesigen Öffentlichkeit, Empathie und Interesse für diese Opfergruppe zu wecken.
Historische Forschung und öffentliche Aufmerksamkeit begannen sich erst spät den Orten der KZ-Aussenlager zuzuwenden, die überwiegend in den letzten Kriegsjahren entstanden waren und in denen vor allem osteuropäische Juden für die deutsche Kriegsindustrie schuften mussten. Inzwischen wird der Bedeutung der Außenlager für die KZ-Geschichte in den Gedenkstätten Rechnung getragen und es sind vielfache Verbindungen zu Überlebenden der Außenlager in Israel, den USA oder Australien geknüpft worden.
Heute kann man feststellen, dass erst in der letzten Lebensphase der KZ-Überlebenden die Vielfalt ihrer Herkunft, ihres kulturellen, politischen und religiösen Hintergrundes deutlich wurde, die Verschiedenheit ihrer Verfolgungsschicksale, die von Alter, Nationalität und Verfolgungsgrund abhingen. An den KZ-Gedenkstätten wird ihr Erbe bewahrt. Inwieweit die nachfolgenden Generationen es für eine humanere Gesellschaft nutzbar machen können, bleibt abzuwarten.
1 Tadeusz Szymanski, Unglaublich, in: Aktion Sühnezeichen (Hrsg.): Erinnere Dich!
Auschwitz zwischen Schweigen und Sprechen, Göttingen 1994, S. 81
2 Süddeutsche Zeitung vom 11. 8. 1955