KZ-Gedenkstätten dokumentieren die Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands, seiner Verbrechen und deren Opfer am authentischen Ort. Sie konzentrieren sich dabei jeweils auf die spezifische Geschichte des Ortes, ohne den historischen Gesamtzusammenhang sowie Vorgeschichte und Nachgeschichte aus den Augen zu verlieren und - in Verbindung mit der Geschichte des Ortes - zu thematisieren. Der Herkunft der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen Rechnung tragend, sind KZ-Gedenkstätten europäische Orte in Deutschland. Als Bestandteile demokratischer Geschichtskultur leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und anti-demokratischen, die Prinzipien unteilbarer Menschenwürde, unteilbarer menschlicher Grundrechte und der Toleranz missachtenden Einstellungen in der Gegenwart. Lernen, Trauern, Gedenken sind an den Orten unauflöslich miteinander verbunden.
KZ-Gedenkstätten sind Friedhofe; symbolisch im Ganzen und konkret dort, wo sich Gräber befinden. Pflege und Gestaltung der Gräber, die Bewahrung der Namen der Toten, die Schaffung von Orten des Gedenkens, der Besinnung und der Trauer gehören zu den Kernaufgaben der Gedenkstätten.
Die KZ-Gedenkstätten fühlen sich allen Opfern des Nationalsozialismus und deren Angehörigen und Nachkommen in besonderer Weise verpflichtet. Sie tragen dazu bei, Einzelschicksale zu klären. Sie geben Überlebenden oder deren Angehörigen Auskünfte in allen das jeweilige Einzelschicksal betreffenden Belangen. Sie unterstützen in diesem Zusammenhang die Opfer, deren Angehörige oder Nachkommen bei der Verfolgung berechtigter, mit dem Verfolgungsschicksal verbundener Anliegen.
Als ehemalige Tat- und Leidensorte sind KZ-Gedenkstätten im Gegensatz zu nachträglich geschaffenen Denkmalen oder Erinnerungsorten Sachzeugnisse und »Denkmale aus der Zeit«. Die Gelände der ehemaligen Lager und ihre baulichen Überreste sind in spurensichernder, historiographischer und didaktisch-pädagogischer Perspektive zu sichern, zu bewahren und zu erschließen. Dies gilt - nachgeordnet – auch für Phasen der Nachnutzung, der Umnutzung oder der Zerstörung der Lager nach der Befreiung sowie in Bezug auf Zeugnisse der Entstehungsgeschichte der Gedenkstätten.
Das Vergehen der Zeit und in Folge damit das Sterben der Erfahrungsgeneration historisiert die nationalsozialistische Vergangenheit zwangsläufig. Gedenken braucht deshalb Wissen, das Vergangene angemessene Formen der Repräsentation. Sammlung, Archiv, Bibliothek, Dauer- und Wechselausstellungen sind unabdingbar für die Gedenkstättenarbeit.
Gedenkstätten fordern und betreiben Forschungen zur Geschichte der jeweiligen Orte, ihrer historischen Bezüge und ihrer Rezeption. Sie arbeiten dabei nach Möglichkeit mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen. Sie veranstalten Fachtagungen und Konferenzen und machen Forschungsergebnisse einem breiten Publikum durch Publikationen, Schriftenreihen oder mittels anderer Medien zugänglich. Sie geben historische Auskünfte vielfaltigster Art und stellen Sammlungen und Archive der Forschung zur Verfügung. Wissens- und Erkenntnisgewinne schlagen sich in den Ausstellungen der Gedenkstätten und ihrer pädagogischen Arbeit nieder und wirken so der historischen Verkrustung von Gedenkstätten entgegen.
KZ-Gedenkstätten sind Orte außerschulischer historischer und politischer Bildung. Wissensvermittlung ist aber kein Selbstzweck. Sie dient der von Generation zu Generation jeweils neu zu gestaltenden Selbstvergewisserung mitmenschlicher und demokratischer Grundlagen individuellen und gesellschaftlichen Handelns. Die Gedenkstätten entwickeln hierzu pädagogische Methoden, die der Identität von historischem Ort und Lernort Rechnung tragen und die deshalb besonders geeignet sind, dass in den authentischen Orten angelegte Erinnerungs- und Aufklärungspotential fruchtbar werden zu lassen. Darüber hinaus nutzen sie alle geeigneten Arbeitsweisen aus Schule, Erwachsenenbildung, Museumspädagogik, politischer und ästhetischer Bildung und entwickeln sie auf ihre Belange hin weiter. Pädagogische Abteilungen und Internationale Jugendbegegnungsstätten sollten zu Ausstattungsmerkmalen von KZ-Gedenkstätten gehören.
Die KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland befinden sich in unterschiedlicher Trägerschaft. Getragen werden sie von Vereinen, Verbunden, Kommunen, Landkreisen, Lindern und dem Bund, manchmal in Kombination. Die damit verbundene Dezentralität und Vielfalt der Gedenkstättenarbeit in Deutschland ist einzigartig. Deshalb ist die Vielzahl der Trägerschaften und das damit häufig verbundene Zusammengehen von ehrenamtlicher und professioneller Arbeit, von lokaler, regionaler und überregionaler Verantwortungsübernahme sowie individuellem und kollektivem Engagement grundsätzlich erhaltenswert bzw. weiterzuentwickeln und auszubauen. Ziel der institutionellen Verfassung und etatmäßigen Anbindung der KZ-Gedenkstätten muss es sein, ihnen eigenständiges Arbeiten auf hohem Niveau zu ermöglichen. Internationale Beratungsgremien wie wissenschaftliche Beiräte und Häftlingsbeiräte sind für ihre Arbeit wünschenswert. Die institutionelle Struktur der KZ-Gedenkstätten soll sowohl die gesamteuropäische Dimension der Gedenkstätten wie die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Träger in Deutschland zum Ausdruck bringen.
Ein deutliches Engagement des Bundes in Bezug auf Erhalt und Existenzfähigkeit des KZ-Gedenkstättennetzwerkes in der Bundesrepublik Deutschland ist als innen- und außenpolitisches Zeichen dringend empfohlen.
Der Vorstand des deutschen Nationalkomitees des Internationalen Museumsrates
(ICOM) begrüßt die Erklärung der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland über Selbstverständnis, Leitlinien und Organisationsprofil vom 9. November 1997. Der Vorstand identifiziert sich mit dem Engagement der KZ-Gedenkstätten bei der Bewahrung der historischen Orte, der Sicherung der materiellen und immateriellen Hinterlassenschaft und ihrer Interpretation. Er hält die kontinuierliche Arbeit der Gedenkstätten als zeithistorische Museen für unbedingt erforderlich, damit den heutigen und künftigen Generationen weitreichende Möglichkeiten gegeben werden, sich mit den Auswirkungen der deutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Dies setzt voraus, dass die Gedenkstätten langfristig und in ausreichendem Umfang durch die jeweiligen Träger unterstützt werden.