KZ Gedenkstätte Flossenbürg

Retrospektiven und Ausblicke
06/1998Gedenkstättenrundbrief 83, S. 11-18
Skriebeleit, Jörg

In unserer bundesrepublikanischen Erinnerungslandschaft an die Verbrechen des Nationalsozialismus nehmen die Stätten ehemaliger Konzentrationslager eine besondere Rolle ein. Sie markieren die Topographie des dort Geschehenen, versprühen die Aura eines authentischen Ortes und gelten als Synonym für tausendfachen Mord. Diese Plätze mit ihren baulichen Relikten stellen Denkmäler an sich dar - Denkmäler als corpus delicti, wie Volkhardt Knigge pointiert formulierte. Gedenkstätten als manifeste Gedächtnisorte sind in ihrem aktuellen baulichen wie konzeptionellen Erscheinungsbild vor allem aber auch Ausdruck des Umgangs mit der Geschichte des konkreten Ortes in den jeweiligen Gesellschaften und somit eingebettet in eine Überörtliche Erinnerungskultur, die immer auch bestimmt ist von den jeweiligen politischen Verhältnissen.

Während die Namen einiger dieser Orte im historischen sowie gesellschaftlichen Diskurs über den Nationalsozialismus nahezu omnipräsent sind und allein die Nennung ihrer Namen unzählige Assoziationen weckt, bleiben die mentalen Bilder bei der Erwähnung eines Ortes wie Flossenbürg auffällig unscharf. Dieser Befund gilt nicht nur für die mediale und überregionale gesellschaftliche Öffentlichkeit, sondern ist leider auch für einschlägige Fachkreise festzustellen. Er betrifft das Wissen um die Geschichte des Konzentrationslagers ebenso wie den Bekanntheitsgrad der Gedenkstätte.

Was sind die Gründe für die relative Marginalität des KZ Flossenbürg im heutigen öffentlichen Bewusstsein? Eine Geschichte, die fast auf den Tag genau vor 60 Jahren ihren schrecklichen Anfang nahm. Der erste belegbare Transport von Häftlingen erreichte Flossenbürg im Mai 1938. Flossenbürg zählt somit zu einem Lager der zweiten Generation. Wirtschaftliche Überlegungen, hier die umfangreichen Granitvorkommen, waren ein entscheidendes Kriterium für die Standortwahl. Bis zu seiner Befreiung als eines der letzten Konzentrationslager am 23. April 1945 waren über 100000 Häftlinge im KZ Flossenbürg und seinem netzartig über ganz Nordbayern, Böhmen und Sachsen gezogenem System von annähernd 100 Außenlagern interniert. 30000, also fast ein Drittel, der Häftlinge überlebten die Lagerhaft und den Terror der letzten Tage auf den Todesmarschen nicht. Die quellenmäßig eindeutig belegte Sterblichkeitsrate des KZ Flossenbürg sucht im Gesamtsystem der Konzentrationslager ihresgleichen.

Was sind nun die Prägefaktoren, die bestimmte Geschehnisse und Orte in unserem Geschichtsbewusstsein verankern? Was sind die Ausschlussmechanismen? Warum fällt es beispielsweise sogar Dozenten nordbayerischer Universitäten schwer, das KZ Flossenbürg geographisch und historisch auch nur grob zu verorten?

Die Marginalisierung der Vergangenheit durch die Gedenkstätte

Für Flossenbürg scheint im Umkehrschluss zuzutreffen, was James E. Young in seiner neuesten Publikation in Bezug auf die Gedenkstätte Dachau formuliert: »Auf ironische Weise scheint die historische Bedeutung Dachaus proportional zu dessen Erfolg als Gedenkstätte gewachsen zu sein.« und die von Flossenbürg gesunken, so möchte man ergänzen.

Anders ausgedrückt: Öffentliche Diskurse über ehemalige Konzentrationslager am jeweiligen Ort und vor allem über die dortigen Gedenkstätten prägen die Bilder vom dort Geschehenen, die nicht immer der Realgeschichte entsprechen müssen.

Das ehemalige KZ Flossenbürg, so ließe sich zugespitzt konstatieren, wurde bislang weniger nach seiner historischen Bedeutung bewertet, als vielmehr am Erscheinungsbild und der Thematisierung seiner Gedenkstätte und seiner Präsenz im medialen und wissenschaftlichen Diskurs über den Nationalsozialismus gemessen.

Der parkähnliche Charakter der Anlage, die starke Dominanz des - von den damaligen Verantwortlichen so gewünschten — Raumeindrucks als eine Mischung aus Wald- und Soldatenfriedhof mit stilisierten Eisernen Kreuzen (!) auf den Gräberfeldern verwischte die noch vorhandenen Spuren des Konzentrationslagers spätestens seit Mitte der 50er Jahre massiv. Zuvor war das Gelände des ehemaligen KZ Flossenbürg nach der Befreiung zunächst als Internierungslager für SS-Gefangene, ab 1946 kurzfristig als UNRRA-Lager und ab 1947 fast komplett als Auffanglager für Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten genutzt worden. Bereits seit 1946 bestand in der Nähe des früheren Krematoriums, außerhalb des eigentlichen Häftlingsbereichs, eine erste Gedenkstätte. Diese wurde vor allem auf Betreiben der damals im UNRRA-Lager untergebrachten Überlebenden, hauptsächlich nicht-jüdische Polen und Ukrainer, errichtet. Dementsprechend hatte diese frühe Gedenkstätte einen stark christlichen und nationalen Charakter. Mitte der 50er Jahre wurden ein Großteil der ehemaligen Häftlingsbaracken abgebrochen, die Terrassen auf denen diese errichtet waren parzelliert und an die bislang in den umgebauten Baracken lebenden Flüchtlinge verkauft. Im Rahmen eines »Landkreissiedlungswerks« wurden nun auf einem Großteil des ehemaligen Schutzhaftlagers und des SS-Bereichs Einfamilienhäuser errichtet. Die von der SS geschaffene Infrastruktur, die 1938 für das peripher gelegene Flossenbürg einen gewaltigen Modernisierungsschub bedeutet hatte, wurde konsequent weiter genutzt. Der damals etwas abseits des KZ gelegene Ort Flossenbürg entwickelte sich buchstäblich in das Gelinde des ehemaligen Lagers hinein. Bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden die ehemalige Lagerkirche und -wäscherei sowie das dazwischen liegende Areal des Appellplatzes gewerblich genutzt und seitdem immer wieder durch Zubauten den Bedürfnissen des jeweiligen Besitzers angepasst. Das ehemalige SS-Casino, das nach 1945 als Kino fungiert hatte, wurde ab 1950 als Gaststätte betrieben, während das gesamte Steinbruchgelände mit Baracken und Betriebsgebäuden an den gewerkschaftseigenen Betrieb »Oberpfälzer Steinindustrie« (0STI) verpachtet worden war.

Mit der Exhumierung der Opfer entlang der Todesmarschrouten in ganz Bayern und der Umbettung der sterblichen Überreste nach Flossenbürg erfuhr die Gedenkstätte mit der Anlage eines Ehrenfriedhofs ihre erste Erweiterung. Dies bedeutete jedoch eine weitere Vernichtung von historischer Bausubstanz - für die Anlage des Ehrenhains wurde das noch erhaltene Desinfektionsgebäude abgerissen - und eine weitere Verwischung der früheren Dimension des Konzentrationslagers. Die Gedenkstätte Flossenbürg wurde fortan als Grab- und Gedenkstätte definiert und gestalterisch wie verwaltungstechnisch als Friedhof behandelt. Die Umbettung der Todesmarschopfer aus den Einzelorten bewirkte eine Zentralisierung des Gedenkens in Flossenbürg und eine auch optisch so angelegte Reduzierung des Gedenkens auf die rituellen Formen der Totenehrung.

Bemerkenswerterweise fand die Erweiterung und Umgestaltung der Gedenkstätte, »die Überformung des Denkmals aus der Zeit durch Denkmale an die Zeit« (Knigge) keinen nennenswerten Widerspruch, auch nicht von Überlebenden und ihren Verbanden. Aus mehreren Gründen hatte sich nie eine internationale Lagergemeinschaft für Flossenbürg gegründet. Die Zwangsgemeinschaft der Häftlinge des KZ Flossenbürg bestand zu weit über der Hälfte aus Osteuropäern, die nach der Etablierung der europäischen Nachkriegsordnung kaum Möglichkeiten hatten, noch in den Westen zu reisen bzw. sich in ihren Heimatländern aus politischen Gründen oftmals nicht als ehemalige KZ-Häftlinge organisieren konnten. Auch kennzeichnete das KZ Flossenbürg ein sehr starker Durchgangscharakter, weshalb sich Überlebende oftmals in den Gemeinschaften ihrer vorhergehenden Stammlager zusammenschlossen. Es ist auch ein Signum zeit- und gruppenspezifischer Erinnerungskultur, das sowohl der französische als auch der belgische Überlebendenverband ihre alljährlichen Fahrten nach Flossenbürg als Wallfahrten (pèlerinages) deklarierten und sich in ihren symbolischen Praxen und ihrem damaligen Selbstverständnis selbst auf ein Opfergedenken beschränkten.

Eine Zäsur für die Gedenkstättenentwicklung aber auch für die Rollenidentität des französischen Überlebendenverbandes stellte der geplante Abbruch des noch erhaltenen Lagergefängnisses durch die Gemeinde Flossenbürg im Jahr 1964 dar. Erstmals erhob sich größerer Protest gegen die weitere Zerstörung historischer Bausubstanz, der vor allem von der französischen »Association« und der Evangelischen Kirche getragen wurde, die sich erstmalig auf breiterer Ebene engagierte, da mit dem Gefängnishof auch die Exekutionsstätte Dietrich Bonhoeffers vom Abriss bedroht war.

Nach heftigen Diskussionen wurde als eher unbefriedigender Kompromiss der Abriss von ¾ der Bausubstanz des Lagergefängnisses beschlossen. Der erhalten gebliebene Rest mit der Exekutionsstätte wurde restauriert und in den Räumen des »Restgefängnisses« eine 1985 letztmalig überarbeitete Dauerausstellung eingerichtet. Hierfür wurde das Territorium der Gedenkstätte nochmals erweitert womit etwa ein Drittel des ehemaligen Häftlingsbereichs in den von der bayerischen Schlosser und Seenverwaltung betreuten Gedenkbereich integriert war. Anders als bei der Erweiterung 1959 wurde auf eine neuerliche Gesamtplanung der Anlage verzichtet, weshalb der jüngere und die beiden älteren Teile der Gedenkstätte relativ unverbunden nebeneinander bestanden. Während der neuere Teil um das ehemalige Lagergefängnis immer mehr verwuchs und zuwucherte wurde der Grabbereich intensiv gärtnerisch gepflegt.

Die Beseitigung baulicher Originalsubstanz, die Verniedlichung des Ortes durch seinen parkähnlichen Charakter, der sich für uninformierte Besucher auch nicht sofort als Friedhof erschloss, ebenso wie die sich mit neueren Forschungen nicht mehr deckenden Opferzahlen auf den nationalen Gedenktafeln der ersten Gedenkstätte wirkten geschichtsrelativierenden Eindrücken von Besuchern zumindest entgegenkommend.

Bis auf kleinere Maßnahmen hatte sich das Erscheinungsbild der Gedenkstätte bis 1995 kaum wesentlich verändert. Außer den auf dem Gelände der Gedenkstätte befindlichen Originalgebäuden wie Krematorium, drei Wachtürmen, Resten des Lagergefängnisses sowie verschiedenen Bodendenkmälern, blieben außerhalb der Gedenkstätte bis heute wesentliche Funktionsbauten des ehemaligen Lagergefängnisses erhalten: Das zentrale Verwaltungsgebäude, die sogenannte Kommandantur, die Lagerkirche und -wäscherei mit dem Areal des Appellplatzes, das SS-Kasino, das DEST-Verwaltungsgebäude sowie die SS-Führerhäuser.

Die Marginalität, welche das KZ Flossenbürg und die Gedenkstätte im öffentlichen Diskurs einnahmen, spiegelt sich leider auch seitens der historischen Wissenschaften wider.

Der erste, signifikanterweise von einem Journalisten unternommene Versuch einer Gesamtdarstellung der Geschichte des KZ Flossenbürg stammt aus dem Jahr 1975. Die Arbeit Toni Siegerts forderte ertragreiche Hinweise zutage und gilt bis heute als Standardwerk. Seitdem wurden nur wenige Einzelbereiche der Lagergeschichte erforscht und das gros sofern man von gros überhaupt sprechen kann - der Publikationen zu Flossenbürg bewegt sich im populärwissenschaftlichen und journalistischen Bereich, ergänzt durch einige, sehr curricular ausgerichtete, pädagogische Handreichungen, die in ihrer Qualität allerdings oftmals nicht unbedenklich sind. So beginnt eine unlängst publizierte Broschüre eines bayerischen Pädagogenverbandes über das KZ Flossenbürg mit dem Satz »Die Oberpfalz besitzt ein historisches Kleinod... »

Verdienste in Bezug auf die Thematisierung des KZ Flossenbürg erwarben sich vor allem seit Anfang der 80er Jahre unterschiedliche Einzel- und Gruppeninitiativen. Ähnlich der Situation in anderen Orten ehemaliger nationalsozialistischer Terrorstätten, begann sich zu diesem Zeitpunkt auch für Flossenbürg eine Art Gedenkstättenlobby zu formieren. Eine sich primär politisch definierende Geschichtsinitiative, kirchliche Gruppen und diverse Einzelpersonen lieferten wichtige Impulse und Zielvorstellungen für die Gedenkstättenentwicklung. Leider belasteten vor allem in den letzten Jahren äußerst unerfreuliche Konflikte zwischen verschiedenen Beteiligten den Diskurs um das KZ Flossenbürg erheblich.

Neue Perspektiven seit 1995

Das Jahr 1995, der 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, bedeutete für die Gedenkstätte Flossenbürg erhöhte mediale Aufmerksamkeit, die das Bild eines »vergessenen Konzentrationslagers« transportierte und somit Handlungsbedarf in Bezug auf Ausstattung und Erscheinungsbild der Gedenkstätte anmeldete.

Von Seiten des Freistaates Bayern wurden im Zuge der sich nun verstärkenden öffentlichen Diskussionen erstmals die Notwendigkeit einer Neubewertung und Neukonzeption der Gedenkstätte offiziell anerkannt und eine Art Gedenkstättenbeirat ins Leben gerufen. Eines der ersten und wichtigsten Ergebnisse dieses neuen Gremiums war die Einrichtung einer Informationsstelle für die KZ Gedenkstätte Flossenbürg. Im Frühjahr 1996, 51 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg, wurde das Informationsbüro eröffnet. Zunächst lediglich für den Zeitraum eines Jahres finanziell gesichert und äußerst minimalistisch konzipiert, gewann diese Einrichtung eine unerwartete Eigendynamik. Die an das Informationsbüro, das ursprünglich nur mit der rudimentären Sichtung von Quellen und Erarbeitung von Impulsinformationen für Besucher beauftragt war, gerichteten Anliegen und Erwartungen unterschieden sich tendenziell kaum von den Arbeitsbereichen längst etablierter und personell besser ausgestatteter, größerer Gedenkstätten. Die Wiederentdeckung und Erschließung des achtbändigen Original-Nummernbuchs des KZ Flossenbürg sowie weiterer namensbezogener Quellen zu Häftlingen unterstrichen die Notwendigkeit weiterer systematischer Forschungen. Dementsprechend wurde die Befristung der Stellen im Informationsbüro um ein weiteres Jahr verlängert.

Der Übergang der staatlichen Zuständigkeiten für die bayerischen Gedenkstätten an die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit im Jahr 1997 bedeutete für die Einrichtung in Flossenbürg nicht nur einen Stil-, sondern auch einen Qualitätswechsel im Umgang mit staatlichen Stellen. So gibt es inzwischen offizielle Bestrebungen, den Personalbestand des Informationsbüros dauerhaft zu sichern und auszubauen. 1997 markiert aber vor allem insofern eine weitere Zäsur in der Geschichte der Gedenkstätte, weil ein wesentlicher Teil des ehemaligen Konzentrationslagers dem Freistaat Bayern als Schenkung zur Eingliederung in die Gedenkstätte angeboten wurde. Die von der Firma »alcatel« industriell genutzte Lagerkirche und die Lagerwäscherei sowie der dazwischen liegende Appellplatz werden noch in diesem Jahr in den Besitz des Freistaates übergehen Ebenso ist die Gemeinde Flossenbürg bereit, das Kommandanturgebäude dem Staat für Gedenkstättenzwecke zu Überlassen. Die Gedenkstätte Flossenbürg wird - so der gegenwärtige Sachstand - um Kernareale des früheren Konzentrationslagers erweitert werden. Diese umfassen nicht nur zentrale Teile des ehemaligen Schutzhaftlagers, sondern auch einen wesentlichen Funktionsbau des SS- Bereichs.

Zur Eröffnung einer Debatte über die Zukunft der Gedenkstätte Flossenbürg fand vom 23.4.-24.4.1998, am 53 Jahrestag der Befreiung des KZ und 60 Jahre nach seiner Gründung, eine wissenschaftliche Tagung unter Beteiligung von Historikern, Architekten, Pädagogen und Baufachleuten statt. Nach Impulsreferaten von Prof. Benz (Berlin) über die Funktion von KZ-Gedenkstätten und Prof. Brenner (München) über jüdische DPs, stand die konkrete Geschichte des Ortes und eine topographische Einführung in die Spezifika der Flossenbürger Gedenkstätte und der historischen Relikte im Vordergrund der Tagung.

Eine der größten Herausforderungen bei der gestalterischen Neukonzeption wird sein, die Spuren der Nachkriegsnutzung vorsichtig zurückzubauen bzw. die in das Gelände eingelagerten Sinn- und Deutungsebenen freizulegen und teilweise abzutragen. Eine Gruppe junger Architekten von der Akademie für bildende Künste in Nürnberg lieferte hierzu wichtige Impulse. Uneinigkeit bestand über den Umgang mit den teilweise direkt auf dem Appellplatz erstellten Fabrikhallen aus den 70er und 80er Jahren. Während die Denkmalpflege für einen Totalabriss der drei Gebäude plädiert, um die geometrische Raumstruktur des ehemaligen KZ wieder sichtbar zu machen, sprach sich Prof. Benz für den Erhalt zumindest des jüngsten Gebäudes und seine kulturelle Nutzung aus. Von den Teilnehmern wurde immer wieder die einzigartige Situation in Flossenbürg und das direkte Nebeneinander von Gedenkstätte und Einfamilienhäusern auf dem früheren Lagergelände betont. Die von Prof. Benz geprägte und von allen Beteiligten unterstützte Maxime lautete: »Die Konzeption der Gedenkstätte muss für die auf diesen Arealen lebende Bevölkerung erträglich sein.«

Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass durch die Integration der zur Debatte stehenden Gebäude in die Gedenkstätte Besucher einen völlig neuen Raumeindruck erhalten würden, der die Dimension des ehemaligen KZ sofort visuell erfahrbar macht.

Da die Gedenkstätte Flossenbürg bislang einer inhaltlichen Konzeption völlig entbehrte, blieben Vorschläge zu einem wissenschaftlichen und pädagogischen Rahmenkonzept eher vage. Die Notwendigkeit einer weiteren Ausstellung über die Gesamtgeschichte des Nationalsozialismus wurde zumindest von Prof, Benz für Flossenbürg verneint. Es sei viel wichtiger, das Spezifische des Ortes zum Ausdruck zu bringen.

In Flossenbürg könnte nach Überlegungen des Informationsbüros versucht werden, auf der Basis der Geschichte des KZ Flossenbürg sowie der Nachkriegsnutzung des Geländes eine Verknüpfung zu den Postulaten einer Kulturalisierung und Veralltäglichung der Gedenkstättenarbeit (Benz) und ihrer Europäisierung (Faulenbach) herzustellen.

Unter dem Arbeitsbegriff »Euregionale Gedenkstätte« wäre eine inhaltliche Konzeption zu entwickeln, die natürlich die Lagergeschichte des KZ Flossenbürg in den Mittelpunkt stellt. Hierbei gilt, das KZ Flossenbürg zunächst historiographisch neu und umfassend zu erschließen, wobei ein besonderes Augenmerk neben der ausführlichen Darstellung und Entanonymisierung von Häftlingsschicksalen - aber auch von Täterbiographien und -strukturen - auf die annähernd 100 Außenlager zu richten wäre, die sich bis nach Würzburg, Dresden und Leitmeritz (CR) erstreckten. Der bereits bestehende wissenschaftliche grenzüberschreitende Austausch zu Stätten ehemaliger Außenlager, der sehr plastisch mit den unterschiedlichen ost- und westdeutschen sowie tschechischen Erinnerungskulturen konfrontiert, soll auch auf pädagogischer und kultureller Ebene intensiviert werden. Die Gedenkstätte eines Konzentrationslagers mit Überwiegend aus Osteuropa stammenden Häftlingen hätte ihr Augenmerk verstärkt Richtung Osten zu richten.

Die vielfach beschriebene biographische Entfernung heutiger Jugendlicher von der Zeit des Nationalsozialismus muss dabei sehr ernst genommen werden. Es lässt sich heute schon beobachten, dass jugendliche Besucher von Gedenkstätten außer der Erwartung eines Gruselerlebnisses wenig Konkretes mit den Orten verbinden. Aus den aktuellen Lebensbezügen und Problemlagen heutiger Besucher, die sich im bayerischen Grenzland - aber nicht nur dort — in Form von Ängsten, Vorurteilen und Stereotypisierungen gegenüber den östlichen Nachbarn - womit auch die neuen Bundesländer gemeint sind - artikulieren, sind Lernangebote aus dem historischen Kontext zu entwickeln.

Neben der angedeuteten Europäisierung steckt aber auch das Wortelement der Regionalität im Neologismus Euregional. Mit diesem Oberbegriff soll eine Rückbindung an die augenblicklichen Lebenswelten der Besucher versucht werden. Es ist auch Aufgabe der Gedenkstätten, die Polylokalität des nationalsozialistischen Terrors anzudeuten. Dies könnte beispielsweise die hundertfachen Einzel- und Massengräber entlang der Todesmarschrouten, das erwähnte System der Außenlager, die Einzelschicksale von Häftlingen und die Biographien von Tätern umfassen.

Die Überlegungen zur Zukunft der Gedenkstätte Flossenbürg beginnen sich gerade erst zu entfalten. Das Symposium vom April war lediglich der Auftakt eines sich allmählich formierenden breiten Diskussionsprozesses. Im Herbst dieses Jahres soll den wenigen Überlebenden des Flossenbürger Lagerterrors die Möglichkeit gegeben werden, ihre Vorstellungen und Wünsche zur weiteren Gestaltung darzulegen. Ihrem Votum wird bei allen weiteren Vorhaben besonderes Gewicht einzuordnen sein.