»Krefeld und der Nationalsozialismus«

Die neue Ausstellung in der Villa Merländer in Krefeld
03/2015Gedenkstättenrundbrief 177, S. 46-49
Angela Genger

In einer Villengegend in Krefeld befindet sich der Dokumentationsort »Villa Merländer« der Stadt Krefeld. Wie schon der Name verrät, handelt es sich um ein ehemals großbürgerliches Wohnhaus. Es wurde 1924 für den Seidenfabrikanten Richard Merländer errichtet, der hier von 1925 bis 1938 wohnte. Er hatte das Haus von dem rheinischen Expressionisten Heinrich Campendonk (1889 in Krefeld – 1957 in Amsterdam) ausgestalten lassen: Campendonk malte Decken und Räume aus, fertigte eine Hinterglasmalerei und gestaltete Möbel. Erhalten geblieben sind einige Möbel, die sich im Museum der Stadt Mülheim befinden; rekonstruiert wurde das »Spielzimmer« mit typischen Campendonk-Motiven: einem Harlekin, einer Zirkusreiterin, einer Vase mit Sonnenblumen, Wildkatzen und, auf den Raum bezogenen Spielutensilien, wie einem Billardtisch, einem Würfelbecher, Spielkarten, einem Schachspiel, einer Taube mit Glücksklee im Schnabel sowie, auf den Hausherren bezogen, eine Kiste Zigarren. In dem Haus wohnte Richard Merländer zeitweise mit seinen beiden Brüdern.

1933 begannen die antijüdischen Repressionen gegen die Brüder, und obwohl Richard Merländer seit 1935 seine Auswanderung betrieb, war er im November 1938 dem Überfall der Nazis schutzlos ausgeliefert. Er wurde misshandelt, einer seiner Brüder erlitt einen Herzanfall, von dem er sich nicht mehr erholte, das Mobiliar wurde beschädigt, darunter auch eine Hinterglasmalerei von Heinrich Campendonk. Als er sein Haus aufgeben musste, ließ Merländer die Wandmalerei Campendonks hinter einer Schutzschicht verstecken und übergab wahrscheinlich seiner Haushälterin die Möbel. 1942 wurde der 67-jährige Richard Merländer nach Theresienstadt, von dort noch im selben Jahr ins Vernichtungslager Treblinka deportiert.

Nach der »Arisierung« der Villa fungierte sie zunächst als Hotel. Nach dem Krieg wechselte sie mehrfach den Besitzer. Seit 1991 wurde sie als Gedenkort der Stadt Krefeld mit einer Ausstellung zur Stadtgeschichte und zur Geschichte des Nationalsozialismus eröffnet.

Die Ausstellung wurde in den vergangenen zwei Jahren vollständig überarbeitet. Die neue Ausstellung berücksichtigt strikt den Charakter des Hauses als früherem Wohnhaus. So findet man sich gleich nach Betreten des Hauses in einem Raum wieder, der einem Wohnzimmer nachempfunden ist. In anderen Räumen bilden Tapeten den Hintergrund von gerahmten Plakaten, die Bodenbeläge und die dem Mobiliar der Villa nachgebauten Vitrinen, ja sogar Düfte und Geräusche sollen den Besucher so nah wie möglich an die Wohnsituation des einstigen Hausherren heranführen. In einer Nische im Eingangsbereich wird auf die Geschichte Richard Merländers und der Villa hingewiesen.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Themenkomplexe, alle auf Krefeld bezogen: »Machtergreifung«, »Alltag im Nationalsozialismus«, »Judenverfolgung« und »Krieg«. Diese Gliederung wird im Eingangsbereich erklärt und mit einer Bildergalerie quer durch alle Themen eingeleitet. Gleichzeitig steht man bereits mitten in der Ausstellung. Ein Volksempfänger lenkt den Blick auf die Bedeutung des Rundfunks als Propaganda­mittel. In knappen Worten und mit jeweils eingerahmten Dokumenten und Bildern wird die spezifische Struktur der Machtergreifung in Krefeld vorgestellt, wo Auswärtige sowohl den Posten des Oberbürgermeisters als auch den des Kreisleiters übernahmen. Wie überall im Reich wurde die politische Opposition mundtot gemacht und um ihr Vermögen gebracht. Die Stadtverwaltung entließ politisch unliebsame und »rassisch« nicht genehme Mitarbeiter. Die Polizei wurde kommunalisiert und umstrukturiert und Gerichte, wie andere Institutionen, gleichgeschaltet.

Verlässt man den Eingangsbereich, wird man durch einen Flur in einen anderen Raum geführt, in dem das Thema »Alltag im Nationalsozialismus« erklärt und visualisiert wird. Das öffentliche Leben veränderte sich durch ständige Aufmärsche, durch Beflaggungen und die Präsenz Uniformierter: SA und Hitlerjugend bestimmten das Leben. Straßen wurden umgehend umbenannt. Der Wirtschaftsstandort Krefeld bekam durch den Bau der Rheinbrücke (deren Planung in die Zeit vor 1933 zurückreichte), die Vergabe von Rüstungsaufträgen und die Errichtung einer »Neuen Kaserne« Auftrieb und schuf, wie der Arbeitsdienst, neue Arbeitsplätze. Familie und Jugend wurden mit speziellen Programmen gefördert: durch Ehestandsdarlehen, Auszeichnung der Mütter großer Familien, körperliche Ertüchtigung der Jugend. Wer nicht in das Schema der Volksgemeinschaft passte, sei es, dass er sich entzog, sei es, weil er nach rassistischen Gesichtspunkten nicht zu ihr gehörte, wie körperlich und psychisch für unheilbar erklärte Kranke oder Sinti und Roma wurde ausgegrenzt, stigmatisiert, festgesetzt und schließlich ermordet. In diesen Prozess eingebunden waren Gesundheits- und Fürsorgeverwaltung, Ärzte und NS-Stellen, Krankenhäuser und Pflegeanstalten, und, im Falle der Sinti und Roma, die Kriminalpolizei. Erschütternd in der Ausstellung auch die Dokumente zu Denunziationen.

In einem kleinen Raum wird das Thema »Judenverfolgung« entfaltet. Das Leben auch der Krefelder Juden änderte sich bereits mit den ersten Wochen nach der Machtergreifung. Dafür gibt es eindringliche Beispiele. Hier profitiert die Ausstellung stark von den in den letzten zwei Jahrzehnten gesammelten persönlichen Beständen, durch die Berufsverbote oder die Ausschlüsse aus Verbänden und Vereine ebenso »sichtbar« gemacht werden wie Versuche der Selbstbehauptung und Flucht. Bis zum Kriegsbeginn im September 1939 verringerte sich die Zahl der Juden in Krefeld um die Hälfte. Die anderen litten weiter unter der sozialen und wirtschaftlichen Ausgrenzung und der sich zuspitzenden Ausplünderung. Für die Beteiligung der Finanzbehörden zeigt die Ausstellung einige erschütternde Beispiele. Ab Oktober 1941 bis zum Sommer 1942 deportierten Gestapo und Polizei die Krefelder Juden über Düsseldorf nach Lodz (Getto Litzmannstadt) und Riga, nach Izbica in Ostpolen und nach Theresienstadt im annektierten Böhmen. Im September 1944 wurden auch die in sog. Mischehe lebenden jüdischen Ehepartner deportiert. Aus dieser Gruppe stammten die meisten der wenigen Überlebenden.

Einige wenige kehrten nach Kriegsende nach Krefeld zurück, meist nur vorüber gehend, um das Schicksal ihrer Angehörigen zu klären oder auf ihre Ausreise nach USA, Palästina/Israel oder in ein anderens Land zu warten. Nur wenigen wurde Krefeld wieder Heimat.

Eine Installation führt den Besucher der neuen Ausstellung in das vierte Thema »Krieg« ein, das aber schon im Jahr der »Machtergreifung« Wirtschaft und Gesellschaft mit prägten. Bereits im Jahr 1933 wurden zivile Luftschutzeinrichtungen vorangetrieben, und Krefeld war Standort wichtiger Rüstungsbetriebe (Edelstahlwerke, IG Farben, Rheinische Kunstseide AG). Mit Kriegsbeginn wurde deren Produktion ausgeweitet und zu einem erheblichen Teil von ausländischen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen sowie Kriegsgefangenen verschiedener Nationalität übernommen. Eines der großen Kriegsgefangenenlager der Region, Krefeld-Fichtenhain, ist nur eines von auf einer Karte verortbaren Lagern.

Auch das Leiden der Zivilbevölkerung unter dem Luftkrieg wird thematisiert, u.a. am Beispiel eines der großen Angriffe aus dem Jahr 1943, bei dem ganze Stadtviertel zerstört wurden und die Toten nur in einem Massengrab beerdigt werden konnten. Gegen Kriegsende wurden die letzten Reserven – sehr Junge und Ältere ebenso wie immer mehr Frauen in den Dienstverpflichtungen mobilisiert, gleichzeitig verschärfte sich die Kontrolle auch der »Volksgenossen«. Der Einzug der amerikanischen Truppen im März 1945 verlief ohne weiterreichende Kämpfe.

Am Ende der Ausstellung stehen Verfahren und Bestrafung von namentlich benannten Tätern. Untersuchungen und Gerichtsverfahren verliefen nicht selten im Sande oder für die Angeklagten glimpflich – kein besseres oder schlechteres Kapitel der Stadtgeschichte wie anderswo auch. Die Überarbeitung der Ausstellung wurde bis auf das Design der Plakate von der langjährigen Leiterin der Einrichtung, Ingrid Schupetta, auf der Basis ihrer Erfahrung mit Besuchern, meist Schulgruppen und interessierten Erwachsenen entwickelt und umgesetzt. Für den einfachen Rundgang benötigt man etwa eineinhalb Stunden. Vertieft man die Themen, indem man die in Vitrinen und Schubladen befindlichen Dokumente genau studiert, verlängert sich der Aufenthalt entsprechend. Die Besichtigung des von Heinrich Campendonk gestalteten, rekonstruierten Spielzimmers eröffnet das Thema der verfemten Kunst. Die Kunst erfasst einen ganz unmittelbar. Nach wie vor ist das Haus selbst – mit seinem rekonstruierten Villencharakter – das Besondere. Die Ausstellung »Krefeld im Nationalsozialismus« erzählt knapp und kompakt mit vielen starken Dokumenten die Stadtgeschichte dieser westdeutschen Großstadt.
 

Angela Genger hat Geschichte, Politik und Erziehungswissenschaften studiert. Von 1980 bis 1988 war sie Leiterin der »Alten Synagoge« Essen. Danach leitete sie bis zum Ruhestand 2002 die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf.