1996 verlegte Gunter Demnig in Berlin erstmals Stolpersteine – damals noch illegal im Rahmen einer Kunstaktion. Es ist dem Engagement von Steven Robins zu verdanken, dass im Jahr 2000 Stolpersteine für seine Familienangehörigen mit behördlicher Genehmigung verlegt werden konnten. Aus Südafrika kommend war er, den Spuren seiner Angehörigen folgend, in Kreuzberg auf diese gestoßen.
Nicht nur in Berlin wurde diese Idee seither von vielen Angehörigen NS-Verfolgter, Privatpersonen, Gruppen und Schulklassen aufgegriffen und bereits 2005 ergab sich aufgrund des organisatorischen Aufwandes in einer Stadt wie Berlin die Notwendigkeit, eine koordinierende Institution zu errichten. Diese Aufgabe machte sich die Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten zu eigen.
Inzwischen ist das Projekt von Gunter Demnig kontinuierlich gewachsen, dies dokumentieren die über 40 000 verlegten Stolpersteine in 17 europäischen Staaten, davon allein über 5000 in Berlin.
Der Erfolg dieses Projektes – das als soziale Skulptur oder auch als größtes dezentrales Denkmal bezeichnet wird – liegt sicherlich an den vielfältigen Partizipationsangeboten. Jede Person kann sich im Rahmen ihrer Bedürfnisse und Möglichkeiten engagieren. Die Bandbreite reicht von ausschließlich finanzieller Unterstützung, den minutiösen Recherchen zur Lebensgeschichte einer von den Nationalsozialisten verfolgten Person, der Suche nach noch lebenden Angehörigen bis hin zum regelmäßigen Putzen der Stolpersteine.
Die meisten Arbeiten rund um eine Stolperstein-Verlegung werden ehrenamtlich geleistet. In Berlin gibt es in jedem Bezirk eine Initiative, die diese Aufgaben übernimmt, häufig sind diese angegliedert an Bezirksmuseen oder Kirchengemeinden. Von 2005 bis 2011 war die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin – die auch die Arbeiten rund um die Stolperstein-Verlegungen in Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte übernahm – eine temporäre Einrichtung mit befristet tätigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, meist aus dem zentralen Personalüberhangmanagement des öffentlichen Dienstes.
Doch die Aufgaben im Projekt Stolpersteine wurden immer vielfältiger und es erschien auch in Vorbereitung eines gemeinsamen Webauftritts aller Berliner Stolperstein-Initiativen sinnvoll, eine institutionelle Förderung in Betracht zu ziehen. Dies waren sicherlich einige der Gründe, die dazu führten, dass der Berliner Senat 2011 entschied, die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin langfristig mit einem eigenen Etat auszustatten und beim Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. anzugliedern. Die vorgesehenen Ausschreibungen einer vollen und zwei halber Stellen konnten jedoch aufgrund der Haushaltssperre nicht vorgenommen werden, sondern mussten auf den Sommer 2012 verschoben werden. Diese führte dazu, dass 2012 zunächst alle erforderlichen Aktivitäten mit geringsten finanziellen Mitteln umgesetzt werden mussten. Dies gelang, dank des Engagements der kommissarischen Leiterin Marion Neumann und den beiden Praktikanten Liza Jost und Thomas Stöppler und der Unterstützung durch Mitglieder des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., sodass auch unter diesen erschwerten Bedingungen alle geplanten Verlegungen durch Gunter Demnig in Berlin stattfinden konnten.
Die Besetzung der Stelle fand ab Sommer 2012 statt und im Dezember begann der personelle und organisatorische Neuanfang der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin im Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.
Der Neubeginn war geprägt durch die am 14. Januar 2013 erfolgte Freischaltung des Webportals www.stolpersteine-berlin.de. Auf einer virtuellen Berlinkarte kann seither die interessierte internationale Öffentlichkeit zu allen derzeit in Berlin verlegten Stolpersteinen recherchieren. Die Informationen sind nach Bezirk oder Straße abrufbar, selbstverständlich kann auch nach Namen und nach Gründen der Verfolgung gesucht werden. Waren die Recherchen im Vorfeld einer Stolperstein-Verlegung erfolgreich, wird zudem die Biografie und im Idealfall auch ein Foto der Person präsentiert. Sukzessive sollen alle Biografien zumindest ins Englische übersetzt werden. Die Homepage basiert auf einer von allen Berliner Stolperstein-Initiativen gemeinsam genutzten Datenbank, in der alle Informationen rund um eine Verlegung notiert werden können, wie zum Beispiel die Namen der Initiatoren, den erfolgreich oder erfolglos besuchten Archiven und Namen von Angehörigen.
Das Webportal ist das Ergebnis eines dreijährigen Diskussionsprozesses zwischen Herrn Prof. Dr. Ulf Leser, seiner damaligen Studentin Magda Soyka (und inzwischen verantwortlichen Programmiererin) und den Vertreterinnen und Vertretern der Berliner Stolperstein-Initiativen. Es war die Anschubfinanzierung des Hauptstadtkulturfonds in Vorbereitung des »Themenjahrs 2013 – Zerstörte Vielfalt«, die den noch fehlenden Impuls zur Umsetzung des Vorhabens gab. Seit Oktober 2012 ist eine der beiden halben Stellen mit einer pädagogischen Mitarbeiterin besetzt. Schon lange arbeiten Schulklassen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern zu Stolpersteinen, recherchieren Biografien, suchen Angehörige, informieren andere über das Projekt und bereiten Gedenkfeiern vor. Nun kann die Koordinierungsstelle interessierten Pädagoginnen und Pädagogen im schulischen wie außerschulischen Bereich beratend zur Seite stehen. Dabei verortet sich das Team der Koordinierungsstelle innerhalb der Holocaust Education. Über die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und nationalsozialistischer Deportations- und Vernichtungspolitik sollen Jugendliche auch für aktuelle Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen sensibilisiert werden. Daher liegen uns Stolpersteine für Verfolgtengruppen, die im öffentlichen Gedächtnis der BRD marginalisiert sind, wie zum Beispiel Sinti und Roma, Opfer der »Euthanasieprogramme« oder als »asozial« stigmatisierte Menschen besonders am Herzen. Zudem wollen wir alle, die pädagogisch zu und mit Stolpersteinen arbeiten miteinander ins Gespräch bringen. Daher organisieren wir in vierteljährlichem Abstand Treffen, in denen sich alle Interessierten über pädagogische Aspekte ihrer Arbeit austauschen und Tipps und Hinweise weitergeben können.
In den nächsten Monaten wird pädagogisches Begleitmaterial fertiggestellt werden, das Lehrerinnen und Lehrern mit detaillierten Recherchehinweisen helfen soll, entsprechende Projekte durchzuführen. Bei diesen Hinweisen wollen wir uns nicht nur auf die biografische Recherche beschränken, sondern Lehrer und Lehrerinnen anregen, sich mit allen Akteuren und auch den Profiteuren nationalsozialistischer Verfolgungspraxis zu befassen. Darüber hinaus möchten wir auffordern, sich nicht nur auf das Leben der Verfolgten zu beziehen, sondern auch den Stadtraum in der pädagogischen Arbeit zu berücksichtigen, denn die Geschichte des Ortes stellt eine direkte Verknüpfungslinie ins Hier und Jetzt der Jugendlichen dar. Der von allen geteilte, vertraute Ort ruft Interesse hervor und bietet so eine weitere Ebene bei der Auseinandersetzung mit Verfolgtenschicksalen.
Neben diesen Neuerungen bleiben die drei bis vier Mal jährlich stattfindenden Verlegungen von neuen Stolpersteinen durch Gunter Demnig ein Schwerpunkt der Arbeit der Koordinierungsstelle. Das große europaweite Interesse an Stolperstein-Verlegungen macht eine langfristige und minutiöse Planung erforderlich. Die genauen Termine für eine Verlegung sind etwa sechs Monate vorher bekannt. Die bezirklichen Stolperstein-Initiativen melden ihr Interesse und die gewünschte Anzahl von Stolpersteinen häufig noch früher an. Selbstverständlich bemühen wir uns, möglichst alle Wünsche gleichermaßen zu berücksichtigen, was nicht immer gelingt. Die erste Fassung der Inschrift für einen Stolperstein muss drei Monate vor einer Verlegung vorliegen und durchläuft insgesamt drei Korrekturdurchläufe. Diese Etappen sind erforderlich, um die Rechercheergebnis, die auf die wenige Zeilen umfassenden Inschriften komprimiert werden, auf Stichhaltigkeit zu prüfen und mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen abzugleichen. Auch wenn das Projekt wächst und immer wieder Stimmen laut werden, dass die Produktion erweitert werden sollte, sind Gunter Demnig und sein Team der Überzeugung, dass jeder Stolperstein ein handgefertigtes Unikat bleiben soll und sich eine Massenproduktion aus Respekt vor den Verfolgten verbietet. Das Projekt verbleibt aufgrund der unermesslichen Opferzahlen im Rahmen des symbolischen Gedenkens, in dem es nicht darum gehen kann, schlussendlich jedem Verfolgten einen Stolperstein zu widmen, als es vielmehr so zu etablieren, dass jeder Stolperstein zur Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen sowie mit dem europaweiten Widerstand dagegen beiträgt.
Ein weiteres wichtiges Anliegen ist uns, die bereits vorhandenen Stolpersteine in die Berliner Erinnerungskultur einzubinden. Als einen Schritt in diese Richtung betrachten wir die Publikation »Stolpersteine in Berlin – 12 Kiezspaziergänge« zum Abschluss des »Themenjahrs 2013 – Zerstörte Vielfalt«. Dieses Buch ist ähnlich wie ein Reiseführer aufgebaut und versammelt neben einigen übergreifenden Texten zum Projekt insgesamt zwölf Kiezspaziergänge, die es der Berliner Bevölkerung sowie Besuchern und Besucherinnen ermöglichen, sich der Stadtgeschichte während der nationalsozialistischer Herrschaft anzunähern und mehr über ehemalige Berlinerinnen und Berliner zu erfahren. Diesem ersten Band sollen in unregelmäßigen Abständen weitere folgen.
Dank der institutionellen Förderung kann die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin den bezirklichen Initiativen zusätzliche Angebote machen. So fanden in der ersten Jahreshälfte 2013 Schreibwerkstätten statt. In diesen ganztägigen Seminaren konnten sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Aspekten des biografischen Schreibens vertraut machen. Zudem werden regelmäßig Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen relevanter Archive zu Vorträgen eingeladen bzw. die Mitglieder der bezirklichen Initiativen nehmen an einem vor Ort durchgeführten Archivworkshop teil. Diese Veranstaltungen sind Unterstützungsangebote, um die oft langwierigen und verschlungenen Recherchewege zu verkürzen und die auf große Resonanz stießen.
In den nächsten Jahren wird ein zusätzliches Augenmerk der Koordinierungsstelle darauf liegen, die noch fehlenden Biografien für das Webportal zu recherchieren. Die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin zieht nach einem Jahr Arbeit im neuen Team Bilanz und ist erfreut über die zahlreichen positiven Rückmeldungen zu den bislang beschrittenen Wegen. Das ermuntert uns, neue Projekte in Angriff zu nehmen, weitere Kooperationspartner zu finden und die ehrenamtliche Arbeit am Projekt zu verstärken. Ideen und Vorschläge dazu sind höchst willkommen, auf diese sind wir gespannt und freuen uns darauf.
Autor und Autorinnen sind in der Koordinierungsstelle Stolperstein Berlin tätig.
Sören Schneider organisiert und koordiniert die Stolperstein-Verlegungen und betreut den Online-Auftritt der Koordinierungsstelle.
Sophia Schmitz ist pädagogische Mitarbeiterin der Koordinierungsstelle.
Dr. Silvija Kavčič leitet die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin.