Kooperationstagung von Gedenkstätten in Deutschland und Österreich

»Historische Bedingungen und gesellschaftliche Entwicklung der Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes in Deutschland und Österreich im Vergleich« Einladung und Programm
10/2002Gedenkstättenrundbrief 109, S. 23-26
Thomas Lutz und Hartmut Reese

Deutschland und Österreich haben in der Geschichte des Nationalsozialismus eine gemeinsame Geschichte, die zugleich in einem komplizierten und komplexen Wechselverhältnis steht. Österreich sah sich im eigenen Nachkriegsverständnis als »erstes Opfer« der nationalsozialistischen Aggression, aber es war doch in der Mehrheit seiner Bevölkerung und seiner politischen wie kulturellen Eliten auch bereit gewesen, sich 1938 dem NS-Regime anzuschließen. Deutschland war dagegen ohne Zweifel die »Heimat« des nationalsozialistischen Regimes und seiner Verbrechen sowie Ausgangsort der Zerschlagung des österreichischen Staates.

Die Auseinandersetzung mit seiner Geschichte war jedoch auch in Deutschland nach 1945 von Verdrängung und Entschuldung gekennzeichnet. In beiden Ländern, beiden Gesellschaften entstanden vor diesem Hintergrund z.T. sehr unterschiedliche Erinnerungskulturen und damit divergierende Weisen der Auseinandersetzung. Verwunderlich ist nur, dass man sich gegenseitig in seiner Art des Gedenkens, aber auch in den unterschiedlichen Mythen, die damit verbunden sind, eher wenig wahrgenommen und nicht aufeinander bezogen hat. Verwunderlich ist es deshalb, weil im Gegensatz zu allen anderen Ländern, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich als das von Täter und Mittäter gekennzeichnet werden kann. Es war eben nicht die Frage von Kollaboration, sondern wirklich eine des gesellschaftlichen »Anschlusses« nach der Zerschlagung österreichischen Staates.

Die Tagung will die deutsche und österreichische Geschichte des Nationalsozialismus und den Umgang mit Erinnerung und Gedenken vergleichen und reflektieren - auch, um daraus Schlüsse zu ziehen, die sowohl das gegenseitige Verstehen als auch einen fruchtbaren Austausch ermöglichen.

Artikel als PDF verfügbar