Zu den Gebäuden des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück, die bis 1993 von Truppen der GUS genutzt wurden, zählen auch 22 Häuser der ehemaligen SS-Wohnsiedlung. Diese umfasst vier Einfamilienhäuser für SS-Führer, zehn Doppelhäuser für SS-Unterführer und ihre Familien sowie acht Wohngebäude für Aufseherinnen. Drei dieser Häuser hat die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 1994 in die künftige Gedenkstättenkonzeption einbezogen. In einem der ehemaligen Aufseherinnenhäuser ist mittlerweile das Seminarhaus der Gedenkstätte untergebracht, in einem zweiten ist im Herbst 2004 eine Ausstellung über die Geschichte des weiblichen SS-Personals eröffnet worden. Die übrigen sechs ehemaligen Aufseherinnenhäuser dienen heute als Jugendherberge des Deutschen Jugendherbergswerks. In einem der vier ehemaligen Führerhäuser soll Besuchern künftig die Möglichkeit einer vertiefenden Befassung mit dem männlichen Leitungspersonal des Konzentrationslagers angeboten werden. Die Zukunft der übrigen SS-Häuser ist derzeit noch ungewiss.
Die Ausstellungen der Gedenkstätte Ravensbrück sind durch die 2006 vorgelegte Gesamtkonzeption definiert. Dabei wird der Einrichtung einer neuen Hauptausstellung hohe Priorität beigemessen, die im Jahr 2012 in der ehemaligen Kommandantur eröffnet werden und einen Überblick über die Geschichte des KZ Ravensbrück vermitteln soll. Diese Hauptausstellung wird von fünf kleinen Ausstellungen mit Vertiefungsfunktion umgeben sein, die der Grundidee folgen, die Geschichte des Ortes »vor Ort« lesbar zu machen.[1]
Eine dieser Vertiefungsausstellungen informiert über das weibliche SS-Gefolge. Die stark frequentierte Ausstellung hinterlässt bei Besuchern häufig den Eindruck, das KZ sei nahezu ausschließlich von weiblichem SS-Personal geführt worden. Mit dieser Wahrnehmung korrespondiert die Tatsache, dass es Aufseherinnen nach 1945 zu weit größerer Prominenz gebracht haben als Angehörige des Ravensbrücker SS-Führungspersonals, dessen Geschichte bislang weitgehend im Dunkel geblieben ist. Mit Ausnahme der beiden Kommandanten Max Koegel und Fritz Suhren sind die Angehörigen der SS-Führungsriege des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück nahezu unbekannt. Diesem Misstand soll mit der im Führerhaus geplanten Ausstellung abgeholfen werden, deren Eröffnung für Ende 2009 vorgesehen ist.
Lange Zeit galten Täter als psychopathische Massenmörder bzw. mit Eugen Kogon als »sozial deklassierte Primitive«. Die in den fünfziger Jahren verbreitete Dämonisierung insbesondere verschollener NS-Täter wie Josef Mengele begann sich mit der medialen Präsentation Adolf Eichmanns zu ändern, der 1961 als Angeklagter in Jerusalem das Bild eines beflissenen und unterwürfigen Schreibtischtäters vermittelte. Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Hannah Arendts Diktum von der »Banalität des Bösen« dominierte bis in die neunziger Jahre hinein der Bürokrat und Technokrat als zentraler Tätertypus, die Forschungsdebatte blieb jahrzehntelang von der vermeintlichen Dichotomie von Intentionalismus und Funktionalismus verhaftet.[2]
Die von Adorno bereits 1966 in seinem Vortrag »Erziehung nach Auschwitz« vorgeschlagene »Wendung aufs Subjekt«[3] erfolgte erst in den 1990er-Jahren. Mit den Studien von Browning und Goldhagen, die in ihren Untersuchungen der Teilnahme »ganz normaler Männer« bzw. »ganz normaler Deutscher« am Massenmord an europäischen Jüdinnen und Juden im Rahmen des Reserve-Polizei-Bataillons 101[4] zu gänzlich unterschiedlichen Bewertungen bezüglich der Handlungsmotivation der untersuchten Tätergruppe kamen, rückte die kollektivbiographisch und alltagsgeschichtlich orientierte Motivforschung ins Zentrum der sprunghaft ansteigenden Täterforschung. Vor diesem Hintergrund konstatierte Michael Wildt 2002 zu Recht: »Nicht die Annahme eines dominanten Tätertypus wird den Weg der künftigen Forschung weisen, als vielmehr die Analyse des Zusammenhangs verschiedener Akteure und Institutionen, von intentionalem Vernichtungswillen und strukturellen Bedingungen, individuellem Vorsatz und situativer Gewaltdynamik.«[5]
Ebenfalls am Beispiel der Reserve-Polizei-Bataillone untersuchte Harald Welzer Handlungsmotive der Täter im Hinblick auf ihren sozialen Referenzrahmen, innerhalb dessen sich der einzelne an den Erwartungen, am Handeln und Entscheiden seines Umfelds orientierte. Dabei konstatierte Welzer massive Verschiebungen nicht nur innerhalb der situativen Gruppennormen, sondern innerhalb des normativen Rahmens der NS-Gesellschaft insgesamt. Dies habe es den Tätern auch erleichtert, eine individuelle Rollendistanz zu ihren Taten zu wahren.[6]
Gerade weil Menschen vor allem im Rahmen von sozialen Rollen handeln und sich mit diesen nicht nur die Anforderungen, sondern auch die für das Handeln entscheidende Wahrnehmung von Situationen verändern,[7] können Forschungsergebnisse über die Polizeibataillone als Akteure der Judenvernichtung nur bedingt auf die Angehörigen der Konzentrationslager-SS übertragen werden.
Auch im Hinblick auf das Personal der Konzentrationslager hat sich der Forschungsstand in den letzten Jahren erheblich verbessert. Nach den frühen Arbeiten von Buchheim et al (1965), Höhne (1967), Wegner (1982) und Koehl (1983) zur Geschichte der SS bzw. Waffen-SS allgemein sowie von Broszat (1963) und Segev (1977) über einen bzw. mehrere Kommandanten der Konzentrationslager erreichten in den 1990er-Jahren die soziologischen Arbeiten von Baumann (1992) und Sofsky (1993) ein größeres Publikum. Zu dieser Zeit erschien auch die Studie von Johannes Tuchel über die Inspektion der Konzentrationslager. Zudem entstanden mehrere kleinere Untersuchungen zum Führungspersonal und den Wachmannschaften einzelner Konzentrationslager[8]. Im Jahr 2000 legte Karin Orth ihre grundlegende Untersuchung über die Konzentrationslager-SS vor, in der sie biographische Studien über mehrere Lagerkommandanten mit sozialstrukturellen Analysen des KZ-Führungspersonals verband.[9] Durch die vergleichende Untersuchung von Laufbahn und Sozialstruktur der Leiter der einzelnen Abteilungen verschiedener Konzentrationslager arbeitete sie das Profil einer Tätergruppe heraus, die, mit Ausnahme der KZ-Kommandanten, bisher in der Forschung weitgehend unbeachtet geblieben war.
Einen detaillierten Überblick über die Organisations– und Verwaltungsstruktur der Konzentrationslager, der die Aufgabenbereiche und Handlungsfelder der einzelnen Dienstellungen präzisiert, gibt Günther Morsch in dem 2005 herausgegebenen Sammelband »Der Ort des Terrors«, der auch eine von Karin Orth verfasste Übersicht über die Wachmannschaften der Konzentrationslager enthält.[10] Hinsichtlich der Wachmannschaften sei auch auf die sozialstrukturelle Analyse der Konzentrationslager-SS Neuengamme von Leonie Güldenpfennig und auf die Untersuchung von Habbo Knoch über die Kameradschaftspraxis und das Selbstverständnis der Wachmannschaften in den emsländischen Strafgefangenenlagern verwiesen, beide 2003 publiziert in dem Band »Entgrenzte Gewalt. Täterinnen und Täter im Nationalsozialismus« der von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme herausgegebenen »Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland«.
Die Mehrzahl der in den letzten Jahren veröffentlichten Studien ist eher biographisch orientiert. Karin Orth publizierte über die Lagerkommandanten Max Pauly (2000) und Egon Zill (2004). Allein über den Standortarzt des KZ Auschwitz, Eduard Wirths, erschienen 2005 zwei Monographien von Konrad Beischl und Ulrich Völklein. Im selben Jahr veröffentlichte Hans-Peter Klausch seine Studie über die fünf SS-Kommandanten der frühen Konzentrationslager im Emsland. Auch der von Günther Morsch 2007 herausgegebene Sammelband über das Fotoalbum des KZ-Kommandanten Karl Koch folgt, vermittelt über die analysierte Quelle, einem biographischen Narrativ.
Während mittlerweile zu einer ganzen Reihe von Lagerkommandanten Untersuchungen vorliegen – darunter die mit Abstand meisten über den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß – waren die beiden Kommandanten des KZ Ravensbrück, Max Koegel (1895–1946) und Fritz Suhren (1908–1950) noch nicht Gegenstand einer eigenständigen Studie. Erwähnung fand Koegel erstmals 1977 bei Tom Segev, Suhren zählt zu den im Jahr 2000 bei Orth vorgestellten Kommandanten. In ihrer 2002 vorgelegten Dissertation »Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager« skizziert Silke Schäfer neben den Lagerkommandanten auch die Adjutanten und die »NS-Ärzte« des KZ Ravensbrück. Allerdings enthält dieser Überblick einige Unschärfen: So unterscheidet die Autorin weder zwischen Schutzhaftlagerführern und Adjutanten, die nur zeitweilig in Personalunion fungierten, noch zwischen Standort– und Lagerärzten oder zwischen Ärzten, die sich ausschließlich zur Durchführung medizinischer Experimente im KZ Ravensbrück aufhielten, aber nicht Teil des Lagerpersonals waren. Ein weiterer Lapsus betrifft den SS-Standartenführer Günther Tamaschke, den sie als ersten Lagerkommandanten bezeichnet, ohne zu beachten, dass er diese Funktion lediglich nominell innehatte.[11] Ein kürzlich von Stefan Hördler über die Schlussphase des Konzentrationslagers Ravensbrück publizierter Aufsatz enthält eine Kurzdarstellung des Ravensbrücker SS-Personals in der Zeit von September 1944 bis April 1945, in denen er eine Reihe von sparsam belegten Vermutungen über die Personalpolitik in dieser Schlussphase äußert.[12]
Die bisher ausführlichste Darstellung des männlichen Ravensbrücker Führungspersonals findet sich in Bernhard Strebels 2003 veröffentlichter Monographie »Das KZ Ravensbrück. Geschichte eines Lagerkomplexes«. Strebel widmet darin der Bewachungs– und Personalstruktur des Lagers ein eigenes Kapitel, in dem er auf jeweils zwei Seiten auch die Biographien der beiden Lagerkommandanten nachzeichnet. Der Anhang seines Buches enthält zudem 26 Kurzbiographien von Angehörigen des männlichen Führungspersonals. Forschungen zu den Unterführern und den Wachmannschaften liegen nicht vor. Den sehr überschaubaren Arbeiten zum männlichen Ravensbrücker SS-Führungspersonal steht eine Vielzahl von Studien über das weibliche SS-Gefolge gegenüber. Das KZ Ravensbrück ist seit den 1990er-Jahren Gegenstand der historischen Frauenforschung[13]. Zahlreiche akademische Qualifikationsarbeiten haben sich nicht nur mit einzelnen Häftlingsgruppen und -biografien befasst, sondern auch mit der Gruppe des weiblichen Aufsichtspersonals. Allein zu den Oberaufseherinnen des Lagers liegen mittlerweile zahlreiche Aufsätze und Magisterarbeiten vor.[14] Besondere Bedeutung kommt dem 2003 von Ulrike Weckel und Edgar Wolfrum herausgegebenen Band »›Bestien‹ und ›Befehlsempfänger‹. Frauen und Männer nach 1945« zu, der Studien zu den NS-Strafverfahren und ihre öffentliche Resonanz aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive versammelt. Einen fundierten Überblick über den Forschungsstand zum weiblichen SS-Personal gibt der von Simone Erpel herausgegebene Begleitband zur 2004 eröffneten Aufseherinnen-Ausstellung mit insgesamt 25 Beiträgen.
Diese beträchtlichen Unterschiede im Forschungsstand zu weiblichem und männlichem KZ-Personal liegen zum einen in der Besonderheit Ravensbrücks als größtem Frauenkonzentrationslager auf deutschem Reichsgebiet und zentralem Ausbildungslager für das weibliche Bewachungspersonal begründet. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass dem in allen Konzentrationslagern vertretenen männlichen Führungspersonal im Fall des KZ Ravensbrück bislang ein vergleichsweise geringeres Interesse entgegengebracht wurde. Nun findet sich das erwähnte Gefälle nicht nur in der Forschungsliteratur, sondern auch in den Erinnerungsberichten von Überlebenden.
Das spezifische Interesse an dem weiblichen SS-Gefolge verweist darauf, dass weibliche Täterschaft mit traditionellen Frauenbildern kontrastiert und damit in offenbar besonderem Maße erklärungsbedürftig scheint, während Täterschaft und Brutalität bei Männern nicht als außergewöhnlich wahrgenommen werden. Hier ist mit der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun eine »Unsichtbarkeit« männlicher Täterschaft im Vergleich zur Sichtbarkeit weiblicher Täterfiguren zu konstatieren, die in der geistesgeschichtlichen Tradition einer als ›männlich‹ gedachten ›Norm‹ und ›Normalität‹ gründet.[15] Die zunächst unter medienhistorischer Perspektive herausgearbeitete »Unsichtbarkeit« männlicher NS-Täter erweist sich als Abbild gesellschaftlicher Wahrnehmungsmuster.
Mit der im Jahr 2004 eröffneten Aufseherinnen-Ausstellung reagierte als erste die Gedenkstätte Ravensbrück auf das steigende Interesse der Besucherinnen und Besucher an einer Auseinandersetzung mit der NS-Täterthematik.[16] Die Ausstellung informiert ausführlich über die Herkunft und den Werdegang der Aufseherinnen, über ihre Stellung in der Struktur der Konzentrationslager, über ihre Motive und Handlungsoptionen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Nachkriegsgeschichte: Über Strafverfahren gegen Aufseherinnen vor den Gerichten und Tribunalen von fünf Staaten der Alliierten sowie vor den Gerichten beider deutscher Staaten wird ebenso informiert wie über die Rezeption des Themas »SS-Aufseherinnen« in Film, Literatur und den Berichten Überlebender.
War die Entwicklung dieser ersten Ausstellung, die in der Bundesrepublik zum Thema der Lager-SS realisiert wurde, noch stark von Befürchtungen begleitet, die Exposition könne vom Publikum als »Hommage« goutiert oder von Rechtsradikalen zur Pilgerstätte erklärt werden, so hat sich mittlerweile gezeigt, dass der Gefahr einer Kultifizierung mit den Mitteln der Dekonstruktion, der Kontextualisierung und der Konfrontation mit kontrastierenden Perspektiven erfolgreich begegnet werden kann.
Rund sechs Monate später eröffnete im Jahr 2005 die KZ-Gedenkstätte Neuengamme die Ausstellung »Dienststelle KZ Neuengamme: Die Lager-SS«, die parallel zur neuen Hauptausstellung fertig gestellt wurde.[17] Innovativ ist auch die 2007 in Sachsenhausen eröffnete Sonderausstellung, die der Biografie und den »Wirkungsstätten« des Kommandanten Karl Koch anhand seines Fotoalbums nachgeht.[18] Die großen neuen Ausstellungen in Dachau, Bergen-Belsen und Flossenbürg widmen dem SS Personal Überblicksdarstellungen. In letzterer wird auch Max Koegel als einer der Lagerkommandanten kurz porträtiert. Eine neue Dauerausstellung zur «Wewelsburg 1933–1945. Kult und Terror der SS” soll in diesem Jahr eröffnet werden.
Zu den beiden Ausstellungen in Ravensbrück und Neuengamme liegen bereits drei Examensarbeiten vor, die die beiden Ausstellungen vergleichend untersuchen.
Während Christine Eckel in ihrer stark deskriptiv angelegten Arbeit die Vor– und Nachteile unterschiedlicher Präsentationsmöglichkeiten darstellt[19], befragt Eva Hildisch das Ausstellungsnarrativ auf das ihm zugrunde liegende Täterbild. Sie begrüßt an der Aufseherinnen-Ausstellung besonders die Thematisierung der Parallelwelten von im Rahmen des Dienstes begangenen Verbrechen und alltäglicher Freizeitgestaltung und kritisiert an der Ausstellung in Neuengamme, dass das strukturalistisch kodierte Narrativ den Blick auf die konkreten Akteure verstelle.[20] Auch Jana Jelitzki und Mirko Wetzel kritisieren die Vermittlung eines strukturalistischen Täterbilds: »Das Organisationssystem innerhalb des Lagers erscheint starr, der Einfluss der Akteure auf die Gestaltung des gesamten Systems wie auch ihrer Posten wird in dieser Darstellung minimiert. Dass solche Freiräume zumindest für die höheren Chargen innerhalb der SS entscheidendes strukturelles Merkmal des Verbrechens waren und ihre Eigeninitiative einen wesentlichen dynamischen Faktor im System darstellt, gerät darüber ebenso in Vergessenheit, wie die strukturell angelegte Möglichkeit, im KZ-System Karriere zu machen.«[21] Einen biographisch orientierten Ansatz lehnen sie indes gleichfalls ab: »Die Monströsität der Taten findet sich eben keineswegs in den Persönlichkeiten der MörderInnen wieder. Die Lebensläufe werden erst im Zusammenhang der zeitgenössischen sozialen wie politischen Entwicklungen, wenn sie als individueller Ausdruck einer sozialen Situation und ihrer Dynamik gezeichnet werden, verständlich.«[22]
Für eine Ausstellung über die SS-Führer des KZ Ravensbrück stehen im Erd– und Obergeschoss des ehemaligen Führerhauses insgesamt rund 185 Quadratmeter zur Verfügung. Da das Haus selbst ein wichtiges Exponat bildet, sollen nicht mehr als zwei Drittel als Ausstellungsfläche genutzt werden, so dass genug Raum für eine Wahrnehmung des Gebäudes bleibt. Bereits die Lage der auf einer Anhöhe mit Blick auf den Schwedtsee, die Kommandantur und die Wohngebäude des übrigen Personals errichteten Führerhäuser zeugt von den Hierarchien innerhalb der SS-Führung. Der Grundriss dieser Häuser zeigt eine klare Trennung in einen großzügig geschnittenen und mit einem gewaltigen Kamin ausgestatteten Repräsentationsbereich im Erdgeschoss, der sich mittels einer Falttür noch weiter vergrößern ließ, und einen Privatbereich mit drei Schlafräumen für Eltern, Kinder und Gäste im Obergeschoss. Diese Strukturen der bauzeitlichen Nutzung werden im Rahmen der Sanierung durch das Wittstocker Architektenbüro Kannenberg & Kannenberg wieder kenntlich gemacht, ohne das Gebäude vollständig zu restaurieren.
Am Beginn der Ausstellung soll eine Einführung in die Geschichte des Ortes stehen. Den Auftakt bilden Schilderungen befreiter Häftlinge, die sich nach dem Abzug der SS in die Häuser vorwagten und diese erkundeten. Sie verdeutlichen die »getrennten Welten«[23] zwischen den repräsentativen Räumen und der drangvollen Enge des nur 100 Meter entfernt gelegenen Häftlingslagers. Dargestellt wird auch, wer in den Häusern wohnte[24] und wie die Gebäude nach Kriegsende genutzt wurden.
Wie eingangs geschildert, dient die Ausstellung vor allem der vertiefenden Beschäftigung mit dem Leitungspersonal des KZ Ravensbrück: Die Gruppe derjenigen, die das KZ Ravensbrück nach den Vorgaben erst der Inspektion der Konzentrationslager und seit 1942 des SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamtes verantwortlich leiteten, umfasst in erster Linie den Kreis der bis zu 18 zeitgleich im KZ Ravensbrück tätigen SS-Führer.[25] Zu ihnen zählten der jeweilige Lagerkommandant, sein Adjutant, die Schutzhaftlagerführer von Frauen– und Männerlager, der Arbeitseinsatzführer, der Verwaltungsführer und sein Stellvertreter, der Standortarzt und die Lagerärzte, der Führer des Wachsturmbanns, die Leiter der SS-Betriebe sowie der Leiter des SS-Zentralbauleitung.
Allerdings hatten nicht alle Abteilungsleiter des KZ Ravensbrück einen Offiziersrang inne. So waren sowohl die Politische Abteilung als auch die Abteilungen IIIa (Arbeitseinsatz) und VI (Fürsorge, Schulung, Truppenbetreuung) teilweise mit Unterführern besetzt. Herausgearbeitet werden soll auch, dass SS-Unterführer und Mannschaftsdienstgrade in vielfältigen Funktionen, beispielsweise als Kommandanturschreiber, als Leiter oder Mitarbeiter der Poststelle, des Standesamtes, des Krematoriums oder der Fahrbereitschaft am Betrieb des Konzentrationslagers mitwirkten und dies vielfach, beispielsweise im Arbeitseinsatz, auch in »asymetrischer Gemeinschaft« (Gravenhorst) mit Aufseherinnen geschah.
Mit der Thematisierung des Führungspersonals soll ein schlaglichtartiger Überblick ihrer Taten verbunden werden. Das KZ Ravensbrück war eine europaweit agierende Institution, in der zehntausende Frauen und 20 000 Männer aus nahezu 40 Ländern in Massenunterkünften gefangen gehalten wurden. Teil des Systems war ein planungsbesessener, ununterbrochener Ausbau der Massenunterkünfte, eine ständige Expansion der SS-Betriebe, die Organisierung der Transporte, der Verschub der Häftlinge wie von Figuren auf einem Schachbrett als SklavenarbeiterInnen in mehr als 40 Außenlager und Außenkommandos zur Vernutzung in der Kriegsproduktion. Teil des monströsen Projekts war nicht allein die billigende Inkaufnahme unzähliger Toter durch die physisch und psychisch schwer erträglichen Haftbedingungen, die zunehmend katastrophalen hygienischen und sanitären Verhältnisse, den kräftezehrenden Arbeitseinsatz und die völlig unzureichende Versorgungslage in der letzten Kriegsphase. In den Krankenrevieren wurden medizinische Menschenversuche an Häftlingen verübt. Häftlinge starben in den Revieren nicht allein an den Haftbedingungen geschuldeten Seuchen wie Typhus und Ruhr sowie aufgrund mangelhafter medizinischer Betreuung, sondern auch durch direkte Tötungen. Zudem wurden 1942 zahlreiche Häftlinge im Rahmen der Aktion 14 f 13 ermordet. Mindestens 500 weibliche Gefangene wurden im KZ Ravensbrück durch Genickschuss hingerichtet. Für die Endphase ist die Einrichtung einer Gaskammer belegt, ohne dass das Datum des Baus, die Inbetriebnahme und die Dauer der Vergasungen bislang hinreichend geklärt werden konnten. Heute geht man von insgesamt mehreren zehntausend Toten aus, die im KZ Ravensbrück an den Haftbedingungen zugrunde gingen oder ermordet wurden. Dieses Gesamtgeschehen wurde von einigen präzise benennbaren Personen verantwortet und arrangiert.
Indes lassen sich die Gründe für ein solches Handeln biografiegeschichtlich kaum fassen; Hans Mommsen bemerkt zutreffend, dass vor dem Hintergrund eines rein biografiehistorischen Ansatzes die Handlungen dieser Personen »in die Trivialität des Unsagbaren« absinken würden. Insofern will auch die Ausstellung keine individuellen Charakterbilder entwerfen, sondern die soziale und politische Praxis der Führungsgruppe des Konzentrationslagers skizzieren, die den Tod von mehreren zehntausend Frauen, Männern und Kindern zur Folge hatte. Exemplarisch soll durchaus gefragt werden nach sozialstatistischen Kategorien wie Geburtsjahr, Herkunft, Sozialisation und Laufbahn der Beteiligten, aber Leitgedanke der Ausstellung ist die folgende Überlegung: »Für die NS-Herrschaft ist es geradezu charakteristisch, dass Täter durchweg als Kollektive, jedenfalls stets in bürokratischen oder kameradenhaften Zusammenhängen handeln«.[26] Nicht die einzelnen Akteure, sondern die sozialen und politischen Kontexte ihres Handelns im Konzentrationslager stehen im Zentrum der Ausstellung.
Vor diesem Hintergrund widmet sich ein weiterer Teil der Ausstellung dezidiert dem sozialen Referenzrahmen der SS-Führer. Hier soll der Männerbund SS unter die Lupe genommen werden. Thematisiert werden die gemeinsamen Grundüberzeugungen, auf denen die arbeitsteilige Täterschaft der SS basierte ebenso wie Handlungsmotive, die sich zwischen Befehlsstrukturen, Karrierewünschen und situativen Faktoren wie Gruppendruck oder Gelegenheiten zum Ausagieren von Aggressionen ausmachen lassen.
Nicht zuletzt war die Täterschaft durch Geschlechterordnungen strukturiert. Welchen Unterschied machte es für das Selbstbild der SS-Männer, ob sie ihren Dienst im Frauenlager oder in dem benachbarten Männerlager verrichteten? Ausgehend von der These, dass die männerbündischen Militärrituale der SS ebenso Teil ihrer Selbstvergewisserung waren wie die familiäre Idylle in der »Sippengemeinschaft«, werden auch die Familienangehörigen der SS-Führer in den Blick genommen. Das Privileg der SS-Führer und Unterführer, in den SS-Siedlungen der Konzentrationslager mit ihren Familien leben zu können, ist nicht allein militärgeschichtlich tradiert,[27] sondern entspricht auch der Himmlerschen Vorstellung der »Sippengemeinschaft«. Die SS-Führer sollten nach dem rassistischen Züchtungsdenken der SS mit ihren nach rassischen Gesichtspunkten ausgewählten Ehefrauen möglichst zahlreiche Nachkommen zeugen. Zudem sollten die Ehefrauen ihren Männern durch die Schaffung eines stabilen häuslichen Rahmens und die Vermittlung emotionalen Halts zur Seite stehen.[28]
In der SS-Siedlung wird auch die situative Dynamik des NS-Frauenbildes deutlich: Dass die meisten Ehefrauen der Führer, unterstützt von Häftlingen als Dienst– und Kindermädchen, ihre Kinder in der traditionellen Hausfrauenrolle versorgten, entspricht dem bis zum Kriegsbeginn von den Nationalsozialisten propagierten, auf eine Vertreibung aus dem Erwerbsleben zielenden Frauenbild. Demgegenüber betreuten die Aufseherinnen, deren zunehmend aus Dienstverpflichtungen resultierende Berufstätigkeit mit den kriegswirtschaftlichen Bedürfnissen des NS-Staates korrespondierte, ihre im nahegelegenen SS-Kinderheim untergebrachten Kinder lediglich am Wochenende.
Abschließend werden auch die sozialen Bezüge der SS-Führer in die Nachbarschaft des Konzentrationslagers thematisiert.
Am Ende der Ausstellung soll der Blick auf die Nachkriegszeit stehen. Anders als für das Gros der Unterführer, des Wachpersonals und der Aufseherinnen gab es für die Mehrzahl der SS-Führer nach 1945 keine Rückkehr in die Gesellschaft. Der weitaus größte Teil der Funktionsträger wurde entweder hingerichtet oder gilt als verschollen. Insbesondere für die britischen Prozesse lässt sich konstatieren, dass bei Verurteilungen der Dienstrang innerhalb der SS durchaus eine Rolle spielte. So befanden sich unter den 17 angeklagten Männern 10 SS-Offiziere. Drei Funktionsgruppen der Lagerführung gelang es allerdings weitgehend, sich einer Verurteilung zu entziehen oder mit Haftstrafen davonzukommen: Kein Adjutant, kein Leiter der Politischen Abteilung sowie kein Schutzhaftlagerführer des Männerlagers wurde für seine Tätigkeit im KZ Ravensbrück zum Tode verurteilt.
Die Ausstellungsgestaltung wird sich dem Gebäude als wichtigstem Exponat unterordnen. Weitere Exponate werden sparsam eingesetzt und umfassend kontextualisiert. So soll etwa ein mit SS-Emblemen wie Totenkopf und Runen verziertes Zigarettenetui, das Häftlinge des KZ Ravensbrück für einen Untersturmführer anfertigten, sowohl mit Hinweisen auf die Funktion von Häftlingsgeschenken an das SS-Personal versehen werden als auch mit Informationen über Herkunft und Bedeutung der Totenkopfsymbolik für den Männerbund SS. Auch die Überlieferungs– und Rezeptionsgeschichte wird jeweils vermerkt.
Die Ausstellung wird nicht mit Inszenierungen arbeiten, sondern sichtbaren Studiencharakter haben. Sie wird – in deutscher und englischer Sprache – als Vertiefungsausstellung auf zwei Rezeptionsebenen konzipiert.
Insa Eschebach, Dr. phil., Religionswissenschaftlerin, ist seit 2005 Leiterin der Mahn– und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.
Alyn Beßmann, Kulturwissenschaftlerin M.A., ist Promovendin an der Leuphana Universität Lüneburg und erarbeitet im Auftrag der Gedenkstätte Ravensbrück die künftige Ausstellung im Führerhaus.
[1] Drei von ihnen sind bereits realisiert: »Zwangsarbeit im Frauen-KZ. Textilfertigung für die SS-Wirtschaft« (2000), »Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück« (2004), sowie die Ausstellung »Ravensbrück. Der Zellenbau« (2006). Nach der Exposition im Führerhaus soll als letzte Vertiefungsausstellung im Wasserwerk eine Ausstellung zum Thema der sowjetischen Nachnutzung realisiert werden.
[2] Vgl. Peter Longerich, Tendenzen und Perspektiven der Täterforschung. In: APuZ 14-15/2007, S. 5.
[3] »Die Wurzeln sind in den Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern, die man unter den armseligsten Vorwänden hat ermorden lassen. Nötig ist, was ich unter diesem Aspekt einmal die Wendung aufs Subjekt genannt habe. Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.« Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz. Als Vortrag 1966 im Hessischen Rundfunk gesendet und publiziert in: Ders., Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt am Main 1971, Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959–1969. Frankfurt am Main, S.88–104, hier S. 90.
[4] Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Reservebataillon 101 und die »Endlösung« in Polen. Reinbek bei Hamburg 1993; Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Berlin 1996.
[5] Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburg 2002, S. 23.
[6] Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Unter Mitarbeit von Michaela Christ. 4. Aufl. Frankfurt am Main 2006, hier: S. 39f., S. 48–75.
[7] Longerich, a.a.O., S. 4.
[8] Aleksander Lasik über die Wachmannschaft in Auschwitz, Johannes Tuchel über die Kommandanten von Flossenbürg und Dachau, Christl Wickert über die Lagerleitung Sachsenhausen, Hans Joachim Schneider über den SS-Totenkopfsturmbann Stutthof.
[9] Karin Orth, Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien. Göttingen 2000.
[10] Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hrsg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. I: Die Organisation des Terrors. München 2005.
[11] Silke Schäfer, Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager. Das Lager Ravensbrück. Dissertation an der Technischen Universität Berlin, 2002. http://edocs.tu-berlin.de/diss/2002/schaefer_silke.pdf.
[12] Stefan Hördler, Die Schlussphase des Konzentrationslagers Ravensbrück. Personalpolitik und Vernichtung. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 3/2008, S. 222–248.
[13] Vgl. Carola Sachse, Frauenforschung zum Nationalsozialismus. Debatten, Topoi und Ergebnisse seit 1976. In: Mittelweg 36, Heft 2/1997, S. 24–33, hier S. 31.
[14 Vgl. u.a. Irmtraud Heike, Johanna Langefeld. Die Biographie einer KZ-Oberaufseherin. In: WerkstattGeschichte 12 (1995), S. 7–19; Julia Duesterberg, Dorothea Binz, Biographie einer NS-Täterin. Magisterarbeit (Typoskript), Freie Universität Berlin 1998; Monika Müller, Die Oberaufseherinnen des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. Funktionsanalyse und biografische Studien. Magisterarbeit (Typoskrippt), Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg im Breisgau 2001; Johannes Schwartz, Das Selbstverständnis Johanna Langefelds als SS-Oberaufseherin. In: Fritz, Ulrich/Kačič, Silvija/Warmbold, Nicole (Hg.), Tatort KZ. Neue Beiträge zur Geschichte der Konzentrationslager, Ulm 2003 S. 71–95; Ders., Geschlechterspezifischer Eigensinn von NS-Täterinnen am Beispiel der KZ-Oberaufseherin Johanna Langefeld. In: Viola Schubert-Lehnhardt (Hrsg.), Frauen als Täterinnen im Nationalsozialismus. Gerbstadt 2005, S. 56–82.
[15] Christina von Braun, Die unterschiedlichen Geschlechtercodierungen bei NS-Tätern und -Täterinnen unter medienhistorischer Perspektive. In: Ulrike Wecke, Edgar Wolfrum (Hrsg.), »Bestien« und »Befehlsempfänger«. Frauen und Männer in NS-Prozessen nach 1945. Göttingen 2003, S. 250–265, hier: S. 253.
[16] Die erste Konzeption dieser Ausstellung lag bereits 1997 vor; vgl. Insa Eschebach, Das Aufseherinnenhaus. Überlegungen zu einer Ausstellung über SS-Aufseherinnen in der Gedenkstätte Ravensbrück. In: GedenkstättenRundbrief Nr. 75, 3/1997, S. 1–12.
[17] Vgl. KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), Die Ausstellungen. Katalogband mit allen Haupttexten zu den ständigen Ausstellungen in der 2005 am Ort des historischen Lagergeländes neu eröffneten KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Hamburg 2005; KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), Werkheft Nr. 3 zur Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Die Konzentrationslager-SS in Neuengamme. Konzeptskizze einer Ausstellung. Hamburg 2003.
[18] Vgl. Günther Morsch (Hrsg.), Von der Sachsenburg nach Sachsenhausen. Bilder aus dem Fotoalbum eines KZ-Kommandanten. Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Band 19. Berlin 2007.
[19] Christine Eckel, »Täterausstellungen« in KZ-Gedenkstätten. Möglichkeiten und Grenzen der Präsentation neuerer Forschungsergebnisse unter besonderer Berücksichtigung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Mahn– und Gedenkstätte Ravensbrück. Magisterarbeit (Typoskript), Universität Hamburg, 2007.
[20] Eva Hildisch, Die Darstellung der nationalsozialistischen Täter in den Ausstellungen der deutschen Gedenkstätten am Beispiel von Neuengamme und Ravensbrück. Magisterarbeit (Typoskript), Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br., 2007, S. 95.
[21] Jana Jelitzki/Mirko Wetzel, Über TäterInnen sprechen. Die Darstellung nationalsozialistischer Täterschaft in der pädagogischen Arbeit von KZ-Gedenkstätten. Diplomarbeit (Typoskript), Alice Salomon Fachhochschule Berlin, 2007, S. 115.
[22] Ebd., S. 180.
[23] So Maria Massariello Arata anlässlich einer Besichtigung der Führerhäuser kurz nach ihrer Befreiung. Vgl. dies., Ravensbrück. Tagebuch einer Deportierten. Bozen 2005, S. 166.
[24] Die vier Führerhäuser blieben SS-Offizieren vorbehalten, die bestimmte Funktionen im Lager ausübten: Dies waren neben dem Lagerkommandanten die jeweiligen Schutzhaftlagerführer des Frauenlagers, der Standortarzt und der Verwaltungsführer. Einzelne Berichte ehemaliger Häftlinge, nach denen die Führerhäuser in der Spätphase des KZ Ravensbrück auch als Refugium für aus Berlin evakuiertes Führungspersonal des Wirtschaftsverwaltungshauptamts gedient haben sollen, konnten bisher nicht verifiziert werden. Allerdings bezogen mehrere höhere SS-Führer Quartier im weiteren Umfeld der SS-Siedlung. So entstand 1943/44 zwischen der Lychener Straße und der Bahnlinie nach Templin ein Ausweichlager des WVHA, in der das Prüfungsamt A IV der Amtsgruppe A unter Standartenführer Josef Vogt untergebracht war; Georg Lörner, Chef der Amtsgruppe B, bezog 1944 eine Villa am Schwedt-See direkt neben dem SS-Kinderheim.
[25] Der Voranschlag des Haushalts der bewaffneten Einheiten der Schutzstaffeln und der Konzentrationslager für das Haushaltsjahr 1939 vom Juli 1939 sah für die Kommandantur und Verwaltung des Lagers insgesamt fünf SS-Offiziere vor (die gleiche Anzahl wie bereits im Frauenkonzentrationslager Lichtenburg), während Männerlagern gleicher Größe neun Etatstellen für SS-Führer vorbehalten waren. Die unterschiedliche Besetzung von Frauenlager und Männerlagern ist zum einen Ausdruck der spezifischen Verwaltungsform des KZ Ravensbrück, in denen Aufseherinnen Dienststellungen innehatten, die in Männerlagern von SS-Unterführern ausgeübt wurden. Zum anderen spiegelt sich auch hier das vorherrschende Frauenbild: Man nahm an, dass weibliche Häftlinge leichter zu disziplinieren seien als männliche und ihre Bewachung daher weniger Personal erfordere.
[26] Hans Mommsen, Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus. In: Bundeszentrale für politische Bildung, ApuZ 14-15/2007, S. 17.
[27] Seit dem 19. Jahrhundert ist der Bau von Wohnhäusern für verheiratete Offiziere und Unteroffiziere auf dem Kasernengelände üblich.
[28] Vgl. Gudrun Schwarz, Eine Frau an seiner Seite. Ehefrauen in der »SS-Sippengemeinschaft«. Hamburg 1997, hier S. 168f.