»Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945«

Das neue Museum der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zur Lagergeschichte
05/2008Gedenkstättenrundbrief 142, S. 3-13
Alexander Schmidt

Am 22. Juli 2007 wurde über 62 Jahre nach der Befreiung die erste umfassende Ausstellung zur Geschichte des KZ Flossenbürg und seiner nahezu 90 Außenlager eröffnet. Ziel war es, ein modernes zeitgeschichtliches Museum in der Gedenkstätte einzurichten.

In seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung erinnerte sich der ehemalige Häftling Jack Terry an den Zustand der Ortes in der Nachkriegszeit: »1995 kam ich anlässlich des 50. Jahrestages der Lager-Befreiung wieder nach Flossenbürg. Was wir im ehemaligen Lagergelände vorfanden, war, gelinde gesagt, verstörend. Der Ort war nicht wieder zu erkennen. Er war mit hohen Bäumen zugewachsen und von prächtigem Grün über­wuchert. Es war wie in einem Park.

Auf dem Appellplatz, wo ich als 14-Jähriger gezwungen war anzusehen, wie Mithäftlinge erhängt wurden, und wo ich morgens und abends stundenlang beim Zähl­appell stehen musste, unter den schrecklichsten Bedingungen – auf diesem Appellplatz spielten jetzt Kinder Ball. Eine Fabrikhalle schloss sich an die Wäscherei an. (…) Was wir sahen war nicht nur ein Zeichen der Vernachlässigung. Es war die Vertuschung eines Tatortes und eine Verharmlosung unseres Leidens und unserer Erinnerung.«

Dieser unbefriedigende und skandalöse Zustand wurde in den Jahren nach 1995 schrittweise überwunden. Durch die Einrichtung einer ersten Projektstelle, der Schenkung des Areals um den Appellplatz an den Freistaat Bayern sowie durch die Gedenkstättenförderung des Bundes gelang es in Flossenbürg eine arbeitende Gedenkstätte aufzubauen. Das neue Museum zur Lagergeschichte stellt dabei nicht nur für die ­Besucher eine wichtige und sehr einschneidende Etappe dar, sondern ist vor allem auch für die ehemaligen Häftlinge eine späte Würdigung ihres Schicksals.

Geschichte auf zwei Ebenen – Strukturgeschichte und Biografie

Als Ausstellungsgebäude dient die ehemalige Wäscherei des Lagers mit etwa 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche auf zwei Stockwerken. Die beiden Stockwerke bieten zwei unterschiedliche Zugangsebenen zur Geschichte des KZ Flossenbürg – angepasst an bauliche Gegebenheiten und den historischen Ort. Im Erdgeschoss ist eine thematisch zugespitzte, chronologisch geordnete Geschichte des KZ Flossenbürg von 1938 bis 1945 zu sehen. Ausblicke zum Appellplatz und zum Arrestgebäude verzahnen die Ausstellung mit dem Gedenkstättengelände und machen dem Besucher bewusst, das er sich am historischen Ort des Lagers befindet. Im Untergeschoss ist erstmals seit 1945 das Raumensemble Häftlingsbad zugänglich, ein Ort, der für die extreme Erniedrigung der Häftlinge und für das Bestreben der SS steht, Menschen zu Nummern im national­sozialistischen Verfolgungsapparat zu machen. Dem antwortet die Ausstellung im Untergeschoss mit einer Darstellung der Lebenswege von Häftlingen, der einzelnen Gruppen in der Häftlingszwangsgesellschaft und der Wege ins Lager. Dieser lebensgeschichtliche Ansatz der zweiten Ebene in der Ausstellung ergänzt und vertieft den strukturgeschichtlichen Ansatz der ersten Ebene.

Das Foyer im Wäschereigebäude bietet Zugänge zu den beiden Ebenen der Ausstellung und verbindet Ausstellung und Gedenkstättengelände. Besonders auffällig ist ein Modell des KZ Flossenbürg des Jahres 1945, welches mit Hilfe zweier Beamer bespielt wird. Das Modell und seine Bespielung entstanden in Zusammenarbeit mit architectura virtualis, Darmstadt. Als statisches Modell führt es zunächst die tatsächliche Ausdehnung des KZ Flossenbürg im Vergleich zu dem relativ kleinen Gedenkstättengelände vor Augen. Der heute kaum mehr vorhandene Zusammenhang von Steinbruch und Häftlingslager kommt ebenso in den Blick wie die Ausdehnung des SS-Bereichs und die gesamte topografische Situation mit großen Höhenunterschieden.

Von Anfang an sollte das Modell jedoch auch Hinweise zu den Veränderungen der Nachkriegszeit geben. Diese sind in Flossenbürg besonders augenfällig, da die Hälfte des ehemaligen Lagers in der Nachkriegszeit mit einer Wohnsiedlung überbaut wurde. Der Besucher ist vor dem Betreten der Ausstellung mit einer zunächst schwer einzuordnenden baulichen Situation konfrontiert, der engen Verzahnung von Gedenkstätte und Wohnen der Gegenwart.

Zentrales Ziel war es daher zu Beginn des Ausstellungsbesuchs und des Besuchs der Gedenkstätte, diese bauliche Situation zu erklären und Orientierung zu ermöglichen. Die statische Darstellung eines klassischen Modells musste überwunden werden. Zwei Projektionen ergänzen deshalb das Modell und bringen es zum Sprechen: An der Wand hinter dem Modell werden Fotos des ehemaligen Lagergeländes und der Nachkriegsnutzung präsentiert. Synchron hierzu stellt eine zweite Projektion auf das Modell selbst dar, wo sich historische Orte des KZ befunden haben und vor allem, wie das KZ-Gelände nach 1945 verschwand und überbaut wurde. Der erhebliche technische Aufwand ist kein Selbstzweck: Vielmehr gelingt es durch die Kombination von Modell und Projektion das Lagergelände des Jahres 1945 vor Augen zu führen und gleichzeitig den Bezug zur Gegenwart herzustellen. Mit einem eigentlich statischen Objekt – dem Modell – kann so eine dynamische Entwicklung erklärt und die äußerst komplizierte Geschichte Flossenbürgs nach 1945 griffig präsentiert werden. Zwei große Fenster geben den Blick auf die heutige Situation frei und ermöglichen einen Vergleich der historischen Situation mit der Gegenwart.

Der historischer Ort des Konzentrationslagers Flossenbürg – die erste Ausstellungsebene

Das Erdgeschoss des Wäschereigebäudes im Anschluss an das Foyer, die erste Ebene der Ausstellung »Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945«, bietet eine chronologische Erzählung der Lagergeschichte. Diese Chronologie wurde auf insgesamt elf Themen verdichtet, die Vorgeschichte, Entstehung und die Entwicklung des KZ charakterisieren. Diese »thematische Chronologie« der einzelnen Ausstellungsthemen im Erdgeschoss gruppiert sich um einen zentralen Ausstellungsbereich in Form eines Kabinetts. Dort veranschaulichen Selbstzeugnisse, Zitate, Häftlingszeichnungen und Objekte den Überlebenskampf der Häftlinge und ihre Geschichte im KZ Flossenbürg. Es war Ziel der Ausstellungs­macher, die oft nur unzulänglich zu beschreibende Binnenperspektive der Häftlinge auf das unmenschliche Lagersystem in den Mittelpunkt der Erzählung zu stellen. Diese erhält in der neuen Ausstellung daher ein besonderes inhaltliches und architektonisches Gewicht.

Der Einstieg in die Ausstellung erfolgt über die Geschichte des Ortes Flossenbürg und seiner Umgebung. Flossenbürg, vor 1938 ein kleines Dorf mit Granitsteinbrüchen im Oberpfälzer Wald direkt an der tschechischen Grenze, veränderte sich durch die Gründung des Lagers im Mai 1938 grundlegend. Bereits Ende 1938 befanden sich bereits 1500 Häftlinge im Lager, die Einwohnerzahl des Ortes verdoppelte sich innerhalb eines Jahres. In kaum einem anderen Ort war ein Konzentrationslager derart fester Bestandteil des Alltags wie in Flossenbürg. In der Ausstellung steht ein Tisch mit einer großen Postkarte des Ortes Flossenbürg für das Bauerndorf und den Ausflugsort der zwanziger Jahre. Auf weiteren Tischen werden die antislawische Ideologisierung des Grenzgebiets, der Aufstieg des Nationalsozialismus im Ort sowie die Lagergründung 1938 als Teil der Funktionserweiterung des KZ-Systems durch die SS dargestellt.

Drei Ausstellungsmöbel in Form von Schreibtischen präsentieren im Anschluss den Auf- und Ausbau des Lagers von 1938 bis 1940. Die ersten Häftlingsgruppen waren so genannte »Kriminelle«, dann 1939/40 politische Gefangene aus dem KZ Dachau und schließlich 1940 als erste nichtdeutschen Häftlinge tschechische Studenten, die sich an Protesten gegen die deutschen Besatzer beteiligt hatten. Mit Fotos und Dokumenten wird auf dem ersten Tisch exemplarisch jeweils die Geschichte eines Häftlings dieser Gruppen vorgestellt. Der zweite Tisch thematisiert die mühselige Arbeit beim Aufbau des Lagers, die Baugeschichte und die nicht mehr umgesetzte Lagererweiterung. Zu sehen sind unter anderem Werkzeuge der Lagerzeit, ein Pfosten des Lagerzauns und eines der wenigen Fotos des KZ Flossenbürg aus der Lagerzeit vom Winter 1939/40. Schubladen bieten zu ausgewählten Bauten des KZ und nicht mehr realisierten Lager­erweiterungen vertiefende Informationen.

Der letzte Tisch des Ausstellungsbereichs zum Aufbau des Lagers präsentiert die Geschichte der Deutschen Erd- und Steinwerke GmbH (DESt) in Flossenbürg. Auf einer Tischvitrine liegt ein Nachbau des einzigen erhaltenen Lieferbuchs der Flossenbürger DESt, in Schubladen findet sich Material zu den Lieferungen der DESt Flossenbürg für Großbauprojekte des Reiches, aber auch zu Baufirmen in der Umgebung. Albert Speers Verantwortung für die KZ-Zwangsarbeit als Hauptgeldgeber für die DESt wird herausgestellt. Der Tisch leitet zum nächsten Ausstellungsbereich »1938–1945: Arbeit und Tod im Steinbruch« über.

Schon beim Betreten der Ausstellung kann man an der Stirnwand der Ausstellung ein großes Foto sehen, das Häftlinge bei der Arbeit im KZ-Steinbruch zeigt. Es befindet sich über einer Schüttung aus Granitblöcken. Häftlinge hatten diese aus dem Steinbruch zur Anlage des Appellplatzes herbeischleppen müssen. Weitere Fotos, ein Ölgemälde des Münchner Malers Erich Mercker und eine Hörstation mit Zeitzeugenaussagen beleuchten die Verhältnisse im Steinbruch aus unterschiedlicher Perspektive.

Das zentral in der Ausstellung platzierte Kabinett (»1938–1945: Überleben und Sterben im Lager«) bietet eine dichte Darstellung des Lageralltags, des Überlebenskampfes der Häftlinge und des massenhaften Sterbens. Hier kommen fast ausschließlich die Häftlinge selbst zu Wort. Kunst von Häftlingen, zahlreiche Zeitzeugenaussagen in Hörstationen, Objekte wie ein Kartenspiel, selbstgefertigte Zigarettendosen oder Becher sowie eine Vitrine mit Häftlingskleidung belegen die Zustände im KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern aus der Perspektive der Gefangenen. Die Grafiken von Häftlingen aus Deutschland, Tschechien, Italien und Frankreich werden als künstlerische Gestaltung ernst genommen und als hochwertige Reproduktionen in Form einer Galerie präsentiert.

Zweiseitig einsehbare Vitrinen und unterschiedliche Zugänge zum Kabinett ­beziehen die Themen dieses zentralen Ausstellungsbereichs zum Überleben und Sterben im Lager auf die chronologische Erzählung der Lagergeschichte der übrigen Ausstellung. Das Kabinett begegnet dem Ausstellungsbesucher so bei einem Rundgang mindestens ­zweimal.

Der Ausstellungsbereich »1938-1945: Die SS in Flossenbürg« thematisiert in der Ausstellung die SS-Täter. Es war dem Ausstellungsteam wichtig, in der Dauerausstellung selbst die Frage nach den Tätern zu beantworten, ihre Bezüge zum Ort, ihr Handeln als Gruppe und auch ihre Lebenswege darzustellen.

Ein Durchgang zwischen den Ausstellungswänden zum Thema SS führt zum Ausstellungsbereich »ab 1941: Exekutionen und Massenmord«. In der Ausstellung wird so der direkte Zusammenhang zwischen der SS und ihren Verbrechen deutlich. Nüchtern präsentierte Dokumente, aber auch eine Fotosequenz der Erhängung eines Mannes in polnischer Uniform durch ein Flossenbürger Exekutionskommando belegen Verbrechen durch die SS selbst oder in ihrem Auftrag.

Ein langes Ausstellungsmöbel in Form einer Werkbank steht für den Wandel im KZ‑System ab 1943, der auch das KZ Flossenbürg zum Wirtschaftsfaktor und Rüstungsstandort machte. Die Flugzeugproduktion der Firma Messerschmitt brachte für die Häftlinge zwar eine weniger kräftezehrende Arbeit als bisher im Steinbruch. Allerdings wurde bald rund um die Uhr gearbeitet, die Arbeit kam dem Feind zugute und die Häftlinge liefen Gefahr, der Sabotage beschuldigt zu werden. Aus Aluminiumresten der Flugzeugproduktion konnten kleine Gebrauchsgegenstände als Tauschmittel das Überleben sichern. In der Ausstellung ist unter anderem eine Zigarettendose aus Aluminium mit eingeritztem Flugzeug zu sehen. Die Aussage eines Häftlings in einer Hörstation stellt die Bedeutung dieses Objekts für das Leben eines Häftlings heraus.

Mehr als die Hälfte der Flossenbürger Häftlinge, darunter 16.000 Frauen, waren nicht in Flossenbürg selbst, sondern in einem der annährend 90 Außenlager inhaftiert. Etwa ein Viertel der Ausstellungsfläche im Erdgeschoss ist daher den Außenlagern sowie den Todesmärschen aus dem Hauptlager und den Außenlagern gewidmet.

Eine Projektion an eine Ausstellungswand zeigt Entstehung und Veränderung des Flossenbürger Außenlagersystems in Bayern, Sachsen und Böhmen und vernetzt dieses mit dem komplizierten Geschehen der Todesmärsche Richtung Süden im Jahr 1945. Nicht nur die räumliche Dimension des Außenlagersystems wird so deutlich, sondern es gelingt auch, die dynamische Entwicklung des Außenlagersystems sowie das Chaos der Todesmärsche zu visualisieren. Besucher bekommen einen Eindruck des Geschehens ohne jeden einzelnen Ort und jede Route eines Todesmarsches genau nachvollziehen zu müssen. Genauere Informationen zu allen Außenlagern können bei Interesse in Arbeitsstationen abgerufen werden.

Die Befreiung des Hauptlagers und der Außenlager ist das letzte Thema der ersten Ausstellungsebene im Erdgeschoss des Wäschereigebäudes. Während die US-Armee Flossenbürg am 23. April 1945 erreicht, werden die letzten Häftlinge der Todesmärsche in Böhmen erst am 8. Mai befreit. Filmaufnahmen und Fotos dokumentieren das Grauen, welches die US-Armee in Flossenbürg und entlang der Todesmarschrouten vorfand.

Der Ausstellungsteil im Erdgeschoss endet mit einem Kubus, der als architektonischer Akzent das Ende der Lagergeschichte und den Übergang zur Nachkriegszeit symbolisiert. Im Kubus wird an die Zahl der Häftlinge und die Todesopfer erinnert. Den ambivalenten Prozess der Befreiung macht ein Zitat des ehemaligen Häftlings Jack Terry deutlich: »Obwohl ich Flossenbürg so schnell wie möglich verließ, hat Flossenbürg mich nie verlassen. Für uns, die ehemaligen Häftlinge, wurden die wiederkehrenden Erinnerungen an die Ereignisse der Vergangenheit zum Fundament unseres Lebens.«

Beim Verlassen des Kubus fällt der Blick auf eine Karte aller nationalsozialistischen KZ-Haupt- und Außenlager. Damit soll verdeutlicht werden, dass Flossenbürg nur ein Ort von vielen im nationalsozialistischen Lagersystem war.

Lebensgeschichte(n) – Leitmotiv der zweiten Ebene

Der erste Blickfang im Eingangsbereich des Ausstellungsgebäudes ehemalige Wäscherei ist ein großes Band mit Fotos. Zu sehen sind fünf Männer und eine Frau. Es handelt sich um private Aufnahmen, um Portraits, aber auch um Bilder von Ausflügen und Treffen mit Freunden. Dieses Fotoband setzt sich im Untergeschoss fort und bildet den visuellen Hauptakzent im größten Ausstellungsraum der Ausstellung, der ehemaligen Heizzentrale.

Hier sind Biografien von Häftlingen und die Häftlingszwangsgemeinschaft das Thema. In einem aufwändigen Projekt wurden alle der Gedenkstätte bekannten ehemaligen Häftlinge sowie Angehörige verstorbener Häftlinge angeschrieben und um Fotos, Erinnerungen, Material zum Leben ehemaliger Häftlinge des KZ Flossenbürg und seiner Außenlager gebeten. Es gelang so, eine ganze Zahl von Biografien zu rekonstruieren. Außerdem lagen nun Fotos vor, welche die ehemaligen Häftlinge in ihrem Alltag vor der Lagerhaft zeigten. Dies sollte auch den ersten Blick der Besucher prägen. Die Irritation, in einer KZ-Gedenkstätte auf Familienbilder, das Portrait eines jungen Mädchens, ein Foto von Pfadfindern in einem Ruderboot oder ein Bild von Franzosen in einem Straßen­cafe zu treffen, macht die Vielgestaltigkeit der Häftlingsgruppen und Einzelschicksale sichtbar. Vielleicht vorhandene Klischees von »dem KZ-Häftling« werden so ohne lange Texte in Frage gestellt und korrigiert. Jeweils gegenüber den Fotos können die Besucher Name, Lebensdaten und den Zusammenhang zum KZ Flossenbürg erfahren.

So stehen nicht Häftlinge, sondern Menschen mit individuellen Lebenswegen, die auch ins Konzentrationslager führten, im Mittelpunkt. Dies ist eine inhaltlich wichtige Aussage und prägt die Perspektive. Denn viele der überlebenden ehemaligen Häftlinge verweisen über sechzig Jahre nach der Befreiung auf ein Leben, das zwar vielfach von der KZ-Haft geprägt war, sich aber eben nicht im Dasein als Häftling erschöpfte. Auch dies gehört zur Würdigung und Darstellung von Häftlingen in einer Ausstellung zur KZ-Geschichte, die im 21. Jahrhundert Gültigkeit beanspruchen will.

Dem steht eine Darstellung der nationalen Herkunft der Häftlinge (»Aus Europa verschleppt nach Flossenbürg«), ihrer Registrierung in Nummernbücher des KZ Flossen­bürg sowie der Wege ins Lager (Politische Schutzhaft, Polizeiliche Vorbeugungshaft, Kriegsgefangene) gegenüber. Die Lebensgeschichten sind dadurch konzeptionell mit der historischen Analyse und der Strukturgeschichte verbunden.

Die ehemalige Heizzentrale bot durch ein zusätzliches zweites Untergeschoss die Möglichkeit, in einer Vertiefungsebene ausführlich Häftlingsgruppen und Einzel­biografien zu präsentieren. Siebzehn Häftlingsgruppen werden mit einem kurzen Text und bis zu vier exemplarischen Biografien vorgestellt. Es entsteht, ergänzend zum visuellen Ersteindruck des Fotobandes, ein vielfältiges Bild der Häftlingszwangsgemeinschaft. Die großen Gruppen der sowjetischen, polnischen und jüdischen Häftlinge kommen hier ebenso vor, wie die zahlenmäßig kleineren Gruppen der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und andere mehr.

De jüdische Häftling Jakub Szabmacher (Jack Terry) konnte sich in einem unter­irdischen Versorgungsgang zwischen Heizzentrale und Häftlingsküche vor dem Todesmarsch verbergen. Dieser historische Ort ist in der Ausstellung mit einer Ausstellungstafel und einer Hörstation kommentiert. Auch die anderen Ausstellungstafeln bieten anrührende und spannende Lebensgeschichten Flossenbürger Häftlinge. Ergänzt wird dies durch ein langsam wachsendes Handarchiv mit weiteren Biografien sowie Video­stationen mit Interviews ehemaliger Gefangener. Der Raum eignet sich mit Sitzgelegenheiten und Tischen zu Recherchen auf eigene Faust und zur pädagogischen Arbeit mit Klein­gruppen. Nicht zuletzt ist hier auch ein dicker Band mit den Namen aller Häftlinge des KZ Flossenbürg ausgestellt.

Die Heizzentrale, ein eindrucksvoller, zweigeschossiger Raum, bildet einen Übergang zum »Häftlingsbad«. Das Raumensemble Häftlingsbad ist, als besonderer historischer Ort, nur sehr zurückhaltend kommentiert und bewusst nicht mit einer Ausstellung verstellt. Im Auskleideraum wird auf einer Ausstellungstafel und an drei Hörstationen die Funktion des Häftlingsbades erklärt. An der Wand ist ein Zitat des italienischen Häftlings Vittore Bocchetta zu lesen: »Hier haben wir nicht nur die Kleidung verloren, sondern unsere Seele«. Ergänzt wird dies durch eine Zeichnung Bocchettas, welche das Geschehen im Häftlingsbad darstellt.

Direkt an den Auskleideraum schließt sich das eigentliche Häftlingsbad an, ein weitgehend original erhaltener Raum. Nur eine Fototafel dokumentiert den Zustand des Raumes 1945. Ansonsten ist das Häftlingsbad selbst Ausstellungsobjekt. Besucher bewegen sich hier auf einem Glassteg, der das Raumensemble Häftlingsbad konservatorisch schützt und als etwas Besonderes kennzeichnet. Es wird aber auch die zeitliche Distanz zur Lagerzeit betont. Das Raumensemble Häftlingsbad ist einerseits über die erste Ausstellungsebene im Erdgeschoss und das Foyer, andererseits über den originalen Zugang, durch den die Häftlinge getrieben wurden, vom Appellplatz her zugänglich.

Zeitgeschichtliche Museen in KZ-Gedenkstätten – Standards moderner Museumsarbeit

Ziel des Projekts der neuen Dauerausstellung in Flossenbürg war es, der Gedenkstätte ein modernes zeithistorisches Museum hinzuzufügen, welches für die Besucher erstmals auch eine umfassende Erklärung des Ortes anbieten sollte. Hierbei galt es, sich an den Standards aktueller Museumsgestaltung zu orientieren. So hielt das Ausstellungsteam die anfangs vereinbarten Linie durch, sich textlich möglichst zu beschränken. Nur wenige ausgewählte Texte durften eine Länge von 1 200 Zeichen haben, für kleinere Texte und Objektbeschriftungen wurde eine wesentlich niedrigere Zeichenzahl eingehalten. Alle deutschen Texte sind im Präsens geschrieben, was einen frischeren und lebendigeren Stil ermöglicht und auch Zeichen spart. Diese Textgestaltung ermöglichte es, die gesamte Ausstellung in deutscher und englischer Sprache anzubieten.

Objekte sind als Relikte mit eigener Aura und als Belege für die Lagergeschichte, als »Museumsdinge« (Gottfried Korff) präsentiert. Gleich ob Aluminiumbecher, Nietenkiste der Flugzeugproduktion oder Granitstein mit der Aufschrift »Sauberkeit« vermitteln sie als Zeichenträger nicht nur Information, sondern fordern auch zu Nachfragen heraus. Eine Kontextualisierung liefern hierzu die Ausstellungstexte. Der größte Teil der relevanten Sachzeugnisse zur Lagergeschichte, die in der Gedenkstätte gesammelt werden konnten, sind auch ausgestellt, so dass die Ausstellung gleichzeitig auch Depot für die wichtigsten originalen Objekte der Lagerzeit ist.

Ein entscheidender Punkt für das Verständnis und die Nutzbarkeit eines Museums sind architektonische und grafische Gestaltung der Ausstellungsräume.

Die aus einem beschränkten Wettbewerb hervorgegangene Ausstellungsgestaltung von Axel Pohl (Kleineberg und Pohl, Braunschweig) und Peter Wentzler (Hinz und Kunst, Braunschweig) versucht, »sprechende« Ausstellungsträger zu finden, die Assoziationen zu den Themen der Ausstellung schaffen. So stehen Ausstellungsmöbel in Form von Schreibtischen für das verbrecherische Verwaltungshandeln beim Lageraufbau, ein Ausstellungsträger in Form einer Werkbank deutet die Zwangsarbeit in der Flugzeugproduktion an. Nicht in jedem Fall allerdings konnte und sollte für den Ausstellungsträger eine Form entstehen, die durch den Ausstellungsinhalt begründet ist. Die räumliche Enge in einem Konzentrationslager, die Umstände einer Exekution, die Qual eines Todesmarsches und andere Themen entziehen sich weitgehend architek­tonischer Darstellbarkeit. Statt auf unangemessene Nachbauten setzt die Ausstellung hier auf nüchtern präsentierte Dokumente, Fotos, Objekte und Hörstationen mit Häftlingserinnerungen.

Architektur stellt Zusammenhänge her – etwa durch die zentrale Platzierung des Ausstellungsbereich zum Überleben und Sterben der Häftlinge oder durch die direkte Beziehung des Ausstellungsteils zur Flossenbürger SS auf den Ausstellungsteil zum Thema Exekutionen und massenhafter Mord. In der zweiten Ausstellungsebene nimmt sich die Ausstellungsarchitektur bewusst zurück. Die erhaltene Bausubstanz des Raum­ensembles Häftlingsbad tritt in den Vordergrund.

Die Grafik der Ausstellung strukturiert die erklärenden Texte so, dass sie nicht wie ein wissenschaftliches Buch an der Wand wirken, sondern als kommentierende Information zu den ausgestellten Exponaten. Dokumente werden daher möglichst mit ihren Zeitspuren und in originaler Größe präsentiert. Besondere Sorgfalt gilt der Darstellung von Zeichnungen, Gemälden und Grafiken von Häftlingen. Diese sind nicht nur als Abbildung, sondern als Kunst präsentiert. Eine zurückhaltende Farbgestaltung sorgt ohne übersteigerte Farbsymbolik für eine inhaltliche Gliederung. Der Eindruck einer rein grauen oder schwarzen Ausstellung sollte vermieden werden.

Architektur und Grafik bieten so einen geleiteten, aber unverstellten Zugang zur Geschichte des KZ Flossenbürg.

Medien werden an drei Punkten eingesetzt: Filmprojektionen, jeweils zu Beginn und am Ende der Ausstellung, kontrastieren die Idylle des Dorfes Flossenbürg vor 1938 mit dem, was die Amerikaner 1945 in Flossenbürg vorfanden. Komplexe Prozesse wie die Überformung des Lagers nach 1945 und das Entstehen des Außenlagersystems sowie die Todesmärsche Richtung Süden werden durch Projektionen dargestellt, die einen zeitlichen Ablauf und räumliche Veränderungen visualisieren können. Schließlich ist auf beiden Ebenen der Ausstellung durch Hörstationen die Erinnerung der Häftlinge als eigener Erzählstrang eingebracht. Ergänzt wird dies in der zweiten Ausstellungs­ebene durch einige wenige Häftlingsinterviews in Videostationen sowie einen neu zur Ausstellung konzipierten Zeitzeugenfilm.

Dieser neue Zeitzeugenfilm versucht die subjektiven Erinnerungen ehemaliger Häftlinge einzufangen. Ein mehrjähriges Interviewprojekt sowie die Aufarbeitung weit verstreuter Bestände von Zeitzeugeninterviews haben dies vorbereitet. Sieben ehemalige Häftlinge, eine Frau und sechs Männer, berichten über ihre KZ-Haft. Sie tun dies über sechzig Jahre nach der Befreiung. Dies prägt ihren Blick und ihre Haltung. »Mir ist es so ergangen, aber anderen noch schlimmer, weil – ich bin ja noch hier«, sagt Charles Dekeyser in einem Interview. Die Erinnerungen sind so unterschiedlich wie die Sprachen, die im Film aufscheinen.

Bewusst wurde kein »Einführungsfilm« konzipiert und auch architektonisch der Filmraum nicht an den Eingangsbereich der Gedenkstätte gestellt. Zunächst kann man so selbst ohne Vorgabe den Ort entdecken. Der Zeitzeugenfilm bietet ergänzend das, was kaum ein Dokument, kein historisches Baurelikt, kaum ein Foto erzählen kann: eine Darstellung dessen, was die Häftlinge erlebt haben aus deren eigener Perspektive. Der Zeitzeugenfilm endet nicht mit einer Lehre, sondern mit einer Frage des ehemaligen Häftlings Jack Terry: »Was wird geschehen, wenn wir einmal nicht mehr da sind und wie wird die Erinnerung, unsere Erinnerung, weitergegeben an zukünftige Generationen? Daran muss ich häufig denken.«

Die Erfahrungen seit Ausstellungseröffnung zeigen, dass der Film gut angenommen wird und – dies war eigentlich so nicht geplant – von zahlreichen Schulen zur Vorbereitung genutzt wird. Der Film liefert auch einen emotionalen Zugang zum Ort und ist somit als Teil der Vorbereitung gut verwendbar.

Ausstellungsteam und Arbeitsprozess

Planung und Umsetzung der neuen Ausstellung waren ein mehrjähriger Arbeitsprozess, bei dem nicht nur inhaltliche und gestalterische Fragen der neuen Ausstellung selbst beantwortet, sondern auch die Bausanierung und die Gestaltung des Umfeldes begleitet werden mussten. Das Ausstellungsteam um Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit und Projektleiter Alexander Schmidt bestand zunächst aus den befristet beschäftigten Wissenschaftlern der Gedenkstätte: Ulrich Fritz, betraut mit dem Aufbau des Archivs der Gedenkstätte, brachte auch seine Forschungen zu den Außenlagern ein, Klaus Heidler seine langjährige Beschäftigung mit Häftlingsbiografien und Forschungen zur SS, Johannes Ibel die Ergebnisse archäologischer Grabungen und insbesondere die hervorragende Häftlingsdatenbank mit einer nahezu vollständigen Erschließung der Namen aller Flossenbürger Häftlinge. Christina Kick (Sekretariat, Budgetmanagement), Irmgard Sieder (Verwaltung, Bibliothek, Computeranlage) und Ernst Pflaum (Außenanlagen, Haustechnik) unterstützen das Ausstellungsteam intensiv.

Dass es, parallel zum Vergessen des Ortes, vor Beginn der Neugestaltungsmaßnahmen auch ein großes Defizit in der Forschung gab und dass auf keine Sammlung von Relikten des Konzentrationslagers zurückgegriffen werden konnte, war für das Ausstellungsprojekt nicht nur eine große Hürde, sondern auch eine Chance: Alles, was ausgestellt werden sollte, musste in nationalen und internationalen Archiven, Museen und Sammlungen aktuell recherchiert werden. Der Aufbau einer Häftlingsdatenbank, die Erschließung erworbener Archivbestände, Funde archäologischer Grabungen und die mehrjährige Forschungsarbeit zu den Außenlagern ermöglichten eine Ausstellung auf dem neuesten wissenschaftlichen Forschungsstand.

Ohne die Mithilfe externer Mitarbeiter in den letzten eineinhalb Jahren vor Ausstellungseröffnung wäre das Projekt nicht gelungen. Christa Schikorra (Berlin) konzipierte einen zentralen Teil der Ausstellung im Erdgeschoss, lieferte biografische Recherchen sowie zahlreiche Texte und konnte ihre langjährige Erfahrung mit Häftlingsbiografien und Ausstellungsprojekten nutzen. Johanna Wensch (Weimar) erarbeitete vor dem Hintergrund ihrer Mitwirkung an der Ausstellung Topf & Söhne das Thema Sterben und Tod, lieferte Häftlingsbiografien und Texte. Alle Mitglieder des Ausstellungsteams nahmen intensiv an der Textdiskussion, Gestaltungsfragen und an der Realisierung der Ausstellung teil.

Ortsbezug – Gedenkstättenkontext – selbstbestimmte Besucher

In der Gedenkstätte hat das Museum zur Lagergeschichte eine dienende Funktion. Sie ergänzt einen Gedenkstättenbesuch und erklärt das heute schwierig zu entziffernde Gelände. Das animierte Lagermodell im Foyer verbindet innen und außen, Ausstellung und Gelände. Ausblicke beim Lagermodell, zum Appellplatz und zum Arrestbau verweisen die Besucher darauf, dass sie sich am historischen Ort inmitten der Gedenkstätte befinden. Das Museum zur Lagergeschichte versteht sich nicht als Dokumentenhaus oder Dokumentationszentrum. Es soll kein Textfriedhof wissenschaftlicher Arbeit sein, sondern ist einem »demokratischen Omnibus-Prinzip« (Gottfried Korff), einer möglichst breiten Allgemeinverständlichkeit verpflichtet. Allerdings kann das Thema Konzentra­tionslager nicht als architektonischer Erlebnisraum mit Eventcharakter angelegt werden. Das Museum setzt vielmehr darauf, als spannend gestaltete, interessante Präsentation der Lagergeschichte und damit als narrativer Raum zu wirken. Historische Bildung und eigenständiges Entdecken stehen im Vordergrund.

Auszugehen ist von einem selbstbestimmten, unabhängigen Besucher, der nie die gesamte Ausstellung wahrnimmt, sondern nur das, was ihn in irgendeiner Weise fesselt oder interessiert.
 

Dr. Alexander Schmidt, Historiker, arbeitet seit 2002 an der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und war Leiter des Ausstellungsprojekts.
 

Literaturhinweise

  • KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Hg.), Konzentrationslager Flossenbürg 1938–1945. Ausstellung. Eröffnung am 22. Juli 2007, Flossenbürg 2007 (Zeitung zur Ausstellungseröffnung)
  • KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Hg.), Konzentrationslager Flossenbürg 1938–1945. Ausgewählte Texte und Bilder der Ausstellung zur Lagergeschichte, Flossenbürg 2007
  • Alexander Schmidt, Geschichte auf zwei Ebenen – die neue Dauerausstellung »Konzentrationslager Flossenbürg 1938–1945«, in: Dachauer Hefte 23 (2007), S. 236–246
  • Jörg Skriebeleit, Flossenbürg – Hauptlager, in: Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hg.), Flossenbürg. Das Konzentrationslager Flossenbürg und seine Außenlager, München 2007 (In dem Band sind auch Artikel zu allen Außenlagern enthalten).