Kommentar zu den Thesen zur Archivarbeit an Gedenkstätten

10/2014Gedenkstättenrundbrief 175, S. 12-14
Johannes Ibel

Thesen 1 und 2: Gedenkstätten verfügen über wertvolle Spezialarchive und/oder »wilde Sammlungen«, die sie nutzbar machen müssen.

Wenn auch heterogen oder ungeordnet: Der Wert der Gedenkstättenarchive liegt in erster Linie in ihrer spezifischen thematischen Ausrichtung und der lokalen Kompetenz der Mitarbeiter. Außerdem sind sie weiter wachsend, z.B. durch sogenannte Ego-Dokumente. Und selbst ihre Kopien von originalen Dokumenten sind wertvoll, denn sie gewährleisten Verfügbarkeit und können vor Totalverlust bewahren. Aber haben Gedenkstättenarchive tatsächlich auch einen Wert für die Nachwelt? Oder sind sie Mittel und Resultat einer fast schon internen Funktion für aktuelle Forschungsvorhaben und museale Zwecke (»intern« im gedenkstättenübergreifenden Sinn; der marginale Einsatz von Gebührenordnungen belegt diese Hauptfunktion). Der »wilde« Aspekt der Gedenkstättenarchive äußert sich in Mängeln, unprofessionellem Dilettantismus und einer massiven Abhängigkeit von personeller Kontinuität. Mitarbeiter werden selbst zu Zeitzeugen, denen mit Methoden der Oral History eine Dokumentation der Provenienz ihrer Archivalien entlockt werden kann. Im Zweifel aber werden die Schätze der Gedenkstätten auch ohne Dokumentation genutzt. Die Verwendung ist pragmatisch, nicht perfekt, aber effizient. Eine saubere Verzeichnung mit Tiefenerschließung auf Basis einer durchdachten Archivtektonik ist meist ein Desiderat.

These 3: Archivarbeit als Fundament zukünftiger Gedenkstättenarbeit

Gedenkstättenarbeit ist historisch-wissenschaftliche Forschung, Auskunft und Information sowie pädagogische Vermittlung. Gedenkstättenarbeit bewegt sich in einem ambivalenten Spannungsfeld zwischen Aktion und Reaktion. Aktion im Archiv ist die Erschließung; sie steigert die Effizienz, aber auch die Qualität. Reaktion kostet Zeit und verzögert die Erschließung; sie bringt aber oft auch neue Informationen und steigert dadurch ebenfalls die Qualität.

Zusammenfassung Thesen 1 bis 3

Es darf keinen Elfenbeinturm der archivischen Verzeichnung geben. Gedenkstättenarbeit lebt von und durch den Austausch mit Besuchern und Nutzern. Die »wilde« Vorgehensweise der Spezialarchive der Gedenkstätten wirkt wie eine Destillierapparatur, die die wertvollsten Ingredienzien gefiltert zusammenführt und punktgenau an den authentischen Orten verfügbar macht.

These 4: Das Internet als Chance

Was nicht im Netz steht, wird nicht mehr wahrgenommen. Die Frage ist nicht mehr, ob etwas digitalisiert wird, sondern was zuerst. Doch nicht alles muss öffentlich online gestellt werden. Allein schon die Information über das Vorhandensein von Materialien wäre sehr hilfreich, etwa durch Bestandsverzeichnisse als Findmittel oder Ausstellungsinhalte als »Appetizer« in »offenen Archiven«.

These 5: Priorität jetzt

Vier Gründe sprechen für die Dringlichkeit von sofortiger Archivarbeit:

– Die Zeitzeugen sterben aus.

– Auch die Mitarbeiter verschwinden (Generationswechsel in den Gedenkstätten).

– Nötige Maßnahmen zur Langzeitkonservierung müssen jetzt in die Wege geleitet werden (das betrifft z.B. säurehaltige Originalakten oder auch AV-Medien: Viele Videokassetten etwa werden bald nicht mehr lesbar sein. Eine dauerhafte Lesbarkeit von DVDs gilt schon lange als widerlegt).

– Die Erschließung ist Voraussetzung für die Nutzung

Doch darf dafür der Bildungsauftrag auf der Strecke bleiben? Archivarbeit findet im Verborgenen statt. Die öffentliche Wahrnehmung aber, vor allem auf der politischen Ebene, braucht PR-taugliche Resultate zu aktuellen Themen für ein erfolgreiches Fundraising. Das derzeit omnipräsente Sujet der sogenannten Zeitzeugeninterviews veranschaulicht dies eindrücklich. Deshalb sei – als Antithese – die Frage erlaubt: Könnte eine Priorisierung der Archivarbeit kontraproduktiv für die eigenen Interessen der Gedenkstätten sein?

These 6: Mehr Gewicht bei Geld & Lobbyarbeit

Archivarbeit ist zeit- und kostenintensiv: Im analogen Bereich, etwa bei der Einrichtung eines Sammlungsdepots für Objekte, müssen bereits für ein sehr kleines Gemälderegal über 10 000 € investiert werden. Im immer wichtigeren digitalen Bereich kann man z.B. für eine Archivdatenbank inklusive Import von bereits vorhandenen Datenbeständen (das sogenannte Einpflegen) sehr schnell einen fast sechsstelligen Betrag ausgeben – ohne Hardware, wohlgemerkt. Mit Blick auf die Antithese zu These 5 erscheint eine Priorisierung der wesentlich förderungskompatibleren Bildungsarbeit keineswegs abwegig. Das vergleichsweise unpopuläre Image von Archivarbeit könnte sich bei der Mittelbeschaffung in summa als kontraproduktiv erweisen.

These 7: Verwendung professioneller Standards

Ohne Zweifel sollten professionelle Standards bei der Archivarbeit Berücksichtigung finden. Auf analoger Ebene wären dies zum Beispiel säurefreie Verpackung oder eine Klimatisierung, auf digitaler eine Qualitätskontrolle und Nachbearbeitung der Digitalisate, Datenbankpflege, Sicherung durch Back-Ups und Datenmigration, die Verwendung maschinenlesbarer Open-Source-Datenformate, ISO-Normen der EUROPEANA, alphabetische Schlagwortkataloge oder hierarchische Thesauri. Die Besonderheit der Gedenkstättenarchive liegt in den Massen an personenbezogenen Daten und den sich daraus ergebenden Schnittmengen zahlreicher Institutionen. Bereits diese thematische Überschneidung legt ein Sharing-Modell nahe, sodass nicht jede kleine Einrichtung »das Rad immer wieder neu erfinden« muss.

These 8: Kooperation und Vernetzung

Kooperation und Vernetzung sind zweifelsohne sehr zu begrüßen. Indes war eine erfolgreiche Umsetzung dieses Wunsches bislang nicht so ohne Weiteres möglich. Seit fast zwei Jahrzehnten bereits bemühen sich die Archivmitarbeiter deutscher Gedenkstätten und mittlerweile auch vieler internationaler Einrichtungen um eine gemeinsame Datenbasis. Als konkretes Resultat dieser Anstrengungen – mit ausgeprägtem Pilotcharakter – kann die digitalisierte Häftlingskartei des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes (»WVHA-Häftlingskartei«) benannt werden. Seit Neuestem steht sie den Projektpartnern auch online zur Verfügung (im ausschließlich kennwortgeschützten Zugang als Teil der neuen Archivdatenbank der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg). ­Weitere Beispiele wären etwa das Portal »Zwangsarbeit im NS-Staat« des Bundesarchivs oder – mit hoffnungsvollen Zukunftsaussichten – das EU-Projekt »European Holocaust Research Infrastructure« (EHRI). Bei allen Kooperations- und Vernetzungsbemühungen entscheiden stets individueller Aufwand und Nutzen über die Intensität einer Beteiligung. Dabei bietet eine bereits vorhandene Infrastruktur eine kostengünstige Möglichkeit für große Synergieeffekte. Durch den Ausbau der Datenautobahnen haben sich hier mittlerweile sehr realistische Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit via Internet ergeben.

Zusammenfassung

Um die zu Beginn der Veranstaltung formulierte Forderung nach einer grundlegenden Wandlung aufzugreifen: Sind Gedenkstätten zeithistorische Museen? Ja, auch sie verfügen über Ausstellungen und Objekte. Doch sind sie noch viel mehr darüber hinaus: Ihr Kernthema sind die betroffenen Menschen, die Opfer und ihre Angehörigen, Gräber, Gedenken, Erinnern. Insbesondere verfolgen Gedenkstätten das Ziel, das Engagement für Demokratie zu stärken. Mit ihren heterogenen Beständen – insbesondere Schriftgut und Fotografien – befinden sie sich aber in größerer Nähe zu den Archiven als zu den Museen. Insofern erscheint die Adaption einer musealen Arbeitsweise weniger bedeutend als die Verwendung archivischer Techniken. Archivarbeit ist die Voraussetzung zur Aufrechterhaltung einer zeitgemäßen wenn nicht überhaupt von politischer Bildungsarbeit in Gedenkstätten. Insbesondere Kooperation und Internet könnten Gedenkstätten, auch kleinen bürgerschaftlichen, eine kostengünstige Professionalisierung ihrer Archivarbeit ermöglichen, damit auch deren wertvolle Spezialarchive etwas weniger »wild« werden.
 

Johannes Ibel ist seit 2000 Mitarbeiter und seit 2011 Leiter der historischen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Er war Projektleiter der Erarbeitung von Häftlingsdatenbank und Namensbuch, der Digitalisierung der Häftlingskartei des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes und arbeitet aktuell neben anderem am digitalem Online-Archiv (Flossenbürg Memorial Archives).